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Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c5.s4: § 9. Einzelheiten der Ableitung

Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c5.s4

Language
German

Contents

§ 9. Einzelheiten der Ableitung

c5.s4.1

Die Einzelheiten der Ableitung veranschaulicht die nachstehende Eindruckstafel, deren Zeichen (mit Ausnahme der neuerdings nachgetragenen Nr. 10, C. I, a) in Col. I aus Euting's Tabula Script. Aramaicae (1892), C. 6, 8, 9, 11—12; — in C. II aus E.TSA, C. 13—15, 17, 19; — in C. III—IV aus Tafel I dieses Grundrisses photolithographisch reproducirt sind.

c5.s4.2

A. Entlehnte Zeichen¹.

c5.s4.3

— *Vorbemerkung.* Die Veränderungen der aramäischen Buchstaben sind vorzüglich durch folgende Neigungen und Abneigungen verursacht: 1) eine entschiedene Vorliebe für langgestielte Zeichen mit Ansätzen am oberen Ende und freiem Fusse, zum Zwecke der Anfügung von *u*, *ra* und *anusvāra*, und eine Abneigung gegen Ansätze am Fusse allein, 2) eine Abneigung gegen Köpfe mit mehr als zwei aufwärtsgehenden Linien, oder mit Transversalen durch die oberste Linie, oder mit Strichen, die von der obersten Linie herabhängen, welche alle für die Anfügung der Vocale *i*, *e*, *o* unbequem gewesen wären, 3) das Bestreben, Collisionen zwischen den veränderten Zeichen zu vermeiden. — Nr. 1, *A*, C. III = *Aleph*, C. I, a (Saq-

c5.s4.5.1

qārah) mit cursiver Verwandlung des Kopfes in einen Haken; die Stellung und Grösse des Buchstabens macht eine directe Entlehnung aus C. I, b oder C. II unwahrscheinlich. — Nr. 2, *ba*, C. III = *Beth*, C. I, a—b (Teima, Saqqārah) mit cursiver Curve für Ecke rechts; die cursiven *Beth* der Papyri, C. II, b—c sind abgeschliffener als das Kh.-Zeichen. — Nr. 3, *ga*, C. III = *Gimel*, aus C. I (Teima) oder II (vgl. E.TSA 1 a) mit einer cursiven Schleife rechts und Curve links; ähnliche cursive Schleifen kommen in späten Ligaturen häufig vor, siehe Taf. I, 33, 35—36, XII, und selbst in *ja*, Taf. I, 12, XII. — Nr. 4, *da*, C. III = *Daleth*, aus einer Form, wie C. II, b, die (C. I, a) sich schon um 600 a. Chr. auf assyrischen Gewichten findet. — Nr. 5, *ha*, C. III = *He*, aus einer Form wie C. I, a (Teima) mit Versetzung des herabhängenden mittleren Striches an den Fuss der Curve rechts behufs leichterer Anfügung der Vocalzeichen (s. Vorbem. 2, vgl. Nr. 17). — Nr. 6, *va*, C. III = *Waw*, C. I (Teima, Saqqārah); die Papyri zeigen vorgeschrittenere Formen. — Nr. 7, *ja*, C. III, a = *Zain*, regularisirt aus einer Form wie C. I, a—b (Teima) mit Aufwärtsbiegung der linken Ecke, woraus C. III, b mit Abwurf des Fussstriches (s. Vorbem. 1); die Papyri zeigen bedeutend abgeschliffenere Formen. — Nr. 8, *śa*, Col. III = *Cheth*, C. I (Teima), der Lautwert des *śa* ist einem palatalen xa, wie im deutschen *ich*, sehr ähnlich. — Nr. 9, *ya*, C. III = *Yod*, entweder aus einer Form wie C.

c5.s4.5.2

I, b oder direct aus C. I, a (assyr. Gew.) mit Verlust der Barre rechts (s. Vorbem. 1); analoge Bildungen im Palmyrenischen und Pahlavi (E.TSA, C. 21—25, 30—32, 35—39, 58). — Nr. 10, *ka* = *Kaph*, umgedreht von rechts nach links aus C. I, b (assyr. Gew. und babyl. Siegel u. Gew.) wegen *la* (Nr. 11, C. III) mit Barre an der Spitze zur Unterscheidung von *pa* (Nr. 15); die Zeichen der Papyri weichen ganz ab. — Nr. 11, *la*, C. III = *Lamed*, mit Umstürzung einer Form, wie C. I, a oder c (Teima), infolge der Abneigung gegen Zeichen mit Ansatz am Fusse des Verticalstriches allein (s. Vorbem. 1), sowie mit Brechung und geringer Verschiebung der nun oben stehenden Curve zur Unterscheidung von *A*. — Nr. 12, *ma*, C. III, a—b = *Mem*, verstümmelt aus einer Form wie C. I, a—b (Saqqārah) mit stark gerundetem Kopfe durch Abwurf der Transversallinie (Vorbem. 2) und rudimentäre Andeutung des ursprünglich rechts stehenden Verticalstriches, woraus die in Verbindung mit Vocalen gewöhnliche Halbkreisform der A. Ed., C. III, c; die *Mem* der Papyri, C. II, sind viel abgeschliffener als die *ma* der Kh. — Nr. 13, *na*, C. III, a = *Nun*, C. I, a—b (Saqqārah), woraus das nicht seltene *na* von C. III, b entwickelt ist; die *Nun* der Papyri sind abgeschliffener als die *na* der Kharoṣṭhī. — Nr. 14, *sa*, C. III = *Samech*, C.

