Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c7.s6: V. Die Gegenwart
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c7.s6
- Language
- German
V. Die Gegenwart
c7.s6.1
Unter der britischen Herrschaft konnten die Jainas, ungehindert durch politische Wirren und feindliche Verfolgungen, ihren religiösen Gebräuchen nachgehen; die Ruhe und Ordnung und die außerordentliche Verbesserung des Verkehrswesens, welche die Pax Britannica gebracht hatte, förderten den Handel, von dem der größte Teil der Gemeinde seinen Lebensunterhalt gewann, und hob daher den Wohlstand der großen Jainakaufleute, der von jeher ein bedeutender gewesen war. Getreu den Überlieferungen der Vergangenheit haben die großen Bankiers und Handelsherren nie gezögert, den Tîrthankaras durch große Spenden ihre Verehrung zu bezeugen und durch allgemeinnützige Stiftungen sich ein gutes Karma zu erwerben. Der große Tempel des 15. Tîrthankara Dharmanâtha, welchen der Sheth Hatthi-sinha im Jahre 1848 aus weißem Marmor in Ahmedâbâd errichten ließ, und viele andere kostbare Bauten, die während des letzten Jahrhunderts geschaffen wurden, beweisen den großen Reichtum, dessen sich die Gemeinden erfreuen, und die Opferwilligkeit ihrer Mitglieder.
c7.s6.2
Trotz dieses äußeren Glanzes aber hat die zahlenmäßige Größe der Gemeinden beständig abgenommen. Es ist dies eine nicht abzuleugnende Tatsache, die von den Jainas selbst aufs stärkste beklagt wird, wenn sie auch ihrer Ansicht nach von den Allwissenden vorausgesagt wurde. Der Grund für die beständige Verringerung der Anhängerschaft der Religion Mahâvîras ist die immer mehr um sich greifende Hinduisierung eines großen Teils der Laien. Die Lehren der Jinas sind nur wenigen in ihrer wahren Gestalt bekannt, noch wenigere lesen die heiligen Texte oder authentischen Schriften ihres Glaubens; bei vielen beschränkt sich die Zugehörigkeit zum Jainatum fast nur noch auf das Ausführen bestimmter Zeremonien und das Fürwahrhalten gewisser Vorstellungen über Leib und Seele, über Wiedergeburt und Karma, die sich in ihrer vagen Allgemeinheit von denen der Hindus wenig unterscheiden. Die Übernahme von hinduistischen Anschauungen und Riten, vor allem das Verehren von Hindu-Göttern und das Mitfeiern von Hindu-Festen verwischen immer mehr die Grenzen zwischen der Religion der Brahmanen und der der Munis, so daß vielen Jainas überhaupt das Gefühl für die Besonderheiten ihres Glaubens abhanden kommt und sie sich deshalb bei Volkszählungen nicht mehr als Jainas, sondern als Hindus angeben. Die folgenden Zahlen aus den letzten indischen Census-Berichten zeigen deutlich, mit wie großer Schnelligkeit der angedeutete Prozeß vor sich gegangen ist.
c7.s6.3
1891 . . . . . 1 416 638 Jainas 1901 . . . . . 1 334 148 ,, 1911 . . . . . 1 248 182 ,, 1921 . . . . . 1 178 596 ,, 61.
c7.s6.4
Zuerst Geistliche, seit dem letzten Menschenalter auch Laien haben sich bemüht, den Niedergang des Jainatums zu hemmen. Unter den Shvetâmbara-Mönchen war in dieser Hinsicht besonders tätig der dem oben erwähnten Yashovijaya nacheifernde Meister Vijayânanda Sûri, bekannter unter dem Namen Âtmârâmjî (1837—1897), der nicht nur in seinem Orden eine mustergültige strenge Zucht wiederherstellte, sondern zugleich durch eine ausgedehnte publizistische Tätigkeit (er schrieb auch viele Werke in volkstümlichem Stil) die Jainalehre weiteren Kreisen nahebrachte. In unseren Tagen war der Meister Vijaya Dharma Sûri (1868—1922) in erfolgreicher Weise für die Verbreitung der Jaina-Lehre wirksam. Dieser hervorragende Mann, der als Laie Mûlacandra hieß und aus Mahuvâ in Kathiâvâr stammte, war im Alter von 19 Jahren von dem Meister Vriddhicandra durch eine Predigt dem Mönchsleben gewonnen worden. Vermöge seines Fleißes und seiner Geistesgaben überflügelte der Jüngling, der auf der Schule die Verzweiflung seiner Eltern und Lehrer gewesen war, bald alle seine Genossen. Barfüßig und barhäuptig durchzog er Kathiâvâr, Gujarât, Râjputânâ, in Städten und Dörfern predigend und den rechten Glauben wiederherstellend. In Benares, der Hochburg des orthodoxen Hindutums, gelang es ihm, den Haß, den die Brahmanen gegen die Jainas als Häretiker hegen, zu überwinden und eine Jaina-Schule