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Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s2: Das Vinayapiṭaka des Pālikanons

Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s2

Language
German

Das Vinayapiṭaka des Pālikanons

v2.c16.s2.1

Die Buddhisten selbst stellen das Vinayapiṭaka²) an die Spitze des Kanons, und wir können ihnen folgen, ohne damit etwa der Meinung Ausdruck zu geben, daß dieses älter sei als das Suttapiṭaka³). Zum Vinayapiṭaka gehören die folgenden Texte: I. Das Suttavibhaṅga, bestehend aus 1. Pārājika und 2. Pācittiya. II. Die Khandhakās, bestehend aus 1. Mahāvagga und 2. Cullavagga. III. Der Parivāra oder Parivārapāṭha.

v2.c16.s2.2

² Der Text des Vinayapiṭaka ist vollständig herausgegeben von H. Oldenberg, London 1879—1883 in fünf Bänden.

v2.c16.s2.3

³ Kern, Manual, p. 2 und La Vallée Poussin, Bouddhisme, Études et Matériaux, p. 27 halten das Vinayapiṭaka für älter. Nach R. Otto Franke (JPTS 1908, pp. 8 ff., 68 ff., 74) wären Mahāvagga und Cullavagga des Vinayapiṭaka jünger als Dīghanikāya. K. E. Neumann (Vorreden zu Bd. I und III der »Reden Gotamo Buddhos«) glaubt, daß aus dem Suttapiṭaka »allmählich Vinayapiṭaka und später Abhidhammapiṭaka teils ausgeschieden, teils weitergebildet« worden sei. Dafür spricht, daß tatsächlich manche von den Sūtras über Vinaya handeln und manche ebenso scholastisch sind, wie die Abhidhammatexte. Aber es ist ja auch möglich, daß die Zusammenstellung von Suttapiṭaka und Vinayapiṭaka gleichzeitig erfolgte.

v2.c16.s2.4

Suttavibhaṅga bedeutet »Erklärung der Suttas«, und zwar sind unter »Sutta«¹ hier die einzelnen Sätze oder Artikel des Pātimokkha zu verstehen. Dies ist ein aus 227 Artikeln bestehendes Sündenregister, welches an den Neu- und Vollmondstagen in feierlicher Versammlung der Mönche, beziehungsweise der Nonnen, vorgetragen wurde, wobei der Leiter der Zeremonie nach jedem Satze die Anwesenden fragte, ob irgend jemand sich der genannten Sünde schuldig gemacht habe. War dies der Fall, so mußte der Sünder seine Schuld bekennen. Die Einführung dieser sogenannten Uposathafeier² geht wahrscheinlich auf Buddha selbst zurück, und das Pātimokkha gehört gewiß zum ältesten Bestand der buddhistischen Litteratur. Der Text dieses Sündenregisters, obwohl in Handschriften als selbständiges Werk überliefert³, gehört als solcher nicht zum Kanon, ist aber im Suttavibhaṅga tatsächlich eingeschlossen. Denn dieses ist nichts anderes als ein alter, zu kanonischem Ansehen gelangter Kommentar zum Pātimokkha. Und zwar wird hier jedes Sutta, d. h. jeder einzelne Artikel, Wort für Wort erklärt, und außerdem einem jeden irgendeine Erzählung vorausgeschickt, in der berichtet wird, wo und bei welcher Gelegenheit der Buddha selbst die betreffende Verordnung erlassen hat¹). Nach den beiden Hauptklassen von Sünden, den Pārājikās, welche Ausstoßung aus dem Orden zur Folge haben, und den Pācittiyās, für welche Sühnen vorgeschrieben sind, benennen sich die beiden Bücher des Suttavibhaṅga.

v2.c16.s2.5

¹ Mehr im Sinne der alten Bedeutung des Wortes »Sūtra«, oben Bd. I, S. 229.

v2.c16.s2.6

² Das Pāliwort Uposatha ist das Sanskrit Upavasatha, welches »Fasten« bedeutet. Durch Opfer, Gebete und Fasten feierten nämlich die brahmanischen Inder die Neu- und Vollmondstage; und die buddhistische Uposathafeier mit der Beichtzeremonie ist nur ein Überlebsel des alten brahmanischen Brauches. Eine schöne Schilderung der Uposathafeier nach dem Vinayapiṭaka gibt Oldenberg, Buddha, S. 421 ff. Vgl. Pischel, Leben und Lehre des Buddha, S. 87, 116 f. Die Feier, wie sie noch heutigen Tages von den Mönchen in Ceylon begangen wird, beschreibt J. F. Dickson im JRAS 1875 (abgedruckt in Warren, Buddhism in Translations, S. 405 ff.).

