Geschichte der indischen Litteratur v1.c9.s2: Was ist das Mahābhārata?
Geschichte der indischen Litteratur v1.c9.s2
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- German
Was ist das Mahābhārata?
v1.c9.s2.1
¹ Zur Orientierung über den Inhalt des Epos dient am besten H. Jacobi, Mahābhārata, Inhaltsangabe, Index und Konkordanz der Kalkuttaer und Bombayer Ausgaben. Bonn 1903. Über die Probleme des Mahābhārata orientiert am besten E. W. Hopkins, The Great Epic of India, its Character and Origin. New York 1901. Eine reiche Materialiensammlung — leider zu wenig übersichtlich — enthält A. Holtzmann, Das Mahābhārata und seine Teile. In 4 Bänden. Kiel 1892--95. Der Wert dieses groſsen Werkes ist durch die unhaltbaren Theorien des Verfassers über die Umarbeitungen des Mahābhārata wesentlich beeinträchtigt. Unhaltbar sind auch die entgegengesetzten Theorien über die einheitliche Entstehung des Epos, welche Joseph Dahlmann in den Büchern »Das Mahābhārata als Epos und Rechtsbuch«, Berlin 1895, »Genesis des Mahābhārata«, Berlin 1899, und »Die Sâmkhya-Philosophie als Naturlehre und Erlösungslehre, nach dem Mahâbhârata«, Berlin 1902, vertreten hat. Das erste dieser Bücher hat aber das groſse Verdienst, die epischen Studien neu belebt zu haben; es hat zu einer förmlichen »Dahlmann-Litteratur« Anlaſs gegeben. Vgl. H. Jacobi in Götting. Gel. Anz 1896 Nr. 1 und 1899 Nr. 11; A. Ludwig in Sitzungsber. der kgl. böhmischen Ges. der Wiss., Cl. f. Phil., Prag 1896; A. Barth im Journal des savants, avril, juin, juillet 1897 und Revue de l'histoire des religions, t. 45, 1902, S. 191 ff.; M. Winternitz im JRAS 1897, S. 713 ff. und WZKM XIV, 1900, S. 53 ff.; E. W. Hopkins im American Journal of Philology, 1898, XIX, Nr. 1; W. Cartellieri in WZKM XIII, 1899, S. 57 ff.; J. Kirste im Ind. Ant. XXXI, 1902, S. 5 ff. Aus der älteren Litteratur über das Mahābhārata (sie ist zusammengestellt bei Holtzmann a. a. O. IV, S. 165 ff.) verdienen noch hervorgehoben zu werden: Monier Williams, Indian Wisdom, 4. Aufl., London 1893; Sören Sörensen, Om Mahābhārata's stilling i den Indiske literatur (mit einem »Summarium« in lateinischer Sprache), Kopenhagen 1893; A. Ludwig, Über das Râmâyaṇa und die Beziehungen desselben zum Mahâbhârata (II. Jahresbericht des wiss. Vereins f. Volkskunde und Linguistik in Prag 1894).
v1.c9.s2.2
In der Tat kann man nur in einem sehr beschränkten Sinne vom Mahābhārata als einem »Epos« und einem »Gedicht« sprechen. Ja, in gewissem Sinne ist das Mahābhārata überhaupt nicht ein dichterisches Erzeugnis, sondern vielmehr — eine ganze Litteratur.
