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Geschichte der indischen Litteratur v3.c21.s3: Die Anfänge der Kunstdichtung

Geschichte der indischen Litteratur v3.c21.s3

Language
German

Die Anfänge der Kunstdichtung

v3.c21.s3.1

Die ersten Anfänge der indischen Kunstdichtung müssen wir, wie schon bemerkt, im Mahābhārata und besonders im Rāmāyaṇa sehen. Was immer wir auf Rechnung der Überarbeitung durch spätere Dichter setzen mögen, so wird doch nicht zu leugnen sein, daß schon in alten, aus vorchristlicher Zeit stammenden Teilen dieser Epen die ersten Spuren eines Kunststils zu bemerken sind. Dennoch ist, was die verwendeten Kunstmittel anbelangt, zwischen Epen wie Mahābhārata und Rāmāyaṇa und etwa den Dichtungen des Kālidāsa und Amaru ein so großer Unterschied, daß jedenfalls ein beträchtlicher Zeitabschnitt zwischen den beiden Dichtungsarten angenommen werden muß. Wahrscheinlich ist aber die höfische Kunstdichtung überhaupt nicht auf dem Boden des Epos, sondern auf dem der Lyrik entstanden. Schon die Geschichte der Metrik zeigt, daß die ersten künstlichen Versmaße sich in der Liebeslyrik entwickelt haben dürften⁵). Hier, wo der zu besingende Gegenstand so wenig Abwechslung bot, mußte dem Dichter daran gelegen sein, durch die äußere Form, durch die Künstlichkeit der Versmaße und der Sprache, die Aufmerksamkeit und Bewunderung seiner Zuhörer oder Leser zu gewinnen. Aber einen nicht minder großen Antrieb zur Künstlichkeit der Form wie die Erotik bot auch die Panegyrik. Wenn die Dichter die Ruhmestaten der Fürsten, an deren Höfen sie lebten, in Gesängen verherrlichten, so bedeuteten diese Dichtungen eine um so größere Huldigung für den Herrscher, je kunstvoller sie waren. Daher ist es nur natürlich, daß die höfischen Dichter an Künstlichkeit miteinander wetteiferten, einander überboten und schließlich derjenige für den größten Dichter galt, der die meisten »Schmuckmittel« in seinen Dichtungen anzubringen verstand. Erst von der Panegyrik aus dürfte dieser Kāvyastil auch seinen Weg in das Epos gefunden haben.

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⁵ Vgl. Jacobi, ZDMG 38, 615 ff. und oben S. 28.

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Mindestens bis ins 4. Jahrhundert v. Chr. würde die höfische Kunstdichtung zurückreichen, wenn der Grammatiker Pāṇini auch der Verfasser der einem Dichter Pāṇini zugeschriebenen Epen Pātālavijaya und Jāmbavatīvijaya sowie der diesem Dichter in den Anthologien zugeschriebenen Verse wäre¹). Keines der beiden Epen ist uns erhalten, und es ist sogar ungewiß, ob Pātālavijaya und Jāmbavatīvijaya zwei verschiedene Werke oder nur Titel eines und desselben Werkes sind. Der Dichter Rājaśekhara sagt in einem seiner Verse: »Heil dem Pāṇini, der durch Rudras Gnade zuerst die Grammatik und nachher das Gedicht Jāmbavatīvijaya verfaßt hat!«²) Ob dieser Rājaśekhara, dem in den Anthologien zahlreiche Verse über Dichter zugeschrieben werden, der Dramatiker Rājaśekhara (Ende des 9. und Anfang des 10. Jahrhunderts n. Chr.) oder irgendein anderer Rājaśekhara ist, — jedenfalls ist das ein zu spätes und zu unsicheres Zeugnis, um den Grammatiker, der am Ausgang der vedischen Zeit seine berühmte Grammatik verfaßte, mit einem Dichter zu identifizieren, dessen Sprache von der des Kālidāsa kaum verschieden ist. Noch schwerer fällt es ins Gewicht, daß sich in einem von Namisādhu (in dem 1068 verfaßten Kommentar zu Rudraṭas Kāvyālaṃkāra) zitierten Vers aus Pāṇinis Pātālavijaya ungrammatische Formen finden, die man unmöglich dem Grammatiker zuschreiben kann.