c5.s4.5.3

I (Teima), mit Versetzung der schrägen Barre an das linke Ende des Kopfes, von dem sie herabhängt und sich mit dem nach links geschobenen Schwanze vereinigt, analoge Entwicklungen im Nabatäischen (E.TSA 46—47) und im Hebräischen. — Nr. 15, *pa*, C. III, a = *Phe*, C. I (Teima), von rechts nach links gedreht zur Unterscheidung von *A*, und in C. III, b mit Verschiebung der Curve nach unten. — Nr. 16, *ca*, C. III = *Tsade* aus spitzwinkliger Form wie C. I, a—b (Teima), mit Weglassung des zweiten Häkchens rechts (s. Vorbem. 2) und Entwicklung eines Hakens links unter dem Kopfe, weil der Verticalstrich separat gemacht wurde; das analoge *Tsade* in C. II, b ist durch separate Schreibung des rechten Kopfstriches entstanden. — Nr. 17, *kha*, C. III = *Qoph*, aus einer Form wie C. I, a—b (Serapeum), mit Versetzung des mittleren herabhängenden Striches an die Spitze links, um Raum für die Vocale zu gewinnen (Vorbem. 3), analog dem *Qoph* von Teima (E.TSA 10), wo der mittlere Strich an das rechte Ende gehängt ist. — Nr. 18, *ra*, C. III = *Resch*, C. I, a—b (Saqqārah), mit vollständiger Abschleifung der Ecke links. — Nr. 19, *ṣa*, C. III = *Schin*, C. I (Teima), umgestürzt infolge der Abneigung gegen mehr als zwei Aufstriche (Vorbem. 2) und mit Verlängerung des Mittelstriches infolge der Vorliebe für langgestielte Zeichen. — Nr. 20, *ta*, C. III = *Taw*, aus einer Form wie C. I, a (assyr. Gew.) oder C.

c5.s4.5.4

I, b (Saqqārah), mit Versetzung der Barre an die Spitze des Verticalstriches, seitlicher Drehung und Verbreiterung des neuen Zeichens zum Unterschiede von *va* und *ra* (Nr. 6, u. 18, Col. III); die Zwischenstufen zeigen *tha*, C. IV, a, und *ṭa*, C. IV, b, wo die alte Form bewahrt ist, und *ṭa*, C. IV, c, wo die Barre an die Spitze getreten ist, vgl. u. B. 1, c und B. 2.

c5.s4.6

B. Abgeleitete Zeichen. — 1) Die Aspiration. Die Aspiraten werden durch Anfügung einer Curve oder eines Hakens, die wahrscheinlich *ha* repräsentiren (Taylor), oder cursiv durch die eines Striches gebildet, wobei die Gestalt des Originalzeichens mitunter vereinfacht wird. a) Eine Curve oder Haken ist angesetzt, rechts an den Vertical von *ga* in *gha*, 3. C. IV, oben auf den Kopf von *da* in *dha*, 4. C. IV, a, links aufsteigend an das Ende der zweiten Barre des *ṭa*, 20. C. IV, c, in *ṭha*, 20. C. IV, d. b) Ein Haken, Curve oder Strich erscheint rechts vom Längsstrich von *ba* in *bha*, 2. C. IV, a—b, wobei der Kopf von *ba* in eine gerade Linie verwandelt und der Längsstrich nach links geschoben wird, um die Gleichheit mit *ka*, 10. C. III, zu vermeiden. c) Nur durch Striche sind gebildet — mit Ansatz links *jha*, 7. C. IV, und *pha*, 15. C. IV, — mit Ansatz rechts, *cha*, 16. C. IV, *ḍha*, 4. C. IV, c, und *tha*, 20. C. IV, a. In *cha* ist die links herabhängende Linie des *ca* zugleich horizontal gemacht und mit dem Aspirationszeichen zu einem Querstriche vereinigt. In *ḍha* ist der Kopf des *ḍa*, 4. C. IV, b, durch Abschleifung der beiden aufwärts gehenden Striche vereinfacht. *Tha* ist aus dem seitlich umgedrehten, älteren aramäischen *Tāw*, 20. C. I, a, gebildet, indem der Aspirationsstrich die Barre des *Tāw* nach rechts fortsetzt.