v1.c9.s2.3
Mahābhārata¹ bedeutet »die Erzählung von dem groſsen Kampf der Bharatas«. Die Bharatas werden bereits im Rigveda als ein kriegerischer Volksstamm erwähnt, und Bharata, der Sohn des Duhṣanta und der Śakuntalā, der als Ahnherr des Fürstengeschlechts der Bhāratas gilt, begegnet uns schon in den Brāhmaṇas. Die Wohnsitze dieser Bharatas oder Bhāratas waren das Land am oberen Ganges und an der Jamnā. Unter den Nachkommen des Bharata ragte ein Herrscher namens Kuru hervor, und dessen Nachkommen, die Kauravas (Kuruiden, Kuruinge) waren so lange das Herrschergeschlecht der Bhāratas, daſs der Name Kuru oder Kaurava sich im Laufe der Zeit auch als Bezeichnung für den Volksstamm der Bharatas einbürgerte, und ihr Land ist das uns bereits aus dem Yajurveda und den Brāhmaṇas bekannte Kurukṣetra oder »Kuruland«². Durch einen Familienzwist in dem Fürstenhause der Kauravas kommt es zu einem blutigen Kampfe, einem wahren Vernichtungskampfe, in welchem das alte Kurugeschlecht und damit die Familie der Bhāratas fast ganz zugrunde geht. Die Geschichte dieses blutigen Kampfes — in dem wir wohl ein geschichtliches Ereignis sehen dürfen, obgleich wir von demselben nur aus dem Mahābhārata Kunde haben — wurde in Liedern besungen, und irgend ein groſser Dichter, dessen Name verschollen ist, hat diese Lieder zu einem Heldengedicht von der groſsen Schlacht im Kurufelde vereinigt. So bildet, wie in der Ilias und wie im Nibelungenliede, die Tragik eines furchtbaren Vernichtungskampfes den eigentlichen Gegenstand der Heldendichtung. Dieses alte Heldengedicht bildet den Kern des Mahābhārata.
v1.c9.s2.4
¹ Bhārata bedeutet »Kampf der Bharatas« (bhārataḥ saṃgrāmaḥ, Pāṇini IV, 2, 56). Im Mahābhārata selbst finden wir mahābhāratayuddha (XIV, 81, 8) »die groſse Bharataschlacht«, und mahābhāratākhyānam (I,-62, 39) »die Erzählung von der groſsen Bharataschlacht«, von welch letzterem der Titel »Mahābhārata« eine Abkürzung ist.
v1.c9.s2.5
² S. oben S. 170.
v1.c9.s2.6
Um diesen Kern herum hat sich aber im Laufe von Jahrhunderten eine Unmasse der verschiedenartigsten Dichtungen angesammelt. Zunächst wurden zahlreiche Sagen, welche mit dem alten Heldengedicht in mehr oder weniger losem Zusammenhang stehen — Sagen, die sich auf die Vorgeschichte der Helden beziehen oder von allerlei Abenteuern derselben berichten, ohne daſs sie zu dem. groſsen Kampf irgend einen Bezug haben — in das Gedicht aufgenommen. Aber auch Bruchstücke anderer Heldensagen und Sagenzyklen, die sich auf irgendwelche berühmte Könige und Helden der Vorzeit beziehen, fanden in das Gedicht Eingang, wenn sie auch mit dem Liede von der groſsen Kuruschlacht gar nichts zu tun hatten. Was von dieser alten Bardendichtung bereits dem ursprünglichen Gedicht als Nebenhandlungen (Episoden) angehörte und was erst später hinzugefügt wurde, wird sich schwerlich jemals entscheiden lassen. Jedenfalls ist unser Mahābhārata nicht bloſs das Heldengedicht vom Kampfe der Bhāratas, sondern zugleich auch ein Repertorium der alten Bardendichtung überhaupt.
