Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c11.s2: B. Besonderer Teil
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c11.s2
- Language
- German
Contents
- c11.s2.t1 I. Die Riten der Laien — 39 parts
- c11.s2.t2 II. Die Riten der Asketen — 20 parts
- c11.s2.t3 III. Das Tempelritual — 19 parts
- c11.s2.t4 IV. Die Festtage — 7 parts
- c11.s2.t5 V. Heiligtümer und Wallfahrten — 15 parts
B. Besonderer Teil
I. Die Riten der Laien
c11.s2.t1.1
1. Die täglichen Riten
c11.s2.t1.2
Vom Morgen bis zum Abend hat der fromme Laie eine Reihe von Riten auszuführen. Wenn er in der letzten Nachtwache sich von seinem Lager erhebt, flüstert er den Parameshthi-Mantra und widmet sich frommer Betrachtung. Er hat dann die „6 notwendigen Pflichten“ (Âvashyaka) zu erfüllen. Diese sind:
c11.s2.t1.3
1. Sâmâyika, die 48 Minuten währende Andacht, welche der inneren Einkehr mit dem Gelöbnis, von allem Bösen abzustehen, gewidmet ist,
2. Caturvinshatijinastuti, das Lobpreisen der 24 Tîrthankaras,
3. Vandana, die Verehrung des Guru,
4. Pratikramana, die Beichte,
5. Kâyotsarga, das Verharren in der besonderen Stellung (s. S. 372), durch welche eine Loslösung des Geistes vom Körperlichen erzielt werden soll,
6. Pratyâkhyâna, das Aufsichnehmen des Gelüdbes, bestimmten Genüssen zu entsagen.
c11.s2.t1.4
Die Âvashyakas werden entweder zu Hause oder in einem Upâshraya erfüllt, und zwar morgens, mittags und abends, mitunter auch öfter. Der Besuch im Upâshraya ist vielfach mit dem Anhören einer Predigt verbunden.
c11.s2.t1.5
Während sich bei den Sthânakavâsîs die Teilnahme am öffentlichen Kultus auf den Besuch eines Upâshraya beschränkt, nehmen die Anhänger der Bilderverehrung auch an dem Tempelkult teil, mindestens einmal am Tage, vielfach öfter.
c11.s2.t1.6
Die Mahlzeiten — ganz fromme Leute begnügen sich mit einer einzigen — müssen vor Einbruch der Dunkelheit eingenommen werden, ihnen haben Gebete und, wenn möglich, Spenden an Asketen oder Bedürftige vorauszugehen.
c11.s2.t1.7
Wenn sich der Jaina abends auf sein Lager niederlegt, so spricht er wieder fromme Sprüche und gibt sich frommen Betrachtungen hin, bis er in den Schlaf versinkt, der ihm, zum Lohn für gute Werke, durch glückverheißende Träume verschönt wird.
c11.s2.t1.8
Unter hinduistischem Einfluß werden von manchen Jainas auch die vedischen Feueropfer vorgenommen; nach dem Ādi-purāṇa 47, 348 sollen die drei Feuer morgens, mittags und abends zur Erinnerung an die Verbrennung der Leiche Rishabhas entzündet werden.
c11.s2.t1.9
2. Riten bei besonderen Gelegenheiten
c11.s2.t1.10
Das ganze Leben eines frommen Jaina, von seinem ersten bis zu seinem letzten Atemzuge, ist von heiligen Handlungen umgeben und begleitet. Viele von diesen Riten sind den Jainas mit den Hindus gemeinsam, zum Teil sogar unmittelbar von diesen übernommen. Die einzelnen Zeremonien differieren bei den verschiedenen Sekten und in den verschiedenen Landschaften in manchen Punkten, auch sind sie nicht zu allen Zeiten in der gleichen Weise ausgeführt worden. Die folgende Darstellung versucht es nur, eine ungefähre Vorstellung von den wichtigsten, heute bei den Shvetāmbaras üblichen Begehungen zu geben, ohne auf Details und Abweichungen in Einzelheiten einzugehen⁶⁵.
c11.s2.t1.11
Die ersten Riten, welche mit dem Leben eines Menschen verbunden sind, werden an ihm vor seiner Geburt vollzogen. Wenn die Mutter fünf Monate schwanger ist, wird ein Brahmane geholt, der die Zeremonie des Garbhâdhâna (das Hineinlegen der Leibesfrucht) vornimmt. Bei dieser wird die Schwangere, welche links neben ihrem Gatten Platz genommen hat und deren Gewand mit dem seinigen zusammengebunden ist, mit geweihtem Wasser besprengt und durch Hersagen des Shântidevì-stotra und heiliger Mantras gesegnet. In den hierbei gesprochenen Sprüchen werden die himmlischen Mächte aufgefordert, Mutter und Kind vor Dämonen, wilden Tieren und allen Arten von Leid und Ungemach zu schützen und ihnen Glück und Gedeihen zu spenden.
c11.s2.t1.12
Im 8. Monat nach Eintritt der Schwangerschaft findet die Pumsavana-Zeremonie statt, welche die Erzielung männlicher Nachkommenschaft zum Zweck hat. Bei dieser besprengt der Guru die in neue Gewänder gekleidete werdende Mutter an einem für die Geburt von Knaben günstigen Tage in der 4. Nachtwache unter dem gestirnten Himmel mit geweihtem, wohlriechendem Wasser; dasselbe geschieht, wenn es hell geworden ist. In den hierbei gesprochenen Mantras wird der in den Leib der Mutter eingegangenen Seele eine leichte Geburt gewünscht und die Hoffnung ausgesprochen, daß sie das Glück ihrer Eltern und die Zierde der Familie werden möge. Bei der Zeremonie werden Münzen und Süßigkeiten gespendet.
c11.s2.t1.13
Die Schwangere zieht dann bald in ihr Elternhaus und sieht hier ihrer Niederkunft entgegen. Ist das erwartete Kind zur Welt gekommen, so wird die Nabelschnur durchschnitten, und Mutter und Kind werden gebadet. Ein Astrologe stellt dem jungen Erdenbürger das Horoskop, der Guru verbrennt Sandel- und Bilvaholz und tut die Asche, vermischt mit Senf und Salz, in ein Bündel, über welches siebenmal an Ambikâ gerichtete Sprüche gesprochen werden, in welchen diese Göttin dazu aufgefordert wird, das Kind zu schirmen. In das Bündel werden noch ein Stück aus Eisen, roter Sandel, Otterköpfchen u. a. hineingelegt; dann wird es mit einem schwarzen Faden von einem älteren weiblichen Familienmitglied an die Hand des Kindes gebunden.
c11.s2.t1.14
Am 3. Tage nach der Geburt führt der Guru, nachdem er ein Bild der Sonne verehrt hat, die schön geschmückte Mutter und das Kind, das sie im Arm trägt, vor die Sonne. Er zeigt beiden den tausendstrahligen Tagesgebieter, wobei er diesen in einem Spruch um Glück anfleht. Am Abend wird der nektarspendende Sternenkönig Mond in ähnlicher Weise gezeigt und verehrt. Dieses Sakrament heißt Sûryendu-darshana.
c11.s2.t1.15
Die Kshirâshana-Zeremonie geht am gleichen Tage vor sich. Sie besteht darin, daß der Guru den Säugling Milch aus der Mutterbrust trinken läßt und ihm dabei in einem Mantra Gesundheit und langes Leben wünscht.
c11.s2.t1.16
In der Nacht des 6. Tages nach der Geburt nimmt der Guru im Geburtshause den Shashtì-sanskâra, die feierliche Verehrung der 8 „Mütter“ vor, nämlich der Schutzgöttinen Brahmânì, Mâheshvarì, Kaumârì, Vaishnavì, Vârâhì, Indrânì, Câmundâ, Tripurâ. Sie werden durch Mantras zum Herbeikommen und Verweilen aufgefordert und durch Spenden von Wohlgerüchen, Blumen, Räucherwerk, Lichtern, Reis und Süßigkeiten erfreut. Dasselbe geschieht dann mit Shashtì, der Schirmgottheit der Kinder. In der Nacht wachen dann Frauen, deren Gatte am Leben ist, mit der Mutter. Am anderen Morgen entläßt der Guru die Muttergöttinnen jede für sich mit den Worten: „Erhabene! Auf Wiedersehn! Heil!“ Dann besprengt er das Kind mit geweihtem Wasser und spricht einen Segensspruch.
