Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c7.s2.t3: 5. Mahâvîra
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c7.s2.t3
- Language
- German
5. Mahâvîra
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Vardhamâna, später auch Mahâvîra, der „große Held“ genannt, war ein Sohn des Kshatriya Siddhârtha und wurde in Kundagrâma, dem heutigen Basukund, einer Vorstadt des Ortes Vaishâlî (jetzt Besârh), nördlich der heutigen Stadt Patnâ in der Landschaft Bihâr geboren. Die Legende macht seinen Vater zu einem mächtigen König und umgibt ihn mit allem Glanz eines morgenländischen Herrschers. Wahrscheinlich hat die Sage die tatsächlichen Verhältnisse vergrößert und ausgeschmückt, und Siddhârtha war nur ein angesehener adliger Großgrundbesitzer, der als Oberhaupt des aus den Kshatriyas gebildeten Senates einer Adelsrepublik den Titel Râjâ führte. Sicher war aber seine Familie sehr vornehm, denn durch seine Gattin Trishalâ war er mit königlichen Häusern verschwägert, war doch Trishalâ eine Schwester des Königs Cetaka von Vaishâlî, dessen Tochter später den mächtigen König Bimbisâra von Magadha heiratete.
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Das Geschlecht, dem Mahâvîra angehörte, wurde im Sanskrit Jnâtri, im Prâkrit Nâya (Nâta) genannt, weshalb die männlichen Mitglieder desselben auch als Jnâtriputras (Nâtaputtas) bezeichnet wurden. Mahâvîra entstammte dem Kâshyapa-Gotra.
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Bis zu seinem dreißigsten Lebensjahre scheint sich Vardhamânas Leben in nichts von demjenigen unterschieden zu haben, das damals jüngere Söhne vornehmer Familien führten. Er heiratete ein schönes Mädchen aus guter Familie, Yashodâ, und hatte von ihr eine Tochter, Anojjâ (Priyadarshanâ), welche später mit einem Edelmann Jamâli verheiratet und Mutter einer Tochter Sheshavatî (Yashovatî) wurde.
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Nach dem Tode seiner Eltern, die als gläubige Anhänger Pârshvas den freiwilligen Hungertod gewählt hatten, wollte er, damals achtundzwanzig Jahre alt, nach Pârshvas Vorbild der Welt entsagen, wurde jedoch von seiner Familie zurückgehalten *). Erst zwei Jahre später, nachdem er von seinem älteren Bruder Nandivardhana und der Regierung seiner Vaterstadt die Erlaubnis zu diesem Schritt erhalten hatte, schied er von Haus und Sippe und zog nach dem Shandavana genannten Park in der Umgebung von Kundapura. Unter einem Ashokabaum fastete er zweieinhalb Tage, legte ein Mönchsgewand an und riß sich in fünf Büscheln das Haupthaar aus. Ein Jahr und einen Monat lang trug er noch das Kleid, ohne es zu wechseln, dann verzichtete er auch auf dieses und wanderte als nackter Büßer umher. Wie es scheint, hatte er in der Nähe seines Heimatortes zunächst als Mitglied des von Pârshva gegründeten Asketenordens gelebt, hatte sich dann aber von den anderen Mönchen getrennt, da ihm ihre Vorschriften nicht streng genug erschienen, und es vorgezogen, ein unstetes Wanderleben zu führen.
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Über zwölf Jahre lang durchstreifte er die Lande, schutzlos den Unbilden der Witterung preisgegeben. Er besuchte das unwirtliche Gebiet wilder Stämme und ertrug geduldig die Schmähungen und Mißhandlungen der Menschen, die ihn in seinen frommen Übungen zu stören versuchten. Er fastete und legte sich alle Art von Kasteiung auf, er meditierte und sann nach über den Sinn von Welt und Schicksal. Schließlich, nachdem er viel erlebt und gesehen, erlangte er die Allwissenheit, die vollkommene klare Erkenntnis über das Wesen des Sansâra und den Weg, der aus ihm hinaus zur Seligkeit, zur Erlösung führt. Der Überlieferung zufolge geschah dies unter einem Shâla-Baum am Ufer des Flusses Rijupâlika, unweit des Ortes Jrimbhikagrâma. Seit jenem denkwürdigen Moment war Vardhamâna oder, wie man ihn jetzt gewöhnlich mit seinem Ehrennamen nannte, Mahâvîra (,,der große Held“) zu einem Jina geworden, zu einem Sieger, der die Welt überwunden hat, zu einem Arhat (Ehrwürdigen), zu einem Tîrthankara. Fortan betrachtete er es als seine vornehmste Pflicht, die Lehre Pârshvas zu erneuern und die ewige Heilswahrheit aller Kreatur zu verkünden. Den ganzen Rest seines Lebens zog er deshalb umher und predigte den Göttern und Menschen, Ariern und Barbaren. Auf seinen Wanderungen durchmaß er das ganze Gebiet seines Heimatlandes Bihâr und gewann viele Anhänger. Am Ende einer fast dreißigjährigen Lehrtätigkeit starb er in der Kanzlei des Königs Hastipâla zu Pâvâpurî und ging in das Nirvâna ein.
