Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c11.s2.t3: III. Das Tempelritual
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c11.s2.t3
- Language
- German
III. Das Tempelritual
c11.s2.t3.1
1. Die täglichen Riten
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Die in den Jaina-Tempeln zu vollziehenden Riten sind sehr verschiedenartig. Eine Aufzählung aller Zeremonien des Kults in den Heiligtümern würde ein ganzes Buch füllen. Ich beschränke mich daher auf eine kurze Darstellung der am Morgen, Mittag und Abend in einem Tempel in Gujarât gebräuchlichen Hauptriten. Als Führer dient mir hierbei die von J. Burgess im Indian Antiquary 13 (1884) p. 191 ff. gegebene Schilderung 72.
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Der Morgen-Gottesdienst beginnt gegen 6 1/2 Uhr. Der Pûjârî, der vorher ein Bad genommen oder jedenfalls die fünf Hauptglieder seines Leibes, Mund, Hände und Füße, gewaschen hat, öffnet dann den Tempel. Beim Eintreten in die geweihten Hallen spricht er „nissahi“ oder „nissarahi“, womit angedeutet werden soll, daß er aus der Welt herausgeht und alles Weltliche hinter sich läßt. Dann reinigt er den Tempel und die Idole. Neben das Bild des Tîrthankara wird rechts eine Lampe, links ein Behälter für Räucherwerk (Dhû-padân) gestellt und entzündet. Dann werden die neun Glieder des Tîrthankara (die großen Zehen, Kniegelenke, Handgelenke, Schultern, Scheitel, Stirn, Nacken, Brust, Nabel) vom Pûjârî mit Vâsa-Pulver bestrichen, mit einer wohlriechenden Paste, die aus Sandel, Kampfer, Moschus, Ambra und Safran besteht.
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Auf einen kleinen Tisch in der Tempelhalle wird dann das Svastika-Zeichen (s. S. 383) mit Reis aufgetragen; auf den Svastika werden Früchte, auf den Halbmond Süßigkeiten (Naivedya) gelegt. Darauf nimmt der Pûjârî die Zipfel seines Obergewandes (das in ähnlicher Weise getragen wird wie die heilige Schnur des Brahmanen) zwischen die Hände, fegt damit den Boden und spricht einen Mantra. Dann führt er die „Verneigung der fünf Glieder“ (Pancângapranâma) aus, indem er mit den beiden Knien, den beiden Handflächen und der Stirn den Boden berührt. Dreimal umwandelt er darauf das Idol und setzt sich in der Yogamudrâsana-Positur vor ihm nieder. Nachdem er den Tîrthankara dann durch einen Spruch darum gebeten hat, das Caityavandana genannte Gebet sprechen zu dürfen und sich an Stelle des Heiligen mit einem „iccham“ die Erlaubnis dazu erteilt hat, singt er diese Hymne, in welcher der Tîrthankara (z. B. Shântinâtha) um Segen angefleht wird. Er stimmt dann noch eine Reihe von anderen Lobgesängen und Mantras an, indem er seine Körperhaltung je nach der Vorschrift wechselt. Am Schluß des Gottesdienstes läutet er die „Siegesglocke“ (Jayaghantâ) und verläßt das Heiligtum mit dem Worte „âvissahi“, welches seine Rückkehr in die Welt kennzeichnet.
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Der zweite Gottesdienst beginnt gegen 10 Uhr morgens. Der Pûjârî hat vorher zu baden. Hierbei wäscht er, mit dem Gesicht nach Osten gewendet, die 10 Kakâvalis, d. h. die 10 Glieder, deren indische Bezeichnung mit einem K beginnt, nämlich die Ohren, die Hand- und Fußgelenke, die Achselhöhlen, Nacken und Lenden und trocknet seinen Leib mit einem sauberen weißen Tuch ab. Er betritt dann den Tempel mit einem Gefäß mit Wasser, in welchem er seine Füße vor dem Betreten der Halle wäscht. Nachdem er die Füße an der Matte draußen abgetrocknet hat, schreitet er mit dem Worte „nissahi“ in das Heiligtum hinein. Sein Obergewand (Uttarâsana) faltet er achtmal und bindet es über seinen Mund, damit sein Atem nicht das Idol beflecke.