c11.s2.t1.17
Durch die Geburt wird die Mutter unrein. Die Unreinheit schwindet erst nach einer Reihe von Tagen, deren Zahl bei den einzelnen Kasten verschieden ist: bei den Brahmanen dauert sie 10, bei den Kshatriyas 12, bei den Vaishyas 16 Tage, bei den Shûdras 1 Monat. Ist diese Zeit vorüber, so baden Mutter und Kind sowie alle Familienmitglieder und werden vom Guru für rein erklärt. (Shucikarma-sanskâra).
c11.s2.t1.18
Am gleichen Tage wie diese Zeremonie oder 2 bzw. 3 Tage darauf findet die Namengebung (Nâmakarana) statt. Zu diesem Zweck versammelt sich die ganze Familie, und der Guru erscheint in Begleitung eines Sterndeuters. Der Astrologe erklärt dann das Horoskop, das auf einem Papierbogen säuberlich aufgezeichnet ist; der Aszendent und die anderen der 12 Himmelshäuser werden von den Verwandten durch Spenden von 12 Gold-, 12 Silber-, 12 Kupfer-Münzen, 12 Betelnüssen, 12 Früchten, 12 Kokosnüssen verehrt, die 9 Planeten durch Gaben von je 9 von diesen Dingen. Der Guru sagt dann einer älteren Tante den im Einvernehmen mit den Familienmitgliedern festgesetzten Namen des Kindes ins Ohr. Alle ziehen dann in einen Tempel. Hier verehren Mutter und Kind die Tîrthankaras, worauf die Tante vor dem Jina den Namen des Kindes bekannt gibt. Hieran schließen sich noch einige andere Riten. Die Zeremonie kann auch vor dem Jinabilde des Geburtshauses stattfinden.
c11.s2.t1.19
Vielfach geht die Namengebung mit derartigem Gepräge nur bei dem ersten Sohn vor sich; bei späteren männlichen Kindern wird sie in vereinfachter Form vorgenommen, und Töchter erhalten ihren Namen ohne weiteres von der Mutter.
c11.s2.t1.20
Die Jainas führen mit Vorliebe Vornamen, die auf Personen ihrer heiligen Legende Bezug haben, wie Rikhabdâs (Rishabhadâsa, Diener des Rishabha), Ajitaprasâda (von Ajita begnadet) usw. Wie bei den Hindus sind auch Namen üblich, die unscheinbare Dinge bezeichnen, wie Dhondu (Marâthî) „Stein“, Kadappa (Kanaresisch) „Wald“. Zweck dieser eigenartigen Übung ist es, durch diese Namen böse Dämonen abzulenken, so daß sie dem Besitzer des Namens nichts Böses tun.
c11.s2.t1.21
Im 6. Monat nach der Geburt findet bei Knaben, im 5. bei Mädchen die „Speisedarbietung“ (Annaprâshana) statt. Nachdem der Guru einige Riten ausgeführt hat, steckt die Mutter dem Kinde etwas von der der Familiengöttin geweihten Speise in den Mund.
c11.s2.t1.22
Wenn das Kind 3, 5 oder 7 Jahre alt geworden ist, nimmt der Guru bei ihm die feierliche Stechung der Ohrlöcher (Karnavedha) vor. Die heilige Handlung geschieht nach gebührender Verehrung der Muttergöttinnen und hat, wie aus den dabei rezitierten Sprüchen hervorgeht, den Zweck, die Ohren für die Aufnahme der Lehren der Jaina-Religion geeignet zu machen.
c11.s2.t1.23
Als nächstes Sakrament folgt dann zu einer nicht festgesetzten Zeit das Cûdâkarana, das Haarschneiden. Nachdem der Guru die Muttergöttinnen verehrt hat, stellt ein Barbier die übliche Haartracht her, indem er den Kopf kahl schert, bei Knaben der drei oberen Kasten aber einen Haarbüschel in der Mitte des Hauptes stehen läßt.
c11.s2.t1.24
Die wichtigste Begehung zwischen Geburt und Heirat ist das „Upanayana“, die Aufnahme beim Lehrer, eine Art Jünglingsweihe. Das Upanayana findet nur bei männlichen Mitgliedern der drei oberen Kasten statt, und zwar bei Brahmanen im 8., bei Kshatriyas im 11., bei Vaishyas im 12. Jahre nach dem Garbhâdhâna. Shûdras werden nicht zu dieser Zeremonie zugelassen, welche in der Bekleidung mit einer heiligen Schnur ihren sichtbaren Ausdruck findet. Der zu Initiierende hat einige Tage, bevor die heilige Handlung vor sich geht, zu baden und sich mit Sesamöl einzureiben. Am Festtage selbst wird ihm das Haar geschoren. Vor dem Hause wird ein Altar mit einem Jinabild darauf errichtet. Nachdem Mantras rezitiert und Zirkumambulationen ausgeführt worden sind, wird der Schüler geweiht. Dann fällt er dem Guru zu Füßen und sagt: „Ehrwürdiger. Ich bin ohne Kaste, ohne rechten Wandel, ohne Mantra, ohne Tugend, ohne Dharma, ohne Reinheit, ohne Brahma, unterweise mich in den Pflichten gegen Götter, Rishis, Väter und Gäste (d. h. Asketen).“ Unter dem Hersagen bestimmter Sprüche wird er dann mit einem Gürtel aus Munjagras und der heiligen Schnur versehen, welche bei Brahmanen aus Gold, bei Kshatriyas und Vaishyas aus Baumwolle hergestellt sein soll. Darauf wird ihm dreimal der Pancaparameshthi-Mantra ins Ohr geflüstert. Es folgt danach die Weihe zum Brahmacârî; zu diesem Zweck wird der Schüler mit einem Bastgewand bekleidet und ihm ein Stab aus Palâsha-Holz in die Hand gegeben. In einem Zwiegespräch mit dem Guru wird er über seine Pflichten und die Gelübde, die er einzuhalten hat, belehrt. Im Anschluß hieran tritt er den Bettelgang an, bei welchem er in den Häusern einiger Jainas, die er besucht, Gaben erhält.
c11.s2.t1.25
Die Zeit, während welcher der Initiierte beim Guru als Schüler verbleibt, soll im Höchstmaße bei Brahmanen vom 8.—16., beim Kshatriya vom 10.—16., beim Vaishya vom 12.—16. Jahre dauern. Die Lehrzeit wird aber gewöhnlich nicht eingehalten, sondern auf wenige Tage oder auf einen Tag abgekürzt. Das Ausscheiden aus der Schülerstellung wird durch eine „Vratavisarga“ (Entbindung vom Gelübde) genannte Zeremonie bewirkt. Der Schüler legt Stab, Büßergewand und Gürtel ab, empfängt Belehrung und wird gesegnet. Hierauf folgt die Zeremonie des „Kuhschenkens“ (Godâna), bei welcher der Initiierte dem Guru eine schön geschmückte Kuh oder anderes als Honorar verehrt. Dann spendet er den Mönchen Gewänder, Speisen, Gefäße oder ähnliches.
c11.s2.t1.26
Bei den Shûdras tritt an die Stelle des Upanayana und der Umgurtung mit der heiligen Schnur eine andere Zeremonie, das Übergeben des Obergewandes (Uttarîyaka-nyâsa), bei welcher ebenfalls Mantras gesprochen, Lehren erteilt und Gaben gespendet werden.