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∗ Nach der Tradition der Digambaras war Mahâvira jedoch niemals verheiratet und führte schon als Knabe und Jüngling ein asketisches Leben. Nach ihr lebten auch Mahâviras Eltern noch, als er Mönch wurde.
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Über die Lebenszeit Mahâvîras sind wir nicht genau unterrichtet, weil die Jainas über sein Todesjahr verschiedene Angaben machen. Nach der herrschenden Lehre starb Mahâvîra im Jahre 527 v. Chr. Einer Mitteilung in Hemacandras ,,Parishishtaparva“ zufolge ging das Nirvâna des Propheten 155 Jahre vor der Thronbesteigung des Kaisers Candragupta (historisches Datum 322 oder 321 v. Chr.) vor sich. Daraus errechnete H. Jacobi das Jahr 477 oder 476 v. Chr. (bzw. früher 467 v. Chr., in der Annahme, daß Hemacandra ein anderes Jahr für Candraguptas Thronbesteigung zugrunde lege). Das Jahr 477 würde ungefähr die Angabe der Buddhisten bestätigen, nach welcher der ,,Nigantha Nâtaputta“ einige Jahre vor Gautama Buddha den Tod gefunden haben soll. Auch unter den europäischen Forschern besteht keine Einstimmigkeit; vorläufig steht somit noch nicht fest, wann das für die Geschichte der Jainas so überaus bedeutungsvolle Ereignis tatsächlich stattgefunden hat⁹.
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Aus allem, was wir über Mahâvîra wissen, geht aufs deutlichste hervor, daß er ein hochbedeutender Mann war, der durch seine geistige und sittliche Größe bei seinen Zeitgenossen einen tiefgehenden Eindruck hinterließ. Er war ein großer und starker Denker, der sich mit allen Problemen, die seine Zeit bewegten, beschäftigte und auf alle Fragen, denen er näher trat, eine Antwort wußte. Aufs stärkste tritt vor allem sein Bedürfnis hervor, über die ganze ihn umgebende Wirklichkeit Klarheit zu gewinnen und alles bis ins letzte zu zerlegen und zu zergliedern. Sein Streben nach Ordnung und Übersicht machte ihn zu einem hervorragenden Systematiker, der jedem Dinge in der Welt und Überwelt in seiner Lehre einen genau präzisierten Platz anzuweisen wußte. Von der Höhe seiner Erkenntnis herab konnte er mit königlicher Geste auf das Treiben im Sansâra herabblicken und allen, die nach dem Heil verlangten, den Weg zeigen und weisen.
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Streng gegen sich, aber auch streng gegen andere, war Mahâvîra ein unbedingter Vertreter asketischer Lebensführung. Er hatte selbst ein Leben, voll von Freuden, von Genüssen aufgegeben, um seine ganze Persönlichkeit einem höheren Ziel zu weihen; bis aufs äußerste hatte er sein Fleisch abgetötet, alle sinnlichen Wünsche und Triebe in sich zum Verschwinden gebracht und durch die größte Selbstüberwindung die höchste Selbstbeherrschung gewonnen. Mit eiserner Konsequenz forderte er von seinen Schülern, daß sie ihm auf diesem Wege folgten. Dadurch wurde er zu einem Hauptwortführer asketischer Moral. Ein Zeugnis für die Strenge, mit welcher er Vorschriften über die Lebensführung aufstellte und einhielt, ist es, wenn er, wie berichtet wird, sich das Haar mit den Wurzeln ausriß und alle Kleidung ablegte, statt, wie es die meisten Asketen seiner Zeit taten, sich damit zu begnügen, den Kopf kahl zu scheren und ein Mönchsgewand anzulegen. Durch diese hohe Wertschätzung der Askese unterscheidet sich Mahâvîra von seinem großen Zeitgenossen Gautama Buddha; er predigte die Notwendigkeit des Fastens und anderer Arten der Kasteiung, während der Buddha dies als einen Irrweg verurteilte, der von dem von ihm verkündeten „mittleren Wege“ der Selbstzucht ebenso weit entfernt sei wie das nach Genüssen haschende und in ihnen sich verzehrende Weltleben.