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Beim Eintreten wäscht er den Stein, auf welchem das heilige Pulver hergestellt wird, bereitet neues zu, tut es in Gefäße und geht in das Allerheiligste (Garbhagriha). Hier nimmt er die Blumen der letzten Pûjâ ab und entfernt mit Hilfe einer Bürste aus Pfauenfedern (Mayûrapuccha) den Staub von dem Bilde des Tîrthankara. Dann taucht er ein Tuch in Wasser und wischt damit das Idol ab, um die alte Sandelpaste zu entfernen. Hat sich an einer Stelle der Safran festgesetzt, so säubert er das Idol mit einer aus den Wurzeln des wohlriechenden Ushîra-Grases (Andropogon muricatum) hergestellten Bürste (Vâlakunci). Nachdem das Bild so gereinigt ist, bereitet er den „Fünfnektar“ (Pancâmrita) zu, eine Mischung aus Milch, geronnener Milch, Ghî, Wasser und Zucker. Das Präparat wird in ein „Kalasha“ genanntes Gefäß getan, das ungefähr die Gestalt einer Teekanne ohne Griff hat. Das Pancâmrita wird über das Idol gegossen, dann geschieht dasselbe mit reinem Wasser, das in einem anderen Kalasha enthalten war. Hierbei werden Sanskrit-Mantras gesprochen. Der Pûjârî nimmt dann drei verschiedene Tücher (Angaluhana) und trocknet das Idol mit diesen dreimal ab. Dann wäscht er den Thron des Bildes und betupft dieses, nachdem er vorher seine Hände gewaschen, an neun Körperstellen mit Sandel, wobei Mantras rezitiert werden.
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Hierauf folgt die Verehrung durch Blumen (Pushpapûjâ). Aus einem mitgebrachten Gefäß nimmt der Pûjârî Blumen und streut sie über das Idol und legt eine Girlande um dessen Hals. Unter Rezitation von Sprüchen vollzieht er dann die Verehrung durch Räucherwerk und Lampen. Nachdem er das Bild dann noch mit einem Yakschweif gefächelt hat, geht er in die Halle, zeichnet auf den Tisch den Svastika und bringt auf diesem Reis, Früchte und Süßigkeiten dar. Hieran schließt sich der Gesang von Hymnen und das Läuten der Siegesglocke. Dann scheidet der Pûjârî mit dem Worte „âvissahi“ aus dem Heiligtum.
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Der Abend-Gottesdienst ist einfach. Er beginnt zwischen 5 und 6 Uhr. Mit einem „nissahi“ betritt der Pûjârî den Tempel, zündet die Lampen an und verbrennt Räucherwerk (Dhûpapûjâ). Darauf veranstaltet er die Âratipûjâ, indem er eine Lampe mit fünf Dochten vor dem Idol schwingt. Dann wird eine Öllampe (Mangaladîpa) vor dem Bilde hin- und herbewegt. Hierbei werden Instrumente, wie eine Pauke, Glocken u. ä. gespielt. Nach dem Gesang von Mantras läutet der Pûjârî die Siegesglocke und schreitet mit einem „âvissahi“ aus dem Tempel heraus.
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Das Mitgeteilte gibt ungefähr eine Vorstellung von der Art und Weise, in welcher sich die Pûjâ in Jaina-Tempeln abspielt. Im einzelnen finden sich viele Verschiedenheiten. So ist das Anzünden von Lampen vor den Idolen und die Verehrung derselben nach Eintritt der Dunkelheit nur bei den Shvetâmbaras üblich; die Digambaras verehren nicht zur Nachtzeit, zünden aber Lichter im Tempel an, um die heiligen Schriften zu lesen 73.
