Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c37.s3: § 69. Entzündungen und Geschwülste
Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c37.s3
- Language
- German
§ 69. Entzündungen und Geschwülste
c37.s3.1
--- Unter *śotha*, *śvayathu*, *śopha* »Schwellung« kann jede auffallende Schwellung der Haut an irgend einer Stelle verstanden werden. Nach C. 1, 18 gibt es drei oder sieben Arten von *śotha*, nach den Grundsäften oder den Combinationen derselben, oder zwei Arten, je nachdem sie durch innere oder äussere (*āgantu*) Ursachen entstehen. Solche äussere oder zufällige Ursachen sind Verletzungen jeder Art, Berührung mit Blüten, Früchten oder Saft von *bhallātaka* (Semecarpus Anacardium)¹, stachlige Insekten (*śūka*)², oder giftige Pflanzen, oder der Schweiss, die Haut oder der Urin giftiger Tiere, oder der Biss und Verletzungen durch die Hörner oder Klauen giftiger oder ungiftiger Tiere, oder Meerwasser, giftige Winde oder Brandwunden. Innere Ursachen von *śotha* sind: die unrichtige Anwendung von Arzneimitteln, schwere Formen von Brechanfällen, Cholera, Lepra, Abortus und andere Leiden, schädliche Speisen und Getränke u. a. Gefährlich ist *śotha*, wenn er in der Mitte des Körpers auftritt oder sich überall hin verbreitet, tödlich, wenn er an einer ganzen Körperhälfte auftritt oder sich nach oben hin ausbreitet. Auch ist der Fall hoffnungslos, wenn Asthma, Durst, Erbrechen, Fieber, Schwäche, Appetitmangel, Schlucken, Durchfall und Husten dabei auftreten, wenn die Geschwulst bei Männern von den Füssen, bei Frauen vom Mund ausgeht, oder bei beiden Geschlechtern vom After, wenn sie alt ist, im Bauch, Hals oder an einer gefährlichen Stelle sitzt, gross oder hart ist, oder Kinder, Greise oder schwächliche Personen befällt. Nach C. gehören auch lokale Entzündungen und Schwellungen an der Zunge (*upajihvikā*, *adhijihvikā*), am Hals und Kehlkopf (*galaśuṇḍī*, *galagaṇḍa*, *galagraha*), am Zahnfleisch (*upakuśa*), am Abdomen (*udara*, *gulma*), ferner die Rose (*visarpa*), rote Geschwüre oder Beulen (*piḍakā*), kupferrote, schmerzende Beulen (*alajī*, schon vedisch) und andere zu *śotha*. Die Behandlung ist mehr eine innerliche als äusserliche, auch ist die Diät sorgfältig zu regeln (C. 1, 18; 6, 12; Su. 4, 23; S. 3, 13; 4, 19; A. 3, 13; 4, 17; M. 243—8; Bh. 2, 3, 87 ff.; Vṛ. 39; V. 561—74).
c37.s3.2
¹ Nach DUTT, Mat. Med. 141 wird der ätzende Saft von *bhallātaka* noch jetzt zur Hervorbringung künstlicher Wunden oder Narben benutzt.
c37.s3.3
² Diese *śūka* wurden auch als Stimulantien verwendet, indem man sie dem Penis applicirte; auch andere derartige Stimulantien hiessen daher *śūka*, vgl. Kāmasūtra 369. Die angeblich von diesen *śūka* entstehenden 18 *śūkadoṣa*, Entzündungen und Abscesse an den Genitalien, von denen vier unheilbar sind, bilden ein besonderes Kapitel der indischen Medicin. Vgl. Su. 2, 14; S. 6, 38 f.; A. 6, 33 f.; M. 289 93; V. 645 ff.; Vṛ. 50.