c11.s2.t1.27
Als 13. Sakrament wird der Beginn des Studiums (Adhyayana) gerechnet. Dasselbe geht unter bestimmten Formalitäten vor sich. Der Schüler nimmt an der linken Seite des Guru auf einem Sitz aus Kusha-Gras in einem Tempel oder unter einem Kadamba-Baum Platz. Der Guru flüstert ihm dreimal den Sârasvata-Mantra ins rechte Ohr. Dann führt er ihn in feierlichem Aufzuge zu einem Upâdhyâya, der dann mit dem Unterricht beginnt. Den Brahmanen lehrt er den Ayurveda (Medizin), die 6 Angas, die Rechtsbücher und die Purânas, den Kshatriya Medizin, Bogenschützenkunst, Politik und das für die Gewinnung des Lebensunterhalts erforderliche Wissen (Âjîvikâ)⁶⁶, den Vaishya die Rechtsbücher und die Lebensklugheit, Angehörige anderer Kasten das für sie geeignete Wissen.
c11.s2.t1.28
Von größter Bedeutung für die Gesellschaft ist das 14. Sakrament, die Heirat (Vivâha)⁶⁷. Eine solche darf nur zwischen Personen abgeschlossen werden, welche derselben Kaste, jedoch einem verschiedenen Gotra angehören. Schon wenn ihre Kinder noch in zartem Alter stehen, sehen sich die Eltern nach einer passenden Heiratspartie für sie um. Ist etwas Geeignetes gefunden worden, so treten die Familien in Unterhandlungen, und die Horoskope der beiden Partner werden verglichen, um festzustellen, ob sie zueinander passen. Haben alle diese Verhandlungen ein befriedigendes Ergebnis gezeitigt, so finden offizielle Besuche statt und Geschenke werden ausgetauscht. Zwischen der Verlobung und der Heirat liegen meistens mehrere Jahre, letztere findet heute gewöhnlich statt, wenn der Bräutigam 15 Jahre oder älter, die Braut 12 Jahre oder älter ist. Vor Festsetzung des Datums der Hochzeit wird ein Astrologe zu Rate gezogen, der die günstige Konstellation ermittelt, unter welcher die Schließung der Ehe erfolgen kann. Dann gehen in den Häusern der Eltern der beiden Verlobten Riten zur Verehrung der Idole der Muttergöttinnen, der Shashthî, des Ganapati, des Kandarpa und der Kulakaras (s. S. 265) vor sich. Am Tage vor der Heirat haben die zu Vermählenden je für sich zu baden, sich mit Öl einzureiben und andere glückverheißende Zeremonien zu vollziehen.
c11.s2.t1.29
Am Hochzeitstage reitet der Bräutigam prächtig geschmückt auf einem Roß oder einem Elefanten der Braut entgegen, von einer Eskorte von Freunden und Verwandten umgeben, die ihm zu Ehren Lieder singen. An der Spitze der Prozession marschieren Brahmanen, die einen Mantra zur Bekämpfung schlechter planetarischer Einflüsse (Grahashânti-mantra) rezitieren. Nach der Vollziehung einer Reihe von Riten nehmen dann Braut und Bräutigam nebeneinander Platz, und ihre Hände werden mit einer mit Safran gefärbten Schnur zusammengebunden; in dem hierbei hergesagten Hastabandhana-mantra wird die Hoffnung ausgesprochen, daß beide stets einig sein mögen.
c11.s2.t1.30
Inzwischen ist auf dem Hofe oder vor dem Hause des Brautvaters aus Holz ein viereckiger Pavillon und ein Altar errichtet und geweiht worden. Auf letzterem wird ein Feuer angezündet. Nach Ausführung einer Fülle von Begehungen umwandeln Bräutigam und Braut mehrere Male das Feuer. Dann ergreift der Bräutigam die Hand der Braut, wobei wieder Mantras rezitiert werden. Nachdem auf diese Weise die Ehe vollzogen worden ist und Geschenke verteilt worden sind, führt der Guru das Paar in die Wohnung der Brautmutter, woselbst wieder einige Riten vorzunehmen und Gaben zu spenden sind. Das Paar besucht dann noch einmal die Halle des Holzhäuschens, wobei wieder einige Riten vollzogen werden, und begibt sich dann in das Schlafgemach, wo es die erste Nacht gemeinsam verbringen soll. Hier verehren die jungen Gatten den Liebesgott, genießen gemeinsam Milch und Reis und geben sich den Liebesfreuden hin. An den nächsten Tagen sind dann noch eine Reihe von Zeremonien zu erledigen und Gaben zu spenden. Die Hochzeit ist mit Veranstaltung von zahlreichen Festen und Schmausereien verbunden, die sich tagelang hinziehen. Die Kosten, welche das Ausrichten einer Hochzeit mit allem, was dazugehört, verursacht, sind sehr bedeutend; sie fallen in der Hauptsache dem Brautvater zur Last, der diesetwegen vielfach zur Entfaltung eines Aufwandes genötigt ist, der seine Verhältnisse übersteigt.
c11.s2.t1.31
Die Menge der Zeremonien, welche bei einer Hochzeit vorgenommen werden sollen, ist außerordentlich groß; es konnte daher im Vorhergehenden nur das Wichtigste kurz herausgehoben werden. Eine Reihe von volkstümlichen Bräuchen, die landschaftlich stark variieren, sind mit ihr verbunden, zudem ist die starke Beeinflussung des Jaina-Kults durch den der Hindus, welche bereits in dem hier dargestellten Ritual aufs deutlichste hervortritt, in der Praxis teilweise noch viel stärker als in den Lehrbüchern. Wer sich die Mühe macht, die einzelnen Schilderungen der Heirat in den Darstellungen von Augenzeugen miteinander zu vergleichen⁶⁸, wird daher noch auf eine verwirrende Fülle von Riten stoßen, die im Vorhergehenden nicht behandelt worden sind.
c11.s2.t1.32
Das Menschenleben wird nur dann zu einem Gefäß des Glücks und im Diesseits und Jenseits fruchtbringend, wenn in ihm fromme Gelübde zur Durchführung gelangen. Diese „Vratas“ werden als das 15. Sakrament gerechnet und als das wichtigste von allen bezeichnet. Sie unterscheiden sich von allen bisher besprochenen in zwei wesentlichen Punkten; während jene durch einen Hauspriester (Grihya-guru), d. h. einen Jaina-Brahmanen oder einen Kshullaka erteilt werden, geht die Ablegung eines Gelübdes nur mit Hilfe eines Asketen, eines Nirgrantha-guru Yati, vor sich; und während die bei den anderen Sanskâras verwendeten Formeln in Sanskrit abgefaßt sind, sind die bei Ablegung der Gelübde in Anwendung kommenden zumeist im Prâkrit festgesetzt, da sie Männern und Frauen aller Kasten zugänglich sein sollen. Die Vratas und Pratimâs, welche der Laie zu erfüllen hat, sind oben S. 202 f. besprochen worden. Die Übernahme der Verpflichtungen, welche sie in sich tragen, geschieht nach einem genau festgesetzten Ritual. Der Laie geht zu einem Asketen und spricht ihm seinen Wunsch aus, ein Gelübde für eine bestimmte Zeit und in einem bestimmten Umfange auf sich zu nehmen, und verehrt die Tirthankaras, die Shrutadevatâ usw. durch Spenden und Zirkumambulationen. Dann empfängt er Belehrung und verpflichtet sich feierlich für eine bestimmte Zeit (Tage, Wochen, Monate, Jahre, unter Umständen lebenslänglich) bestimmte Dinge zu meiden, nur bis zu einer gewissen Grenze zu reisen oder Geld zu besitzen usw. Wer derartige Gelübde auf sich genommen hat, hat sie sich täglich mehrfach zu vergegenwärtigen und Verfehlungen gegen sie zu beichten.