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2. Riten bei besonderen Gelegenheiten
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Die Aufstellung und Einweihung eines Kultbildes erheischen die Vornahme einer Fülle von Zeremonien. Die Riten weichen bei den beiden Konfessionen und ihren Sekten in Einzelheiten voneinander ab, sie sind auch bei den Idolen verschieden, weil Bilder von Tîrthankaras in anderer Weise zu behandeln sind als solche von Shâsanadevatâs, Göttern, Planeten usw. Schließlich bestehen auch noch Unterschiede hinsichtlich der Beschaffenheit und der Bestimmung der Bilder: solche, die im Hause eines Gläubigen für seine Andacht Verwendung finden, werden in etwas anderer Weise geweiht als diejenigen, welche in einem Tempel aufgestellt werden, und bei den letzteren wieder sind die Riten etwas anders bei den Idolen, die so groß sind, daß sie nicht von ihrem Platze fortbewegt werden können, als bei kleineren, welche bequem transportiert werden können. Die Ritualwerke der Jainas enthalten über all dieses eine Unzahl von detaillierten Vorschriften; im Folgenden kann nur einiges Wesentliche mitgeteilt werden.
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Die Erstellung (Pratishthâ) eines Jina-Bildes erfordert umfangreiche Vorbereitungen. Zunächst muß der Ort, wo es Platz finden soll, in weitem Umkreis gereinigt werden. Umherliegender Kehricht sowie Exkremente, Knochen, Haare, Nägel, Zähne von Lebewesen jeder Art sind zu entfernen. Sodann ist ein astrologisch günstiger Zeitpunkt für das Stattfinden der Zeremonie zu ermitteln; wenn es nicht möglich ist, einen Moment festzustellen, an dem alle Himmelskörper günstig stehen, so sind Riten auszuführen, welche die Einflüsse unheilverkündender Sterne neutralisieren. Weiterhin sind alle in der Umgegend wohnenden Asketen und Gläubigen von dem Stattfinden der Feier zu benachrichtigen und zu derselben geziemend einzuladen. Vor dem Beginn der Pratishthâ wird das Idol gesäubert und nach dem Orte gebracht, an dem es aufgestellt werden soll; es werden die Töpfe und Utensilien, das Wasser, die Kräuter und was sonst noch für die feierliche Handlung notwendig ist, zum Tempel getragen (wobei Gesang, Tanz und Musik veranstaltet werden kann); im Heiligtum wird ein Altar errichtet, und im Hause des Stifters des Bildes werden segenverheißende Riten ausgeführt.
c11.s2.t3.13
Vor der Erstellungszeremonie werden die Dikpâlas, die Patrone der Himmelsrichtungen, verehrt, nachdem man ihre Kultbilder aufgestellt hat. Dann werden vier Krüge aus kostbarem Metall zu allen vier Seiten des Idols gesetzt und vier schön geschmückte Mädchen zerreiben die tausend Kräuter, welche bei dem Waschen und Salben des Standbildes Verwendung finden sollen.
c11.s2.t3.14
Die Weihung des Idols wird von einem Âcârya, einem Pâthaka, einem Sâdhu, einem Jaina-Brahmanen oder einem Kshullaka vorgenommen, doch können diese nicht alle die gleichen Zeremonien ausführen. Der Leiter der Begehungen heißt „Pratishthâ-Guru“, ihm sollen vier „Snâtrakâras“ zur Seite stehen.