c5.s4.7

2) Die Lingualisirung. — Die linguale Tenuis *ṭa* ist aus dem älteren seitlich umgedrehten *Tāw* durch eine kleine Barre gebildet, die in den A. Ed. gewöhnlich rechts und tiefer als die linksseitige steht, 20. C. IV, b. In C. IV, c erscheint das *ṭa* mit der Barre an der Spitze und das Zeichen der Lingualisirung darunter. Diese in den A. Ed. seltene Form muss früher häufig gewesen sein, da sie dem *ṭha* (s. o.) zu Grunde liegt. Das *ḍa*, 4. C. IV, b, gleicht genau dem gewöhnlichen aramäischen *Daleth*, 4. C. I, b, und kann mit diesem identisch sein. Wenn das nach Indien importirte Alphabet zwei Formen für *ḍa*, 4. C. I, a—b, enthielt, so können beide von den Indern entlehnt und die vollere zur Bezeichnung des schwereren Lautes verwendet sein. Es ist jedoch auch möglich, dass *ḍa* durch die Ansetzung des vertical gestellten Zeichens der Lingualisirung an die rechte Seite des *da*, 4. C. III, a, entstanden ist. Auch *ṇa*, 13. C. IV, a, ist durch einen nach unten gehenden Strich aus *na*, 13. C. III, a—b, gebildet; vgl. o. § 4, B. 4, die Verwendung eines kurzen Striches zur Bildung von *O*, *ña*, *ṅa* und *ṇa* der Brāhmī.

c5.s4.8

3) Das *ña*, 13. C. IV, b, besteht aus zwei aneinander gelegten *na*, 13. C. III, a (Thomas). Das eigentlich für ein Schreiberalphabet überflüssige Zeichen ist wohl nur gebildet, weil es in der Brāhmī, dem Alphabete der Paṇḍit vorkam.

c5.s4.9

4) Mittlere Vocalzeichen, Vocallosigkeit, Anusvāra. — Lange Vocale werden nicht bezeichnet und *a* inhärirt, wie in der Brāhmī, jedem Consonanten. Zur Bezeichnung der anderen Vocale dienen gerade Striche, die bei *i* durch die linke Seite der oberen oder obersten Linien der Consonanten gezogen werden, bei *u* links am Fusse stehen, bei *e* schräg auf den linken Teil der obersten Linie und bei *o* schräg unter denselben fallen, vgl. *tho*, 20. C. IV, d, und u. § 11, B. Mit *A* verbunden, dienen dieselben Striche zur Bezeichnung von *I*, *U*, *E* und *O*, 1. C. IV, a—d. Vocallosigkeit bei ungleichartigen, aufeinander folgenden Consonanten wird, wie in der Brāhmī, durch Verschlingung der Zeichen zu Ligaturen ausgedrückt, in denen meist, ausser in Gruppen mit *ra*, das zweite an das untere Ende des ersten gehängt wird. *Ra* dagegen steht immer am Fusse des mit ihm verbundenen Consonanten, auch wenn es vor demselben zu sprechen ist. Für zwei gleiche Consonanten wird, wie in der Brāhmī, ausser bei Nasalen nur einer gesetzt und für Nōnaspirata und Aspirata nur die letztere. Von zwei unmittelbar aufeinander folgenden Nasalen wird der erste, wie in der Brāhmī, durch den Anusvāra ausgedrückt, der an den vorhergehenden Consonanten tritt.

c5.s4.10

Die Inhärenz des *a* in den Consonanten und die Behandlung vocalloser Consonanten ist ohne Zweifel aus der Brāhmī entlehnt (WEBER), wie besonders die sehr genaue Übereinstimmung betreffs der Doppelconsonanten beweist. Auch die Bezeichnung von *i*, *u*, *e*, *o* durch Striche stammt wahrscheinlich aus derselben Quelle. Denn schon in der Brāhmī der A. Ed. kommen *u*, *e*, *o* als einfache Striche und *i* in Girnār, als eine vom Striche wenig verschiedene flache Curve vor, und die Stellung des *i*, *e*, *o* der Kharoṣṭhī am oberen Teile und von *u* am Fusse des Consonanten stimmt mit der Stellung der entsprechenden Zeichen der Brāhmī. Die Bezeichnung von *I*, *U*, *E*, *O* durch die Verbindung von *A* mit den mittleren Vocalzeichen ist der Kharoṣṭhī eigentümlich und einem Streben nach Vereinfachung des Alphabetes zuzuschreiben. Auf indischem Boden bietet das moderne Devanāgarī in seinem ओ und औ und das Gujarātī in seinem એ, *e*, ઐ, *ai*, ઓ, *o* und ઔ, *au* Analogien. In den aus der Brāhmī entlehnten ausserindischen Alphabeten, wie dem tibetischen, wird das Princip der Kharoṣṭhī mitunter vollständig durchgeführt.

c5.s4.11

Der Anusvāra der Kharoṣṭhī ist aus *ma* entwickelt (E. THOMAS) und wird, wie in der Brāhmī, für alle vocallosen Nasale gebraucht. In *maṁ*, 12. C. IV, hat er noch die volle Form des *ma*, wird aber meist cursiv verändert, s. u. § 11, B. 5. Er hängt stets an dem Consonanten, hinter dessen Vocale er zu sprechen ist.¹

c5.s4.12

¹ WZKM 9, 52–65, vgl. I. TAYLOR, The Alphabet, 2. Taf. zu 236 ff.; E. THOMAS, P.IA 2, 147–162; J. HALÉVY, J.A 1885, 252–264.