v1.c9.s2.7
Es ist aber noch viel, viel mehr. Wir wissen, daſs die litterarische Tätigkeit im alten Indien zumeist in den Händen der Priester, der Brahmanen, lag; und wir haben ja gesehen, wie sie die alten, volkstümlichen Zauberlieder des Atharvaveda brahmanisiert, und wie sie die dem Priestertum eigentlich fremde, ja feindliche Philosophie der Upaniṣads mit ihrer Priesterweisheit vermengt haben¹). Je beliebter und volkstümlicher aber nun die Heldenlieder wurden, desto mehr muſste den Brahmanen daran gelegen sein, sich auch dieser epischen Dichtung zu bemächtigen; und sie verstanden es, diese ihrem ganzen Wesen nach ursprünglich rein weltliche Poesie mit ihren eigenen religiösen Dichtungen und mit theologisch-priesterlichem Wissenskram zu vermengen. So kommt es, daſs auch Göttersagen, mythologische Erzählungen brahmanischen Ursprungs, aber auch im groſsen Umfange lehrhafte Stücke, auf brahmanische Philosophie und Sittenlehre und brahmanisches Recht bezüglich, in das Mahābhārata Aufnahme fanden. Für diese Priesterkaste war gerade das volkstümliche Epos ein willkommenes Mittel, um ihre eigenen Lehren zu verbreiten und so ihre Macht und ihren Einfluſs zu verstärken und zu befestigen. Sie waren es, welche alle die zahlreichen Sagen und Legenden (Itihāsas) in das Epos einfügten, in denen von den berühmten Sehern der Vorzeit, den Ṛṣis, den Urvätern der Brahmanen, Wunder erzählt werden — wie sie durch Opfer und Askese ungeheure Macht nicht nur über die Menschen, sondern selbst über die Götter erlangen, und wie sie, wenn sie gekränkt werden, durch ihren Fluch Fürsten und Groſse, ja selbst Götterkönige zu Falle bringen.
v1.c9.s2.8
¹ Vgl. oben S. 107 und 201 ff.
v1.c9.s2.9
Das Mahābhārata war aber zu sehr ein Volksbuch, zu sehr Eigentum weiterer Volkskreise, insbesondere der Kriegerkaste, als daſs es je hätte ein eigentlich brahmanisches Werk oder das Eigentum irgendeiner vedischen Schule werden können. Es waren auch nicht so sehr die vedakundigen und gelehrten Brahmanen, welche sich an dem Ausbau des Mahābhārata beteiligten — daher die auffällig geringe Kenntnis der eigentlich brahmanischen Theologie und Opferwissenschaft, die wir selbst in jenen Teilen des Epos finden, in denen brahmanischer Einfluſs unverkennbar ist — als die Purohitas, die Priester, welche ebenso wie die Sūtas (Barden) im Dienste der Könige standen und schon dadurch mit der epischen Dichtung mehr in Berührung kamen. Diese weniger gelehrte Priesterklasse war es auch, welche später als Tempelpriester an berühmten zumeist den Göttern Viṣṇu oder Śiva geweihten Kultstätten und Wallfahrtsorten den Dienst versah und sich litterarisch mit der Pflege der Lokalsagen, die sich an solche heilige Orte knüpften, sowie mit den auf die Götter Viṣṇu und Śiva bezüglichen Legenden beschäftigte. Das geschah, wie wir sehen werden, hauptsächlich in den Purāṇas, aber auch im Mahābhārata, in welches zahlreiche ganz im Stile der Purāṇas gehaltene Lokalsagen, Viṣṇu- und Śivamythen, sowie purāṇaartige Kosmologien, geographische Listen und Genealogien Eingang gefunden haben.
v1.c9.s2.10
Da aber die epische Dichtung mehr in jenen Gegenden Indiens gepflegt wurde, wo die Verehrung des Viṣṇu als höchster Gottheit verbreitet war, ist es erklärlich, daſs in den religiös-lehrhaften Teilen des Mahābhārata dieser Gott so sehr im Vordergrunde steht, daſs das Werk zuweilen den Eindruck eines der Viṣṇuverehrung gewidmeten Erbauungsbuches macht. Daneben fehlt es freilich auch nicht an Šiva-legenden und dem Šivakult gewidmeten Einlagen, welche aber überall leicht als späte Zusätze erkennbar sind. Sie wurden eingefügt, als das Epos sich auch über Gegenden, wo die Šiva-verehrung zu Hause war, verbreitete¹).
v1.c9.s2.11
¹ Vgl. H. Jacobi in Götting. Gel. Anzeigen 1892, S. 629 f.
