Pramāṇa · Search · About · API

Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c9.s5: E. Welthistorie und Hagiographie

Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c9.s5

Language
German

Contents

E. Welthistorie und Hagiographie

I. Die Grundvorstellungen

c9.s5.t1.1

1. Die Weltperioden und Zeitalter

c9.s5.t1.2

Die Welt ist ewig und als Ganzes unveränderlich. Während aber im größten Teil des Kosmos die allgemeinen Zustände, bei allem Wechsel im einzelnen, sich ständig gleichbleiben, vollzieht sich in einigen Teilen der Menschenwelt unaufhörlich der gesetzmäßige Wandel von aufsteigenden und absteigenden Weltperioden, in welchen Klima und Vegetation des Landes, Körpergröße, Lebensdauer und Tugend der Bewohner einer Veränderung zu Besserem oder Schlechterem unterliegen.

c9.s5.t1.3

Die Jainas nehmen zwei Weltperioden an, welche seit Ewigkeit und in Ewigkeit, einander ablösend, aufeinander folgen: die „aufsteigende Weltperiode“ (Utsarpinî), bei deren Beginn der Zustand in der Menschenwelt der denkbar schlechteste ist, sich jedoch allmählich bessert, bis schließlich der Höhepunkt des bestmöglichen Zustandes erreicht ist, und die „absteigende Weltperiode“ (Avasarpinî), die mit diesem bestmöglichen Zustande anhebt, bei der aber eine sukzessive Verschlechterung vor sich geht, bis schließlich der allgemeine Tiefstand eingetreten ist. Die Dauer einer jeden dieser beiden Perioden beträgt 10 Kotikotis von Sàgaropamas.

c9.s5.t1.4

Eine jede Weltperiode zerfällt in 6 Zeitalter, deren Dauer unwandelbar feststeht. Die Namen derselben deuten die Qualität der Zustände an, die in ihnen herrschen: der gute Durchschnittszustand heißt Sushamâ, der schlechte Durchschnittszustand Duhshamâ, die vier anderen werden mit aus diesen Worten zusammengesetzten Namen bezeichnet. Alles Nähere verdeutlicht die folgende Übersicht.

c9.s5.t1.5

| **Avasarpiṇī** | 1. Sushama-sushamâ, „bestes“ Zeitalter, dauert 4 Kotikotis von Sâgaropamas. 2. Sushamâ, „gutes“ Zeitalter, dauert 3 Kotikotis von Sâgaropamas. 3. Sushama-duhshamâ, „gut-schlechtes“ Zeitalter, dauert 2 Kotikotis von Sâgaropamas. 4. Duhshama-sushamâ, „schlecht-gutes“ Zeitalter, dauert 1 Kotikoti von Sâgaropamas weniger 42 000 Jahre. 5. Duhshamâ, „schlechtes“ Zeitalter, dauert 21 000 Jahre. 6. Duhshama-duhshamâ, „schlechtestes“ Zeitalter, dauert 21 000 Jahre. |
| **Utsarpiṇī** | 1. Duhshama-duhshamâ, „schlechtestes“ Zeitalter, dauert 21 000 Jahre. 2. Duhshamâ, „schlechtes“ Zeitalter, dauert 21 000 Jahre. 3. Duhshama-sushamâ, „schlecht-gutes“ Zeitalter, dauert 1 Kotikoti von Sâgaropamas weniger 42 000 Jahre. 4. Sushama-duhshamâ, „gut-schlechtes“ Zeitalter, dauert 2 Kotikotis von Sâgaropamas. 5. Sushamâ, „gutes“ Zeitalter, dauert 3 Kotikotis von Sâgaropamas. 6. Sushama-sushamâ, „bestes“ Zeitalter, dauert 4 Kotikotis von Sâgaropamas. |

c9.s5.t1.6

Eine aufsteigende und eine absteigende Weltperiode bilden zusammen eine einmalige Umdrehung des Zeitrades (Kâla-cakra). Die 6 Zeitalter jeder Periode werden als die Speichen (Ara) des Zeitrades bezeichnet³⁸. Das Zeitrad dreht sich in unveränderter Gleichmäßigkeit, ohne Anfang, ohne Ende, so daß seit Ewigkeit Avasarpiṇīs und Utsarpiṇīs ununterbrochen aufeinander folgen.