v2.c16.s2.7

³ Der Text ist herausgegeben und übersetzt von J. F. Dickson im JRAS 1876, S. 62 ff., und noch einmal übersetzt von Rhys Davids und Oldenberg in SBE XIII, p. 1 ff. Er ist auch in einer tibetischen und vier chinesischen Versionen vorhanden, ein Beweis, daß er zum Gemeinbesitz aller Buddhisten gehört. Vgl. Oldenberg ZDMG Bd. 52, S. 645 f.; Kern, Manual, S. 74 ff., 85 ff. Das Wort Pātimokkha (Sanskrit Prātimokṣa) ist nicht befriedigend erklärt. Ich halte (trotz Kern, Manual 74 Anm. und Oldenberg, Buddha 428 Anm. 2) die alte Erklärung »Freisprechung, Absolution« (SBE XIII, p. XXVII f.) für wahrscheinlich.

v2.c16.s2.8

¹ Daß das Pātimokkha den Kern des Suttavibhaṅga bildet, daß Kommentar und einleitende Geschichten erst nach und nach hinzugekommen sind, und daß überhaupt das ganze Vinayapiṭaka allmählich aus dem Pātimokkha herausgewachsen ist, hat Oldenberg (Vinayapiṭaka, Introd. p. XV ff.) sehr wahrscheinlich gemacht. Das Pātimokkha wird in Dhammapada 185 erwähnt.

v2.c16.s2.9

Eine Art Fortsetzung und Ergänzung zum Suttavibhaṅga bilden die Khandhakās, d. h. »Abschnitte«²), welche die Vorschriften für die verschiedenen Einrichtungen des Ordens (Saṅgha) geben und das ganze Verhalten der Mönche und Nonnen in ihrem täglichen Leben regeln. Und zwar enthalten die zehn Abschnitte des Mahāvagga, d. h. der »großen Abteilung«, die besonderen Vorschriften für die Aufnahme in den Orden, für die Uposathafeier, für das Leben während der Regenzeit und für die am Ende der Regenzeit stattfindende Pavāraṇāfeier, ferner die Regeln für die Beschuhung, die Sitz- und Fahrgelegenheiten, die Arzneimittel und die Bekleidung der Mönche, endlich die Regelung der Rechtsverhältnisse und des rechtlichen Verfahrens im Orden, namentlich in dem Falle von Schismen. Der Cullavagga, d. h. »die kleinere Abteilung«, handelt in den neun ersten Abschnitten über das Disziplinarverfahren in geringfügigeren Angelegenheiten, über verschiedene Sühnen und Bußen, über die Beilegung von Streitigkeiten, über das tägliche Leben der Mönche, über Wohnungen und Wohnungseinrichtungen, über die Pflichten der Mönche gegeneinander und über die Ausschließung von der Pātimokkhazeremonie. Mit den Pflichten der Nonnen beschäftigt sich der zehnte Abschnitt des Cullavagga. Sowie das Pātimokkha dem Suttavibhaṅga zugrunde liegt, so hat es auch für die in den Khandhakās vorgeschriebenen Akte und Zeremonien alte Formulare, die sogenannten Kammavācā, d. h. »Worte für die Handlungen«, gegeben. Diese bilden ebenso wenig wie das Pātimokkha einen Bestandteil des Tipiṭaka³), sondern sind nur in den Khandhakās eingeschlossen, ähnlich wie die Mantras oder Gebete in den vedischen Brāhmaṇas und Sūtras. Eine Art Anhang zum Cullavagga bilden die — jedenfalls erst später hinzugefügten — Abschnitte XI und XII, in denen die Geschichte der beiden ersten Konzilien von Rājagaha und Vaisālī¹) erzählt wird. Da sich auch dieser Anhang nur mit der Geschichte des Ordens befaßt, können wir sagen, daß der eine und einzige Gegenstand der Bücher des Vinayapiṭaka die Mönchsgemeinde oder der Orden (Saṅgha) ist.