v1.c9.s2.12
Aber noch andere geistliche Kreise gab es in Indien, welche schon in alter Zeit eine litterarische Tätigkeit entfalteten und zum Teil noch mehr als die Brahmanen die groſsen Massen des Volkes für sich zu gewinnen suchten. Das waren die Asketen, Waldeinsiedler und Bettelmönche, die Begründer von Sekten und Mönchsorden, welche zur Zeit des Buddha in Indien bereits sehr zahlreich waren. Auch diese hatten ihre eigenen Dichtungen: Heiligenlegenden, Weisheitssprüche, in denen sie ihre Lehren von Entsagung und Weltverachtung, von Selbstaufopferung und Liebe zu allen Wesen predigten, aber auch Fabeln, Parabeln, Märchen und moralische Erzählungen, welche die Weisheits- und Sittenlehren der Asketen durch Beispiele erläutern sollten. Auch diese Asketendichtung ist in ziemlich groſsem Umfange in das Mahābhārata aufgenommen worden.
v1.c9.s2.13
So finden wir denn in diesem merkwürdigsten aller Litteraturerzeugnisse nebeneinander und durcheinander kriegerische Heldenlieder mit farbenreichen Schilderungen blutiger Kampfszenen, fromme Priesterpoesie mit oft recht langweiligen Auseinandersetzungen über Philosophie, Religion und Recht, und milde Asketendichtung voll erbaulicher Weisheit und voll überströmender Liebe zu Mensch und Tier.
v1.c9.s2.14
Darum betrachten auch die Inder selbst das Mahābhārata zwar immer als ein Epos, als ein Werk der Dichtkunst (kāvya), aber zugleich auch als ein auf uralter Überlieferung (smṛti) beruhendes und daher mit unanfechtbarer Autorität ausgestattetes Lehrbuch (šāstra) der Moral, des Rechts und der Philosophie;
v1.c9.s2.15
und seit mehr als 1500 Jahren diente es den Indern ebenso sehr zur Unterhaltung wie zur Belehrung und Erbauung.
v1.c9.s2.16
Vor mindestens 1500 Jahren¹ war dieses Mahābhārata auch schon so — oder wenigstens so ähnlich — wie wir es heute in unseren Handschriften und Ausgaben besitzen, ein Werk, welches auch ungefähr denselben Umfang wie unser heutiges Epos hatte. So wie dieses, enthielt es bereits eine lange Einleitung mit einer Rahmenerzählung, einer Geschichte des sagenhaften Ursprungs des Gedichtes und einer Verherrlichung desselben als eines Lehr- und Erbauungsbuches; war in achtzehn Bücher, Parvans genannt, eingeteilt, zu denen auch schon ein neunzehntes Buch Harivaṁśa als »Ergänzung« (Khila) hinzugefügt war; und erreichte einen Umfang von beiläufig 100 000 Strophen (Ślokas). Und bis zum heutigen Tage gilt dieses Riesenwerk trotz all der verschiedenartigen Elemente, aus denen es besteht, den Indern als ein einheitliches, in sich abgeschlossenes Werk², welches den altehrwürdigen Ṛṣi Kṛṣṇa Dvaipāyana, auch Vyāsa genannt, zum Verfasser hat. Dieser selbe Ṛṣi soll auch der Ordner der vier Vedas³ und der Verfasser der Purāṇas sein. Er war nach der Sage nicht nur ein Zeitgenosse, sondern ein naher Verwandter der Helden des Mahābhārata und greift gelegentlich auch in die Handlung des Gedichtes ein. Seine Geschichte wird uns im Mahābhārata sehr ausführlich erzählt.
v1.c9.s2.17
¹ Siehe weiter unten das Kapitel über das Alter und die Geschichte des Mahābhārata.
v1.c9.s2.18
² Darum wird es auch als eine Saṁhitā, d. h. »eine (abgeschlossene) Zusammenstellung«, »ein zusammenhängender Text« bezeichnet, so Mahābh. I, 1, 21.
v1.c9.s2.19
³ Daher sein Name Vyāsa oder Vedavyāsa, d. h. »Ordner«, »Ordner des Veda«.