c9.s5.t1.7

Die Geschichte der Menschenwelt ist die Geschichte der periodischen Umdrehungen des Zeitrades *). Die Philosophen der Jainas berichten, wie es auf Erden in den verschiedenen Zeitaltern ausgesehen hat und was früher geschehen ist; auf Grund der Mitteilungen ihrer allwissenden Meister wissen sie auch zu sagen, was in Zukunft geschehen wird, wenn das Zeitrad weitergerollt ist und das Zeitalter Duhshamâ, in dem wir jetzt leben, einem noch schlechteren Platz gemacht haben wird, bis schließlich die Zustände bei Anbruch einer neuen Utsarpinî wieder bessere werden.

c9.s5.t1.8

∗ Wie schon bemerkt wurde, findet der periodische Wechsel der Zeitalter nur in dem von uns bewohnten Teile der Menschenwelt statt. In anderen Weltteilen bleibt dauernd derselbe Zustand bestehen. „Bei den Kurus ist ewig Sushama-sushamâ, in

c9.s5.t1.9

Während die Schilderung der meisten Zeitalter in den Jainawerken nur wenig Raum einnimmt, weil nur die allgemeinen Verhältnisse, in welchen die Menschen leben, dargelegt werden, werden Sushama-duhshamâ und Duhshama-sushamâ ausführlicher behandelt. In diesen beiden erscheinen nämlich regelmäßig die 63 „großen Männer“ (Shalâkâ-purusha), welche im Mittelpunkt der Jaina-Welthistorie stehen. Es sind dies: 24 Tîrthankaras (Propheten), 12 Cakravartîs (Weltbeherrscher) und 27 Helden, nämlich: 9 Baladevas, 9 Vâsudevas und 9 Prativâsudevas; und zwar treten je ein Tîrthankara und je ein Cakravartî in Sushama-duhshamâ, alle übrigen Propheten, Weltbeherrscher und Helden in Duhshama-sushamâ auf, gleichgültig, ob es sich um eine ab- oder aufsteigende Weltperiode handelt*).

c9.s5.t1.10

Die Biographien der „großen Männer“ einer jeden dieser fünf Klassen weisen miteinander sehr starke Ähnlichkeiten auf. Ihre Eigenschaften sind dieselben, und auch ihre Lebensschicksale stimmen in wesentlichen Punkten miteinander überein. Bevor wir deshalb zu einer Darstellung der Welthistorie der Jainas übergehen, empfiehlt es sich, schon aus Gründen der Raumersparnis, die wiederkehrenden Bestandteile der Geschichte der Shalâkâ-purushas kurz zu kennzeichnen.

c9.s5.t1.11

Harivâsa und Ramyakavâsa Sushamâ, in Haimavata und Hairanyavatâ Sushama-duhshamâ, in Videha und den Zwischeninseln Duhshama-sushamâ 39.“

c9.s5.t1.12

*) Die Zahl der Hauptpersonen der Hagiographie ist noch größer, wenn eine Reihe anderer noch zu ihnen gezählt werden, nämlich die 9 Nâradas, die 11 Rudras und die 24 Kâmadevas, auf welche im folgenden nicht weiter eingegangen wird, da sie den 63 „Shalâkâ-purushas“ an Bedeutung nachstehen und deshalb von den Jainaschriftstellern nur wenig behandelt werden 40. Auch die 24 Väter und die 24 Mütter der Tîrthankaras sowie die 7 (14) Kulakaras werden mitunter zu den Hauptpersonen gerechnet; über sie wird an den entsprechenden Orten kurz gesprochen werden.

c9.s5.t1.13

2. Die 63 großen Männer

c9.s5.t1.14

a. Die 24 Tîrthankaras.

