Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c11: Sechster Abschnitt. Kultus
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c11
- Language
- German
Contents
- c11.s1 A. Allgemeiner Teil — 6 parts
- c11.s2 B. Besonderer Teil — 5 parts
- c11.s3 II. Der Jainismus und die indischen Religionen — 3 parts
- c11.s4 III. Der Jainismus und die nichtindischen Religionen — 361 parts
Sechster Abschnitt. Kultus
A. Allgemeiner Teil
I. Voraussetzung und Gegenstand des Jaina-Kults
c11.s1.t1.1
Die Jainas leugnen das Dasein eines persönlichen Gottes, der die Welt geschaffen hat und regiert, sie glauben nicht, daß die Heiligen, welche die Vollendung erlangten, in die Geschicke der Menschen eingreifen können, sie messen den zahllosen Devas, die in den vielen Himmeln thronen, nur begrenzte Lebensdauer und begrenzte Macht bei. Trotzdem besitzt ihre Religion einen ausgebildeten Kultus, ein reiches Ritual und prächtige Tempel. Der Widerspruch, der für den nur mit den abendländischen Religionssystemen Vertrauten hierin zu liegen scheint, löst sich, wenn man die eigenartige geistige Einstellung in Betracht zieht, von der aus die Jainas ihren Kult betrachtet wissen wollen.
c11.s1.t1.2
Der Zweck aller religiösen Handlungen ist es, die Seele von der ihr anhaftenden Unreinheit, von Karma und Leidenschaft zu befreien und dadurch in ihrem wahren, lauteren, fleckenlosen, seligen Zustand herzustellen. Der Erreichung dieses Zieles dienen alle die vielen Gebote, Gelübde, Kasteiungen, Begehungen und Riten, welche die Tîrthankaras den Gläubigen vorschreiben. Gewiß wenden sich viele nur an den einzelnen, sind nur für den einzelnen bestimmt und nur von dem einzelnen an sich zu verwirklichen. Die psychologische Erkenntnis, daß das Individuum als Glied einer Gemeinde leichter die Widerstände in sich überwindet, welche Schwäche und Gleichgültigkeit der Durchführung religiöser Observanzen entgegensetzen, veranlaßte die Jainas, gleich den Bekennern anderer Religionen, ihre religiösen Übungen gemeinsam, systematisch und unter Einhaltung bestimmter Formen vorzunehmen. Erfahrungsgemäß befeuert aber nichts so stark den Eifer der Gläubigen, als das Beispiel eines Großen, dem der einzelne, soweit dies in seinen schwachen Kräften steht, nachstrebt, der allen seinen Bemühungen als ein Vorbild leuchtet, das er später einmal zu erreichen hofft, den er als Meister verehrt und dem er mit der ganzen Glut seines Herzens in Liebe ergeben ist. Das unerreichte, aber erreichbare Ideal des Jaina ist der weltentrückte Vollendete, der Haß und Liebe überwand, der alle Betörung besiegte und dadurch allwissend wurde. Ein solcher Mensch, der nach restloser Vernichtung des Karma das Nirvâna gewann und dem deshalb alle Wesen dienen, ist allein ein wahrer Gott (Deva), weil er den Gesetzen des Daseins nicht mehr unterworfen ist.
c11.s1.t1.3
Nur der Allwissende, des' Ruhm die Welt durchdrungen,
Weil er die Leidenschaft und Sünde hat bezwungen,
Der alles, was da lebt, in Weisheit unterwiesen,
Der einzig wird als Gott und höchster Herr gepriesen.¹
c11.s1.t1.4
Ein solcher Weltüberwinder und Heilsverkünder, dem selbst die Himmelskönige mit Ehrfurcht nahen, ist allein würdig, als weltentrücktes Vorbild der Menschheit verehrt zu werden und als Wegweiser zur Erlösung zu dienen. Wer ihn ständig vor Augen hat, wer sich immerwährend in seine unendlichen Tugenden und Vorzüge versenkt, der wird dadurch selbst gefördert und erhoben, der nähert sich dadurch langsam, aber sicher dem Zustande, der jenem eignet, der wird ihm ähnlich und darf hoffen, ihm schließlich gleich zu werden. So wie das Erblicken einer schönen Frau das Gefühl der Liebe, das Sehen eines Freundes die Empfindung der Freundschaft weckt, so werden in dem, der sich in Gedanken mit einem Jina beschäftigt oder sich auf sein Abbild konzentriert, Gefühle der Heiligkeit hervorgerufen, durch die sein Inneres geläutert wird. Durch die andauernde Beschäftigung mit den erhabenen Arhats nimmt sein Geist schließlich deren Eigenschaften an, so wie ein Kristall die Farbe eines in seiner Nähe befindlichen Gegenstandes widerspiegelt.
c11.s1.t1.5
Die Verehrung der Tirthankaras hat demnach, der Theorie der Jainas zufolge, keinen objektiven Zweck, sondern nur einen subjektiven: die Tirthankaras selber bedürfen keiner Anbetung, weil sie über alles Irdische erhaben sind, und der Gläubige erhält durch sie keine Gnadenerzeigungen, weil sie in ihrer seligen Vollendung dem Treiben in der Welt keine Aufmerksamkeit schenken; der Jina-Kultus ist aber deshalb segenspendend und heilsnotwendig, weil der, welcher ihn vollzieht, dadurch gebessert und geheiligt wird.
c11.s1.t1.6
Die hier zugrundeliegende Anschauung, daß der, welcher all sein Denken in einen anderen versenkt, schließlich eine so große Wandlung in seinem Wesen erfährt, daß er jenem ähnlich oder schließlich gleich wird, ist echt indisch; deutlich spricht sie sich in dem vielgebrauchten Vedânta-Gleichnis von dem Wurm aus, der dadurch, daß er beständig über die Wespe, die er gesehen, nachsinnt, schließlich selbst zur Wespe wird².
c11.s1.t1.7
Der erhabene Grundgedanke der Jina-Verehrung ist freilich in dieser seiner Reinheit nicht von allen Jainas bewahrt geblieben. Dem gemeinen Mann genügt es nicht, einen Tirthankara zu verehren und um Erleuchtung zu bitten, wenn er sich letzten Endes sagen muß, daß der ganze ihm geweihte Dienst nur eine propädeutische Fiktion ist, die den Verehrenden fördern soll. Er will selber mit dem weltenfernen, seligen Heiligen reden wie zu einem Könige, er will ihm sein Herz ausschütten, seine Leiden bekennen und erhofft von seiner Gnade Hilfe auch in den kleinen und großen Nöten des Lebens. Im volkstümlichen Jaina-Glauben hat die den Arhats dargebrachte Verehrung deshalb oft die Formen des hinduistischen Götterkults angenommen; der Fromme spendet dem Tirthankara Blumen und andere Weihgaben und erwartet von ihm dafür eine entsprechende Gegenleistung. Die rechtgläubigen Jainas verurteilen jedoch einen solchen „do ut des“-Kult als Ausfluß des Irrglaubens und bekämpfen ihn.
c11.s1.t1.8
Verehrt werden alle Tirthankaras, die in den verschiedenen Teilen der Welt erschienen sind, erscheinen oder erscheinen werden. In erster Linie sind es aber selbstverständlich die 24 Tirthankaras, die in unserer Weltperiode in Bharatavarsha auftraten, die sich eines besonderen Kultus erfreuen; nach der Zahl der ihnen geweihten Hymnen und Heiligtümer sind unter ihnen Âdinâtha (Rishabha) der 1., Shântinâtha der 16. sowie die drei letzten Neminâtha, Pârshvanâtha und Mahâvîra die beliebtesten. Von den Tîrthankaras anderer Weltteile genießt vor allem Sîmandhara, der gegenwärtig in Mahâvideha lebt, eine besondere Verehrung.