v1.c9.s2.20
Er ist der Sohn eines berühmten Asketen, des Ṛṣi Parāśara. Dieser groſse Heilige erblickt eines Tages die in einem Fische zur Welt gekommene und von Fischerleuten aufgezogene Satyavatī und ist von ihrer Schönheit so entzückt, daſs er ihre Liebe begehrt. Sie will ihm aber nur unter der Bedingung zu willen sein, daſs sie, nachdem sie ihm einen Sohn geboren, wieder ihre Jungfernschaft zurückerlange. Der groſse Heilige gewährt ihr diesen Wunsch, sowie auch den, daſs sie ihren Fischgeruch verliere und einen wunderbaren Duft ausströme. Unmittelbar nachdem er ihr beigewohnt, gebiert sie auf einer Insel in der Jamnā einen Sohn, welcher Dvaipāyana, »der Inselgeborene«, genannt wird. Der Knabe wächst heran und ergibt sich bald der Askese. Indem er sich von der Mutter verabschiedet, sagt er ihr, daſs er jederzeit sofort erscheinen werde, sobald sie nur, wenn sie seiner bedürfe, an ihn denke. Satyavatī aber, wieder zur Jungfrau geworden, wurde später die Gemahlin des Kurukönigs Šāntanu und gebar diesem zwei Söhne, Citrāṅgada und Vicitravīrya. Nachdem Šāntanu und Citrāṅgada gestorben waren, wurde Vicitravīrya zum Thronnachfolger bestimmt. Dieser starb jung und kinderlos, hinterlieſs aber zwei Frauen. Damit nun das Geschlecht nicht aussterbe, beschlieſst Satyavatī, ihren unehelichen Sohn Dvaipāyana zu berufen, damit er — auf Grund der Rechtssitte des Levirats — seinen Schwägerinnen Nachkommenschaft erwecke. Nun ist aber dieser Dvaipāyana zwar ein groſser Büſser und Heiliger, aber ein überaus häſslicher Mann mit struppigem Haar und Bart und finster rollenden Augen, dunkel von Gesicht (daher wohl auch sein Name Kṛṣṇa, »der Schwarze«) und ein übler Geruch geht von ihm aus. Als er daher der einen Prinzessin naht, kann sie seinen Anblick nicht ertragen und schlieſst die Augen: die Folge davon ist, daſs ihr Sohn blind zur Welt kommt. Es ist dies der nachmalige König Dhṛtarāṣṭra. Darauf naht der Heilige der zweiten Frau, und diese erbleicht bei seinem Anblick. Infolgedessen gebiert sie einen Sohn, welcher bleich ist und daher Pāṇḍu, »der Bleiche«, genannt wird. Er ist der Vater der fünf Haupthelden des Epos. Noch einmal soll Dvaipāyana der ersten Frau nahen; aber klüger geworden, schickt sie dem Heiligen, der nichts von der Unterschiebung merkt, ihre Magd, und mit dieser erzeugt er den Vidura, dem im Epos die Rolle eines weisen und wohlwollenden Freundes des Dhṛtarāṣṭra sowohl wie der Söhne des Pāṇḍu zuerteilt wird¹).
v1.c9.s2.21
¹ Mahābh. I, 63; 100 ff.
v1.c9.s2.22
Dieser häſsliche übelriechende Heilige, Kṛṣṇa Dvaipāyana Vyāsa, den die Legende zu einer Art Groſsvater²) der Helden des Epos gemacht hat, gilt also den Indern bis zum heutigen Tage als der Verfasser des ganzen Mahābhārata. Erst nachdem seine drei »Söhne« gestorben waren — so erzählt die Einleitung zum Mahābhārata ¹) — hat Vyāsa das von ihm verfaſste Gedicht unter den Menschen bekannt gemacht. Und zwar hat er es seinem Schüler Vaiśampāyana mitgeteilt, und dieser trug das ganze Gedicht in den Zwischenpausen des groſsen Schlangenopfers des Königs Janamejaya vor. Bei dieser Gelegenheit hörte es der Sūta Ugraśravas, Lomaharṣaṇas Sohn; und unser Mahābhārata beginnt damit, daſs die Ṛṣis, welche bei dem zwölfjährigen Opfer des Śaunaka im Naimiṣawalde versammelt sind, den Sūta Ugraśravas ersuchen, ihnen die Geschichte des Mahābhārata, wie er sie von Vaiśampāyana gehört, zu erzählen. Der Sūta erklärt sich hierzu bereit und erzählt die Geschichte von dem Schlangenopfer des Janamejaya, um dann erst zur Wiedergabe der Erzählung des Vaiśampāyana zu schreiten.