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¹ Für die Identität des Dichters mit dem Grammatiker ist besonders P. Peterson eingetreten (JBRAS 17, 1889, 57 ff.; Subh. 54 ff.; JRAS 1891, 311 ff.); vor ihm auch schon Pischel (ZDMG 39, 1885, 95 ff.), der aber den Grammatiker ins 5. Jahrhundert n. Chr. setzen wollte, eine unmögliche Datierung, die er auch später (KG 182 f.) nicht mehr wiederholt hat. S. dagegen Kielhorn, NGGW 1885, 185 ff.; R. G. Bhandarkar, JBRAS 16, 344; D. R. Bhandarkar, Ind. Ant. 1912, 125 n. Neuerlich ist Kane (Ind. Ant. 1912, 125) wieder für die Identität eingetreten. Thomas 51 ff. (wo eine Zusammenstellung der Verse des Pāṇini aus den Anthologien gegeben ist) hält die Frage für noch unentschieden. Th. Aufrecht (ZDMG 14, 581 f.; 27, 46; 36, 365 ff.; 45, 308) hat die dem Pāṇini in den Anthologien zugeschriebenen Verse gesammelt und übersetzt. Aus dem Gedicht Jāmbavatīvijaya zitiert Rāyamukuṭa in seinem 1431 geschriebenen Kommentar zum Amarakoṣa ein Stück. Auch von Ruyyaka wird der Dichter Pāṇini zitiert.

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² Da dieser Vers in Jalhaṇas 1247 n. Chr. verfaßter Subhāṣitamuktāvalī vorkommt, kann dieser Rājaśekhara nicht der Jainaschriftsteller sein, der im 14. Jahrhundert lebte, sondern es muß entweder der Dramatiker oder ein dritter Rājaśekhara sein.

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Das Vorhandensein einer weltlichen Lyrik in kunstvollen Versmaßen und im Stil der höfischen Kunstdichtung im 2. Jahrhundert v. Chr. wird uns durch den zweiten großen Grammatiker Patañjali bezeugt, in dessen Mahābhāṣya sich einzelne Zitate aus Kunstdichtungen finden¹). In Anthologien wird Patañjali selbst hie und da als Dichter einzelner Verse genannt²). Wenn Piṅgala wirklich der Zeit des Patañjali nahesteht³), so wäre auch sein Lehrbuch der Metrik als Beweis für das Vorhandensein einer erotischen Kunstdichtung im 2. Jahrhundert v. Chr. anzuführen.

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¹ Vgl. Bühler, Die indischen Inschriften und das Alter der indischen Kunstpoesie, S. 72, und Kielhorn, Ind. Ant. 14, 326 f. H. Lüders (Bruchstücke buddhistischer Dramen, S. 62) glaubt auch schon in der aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. (nach Smith, Early History, p. 207, aus dem Jahre 218 v. Chr.) stammenden Hāthigumphā-Inschrift des Khāravela den Kavyastil sehen zu können. Aber diese Prākrit-Inschrift ist in so verstümmeltem Zustand erhalten, daß aus ihr wenig über Stil und Sprache zu entnehmen ist. Vgl. über die Inschrift Lüders, Ep. Ind. X, App. p. 160 f. und Charpentier, WZKM 29, 1915, 208 ff.

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² Vgl. Peterson, JRAS 1891, 311 ff.

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³ S. oben S. 27 f.

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Aus der Zeit vom 2. Jahrhundert v. Chr. bis zum 2. Jahrhundert n. Chr. ist uns aber von einer höfischen Kunstdichtung in Sanskrit nichts erhalten. Es scheint, daß in dieser Zeit an den Höfen indischer Fürsten die Prākritdichtung gepflegt wurde, als deren Niederschlag wir die Lieder in Hālas Sattasaī und den uns leider in seiner ursprünglichen Form nicht erhaltenen Märchenroman Bṛhatkathā des Guṇāḍhya anzusehen haben werden. Auch in den zum buddhistischen Kanon gehörigen Therīgāthās begegnen uns Lieder und Verse, die den Stil der Kunstdichtung zeigen¹). In Prākrit abgefaßt ist auch noch eine Inschrift von Nāsik aus dem neunzehnten Jahr der Regierung des Königs Pulumāyi von der Andhradynastie (154 n. Chr.)²), die alle Eigentümlichkeiten des Stils der Kunstprosa zeigt.