c9.s5.t1.15

Die Tîrthankaras sind die religiösen Propheten der Jainas, welche die uralte heilige Lehre verkünden und durch ihre Predigt und ihr Beispiel die Menschen, die ihnen folgen, zur Erlösung führen. Das Wort „Tîrthankara“ (oder Tîrthakara) wird gewöhnlich im Abendlande erklärt als „Furtbereiter, Bahnbrecher“, d. h. als Bezeichnung für den, welcher durch den Ozean des Sansâra eine Furt (Tîrtha), einen Weg schafft, auf welchem der Gläubige durch diesen gefahrlos hindurchgehen und zur allem Schmerz entrückten Stätte des Nirvâna gelangen kann. Die Jainas selbst definieren den Begriff hingegen zumeist in der Weise, daß sie unter ihm einen Mann verstehen, welcher die vier Ordnungen (Tîrtha) der Jainagemeinde ins Leben ruft: Mönche, Nonnen, Laienbrüder und Laienschwestern. An Stelle des Ausdrucks Tîrthankara werden noch eine Reihe anderer gebraucht. Die bekanntesten derselben sind: Jina und Arhat. Jina, „Sieger“ heißt er, weil er sich durch Überwindung von Liebe und Haß von Karma freigemacht hat*), Arhat, „Ehrwürdiger“, weil er bei den fünf großen Begebenheiten seines Lebens (Empfängnis, Geburt, Weltentsagung, Erlangung der Allwissenheit und Eingehen ins Nirvâna) von den Indras und Göttern verehrt wird.

c9.s5.t1.16

Die Stellung eines Tîrthankara erlangt eine Seele, wenn sie durch ihre guten Taten für diese reif geworden und das „Tîrthankara-nâma-karma“ (S. 164) gebunden hat. Die Voraussetzungen für das Entstehen des Tîrthankara-Karma sind folgende: „Vollkommenheit des Glaubens, Besitz der Ehrfurcht, kein Verstoß gegen die Gelübde und Gebote, beständige Ausübung des Erkennens und Weltschmerz, nach Kräften Spenden und Askese, Beistand und Dienstfertigkeit gegenüber der Gemeinde und den Mönchen, Liebe zu den Arhats, Meistern, Weisen

c9.s5.t1.17

*) Der Ausdruck „Jina“ wird nicht nur auf die Tîrthankaras, sondern auf alle Heiligen angewendet, welche die Allwissenheit erlangt haben. So heißt z. B. Bâhubali in den Inschriften von Shravana Belgola stets Jina. Auch die Ganadharas werden Jinas genannt. Die Tîrthankaras heißen zum Unterschied von diesen oft Jineshvaras, „Herren unter den Jinas“.

c9.s5.t1.18

und der Lehre, die Einhaltung der Âvashyakas (der sechs notwendigen täglichen Pflichten), die Verherrlichung des Heilsweges, sowie Zuneigung zu den Bekennern der wahren Religion"⁴¹.

c9.s5.t1.19

⁴¹ [Note text not present on page]

c9.s5.t1.20

Jeder Tîrthankara hat, bevor er zum Welterleuchter wurde, zahlreiche Existenzen in den verschiedensten Daseinsformen durchleben müssen, bis er seine hohe Würde erreichte. Die Geschichte dieser verschiedenen Vorgeburten ist ein beliebter Gegenstand von Erbauungsschriften*). Wenn ein Mensch die Befähigung für das Tîrthankaratum erlangt hat, wird er zunächst in einem Götterhimmel wiedergeboren, von wo aus er dann nach einer langen Zeit überirdischen Genusses zur Erde zurückkehrt und in den einem goldenen, mit Perlen geschmückten Hause gleichenden Schoß einer Königin eingeht.

c9.s5.t1.21

Alle Tîrthankaras kommen in königlichem Geschlecht zur Welt: von denen der gegenwärtigen Weltperiode entstammen 2 (der 20. und 22.) dem Hari-Geschlecht, alle anderen der Ikshvâku-Familie.

c9.s5.t1.22

Die zukünftige Geburt des Propheten wird der Mutter durch 14 (16**) Träume angekündigt. Die Traumbilder sind der Reihe nach 1. ein weißer Elefant mit donnergleichem Ton, 2. ein weißer Stier, 3. ein weißer Löwe, 4. die auf einem Lotus auf dem Himavân ruhende Göttin der Schönheit, die herrlich geschmückte Shrî, 5. ein Kranz (zwei Kränze) von schön duftenden Blumen, 6. der weißglänzende Mond, 7. die rotstrahlende Sonne, 8. ein an einem mit Pfauenfedern geschmückten, goldenen Stabe befestigtes Banner (zwei Fische), 9. ein (zwei) goldenes Gefäß mit reinem Wasser, 10. ein von Enten, Fischen und anderen Wassertieren bevölkerter Lotusteich, 11. der Milch-Ozean mit seinen schaumgekrönten Wogen, 12. ein edelsteingeschmückter Thron), 12. (13.) ein Vimâna, d. h. einer der beweglichen himmlischen Paläste, auf welchem himmlische Geister herrliche Musik machen, (14. ein Palast der Asuras), 13. (15.) ein Juwelenhaufen, so groß wie der Meruberg, 14. (16.) ein weitleuchtendes Feuer.