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Noch in einer anderen Hinsicht besteht eine grundlegende Verschiedenheit zwischen den beiden großen Männern: in dem Verhältnis zu ihren Mitmenschen. Ernst Leumann¹⁰ sagt darüber: „Mahâvîra war eine zurückhaltende, Buddha eine offene Natur. Mahâvîra mied den Umgang mit Menschen, Buddha pflegte ihn. Dieser Gegensatz kommt teils darin zum Ausdruck, daß Buddha mit den Seinigen gelegentlich sich zu einer Mahlzeit einladen ließ, was Mahâvira als ein unerhörtes Paktieren mit dem Weltleben empfand. Teils aber und bedeutsamer zeigt sich jener Gegensatz darin, daß Buddha auf seinen Wanderungen den und jenen ansprach und mit gewandtem Eingehen auf seine Lebensansichten und Lebensgewohnheiten in allgemeinerzieherischem und erhebendem Sinne auf ihn einwirkte. Auf eine solche Tätigkeit allgemeinster Seelsorge hätte der Asket Mahâvira bei seiner Menschenscheu nie verfallen können; es kam nicht vor, daß er jemanden aufsuchte, um ihn geistlich zu belehren und zu beraten, und wenn allenfalls jemand einer religiösen Unterhaltung wegen zu ihm kam, dann hat er kaum auf die Gedankengänge des Besuchers sich einzurichten gewußt, sondern einfach in starrer Darlegung seiner eigenen Lehren eine strenge Antwort erteilt.“
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Obwohl Mahâvira, wie ihn uns die Texte schildern, nicht die Leutseligkeit eines Buddha besaß, sondern sich stets mit aristokratischer Gelassenheit zurückhielt, war er doch keineswegs gleich den brahmanischen Meistern ein Lehrer, der eine esoterische Wissenschaft einem kleinen Kreise von Auserwählten unter dem Siegel des Geheimnisses mitteilte. Mahâvira predigte jedem, der ihn hören wollte, und damit recht viele dazu imstande seien, redete er nicht in dem nur Gebildeten zugänglichen Sanskrit, sondern in Ardhamâgadhî, der Umgangssprache seiner Heimat. Die großen Erfolge, die seine Lehrtätigkeit aufzuweisen hatte, zeigen, daß er auf seine Zuhörer in außerordentlicher Weise zu wirken verstand. Das Publikum, das seinen Vorträgen lauschte, entstammte allen Bevölkerungskreisen. Fürsten und Krieger, Priester und Kaufleute drängten sich ebenso zu seinen Reden wie Leute aus niederen Schichten und sogar Nicht-Arier, Männer wie Frauen. In erster Linie waren es aber doch die Vornehmen, bei welchen die Lehre ihres Standesgenossen Mahâvira Anklang fand. Die heiligen Schriften der Jainas gefallen sich darin, mit großer Farbenpracht in epischer Breite zu erzählen, wie Könige mit ihrem Harem und ihren Hofleuten und Staatsbeamten, begleitet von zahllosen Kriegern und Dienern und gefolgt von einer großen Volksmasse, zum Tîrthankara zogen, um der Verkündigung seiner Lehre beizuwohnen. Nicht weniger als dreiundzwanzig Könige werden aufgezählt, die sich seinem Evangelium anschlossen und ihm in Verehrung zugetan waren.