v2.c16.s2.10

² Ins Englische übersetzt von Rhys Davids und Oldenberg in Vol. XIII, XVII und XX der SBE.

v2.c16.s2.11

³ Upasampadā-Kammavācā, Formulare für die Aufnahme in den Orden, hat zuerst F. Spiegel (Kammavakya, liber de officiis sacerdotum Buddhicorum, Bonnæ ad. Rh. 1841), mit lateinischer Übersetzung, dann J. F. Dickson (JRAS 1875, S. 1 ff.) mit englischer Übersetzung herausgegeben. Der letztere schildert auch die Aufnahme-Zeremonie, wie sie heute noch in Ceylon stattfindet. Andere Kammavācā wurden herausgegeben, bzw. übersetzt von O. Frankfurter, Handbook of Pāli, London 1883, Herbert Baynes (JRAS 1892, p. 53 ff.; vgl. auch p. 380), Šarat Candra Dās im JASB 63, part 1, 1894, p. 20 ff. und G. L. M. Clauson (JPTS 1906—1907, pp. 1—7).

v2.c16.s2.12

¹ S. oben S. 4 ff.

v2.c16.s2.13

Aber ganz so wie im Suttavibhaṅga werden auch in den Khandhakās die Regeln und Vorschriften durch Erzählungen eingeleitet²), in denen darüber berichtet wird, wann und bei welcher Gelegenheit sie vom Buddha verkündet wurden. Diese Erzählungen sind natürlich erfunden und haben keinerlei geschichtlichen Wert; zumeist sind sie ganz schablonenhaft und auch vom litterarischen Standpunkt wertlos. Aber glücklicherweise nicht alle. Gleich die ersten Kapitel des Mahāvagga³) enthalten eines der ältesten Bruchstücke einer Buddhalegende. In schöner, altertümlicher Sprache wird hier erzählt, wie Gotama Buddha die Erleuchtung (Bodhi) erlangte, wie er sich entschloß, seine Lehre zu verkünden, und wie er seine ersten Jünger gewann. Hier wird z. B. die Legende von dem edlen Jüngling Yasa erzählt, der in einem Leben voll Üppigkeit aufwächst, die Nächte unter einer Schar von Sängerinnen und Tänzerinnen zubringt, einmal aber mitten in der Nacht aufwacht und die schönen Frauen in verschiedenen häßlichen Stellungen erblickt, bei welchem Anblick ihn Ekel und Überdruß an den Freuden dieser Welt erfaßt; er entflieht dem Leben der Wollust, eilt zum Buddha und wird Mönch. Die spätere Buddhalegende erzählt diese Geschichte von dem Prinzen Siddhārtha, dem nachmaligen Buddha, selbst. Ein eigenartiges Kulturbild entrollt die Geschichte von der Bekehrung einer Schar junger Männer, die mit ihren Weibern ausziehen, um sich zu vergnügen; einer von ihnen, der kein Weib hat, nimmt eine Dirne mit; diese stiehlt den Männern ihre Sachen und läuft davon. Während die jungen Leute sie verfolgen, stoßen sie auf den Buddha und fragen ihn, ob er nicht ein Weib gesehen habe. Der Buddha fragt, ob sie nicht besser täten, sich selbst zu suchen, anstatt ein Weib, und benutzt den Anlaß, ihnen die Lehre zu predigen, worauf sie alle Mönche werden. Auch an Wundergeschichten, in denen Schlangenkönige und Götter eine Rolle spielen, fehlt es nicht. Die schönste aller dieser Bekehrungsgeschichten ist aber die von der Bekehrung der beiden Freunde Sāriputta und Moggallāna, die nachher zu den Lieblingsjüngern des Buddha gehörten¹). Auch die ersten Predigten des Buddha — so die »Predigt von Benares« und die »Feuerpredigt«²) — sind in diesem alten Berichte eingeschlossen.

v2.c16.s2.14

² In bezug auf den Stil stimmen die Erzählungen in den Khandhakās mit denen im Suttavibhaṅga so überein, daß man annehmen muß, daß sie derselben Zeit angehören. Wenn in den Khandhakās dieselbe Vorschrift behandelt wird, wie im Suttavibhaṅga, so ist auch die Einleitungsgeschichte dieselbe. Oldenberg, Vinayapiṭaka, Introd. p. XXII f.

