Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c7.s8: Accentuation
Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c7.s8
- Language
- German
Accentuation
c7.s8.1
Wir beschliessen diesen Kreis von Untersuchungen mit einigen Bemerkungen über die Accentuation des Rigveda. Die neueren Discussionen über das Wesen des vedischen Accents, insonderheit die Arbeiten von Whitney¹) und Masing²) geben uns die Möglichkeit, uns hier kurz zu fassen.
c7.s8.2
¹ Namentlich in seiner Abhandlung On the Nature and Designation of the Accent in Sanskrit (Transactions of the Amer. Phil. Assoc. 1869-1870).
c7.s8.3
² Die Hauptformen des serbisch-chorwatischen Accents (1876), 37 fgg.
c7.s8.4
Ich betrachte es als eine sicher festgestellte Erkenntniss, deren Begründung ich hier nicht wiederhole, dass jede der drei Tonbezeichnungen — Horizontalstrich unter der Linie, Vertikalstrich über der Linie, drittens das Fehlen eines Zeichens — einen bestimmten Accent der Sylbe, bei welcher sie steht, ausdrückt: jede Sylbe mit dem Strich unter der Linie ist anudâtta, jede Sylbe ohne Zeichen udâtta oder was dem gleichsteht (pracaya), jede mit dem oberen Strich svarita³). Das Prâtiśâkhya, die Zeichen der Manuscripte, die noch gegenwärtig in Indien herrschende Weise des Vedavortrags stimmen in allem Wesentlichen überein⁴) und erläutern sich gegenseitig. Dies Betonungssystem anzusehen als entstanden aus der Missdeutung einer Schreibweise, welcher ursprünglich ein andrer Sinn zugekommen wäre, haben wir keinen Grund und kein Recht.
c7.s8.5
³ Also agním í'le purohitam wäre genau genommen zu schreiben — wenn wir den Udâtta durch ˊ, den Svarita durch ˋ, den Anudâtta durch Zeichenlosigkeit ausdrücken —: agním í'le puróhitám.
c7.s8.6
⁴ Eigenthümlich ist nur in der heutigen Vortragsweise, wie sie von Haug beschrieben wird, die Tonschwäche des Udâtta gegenüber dem Anudâtta und Svarita. Die für uns allein in Betracht kommenden Fragen der Tonhöhe werden durch diese vermuthlich moderne Wunderlichkeit, in deren Beurtheilung ich mich ganz L. v. Schröder (Maitr. Samh. Einl. XXXII) anschliesse, nicht berührt.
c7.s8.7
Bezeichnen wir den Accent der Sylbe, welche der Hochton sylbe vorangeht, mit A, den Udâtta dieser Sylbe selbst mit B, den Accent der folgenden Sylbe mit C, die Accente der dann folgenden Sylben — bis das dem nächsten Hochton vorangehende A eintritt — mit D, so kommen bekanntlich nach dem Rik Prâtiśâkhya diesen Accenten, in deren Folge sich die regelmässige Tonbewegung darstellt, die nachstehenden Werthe zu: A ist Anudâtta, B Udâtta, C zuerst höher als Udâtta, dann als Udâtta gesprochen, D als Udâtta gesprochen. Dabei befremdet es, wie oft bemerkt worden ist, dass C — wie man meinen sollte, der Uebergang vom Hochton zum Tiefton — höher anhebt als der Hochton selbst¹); das Niveau, zu welchem C hinabführt, sollte tiefer liegen als der Hochton, aber in der That liegt es auf der Höhe des Hochtons, welche im zweiten Theil von C erreicht und dann in D festgehalten wird, so dass zahlreiche Sylben, die an sich kein Recht dazu haben, auf die Hochtonhöhe gehoben erscheinen (bei D). Wesentlich andere sind die Verhältnisse, wie sie Pânini (I, 2, 29 fgg.) beschreibt. Nach ihm geht C von der Udâttahöhe aus und führt zum Anudâtta hinab (31. 32)²). Dem entsprechend ist D an sich Anudâtta, welchem hier die Natur der Ekaṣruti beigelegt wird (39). Ebensowenig aber wie in dem System des Ṛik Prātiṣākhya fällt hier D mit A, der Tiefton nach dem Hochton mit demjenigen vor dem Hochton zusammen; der letztere liegt vielmehr nach beiden Systemen tiefer als der erstere. Im Prātiṣākhya war D Udātta, A Anudātta; hier (Sūtra 40), wo D Anudātta ist, erscheint für A eine Bezeichnung, die diesen Ton als einen unter die gewöhnliche Höhe gesenkten Anudātta characterisirt, sannatara (Schol. anudāttatara). Man sieht, dass die beiden Systeme sich durch eine Verschiebung unterscheiden, bei welcher alle Elemente ausser B dieselbe relative Lage behalten, aber im Verhältniss zu B auf- oder abwärts gerückt sind. Es lässt sich etwa folgende Veranschaulichung geben¹):
c7.s8.8
¹ Nicht minder verwunderlich wie beim enklitischen Svarita, von welchem wir hier sprechen, ist die Sache beim selbständigen Svarita, dessen Tonwerth das Rik Pr. von dem des enklitischen nicht unterscheidet. Wenn aus srucí iva wird srucîva, erhält das î im Anfang nicht die Tonhöhe des darin aufgegangenen í, sondern einen höheren Ton!