c11.s1.t1.9
Die Tîrthankaras sind die hervorragendsten unter den 5 „Parameshthîs“ oder Oberhäuptern des Jainismus. Neben ihnen stehen die 4 anderen: die Siddhas oder Vollendeten, die Âcâryas oder Meister, die Upâdhyâyas oder Lehrer und die Munis oder Asketen. Auch diesen wird im Kult die gebührende Ehrbietung erwiesen, wenngleich ihr Dienst infolge des unpersönlichen Charakters, den die Verehrung einer Gruppe mit sich bringt, nicht so hervortritt. Von einzelnen Personen, die zu dieser Gruppe gehören, sind bemerkenswert Bâhubali oder Gommata, der Sohn Rishabhas, von dessen Erlösung S. 268 gesprochen wurde, ferner die Ganadharas, d. h. Schüler der Tîrthankaras, vor allem Gautama. Dazu kommen noch eine Reihe von Heiligen der späteren Zeit, die durch ihre Frömmigkeit dieser Auszeichnung teilhaftig wurden. Auch heilige Frauen gehören zu diesen Kategorien, wie die Mütter der Tîrthankaras und die hervorragenden Nonnen der Legende, die (nach der Anschauung der Shvetâmbaras) die Erlösung erlangten.
c11.s1.t1.10
Alle die bisher besprochenen Gestalten, denen der Jaina-Glaube einen Kultus weiht, sind selige Wesenheiten, die über das Treiben im Sansâra erhaben sind. Außer und neben diesen verehren die Jainas noch andere überirdische Personen, die zwar nicht denselben Grad der Vollkommenheit besitzen wie diese, dafür aber dem irdischen Leben größeres Verständnis entgegenbringen. In erster Linie sind unter ihnen die himmlischen Begleiter der Tîrthankaras zu nennen, ein Yaksha (Geist) und eine Shâsanadevatâ (Göttin der Lehre), die jedem Jina zur Seite stehen und, als sie auf Erden wandelten, ihrer Befehle gewärtig waren. Die Namen der Yakshas und Shâsanadevatâs der 24 Tîrthankaras der gegenwärtigen Weltperiode sind bei den Shvetâmbaras und Digambaras teilweise verschieden. Sie lauten (die Zahl links entspricht der des Tîrthankara, zu dem diese Gottheiten gehören, also 1. Rishabha, 2. Ajita usw., vgl. oben S. 261)³:
c11.s1.t1.11
| | Yaksha | | Shâsanadevatâ |
| | *Shvetâmbara* | *Digambara* | *Shvetâmbara* | *Digambara* |
| 1. | Gomukha | | Cakreshvarî | Rohinî |
| 2. | Mahâyaksha | | Ajitabalâ | Prajnapti |
| 3. | Trinnukha | | Duritâri | Vajrashrinkhalâ |
| 4. | Yaksheshvara | | Kâlikâ | Purushadattâ |
| 5. | Tumbura | | Mahâkâli | Manovegâ (Manogupti) |
| 6. | Kusuma | | Acyutâ (Shyâmâ) | Kâlî |
| 7. | Mâtanga | Varanandi | Shântâ | Jvâlamâlinî |
| 8. | Vijaya | Shyâma | Bhrikutî | Ajitâ (Mahâkâlî) |
| 9. | Ajita | | Sutârakâ | Mânavî |
| 10. | Brahmâ | | Ashokâ | Gaurî |
| 11. | Manuja oder Îshvara | | Shrîvatsâ (Mânavî) | Gândhârî |
| 12. | (Sura-) Kumâra | | Candâ | Vairotî |
| 13. | Shanmukha | | Vijayâ (Viditâ) | Anantamatî |
| 14. | Pâtâla | | Ankushâ | Mânasî |
| 15. | Kinnara | | Pannagâ (Kandarpâ) | Mahâmânasî |
| 16. | Garuda | Kimpurusha | Nirvânî | Vijayâ |
| 17. | Gandharva | | Balâ | Ajitâ |
| 18. | Yakshendra | Kendra | Dhârinî | Aparâjitâ |
| 19. | Kubera | | Dharanapriyâ | Bahurûpinî |
| 20. | Varuna | | Naradattâ | Câmundî |
| 21. | Bhrikuti | | Gândhârî | Kûshmândinî |
| 22. | Gomedha | Sarvâhna | Ambikâ | Padmâvatî |
| 23. | Dharanendra (Pârshvayaksha) | | | Siddhâyikâ |
| 24. | Mâtanga | | | |
c11.s1.t1.12
Die Yakshas und Shâsanadevatâs werden oft neben dem Tîrthankara, zu dem sie gehören, dargestellt. Sie haben das Aussehen von brahmanischen Göttergestalten. Einige von ihnen (wie Brahmâ, Kumâra, Kubera, Varuna, Kâlî, Gaurî) haben ja auch den Namen mit diesen gemein.
c11.s1.t1.13
Als speziell jainistische Gottheiten sind ferner zu nennen die 16 „Göttinnen des Wissens“ (Vidyâdevî). Ihre Namen sind bei den Shvetâmbaras (nach Hemacandra⁴):
c11.s1.t1.14
1. Rohinî, 2. Prajnapti, 3. Vajrashrinkhalâ, 4. Kulishânkushâ, 5. Cakreshvarî, 6. Naradattâ, 7. Kâlî, 8. Mahâkâlî, 9. Gaurî, 10. Gândhârî, 11. Sarvâstramahâjvâlâ, 12. Mânavî, 13. Vairotyâ, 14. Acchuptâ, 15. Mânasî, 16. Mahâmânasikâ.
c11.s1.t1.15
Die Namen von einigen von diesen stimmen mit denen der Shâsana-devatâs überein, besonders denen in der Liste der Digambaras.
c11.s1.t1.16
Den Jainas eigentümlich ist die Verehrung der Indras, d. h. der Könige der Götter der verschiedenen Himmel. Die Zahl derselben wird bei den Shvetâmbaras mit 64⁵, bei den Digambaras mit 100 angegeben⁶; doch passen diese Zahlen nicht zu den oben S. 241 bei Besprechung der Kosmologie angeführten.
c11.s1.t1.17
Die heutigen Jainas verehren auch eine Fülle von Göttern des Hindu-Pantheons. Ich lasse hier die Namen der wichtigsten folgen, welche in Handbüchern des Rituals aufgeführt werden.
c11.s1.t1.18
Als Dikpâlas oder Digadhishas (Beherrscher der Himmelsgegenden) werden in Vardhamânasûris „Âcâradinakara“ (p. 224 b) aufgezählt: Indra, Agni, Yama, Nirriti, Varuna, Vâyu, Kubera, Îshâna, die Nâgas (Schlangengötter), Brahmâ; ein Segensspruch in Sukhalâljîs „Pancapratikramana“ (p. 292) nennt 8 Lokapâlas (Welthüter): Soma, Yama, Varuna, Kubera, Indra, Âditya, Skanda, Vinâyaka (Ganesha). Im „Âcâradinakara“ (p. 223 a) werden verschiedene Götter mit den Mondhäusern in Verbindung gebracht; außer den Namen von schon genannten figurieren hierbei noch: Brihaspati, Pitaras (die Manen), Yoni, Aryamâ, Vishvakarmâ, Mitra, Jala, die Vishvedevas, Vishnu, die Vasus, Ajapâda, Ahirbudhnya, Pûshâ. Zu diesen kommen die Götter der 9 Planeten: Sûrya (Sonne), Candra (Mond), Mangala (Mars), Budha (Merkur), Guru (Jupiter), Shukra (Venus), Shani (Saturn), Râhu und Ketu (auf- und niedersteigender Knoten), sowie die Genien der Tierkreiszeichen und der Mondhäuser (Nakshatra) und schließlich die Schirmherrn von Ländern, Städten und Dörfern (Kshetrapâla; Desha-, Nagara- und Grâmadevatâ).
c11.s1.t1.19
Von den weiblichen Gottheiten sind in erster Linie die sechs Göttinnen Shrî, Hrî, Buddhi, Dhriti, Kîrti und Lakshmî zu nennen, welche nach der Tradition der Digambaras auf den Inseln auf den sechs großen Bergen des Jambûdvipa wohnen⁷, ferner Sarasvatî, die Schirmherrin der Gelehrsamkeit, und die zahlreichen „Muttergöttinnen“. Auch jede Kaste und jede Familie hat ihre Schutzgöttin (Jnâtidevî, Kuladevî). Die Familien-Gottheit der Vishâ Ushvas ist z. B. Ushâ- devî, deren Bild rechts am Eingang von Hathisinghs Tempel in Ahmedâbâd steht⁸.