v1.c9.s2.23
² Nach dem Gesetz des Levirats ist Vyāsa nur der Erzeuger, nicht der Vater des Dhṛtarāṣṭra und des Pāṇḍu. Als ihr Vater gilt der verstorbene Gatte der beiden Witwen.
v1.c9.s2.24
¹ I, 1, 95 ff.
v1.c9.s2.25
Es ist gewiſs ein altertümlicher Zug des Mahābhārata, daſs es fast durchwegs nur Reden enthält ²). Ugraśravas ist der Vortragende der Rahmenerzählung, und in dem Gedicht selbst ist Vaiśampāyana der Sprechende. Innerhalb der Erzählung des Vaiśampāyana werden wieder zahllose eingeschaltete Geschichten — und diese Einschachtelung von Erzählungen in Erzählungen ist in der indischen Litteratur überhaupt sehr beliebt — verschiedenen Personen in den Mund gelegt. In den meisten Fällen werden sowohl die Erzählungen, als auch die Reden der auftretenden Personen nur mit den Prosaformeln »Vaiśampāyana sprach«, »Yudhiṣṭhira sprach«, »Draupadī sprach« usw. eingeleitet.
v1.c9.s2.26
² »Daſs die alten Epen überall sehr viel Rede und Gegenrede enthalten, kann man auch an der Ilias beobachten; erst in den späteren Epen tritt dieses dramatische Element mehr zurück ... Das epische Gedicht aber wird erst dadurch vollendet, daſs zu den Reden nun auch die Rahmenerzählung in metrische Form gefaſst wird. Eine letzte Stufe ist es, daſs die Reden zurücktreten und nur Ereignisse in Versform erzählt werden.« Ernst Windisch, Māra und Buddha (Abhandl. der philolog.-histor. Klasse der K. sächsischen Ges. der Wiss. Leipzig 1895), S. 222 ff. Von jener »letzten Stufe« ist das Mahābhārata noch weit entfernt.
v1.c9.s2.27
So phantastisch auch alles ist, was uns die Einleitung zum Mahābhārata über dessen angeblichen Verfasser mitteilt, so finden wir in ihr doch auch einige bemerkenswerte Angaben. So heilst es, dafs der Ṛṣi Vyāsa sein Werk sowohl in einer kurzen Zusammenfassung als auch in einer ausführlichen Darstellung erzählt habe; ferner, dafs verschiedene Rezitatoren das Gedicht an drei verschiedenen Stellen anfangen, und dafs sein Umfang nicht immer der gleiche war. Ugraśravas sagt, er kenne das Gedicht in dem Umfange von 8800 Strophen, während Vyāsa erklärt, dafs er die Saṃhitā des Bhāratagedichtes in 24 000 Strophen verfalst habe, »und ohne die Nebenerzählungen wird das Bhārata in diesem Umfange von den Verständigen vorgetragen«. Phantastisch genug heifst es gleich darauf, dafs Vyāsa auch ein Epos von 60 hunderttausend Strophen verfafst habe, und zwar 30 hunderttausend für die Götter, 15 für die Manen, 14 für die Gandharvas und ein Hunderttausend für die Menschen¹). Natürlich soll damit nur der gegenwärtige Umfang des Mahābhārata angedeutet sein, der ihm auch die Bezeichnung *śatasāhasrī saṃhitā*, »Sammlung von hunderttausend Versen«, eingetragen hat. Man ersieht aus diesen Angaben, dafs die Inder selbst trotz ihrem festen Glauben an die Einheitlichkeit des Werkes doch wenigstens eine Erinnerung daran behalten haben, dafs das Mahābhārata aus einem ursprünglich kleineren Gedicht erst allmählich zu seinem jetzigen Umfang herangewachsen ist.