und Bibliothek zu gründen. Nachdem er dann Bihâr und Bengalen besucht, kehrte er 1911 nach Gujarât zurück und stiftete in Pâlitânâ eine Schule, genannt Yashovijaya Jaina Gurukula. Auf einer weiteren Reise, die ihn durch die Vereinigten Provinzen und Râjputânâ führte, veranstaltete er in Jodhpur die erste Jaina-Literatur-Konferenz. Unermüdlich im Interesse seiner Bestrebungen tätig, starb er im September 1922. Vijaya Dharma Sûris Arbeit war jedoch nicht nur eine praktische und organisatorische, sondern auch eine literarische. Er schrieb eine große Zahl von Werken in Sanskrit, Gujarâtî und Hindî, welche eine klare und übersichtliche Darstellung der Jaina-Philosophie und Ethik geben. Des weiteren edierte er eine Reihe von Texten und Inschriften, die seine bedeutenden historischen und archäologischen Kenntnisse und seinen kritischen Scharfsinn bezeugen. Um die Wissenschaft erwarb er sich große Verdienste auch durch die von ihm begonnene und in die Wege geleitete Herausgabe einer Serie von Sanskrit- und Prâkrit-Werken, die dadurch der Vergessenheit entrissen wurden, der „Yashovijaya Jaina Granthamâlâ“ und einer Sammlung von historischen Legenden („Aitihâsika Râsa Sangraha“). Er stand mit fast allen indischen und europäischen Jainologen in regem Briefwechsel und unterstützte ihre Studien durch Ratschläge und Übersendung von Büchern und Handschriften; auch der Verfasser des vorliegenden Buches ist ihm für viele Freundlichkeiten zu großem Dank verpflichtet. Die Lebensarbeit des hervorragenden Mannes, welcher durch eine Krankheit ein zu frühes Ende gesetzt war, wird jetzt von seinem Schüler und Nachfolger, dem Âcârya Vijaya Indra Sûri in seinem Geiste fortgesetzt⁶².
c7.s6.5
Bei den Sthânakavâsîs steht in hohen Ehren der Mönch Ratnacandra (geb. 1879 in Bharorâ, Kathiâvâr). Derselbe entsagte der Welt schon als Fünfzehnjähriger, als seine Gattin ihm nach dreijähriger Ehe durch den Tod entrissen wurde. Er hat eine Reihe von Werken in Sanskrit und Gujarâtî verfaßt und ist Herausgeber des großen von Kesarîcand Bhandâri veranstalteten Ardha-Mâgadhî-Wörterbuchs.
c7.s6.6
Die Notwendigkeit, daß etwas geschehen müsse, um die Jainas ihrer Religion zu erhalten und ihre Kräfte zu einheitlichem Tun zusammenzufassen, hat sich in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts auch den Laien immer mehr aufgedrängt⁶³. Râjacandra Ravjîbhai (1868—1900), ein den Sthânakavâsîs zugehöriger Juwelier aus dem Staate Morvi (Kathiâvâr), der sich als Dichter in seiner Muttersprache einen Namen gemacht hatte und deshalb gewöhnlich mit dem Beinamen „Kavi“ (Dichter) bezeichnet wird, war einer der ersten und tatkräftigsten Förderer des Gedankens, daß alle Jainas ohne Rücksicht auf ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Konfession oder Sekte zum Heile des Ganzen zusammenwirken müßten.
c7.s6.7
Praktische Gestalt gewann die Idee des Zusammenschlusses der Gläubigen zuerst in den einzelnen Konfessionen. 1893 begründeten die Digambaras die „All India Digambara Jain Conference“ (Bhâratavarshìya Digambara Jaina Mahâsabhâ), deren Hauptgeschäftsstelle sich in Khurai (Zentral-Provinzen) befindet; 1903 kam in Marvâr die erste Konferenz der Shvetâmbaras zustande, deren ständige Amtsräume in Bombay sind, und 1906 hielten die Sthânakavâsîs ihre erste Konferenz, deren Leitung in Ajmer ihren Sitz hat. Das Ziel aller dieser Konferenzen ist das gleiche: sie wollen die Mitglieder der einzelnen Konfessionen sammeln und einigen sowie den Glauben gegen die Angriffe der Hindus, der Mohammedaner und der christlichen Missionare verteidigen. Die Durchführung dieser Pläne geschieht teils durch die Konferenzen selbst, teils durch Vermittlung der mit ihnen zusammenhängenden lokalen Gruppen und Ausschüsse in der verschiedensten Weise. Es werden Zeitschriften in indischen Sprachen sowie in Englisch herausgegeben, Bücher und Flugschriften veröffentlicht, alte Texte neu gedruckt, Bibliotheken errichtet, Gelehrte und Studenten unterstützt, Schulen und Institute zur Heranbildung von Predigern unterhalten, Missionsredner angestellt, Tempel ausgebessert und wohltätige Anstalten wie Witwen- und Waisenhäuser, Tierhospitäler u. a. m. begründet oder gefördert.