c11.s2.t1.33
Das „letzte Sakrament“ (Antyasanskâra), das dem frommen Jaina zuteil wird, ist die Bestattung. Wenn jemand im Sterben liegt, so erteilen ihm seine Verwandten geistlichen Zuspruch, und sein Guru wird geholt, um ihm die Tröstungen der Religion zu spenden, ihm Mantras vorzusprechen und ihn Sprüche sagen zu lassen. Beim Herannahen des Todes nimmt der Fromme das Gelübde, keinerlei feste oder flüssige Nahrung mehr zu sich zu nehmen und allem irdischen Begehren zu entsagen. Er macht Stiftungen für die Religion, für ihre Diener, für die Armen, und stirbt schließlich, die Gedanken auf die fünf Parameshthîs richtend.
c11.s2.t1.34
Der Leichnam wird auf die Erde gelegt, gewaschen, mit Wohlgerüchen gesalbt und neu bekleidet. Er wird dann auf eine Bahre gelegt und von vier nahen Verwandten auf den Schultern nach der Verbrennungsstätte getragen, auf der ein Scheiterhaufen bereitsteht, der auf einem Stein ruht, um die Vernichtung anderer Lebewesen zu verhindern. Der Holzstoß wird mit einem aus dem Hause des Entschlafenen mitgebrachten Feuer angezündet. Wenn der Leichnam zu Asche verbrannt ist, kehren die Leidtragenden nach Hause zurück. Am dritten Tage wird dann die Asche von nahen Verwandten in einen Fluß geworfen, während die Gebeine an geweihter Stätte niedergelegt werden. (Über denselben werden später oft pyramidenförmige Grabdenkmäler errichtet, die von einem Wassertopf (Kalasha) aus Stein überhöht sind.) Dann gehen die Hinterbliebenen in einen Tempel und verehren die Jinabilder, und in einen Upâshraya, wo ihnen ein Mönch die Vergänglichkeit alles Irdischen predigt.
c11.s2.t1.35
Die Verwandten sind durch den Todesfall bis zu zehn Tagen unrein. Totenfeiern (Shrâddha), wie sie bei den Hindus gebräuchlich sind, finden bei den rechtgläubigen Jainas nicht statt.
c11.s2.t1.36
Hinterläßt ein Verstorbener eine Witwe, so werden deren Armspangen zerbrochen, sie muß ihren Schmuck ablegen, darf kein Glückszeichen mehr auf der Stirn tragen, muß, irdischen Freuden entsagend, ihr Leben der Buße weihen und darf nie wieder heiraten.
c11.s2.t1.37
Die im Vorhergehenden beschriebenen Riten sind die wichtigsten, die heute bei den bilderverehrenden Shvetâmbaras im Gebrauch sind, doch finden sich in den einzelnen Landschaften und bei den verschiedenen Sekten zahlreiche Abweichungen. Die Zeremonien der Sthânakavâsîs unterscheiden sich von ihnen in vielfacher Hinsicht, so namentlich durch den Verzicht auf den Gebrauch von Jina-Bildern. Bei den Digambaras sind ähnliche Sanskâras in Übung. Das Âdipurâna (Kap. 38) zählt 20 heilige Handlungen auf, die an dem frommen Laien bis zu seinem Tode vorgenommen werden. Das erste Sakrament ist das „Garbhâdhâna“, die Hineinlegung der Leibesfrucht; es wird der jungen Frau zuteil, bevor für sie das eheliche Leben beginnt. Es folgen dann die Zeremonien Prîti, Suprîti, Dhriti und Moda, die an der Schwangeren im 3., 5., 7. und 9. Monat vorgenommen werden, um ein gesundes Wachstum der Leibesfrucht zu erzielen. Bei der Geburt findet die „Priyodbhava“-Begehung statt, zwölf Tage danach die „Namengebung“, 3 oder 4 Monate später der erste Ausgang (Bahiryâna) von Mutter und Kind, im Anschluß hieran der Nishadyâ-Ritus, bei welchem das Neugeborene feierlich auf ein Ruhebett niedergesetzt wird. Im 7. oder 8. Monat wird dem Kinde die erste Speise gereicht (Prâshana), ein Jahr später wird die „Vyushti“-Feier durch Einladung der Verwandten begangen. Bald darauf werden dem Knaben zum ersten Male die Haare geschnitten. Mit 5 Jahren wird er in die Geheimnisse des Alphabets eingeweiht (Lipisankhyâna-sangraha). Mit 8 Jahren oder später wird er mit der heiligen Schnur umgürtet und geht bei einem Guru in die Lehre, wobei er die Gelübde keusch zu leben, kein erhöhtes Lager zu benutzen u. a. auf sich zu nehmen hat. Nach Beendigung der Lehrzeit (12. bis 16. Jahr) wird er von diesen Gelübden wieder entbunden (Vratâvartana) und kann heiraten. Durch besondere Riten werden weiter noch gefeiert: die Erlangung der Selbständigkeit in der Kaste (Varnalâbha), die Ausübung des rechten Wandels in der Familie (Kulacaryâ) und die Erreichung einer allgemein geachteten, bevorzugten Laienstellung (Grihîshitâ).
c11.s2.t1.38
Besondere Familienereignisse erfordern besondere Riten. Wenn ein Mann oder eine Witwe jemanden adoptiert, so hat der Adoptierende zuerst eine schriftliche, vor Zeugen ausgefertigte Erlaubnis der Eltern des an Sohnes Statt Anzunehmenden einzuholen, seinen Verwandten vorzulegen und von den Beamten des Königs durch Siegel beglaubigen zu lassen. Nachdem so die juristische Seite der Angelegenheit geregelt worden ist, wird ein Fest religiösen Charakters veranstaltet. Männliche und weibliche Verwandte werden geladen und durch Darbietung von Gesang und Tanz erfreut. Dann begeben sich die Festteilnehmer in den Tempel, woselbst verschiedene Riten vorgenommen und Gaben verteilt werden. Hierauf wird ein Mahl veranstaltet, an welches sich die Geburtszeremonie anschließt. Der Vater des zu Adoptierenden erhält dann ein Diadem, eine Kokosnuß und mehrere Münzen. Sobald die Übergabe und Annahme dieser Dinge beendet sind, gilt die Adoption als vollzogen, und der an Sohnes Statt Angenommene tritt in die Rechte eines leiblichen Sohnes bei seinen Adoptiveltern ein 69.
c11.s2.t1.39
Die Beförderung eines Mannes zu einer hohen Stellung wird ebenfalls durch bestimmte Zeremonien gefeiert. Die Textbücher des Rituals geben ausführliche Anweisungen für die Königsweihe, die festliche Einführung eines Ministers, Feldherrn, Gouverneurs, Distriktbeamten, Dorfschulzen usw. 70.
II. Die Riten der Asketen
c11.s2.t2.1
1. Die täglichen Riten
c11.s2.t2.2
Wenn der Mönch in der letzten Wache der Nacht (d. h. gegen 4 Uhr morgens) erwacht ist, soll er den Parameshthi-Mantra rezitieren und sich von seinem Lager erheben. Er geht dann aus dem Hause heraus, um seine Notdurft zu verrichten, zurückgekehrt meditiert er und denkt über die Sünden nach, die er in der Nacht sich hat zuschulden kommen lassen, wie unbeabsichtigte Verletzung von kleinen Lebewesen usw. Wenn es hell geworden ist, sucht er Leib, Kleidung und Wohnstätte nach Insekten ab und setzt diese an einen sicheren Ort. Er studiert dann, unterrichtet oder schreibt bzw. kopiert Bücher. Hierauf geht er zu einem Tempel und bringt dort den Tîrthankaras seine Verehrung dar, indem er sich vor dem Idol verneigt, es umwandelt, Hymnen rezitiert und meditiert. Ein Mönch kann keine der im Tempel vollzogenen Arten der Pûjâ (s. S. 396) verrichten, auch legt er nicht, wie der Laie, im Tempel eine besondere Kleidung an; sein Kult ist vielmehr rein geistig und innerlich. Er kehrt dann in seine Wohnung zurück, woselbst er meditiert.
