Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c33.s7: § 29. Ätzen und Brennen
Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c33.s7
- Language
- German
§ 29. Ätzen und Brennen
c33.s7.1
Die Ätzmittel (*kṣāra*) sind von allen *śastra* und *anuśastra* das beste und wichtigste, weil sie bei schlimmen Wunden oder Geschwüren, die sich nicht durch Instrumente behandeln lassen, anwendbar sind, die Operationen des tiefen und oberflächlichen Schneidens, Durchschneidens, Scarificirens u. a. besorgen, brennend, auflösend, reinigend, blutstillend, heilend wirken, Störungen der drei Grundsäfte aufheben, insbesondere bei Fettsucht, Vergiftungen, Hämorrhoiden, Hautkrankheiten, Blutungen und anderen Leiden vorteilhaft sind, auch innerlich genommen werden können¹. Äusserliche Anwendung ist indicirt bei Hautleiden jeder Art, Hämorrhoiden, Mastdarmfistel und anderen Fisteln, Abscessen, Mundkrankheiten, Halsentzündung u. a., innerliche bei langsam wirkenden Giften, Leibesanschwellung, Verdauungsstörungen, Appetitlosigkeit, Steinleiden, innerlichen Abscessen u. a.; ungeeignet ist *kṣāra* bei Fieber, Durchfall, Herz- oder Kopfkrankheiten, Augenentzündung, Schwangeren oder Menstruirenden, Furchtsamen, Schwachen, Kindern, Greisen u. dgl. *Kṣāra* besteht zumeist aus Potasche, und zwar verbrennt man Holz, Blätter, Wurzeln und Früchte von gewissen Bäumen, sammelt die Asche, setzt eine entsprechend grössere (nach Su. die sechsfache) Quantität Wasser und Urin von einer Kuh oder anderen Tieren zu, siebt das Ganze zweimal durch ein Tuch und kocht es in einer grossen Pfanne langsam ab, während man es mit einem Löffel umrührt. Wenn die Flüssigkeit klar, rot, scharf und schleimig geworden ist, siebt man sie durch ein grosses Tuch und siedet sie noch einmal, nebst einem Zusatz von gekochtem Muschelkalk u. s. w. Das Auftragen des Ätzmittels auf die Haut geschieht mit einem spitzen Instrument (*śalākā*), um das Baumwolle oder ein Tuch gewickelt worden ist (S.), während ein Gehilfe den Patienten festhält. Vorher ist die Haut abzureiben und zu scarificiren. Man soll das Ätzmittel nur so lange auf der Haut lassen als man braucht, um 100 Worte oder Silben auszusprechen. Das Mittel hat gewirkt, wenn die Haut schwarz wird; man streiche dann saueren Schleim mit Honig und zerlassener Butter auf die Stelle und lasse weiterhin zur Beförderung der Heilung andere Salben folgen (Su. 1, 11; S. 1, 39; A. 1, 30).
c33.s7.2
Das Brennen (*agni*, *agnikarman*) ist noch wirksamer als das Ätzen, insofern als es Leiden heilt, die durch Arzneien, Instrumente und Ätzmittel nicht heilbar sind und die damit geheilten Leiden nicht wiederkehren. Besonders indicirt ist es bei Geschwülsten, Fisteln, Hodenanschwellung, Elephantiasis, geschwollenen Drüsen, Hautmalen, schlimmen Wunden oder Geschwüren, Ophthalmie, Kopfweh, Hämorrhoiden und anderen Leiden. Nicht nur mit Brenneisen von verschiedener Form (*śalākā*, *sūcī*, *jāmbavauṣṭha*), sondern auch mit zur Siedhitze gebrachten Flüssigkeiten wie Honig, Sirup, Öl, Fett, Wachs, mit heissem Kuhmist und anderen heissen Gegenständen kann das Brennen bewirkt werden. Der Arzt soll den Kranken so lange brennen, bis die richtige Wirkung eingetreten ist, bestehend in einem Geräusch (Knistern) an der gebrannten Stelle, hässlichem Geruch und Einschrumpfen der Haut. Nachher streicht man Honig und zerlassene Butter darauf, weiterhin andere Salben und Pflaster (Su. 1, 12; S. 1, 40; A. 1, 30).
c33.s7.3
§ 30. Blutentziehung. — Das mildeste Mittel zur Blutentziehung (*śoṇitāvasecana*, *śoṇitamokṣaṇa*) ist die Anwendung von Blutegeln (*jalaukas*), die sich daher besonders für Fürsten, reiche Leute, Kinder, Greise, schwache, furchtsame und zarte Personen und Frauen eignen. Unter Vermeidung der giftigen Sorten, deren Bisse Geschwulst, starkes Jucken, Fieber, Delirium und andere schlimme Symptome hervorrufen, wende man nur die 6 ungiftigen Sorten an. Man muss die Blutegel in einem grossen, neuen, mit Schlamm und Wasser aus einem Teich gefüllten Topf halten und ihnen alle drei Tage frisches Wasser und Futter, auch öfter einen anderen Topf geben. Die betreffende Hautstelle des Patienten wird mit einem Pulver von Erde und trockenem Kuhmist trocken gerieben und dann der Blutegel angesetzt, nachdem man ihm (um ihn zu reizen) den Körper mit Senfteig bestrichen und ihn in Wasser gelegt hat. Wenn er nicht anbeisst, bringe man einen Tropfen Milch oder Blut auf die Stelle oder mache kleine Einschnitte. Wenn der Blutegel aus Gier nicht loslässt, muss man ihm Honig oder pulverisirtes Salz in den Mund streichen. Um die Blutegel zu weiterem Gebrauch tauglich zu machen, lasse man sie das eingesogene Blut wieder von sich geben. Wenn das Blut noch nicht gereinigt ist, bringe man die gebissenen Stellen durch Einreibung mit Honig und Sirup zum Bluten. Wenn (genug) Blut geflossen ist, wasche man sofort die Wunde mit kaltem Wasser aus und bedecke sie mit eingefetteter Baumwolle; ferner mache man zusammenziehende, süsse und kalte Breiumschläge. Wenn das schlechte Blut fort ist, wird die Geschwulst weich, das Brennen, die Röte und die Schmerzen vergehen (Su. 1, 13; S. 1, 35; A. 1, 26).