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¹ S. oben II, 84 f. Man hat lange Zeit geglaubt, daß in den ersten Jahrhunderten n. Chr. ein förmlicher Stillstand in der Entwicklung der Sanskritlitteratur eingetreten sei und erst im 6. Jahrhundert n. Chr. eine »Renaissance der Sanskritlitteratur« stattgefunden habe (s. Max Müller, India what can it teach us, London 1882, Indien in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung, Leipzig 1884). Diese Theorie ist namentlich durch G. Bühler, Die indischen Inschriften und das Alter der indischen Kunstpoesie (SWA 1890), vollständig wiederlegt worden. Vgl. auch Haraprasād Šāstrī im JASB 6, 1910, 305 ff. R. G. Bhandarkar (A Peep into the Early History of India, JBRAS 1900, p. 407 f., Reprint p. 52 f.) glaubt zwar auch nicht an eine vollständige Unterbrechung der Sanskritlitteratur, aber immerhin an eine mangelhafte Entwicklung während der Jahrhunderte des Buddhismus und der Prākritlitteratur vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis zum 4. Jahrhundert n. Chr. Von einer »Prākritperiode« der indischen Litteratur zu sprechen, wie es F. Lacôte (Essai sur Guṇāḍhya et la Bṛhatkathā, Paris 1908, ähnlich Jacobi, Ausgewählte Erzählungen in Māhārāṣṭrī, S. XI ff.) tut, die der klassischen Periode vorausgegangen sein soll, scheint mir nicht berechtigt. Prākritdichtung ist die Dichtung gewisser Klassen, wahrscheinlich mancher Höfe, sicher verschiedener Sekten gewesen, aber unseres Wissens hat es in der Zeit, aus der wir eine indische Litteratur überhaupt besitzen, keine Periode gegeben, in der nur in Prākrit und nicht auch in Sanskrit gedichtet wurde.

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² Vgl. Bühler, Die indischen Inschriften usw., S. 56 ff. und Smith, Early History, p. 210.

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Aus derselben Zeit stammt eine große Sanskrit-Inschrift des Mahākṣatrapa Rudradāman, die ein förmliches Kunstgedicht in Prosa ist³). Lange Komposita und lange Sätze, wie sie Daṇḍin für solche Prosagedichte fordert, sowie auch verschiedene Schmuckmittel finden sich in dieser Inschrift. Der Stil ist der von Daṇḍin als »Vidarbhastil« bezeichnete. Daß man im 2. Jahrhundert n. Chr. den Stil der Kunstdichtung auch schon auf die Prosa übertragen und auf Inschriften verwendet hat, beweist wohl eine längere vorausgehende Entwicklung dieses Stils.

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³ Die Inschrift ist neu herausgegeben von Kielhorn, Ep. Ind. 8, 36 ff., und wird von ihm 151 oder 152 n. Chr. datiert. Bühler (a. a. O., S. 49) setzte sie zwischen 160 und 170 n. Chr. Die Inschrift befindet sich auf einem Felsen in der Nähe von Girnār. Rudradāman gehört zu den sogenannten »westlichen Kṣatrapas«. Kṣatrapa ist eine Sanskrit-Adaption des persischen Khshathrapa (griechisch »Satrap«), wie die Statthalter oder abhängigen Fürsten der indoskythischen Könige genannt wurden, die in den ersten beiden Jahrhunderten nach Christi das ganze nordwestliche und westliche Indien beherrschten.