c7.s6.8
Eine interkonfessionelle Organisation, welche die Jainas ganz Indiens zu erfassen sucht, ist die 1899 als „Jain Young Mens' Association“ gegründete Vereinigung, welche im Jahre 1910 den Namen „All India Jaina Association“ (Bhârata Jaina Mahâmandala) annahm. Sie hat es sich besonders zur Aufgabe gemacht, die Einigkeit unter den sich bekämpfenden Richtungen zu fördern und Reformen in fortschrittlichem Geiste durchzuführen. Ihr Organ ist die in Madrâs erscheinende „Jaina Gazette“. Unter der zielbewußten Leitung von Jagmanderlal Jaini (jetzt: Oberrichter im Fürstentum Indor) hat die Gesellschaft viel Gutes wirken können. Zu einer glanzvollen Kundgebung gestaltete sich ihre Festsitzung am 27. Dezember 1913, bei welcher dem persönlich anwesenden Professor H. Jacobi ein Diplom als „Jaina-darshana-divâkara“ (Sonne der Jaina-Lehre) verliehen wurde.
c7.s6.9
Während die bisher genannten Gesellschaften weitgesteckte, das ganze Gebiet des Jainismus berührende Ziele haben, suchen andere sich auf einem mehr oder weniger begrenzten Wirkungsfeld zum Nutzen des Ganzen zu betätigen. So gibt es einen „Shrî Jîva Dayâ Gnân Prasârak Fund“ in Bombay, der es als seine Aufgabe betrachtet, für den Tierschutz einzutreten und den Vegetarianismus zu propagieren. Der Verein, dem auch Nicht-Jainas angehören, tut dies, indem er Bücher und Flugschriften, neben indischen auch aus England und Amerika eingeführte, in großen Massen verbreitet und durch den Appell an die Öffentlichkeit, an indische Fürsten usw. auf Abschaffung von Tieropfern hinarbeitet. Gesellschaften wie die „Jaina Students Association“ suchen die Gebildeten unter den Jainas zu sammeln, während die „Jaina Ladies Association“ die Frauen für den Jainismus interessiert. Der 1911 in Mîrat gegründete „Rishabha Brahmacarya Âshrama“ dient der Ausbildung der Asketen. Der Syâdvâda Mahâvidyâlaya in Benares und ähnliche Einrichtungen wollen die Kenntnis der Sanskrit- und Prâkrit-Grammatik, der Logik und Philosophie wachhalten. Auch für die europäische Jaina-Forschung bedeutungsvoll sind die zahlreichen Unternehmungen, die, von reichen Stiftern unterhalten, es sich zum Ziel gesetzt haben, alte Jaina-Werke neu herauszugeben, wie die Gesellschaften „Jaina Vidyâ Prasâraka Varga“ in Pâlitânâ, die „Jaina Vidyâ Shâlâ“ in Ahmedâbâd, die Sammlungen „Yashovijaya Jaina Grantha Mâlâ“, „Râyacandra Jaina Shâstra Mâlâ“, „Sanâtana Jaina Grantha Mâlâ“, die von Sheth Devcand Lâlbai Javeri, von Sheth Bhagubhai Mansukbhai u. a. gestifteten und in ihrem Namen herausgegebenen Serien usw. Auch das Erscheinen von Nachschlagewerken großen Stils wird durch die Munifizenz von Patronen ermöglicht, so das einer „Jain Religion Cyclopaedia“, eines „Illustrated Ardha Magadhi Dictionary“, des Lexikons „Abhidhâna Râjendra“ usw. An englische Leser wenden sich die Bände der Bibliotheca Jainica und die in Aussicht genommene Veröffentlichung von englischen Übersetzungen der „Sacred Books of the Jainas“, die in zwei Serien, einer für Shvetâmbaras und einer für Digambaras, herauskommen sollen. Nicht unbeträchtlich ist jetzt auch schon die Zahl der von Jainas verfaßten englischen Bücher, welche dazu bestimmt sind, die Lehren Mahâvîras darzustellen und ihnen Anhänger zu gewinnen; ich nenne hier nur die Namen von einigen Autoren, die sich durch derartige Veröffentlichungen verdient gemacht haben: Jagmander Lal Jaini, P. C. Nahar, A. B. Latthe, Rickhab Das Jaini, Hîrâchand Lilâdhar Jhaverì, Champat Rai Jain, U. D. Barodia, Kesarichand Bhandari, Manak Chand Jaini, Banarsi Das Jain, und den gelehrten Muni Jinavijaya. Das literarische Leben der Jainas wird befruchtet durch die von Zeit zu Zeit stattfindende „Jain Literary Conference“ (Jaina Sâhitya Sammelan), von deren erster Sitzung in Jodhpur (1913) oben S. 75 gesprochen wurde, sowie die „Jain Literature Society“ (gegründet 1910), welche ihren Sitz in London und Zweigvereine in Indien hat und Arbeiten aus allen Gebieten der Jaina-Forschung in englischer Sprache veröffentlicht.