c11.s1.t1.20
Schließlich ist auch heiligen Tieren, wie den Schlangengöttern, heiligen Bäumen, wie denjenigen, welche den Tîrthankaras heilig sind, heiligen Orten und heiligen Symbolen religiöser Dienst geweiht, auch werden die Tempel, die Bilder, die Bücher zum Gegenstand eines Kults gemacht.
c11.s1.t1.21
Die Verehrung von hinduistischen Gottheiten — in erster Linie Ganesha, Skanda, Sarasvatî, den Müttern sowie auch Bhairon und Hanumân — hat im heutigen Jainatum einen solchen Umfang angenommen, daß der Kult der Tîrthankaras dahinter stark zurücktritt. So berichtet das „Jaina Hostel Magazine“ IV (1923) Nr. 2 p. 60 von Champat Rai Jain aus Delhi, heute einem der eifrigsten Vorkämpfer der Jainalehre: „Obwohl ein Jaina von Geburt, wußte Mr. Champat Rai, gleich so vielen anderen, nichts vom Jainismus, als daß es 24 Götter in ihm gäbe. Die Religion seiner Familie war zweifellos der Jainismus; aber das Familienoberhaupt verehrte fast ausschließlich die Hindu-Gottheit Hanumân, deren Tempel er täglich besuchte, während er den Jaina-Tempel nur dreimal im Jahr, bei festlichen Gelegenheiten, aufsuchte.“ Ähnliche Angaben machen auch die Census-Reports und District-Gazetteers über die Verhältnisse in den verschiedensten Landesteilen. Überall zeigt sich eine starke Hinduisierung des Kultes, gegen welche jetzt von aufgeklärten Jainas mit Eifer angekämpft wird.
c11.s1.t1.22
Die Verehrung der Gottheiten der verschiedensten Art, mögen diese hinduistischen Ursprungs sein oder nicht, unterscheidet sich von dem Kult der Tîrthankaras sehr wesentlich dadurch, daß diese mit den verschiedensten weltlichen Wünschen behelligt werden, wodurch die oben besprochene Theorie des Kults in Fortfall kommt. Vom Standpunkt des strengen Jainatums kann ihr daher nur ein geringer Wert zugeschrieben werden, zumal da alle diese Devas ja nicht unvergängliche, erlöste Wesenheiten sind, sondern nur Seelen, welche für eine große, aber beschränkte Zeit im Besitze einer bedeutenden, wiewohl begrenzten Amtsgewalt sind. Da sich der Kult der Götter nach Form und Inhalt wenig von demjenigen unterscheidet, mit dem die Hindus ihre Götter umgeben, wird in diesem Buche auf ihn nicht ausführlich eingegangen werden, zumal da er von manchen Jainas als unerlaubt bekämpft wird⁹. Wir können uns daher in der Hauptsache darauf beschränken, vom Kult der Tîrthankaras zu sprechen.
c11.s1.t1.23
Wie alles Existierende kann auch ein Tîrthankara nach den vier Gesichtspunkten Nâma, Sthâpanâ, Dravya, Bhâva (vgl. S. 149) betrachtet werden. Nâma-tîrthankara ist dann das, was als Tîrthankara benannt wird, Sthâpanâ-tîrthankara das, was als ein Tîrthankara figürlich dargestellt wird, Dravya-tîrthankara ein Tîrthankara an sich, ohne Rücksicht auf den Zustand, in dem er sich befindet, Bhâva-tîrthankara ein Tîrthankara im Hinblick auf seinen derzeitigen Tîrthankara-Zustand. Dementsprechend lassen sich auch vier Arten der Verehrung eines Tîrthankara unterscheiden. Dadurch, daß der Name eines Tîrthankara ausgesprochen oder gehört wird, erscheint die Gestalt des Propheten vor dem geistigen Auge des Gläubigen, und es werden Gefühle der Ehrfurcht, Heiligkeit usw. in letzterem hervorgerufen. Die Verehrung durch Bilder macht den Tirthankara sinnlich vorstellbar und bringt das Ideal heiligen Menschentums dem irdischen Herzen näher. Der Kult vom Gesichtspunkt des „Dravya“ (Substanz) aus umfaßt alle Seelen, welche ihrem Wesen nach zu Tîrthankaras prädestiniert sind, gleichgültig, welche Stellung sie jetzt einnehmen. Er entspricht also der dem Kronprinzen als einem späteren Könige dargebrachten Ehrerbietung und richtet sich auf zukünftige Tîrthankaras. Die Verehrung vom Gesichtspunkte des derzeitigen Zustandes (Bhâva) aus ist eine solche, wie sie z. B. Mahâvîra von seinen Zeitgenossen erwiesen wurde, als er auf Erden wandelte.
c11.s1.t1.24
Ihren praktischen Ausdruck findet die Verehrung der Jinas in der mannigfaltigsten Weise. Die allgemeine Form des Kults ist die sog. Bhâva-pûjâ, d. h. das Meditieren über den Tîrthankara und das Lobpreisen desselben durch Hymnen. Während diese Art der Verehrung die einzige ist, die von Asketen vorgenommen wird und von manchen Sekten als die einzig berechtigte angesehen wird, werden bei den Laien der bilderverehrenden Shvetâmbaras und Digambaras noch zwei Arten unterschieden: Angapûjâ: das Waschen, Salben und Schmücken der Glieder eines Jinabildes, und Agrapûjâ: das Niederlegen von Früchten, Reis, Süßigkeiten, Lampen, Räucherwerk vor dem Idol des Heiligen. Zu diesen drei Arten der Pûjâ treten dann noch andere hinzu, von denen allen später ausführlich die Rede sein wird.
c11.s1.t1.25
Als die erste und vornehmste Art der Verehrung der Tîrthankaras bezeichnen die Jaina-Texte aber die Befolgung der von den Jinas erlassenen Gebote; nur derjenige, der sie einhält, kann hoffen, sein Karma zu verbessern oder zum Schwinden zu bringen. Die Betonung des ethischen Moments und der Notwendigkeit der Erfüllung bestimmter sittlicher Pflichten tritt, wie wir sehen werden, im Jaina-Kult stark hervor, indem derselbe nicht nur die Vornahme bestimmter Riten verlangt, sondern auch Beichte, Gelübde und Askese in den Kreis der sakralen Handlungen einbezieht.
II. Ausdrucksformen der Andacht
c11.s1.t2.1
1. Gebet, Hymnus, Mantra
c11.s1.t2.2
Im Christentum und in anderen Religionen ist das Gebet die einfachste und am häufigsten in Anwendung gebrachte Form der Andacht. In ihm hält der Gläubige Zwiesprache mit dem Gott, dem er seine Verehrung weiht, er preist ihn und erzeigt ihm seine Liebe und Ergebenheit, trägt ihm seine Leiden vor und erhofft von ihm Erlösung und Rettung oder eine gnädige Erfüllung von Wünschen der verschiedensten Art. Im rechtgläubigen Jainatum hat das Gebet hingegen keine Stätte; da der Jaina nicht an einen Tîrthankara als an einen weltregierenden Gott glaubt, kann er ihn nicht anrufen und von ihm keine Einwirkung auf sein Leben und auf den Weltlauf erwarten. Aus diesem Grunde kann im Jainismus von einem Gebet streng genommen nicht die Rede sein, der Jina-Verehrer kann sich vielmehr nur darauf beschränken, die in fleckenloser Reinheit erstrahlenden Arhats in Liedern und Sprüchen zu feiern, und sich bemühen, ihnen nachzueifern. Wie schon bemerkt wurde, ist dies aber im populären Jainismus vielfach nicht eingehalten worden.
c11.s1.t2.3
Dem Lobpreis der Heiligen dienen eine Fülle von Liedern und Sprüchen. Die kürzeste Formel, in welcher sich die den Heiligen zu schuldende Ergebenheit ausdrückt, ist der im Prâkrit abgefaßte „Parameshthî-Mantra“, der täglich mehrere Male von jedem Jaina wiederholt wird. Sie lautet:
c11.s1.t2.4
„Namo Arihantânam, namo Siddhânam, namo Âyariyânam, namo Uvajjhâyânam, namo loe savva-Sâhûnam!“
c11.s1.t2.5
„Verehrung den Arhats, Verehrung den Vollendeten, Verehrung den Meistern, Verehrung den Lehrern, Verehrung allen Mönchen in der Welt!“
c11.s1.t2.6
Diese Formel, die sich an die 5 „Parameshthîs“, d. h. Oberhäupter des Jainismus richtet, besteht aus 35 Silben. Sie kann in der verschiedensten Weise auf 16, 6, 5, 4, 2 oder 1 Silbe verkürzt werden, nämlich
c11.s1.t2.7
„Arihanta Siddha Â(y)iriyâ Uvajjhâyâ Sâhû“ = 16 Silben.