c7.s8.9
² Zu der Auffassung von C als Udâtta + Anudâtta stimmen mehrere Prâtiśâkhyen, aber sie lehren trotzdem alle übereinstimmend die Gleichstellung von D mit B. Siehe die Angabe der Materialien (hinzuzufügen ist jetzt Riktantra 53. 61) und die vortrefflichen Erläuterungen Whitney's zu A. Pr. III, 65.
c7.s8.10
¹ Wenn in unsrer graphischen Darstellung die Intervalle zwischen den verschiedenen Tonhöhen gleich gross erscheinen, darf darauf natürlich kein Gewicht gelegt werden.
c7.s8.12
R. Pr. Pân.
c7.s8.13
Man wird nicht bezweifeln, dass das zweite Schema das der wirklichen Sprache — in grösserer oder geringerer Annäherung — entsprechende ist, das erste aber eine hieratische Vortragsweise darstellt, die eben auf der bezeichneten, rein willkürlichen und künstlichen Verschiebung beruht²). Die Natur der Sache entscheidet in der That klar genug über das Verhältniss der beiden Systeme³); was wir im einen als befremdend hervorhoben, zeigt in dem andern verständliche Gestalt. Täusche ich mich übrigens nicht, so finden wir die von Pāṇini gelehrte Betonung auch im Wesentlichen in verschiedenen vedischen Saṃhitās wieder. So zunächst bei den Maitrāyaṇīyas. Dieselben haben directe Bezeichnungen für unsre Elemente A, B, C; D aber bleibt unbezeichnet, wird also offenbar als von B verschieden, als eine eigne, gewiss zwischen A und B liegende Tonhöhe besitzend aufgefasst. Auch von der Zifferbezeichnung der Ārcikas des Sāmaveda glaube ich — ohne alle Schwierigkeiten derselben lösen zu können —, dass sie am ersten verständlich wird, wenn man dem Svaritazeichen 2 in seinem ersten Theil den Werth des Udātta (1), in seinem zweiten Theil einen Mittelwerth zwischen 1 und 3 (dem Anudātta) beilegt¹. Die auf den Svarita (2) folgenden Pracayasylben haben im Sāmaveda kein eignes Zeichen, was so viel heisst, als dass das Zeichen 2 für sie fortgilt: dies muss aber natürlich nicht dahin verstanden werden, dass die doppelte in 2 enthaltene Tonhöhe sich bei jeder dieser Sylben wiederholt, sondern dass die Tonhöhe, welche dem Ende der mit 2 bezeichneten Sylbe zukommt, auch über die folgenden Sylben sich erstreckt.
c7.s8.14
² Vergl. Prātiṣākhya 208.
c7.s8.15
³ Die Darstellung des Prātiṣākhya sieht auch ihrerseits unverkennbar die Vorstellungsweise des andern Systems als zu Grunde liegend an. Es wird nicht gesagt: der zweite Theil des Svarita ist Udātta, sondern: er ist Anudātta, wird aber wie Udātta gesprochen (Prāt. 191). Ebenso nicht: die auf den Svarita folgenden Sylben sind Udātta, sondern: sie sind Pracaya und werden wie Udātta gesprochen (205).
c7.s8.16
¹ Die bekannte Regel, dass 1 durch 2 vertreten wird, wenn 3 folgt, kann doch kaum besagen, dass der Udātta vor folgendem tiefsten Ton in der ersten Hälfte über sein eigentliches Niveau erhöht, sondern nur, dass er in der zweiten Hälfte unter dasselbe gesenkt wird. — So lässt auch das Riktantra (Sūtra 53) die erste halbe Mora des Svarita auf der Höhe, nicht über der Höhe des Udātta liegen, und sagt die Nāradaśikshā (Burnell, Riktantra, Introd. XL): uccād uccataram nāsti. Wenn das Riktantra (61) dann freilich doch den Pracayaton dem Udātta gleichsetzt (vergl. Nāradaśikshā a. a. O. XXXIX), so passt dies ebenso wenig zu dieser Auffassung des Svarita (vergl. S. 483 Anm. 2 und die dort citirte Note Whitney's), wie es sich mit der Bezeichnungsweise der MSS. vereinigen lässt.