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Aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. besitzen wir auch schon die Epen und Dramen des buddhistischen Dichters Ašvaghoṣa¹), die nach Sprache und Stil zur höfischen Kunstdichtung gehören. Die vollendete Form der Epen und die vollkommene Technik der Dramen des Ašvaghoṣa beweisen, daß er nur nach längst bestehenden Mustern dichtete. Es ist ja auch an und für sich unwahrscheinlich, daß gerade ein buddhistischer Dichter der erste gewesen sein sollte, der in diesem Stil dichtete. Er wird vielmehr den Stil der Kunstdichtung für buddhistische Stoffe nur deshalb gewählt haben, weil dieser Stil für die weltliche Dichtung zu seiner Zeit der übliche war. Ašvaghoṣa war aber nicht der einzige buddhistische Kunstdichter. Zeitlich wenig entfernt von ihm dürften Mātṛceta und Āryašūra sein²).

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¹ S. oben II, S. 201 ff.

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² S. oben II, S. 211 ff. Die Sprache des Šūra wird in einem Vers der Anthologie Saduktikarṇāmṛta gerühmt; s. Aufrecht, ZDMG 36, 365; Peterson, Subh. 131. Andere buddhistische und jinistische Texte im Kāvyastil gehören schon den späteren Jahrhunderten an, so das Divyāvadāna (oben II, 222, 225 f.) Candragomins Dichtungen und andere buddhistische Stotras (oben II, 259, 267), Pāliwerke wie Mahāvaṃsa und Jinālaṃkāra (oben II, 170, 179) und die Stotras des Bhadrabāhu u. a. (oben II, 339 ff.).

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Für die Frühgeschichte der Kunstdichtung wäre es von Wichtigkeit, wenn wir das Alter der Alaṃkāraśāstras (Lehrbücher der Poetik) und deren Verhältnis zum Kāvya genau bestimmen könnten. Leider mußten wir schon feststellen, daß sich weder die Zeit des Bhāratīya-Nāṭyaśāstra, noch die des wahrscheinlich ältesten Lehrbuches der Poetik von Bhāmaha irgendwie sicher angeben läßt. Aber kaum ist die Entwicklung anders zu denken, als daß die Poetik aus dem Studium gewisser Musterdichtungen, des Mahābhārata und insbesondere des Rāmāyaṇa, hervorgegangen ist. Vālmīki hat gewiß noch kein Lehrbuch der Poetik gekannt; Ašvaghoṣa war aber vielleicht schon mit der Theorie der Alaṃkāras vertraut³). Die weitere Entwicklung der Kunstdichtung stand schon unter dem Einfluß der Lehren des Alaṃkāraśāstra. Bhāsa und Kālidāsa kannten ein Nāṭyaśāstra des Bharata¹).

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³ Vgl. Kane, Ind. Ant. 1912, p. 127.

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¹ Über Kālidāsas Verhältnis zum Alaṃkāraśāstra vgl. A. Hillebrandt, Kālidāsa, S. 107 ff.

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Man pflegt im allgemeinen anzunehmen, daß ein Werk der Kunstdichtung um so älter ist, je weniger gekünstelt es ist, und je weniger es unter dem Einfluß der Theorie steht. Aber dieser Schluß ist nur in eingeschränktem Sinne berechtigt. Es ist richtiger zu sagen: Wenn ein Dichter einen einfachen Stil schreibt, so ist der Grund entweder der, daß er einer älteren Zeit angehört, oder, daß sein Geschmack ein besserer ist. Es hat immer auch in späterer Zeit Dichter gegeben, die Geschmack genug hatten, die allzu großen Künsteleien zu vermeiden²). Daß auch große lokale Verschiedenheiten in bezug auf den Stil bestanden, wissen wir schon aus Daṇḍins Poetik³). Im östlichen Indien wurde die Dichtkunst an den Höfen mächtiger Könige, wie es scheint, früher gepflegt als im Südwesten. Erst als im 4. und 5. Jahrhundert die Guptas zur Herrschaft gelangten, trat auch der Westen in den Wettbewerb der Kunstdichter ein⁴).

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² Vgl. R. G. Bhandarkar, JBRAS 16, 266. Trotz aller Wertschätzung der feineren Kunstdichtung haben die Inder selbst doch die einfachen Epen Mahābhārata und Rāmāyaṇa stets als Meister- und Musterwerke angesehen.