c11.s1.t2.8
„Arihanta Siddhâ“ oder „Arihanta Si Sâ“ oder „Om namo Siddhânam“ = 6 Silben.
c11.s1.t2.9
„A Si  U Sâ“ = 5 Silben.
c11.s1.t2.10
„Arahanta“ oder „A Si Sâhû“ = 4 Silben.
c11.s1.t2.11
„Siddha“ oder „A Sâ“ oder „Om nhî“ = 2 Silben.
c11.s1.t2.12
„Om“ = 1 Silbe.
c11.s1.t2.13
Der zuletztgenannte Mantra, der in der Mystik aller indischen Schulen eine große Rolle spielt, wird von den Jainas als eine Kontraktion der Silben A + A +  + U + M erklärt. Das erste A bedeutet die Arhats, das zweite A die Asharîras (Körperlosen), d. h. die Siddhas, das  die Âcâryas oder Meister, das U die Upâdhyâyas oder Lehrer, das M schließlich die Munis (= Sâdhus) oder Asketen. Der Parameshthî-Spruch gilt als der bedeutendste und heilbringendste von allen; dies spricht ein Vers aus, der oft nach ihm rezitiert wird und der in deutscher Übersetzung lautet: „Diese den Fünf geweihte Huldigung vernichtet alle Sünden, unter allen Segenssprüchen ist sie der erste Segensspruch.“
c11.s1.t2.14
Während der Parameshthî-Mantra allen 5 Gruppen von Oberhäuptern des Jaina-Glaubens zugleich geweiht ist, wenden sich andere Lieder und Sprüche nur an die eine oder andere Gruppe oder an einzelne Mitglieder einer solchen.
c11.s1.t2.15
Den 24 Tîrthankaras der gegenwärtigen Weltperiode sind eine Reihe von Hymnen in gebundener und ungebundener Rede gewidmet. Einer der berühmtesten, der im Ritual viel Verwendung findet, ist der sog. „Shakra-stava“, der Lobpreis der Indras, nach seinen Anfangsworten auch „Namotthu nam“ genannt. In diesem werden die Arhats mit allen ihren Titeln, als Tîrthankaras, als Jinas, als Buddhas gepriesen und mit einer Fülle von schmückenden Beiworten beehrt, als da sind: „Löwen unter den Menschen, Lotosblumen unter den besten Menschen, Duftelefanten unter den besten Menschen, Kaiser der vier Himmelsrichtungen des besten Gesetzes“ usw. Der mit den Worten „Logassa“ beginnende, in metrischer Form abgefaßte Prâkrit-Hymnus feiert die Tîrthankaras als die großen Welterleuchter und führt ihre Namen der Reihe nach auf. In ausführlicher Weise haben spätere Dichter in Sanskrit und den neuindischen Sprachen den 24 Propheten gehuldigt, indem sie einen jeden von ihnen in je einer oder in mehreren Strophen behandelten.
c11.s1.t2.16
In ähnlicher Weise, wenn auch nicht so oft und so überschwänglich, werden auch die anderen Parameshthîs gefeiert, die Siddhas, die Meister, die Sâdhus, ferner die Shrutadevatâ, die Kshetradevatâ, die Yakshas usw. Auch Heiligtümer werden gebührend verherrlicht: das berühmte „Jam kinci-Sûtra“ preist alle Tîrthas und Jina-Bilder im Himmel, in der Unterwelt und in der Menschenwelt, und das „Jâvanti ceiâm Sûtra“ alle Caityas in Über-, Unter- und Tierwelt. Auch der Jaina-Lehre selbst sind Hymnen und Sprüche gewidmet. So lautet eine viel verwendete Strophe:
c11.s1.t2.17
„Glückverheißende Segensspenderin,
Wurzel der Tugenden, die ich verehre,
Reinsten Glaubens Vollenderin,
Siegreich blühe die Jaina-Lehre.“ ¹⁰
c11.s1.t2.18
Schließlich gibt es auch noch Verse, welche der ganzen Welt Segen spenden. Ein solcher heißt:
c11.s1.t2.19
„Heil und Segen sei der Welt gegeben,
Möge jeder nach dem Höchsten streben,
Jeder Fehler, jeder Mangel schwinden
Und die Menschheit Glück und Frieden finden.“ 11
c11.s1.t2.20
Eine Fülle von Formeln in Prosa werden in den Ritualbüchern aufgeführt, die dazu dienen sollen, irdisches und überirdisches Heil herbeizuführen oder böse Einflüsse fernzuhalten.
c11.s1.t2.21
Im Gegensatz zu den bisher genannten Mantras, deren Worte, mögen sie dem Sanskrit, dem Prâkrit oder anderen Sprachen entstammen, aus sich heraus verständlich sind, bestehen andere aus einer oder aus mehreren Silben, denen keine eigentliche sprachliche Bedeutung innewohnt, denen vielmehr ein nur dem Eingeweihten erschließbarer Sinn zugeschrieben wird. Zu diesen mystischen Silben gehört der bereits erwähnte Laut „Om“, dessen Erklärung oben mitgeteilt wurde. Andere derartige Formeln sind: hrâm, hrîm, hrûm, hrah, yah, kshah, phut, ram, rîm, raum, rah, svâhâ. Derartige Silben finden im Ritual vielfach Verwendung; sie werden nicht nur hergesagt, sondern auch aufgeschrieben; so werden bei einer Shânti-Zeremonie die folgenden Mantras gesprochen und auf die nachstehend genannten Körperteile aufgetragen: auf den Kopf „shrîm“, auf die Stirn „bhrûm“, auf die Brauen „hrîm“, auf die Augen „hrîm“, auf die Nase „aim“, auf die Ohren „hrîm“, auf den Hals „hrîm“, auf das Herz „hrûm“, auf die Arme „khrâm“, auf den Bauch „klîm“, auf den Nabel „hah“, auf das Geschlechtsglied „hvâm“, auf die Beine „yah“, auf die Füße „blûm“. 12
c11.s1.t2.22
2. Meditation
c11.s1.t2.23
Jeder Jaina soll mindestens einmal täglich meditieren. Gewöhnlich geschieht dies 48 Minuten lang am Morgen, doch bringen manche das Doppelte oder Dreifache dieser Zeit mit frommer Beschauung zu oder wiederholen diese auch am Nachmittag und am Abend. Zweck der Übung ist es, den Geist von allen irdischen Begierden und Leiden zu isolieren und in einen Zustand gleichmütiger Stille und Heiterkeit zu versetzen. Dieser Akt, der technisch Sâmâyika heißt, kann in der Einsamkeit, zu Hause, in einem Upâshraya oder in einem Tempel vorgenommen werden, allein und mit dem Gesicht nach Nordosten gewendet, oder vor einem Guru oder einem Jina-Bild.
c11.s1.t2.24
An die Stelle der Versenkung kann auch die Lektüre eines heiligen Buches oder das Anhören einer Predigt treten.
c11.s1.t2.25
Während der Jaina-Laie der Meditation gewöhnlich nur eine kurze Zeit am Tage widmet, hat derjenige, welcher in der geistigen Entwicklung fortschreiten will, um schließlich die Erlösung von den Wiedergeburten zu erlangen, häufig und systematisch sich der Versenkung hinzugeben.
c11.s1.t2.26
Die Voraussetzung für das Gedeihen der Meditation ist Gleichgültigkeit gegen alles Irdische und eine lautere Gesinnung. Der Meditierende soll von Wohlwollen (Maitrî) zu allen Wesen erfüllt sein, ihnen allen Gutes wünschen; er muß Erbarmen und Mitleid (Kârunya) mit allen Unglücklichen und Bedrängten hegen, an den Tugenden der Heiligen und an allem, was gut ist, freudiges Interesse (Pramoda) nehmen und vollkommene Unparteilichkeit (Mâdhyasthya) auch seinen Gegnern gegenüber bewahren 13.
