Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c7.s5.5
Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c7.s5.5
- Language
- German
c7.s5.5
Ich gehe an dieser Stelle nicht auf die Bedenken ein, welche sich gegen Bloomfield's Auffassung vom Fortleben des grundsprachlichen ĕ, ŏ bis in vedische Zeit und von den eigenthümlichen Gebietsverschiebungen, die zwischen diesen beiden Vocalen angenommen werden müssten, erheben lassen (s. Osthoff Perfect 23 fg.). Denn auch ohne dass man sprachgeschichtliche Principienfragen erhebt, ist, wie mir scheint, die Construction Bloomfield's von andrer Seite her widerlegbar. Man erwäge nur, welche Rolle das »Alphabet« und die Schrift in derselben spielt. In Zeiten, als nach Bloomfield's Theorie das nicht aus as hervorgegangene o und e vor Vocalen noch lang war — d. h. vor der Entstehung auch der ältesten Theile unsres Ṛigveda: denn in diesem sind die betreffenden Vocale bereits kurz, was sie nach Bl. erst durch secundäre Uebertragung geworden sind — hätte man für das aus ŏs, ĕs vor Vocalen entstandene ŏ, ĕ unter den Lauten des Alphabets nach einer Bezeichnung gesucht und keine ganz zutreffende gefunden. Also ein fixirtes Alphabet, älter als die ältesten Theile des Ṛigveda? Und bei dem in der Bezeichnung der kleinsten phonetischen Varietäten sonst so reichen Alphabet der Inder, welches ḍ von ḷ und welches n, ṇ, ṅ, ñ unterschied, das den langen !-Vocal kannte — in diesem Alphabet keine Möglichkeit, die Vocale ĕ und ŏ, welche die Sprache damals besessen haben soll, auszudrücken oder einen Ausdruck für sie zu erfinden, so gut wie man i und î, u und û unterschied? Darum dann Substitution andrer Zeichen, und zwar verschiedener Zeichen, bald eines ă, bald eines ē, ō, wo doch der auszudrückende Laut immer derselbe, ĕ resp. ŏ, war? Und dann schliesslich eine solche Macht des graphischen Ausdrucks über die Sprache — wohlbemerkt noch immer in der Zeit vor den ältesten Rigliedern —, nicht etwa, dass die Laute ĕ, ŏ, auf welche fremde Zeichen übertragen waren, nun den Werth jener Zeichen (ē, ō) thatsächlich annahmen, sondern noch viel künstlicher: die Laute, welchen die betreffenden Zeichen wirklich und ursprünglich zukamen, verloren für die vedische Verskunst ihre natürliche Quantität allein deshalb, weil ihre graphischen Bezeichnungen für Laute andrer Quantität mitbenutzt wurden! Unglaublich das Alles, selbst wenn Viṣvāmitra und Vasiṣṭha »Schriftsteller« im eigentlichsten Sinn des Wortes gewesen sein könnten, selbst wenn es nicht an jeder leisesten Wahrscheinlichkeit fehlte, dass die Schrift oder auch ein von der Schrift unabhängiges Operiren mit festgestelltem Lautsystem bei den vedischen Dichtern vorauszusetzen wäre. Die unbefangene Betrachtung wird durch die Discrepanz, welche in der Behandlung von o und e vor a zwischen der echten, aus dem Metrum zu erschliessenden Lautgestalt und der überlieferten Lautgestalt vorliegt, zu allem andern eher als zu dem Versuch getrieben werden, die Entstehung der echten, den Ṛishis eigenen Lautgestalt aus Einflüssen des überlieferten Alphabetapparats zu erklären. Sondern die echte Form und die überlieferte Form werden offenbar deshalb von einander abweichen, weil jene unabhängig, diese aber abhängig ist von irgend welchen, sei es durch die Sprachentwicklung der jüngeren Zeit, sei es durch die theoretische Sprachbetrachtung dieser Zeit bedingten Alterationen. Das Wesen aber dieser Alterationen zugleich mit dem Wesen der alten, echten Lautgestalt zu präcisiren ist eben die Aufgabe unsrer Untersuchung.