c37.s3.4
Unter *śopha* verstehen Su. S. A. (vgl. auch C. 6, 25, 22 ff.) auch Geschwüre, Eiterbeulen, offenbar das, was in der späteren Pathologie *vraṇaśotha*, d. h. durch ein Geschwür verursachte Geschwulst, heisst (M. K. V. Bh.), vgl. § 78. Es gibt 6 Arten von *śopha* oder *vraṇaśotha*, die auf den Grundsäften, Blut oder äusseren Ursachen beruhen und sich durch ihre Farbe, Consistenz, Schmerzhaftigkeit und Entwickelungsart unterscheiden. Es gibt ferner drei Stadien eines Geschwürs, von denen das unreife (*āma*) durch geringe Hitze und Schmerzhaftigkeit, Kälte, Härte und geringe Erhebung der Geschwulst und unveränderte Färbung der Haut gekennzeichnet wird. In dem reifenden (*pacyamāna*) treten heftige Schmerzen auf wie von Nadel-, Ameisen- oder Skorpionenstichen, Messerstichen, Keulenschlägen, Brennen oder Ätzen u. dgl., der Patient findet keine Ruhe im Stehen, Sitzen oder Liegen, die Geschwulst geht in die Höhe wie ein aufgeblasener Schlauch, die Haut entfärbt sich, es entsteht Fieber, Hitze, Durst und Appetitlosigkeit. In dem reifen Stadium (*pakva*) lassen die Schmerzen nach, die Haut ist weisslich, die Schwellung gering, es entstehen Hautfalten, die Haut springt auf, die Geschwulst lässt sich mit den Fingern niederdrücken, erhebt sich aber dann wieder, die obigen Begleiterscheinungen hören auf, der Appetit kehrt zurück. Zuerst drücke man das Geschwür mit den Fingern zusammen, dann ziehe man Blut daraus durch Blutegel u. dgl., dann lege man Pflaster auf, viertens schneide man es auf, fünftens wende man reinigende Mittel an, sechstens heilende Mittel, schliesslich beseitige man Verunstaltungen (Su. 1, 17, 17 f. — Vṛ. 44, 1 f.). Vor einer Operation lasse man den Kranken essen, damit er nicht ohnmächtig wird, und wenn er an Trinken gewöhnt ist oder keinen Schmerz ertragen kann, gebe man ihm ein starkes Getränk, damit er im Rausch das Messer nicht fühlt (Su. 1, 17, 11 f. — A. 1, 29, 14 f.). Die Unterlassung einer Operation bei einem reifen Geschwür führt dazu, dass der Eiter sich gewaltsam einen Ausweg sucht und eine Fistel bildet, vgl. § 77. Andrerseits entsteht aus dem Aufschneiden eines unreifen Geschwürs starker Blutverlust, Zerstörung des Fleisches, der Adern, Sehnen u. s. w. und andere schlimme Complicationen (Su. 1, 17; S. 1, 38; A. 1, 29; M. 265—7; Vṛ. 44; Bh. 2, 3, 112 ff.; V. 606 ff.).
c37.s3.5
§ 70. Rose, Beulen, Nesselsucht, Masern. — Der *visarpa*, *parisarpa*, »Rose, Rotlauf« (vgl. ved. *visarpaka* SBE. 42, 531, 601) wird auch mit Lepra (*kuṣṭha*) verglichen und der Name darauf zurückgeführt, dass er sich überall hin verbreitet (*sarvato visarpaṇāt* oder *visaraṇāt*, *vividhaṃ sarpati*). Nach C. sind die Entstehungsursachen der übermässige Genuss salziger, sauerer, scharfer, heisser Flüssigkeiten und andere Diätfehler, ferner Wunden, giftige Winde u. a. Bei Wind ist die von *visarpa* ergriffene Stelle braun oder rötlich, geschwollen, überaus schmerzhaft, und wenn man nichts dagegen thut, so bedeckt sie sich mit rasch platzenden, kleinen, rötlichen oder dunkelfarbenen Pusteln, auch tritt Verstopfung und Harnverhaltung ein. Bei Galle ist die ergriffene Stelle kupferrot, grün, gelb, blau, schwarz oder rot, es bilden sich stark brennende und rasch reifende Pusteln. Bei Schleim ist die Stelle geschwollen, nicht sehr rot oder schmerzhaft, die Pusteln reifen langsam, der Ausfluss ist weiss und übelriechend. Bei Wind und Galle sieht die Stelle wie verlöschte Kohlen oder überaus rot aus, die Pusteln gleichen Brandblasen; diese Form heisst *agnivīsarpa* oder *āgneya* »Feuerrose«. Bei Schleim und Galle ist die Stelle mit roten, gelben oder weisslichen Bläschen bedeckt, schmutzfarben, brennend, tief eiternd, ohne Ausfluss; dies ist die unheilbare Form *kardamavīsarpa* »Schmutzrose«. Bei Schleim und Wind bildet sich ein Haufe von sehr schmerzhaften Knoten (*granthimālā*), daher heisst dies *granthivīsarpa* »Knotenrose«. Bei allen drei Grundsäften erfasst die Krankheit alle Glieder und alle Elemente des Körpers und zeigt alle obigen Erscheinungen. Diese Form ist unheilbar, ebenso auch *granthivīsarpa*, wenn dazu die Complicationen: Fieber, Durchfall, Schlucken, Asthma, Erbrechen, Ohnmacht u. a. kommen, und *agnivīsarpa*, wenn das Leiden rasch die edeln Teile ergreift und Betäubung, Schlaflosigkeit oder Schlafsucht, Unruhe, Gliederschmerzen hervorruft. Die drei ersten Formen sind heilbar, doch werden auch bei ihnen schlimme Begleiterscheinungen erwähnt. Die Behandlung der heilbaren Formen soll mit Brechmitteln, Fasten, Purgantien, Blutentziehung u. dgl. beginnen, erst dann soll die äusserliche Behandlung (*kriyā bāhyā*) folgen, mit Salben, kalten Umschlägen, Pflastern u. s. w. Nach obigen Beschreibungen sind unter *vīsarpa* ausser der Rose wohl auch Karbunkel und andere Geschwüre zu verstehen (C. 6, 21; Su. 2, 10; 4, 17; S. 4, 20; A. 4, 18; M. 309—14; Vr. 54; V. 689—95; Bh. 2, 4, 42 ff.).