v2.c16.s2.15

³ I, 1—24, ins Deutsche übersetzt von Dutoit, Das Leben des Buddha, S. 66—136.

v2.c16.s2.16

¹ Mahāvagga I, 7 f.; 14; 15 ff.; 23 f. Dutoit a. a. O., S. 88 ff., 101 ff., 129 ff. Alle diese Geschichten enden damit, daß die Bekehrten in den Orden aufgenommen werden. Sie bilden daher eine ganz natürliche Einleitung zu dem Abschnitt über die Aufnahme in den Orden.

v2.c16.s2.17

² Sie sind oft übersetzt, so von Dutoit a. a. O. S. 81 ff., 119 ff.; Oldenberg, Buddha, 147 ff., 211 f.; Pischel, Leben und Lehre des Buddha 28 f., 30 f.

v2.c16.s2.18

In einem späteren Abschnitt des Mahāvagga³) wird die Geschichte erzählt, wie der Buddha seine Vaterstadt besucht und seinen Sohn Rāhula in den Orden aufnimmt. Im Cullavagga finden wir dann die Erzählungen von dem reichen Kaufmann Anāthapiṇḍaka, der seinen Park dem Orden schenkt; von Devadatta, dem Feind und Nebenbuhler des Buddha, der das erste Schisma in der Gemeinde veranlaßt; von der Gründung des Nonnenordens, zu der Buddha nur ungerne auf Bitten und Drängen seiner Ziehmutter Mahāpajāpatī, die in dem Jünger Ānanda einen edlen Fürsprecher findet, seine Zustimmung gibt, u. a. m.¹).

v2.c16.s2.19

³ I, 54. Dutoit a. a. O. 137 ff.

v2.c16.s2.20

¹ Cullavagga VI, 4, 9; VII, 2—4, X, 1 f.; Dutoit a. a. O. 137 bis 198.

v2.c16.s2.21

Auch unter denjenigen einleitenden Geschichten, die vermutlich bloß ad hoc erfunden sind und sonst weder geschichtlichen noch sagengeschichtlichen Wert haben, findet sich manches schöne und wertvolle Stück. Eine in ihrer Schlichtheit rührende Erzählung dieser Art ist die folgende:

v2.c16.s2.22

Zu jener Zeit hatte einmal einer der Mönche einen schweren Anfall von Kolik und lag in seinem eigenen Unrat da. Damals machte gerade der Herr mit seinem Begleiter Ehrwürden Ānanda die Runde durch die Schlafstätten und kam zu dem Gemach, wo jener Mönch weilte. Da sah der Herr diesen Mönch in seinem eigenen Unrate daliegen, und nachdem er ihn gesehen, trat er an sein Lager heran und sprach zu ihm: »Was fehlt dir, Mönch?« »»Ich habe Kolik, Herr.«« »Hast du einen Mönch zur Pflege?« »»Nein, Herr.«« »Warum pflegen dich die Mönche nicht?« »»Ich bin den Mönchen zu nichts nütze, darum, Herr, pflegen sie mich nicht.«« Da sprach der Herr zu Ehrwürden Ānanda: »Geh, Ānanda, hole Wasser und laß uns diesen Mönch hier baden.« »»Jawohl, Herr,«« sagte Ehrwürden Ānanda, dem Meister zustimmend, und holte Wasser. Und der Herr goß das Wasser über den Mönch, und Ehrwürden Ānanda wusch ihn ab; der Herr faßte ihn beim Kopf und Ehrwürden Ānanda bei den Füßen, und sie hoben ihn auf und legten ihn auf ein Bett. Da nun, aus diesem Anlaß und bei dieser Gelegenheit, berief der Herr eine Versammlung der Mönchsgemeinde und richtete an die Mönche die Frage: »Ist, ihr Mönche, in dem und dem Gemach ein Mönch krank?« »»Jawohl, Herr.«« »Was fehlt jenem Mönch, ihr Mönche?« »»Er hat Kolik, Herr.«« »Hat er, ihr Mönche, jemand zur Pflege?« »»Nein, Herr.«« »Warum pflegen ihn die Mönche nicht?« »»Dieser Mönch, Herr, ist ihnen zu nichts nütze, darum pflegen ihn die Mönche nicht.«« »Ihr habet, Mönche, weder Mutter noch Vater, die euch pflegen könnten. Wenn ihr, o Mönche, einander nicht pfleget, wer soll euch dann pflegen? Wer, o Mönche, mich pflegen würde, der soll den Kranken pflegen«²).