c7.s8.17
Die Sāmanmelodien stehen, so viel sich bis jetzt erkennen lässt, im Allgemeinen ausser Beziehung zur Accentuation des Textes; an einigen Stellen aber scheint es mir unleugbar, dass eine solche Beziehung doch obwaltet¹). Zur Veranschaulichung gebe ich hier den ersten Vers des Pañcanidhanavairûpa aus dem Uhyagâna²):
c7.s8.18
1 r 2 r 1 r
yadyâva indra te ṣatam | e |
2 1 r r 2 1
ṣatam bhûmîr uta | syovâ | diṣam viṣamhas |
r 2 1 2 1r 2r 1 2 1 r 2 r
na tvâ vajrin sahasram³) sûryâ anu | aṣvâ ṣiṣumatî
1 r 2 1r 2r 1
na jâtam aṣṭa rodasî | iṭ |
c7.s8.19
In der herkömmlichen Weise accentuirt lautet der Text: yád dyâva' indra te ṣatám ṣatám bhûmîr utá syúḥ | ná tvâ vajrin sahásram sûryâ' ánu ná jâtám aṣṭa ródasî.
c7.s8.20
Man sieht, dass sich die Melodie allein in den beiden höchsten Tönen der Scala (1 und 2⁴)) bewegt⁵). Und zwar hat jede den natürlichen Udâtta tragende Sylbe die Note 1; jede Sylbe, die einer solchen folgt, aber nicht unmittelbar vor einer neuen Hochtonsylbe steht, also nach dem gewöhnlichen System jede Sylbe mit dem enklitischen Svarita, hat gleichfalls 1 (vergl. Pâṇini I, 2, 37); jede Anudâtta- und Pracayasylbe 2⁶).
c7.s8.21
Einen Fall des selbständigen Svarita in einem derartigen Sâman liefert das nas tanvañ ca Sv. vol. V p. 403; es wird
c7.s8.22
¹) Vergl. Lâṭyâyana VII, 9, 7: yasya (scil. sâmnaḥ) ârcikam udâttânudâttam tad ṛigúdham. ²) Sâmav. ed. Bibl. Indica, vol. V p. 387. ³) 2 2 sahasram der Bibl. Ind. ist offenbar Druckfehler. ⁴) Nach Burnell, Ârsh. Brâhmaṇa p. XLII fg. sind dies unsre Noten F und E. ⁵) Jede Note gilt für die folgenden Sylben fort, bis eine neue Note erscheint. ⁶) Nur bei dem Wort jâtam sind diese Regeln verletzt; ich wage nicht zu 1 entscheiden, ob jâtam hergestellt werden müsste.
c7.s8.23
geschrieben nas tanvañ ca; also dem natürlichen Svarita entspricht wie dem enklitischen die Note 1, und wie beim Udâtta, so hat auch hier die folgende Sylbe gleichfalls die Note 1.
c7.s8.24
Andre Beispiele dieser von den Accenten abhängigen Setzung der Noten liefert das Uhyagâna Sv. vol. V p. 408 (Ṛv. IX, 107, 1. 2), 433 (Ṛv. X, 170, 1-3). Auch im Geyagâna liegen, wenn ich mich nicht täusche, einzelne Sâman vor, bei welchen durch die Verzierungen des Gesangvortrages dieselbe auf den Accenten beruhende Notation durchscheint: so bei Sv. I, 193 (Bibl. Ind. vol. I p. 420), ebenso bei I, 209 (das. p. 443), wo nur der erste Pâda, wie beim Prastâva häufig der Fall ist, ganz auf die Note 5 gesungen wird.