v1.c9.s2.28
¹ Mahābh. I. 1, 51 ff.; 81; 101 ff.
v1.c9.s2.29
Was das Mahābhārata den Indern ist, sagt uns in überschwenglichster Weise die Einleitung zu dem Werke. Da heifst es z. B.:
v1.c9.s2.30
»Wie die Butter unter allen Arten saurer Milch, wie der Brahmane unter den Ariern, wie die Āraṇyakas unter den Vedas, wie der Unsterblichkeitstrank unter den Arzneien, der Ozean unter allen Gewässern und die Kuh unter den Vierfüfslern am besten ist, so ist von allen Erzählungswerken (Itihāsas) das Mahābhārata das beste.«
»Wer einmal diese Erzählung gehört hat, dem gefällt nichts anderes Hörenswertes mehr; wie dem, der den Gesang des Kokilamännchens²) gehört, der Krähe rauhe Stimme nicht gefällt.«
»Aus diesem vortrefflichsten aller Erzählungswerke entstehen die Gedanken der Dichter, wie die drei Weltenräume aus den fünf Elementen.«
v1.c9.s2.31
² Der Kokila, der indische Kuckuck, ist für indische Dichter dasselbe, was bei unseren Dichtern die Nachtigall ist.
v1.c9.s2.32
„Wer einem vedakundigen, hochgelehrten Brahmanen einhundert Kühe mit vergoldeten Hörnern schenkt, und wer täglich die heiligen Erzählungen des Bhāratagedichtes hört — die beiden erwerben sich gleiches (religiöses) Verdienst.“
„Ein Siegesspruch ist ja dieses Erzählungswerk: ein König, der zu siegen wünscht, soll es hören, und er wird die Erde erobern und die Feinde besiegen.“
„Dies ist ein heiliges Lehrbuch der Moral (dharma); dies ist das beste Lehrbuch des praktischen Lebens (artha), und auch als ein Lehrbuch der Erlösung (mokṣa)¹ ist es von dem unermeſslich weisen Vyāsa vorgetragen worden.“
„Jegliche Sünde, sei sie in Taten, Gedanken oder Worten begangen, weicht alsbald von dem Mann, der dieses Gedicht anhört.“
„In drei Jahren hat der Asket Kṛṣṇa Dvaipāyana, täglich (zur Verrichtung seiner Andachts- und Buſsübungen) sich erhebend, diese wunderbare Erzählung, das Mahābhārata, verfaſst. Was in bezug auf Moral, in bezug auf das praktische Leben, in bezug auf Sinnengenuſs und in bezug auf die Erlösung¹) in diesem Buche steht — das gibt es anderswo; was hier nicht steht, das gibt es nirgends in der Welt.“
v1.c9.s2.33
¹ Dharma, „Recht und Sitte“ oder „Moral“, artha „Nutzen“, „Vorteile“, „das praktische Leben“ und kāma, „Sinnengenuſs“ sind die drei Ziele des Lebens, gewissermaſsen das Um und Auf des menschlichen Daseins, nach der indischen Ethik. Das Endziel alles Strebens aber ist mokṣa, „die Erlösung“, zu welcher die verschiedenen Sekten und philosophischen Systeme verschiedene Wege weisen.