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Mahâvîra wußte jedoch nicht nur die Menschen durch seinen Vortrag zu fesseln und zu Bekennern seiner Lehre zu machen, er wußte sie auch sich dauernd zu erhalten. Er war ein großer Organisator, der den Mitgliedern seines Ordens Gesetze gab, die zwei Jahrtausende überlebten. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Mönchsvorschriften aus der Zeit Mahâvîras noch heute in ihren Grundzügen für alle Jaina-Asketen bindende Kraft haben, dann kann man dem Mann die Bewunderung nicht versagen, der den auf ihn gekommenen asketischen Ordnungen Pârshvas eine so feste Form verlieh, daß ihnen die Zeit nichts anhaben konnte.
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Obwohl selber in seinen Anschauungen durch und durch Asket, hatte Mahâvîra doch auch einen offenen Blick für die Bedürfnisse der Laien. Als tiefgründiger Menschenkenner war er sich darüber klar, daß Kasteiung und Weltentsagung nur von einer kleinen Zahl von Auserwählten durchgeführt werden konnten, daß viele, welche die Lehre in sich aufzunehmen versuchten, zu schwach waren, um die strengen Gebote des Asketentums zu erfüllen. Gleich Pârshva und anderen Meistern ermöglichte er darum auch Laien den Eintritt in seine Gemeinde und forderte von ihnen nur die Einhaltung der großen Gebote in einer für die in der Welt Lebenden durchführbaren Form. Diese organische Einfügung der Laienschaft in den „Sangha“ war für die Verbreitung des Jainismus von außerordentlichem Nutzen; die enge Verbindung zwischen Geistlichen und Laien, die dauernd in der Religion Mahâvîras erhalten blieb, war zweifellos mit einer der Gründe, weshalb das Jainatum sich in Indien bis auf unsere Zeit lebenskräftig erwiesen hat, während andere Religionen, bei welchen dieser Kontakt nicht so eng war, sich später im Gangeslande nicht halten konnten.
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Die Tradition lehrt übereinstimmend, daß Mahâvîra kein neues philosophisches System aufstellte, sondern die Lehre Pârshvas fortbildete und dessen Gemeinde reformierte. Wie es scheint, waren die Gebote, die Pârshva seinen Anhängern auferlegt hatte, von diesen nicht mehr streng befolgt worden. Mit rücksichtsloser Energie drang Mahâvîra darauf, daß die sittlichen Vorschriften Pârshvas wieder aufs genaueste eingehalten wurden. Pârshva hatte, wie wir sahen, den Mitgliedern seines Asketenordens geschlechtliche Enthaltsamkeit auferlegt, dieses Gebot aber nicht gesondert aufgestellt, sondern als in dem Verbot des Besitzes irdischer Güter eingeschlossen betrachtet. Um irrigen Auslegungen zu begegnen, forderte Mahâvîra nachdrücklich völlige Keuschheit von Mönchen und Nonnen und fügte deshalb diese Vorschrift in der Form eines besonderen Gelübdes den vier Geboten seines Vorgängers hinzu. Auch das von Pârshva bereits verkündete Gebot der Schonung aller lebenden Wesen scheint der neue Prophet in seiner Anwendung erweitert zu haben. Eine Neuerung war es offenbar auch, daß Mahâvîra nackt ging, während Pârshvas Schülern das Tragen eines Ober- und Untergewandes gestattet war. Zwischen den philosophischen Grundanschauungen der beiden Tîrthankaras scheint hingegen kein wesentlicher Unterschied vorhanden gewesen zu sein. So stand dem nichts im Wege, daß Mahâvîra die Mitglieder von Pârshvas Orden zu seiner Gemeinde hinüberzog und daß Keshi, der Obere der Pârshva-Anhänger in einem Gespräch mit Mahâvîras Apostel Gautama die völlige Übereinstimmung der Anschauungen beider Meister feststellen konnte¹¹.