c7.s8.25
Die gegenwärtige Kenntniss der Sâmanmusik ist viel zu unvollkommen, als dass unsre Darlegungen einen andern als einen rein provisorischen Character haben könnten. Aber bemerkenswerth scheint es immerhin, dass diese Melodien, deren Alter über dasjenige des Ṛik Prâtiśâkhya unzweifelhaft weit hinausgeht, Zeugniss ablegen von der Existenz eines Nachtons in der Sylbe hinter dem Udâtta, für die Gleichsetzung dieses Tons mit dem natürlichen Svarita — allerdings in diesem System auch zugleich mit dem Udâtta —, ferner für das Fortfallen des Nachtons, wenn eine Udâttasylbe unmittelbar folgt, während die Doctrin von der Identität des Udâtta und Pracaya hier schlechterdings nicht zu Tage tritt, der Pracaya vielmehr die gleiche Behandlung mit dem Anudâtta erfährt. —
c7.s8.26
Wir werden kaum fehl gehen, wenn wir uns das Verhältniss zwischen der überlieferten Accentuation des Ṛigveda und der ursprünglichen, die, wenn auch gewiss hieratisch stilisirt, doch der Betonung der natürlichen Sprache wenigstens nahe gestanden haben wird, etwa dem ähnlich denken, welches zwischen dem überlieferten und dem ursprünglichen Sandhi oder zwischen der überlieferten und der ursprünglichen Behandlung des Metrums besteht. Das Ueberlieferte zeigt auf Schritt und Tritt die Spur künstlicher Bearbeitung, aber in seinen Grundzügen weist es doch auf die Richtung hin, in welcher das Ursprüngliche gelegen hat. Der ursprünglichen Vortragsweise des Rigveda den enklitischen Svarita oder den Pracayaton der ihm folgenden Sylben als eine von dem Anudâtta, welcher dem Hochton vorangeht, verschiedene Betonung abzusprechen ist kein Grund vorhanden¹). Wohl aber wird angenommen werden dürfen, dass nicht nur die oben (S. 484) besprochene Verschiebung der Tonhöhen, sondern auch die völlige Gleichsetzung des enklitischen Svarita mit dem selbständigen späterer Entwicklung zugehört, um so mehr, als Spuren der Verschiedenheit beider Svaritas sich in der vedischen Ueberlieferung thatsächlich erhalten haben²). Bezweifeln wird man ferner, dass die den Udâtta umgebenden Nebentöne sich schon ursprünglich, wie im traditionellen Text der Fall ist, über verschiedene Worte hinüber so wie innerhalb desselben Wortes stets in gleicher Weise entwickelt haben, ungehemmt selbst durch die stärksten Worttrennungen, durch die Trishtubhcäsur etc., unbeeinflusst auch durch den in der Ueberlieferung latent gewordenen Hochton der Verbalformen, welcher durch die Verbalenklise des Hauptsatzes doch schwerlich restlos vernichtet wurde. Dass ferner z. B. die sich widersprechenden Bestimmungen der Ueberlieferung darüber, wann bei der Contraction eines hochtonigen und eines tieftonigen Vocals der Svarita entsteht, den Character reiner Willkür, nicht von Sprachgesetzen sondern von Grammatikerregeln tragen, hat schon Whitney¹ mit Recht hervorgehoben: der Textkritiker aber muss sich natürlich bei diesen wie bei analogen Puncten begnügen, jenen Character der Künstlichkeit zu constatiren, ohne dass er die betreffende Erscheinung seinerseits nach einem selbsterfundenen System zu ordnen unternehmen dürfte.
c7.s8.27
¹ Man beachte namentlich die vortrefflichen Bemerkungen von Masing, serb. chorw. Accent 42-45.
c7.s8.28
² Vergl. Whitney Gramm. § 86. — Der primäre Svarita ist vom secundären in der Bezeichnungsweise der Maitrâyaṇîya-Hss., also unzweifelhaft auch irgendwie in der Aussprache der Maitrâyaṇîyas unterschieden (v. Schroeder, Einl. XXX fg.). — Eigenthümlich und befremdend ist die in Atharvan-Hss. sich findende Unterscheidung des Svarita hinter einem Udâtta -- gleichviel ob der Svarita selbständig oder enklitisch ist -- vom selbständigen Svarita hinter einem Anudâtta (Whitney Ath. Pr. p. 168). — Vergl. auch Weber, Vâj. Saṃh. Einl. S. X.
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¹ Ath. Prât. p. 158; Transact. Am. Phil. Ass. 1869-70, p. 28.
c7.s8.30
Für die Zwecke unsrer Ausgabe scheint sich mir die Beschränkung auf die Bezeichnung des Udâtta und des selbständigen Svarita zu empfehlen². Das Wesentliche der alten Betonung ist so in jedem Falle ausgedrückt; es ist damit die Grundlage gegeben, von welcher aus der Leser sich die secundären Erscheinungen je nach der Ausdehnung, welche seinen Auffassungen entspricht, mit Leichtigkeit ergänzen kann. So kommen wir, wenn auch unsre Deutung der in den MSS. gebrauchten Accentzeichen von der unter den meisten älteren Forschern herrschenden abweicht, doch im Resultat auf die z. B. von Aufrecht angewandte Bezeichnungsweise der Accente zurück.
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² Bekanntlich ist dies auch das Verfahren des von Bühler in Kashmir entdeckten Rig-MS.
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