c7.s6.10
Wie aus dem bisher Gesagten bereits hervorgeht, beschränken die heutigen Jainas ihre Tätigkeit nicht darauf, in Indien für ihre Religion zu wirken, sondern sie suchen auch mit Hilfe von Veröffentlichungen in englischer Sprache Personen außerhalb des Gangeslandes für den Jainismus zu interessieren. Es ist dies eine Entwicklung, die in dem letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts einsetzte. Damals wurden die Jainas von den Veranstaltern des „Parlaments der Weltreligionen“ in Chicago dazu aufgefordert, einen Delegaten nach Amerika zu entsenden, der dort seine väterliche Religion vertreten könne. Der Präsident des Kongresses hatte sich zunächst an den schon genannten hervorragenden Mönch Âtmârâmjî (s. S. 74) gewandt; dieser sah sich jedoch mit Rücksicht auf das von frommen Hindus wie Jaina-Asketen gleicherweise beobachtete Verbot, über das „schwarze Wasser“ (Kâlâ Pânî, d. h. der Ozean) zu fahren, nicht imstande, der Einladung Folge zu leisten. So schickte er an seiner Statt den jungen Rechtsanwalt Vîrcand R. Gândhî (geb. 1864), der sich schon als Vertreter der Interessen seiner Glaubensgenossen in verschiedenen Prozessen ausgezeichnet hatte. Nachdem Gândhî sich für seine Mission unter der Leitung Âtmârâmjîs vorbereitet hatte, fuhr er nach Chicago, wo er mit großem Erfolge an den Sitzungen des Kongresses teilnahm (1893). Nach Schluß des Kongresses besuchte Gândhî eine Reihe von amerikanischen Städten, hielt dort Vorträge über den Jainismus und begründete eine „Gandhi Philosophical Society“. Er begab sich dann nach England, wo er ebenfalls Versammlungen abhielt, und kehrte 1895 nach Indien zurück. Hier entfaltete er eine reiche Vortragstätigkeit in der von ihm ins Leben gerufenen Institution „Hemacandrâcârya Class“. 1896 weilte er dann wieder in Amerika und England, sich im letzteren Lande zugleich juristischen Studien widmend. Nach einem kurzen Aufenthalt in Indien, wohin er von den Jainas gerufen worden war, um ihre Interessen in einer wichtigen Angelegenheit wahrzunehmen, ging er wieder nach England, das er erst 1901 verließ. Er starb am 7. August 1901, zwei Wochen nach seiner Ankunft in Bombay64.
c7.s6.11
Gândhîs Tätigkeit in England hat daselbst nicht nur das Interesse für das Jainatum gefördert, sondern diesem auch Anhänger erworben. Der Engländer Herbert Warren wurde von Gândhî der Religion Mahâvîras gewonnen und veröffentlichte ein kleines Buch „Jainismus in westlichem Gewande, als eine Lösung der großen Lebensrätsel“, das hauptsächlich auf Gândhîs Vorträgen beruht. Warren bekehrte noch einige andere Personen zum Jaina-Glauben, so daß am 24. August 1913 unter Assistenz des damals in England weilenden, mehrfach erwähnten Rechtsanwalts Jagmander Lal Jaini in London eine „Mahâvîra Brotherhood“ gegründet werden konnte, die einen Mittelpunkt des Jainismus im Westen bilden und die Lehren Mahâvîras verbreiten soll. Ob es der Brüderschaft, welche zur Zeit vier europäische Mitglieder (Herbert Warren, Alexander Gordon, Frau Ethel Gordon, Louis D. Sainter) zählt⁶⁵, gelingen wird, den Jaina-Idealen eine Heimstätte im Abendlande zu errichten, bleibt abzuwarten; jedenfalls zeugt es für die erstaunliche Lebensfähigkeit der jahrtausendalten Lehre der Tîrthankaras, daß sie noch heutigen Tages auf fremdem Boden gläubige Anhänger zu finden vermag.