v2.c16.s2.23

² So sehr diese Stelle (Mahāvagga VIII, 26) uns an Matth. 25, 40 (»Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan«) erinnert, so ist doch die Situation eine ganz andere und die Ähnlichkeit gewiß nur eine zufällige.

v2.c16.s2.24

Andere dieser Geschichten sind uns dadurch wertvoll, daß sie uns einen Einblick in das Alltagsleben der alten Inder gewähren³). So wenn z. B. erzählt wird, wie die Eltern des Knaben Upāli darüber ratschlagen, was sie den Jungen werden lassen sollen, wie sie erwägen, daß er vom Schreiben wunde Finger, vom Rechnen Brustschmerzen bekommen und beim Malen sich die Augen verderben könnte, und daher beschließen, ihn Mönch werden zu lassen, weil dies der bequemste Broterwerb sei¹). Nicht nur kulturgeschichtlich überaus interessant, sondern auch voll köstlichen Humors sind die Geschichten vom Arzt Jīvaka²), von denen hier wenigstens ein ganz kurzer Auszug gegeben sei:

v2.c16.s2.25

³ In dieser Beziehung bildet das Vinayapiṭaka eine wertvolle Ergänzung zu den brahmanischen Gṛhyasūtras. S. oben Bd. I, S. 234 f.

v2.c16.s2.26

¹ Mahāvagga I, 49.

v2.c16.s2.27

² Mahāvagga VIII, 1. Die Geschichten enden damit, daß Jīvaka dem Buddha ein Geschenk von Kleidern macht, und bilden daher die Einleitung zu dem Abschnitt über die Bekleidung der Mönche.

v2.c16.s2.28

Die Stadt Rājagaha wetteifert mit der großen Stadt Vesālī an Ruhm und Glanz. Zur Herrlichkeit der letzteren trägt nicht wenig die berühmte Hetäre Ambapālī bei, die für eine Nacht fünfzig Gulden begehrt. Um auch Rājagaha in die Höhe zu bringen, wird dort auf Befehl des Königs die schöne und gebildete Sālavatī als Hetäre eingesetzt, und sie verlangt hundert Gulden für eine Nacht. Diese wird schwanger, verheimlicht aber — mit Rücksicht auf ihren Beruf — ihre Schwangerschaft, und nachdem sie ein Kind geboren hat, läßt sie es in einem Körbchen aussetzen. Das Kind wird von Prinz Abhaya gefunden, der es aufziehen läßt und ihm den Namen Jīvaka gibt.

v2.c16.s2.29

Als Jīvaka aufgewachsen ist, begibt er sich zu einem berühmten Arzt in Takkasilā (Taxila) in die Lehre. Nach siebenjährigem Unterricht legt er sein »Examen« ab. Dieses besteht darin, daß sein Lehrer ihm einen Spaten gibt und ihn beauftragt, ihm aus der Umgebung von Takkasilā alle Pflanzen zu bringen, die nicht als Heilkräuter verwendbar sind. Jīvaka kommt zurück und erklärt, weit und breit keine derartige Pflanze gefunden zu haben. Damit ist der Lehrer zufrieden, gibt ihm einiges Reisegeld und läßt ihn ziehen.

v2.c16.s2.30

Das Geld ist bald alle, und um etwas zu verdienen, meldet er sich in einer Stadt, wo er hört, daß die Frau eines reichen Kaufherrn schwerkrank ist, als Arzt. Jīvaka gibt ihr etwas Butterschmalz in die Nase, dieses kommt ihr in den Mund und sie spuckt es aus, worauf sie die Magd auffordert, das Schmalz aufzubewahren. Schon ist Jīvaka um sein Honorar besorgt, da er die Frau für geizig hält. Diese beruhigt ihn aber; sie ist nur eine tüchtige Hausfrau, — das Schmalz könne von den Dienstboten noch als Schmiere oder für die Lampe benützt werden. Sie wird gesund und belohnt den Arzt mit 4000 Gulden; auch ihr Sohn, ihre Schwiegertochter und ihr Gemahl geben ihm je

v2.c16.s2.31

Auch für unsere Kenntnis von Recht und Sitte im alten Indien sind manche Abschnitte (so die sehr detaillierten Aufzählungen von Diebstählen, sexuellen Vergehungen und Verbrechen aller Art) nicht unwichtig.