c9.s5.t1.23

∗ Im Folgenden werden nur die Vorgeburtslegenden der beiden berühmtesten Tîrthankaras Pârshva und Mahâvîra mitgeteilt werden. Von den anderen Tîrthankaras werden ähnliche Geschichten erzählt.

c9.s5.t1.24

∗∗ Die Shvetâmbaras nehmen 14, die Digambaras 16 Träume an. Die im Folgenden in Klammern gesetzten Träume sind diejenigen, in welchen die Digambaras von der Anschauung der Shvetâmbaras abweichen.

c9.s5.t1.25

Die Königin teilt das, was sie gesehen, sofort ihrem Gatten mit, der sogleich die Bedeutung der Träume erkennt; den Rest der Nacht verbringt sie wachend mit religiösen Gedanken beschäftigt, damit nicht die Wirkung der glückverheißenden Träume durch andere Träume wieder aufgehoben würde. Die am nächsten Morgen herbeigerufenen Traumdeuter erklären die Träume für diejenigen unter den 30 Großträumen, welche die Geburt eines Tîrthankara voraussagen, und prophezeien der Königin die Geburt eines Sohnes, welcher diese Stellung erreichen werde.

c9.s5.t1.26

Die Zeit der Schwangerschaft der Königin geht ohne Zwischenfälle vorüber. Schon im Leibe der Mutter wirkt der Tîrthankara wunderbare Dinge. Ereignisse, die sich während dieser Zeit abspielen (namentlich Gelüste der Schwangeren), veranlassen die Eltern später zu der Wahl des Namens, der dem Neugeborenen zuteil wird.

c9.s5.t1.27

Nach etwas über 9 Monaten wird dann der erwartete Prinz unter günstigen astrologischen Vorzeichen geboren. Das Ereignis macht sich in der ganzen Welt bemerkbar. Die Götter fallen von ihren Sitzen und eilen herbei, das Kind zu verehren. Die himmlischen Wesen bringen ihm Lobgesänge dar, sie machen die Luft duftend und dienen dem Knaben in der mannigfaltigsten Weise: die einen legen Mutter und Sohn auf ein Ruhebett, andere zerschneiden die Nabelschnur, werfen sie in eine mit Juwelen geschmückte Grube und pflanzen Blumen über die letztere, wieder andere baden den Tîrthankara. Der König veranstaltet ein großes Freudenfest, an welchem das ganze Volk teilnimmt und bei dem reichliche Almosen verteilt und Gefangene in Freiheit gesetzt werden. Aber nicht nur Götter und Menschen, nein alle Wesen werden durch die Geburt eines Jina beglückt und froh, sogar die finsterste Hölle erhellt sich für kurze Zeit, und die Leiden der Verdammten werden ein wenig gelindert.

c9.s5.t1.28

Der Knabe wächst dann in all' der Pracht und all' dem Glanz auf, die einem Königssohn gebühren. Fünf Ammen stehen zu seiner Verfügung; eine zum Säugen, eine zum Waschen, eine zum Anziehen, eine zum Spielen, eine zum Tragen. Wenn er hungrig ist, dann leckt er den Nektar, den Indra in seine Daumen getan hat. Je älter das Kind wird, desto schöner und weiser wird es, schon frühzeitig gibt es durch erstaunliche Wundertaten Proben von einer außerordentlichen Kraft und Begabung.

c9.s5.t1.29

In allen Künsten und Wissenschaften aufs trefflichste unterwiesen, wächst der Prinz zu einem stattlichen Jüngling heran und genießt alle irdischen Genüsse in tugendhafter Weise. Schließlich heiratet er unter großer Pompentfaltung eine schöne Königstochter und wird Vater. Einige künftige Tîrthankaras üben, nachdem ihr Vater die Weihen genommen, die Königsherrschaft aus.