c11.s2.t3.15
Die heilige Handlung beginnt mit der „Bhûtabali“ genannten Niederlegung von aus Bakula-Pflanzen u. a. hergestellten Kuchen in allen Himmelsrichtungen. In dabei gesprochenen Formeln werden die Geister aller Art, Bhûtas, Pretas, Pishâcas, Gandharvas, Yakshas, Râkshasas, Kinnaras, Vetâlas aufgefordert, die Spenden anzunehmen. Unter der Rezitation von Hymnen und Sprüchen werden dann die Shâsanadevatâs und andere Gottheiten verehrt, worauf das zu weihende Idol mit Wasser, das mit Ingredienzien der verschiedensten Art vermischt ist, gewaschen, mit konsekriertem Sandel gesalbt, mit Blumengirlanden geschmückt und durch das Berühren seiner einzelnen Glieder eingesegnet wird. An die Pûjâ mit ihren verschiedenen Mantras und Darbringungen schließt sich ein großes, acht Tage währendes Fest, bei welchem die Teilnehmer von dem Stifter zu bewirten sind. Die Gastlichkeit und der Pomp, die bei Gelegenheit der Aufstellung eines Idols zu entfalten sind, verursachen bedeutende Kosten, so daß heute nur wenige Personen in der Lage sind, sie zu tragen und die volle Durchführung aller Pratishthâ-Zeremonien und alles dessen, was sich an sie anschließt, in der Gegenwart nicht mehr so häufig ist wie in der Vergangenheit.
c11.s2.t3.16
Ähnliche Riten wie bei der Aufstellung von Jina-Bildern finden bei der Einweihung von Statuen der verschiedensten Gottheiten, von Yantras (Tafeln mit mystischen Symbolen), von heiligen Bannern u. a. statt; auch die Tempelweihe spielt sich in ähnlichen Formen ab.
c11.s2.t3.17
Die Weihe eines Kultbildes kann von Zeit zu Zeit erneuert werden. So wird z. B. die berühmte Statue des Gommata in Shravana Belgola nach einer bestimmten Zahl von Jahren wieder neu mit Pancâmrita (Milch, saure Milch, Butter, Honig, Wasser) gewaschen, gesalbt sowie mit Blumen, Früchten u. a. überschüttet. Die letzte derartige Feier ging 1925 vor sich; um das gewaltige Monument bis zu seiner Spitze erreichen zu können, waren große Gerüste errichtet worden. Die Begießung mit den heiligen Flüssigkeiten wurde von zahlreichen Jaina-Laien ausgeführt, denen dieses Recht nach Hergabe beträchtlicher Geldsummen verkauft worden war.
c11.s2.t3.18
Bei besonderen Gelegenheiten werden zu Kultzwecken Flaggen mit den verschiedensten Emblemen aufgestellt. Das Âdi-purâna berichtet von 10 Arten von Flaggen; von jeder Art wurden 108 Stück in jeder der 4 Himmelsrichtungen, im ganzen also 4320 Stück zu Ehren Rishabhas aufgestellt. Die Errichtung derartiger „Pâlidhvajas“ ist auch heute noch üblich⁷¹.
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Eine mit dem Bilderkult zusammenhängende Art der Verehrung der Tirthankaras ist die Veranstaltung einer großen Wagenprozession (Rathayâtrâ). Eine solche soll mindestens einmal im Jahr stattfinden; doch haben diese Yâtrâs in der Gegenwart viel von der Bedeutung verloren, die sie früher besaßen, als mächtige Könige dem Jaina-Glauben anhingen, weshalb die Lehrbücher der Riten mit Vorliebe auf die von der Jaina-Dichtung verherrlichten Wagenprozessionen des Weltbeherrschers Mahâpadma (s. S. 285), des Samprati und des Kumârapâla hinweisen 75. Bei diesen Festlichkeiten werden Bilder von Tîrthankaras, nachdem sie gewaschen und gesalbt worden sind, mit großer Prachtentfaltung unter dem Jubel der Bevölkerung auf mächtigen, schön geschmückten Prunkkarren, die von Elefanten oder Rossen gezogen werden, durch die Stadt gefahren.
Cites (1)
- Brahmapurāṇa — Vyāsa, Sanskrit