c11.s1.t2.27
Die verschiedenen Arten der Meditation, welche die Jainas unterscheiden, sind bereits oben S. 210 besprochen worden; an dieser Stelle seien noch die praktischen Beispiele von Meditationen angeführt, welche in den Jainatexten gegeben werden 14. Danach lassen sich die folgenden Meditationen unterscheiden:
c11.s1.t2.28
1. Pindastha-dhyâna: der Meditierende sucht das transzendente Wesen der Seele dadurch zur Vorstellung zu bringen, daß er das Denken der Reihe nach auf bestimmte Bilder, die zu den Elementen in Beziehung stehen, fixiert. Die fünf „Festlegungen“ (Dhâranâ) sind:
c11.s1.t2.29
a) Pârthivî Dhâranâ: der Meditierende stellt sich die Erde als einen ruhigen, wogenfreien Milchozean vor. In der Mitte von diesem denkt er sich einen tausendblätterigen, goldenen Lotus von der Größe des Jambûdvîpa. Im Lotus befindet sich eine köstliche Samenkapsel, vergleichbar einem goldenen Berge, und im Zentrum davon ist ein prächtiger Thron von Silber, glänzend wie der Mond in der Herbstnacht. Der Kontemplierende denkt sich dann, er selber sitze auf diesem Thron, völlig ruhig und abgeklärt, frei von Liebe und Haß, und gerüstet, die Karmas niederzuringen.
c11.s1.t2.30
b) Âgneyî Dhâranâ. Der Meditierende stellt sich einen glänzenden, sechzehnblätterigen Lotus vor, der aus seinem Nabel hervorwächst. Auf den Blättern stehen die 14 Vokale des Devanâgarî-Alphabets (a, â, i, î, u, û, ri, rî, li, lî, e, ai, o, au) und die Laute am und ah, in der Samenkapsel der große Mantra „arham“. Aus dem „r“ des letzteren bricht erst Rauch hervor, dann Funken und schließlich ein brennendes Feuer. Die Flamme wächst dauernd und verbrennt die im Herzen befindliche Lotusblume mit den 8 Blättern, welche die 8 Karmas darstellen. Dann denkt der Meditierende an eine Flamme von der Form eines Dreiecks mit dem Svastika an seiner Spitze. Diese goldglänzende, rauchlose Flamme, die, unverlöschbar wie das Höllenfeuer, sich außerhalb des Körpers befindet, wird vom Winde auf diesen hingetrieben und verbrennt ihn von außen, während das Feuer auf dem Lotus ihn von innen durchglüht. Schließlich sind der Körper und der Lotus ganz von dem Feuer verzehrt worden, und es bleibt nur Asche übrig.
c11.s1.t2.31
c) Mârutî Dhâranâ. Der Meditierende denkt sich, daß die Asche, die von dem Brande übrig blieb, durch einen großen Sturm verstreut wird.
c11.s1.t2.32
d) Vârunî Dhâranâ. Der Meditierende stellt sich des weiteren einen großen Wolkenbruch mit Donner und Blitz und eine Wasserflut, die den ganzen Weltraum überschwemmt, vor; durch die Wasser wird der ganze Staub seines Leibes fortgewaschen.
c11.s1.t2.33
e) Rûpavatî Dhâranâ. Schließlich denkt der Meditierende an sich selbst als einen reinen Geist, losgelöst von den 7 Grundbestandteilen des physischen Leibes. Mit göttlichen Vollkommenheiten begabt, sitzt er, glänzend wie der Mond, auf einem Löwenthron, und Götter und Dämonen beugen sich vor seiner Herrlichkeit.
c11.s1.t2.34
2. Padastha-dhyâna ist die Meditation über bestimmte heilige Silben (Mantra, vgl. S. 367).
c11.s1.t2.35
3. Rûpastha-dhyâna ist die Meditation, welche den Tîrthankara zum Gegenstand nimmt. Derselbe wird vorgestellt als mit allen Vollkommenheiten versehen, auf einem Thron sitzend, während ihn dienstbare Geister mit Yak-Wedeln fächeln, wenn er Göttern und Menschen die Lehre predigt.
c11.s1.t2.36
4. Rûpâtîta-dhyâna. Diese Meditation betrachtet das wahre Wesen der Seele des Meditierenden, stellt diese als rein geistig vor, als immateriell und in allem der der Siddhas gleich.
c11.s1.t2.37
3. Posituren und körperliche Übungen
c11.s1.t2.38
Beim Meditieren hat der Jaina seinen Körper in bestimmte Stellungen zu versetzen. Der Zweck dieser Vorschrift leuchtet sofort ein; durch Einnehmen einer bequemen Positur soll für den in tiefes Nachsinnen Versunkenen jeder Gedanke an den Leib ausgeschaltet werden, so daß sich der Geist ganz und gar dem Überirdischen zuwenden kann. Die Meditationsstellung heißt Kâyotsarga (Kâya = Leib, utsarga Von-sichwerfen), weil in ihr eine Loslösung des Psychischen vom Physischen eintreten soll. Gewöhnlich besteht sie darin, daß der Kontemplierende sich mit gekreuzten Beinen niedersetzt und die lose herabhängenden Arme in den Schoß legt. Hierbei wird eine Formel gesprochen, in welcher der Fromme sagt, er wolle jetzt alle körperlichen Funktionen zum Stillstand bringen, um seine Seele zu reinigen. Während der Zeit, während welcher Kâyotsarga geübt wird, hat er sich aller willkürlichen Bewegungen zu enthalten; unwillkürliche Bewegungen, welche für den Körper notwendig sind (wie Atmen u. ä.) oder welche sich nicht verhindern lassen (wie Blinzeln, Husten usw.), gelten nicht als Unterbrechung des Kâyotsarga.
c11.s1.t2.39
Außer in der gewöhnlichen hockenden Stellung kann der Geist auch in anderen Konzentration finden. So können Meditierende auch stehend in den Zustand der Vertiefung gelangen; dann werden die Arme steif nach unten gehalten, die Kniee zusammengepreßt, die Füße etwa vier Finger breit auseinandergesetzt und die Zehen vorgestreckt. Außer diesen beiden hauptsächlichsten Posituren gibt es noch eine Reihe anderer, die sich in Einzelheiten von den genannten unterscheiden ¹⁵. Große Bedeutung wird namentlich der Stellung der Hände beigelegt; die Gestikulationen (Mudrâ) spielen im Kult eine große Rolle, und die Lehrbücher des Rituals führen eine große Zahl von ihnen auf, die bei bestimmten Gelegenheiten Verwendung zu finden haben ¹⁶.
c11.s1.t2.40
Eine Handbewegung, welche vor Beginn des Sâmàyika auszuführen ist, ist das sog. Âvartana; mit den Händen wird vor dem Gesicht ein Halbkreis vom linken Ohr zum rechten beschrieben, was als ein Ausdruck der den Tîrthankaras oder Gurus erwiesenen Verehrung betrachtet wird.
c11.s1.t2.41
Im Kultus gelangen ferner eine Reihe von anderen Körperbewegungen in Anwendung; Verneigungen, Kniebeugen und ähnliches, die alle nach genau festgesetzten Regeln vorzunehmen sind.
c11.s1.t2.42
Unter den körperlichen Übungen ist schließlich noch die Atemregulierung (Prânâyâma) zu nennen, die von den Jainas in Übereinstimmung mit den Yogîs der Hindus ausgeführt wird. Nach Hemacandra gibt es 5 Arten des Atems, die in verschiedenen Körperteilen lokalisiert sind. „Der Prâna hat seinen Sitz in der Nasenspitze, in der Brust, im Nabel und in der Spitze der großen Zehe, Apâna im Nacken, im Rücken, im Kreuz und in den Hacken, Samâna in den Gelenken, in der Brust und im Nabel, Udâna zwischen Kopf und Brust, Vyâna in der ganzen Haut“ ¹⁷. Durch die Regulierung des Atems soll das Adernsystem des Leibes gereinigt und die vollständige Gewalt der Seele über den Leib erlangt werden.