c11.s2.t2.3
Gegen 10 Uhr geht er aus, um Speise und Trank zu erbetteln. Vom Almosengang zurückgekehrt, beichtet er die Sünden, die er beim Gehen durch Verletzung lebender Wesen begangen hat. Nach dem Hersagen von Sprüchen verzehrt er dann das erbettelte Mahl. Nach dem Essen wird das Geschirr gereinigt. Nach einer Zeit der Ruhe studiert er oder unterrichtet. Gegen drei Uhr werden wieder Insekten gesucht. Gegen ½5 wird ein zweiter Bettelgang gemacht, an den sich wieder eine Beichte, das Hersagen von Sprüchen und das Einnehmen der Mahlzeit anschließt. Das Essen muß vor Sonnenuntergang beendet sein; während der Dunkelheit darf nichts genossen, auch kein Wasser mehr getrunken werden. Licht wird in den Upâshrayas nicht gebrannt. Nachdem der Asket sich dann noch frommer Meditation hingegeben hat, spricht er den Parameshthi-Mantra und andere fromme Sprüche und legt sich (spätestens gegen 9 Uhr) zur Ruhe. Der erste Teil der Nacht soll frommen Gesprächen, der zweite der Ruhe, der letzte der Kontemplation gewidmet sein.
c11.s2.t2.4
Der hier skizzierte Tagesstundenplan¹ ist der bei den bilderverehrenden Shvetâmbaras übliche; bei den Shvetâmbara-Nonnen und bei den Asketen der anderen Konfessionen variiert er in Einzelheiten.
c11.s2.t2.5
¹ Der hier skizzierte Tagesstundenplan
c11.s2.t2.6
2. Riten bei besonderen Gelegenheiten
c11.s2.t2.7
Gleich dem Leben des Laien ist auch das des Mönches und der Nonne mit einer Fülle von Riten verflochten, deren erste bereits vor dem Eintritt in das Asketenleben stattfinden und deren letzte kurz vor und nach dem Tode vorgenommen werden. Die einzelnen Zeremonien, die bei den einzelnen Sekten und Orden in Gebrauch sind, sind sehr verschieden; sie zerfallen zudem in eine so große Zahl von Einzelheiten, daß es nicht möglich ist, sie an diesem Orte eingehend zu behandeln. Ich muß mich deshalb hier darauf beschränken, nur einiges aus der reichen Stoffülle anzuführen und beginne mit einer Darstellung der Asketen-Riten der Shvetāmbaras.
c11.s2.t2.8
Der Weg, auf dem ein Jaina dazu kommt, in den geistlichen Stand zu treten, ist, wie oben S. 336 f. gezeigt wurde, sehr verschieden. Das Gewöhnliche ist oder sollte sein, daß er durch die Predigt eines Asketen dazu gebracht wird, in sich zu gehen und dadurch in ihm der Entschluß reift, sich ganz der Weltentsagung zu weihen. Ein Mann, der willens ist, dies zu tun, wendet sich dann an einen Mönch mit der Bitte, ihn auf das Asketentum vorzubereiten. Hält ihn dieser für geeignet, so nimmt er ihn als Schüler an und macht ihn schließlich, nachdem er die vorbereitenden Stufen der Selbstzucht durchmessen und von der Unerschütterlichkeit seiner Absicht Proben abgelegt hat, durch eine feierliche Initiations-Zeremonie zum Asketen. Vielfach geschieht der Eintritt in den Stand des heimatlosen Büßers jedoch in anderer Weise. Einmal kann der, welcher die Weltentsagung vollziehen will, ohne von jemandem Belehrung empfangen zu haben, selbst zur Erkenntnis der Wertlosigkeit alles Irdischen erwachen und ohne menschliche Hilfe ein Asket werden. Dies ist z. B. bei den Tīrthankaras der Fall, die, wie die Jainas stets betonen, als ,,Svayambuddhas“ das Yatitum erreichten. Sodann aber, und das ist, wie oben S. 340 schon bemerkt wurde, heute häufig der Fall, treten Kinder in den geistlichen Stand, Knaben, die schon im zarten Alter zu Mönchen erzogen worden sind und die deshalb von Jugend auf eine Schulung durchgemacht haben, die andere in kurzer Zeit absolvieren müssen. All dieses bedingt natürlich eine unterschiedliche Behandlung im einzelnen.
c11.s2.t2.9
Nach Vardhamânasûris „Âcâradinakara“ wird jemand, der, nachdem er die Erlaubnis seiner Eltern, seiner Gattin, seines Sohnes oder seiner Oberen erhalten hat, sich dem Mönchsleben widmen will, zunächst ein Brahmacârî. Nachdem er sich durch eine Reihe von Riten vorbereitet hat, wird an ihm mit großem Gepränge vom Guru die Weihe als Brahmacârî vollzogen. Die Zeremonie besteht in der Rezitation von Sprüchen und Mantras und in dem Ablegen des Gelübdes, den Pflichten der teilweisen Selbstzucht zu genügen. Der Schüler verbleibt auf dieser Stufe während eines Zeitraums bis zu 3 Jahren; er trägt noch den Haarschopf auf dem geschorenen Schädel und eventuell noch die heilige Schnur. Wenn er sich bewährt, kann er zu einem Kshullaka werden, andernfalls tritt er in den Stand eines Haushalters zurück.
c11.s2.t2.10
Die zweite Vorstufe des Mönchtums ist der Stand des Kshullaka. Der Brahmacârî wird durch eine besondere Weihe (Dîkshâ) zum Kshullaka befördert. Auch hierbei werden wieder besondere Formeln gesprochen, dann wird die Verpflichtung der Einhaltung der 5 großen Gelübde übernommen. Auf der Kshullaka-Stufe verbleibt der zukünftige Asket bis zu drei Jahren. Sein Wandel während dieser Zeit soll der der vorbereitenden Stufe der vollständigen Selbstzucht (Sâmâyika-caritra) sein. Er hat während des Noviziats die heiligen Schriften zu studieren und eine Reihe von Prüfungen durchzumachen, welche zeigen, daß er für die große Initiation als Mönch reif ist. Besteht er diese Prüfungen nicht, so tritt er in den Stand des Haushalters zurück.
c11.s2.t2.11
Das eigentliche Mönchtum beginnt erst mit der Vollziehung der Pravrajyâ-Zeremonie. Diese besteht aus einer Fülle von Riten der verschiedensten Art; daß die damit verknüpften Festlichkeiten und Begehungen sich lange hinziehen, ersieht man aus einer Mitteilung des Âcârya Vijaya Indra Sûri, der mir am 10. November 1923 aus Belanganj, Agra, schrieb, er wäre damit beschäftigt, den Sâdhu Himânshu Vijaya zu weihen, die Ausführung des Rituals nähme allein 27 Tage in Anspruch, und wenn es vollzogen sei, habe der neue Mönch noch eine Woche lang bestimmte Gelübde zu beobachten.
c11.s2.t2.12
Die Mönchsweihe wird an einem astrologisch günstigen Tage mit dem Prunk einer Hochzeit vorgenommen; die hierdurch erwachsenden Kosten werden von dem der Welt Entsagenden oder dessen Verwandten getragen, falls die erforderlichen Mittel vorhanden sind, sonst werden sie von den Laien durch eine Umlage aufgebracht. Der Schüler wird von einem Zuge festlich gekleideter Männer und Frauen von seinem väterlichen Hause abgeholt und unter Paukenschall und Gesang in einer Sänfte oder hoch zu Roß zu dem Orte gebracht, wo der feierliche Akt stattfinden soll und wo der initiierende Geistliche, zumeist ein Âcârya, bei manchen Orden unter Umständen auch ein Upâdhyâya, ihn erwartet; es ist dies entweder ein außerhalb der Stadt gelegener Platz mit einem heiligen Baum, oder ein freier Platz vor der Wohnung des Guru. Dort ist ein Altar und die Nachbildung eines Samavasarana (s. S. 251) errichtet worden. Vor diesem findet in Anwesenheit von zahlreichen Asketen und Laien beiderlei Geschlechts ein Gottesdienst statt, bei welchem das Samavasarana umwandelt wird, Hymnen gesungen und heilige Sprüche rezitiert werden. Der Schüler legt dann seine Kleidung, seinen Schmuck und seine heilige Schnur (wenn er eine trägt) ab und zieht die Mönchsgewänder an. Er reißt sich hierauf selber den Haarschopf aus oder läßt den Guru oder einen anderen diese schmerzhafte Prozedur an ihm vornehmen. Nach dem Hersagen von Sprüchen und Formeln gelobt er die Erfüllung der Pflichten vollkommener Selbstzucht und empfängt einen neuen Namen (der jedoch bei den Shvetâmbaras oft mit seinem früheren Namen zum Teil übereinstimmen kann). Danach wird sein Kopf mit Vâsa-Salbe eingerieben. Nach einer Umwandelung des Samavasarana verbeugt sich der neue Sâdhu vor dem Guru und den Mönchen, während sich die anwesenden Nonnen sowie die Laien, Männer und Frauen vor ihm verneigen.