v2.c16.s2.32

4000 Gulden, letzterer noch einen Sklaven, eine Sklavin und einen Wagen mit Gespann.

v2.c16.s2.33

So kehrt er nach Rājagaha zurück, wo er dem Prinzen Abhaya das erworbene Geld als Entschädigung dafür, daß er ihn aufgezogen, überreicht. Dieser nimmt es nicht an, wünscht aber, daß Jīvaka in Rājagaha seinen Wohnsitz aufschlage. Nachdem er den alten König Bimbisāra von einem unangenehmen Leiden befreit hat, wird er königlicher Leibarzt und vollzieht mancherlei merkwürdige Kuren. Einmal wird ein großer Kaufherr in Rājagaha schwer krank. Alle Ärzte haben ihn schon aufgegeben. Da gibt der König die Erlaubnis, daß sein Leibarzt den Kaufherrn behandle. Jīvaka bedingt sich zuerst ein Honorar von hunderttausend Gulden für sich und ebensoviel für den König aus, dann fragt er ihn, ob er imstande sein werde, auf der einen Seite, dann auf der andern Seite und schließlich auf dem Rücken je sieben Monate ruhig zu liegen. Der Kranke bejaht die Fragen, worauf ihn der Arzt ans Bett bindet, ihm die Kopfhaut auseinander schneidet, zwei Würmer herauszieht — diese waren es, die des Kaufherrn Leben bedroht hatten — und die Wunde wieder zunäht. Der Kranke ist aber nicht imstande, je sieben Monate auf einer Seite zu liegen, sondern hält es immer nur sieben Tage aus. Nach dreimal sieben Tagen ist er aber gesund. Jīvaka erklärt nun, er habe nur deshalb von sieben Monaten gesprochen, weil der Patient es sonst nicht einmal sieben Tage ausgehalten hätte, ruhig zu liegen.

v2.c16.s2.34

Noch manche andere Geschichten werden von der Schlauheit und Geschicklichkeit des Arztes Jīvaka erzählt¹), der übrigens auch den Buddha ärztlich behandelte und ein großer Freund des Ordens war.

v2.c16.s2.35

¹ Er galt als Autorität in der Kinderheilkunde und hieß der »Kinderarzt«. Vgl. Jolly, Medicin (im Grundriß III, 10), S. 68. In der medizinischen Wissenschaft haben sich die Buddhisten auch später vielfach betätigt. (Jolly a. a. O. S. 8 u. 15 f.)

v2.c16.s2.36

Dies ist nicht das einzige Beispiel, welches zeigt, daß die Verfasser oder Zusammensteller des Vinayapiṭaka des trockenen Tons manchmal satt wurden und die Aufzählung von Verboten und Verordnungen durch leichtere Erzählungen unterbrachen. So erzählt auch z. B. der Buddha als Einleitung zu den Regeln über den Vorrang des Alters unter den Mönchen folgende Fabel²):

v2.c16.s2.37

² Cullavagga VI, 6, 3.

v2.c16.s2.38

»Es stand einmal, ihr Mönche, an einem Abhang des Himālaya ein großer Feigenbaum. Unter diesem hatten drei Freunde, ein Rebhuhn, ein Affe und ein Elefant, ihren Wohnsitz aufgeschlagen. Sie lebten aber da, ohne daß einer dem andern Ehrfurcht oder Gehorsam bezeigte und ohne Regelung ihres gemeinsamen Lebens. Da kam einst diesen Freunden der Gedanke: ›Wir wollen doch einmal sehen, wer von uns der Ältere von Geburt ist, dem wollen wir dann Ehre erweisen,

v2.c16.s2.39

Ehrfurcht bezeigen, den wollen wir hochachten und verehren und seinen Ermahnungen folgen«. Da fragten denn das Rebhuhn und der Affe den Elefanten: »Wie weit, Freund, kannst du dich zurückerinnern?«