c11.s1.t2.43
Hervorgehoben zu werden verdient, daß Frauen, besonders Nonnen, die Vornahme einer Reihe von körperlichen Übungen, namentlich das Einnehmen bestimmter Posituren, die den Männern anempfohlen werden, verboten ist ¹⁸, weil dadurch die Sinnlichkeit gereizt werden könnte.
c11.s1.t2.44
4. Beichte und Buße
c11.s1.t2.45
Das Bereuen der Sünden, die bewußt oder unbewußt begangen wurden, bildet einen wesentlichen Teil der Andachtsübungen der Jainas. Die große Bedeutung, die der Beichte (Pratikramana) beigelegt wird, tritt sehr klar schon darin hervor, daß die Gesamtheit der der Erbauung dienenden Handlungen mitunter als „Pratikramana“ bezeichnet wird und daß Ritualbücher den Titel „Pratikramana“ führen.
c11.s1.t2.46
Die Form, in der gebeichtet wird, ist sehr verschieden. Die Beichte besteht vielfach in dem Hersagen bestimmter Formeln, in welchen Vergehen schematisch aufgezählt werden und der Fromme seine Reue kundgibt. Bei jeder der täglichen Meditationen (Sâmâyika) hat der Fromme zu sagen: „Von früher begangener Sünde komme ich zurück, ich tadle sie, ich bereue sie, ich sage mich von ihr los.“ In einer viel verwendeten Formel, die mit den Worten „Sât-lâkh“¹⁹ beginnt, werden die 8 400 000 verschiedenen Arten von lebenden Wesen ihren Klassen nach (also 700 000 Erdwesen, 700 000 Wasserwesen usw., s. oben S. 224) aufgeführt; der Beichtende sagt dann, wenn er mit Geist, Rede, Leib eines von diesen Wesen verletzt habe oder andere habe verletzen lassen oder geduldet habe, daß ein anderer sie verletze, so sei ihm dies leid. Diese Form, für begangene Verstöße gegen das Gebot der „Ahinsâ“ generelle Abbitte zu leisten, ist vielfach die einzig mögliche, da ja niemand wissen kann, wie viele Insekten oder Elementarwesen er beim Gehen verletzt oder getötet hat, selbst wenn er, wie dies für die Asketen vorgeschrieben ist, noch so sorgsam auf den Weg achtet. Eine andere, bei den Shvetâmbaras viel gebrauchte Formel führt die 18 Quellen der Sünde (athârah pâpsthân) auf, als da sind die Verletzung der kleinen Gelübde (S. 202), die Leidenschaften usw., und schließt mit einer Beteuerung der Reue²⁰.
c11.s1.t2.47
Neben dieser generellen Beichte kennen die Jainas auch die Ohrenbeichte (Âlocana), bei welcher spezielle Sünden aufgeführt werden. Diese Beichte legt der Laie seinem Guru oder einem anderen Mönche, der Asket seinem Oberen gegenüber ab. Die Häufigkeit der Ablegung der Beichte hängt von der Frömmigkeit des einzelnen ab; Mönche und Nonnen beichten natürlich häufiger als Laien. Manche Laien beichten täglich, andere nur alle 14 Tage, alle vier Monate oder nur alle Jahre. Die Beichte am letzten Tage des Jahres ist das Allermindeste, was ein Jaina zu tun hat, doch empfiehlt es sich, möglichst oft seine Sünden zu bekennen, weil dadurch die Anhäufung von Karma verhindert wird.
c11.s1.t2.48
Zur Sühnung der begangenen Sünden legt der Guru dem Beichtenden gewisse Bußen (Prâyashcitta) auf. Die Buße besteht gewöhnlich in der Ausführung bestimmter Kulthandlungen, in der Übernahme besonderer Kasteiungen u. ä. Eine besondere Bedeutung haben die Bußen bei den Mönchsorden. Hier sind auch für die kleinsten Vergehen die zu verhängenden Strafen genau festgesetzt. Wenn einer seine Wohnung oder Kleidung nicht der Vorschrift gemäß säubert, eine Formel zu sprechen vergißt, beim Essen oder Studieren einen Fehler begeht, so wird ihm der Genuß bestimmter Gerichte oder Zutaten oder gar das Einnehmen einer bestimmten Zahl von Mahlzeiten untersagt. Für schwerere Vergehen treten strengere Strafen ein: ein Mönch wird für einen bestimmten Zeitraum in Verruf erklärt, ihm darf kein Gruß erwiesen werden, und er darf nicht reden. In bestimmten Fällen tritt Kürzung der geistlichen Anziennität u. a. ein. Eine Nonne hat schwerer zu büßen als ein Mönch, ein Vorgesetzter schwerer als seine Untergebenen 21.
c11.s1.t2.49
5. Entsagung und Kasteiung.
c11.s1.t2.50
Beim täglichen Sâmâyika erklärt der Jaina stets: „Ich entsage tadelnswerter Betätigung. Solange ich diese Observanz beobachte, will ich auf dreifache Weise: mit Geist, Wort und Leib die zweifache Entsagung üben, daß ich keine tadelnswerte Tat ausführe oder durch einen anderen ausführen lasse.“ Im Anschluß an die Meditation nimmt der Fromme oft die Verpflichtung auf sich, sich von 4 Arten von Nahrung (Speise, Trank, Früchte, Gewürze, z. B. Betel) zu enthalten; diese „Entsagung“ (Pratyâkhyâna) erstreckt sich auf eine oder mehrere Stunden, auf den ganzen Tag oder länger.
c11.s1.t2.51
Bereits bei der Behandlung der ethischen Lehren der Jainas wurde ausgeführt, daß der Laie von einer Reihe von Handlungen abstehen muß und daß es als ein verdienstliches Werk gilt, wenn er das Gelübde auf sich nimmt, gewisse Dinge nicht zu verwenden. Derartige „Vratas“ stehen in enger Verbindung mit dem Kult, weil sie oft in feierlicher Weise bei Gelegenheit von Festen übernommen werden.
c11.s1.t2.52
Außerordentliche Bedeutung messen die Jainas der Kasteiung (Tapas) bei; die hohe Wertung derselben für die Reinigung der Seele und die Vernichtung des Karma ist seit der ältesten Zeit eine besondere Eigenart des Jainismus, der sich darin von dem Buddhismus sehr wesentlich unterscheidet. Die am meisten geübte Kasteiung ist das Fasten, das zu einem vollständigen System ausgebildet worden ist. Von dem Verzicht auf bestimmte Speisen, wie Leibgerichte, die jemand besonders gern genießt, bis zur allmählichen Einschränkung der Nahrungsaufnahme, von der zeitweiligen oder periodisch betriebenen Enthaltung von jeder Nahrung bis zur vollständigen Entsagung, die den Hungertod zur Folge hat, gibt es eine Fülle von Stufen der verschiedensten Art des Fastens, die in den Ritualbüchern mit großer Ausführlichkeit unter Zuhilfenahme von Tabellen dargestellt werden. Was die Jainas im Fasten zu leisten vermögen, lehrt das Beispiel des siebenundvierzigjährigen Asketen Sundarlâlji, der im Jahre 1923 nicht weniger als 81 Tage lang in Ghatkopar keine Nahrung zu sich nahm, nachdem er in den vorhergehenden Jahren 61 bzw. 44 Tage hintereinander gefastet hatte 22.
c11.s1.t2.53
6. Yoga
c11.s1.t2.54
Der Yoga ist die systematische Zusammenfassung der verschiedenen körperlichen und geistigen Übungen zum Zweck der Befreiung der Seele vom Materiellen mit dem Endziel der Gewinnung der Erlösung. Wie im Hinduismus und im Buddhismus wird auch im Jainatum dem Yoga eine außerordentliche Bedeutung beigemessen; er ist die höchste aller religiösen Observanzen, der beste aller Wunschbäume, der größte aller Wunschedelsteine 23. Der Jaina-Yoga ist in vielen Punkten von dem brahmanischen abhängig; der bedeutendste Yoga-Lehrer der Shvetâmbaras, Haribhadra, zitiert Patanjali mehrfach und betont ausdrücklich seine Übereinstimmung mit ihm. Im einzelnen aber ist der Yoga der Jainas ihrer metaphysischen Einstellung entsprechend und im Zusammenhang mit der Lehre von den drei heilfördernden Prozessen (S. 193), von den Zuständen der Seele (S. 185) und den Gunasthânas (S. 195) entwickelt worden. Über das Wesen des hinduistischen Yoga habe ich ausführlich in meinem Buche „Der Hinduismus“ S. 289—300 gehandelt; vieles von dem dort Gesagten findet auch auf den Jaina-Yoga Anwendung, weshalb ich mich hier damit begnügen darf, darauf zu verweisen; an dieser Stelle kann ich mich auf eine kurze Darstellung der den Jainas eigentümlichen Lehren beschränken.