c11.s2.t2.13
Etwas anders vollzieht sich die Mönchs- und Nonnenweihe bei den Terâpanthîs. H. Jacobi, der einer solchen in Ladnûn beiwohnte, schreibt mir darüber: ,,Die beiden (zu weihenden Personen) waren Eheleute, nicht Schüler oder Novizen; die Szene spielte sich vor einer Karawanserai (Dharmshâlâ) ab, vor der ein freier Platz war. Zum Eingang der Dharmshâlâ führte eine Treppe herauf, etwa von Mannshöhe. Zu beiden Seiten der Treppe war je eine Terrasse; auf der zur Rechten saß der Âcârya mit den Yatis, auf der zur Linken die Nonnen. Dann wurde das Paar, schön eingekleidet, herbeigeführt. Sie stand ganz verhüllt neben den Nonnen, er auf ebener Erde vor dem Âcârya. Eine Pradakshinâ (Umwandlung) war durch die Natur der Örtlichkeit ausgeschlossen. Der ältere Bruder des zu Weihenden stand hinter ihm und überreichte dem Âcârya ein Schriftstück, das die Zustimmung der Familie aussprach. Der Âcârya zitierte, als einigermaßen Ruhe in der nächsten Umgebung hergestellt war, mit großer Zungenfertigkeit eine lange Formel. Dann neigte der Mönch sein Haupt, das bis auf ein Haarbüschel geschoren war, und der Âcârya riß ihm letzteres in fünf Zügen aus, ohne daß der Mönch eine Miene verzogen hätte. Der Mönch machte vor den Mönchen seine Verbeugung und setzte sich als letzter in deren Reihe; die Nonne wurde zu den Nonnen geführt. Sie hatte nur einige Verbeugungen bei der Ansprache des Âcârya vor diesem zu machen, ehe die Weihe des Mönches vor sich ging.“
c11.s2.t2.14
Den Beschluß der Initiation macht gewöhnlich eine Predigt, an die sich dann noch einige weitere Riten anschließen. Der eigentliche Akt währt zwar nur etwa 1/4 Stunden, doch sind noch tagelang später eine Reihe von Begehungen vorzunehmen und Pflichten der verschiedensten Art zu erfüllen.
c11.s2.t2.15
Von der Beendigung der Initiationszeremonie an rechnet die geistliche Anziennität des Mönches. Die Stufe des Wandels, die er damit erreicht hat, heißt Chedopasthâpana. Durch Kasteiung, Ausrodung der Leidenschaften und Loslösung von allem Irdischen vermag er von hier aus zu den drei höheren Graden des Wandels emporzusteigen. Zu diesem Zweck hat der Asket eine Reihe von Pflichten zu beobachten, die ihm von seinem Guru auferlegt werden. Über sie gibt es eine große Fülle von Vorschriften. Ihre Außerachtlassung hat Strafen und Bußen der verschiedensten Art zur Folge, so kann z. B. auf Kürzung der geistlichen Anziennität erkannt werden.
c11.s2.t2.16
Veranlassung zu festlichen Veranstaltungen geben die Beförderungen, die innerhalb des Sangha eintreten, wenn ein Mönch zum Vorleser (Vâcaka), Lehrer (Upâdhyâya) oder Meister (Âcârya) gemacht wird. Die bei derartigen Gelegenheiten vorzunehmenden Riten sind das Umwandeln des Samavasarana, das Rezitieren von Hymnen und Sprüchen, das Bestreichen mit Vâsa u. ä. Besonders feierlich ist die Weihe eines Âcârya. Hierbei wird das von diesem anzulegende Kleid in der Nacht vor dem Feste geweiht; es werden dann zwei Sitze aufgestellt, auf deren einem der Guru Platz nimmt, während auf dem anderen ein Bündel mit Aksha niedergelegt wird. Nach einer Reihe von Begehungen, dem Hersagen von Sprüchen und Hymnen flüstert der Guru dem zum Meister zu Ernennenden den „Sûri-Mantra“ genannten Spruch dreimal ins Ohr und gibt ihm das Aksha-Bündel in die Hand. Dann verleiht er ihm einen neuen Namen (dieser ist zumeist nur eine Umstellung des früher erhaltenen Kirchennamens, dem der Titel Sûri nachgestellt wird, so wird z. B. aus Indra Vijaya der neue Name Vijaya Indra Sûri). Der neue Âcârya nimmt dann auf dem einen der beiden Sitze Platz und wird von dem Guru und allen Anwesenden verehrt und in schwungvollen Versen als der Verkünder der Jaina-Lehre gepriesen, „welche wie ein Donnerkeil den Berg des Sansâra zerspaltet“. An die Meisterweihe schließen sich Predigten und andere Veranstaltungen religiösen Charakters, und die Laien begehen sie durch ein Fest, das zehn Tage währt.
c11.s2.t2.17
Die für einen Asketen erstrebenswerte Todesart ist die Samlekhanâ, d. h. der freiwillige Hungertod. Die Samlekhanâ soll nach 12 Jahren härtester Askese in der Weise vorgenommen werden, daß der Todeskandidat sich auf einen Berg begibt, sich dort unter einem Baume niedersetzt und kein Glied mehr rührt, bis der Tod durch Mangel an Nahrung eingetreten ist. Diese Form der Samlekhanâ gelangt jedoch nur selten zur Ausführung. Die meisten Mönche (und mitunter auch Laien) begnügen sich damit, erst auf dem Totenbett in Anwesenheit des Meisters, Lehrers oder von Asketen das Gelübde zu nehmen, sich jeder Nahrung zu enthalten. Dies geschieht, nachdem sich der Sterbende, das Gesicht nach Nordosten gewendet, mit gekreuzten Beinen auf einen Sitz aus Gras niedergesetzt und ein herbeigebrachtes Jinabild verehrt hat, und die Tîrthankaras und Gottheiten durch Hymnen und Sprüche gepriesen worden sind. Der Sterbende bittet dann alle Wesen, ihm zu verzeihen, wenn er ihnen etwas Böses zugefügt hat, wie er auch allen vergibt, die ihm Schlechtes getan haben. Dann wiederholt er die fünf großen Gelübde und verspricht, nicht mehr Speise und Trank zu genießen. Unter dem Rezitieren von Sprüchen oder heiligen Texten geht der Fromme, der die Samlekhanâ ausführte, in die Himmelwelt hinüber, gewiß, in einer späteren Geburt die Erlösung zu erreichen, welche in dem gegenwärtigen schlechten Zeitalter für ihn in unserem Weltteil nicht erreichbar ist. Der Mann, der so „im Zustande der Verzückung (Samâdhi)“ den freiwilligen Tod starb, wird von den Jainas in hohen Ehren gehalten, und die Frommen gehen zu ihm, im Glauben, daß seine gnadenreiche Nähe karmatilgend wirke, wie ein Wallfahrtsort.