c33.s7.4
Das Schröpfen ist auch ein mildes Verfahren. Man benützt dazu ein Kuhhorn, an dessen Spitze ein Stückchen Tuch festgebunden wird, oder einen hohlen Flaschenkürbis, in den ein brennender Docht gesetzt wird. Zunächst werden kleine Einschnitte in die Haut gemacht (*pracchana*), dann setzt man das breite Ende des Horns auf die Haut und saugt an der offenen Spitze des Horns, um die Luft zu verdünnen, worauf man die Spitze mit dem Tuch zudeckt. Bei dem Flaschenkürbis geschieht die Luftverdünnung vor der Ansetzung durch den brennenden Docht (Su. 1, 13; S. A. l. c.). Auch von dem blossen Scarificiren (*lekhana*, *pracchāna*) ohne Sauginstrumente ist häufig die Rede, über die dadurch zu heilenden Leiden s. § 27.
c33.s7.5
Scarificationen und Aderlässe (*sirāvyadha*) sind die beiden mit scharfen Instrumenten zu bewirkenden, daher härteren Formen der Blutentziehung. Da aus verdorbenem Blut Rose, Abscesse, Milzanschwellung, Fieber, Mund-, Augen-, Kopfleiden und viele andere Krankheiten entstehen, so muss man in solchen Fällen zur Abzapfung des überflüssigen Blutes zur Ader lassen. Doch sind Aderlässe unzweckmässig bei solchen, die eines der fünf Kurmittel (§ 24) gebraucht oder Fett getrunken haben, kein schlechtes Blut haben, noch nicht 16 oder über 70 Jahre alt sind, bei Schwangeren und Wöchnerinnen, bei Asthma und Husten, Durchfall, Erbrechen, Gelbsucht, Geschwulst am ganzen Körper, Schlagfluss, Hemiplegie u.s.w. Als die bei Aderlässen zu verwendenden Instrumente werden die Lancetten *kuṭhārikā* und *vrīhimukha* genannt, vgl. § 28. Vor der Operation salbt man den Patienten, gibt ihm Brühe von Wildpret und Reis zu essen und lässt ihn dann auf einem weichen Sitz Platz nehmen; von rückwärts legt ihm ein Diener ein Tuch um den Hals und hält ihn damit fest, aber ohne ihn zu würgen. Welche Adern der Arzt öffnet, hängt von dem Sitz des Leidens ab; so öffnet man bei Kopf- und Augenleiden die Stirnadern oder die Adern bei der Nase und am äusseren Augenwinkel, bei Ohrenleiden die Ader am Ohr, bei Nasenleiden eine Ader an der Nasenspitze, bei Tollheit Adern an der Brust, am äusseren Augenwinkel und an der Stirn, bei tiefliegenden Abscessen die an den Seiten und zwischen den Achselgruben und Brustwarzen liegenden Adern. Die Lancette ist rasch einzuführen, weder zu tief noch zu oberflächlich, mitten auf die Ader, ohne eine gefährliche Stelle (*marman*) zu treffen. Wenn das Blut nicht gehörig fliesst, reibe man die Wundstelle mit einem Teig aus Russ, Salz und Öl vermischt mit pulverisirtem Tagara (Tabernaemontana coronaria) ein, dann fliesst es ordentlich. Wenn es gehörig fliesst, benetze man die Stelle mit lauwarmem Öl und Salz. Tritt eine Ohnmacht ein, so bringe man den Kranken durch kaltes Wasser und Fächeln zum Bewusstsein und setze das Aderlassen sofort oder bei wiederholten Ohnmachten ein oder zwei Tage später fort. Das Maximum des abzuzapfenden Bluts beträgt 1 *prastha* (= 16 *pala* oder Handvoll). Nach der Operation lege man ein geöltes Tuch auf die Stelle und verbinde sie (S. A.). Nach Su. ist zur Blutstillung in erster Linie Kälte anzuwenden, wodurch das Blut verdickt wird, eventuell zusammenziehende Decocte, oder Asche zum Trocknen der Wunde, im schlimmsten Fall das Brenneisen, ausserdem nennt er verschiedene Pulver zum Einreiben bei zu starkem Blutfluss (Su. 1, 14; 3, 8; S. 1, 36; A. 1, 27).
c33.s7.6
¹ Noch jetzt werden Abscesse lieber durch Ätzmittel als mit der Lancette geöffnet, s. Dutt, Mat. Med. 21.
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