c11.s1.t2.55
Ebenso wie die Meditation eine weltliche und eine weltabgewandte sein kann (S. 210), so werden auch zwei Arten des Yoga unterschieden, je nachdem er Weltliches zum Ziele hat, mit den Leidenschaften verknüpft und mit der Bindung von Karma verbunden ist oder auf die Erlangung des Nirvâna, die Loslösung von allen Trieben, die Vernichtung alles Karma gerichtet ist. Der letztere, der wahre Yoga, besteht in Verinnerlichung, Reflexion, Meditation, Gleichmut und Hemmung der Karma hervorrufenden Regungen des Denkens. Er hat 8 Glieder: 1. Zucht (Yama), d. h. Nichtschädigung anderer Wesen, Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen, Keuschheit, Nichtannahme von Geschenken; 2. Beherrschung (Niyama), nämlich Reinlichkeit, Genügsamkeit, Askese, Studium, Ergebenheit gegen die Meister; 3. Einnahme bestimmter Posituren (Âsana, S. 372); 4. Atemregulierung (Prânâyâma, S. 373); 5. Zurückziehung der Sinnesorgane von den Objekten (Prâtyâhâra); 6. Sammlung, Festlegung des Denkens auf einen bestimmten Punkt (Dhâranâ); 7. Meditation (Dhyâna) und 8. Versenkung (Samâdhi).
c11.s1.t2.56
Ein jedes dieser Glieder findet seine vollendete Ausbildung auf einer der 8 Stufen oder „Schauungen“ (Drishti²¹), welche das allmähliche Hinauswachsen der Erkenntnis über die indifferenzierte getrübte „Schauung“ (Ogha-drishti) des gewöhnlichen, undisziplinierten Menschen hinaus repräsentieren. Auf der untersten Stufe, „Mitrâ“, wird durch die Ausübung der Zucht der Keim des Yoga gelegt; die Erleuchtung ist hier nur gering, wie ein Strohfeuer. In der 2. Schauung „Târâ“, ist die völlige Beherrschung gewonnen, die Erkenntnis gleicht dem Feuer, das durch Entzündung von Kuhmist entstanden ist. Auf der 3. Stufe „Balâ“, charakterisiert durch vollkommene Erfahrung in der rechten Sitzart, wird die Erleuchtung mit dem Feuer von Hölzern verglichen; auf der 4., „Dîprâ“, welche durch die völlige Atemregulierung gekennzeichnet ist, entspricht das Wissen dem Glanz einer Fackel. Von diesen vier ersten „Schauungen“ kann der Yoga Übende wieder „herabstürzen“²⁵, da die Loslösung der Seele von allem Irdischen auf ihnen noch zu gering ist, um einen dauernden Erfolg zu verbürgen; bei den folgenden vier ist dies jedoch nicht mehr der Fall. Auf diesen Stufen, auf denen vollkommene Zurückziehung der Organe, Sammlung, Meditation und Versenkung erreicht wird, wächst die Erleuchtung ununterbrochen. Auf der 5. Stufe „Sthirâ“ gleicht sie dem Glanz von Edelsteinen, auf der 6., „Kântâ“, dem Leuchten der Sterne, auf der 7., „Prabhâ“, dem Strahlen der Sonne, auf der 8., „Parâ“, dem kühlen und milden Licht des Mondes. Die letzte Schauung ist, wie ihr Name besagt, die höchste; bei ihr sind die Karmas geschwunden, die Wissen, Schauen, Wandel und Energie der Seele verhüllten, die völlige Erkenntnis ist erreicht und die Erlösung gesichert.
c11.s1.t2.57
Die Erlangung der Meisterschaft im Yoga ist mit der Gewinnung übernatürlicher Kräfte verbunden; der Yogî läutert nicht nur seinen Geist, sondern erringt transzendente Fähigkeiten verschiedener Art, so kann er z. B. seine Seele von der Verbindung mit dem Leibe lösen und sie in einen anderen Körper eindringen lassen. Von dem berühmten Digambara-Lehrer Kundakunda wird in einer Inschrift berichtet, er habe, um zu zeigen, daß die Materie weder in seiner Seele noch an seinem Leibe hafte, vier Angulas hoch über dem Erdboden gehen können, ohne diesen zu berühren²⁶. Alle derartigen Wunderkräfte werden jedoch von dem Weisen nicht um ihrer selbst willen erstrebt, sein Ziel ist vielmehr die völlige Befreiung der Seele vom Stofflichen, die Vernichtung des Karma und das Nirvâna.
III. Seelsorge
c11.s1.t3.1
Die Seelsorge wird bei den Jainas von den Mönchen und Nonnen wahrgenommen, in erster Linie natürlich von den Mönchen. Durch Predigt und Schrifterklärung, durch erbaulichen Zuspruch und gutes Beispiel, durch Abnahme von Beichten und Auferlegung von Bußen suchen sie die Mitglieder der Gemeinde in ihrem sittlichen und religiösen Leben zu fördern. Die Dankbarkeit, welche die Schüler, mögen sie Geistliche oder Laien, Männer oder Frauen sein, ihrem Guru (Lehrer) für die erhaltene Unterweisung entgegenbringen, kennt keine Grenzen. In der Geschichte wird von vielen Jaina-Herrschern berichtet, die ihren Guru in überschwenglicher Weise auszeichneten und ehrten, und zahllose Legenden wissen davon zu erzählen, welch großen Lohn im Diesseits und Jenseits diejenigen ernteten, die ihrem Lehrer wie den Angehörigen des geistlichen Standes überhaupt die ihnen gebührende Ehrerbietung zeigten. Die Ehrerbietung gegen den Guru ist allen Jainas speziell zur Pflicht gemacht und tritt im Kultus in mannigfacher Weise hervor. In neunfacher Weise gibt der Laie dem Lehrer seine Verehrung kund: indem er sich ihm zu Füßen wirft, ihm einen hochgelegenen Sitz anbietet, seine Füße wäscht und mit dem Wasser, in dem dies geschehen, seine eigene Stirn benetzt, ihn lobpreist, ihm als Willkommengruß Gedeihen seines Kasteiungswerkes wünscht, seine eigenen Gedanken, Worte und Werke rein erhält und ihm passende Speise spendet 27.
c11.s1.t3.2
Die Verehrung des Lehrers (Vandana) gehört zu den sechs täglich zu übenden Pflichten und wird im Zusammenhang mit dem Sâmâyika betrieben. Über den vielfach verwendeten Ritus des Âvartana wurde oben S. 373 gesprochen.
c11.s1.t3.3
Besonders stark ausgeprägt ist die dem Guru erwiesene Verehrung bei den idol-feindlichen Sekten, da sich hier der Kultus, mit welchem sonst die Bilder der Tîrthankaras umgeben werden, auf den Guru richtet. Wenn jedoch in Census-Berichten und in Gazetteers²⁸ geradezu von den Dhûndiyâs gesagt wird: „they worship their gurus“, so wird diese Unterstellung von jenen mit Recht entrüstet zurückgewiesen, da sie ja den Gurus keinerlei Opfergaben darbringen, wie dies manche hinduistische Sekten (z. B. die Vallabhâcâryas) tun, welche ihre Gurus geradezu wie Götter anbeten.
c11.s1.t3.4
Die Seelsorgetätigkeit der Asketen ist eine private und eine öffentliche. Die erstere sucht auf den einzelnen zu wirken, die letztere auf die Gemeinde. Von der erstgenannten kann man sich nach dem Gesagten eine hinreichende Vorstellung machen; es erübrigt sich daher an dieser Stelle nur noch, auf die letztere einzugehen und zu zeigen, in welcher Weise ein Lehrer seiner Gemeinde geistlichen Zuspruch zuteil werden läßt.