c11.s2.t2.18
Wenn ein Mönch gestorben ist, so wird seine Leiche unter Entfaltung von mehr oder weniger Pomp verbrannt. Die Mönche und frommen Laien fasten und hören Predigten über die Vergänglichkeit des Erdenlebens.
c11.s2.t2.19
Die besonderen Riten bei der Initiation und beim Tode einer Nonne, bei ihrer Weihe zur Pravartinî, Mahattarâ usw. sind ähnlich wie die soeben besprochenen der Mönche.
c11.s2.t2.20
Die andersgeartete Organisation des Asketentums der Digambaras kommt auch in ihrem Ritual zur Geltung. Der Übergang aus dem Laientum zum Mönchtum und die sukzessive Erlangung der höheren Grade desselben werden durch besondere Zeremonien gekennzeichnet. Das Âdipurâna (38) führt die folgenden Etappen auf, welche der heilige Mann durchläuft: Zuerst tritt beim Laien die Prashânti ein, das Aufgeben des Hängens an den Sinnenobjekten und die Vorliebe für religiöses Studium usw.; dann folgt das Verlassen des Hauses, nachdem das Vermögen zu je 1/3 für fromme Zwecke, für den ältesten Sohn und für die anderen Kinder hingegeben worden ist. Der Fromme wird dann zunächst zum Kshullaka geweiht, als welcher er noch einen Zeugstreifen trägt; schreitet er fort, so gibt er auch diese Kleidung auf und erlangt die „Jinarûpatâ“. Wenn er sich durch Fasten, Kasteiung und Studium hervorgetan, so wird er Guru, steigt er noch höher, so wird er das Haupt der vierfachen Gemeinde. Diese Stellung behält der Heilsucher jedoch nicht bis zu seinem Lebensende bei, sondern er gibt sie schließlich an seinen Schüler ab, um, von aller Amtsbürde befreit, sich ganz der Kasteiung und Meditation zu widmen. In der Versenkung und unter Enthaltung von jeder Nahrung findet er dann den Tod der „Samlekhanâ“, der ihm die Wiedergeburt in einem Götterhimmel verschafft.
III. Das Tempelritual
c11.s2.t3.1
1. Die täglichen Riten
c11.s2.t3.2
Die in den Jaina-Tempeln zu vollziehenden Riten sind sehr verschiedenartig. Eine Aufzählung aller Zeremonien des Kults in den Heiligtümern würde ein ganzes Buch füllen. Ich beschränke mich daher auf eine kurze Darstellung der am Morgen, Mittag und Abend in einem Tempel in Gujarât gebräuchlichen Hauptriten. Als Führer dient mir hierbei die von J. Burgess im Indian Antiquary 13 (1884) p. 191 ff. gegebene Schilderung 72.
c11.s2.t3.3
Der Morgen-Gottesdienst beginnt gegen 6 1/2 Uhr. Der Pûjârî, der vorher ein Bad genommen oder jedenfalls die fünf Hauptglieder seines Leibes, Mund, Hände und Füße, gewaschen hat, öffnet dann den Tempel. Beim Eintreten in die geweihten Hallen spricht er „nissahi“ oder „nissarahi“, womit angedeutet werden soll, daß er aus der Welt herausgeht und alles Weltliche hinter sich läßt. Dann reinigt er den Tempel und die Idole. Neben das Bild des Tîrthankara wird rechts eine Lampe, links ein Behälter für Räucherwerk (Dhû-padân) gestellt und entzündet. Dann werden die neun Glieder des Tîrthankara (die großen Zehen, Kniegelenke, Handgelenke, Schultern, Scheitel, Stirn, Nacken, Brust, Nabel) vom Pûjârî mit Vâsa-Pulver bestrichen, mit einer wohlriechenden Paste, die aus Sandel, Kampfer, Moschus, Ambra und Safran besteht.
c11.s2.t3.4
Auf einen kleinen Tisch in der Tempelhalle wird dann das Svastika-Zeichen (s. S. 383) mit Reis aufgetragen; auf den Svastika werden Früchte, auf den Halbmond Süßigkeiten (Naivedya) gelegt. Darauf nimmt der Pûjârî die Zipfel seines Obergewandes (das in ähnlicher Weise getragen wird wie die heilige Schnur des Brahmanen) zwischen die Hände, fegt damit den Boden und spricht einen Mantra. Dann führt er die „Verneigung der fünf Glieder“ (Pancângapranâma) aus, indem er mit den beiden Knien, den beiden Handflächen und der Stirn den Boden berührt. Dreimal umwandelt er darauf das Idol und setzt sich in der Yogamudrâsana-Positur vor ihm nieder. Nachdem er den Tîrthankara dann durch einen Spruch darum gebeten hat, das Caityavandana genannte Gebet sprechen zu dürfen und sich an Stelle des Heiligen mit einem „iccham“ die Erlaubnis dazu erteilt hat, singt er diese Hymne, in welcher der Tîrthankara (z. B. Shântinâtha) um Segen angefleht wird. Er stimmt dann noch eine Reihe von anderen Lobgesängen und Mantras an, indem er seine Körperhaltung je nach der Vorschrift wechselt. Am Schluß des Gottesdienstes läutet er die „Siegesglocke“ (Jayaghantâ) und verläßt das Heiligtum mit dem Worte „âvissahi“, welches seine Rückkehr in die Welt kennzeichnet.
c11.s2.t3.5
Der zweite Gottesdienst beginnt gegen 10 Uhr morgens. Der Pûjârî hat vorher zu baden. Hierbei wäscht er, mit dem Gesicht nach Osten gewendet, die 10 Kakâvalis, d. h. die 10 Glieder, deren indische Bezeichnung mit einem K beginnt, nämlich die Ohren, die Hand- und Fußgelenke, die Achselhöhlen, Nacken und Lenden und trocknet seinen Leib mit einem sauberen weißen Tuch ab. Er betritt dann den Tempel mit einem Gefäß mit Wasser, in welchem er seine Füße vor dem Betreten der Halle wäscht. Nachdem er die Füße an der Matte draußen abgetrocknet hat, schreitet er mit dem Worte „nissahi“ in das Heiligtum hinein. Sein Obergewand (Uttarâsana) faltet er achtmal und bindet es über seinen Mund, damit sein Atem nicht das Idol beflecke.
c11.s2.t3.6
Beim Eintreten wäscht er den Stein, auf welchem das heilige Pulver hergestellt wird, bereitet neues zu, tut es in Gefäße und geht in das Allerheiligste (Garbhagriha). Hier nimmt er die Blumen der letzten Pûjâ ab und entfernt mit Hilfe einer Bürste aus Pfauenfedern (Mayûrapuccha) den Staub von dem Bilde des Tîrthankara. Dann taucht er ein Tuch in Wasser und wischt damit das Idol ab, um die alte Sandelpaste zu entfernen. Hat sich an einer Stelle der Safran festgesetzt, so säubert er das Idol mit einer aus den Wurzeln des wohlriechenden Ushîra-Grases (Andropogon muricatum) hergestellten Bürste (Vâlakunci). Nachdem das Bild so gereinigt ist, bereitet er den „Fünfnektar“ (Pancâmrita) zu, eine Mischung aus Milch, geronnener Milch, Ghî, Wasser und Zucker. Das Präparat wird in ein „Kalasha“ genanntes Gefäß getan, das ungefähr die Gestalt einer Teekanne ohne Griff hat. Das Pancâmrita wird über das Idol gegossen, dann geschieht dasselbe mit reinem Wasser, das in einem anderen Kalasha enthalten war. Hierbei werden Sanskrit-Mantras gesprochen. Der Pûjârî nimmt dann drei verschiedene Tücher (Angaluhana) und trocknet das Idol mit diesen dreimal ab. Dann wäscht er den Thron des Bildes und betupft dieses, nachdem er vorher seine Hände gewaschen, an neun Körperstellen mit Sandel, wobei Mantras rezitiert werden.