c9.s5.t1.30

Alle Pracht und Herrlichkeit vermag den Jüngling jedoch nicht über die Wertlosigkeit der irdischen Genüsse und die Zwecklosigkeit weltlichen Strebens hinwegzutäuschen. Nach und nach reift in ihm der Wunsch, der Welt zu entsagen. Ein äußeres Ereignis (bei Pârshva z. B. die Betrachtung eines Bildes seines Vorgängers) läßt den Wunsch zum Entschluß werden. Die Götter bestärken ihn in diesem seinem Vorhaben und preisen ihn als einen künftigen Weltheiland. Ein Jahr lang verschenkt er alle seine Schätze und spendet große Almosen. Wenn dann der Tag der großen Entsagung gekommen ist, wird er von Shakra und den Göttern, festlich geschmückt und in einer Sänfte, vom Volke umjubelt, in den Wald begleitet. Hier legt er allen Schmuck ab und reißt sich selbst sein Haar in fünf Strähnen aus. Indra sammelt die herabgefallenen Haare in einer Schale aus Edelsteinen und wirft sie in den Milch-Ozean.

c9.s5.t1.31

Ganz und gar frommem Wandel hingegeben, vernachlässigt der Heilige jetzt seinen Körper; er bringt seine Tage in Meditation hin, er fastet und übt Askese. Sich nirgends lange aufhaltend, pilgert er von Ort zu Ort. Die Reinheit seines Wesens wird durch 21 Vergleiche verdeutlicht: so wie an einem kupfernen Topf kein Wasser, an Perlmutter kein Kollyrium haftet, so klebt dem Heiligen keine Sünde an; ungehemmt ist sein Lauf, wie der des Lebens; wie das Firmament bedarf er keiner Stützung, wie der Wind kennt er kein Hindernis, rein wie Wasser im Herbst ist sein Herz, wie ein Lotusblatt kann ihn nichts beschmutzen, wie eine Schildkröte ihre Glieder, so hat er seine Sinne von der Welt zurückgezogen, wie ein Nashorn wandelt er einsam, wie ein Vogel ist er frei, wie ein Bhàrunda (Greif) wacht er immer; er ist tapfer wie ein Elefant, stark wie ein Stier, unbesiegbar wie ein Löwe, unerschütterlich wie der Mandara-Berg, tiefgründig wie der Ozean, von milder Reinheit wie der Mond, von glänzender Kraft wie die Sonne, lauter wie Gold, geduldig erträgt er alles wie die Erde und spendet strahlenden Glanz wie das Feuer⁴².

c9.s5.t1.32

Gleichgültig gegen die Welt und ihre Freuden, einzig bestrebt, seine Seele von allem Karma zu läutern, erlangt er zunächst die 4. Stufe des Wissens, die transzendente Erkenntnis der Gedanken anderer (Manahparyâya-jnâna) zu den dreien, die ihm von Geburt eignen. Schließlich wird ihm die Allwissenheit zuteil. Dadurch wird er ein Kevalì. Dann eilen die Götter herzu, ihn zu verehren, und er predigt ihnen zuerst die heilige Lehre. Darauf macht er sich auf, den wahren Glauben allen Wesen zu verkünden.

c9.s5.t1.33

Der Tîrthankara predigt gewöhnlich in einer köstlichen Festhalle (Samavasarana), welche die Götter feierlich für ihn errichten. Zu diesem Zwecke reinigen die Vâyukumâras zunächst den Erdboden in einem Umkreis von einem Yojana, die Meghakumâras lassen wohlriechende Wasser herabregnen, und die Vyantaras streuen Blumen und Edelsteine. Dann bauen die Himmlischen die Halle, welche entweder rund oder viereckig ist. Dieselbe hat 3 Wände, die erste, innere, bauen die Vaimânikas aus Edelsteinen, die zweite, mittlere, die Jyotishkas aus Gold, die dritte, äußere, die Bhavanapatis aus Silber. Jede Wand hat vier perlengeschmückte Tore. In der Mitte wird von den Vyantaras ein Caitya-Baum aufgestellt, unter diesem eine Estrade aus Juwelen. Mitten auf dieser werden vier Löwenthrone errichtet, nach jeder Seite einer. Über jedem Thron werden drei Sonnenschirme gehalten, zwei Wedel tragende Yakshas stehen ihm zur Seite, und vor ihm steht, auf einem Goldlotus ruhend, ein kristallenes Gesetzes-Rad. Von Osten tritt der Tîrthankara dann in die Halle ein und setzt sich mit nach Osten gewandtem Gesicht auf den östlichen Löwenthron nieder. Auf den drei anderen Thronsesseln werden gleichzeitig Widerspiegelungen des Tîrthankara sichtbar, so daß dieser also gleichzeitig nach allen Himmelsrichtungen zu blicken scheint. Der Heilige verkündet dann die Lehre den zwölf Versammlungen, die ringsum an den durch das Herkommen bestimmten Plätzen in der Halle stehen und sitzen. Es stehen die Frauen der Bhavanapatis, Vyantaras, Jyotishkas und Vaimânikas und die Nonnen; es sitzen die männlichen Götter der genannten vier Klassen, die Asketen und die Laien, Männer und Frauen. Innerhalb der zweiten Umwallung stehen Tiere, innerhalb der dritten die Gefährte. Die Tore werden von Göttern der vier Klassen bewacht⁴³.