c11.s1.t3.5
Eine lebendige Schilderung einer Erbauungsstunde in einem von der Familie des Sheth Maganbhâi Hathisingh erbauten und unterhaltenen, der Tapâ-Schule unterstehenden Shvetâmbara-Upâshraya in Ahmedâbâd (1874) hat Georg Bühler gegeben²⁹. Ich lasse das Wesentliche seiner Darstellung im folgenden in seinen eigenen Worten folgen:
c11.s1.t3.6
„Bei unserem Eintritt war der Raum ungefähr halb gefüllt. Die Männer standen oder saßen vorn zunächst dem Sitze des Predigers, die Frauen kauerten im Hintergrunde. Hinter dem Holzgeländer standen zwei Mönche, der Âcârya, den ich schon früher kennengelernt hatte, und ein Novize. Beide verneigten sich höflich. Ich gab ihnen den Gruß der Jaina-Laien „vandum“, „ich verehre“, und erhielt die übliche Antwort: „dharma-lâbh“, „Gewinn des Glaubens“. Die übrigen Anwesenden nahmen wenig Notiz von mir. . . Mein Führer lud mich ein, unmittelbar vor der Estrade auf einem Kissen Platz zu nehmen und bemerkte laut, daß man wünschte, ich möchte den Vortragenden korrigieren, falls er einen Fehler machte. Der Âcârya, welcher darauf auf dem Manca (s. S. 397) sich mit gekreuzten Beinen niederließ, wollte mir zu Ehren einen besonderen Vortrag über das Leben des Propheten Vardhamâna halten. Ich bat ihn aber, mit der Erklärung der Schrift da fortzufahren, wo er am vorhergehenden Tage stehen geblieben war. Er stimmte sofort zu und begann aus dem Sûtrakritânga (S. 93) den 2. Abschnitt des 1. Buches vorzutragen. Dabei bediente er sich eines Manuskriptes, das er auf ein kleines lackiertes Holzgestell, die sog. Thui, vor sich legte. Nur das Blatt, welches er gerade benützte, hielt er in der Hand. Zuerst sang er einige Verse des Textes, welcher in der alten Volkssprache, dem Jaina-Prâkrit und dem Vaitalîya-Metrum abgefaßt ist, in dem üblichen Rezitativ und mit der Melodie des Metrums vor. Dann folgte die Tabâ, eine ziemlich wörtliche Übersetzung in die Landessprache von Gujarât. Den Schluß machten grammatisch-etymologische, dogmatische und andere sachliche Erläuterungen, Nutzanwendungen und Illustrationen aus der Heiligenlegende. In der Erklärung war vieles sehr bei den Haaren herbeigezogen. . . . Trotz aller Weitschweifigkeit gelang es ihm in etwas mehr als einer Stunde, zehn Verse seines Textes durchzugehen.
c11.s1.t3.7
Der allgemeine Eindruck, den sein Vortrag machte, war ein sehr günstiger. Er war ein wohlgebauter Mann in den dreißiger Jahren, mit einem intelligenten, sympathischen Gesichte, dem die kurzgeschorenen Haare und das weiße Gewand, welches den rechten Arm frei läßt, gut standen. Seine Modulation der Stimme, seine Gesten und sein Mienenspiel hätte mancher europäische Prediger sich zum Vorbilde nehmen können. In diesen Äußerlichkeiten, auf welche die Jaina-Mönche großes Gewicht legen, war alles gemessen, würdig und edel.
c11.s1.t3.8
Als er auf ein Zeichen des Sheth ein Ende machte, hing sich sein Begleiter sofort das Mundtuch vor, das die Jaina-Mönche eigentlich stets tragen sollten, um keine Insekten beim Atmen zu gefährden, und begann das Bhaktâmara-Stotra (s. S. 130) zu rezitieren. . . . Dies schwülstige Sanskritgedicht macht stets den Schluß des Gottesdienstes. Es wird mehr hergeplappert als mit Andacht rezitiert. In allen Fällen, wo ich es hörte, wurde ihm wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Auch diesmal standen die Versammelten auf, ehe es beendigt war, und begannen sich zu unterhalten. Ich meinerseits sagte dem Âcârya einige anerkennende Worte in Gujarâtî über seinen Vortrag und fügte in Sanskrit einige Ausstellungen über grammatisch-etymologische Bemerkungen hinzu. Er nahm das alles sehr liebenswürdig auf und bat mich beim Abschiede, bald wieder zu kommen. . . .
c11.s1.t3.9
Die Ähnlichkeit der Erbauungsstunden der Jaina mit denen der westlichen Völker ist sehr groß. Aber in einem Punkte gibt es eine wesentliche Verschiedenheit. Die sozusagen familiäre Stellung, welche der Inder seinen Göttern oder seinem pantheistischen Gotte gegenüber einnimmt, kommt auch hier zur Geltung. Es fehlt das Gefühl der unbegrenzten Ehrfurcht, mit dem die westlichen Völker bei ihrem Gottesdienste erfüllt sind. Diese Eigentümlichkeit zeigte sich recht deutlich in Sheth Maganbhâis Aufforderung, daß ich den Prediger korrigieren möchte, wenn er Fehler machte. Es würde dem Gefühle des Europäers durchaus widerstreben, einem Andersgläubigen zu gestatten, daß er an geweihter Stätte in den Gottesdienst eingriffe — selbst wenn er im Grunde vor seinem Prediger so wenig Ehrfurcht fühlte, wie ein vornehmer indischer Kaufherr, in dessen Adern adeliges oder selbst königliches Blut rollt, für einen Mönch hat, den er in der Kindheit seinen Eltern abgekauft hat, dann unter einem Lehrer hat erziehen lassen und schließlich erhält.“
IV. Der Bilderkult
c11.s1.t4.1
1. Heilige Symbole
c11.s1.t4.2
Die Inder lieben es, ihren religiösen Überzeugungen durch äußere Zeichen einen sichtbaren Ausdruck zu geben. So wie die Shivaiten den „Tiryakpundra“, d. h. 3 horizontale Striche aus weißer Asche an der Stirn tragen oder die Vishnuiten den „Ûrdhvapundra“, zwei aus weißem Lehm hergestellte Striche von der Form eines U oder Y, mit einer schwarzen Senkrechten dazwischen, so tragen auch viele Jainas ein Zeichen ihrer Sektenzugehörigkeit an der Stirn. Dasselbe wird mit Sandelpaste in der Mitte zwischen den beiden Augenbrauen aufgemalt und hat die Gestalt eines Herzens; es soll den Träger als den Bekenner der „Religion des Herzens“ kennzeichnen.
c11.s1.t4.3
Die bei der Andacht Verwendung findenden Gegenstände haben ebenfalls eine symbolische Bedeutung. Die heilige Schnur (Yajnopavîta, Janeo), deren 3 Strähnen bei den Brahmanen die drei Konstituenten der Urmaterie, Sattva, Rajas und Tamas versinnbildlichen sollen, erinnert bei den Jainas an die drei Edelsteine (Wissen, Glauben, Wandel) oder die drei Reihen von Tîrthankaras in der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weltperiode. Die 108 Perlen des Rosenkranzes, welche die Jainas mindestens fünfmal täglich durch die Finger gleiten lassen, gemahnen den Gläubigen an die 108 Eigenschaften der 5 Parameshthîs (d. h. die 12 Qualitäten der Arhats, die 8 der Siddhas, die 36 der Âcâryas, die 25 der Upâdhyâyas, die 27 der Sâdhus).
First 94 of 659 passages. Read on
Linked texts (13)
- Brahmapurāṇa — Vyāsa, Sanskrit
- Sūyagaḍa — Sudharman, Ardhamāgadhī Prakrit
- Bhaktāmarastotra — Mānatuṅga, Sanskrit
- Jinasahasranāmastotra (Siddhasena Divākara) — Siddhasena Divākara, Sanskrit
- Kalpasūtra — Bhadrabāhu, Ardhamāgadhī Prakrit
- Uvavāiya — Ardhamāgadhī Prakrit
- Ācāradinakara — Vardhamānasūri (Ācāradinakara), Sanskrit
- Mahānisīha — Haribhadra Sūri, Ardhamāgadhī Prakrit
- Khajuraho
- Venūr
- Girnar
- Ajanta
- Dharmshala