v2.c16.s2.40

»Als ich jung war, ihr Freunde, da schritt ich, diesen Feigenbaum zwischen den Beinen, über den Baum dahin, und das höchste Zweiglein reichte mir gerade bis zum Bauch. So weit, ihr Freunde, kann ich mich zurückerinnern.«

v2.c16.s2.41

Dann fragten das Rebhuhn und der Elefant den Affen: »Wie weit, Freund, kannst du dich zurückerinnern?«

v2.c16.s2.42

»Als ich jung war, ihr Freunde, da setzte ich mich auf die Erde nieder und fraß das höchste Zweiglein dieses Feigenbaumes. So weit, ihr Freunde, kann ich mich zurückerinnern.«

v2.c16.s2.43

Dann fragten der Affe und der Elefant das Rebhuhn: »Wie weit, Freund, kannst du dich zurückerinnern?«

v2.c16.s2.44

»Dort, ihr Freunde, in jener Lichtung stand ein großer Feigenbaum, von dem aß ich eine Frucht und entleerte den Kot auf diesem Platze hier, und daraus ist der Feigenbaum da entstanden. So bin denn ich, ihr Freunde, der Älteste von Geburt.«

v2.c16.s2.45

Da sprachen der Affe und der Elefant zum Rebhuhn: »Ja, Freund, du bist unter uns der Älteste von Geburt, darum wollen wir dir Ehre erweisen, Ehrfurcht bezeigen, dich wollen wir hochachten und verehren und deinen Ermahnungen folgen«.

v2.c16.s2.46

Aber auch ernste Erzählungen von reinster, echt buddhistischer Moral sind gelegentlich eingefügt; so die rührende Geschichte von dem Prinzen Lebelang, der alles aufbietet, um die Ermordung seiner Eltern zu rächen, in dem Augenblicke aber, wo der Mörder, der König Brahmadatta, ganz in seine Hand gegeben ist, das schon gezückte Schwert wieder in die Scheide steckt und auf die Rache verzichtet¹). Endlich fehlen auch die Gleichnisse, die in den Predigten und Sprüchen eine große Rolle spielen, im Vinayapiṭaka nicht. So werden z. B. im Cullavagga (IX, 1, 3 f.) in einem sorgfältig ausgeführten Gleichnis acht Eigenschaften des Ozeans mit acht Eigentümlichkeiten der buddhistischen Lehre und Ordenszucht verglichen. Her begegnet uns der oft zitierte Satz:

v2.c16.s2.47

¹ Im Auszug wiedergegeben von Oldenberg, Buddha, S. 345 ff. Daß die Legende, wie Copleston, Buddhism p. 103 note, vermutet, durch die biblische Erzählung von David und Saul (I Sam. 24) beeinflußt sei, halte ich für wenig wahrscheinlich.

v2.c16.s2.48

»Gleichwie, ihr Mönche, der große Ozean nur einen Geschmack hat, den Geschmack des Salzes, also, ihr Mönche, hat diese Religion und Ordenszucht nur einen Geschmack, den Geschmack der Erlösung.«

v2.c16.s2.49

Eine gewisse Ähnlichkeit zeigen die Vinayapiṭakatexte mit den vedischen Brāhmaṇas. Hier wie dort finden wir »Regel« (vidhi) und »Sinneserklärung« (arthavāda) nebeneinander, und zu letzterer gehören hier wie dort erzählende Dichtungen, die sich wie Oasen in der Wüstenei der religiösen Technik ausnehmen¹).

v2.c16.s2.50

¹ Vgl. oben I, S. 175 und 181.

v2.c16.s2.51

Ein unbedeutendes und viel jüngeres Erzeugnis, vielleicht erst das Werk eines singhalesischen Mönches²), ist der Parivāra, das letzte Buch des Vinayapiṭaka. Es sind dies neunzehn kleinere Texte, Katechismen, Indices, Appendices, Listen u. dgl., ganz von der Art der den Veda- und Vedāṅgatexten angehängten Anukramaṇīs und Pariśiṣṭas. Mit den wohl auch aus derselben Zeit stammenden Texten des Abhidhammapiṭaka haben sie die Form von Fragen und Antworten gemein.

v2.c16.s2.52

² SBE XIII, p. XXIV.

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