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Gleich Pârshva lebte auch Mahâvîra in einer Zeit religiösen Suchens und Ringens. Eine ganze Reihe von Lehrern zog damals, predigend und Schüler werbend, im Lande umher. Während die einen an der vedischen Überlieferung festhielten oder sie mit neuem Geiste zu erfüllen suchten, standen andere in starkem Gegensatz zu der brahmanischen Tradition. Von der Mehrzahl der Meister, die damals das geistige Leben Nordindiens beherrschten, ist wenig Kunde auf uns gekommen; nur die Namen derjenigen von ihnen, die zu Stiftern größerer Gemeinden wurden, sind uns erhalten geblieben, doch sind die Nachrichten, die wir über sie besitzen, zumeist nur spärlich und ungenau¹². Von den Sektenhäuptern der damaligen Zeit scheint, neben Mahâvîra und Buddha, Gosâla Mankhali-putta (in Sanskrit: Maskari-putra), der Begründer der Sekte der Âjîvikas, der bedeutendste gewesen zu sein¹³;
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er interessiert uns in diesem Zusammenhang deswegen, weil er selber zu Mahâvîra in enger Beziehung gestanden hat. Gosâla war der Sohn eines gewerbsmäßigen Bettlers. Nach mancherlei Erlebnissen hatte er sich dem Nirgrantha-Orden angeschlossen, trat aber, nachdem er diesem sechs Jahre hindurch angehört hatte, aus ihm wieder aus und gründete eine eigene Gemeinde. Als er sechzehn Jahre später mit Mahâvîra zusammentraf, kam es zu lebhaften Streitigkeiten. Bald danach scheint Gosâla gestorben zu sein; doch blieben seine Anhänger auch nach seinem Tode seiner Lehre treu, so daß wir noch im sechsten Jahrhundert n. Chr. die Âjîvikas als eine besondere Sekte erwähnt finden und noch im dreizehnten Jahrhundert ihr Name erscheint, wahrscheinlich aber dann als eine Bezeichnung für die Digambara-Jainas, mit welchen sich die Âjîvikas möglicherweise später wieder vereinigt haben. Gosâla war zweifellos ein sehr merkwürdiger Mensch; ob das, was uns über sein wüstes Leben und seine sonderbaren Lehren von seinen Gegnern, den Buddhisten und Jainas, berichtet wird, den Tatsachen entspricht, ist allerdings zweifelhaft, da ja feindliche Sekten stets bestrebt sind, Ketzern allerlei Anrüchiges anzuhängen. Soweit ersichtlich, hat Gosâla eine Reihe von Lehren verkündet, welche mit denen der Jainas übereinstimmen, sei es, daß er sie von jenen übernommen hatte, sei es, daß er sie während der Zeit, während welcher er bei Mahâvîra weilte, aufgestellt und seine damaligen Glaubensgenossen zur Annahme derselben bewogen hatte (was allerdings weniger wahrscheinlich sein dürfte). Manche seiner Anschauungen und vor allem seiner Vorschriften über den Lebenswandel weichen hingegen aufs stärkste von denen der Jainas ab. Neben dem ausgesprochenen Determinismus, den er verkündete, ist besonders die Reanimations-Theorie ein charakteristischer Punkt seines Systems. Nach dieser muß jede Seele, bevor sie zur Erlösung gelangen kann, nachdem sie zahlreiche, genau bestimmte Existenzen in den verschiedensten Daseinsformen durchgemacht hat, in ihrem letzten irdischen Leben siebenmal den Körper tauschen, d. h. in den Leib eines Verstorbenen eingehen und diesen dadurch neu beleben. Erst wenn dieses geschehen ist, ist es ihr möglich, die Seligkeit zu erreichen. Gosâla behauptete von sich, im Verlauf von 133 Jahren siebenmal den Körperwechsel vollzogen zu haben. Nachdem er sechsmal schon den Leib getauscht, sei er schließlich zum letzten Male in Shrâvastî in den Leichnam des Gosâla eingedrungen, den er sechzehn Jahre innehabe. Auf Grund dieser Theorie wollte Gosâla glauben machen, daß er nur dem Leibe nach mit Gosâla, dem früheren Schüler Mahâvîras identisch sei, während seine Seele mit der des Gosâla nichts zu tun habe, da letzterer gestorben und in einem Götterhimmel wiedergeboren worden sei.
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Gosâla war nicht der einzige Anhänger Mahâvîras, der sich von ihm abwandte. Zweimal entstanden in der Gemeinde Streitigkeiten, die zu Schismen führten, die jedoch von keiner großen Bedeutung waren; von ihnen wird bei Besprechung des Sektenwesens gehandelt werden.
Linked texts (1)
- Pariśiṣṭaparvan — Hemacandra, Sanskrit