v1.c9.s2.34
Für uns aber, die wir das Mahābhārata nicht als gläubige Hindus, sondern als kritische Litterarhistoriker betrachten, ist es nichts weniger als ein Kunstwerk; und auf keinen Fall können wir in ihm das Werk eines Verfassers, ja auch nicht einmal das eines geschickten Sammlers und Ordners sehen. Das Mahābhārata als Ganzes ist ein litterarisches Unding. Nie hat eine Künstlerhand versucht — und es wäre ja auch kaum möglich gewesen —, die widerstrebenden Elemente zu einem einheitlichen Gedicht zu vereinigen. Nur poesielose Theologen und Kommentatoren und ungeschickte Abschreiber haben die tatsächlich unvereinbaren und aus verschiedenen Jahrhunderten stammenden Teile schlieſslich zu einer ungeordneten Masse zusammengeschweiſst. Aber in diesem Urwald von Dichtungen, den die Wissenschaft eben erst zu lichten begonnen hat, grünt und sprieſst, unter wildem Gestrüpp verborgen, viel wahre und echte Poesie. Aus der ungefügen Masse leuchten die köstlichsten Blüten unsterblicher Dichtkunst und tiefgründiger Weisheit hervor. Und gerade weil das Mahābhārata mehr eine ganze Litteratur als ein einziges und einheitliches Werk darstellt und so vieles und so vielerlei enthält, ist es mehr als irgendein anderes Buch geeignet, uns einen Einblick in die tiefsten Tiefen der indischen Volksseele zu gewähren.
v1.c9.s2.35
Das mag die folgende Übersicht über den Inhalt des Mahābhārata und seiner verschiedenen Bestandteile zeigen¹).
v1.c9.s2.36
¹ Eine vollständige deutsche Übersetzung des Mahābhārata gibt es nicht; Übersetzungen und Bearbeitungen einzelner Stücke sind in den Anmerkungen zu der folgenden Inhaltsübersicht genannt. Die französische Übersetzung von H. Fauche (Paris 1863—1870) reicht nur bis zum Ende des zehnten Buches. Englische Prosaübersetzungen des ganzen Mahābhārata gibt es von Protap Chandra Roy (Kalkutta 1884—1896) und Manmatha Nath Dutt (Kalkutta 1895—1905). Eine schöne poetische Wiedergabe, teils in metrischen Übersetzungen, teils in Prosa-Inhaltsangaben ist »Maha-Bharata, the Epic of Ancient India condensed into English Verse«, by Romesh Dutt. London 1899. Gröfsere und kleinere Auszüge aus dem Mahābhārata findet man auch in John Muirs »Original Sanskrit Texts«, 5 Vols., 1858—1872, Vol. I, 3. Aufl. 1890, und in desselben »Metrical Translations from Sanskrit Writers«, London 1879, sowie in Monier Williams' »Indian Wisdom« 4th ed. London 1893. Eine Sammlung von gröfseren Stücken aus dem Mahābhārata in französischer Übersetzung gab Ph. E. Foucaux, Le Mahābhārata, onze épisodes tirés de ce poème épique, Paris 1862. Einzelne Episoden in italienischer Übersetzung gibt P. E. Pavolini, Mahâbhârata, Episodi scelti e tradotti coll. col. racconto dell' interno poema (Bibliotheca dei popoli I) 1902. Einige Fragmente aus den letzten Büchern des Mahābhārata, von Friedrich Rückert übersetzt, sind herausgegeben in den »Rückert-Studien« von Robert Boxberger, Gotha 1878, S. 84—122. Eine Sammlung der wichtigsten philosophischen Texte des Mahābhārata in guter deutscher Übersetzung kommt mir eben noch knapp vor dem Drucke zu: »Vier philosophische Texte des Mahâbhâratam: Sanatsujâta-Parvan-Bhagavadgîtâ-Mokshadharma-Anugîtâ«. In Gemeinschaft mit Dr. Otto Strauss aus dem Sanskrit übersetzt von Paul Deussen (Leipzig 1906).
Cites (8)
- Mahābhārata — Sanskrit
- Aṣṭādhyāyī — Pāṇini, Sanskrit
- Yajurveda — Sanskrit
- Mahābhārata — Vyāsa, Sanskrit
- Ṛgvedasaṃhitā — Sanskrit
- Brāhmaṇa — Sanskrit
- Atharvavedasaṃhitā — Atharvan & Aṅgiras, Sanskrit
- Upanishads — Sanskrit