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³ S. oben S. 14.

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⁴ Vgl. Jacobi, Ausgewählte Erzählungen in Māhārāṣṭrī, S. XVI f.

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Natürlicherweise hängt die Entwicklung der höfischen Kunstdichtung überhaupt wesentlich davon ab, an welchen Höfen die Dichtung eine besondere Pflege fand; und das ist nicht immer eine Frage des Zeitalters, sondern oft auch des Ortes und der Umstände.

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Nicht wahrscheinlich ist es, daß es Hofdichter und eine höfische Kunstdichtung schon unter den Herrschern der Maurya-dynastie gegeben hat. Inwieweit Kauṭilyas Arthaśāstra die Verhältnisse am Hofe des Mauryakönigs Candragupta widerspiegelt, ist zweifelhaft. Die Tradition, die das Werk dem sagenhaften Minister des Candragupta zuschreibt, stimmt mit den Tatsachen der Geschichte nur wenig überein. Aber immerhin geht das Werk in ein ziemlich hohes Alter zurück, und es ist möglich, daß dessen älteste Elemente in die Mauryaperiode zurückreichen. Und da ist es jedenfalls bemerkenswert, daß im Arthaśāstra in einer großen Zahl von Hofangestellten zwar Paurāṇikas, Sūtas, Māgadhas und Kuśīlavas, also Chronisten, Barden, Sänger und Bühnenkünstler, genannt werden, aber von einem Hofdichter nicht die Rede ist. Die Lehrer und Gelehrten (ācāryā vidyāvantaś ca), die je nach ihrer Würdigkeit einen Ehrensold von 500 bis 1000 Paṇas bekommen¹), waren wohl nur hervorragende Brahmanen, die der König auszeichnen wollte, und nicht etwa Dichter, die »Kavi« genannt worden wären. Auch unter den litterarischen Werken, die in Kauṭilyas Arthaśāstra aufgezählt werden, wird nirgends ein Kāvya erwähnt. Dazu stimmt es denn auch, daß die Inschriften des Königs Aśoka in schlichtem und einfachem Stil geschrieben sind und keine Spur von dem Stil der Kunstdichtung zeigen. Es hätte gerade hier oft nahegelegen, die dichterische Form anzuwenden.

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¹ Arthaśāstra of Kauṭilya ed. by R. Shama Sastri, Mysore 1909, p. 245 f.

v3.c21.s3.28

Dem 3. oder 4. Jahrhundert n. Chr. gehört wahrscheinlich das Tantrākhyāyika, die älteste Form des Pañcatantra, an. Im 4. Jahrhundert dürften auch die Dramen des Bhāsa entstanden sein. Mit einiger Berechtigung können wir die Dichtungen des Aśvaghoṣa und seiner Zeitgenossen, Hālas Sattasaī (in ihren ältesten Bestandteilen), Guṇāḍhyas Bṛhatkathā, das Tantrākhyāyika und die Dramen des Bhāsa als zu einer vorklassischen oder frühklassischen Periode der indischen Kunstdichtung gehörig bezeichnen.

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Nur vermuten können wir, daß diese frühklassische Dichtung an den Höfen der späteren Āndhrafürsten, der westlichen Kṣatrapas²) und der Kuṣaṇafürsten und deren Zeitgenossen blühte. Mit Sicherheit können wir keines der Werke dieser Periode datieren.

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² S. oben S. 34, A. 3, und vgl. Bhagvānlāl Indrajī, JRAS 1890, 639 ff.; Lévi, JA s. 9, t. XIX, 1902, 95 ff.

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Wir können also zusammenfassend nur sagen, daß sowohl inschriftliche als auch litterarische Zeugnisse uns gestatten die höfische Kunstdichtung bis ins 2. Jahrhundert nach Chr. tatsächlich zu verfolgen, ihr Vorhandensein im 2. Jahrhundert vor Chr. zu erschließen und den Beginn ihrer Blütezeit ins 4. Jahrhundert n. Chr. zu setzen.

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