c9.s5.t1.34

⁴³ [Footnote text not present on page]

c9.s5.t1.35

Zur Verbreitung der wahren Religion wandert der Tîrthankara im Lande umher. Wo er sich zeigt, da strömen alle Wesen in seine gnadenreiche Nähe, um ihm zu lauschen, denn seine Worte werden von allen Wesen verstanden, was auch immer ihre Mundart sei.

c9.s5.t1.36

Der späteren Spekulation zufolge spricht der Tîrthankara nicht nach der Art irdischer Wesen, sondern in übernatürlicher Weise, mit „silbenloser“ (anakshari) Sprache. Er überträgt seine Gedanken gewissermaßen auf telepathischem Wege und beeinflußt dadurch seine Hörer aufs nachdrücklichste; ein Hauptschüler (Ganadhara) übersetzt seine Vorträge dann in die Volkssprache, in welcher Form sie dann später aufgezeichnet werden.

c9.s5.t1.37

Der Tîrthankara predigt überall mit großem Erfolge und gewinnt Tausende seiner Lehre. Zahlreiche Männer und Frauen befolgen als Laien seine Gebote, und viele ziehen aus dem Haus in die Hauslosigkeit, um als Mönche und Nonnen ihr Leben heiligem Wandel zu weihen.

c9.s5.t1.38

Alle Tîrthankaras sind im Besitz von 34 Vorzügen. Die Jaina-Theologen haben diese bis ins einzelnste systematisiert⁴⁴.

c9.s5.t1.39

⁴⁴ [Footnote text not present on page] [^ *]: Dies die Ansicht der Shvetâmbaras. Nach derjenigen der Digambaras nimmt der kevali überhaupt keine Speise zu sich, denn wenn er essen würde, so müßte er

c9.s5.t1.40

4 Vorzüge sind ihnen angeboren: ihr Körper ist von wunderbarer Schönheit und wunderbarem Wohlgeruch, er ist keiner Krankheit unterworfen und frei von Schweiß und Unreinlichkeit. Ihr Atem hat den Duft des Lotus, ihr Blut ist so weiß wie die hervorquellende Milch der Kuh, das Fleisch ist ohne Fleischgeruch. Nahrungsaufnahme und Entleerung sind bei ihnen (für gewöhnliche Augen) nicht sichtbar[^ *].

c9.s5.t1.41

11 Vorzüge entstehen bei ihnen durch die Vernichtung des Ghâti-Karma: Eine Kotikoti von Göttern, Menschen und Tieren stehen (durch ihre Macht) in einem Raume, der nur eine Meile mißt, ihre Rede wird gleichzeitig in der Götter-, Menschen- und Tierwelt verstanden und ist eine Meile weit hörbar; ihren Kopf umstrahlt ein Heiligenschein (Bhâ-mandala) von sonnengleichem Glanz; rings um sie herrscht in einer Entfernung von 200 Gavyûtis und 1 Agra keine Krankheit, keine Feindseligkeit, keine Landesnot, keine Seuche, kein Überfluß und kein Mangel an Regen, keine Hungersnot und keine Gefahr weder vor fremder noch vor eigener Herrschaft.