c11.s2.t3.7
Hierauf folgt die Verehrung durch Blumen (Pushpapûjâ). Aus einem mitgebrachten Gefäß nimmt der Pûjârî Blumen und streut sie über das Idol und legt eine Girlande um dessen Hals. Unter Rezitation von Sprüchen vollzieht er dann die Verehrung durch Räucherwerk und Lampen. Nachdem er das Bild dann noch mit einem Yakschweif gefächelt hat, geht er in die Halle, zeichnet auf den Tisch den Svastika und bringt auf diesem Reis, Früchte und Süßigkeiten dar. Hieran schließt sich der Gesang von Hymnen und das Läuten der Siegesglocke. Dann scheidet der Pûjârî mit dem Worte „âvissahi“ aus dem Heiligtum.
c11.s2.t3.8
Der Abend-Gottesdienst ist einfach. Er beginnt zwischen 5 und 6 Uhr. Mit einem „nissahi“ betritt der Pûjârî den Tempel, zündet die Lampen an und verbrennt Räucherwerk (Dhûpapûjâ). Darauf veranstaltet er die Âratipûjâ, indem er eine Lampe mit fünf Dochten vor dem Idol schwingt. Dann wird eine Öllampe (Mangaladîpa) vor dem Bilde hin- und herbewegt. Hierbei werden Instrumente, wie eine Pauke, Glocken u. ä. gespielt. Nach dem Gesang von Mantras läutet der Pûjârî die Siegesglocke und schreitet mit einem „âvissahi“ aus dem Tempel heraus.
c11.s2.t3.9
Das Mitgeteilte gibt ungefähr eine Vorstellung von der Art und Weise, in welcher sich die Pûjâ in Jaina-Tempeln abspielt. Im einzelnen finden sich viele Verschiedenheiten. So ist das Anzünden von Lampen vor den Idolen und die Verehrung derselben nach Eintritt der Dunkelheit nur bei den Shvetâmbaras üblich; die Digambaras verehren nicht zur Nachtzeit, zünden aber Lichter im Tempel an, um die heiligen Schriften zu lesen 73.
c11.s2.t3.10
2. Riten bei besonderen Gelegenheiten
c11.s2.t3.11
Die Aufstellung und Einweihung eines Kultbildes erheischen die Vornahme einer Fülle von Zeremonien. Die Riten weichen bei den beiden Konfessionen und ihren Sekten in Einzelheiten voneinander ab, sie sind auch bei den Idolen verschieden, weil Bilder von Tîrthankaras in anderer Weise zu behandeln sind als solche von Shâsanadevatâs, Göttern, Planeten usw. Schließlich bestehen auch noch Unterschiede hinsichtlich der Beschaffenheit und der Bestimmung der Bilder: solche, die im Hause eines Gläubigen für seine Andacht Verwendung finden, werden in etwas anderer Weise geweiht als diejenigen, welche in einem Tempel aufgestellt werden, und bei den letzteren wieder sind die Riten etwas anders bei den Idolen, die so groß sind, daß sie nicht von ihrem Platze fortbewegt werden können, als bei kleineren, welche bequem transportiert werden können. Die Ritualwerke der Jainas enthalten über all dieses eine Unzahl von detaillierten Vorschriften; im Folgenden kann nur einiges Wesentliche mitgeteilt werden.
c11.s2.t3.12
Die Erstellung (Pratishthâ) eines Jina-Bildes erfordert umfangreiche Vorbereitungen. Zunächst muß der Ort, wo es Platz finden soll, in weitem Umkreis gereinigt werden. Umherliegender Kehricht sowie Exkremente, Knochen, Haare, Nägel, Zähne von Lebewesen jeder Art sind zu entfernen. Sodann ist ein astrologisch günstiger Zeitpunkt für das Stattfinden der Zeremonie zu ermitteln; wenn es nicht möglich ist, einen Moment festzustellen, an dem alle Himmelskörper günstig stehen, so sind Riten auszuführen, welche die Einflüsse unheilverkündender Sterne neutralisieren. Weiterhin sind alle in der Umgegend wohnenden Asketen und Gläubigen von dem Stattfinden der Feier zu benachrichtigen und zu derselben geziemend einzuladen. Vor dem Beginn der Pratishthâ wird das Idol gesäubert und nach dem Orte gebracht, an dem es aufgestellt werden soll; es werden die Töpfe und Utensilien, das Wasser, die Kräuter und was sonst noch für die feierliche Handlung notwendig ist, zum Tempel getragen (wobei Gesang, Tanz und Musik veranstaltet werden kann); im Heiligtum wird ein Altar errichtet, und im Hause des Stifters des Bildes werden segenverheißende Riten ausgeführt.
c11.s2.t3.13
Vor der Erstellungszeremonie werden die Dikpâlas, die Patrone der Himmelsrichtungen, verehrt, nachdem man ihre Kultbilder aufgestellt hat. Dann werden vier Krüge aus kostbarem Metall zu allen vier Seiten des Idols gesetzt und vier schön geschmückte Mädchen zerreiben die tausend Kräuter, welche bei dem Waschen und Salben des Standbildes Verwendung finden sollen.
c11.s2.t3.14
Die Weihung des Idols wird von einem Âcârya, einem Pâthaka, einem Sâdhu, einem Jaina-Brahmanen oder einem Kshullaka vorgenommen, doch können diese nicht alle die gleichen Zeremonien ausführen. Der Leiter der Begehungen heißt „Pratishthâ-Guru“, ihm sollen vier „Snâtrakâras“ zur Seite stehen.
c11.s2.t3.15
Die heilige Handlung beginnt mit der „Bhûtabali“ genannten Niederlegung von aus Bakula-Pflanzen u. a. hergestellten Kuchen in allen Himmelsrichtungen. In dabei gesprochenen Formeln werden die Geister aller Art, Bhûtas, Pretas, Pishâcas, Gandharvas, Yakshas, Râkshasas, Kinnaras, Vetâlas aufgefordert, die Spenden anzunehmen. Unter der Rezitation von Hymnen und Sprüchen werden dann die Shâsanadevatâs und andere Gottheiten verehrt, worauf das zu weihende Idol mit Wasser, das mit Ingredienzien der verschiedensten Art vermischt ist, gewaschen, mit konsekriertem Sandel gesalbt, mit Blumengirlanden geschmückt und durch das Berühren seiner einzelnen Glieder eingesegnet wird. An die Pûjâ mit ihren verschiedenen Mantras und Darbringungen schließt sich ein großes, acht Tage währendes Fest, bei welchem die Teilnehmer von dem Stifter zu bewirten sind. Die Gastlichkeit und der Pomp, die bei Gelegenheit der Aufstellung eines Idols zu entfalten sind, verursachen bedeutende Kosten, so daß heute nur wenige Personen in der Lage sind, sie zu tragen und die volle Durchführung aller Pratishthâ-Zeremonien und alles dessen, was sich an sie anschließt, in der Gegenwart nicht mehr so häufig ist wie in der Vergangenheit.
c11.s2.t3.16
Ähnliche Riten wie bei der Aufstellung von Jina-Bildern finden bei der Einweihung von Statuen der verschiedensten Gottheiten, von Yantras (Tafeln mit mystischen Symbolen), von heiligen Bannern u. a. statt; auch die Tempelweihe spielt sich in ähnlichen Formen ab.
c11.s2.t3.17
Die Weihe eines Kultbildes kann von Zeit zu Zeit erneuert werden. So wird z. B. die berühmte Statue des Gommata in Shravana Belgola nach einer bestimmten Zahl von Jahren wieder neu mit Pancâmrita (Milch, saure Milch, Butter, Honig, Wasser) gewaschen, gesalbt sowie mit Blumen, Früchten u. a. überschüttet. Die letzte derartige Feier ging 1925 vor sich; um das gewaltige Monument bis zu seiner Spitze erreichen zu können, waren große Gerüste errichtet worden. Die Begießung mit den heiligen Flüssigkeiten wurde von zahlreichen Jaina-Laien ausgeführt, denen dieses Recht nach Hergabe beträchtlicher Geldsummen verkauft worden war.
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