Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c7.s2.t3.14
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c7.s2.t3.14
- Language
- German
c7.s2.t3.14
Die Tradition lehrt übereinstimmend, daß Mahâvîra kein neues philosophisches System aufstellte, sondern die Lehre Pârshvas fortbildete und dessen Gemeinde reformierte. Wie es scheint, waren die Gebote, die Pârshva seinen Anhängern auferlegt hatte, von diesen nicht mehr streng befolgt worden. Mit rücksichtsloser Energie drang Mahâvîra darauf, daß die sittlichen Vorschriften Pârshvas wieder aufs genaueste eingehalten wurden. Pârshva hatte, wie wir sahen, den Mitgliedern seines Asketenordens geschlechtliche Enthaltsamkeit auferlegt, dieses Gebot aber nicht gesondert aufgestellt, sondern als in dem Verbot des Besitzes irdischer Güter eingeschlossen betrachtet. Um irrigen Auslegungen zu begegnen, forderte Mahâvîra nachdrücklich völlige Keuschheit von Mönchen und Nonnen und fügte deshalb diese Vorschrift in der Form eines besonderen Gelübdes den vier Geboten seines Vorgängers hinzu. Auch das von Pârshva bereits verkündete Gebot der Schonung aller lebenden Wesen scheint der neue Prophet in seiner Anwendung erweitert zu haben. Eine Neuerung war es offenbar auch, daß Mahâvîra nackt ging, während Pârshvas Schülern das Tragen eines Ober- und Untergewandes gestattet war. Zwischen den philosophischen Grundanschauungen der beiden Tîrthankaras scheint hingegen kein wesentlicher Unterschied vorhanden gewesen zu sein. So stand dem nichts im Wege, daß Mahâvîra die Mitglieder von Pârshvas Orden zu seiner Gemeinde hinüberzog und daß Keshi, der Obere der Pârshva-Anhänger in einem Gespräch mit Mahâvîras Apostel Gautama die völlige Übereinstimmung der Anschauungen beider Meister feststellen konnte¹¹.