Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c6.204
Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c6.204
- Language
- German
c6.204
Wir haben uns hier nun mit einigen andern Schichten innerhalb der vedischen Saṃhitâs zu beschäftigen, in welchen, theilweise noch viel ausgeprägter als an den eben berührten Stellen, die gleiche Tendenz eines engeren Anschlusses an den Grundcodex der vedischen Literatur sichtbar wird. Wenn es, wie ich glaube, auf der einen Seite das jüngere Zeitalter ist, in welchem wir die Erklärung dieser Erscheinung zu suchen haben, so tritt wenigstens bei einem Theil der betreffenden Texte offenbar noch ein zweites Moment hinzu, dessen Einfluss zu derselben Wirkung beitragen musste. Es handelt sich nämlich mehrfach um Texte, die, obgleich innerhalb der Yajurveden auftretend, doch nicht in demselben Sinne wie etwa ein beim Somaopfer vom Adhvaryu zu sprechender Vers dem Eigenthum der Yajustheologen zugehörten. Sondern zuweilen haben geradezu Ṛigverse, deren Vortrag dem Hotar obliegt, aus irgend einem Grunde oder durch irgend einen Zufall einen Platz im Yajurveda gefunden: wo also dieser Veda, gewissermaassen aus der Rolle fallend, über Dinge referirt, die ihrer Natur nach in einen andern Veda gehören. So die Zusammenstellung von Hotar-Mantras im Abschnitt des iṣṭihautra, Taitt. Brâhm. III, 5 (vergl. Taitt. Saṃh. II, 5, 7 seq.): in der recht erheblichen Zahl von Ṛigversen, die hier aufgeführt sind, findet sich — abgesehen natürlich von den mehr oder minder nur orthographischen Abweichungen, wie sie zwischen verschiedenen, auf Grund divergirender phonetischer Theorien festgestellten Saṃhitâs unvermeidlich sind — nur eine wirkliche Variante: agniḥ pratnena janmanâ TB. III, 5, 6, 1 für agniḥ pratnena manmanâ Ṛv. VIII, 44, 12¹). Viel bedeutender aber als das erwähnte Stück des Taitt. Br. sind die grossen in mehreren Yajurveden sich findenden Yâjyânuvâkyâ-Abschnitte: die Sammlungen von Ṛicas, welche bei gewissen Opfern als yâjyâ- resp. anuvâkyâ-Sprüche verwandt werden. Hier befinden wir uns in der That, obgleich es Yajustexte sind, welche diese Abschnitte enthalten, vielmehr auf dem Boden der Ṛik- als auf dem der Yajus-Tradition. Yâjyâs und Anuvâkyâs sind ihrer rituellen Natur nach, wie bekannt, ṛicas, nicht yajûṃshi, und so setzen sich die in Rede stehenden Abschnitte fast durchgehend aus Versen des Ṛigveda zusammen. Es ist begreiflich, wenn solche compacte Massen von Versen, die, wenn auch im Yajurveda aufgeführt, doch durchaus in ihrer Eigenschaft als Verse des Ṛigveda zu der betreffenden rituellen Verwendung gelangen, in ganz andrer Weise der Ṛigform treu bleiben, als die einzelnen, unter Yajussprüche verstreuten und mit ihnen zusammen vom Adhvaryu verwandten Ṛicas in den eigentlichen Yajussammlungen. Zugleich greift hier offenbar jene vorher berührte Tendenz einer neueren Zeit ein, die Ṛigform in höherem Grade, als vorher geschehen war, zu respectiren: denn dass es sich in den Yâjyânuvâkyâ-Abschnitten um junge Elemente der Yajurveden handelt, zeigt die Stellung derselben in der Taittirîya Saṃhitâ²) wie in der Maitrâyaṇî Saṃhitâ³) zur Genüge.
Linked texts (4)
- Taittirīyasaṃhitā — Sanskrit
- Taittirīyabrāhmaṇa — Sanskrit
- Ṛgvedasaṃhitā — Sanskrit
- Maitrāyaṇīsaṃhitā — Sanskrit