c37.s3.6
Die *visphoṭa*, *visphoṭaka* »Beulen« sind uns schon als eine Form der Lepra (*kuṣṭha*) begegnet (§ 68). Auch unter den *kṣudraroga* (§ 67) werden sie in S. 6, 36, A. 6, 31 erwähnt, als sehr schmerzhafte Beulen, die noch schlimmer als die Pocken sind. Nach M. gleichen sie Brandblasen, sind mit Fieber verbunden, entstehen aus Blut und Galle und treten entweder nur an einer Stelle oder am ganzen Körper auf. Bei allen drei Grundsäften sind sie in der Mitte eingedrückt, an den Rändern erhaben, hart, ohne viel Eiter, dazu kommt Brennen, Röte, Durst, Geistesverwirrung, Erbrechen, Ohnmacht, Schmerzen, Fieber, Delirium, Zittern, Schläfrigkeit; diese Form ist unheilbar. Auch rote Beulen, die wie Guñjasamen, d. h. rot mit einem schwarzen Tüpfchen oder wie Korallen aussehen, sind unheilbar. Die Behandlung ist wie bei *vīsarpa* zuerst innerlich, dann äusserlich, auch in den Recepten werden oft *vīsarpa* und *visphoṭa* zusammen erwähnt (M. 314—6; Vr. 55; V. 695—9; Bh. 2,,4, 47—50).
c37.s3.7
*Śītapitta* »kalte Galle«, *udarda*, nach WISE und DUTT die Nesselsucht, ist anscheinend der älteren Pathologie noch fremd, doch erwähnen S. 2, 2, A. 2, 2 beim Fieber eine mit einem kalten Ausschlag und *udarda* verbundene Form desselben. Die Krankheit entsteht durch kalten Wind und beginnt mit Durst, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Mattigkeit, Schwere in den Gliedern, Rötung der Augen, worauf sich eine dem Stich einer Wespe gleichende Geschwulst auf der Haut bildet, mit Jucken, Stechen, Erbrechen, Fieber und Hitze. *Udarda* (»Rothlauf, Rose« B.-R.) heisst das Leiden insbesondere, wenn es in der kühlen Jahreszeit auftritt, auf Schleim beruht und durch juckende, runde, in der Mitte eingedrückte Beulen charakterisirt wird. *Koṭha* (»urticaria evanida« DUTT), ein Ausschlag mit vielen runden, juckenden, roten Flecken, entsteht besonders durch ungenügende oder unrichtige Anwendung von Brechmitteln bei verdorbenem Magen; bei wiederholtem Auftreten heisst dieses Leiden *utkotha*. Die Behandlung dieser offenbar als leicht betrachteten Krankheiten ist ähnlich wie bei *visarpa* und *kuṣṭha* (M. 305 f.; Vr. 52; V. 677—9; Bh. 2, 4, 39—41).
c37.s3.8
Auch die Masern, die jetzt in Indien nicht selten epidemisch und mit grosser Sterblichkeit auftreten, sind der älteren Medicin noch nahezu unbekannt. Nur C. erwähnt die *romāntikā* ganz kurz in dem Capitel über *śotha* (6, 12, 55), wo er sie als kleine, am ganzen Körper verbreitete Flecken, mit Fieber, Hitze, Durst, Jucken, Appetitlosigkeit und Übelkeit verbunden, beschreibt; in seiner Aufzählung der Krankheiten (1, 19) fehlen sie. Nach M., der sie als eine Art Pocken behandelt, sind die *romāntī* rote Tüpfchen von gleicher Höhe wie Haarwurzeln; Begleiterscheinungen sind Husten und Appetitlosigkeit, vorher tritt Fieber auf. Auch in den Recepten erscheinen die Masern neben den Pocken (M. 318; Vr. 56; Bh. 2, 4, 55 ff.; V. 701 ff.).
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