c9.s5.t1.42

19 Vorzüge sind göttlich: ein heiliges Rad (Dharma-cakra) schwebt in der Luft vor dem Tîrthankara her, 2 Fliegenwedel, ein Löwenthron mit einer Fußbank, 3 Sonnenschirme, eine edelsteingeschmückte Fahne sind in seiner Umgebung, goldene Lotusblumen werden von Genien unter seine Füße gesetzt, 3 prächtige Wände umgeben ihn, er scheint jeden in allen vier Richtungen anzublicken, in seiner Nähe befindet sich ein Ashoka-Baum, die Dornen kehren ihre Spitze nach unten, so daß sie ihn nicht verletzen, die Bäume neigen sich vor ihm, himmlische Trommeln ertönen, kühlende Lüfte umwehen ihn, die Vögel fliegen rechts von ihm (ein günstiges Omen), es regnet wohlriechendes Wasser und vielfarbige Blumen, seine Haare, sein Bart und seine Nägel wachsen nicht mehr, eine Koti von Göttern aller vier Klassen gehorchen ihm, die Jahreszeiten erfreuen ihn durch aufblühende Blumen, und alles, was er mit den Sinnen wahrnimmt, ist angenehm*).

c9.s5.t1.43

Die Rede der Tîrthankaras besitzt die folgenden 35 Vorzüge: Reinheit, Höhe, Leutseligkeit, donnertiefen Schall, Widerhall, Geradheit, Harmonie, Inhaltsschwere, Folgerichtigkeit, Gelehrsamkeit, Un-

c9.s5.t1.44

Hunger haben, Hunger aber setzt ein ungestilltes Bedürfnis und damit das Vorhandensein von Verblendung, von Karma voraus. Die Shvetâmbaras hingegen lehren, bei den Kevalis diene die Ernährung nur der Erhaltung des Körpers und sei von der anderer Wesen verschieden 45.

c9.s5.t1.45

*) Der Ashoka-Baum, der Blumenregen, die göttliche Musik, die Fliegenwedel, der Thron, die Aureole, die himmlischen Pauken und die Sonnenschirme, welche stets bei einem Tîrthankara auftreten, heißen die 8 Prâtihâryas (Wundererscheinungen) 46.

c9.s5.t1.46

zweideutigkeit, Unwiderleglichkeit, Überzeugungskraft, logische Verbindung, Umstandgemäßheit, Wahrheitstreue, Abwesenheit von Verworrenheit und Weitschweifigkeit, von Selbstlob und Tadelsucht, Angemessenheit, außerordentliche Milde und Lieblichkeit, Vortrefflichkeit, Schonung, Erhabenheit, Beharren bei dem, was recht und nützlich ist, grammatische Korrektheit, Freisein von Verwicklung usw., Staunenerregung, Vorzüglichkeit, Abwesenheit von übermäßiger Langsamkeit, Mannigfaltigkeit der rhetorischen Figuren, Gebrauch von Attributen, Energie, deutliche Aussprache der Laute, Worte und Sätze, ununterbrochenen Fluß und Ungezwungenheit.

c9.s5.t1.47

Die Tīrthankaras sind frei von 18 Mängeln, nämlich von den Hindernissen im Geben, im Nehmen, in der Tatkraft, im Genuß und im Nießbrauch (s. S. 164), von Lachen, Vorliebe, Widerwillen, Traurigkeit, Furcht und Ekel, von Begierde, Irrglaube, Unwissenheit, Schlaf und mangelnder Selbstzucht, von Liebe und Haß.

c9.s5.t1.48

Sie besitzen hingegen die vier Unendlichkeiten: unendliches Schauen, unendliches Wissen, unendliche Macht und unendliche Seligkeit.

c9.s5.t1.49

Jedem Tīrthankara warten ein männlicher und ein weiblicher Geist (Yaksha und Yakshinī) auf, und ein Hauptschüler (Ganadhara) und eine Hauptschülerin (Āryā) sind seines Winkes gewärtig.

c9.s5.t1.50

Wenn der Tīrthankara viele zur heiligen Lehre und zum frommen Wandel bekehrt hat und sein Karma aufgezehrt ist, schickt er sich an, in das Nirvāna einzugehen. Nachdem er lange keine Speise und keinen Trank zu sich genommen, verläßt er nach Vernichtung alles Karma die sterbliche Hülle des Leibes und steigt zur Spitze der Welt empor. Der Leichnam des Erlösten wird von Indra im Wasser des Milchozeans gebadet und geschmückt, die Götter legen ihn dann auf einen Scheiterhaufen von Sandel und Aloe, den himmlische Genien in Brand setzen. Über den Gebeinen des Heiligen errichten die Götter einen Stūpa von Edelsteinen.

c9.s5.t1.51

Das Leben aller Tīrthankaras spielt sich mehr oder weniger in dieser Form ab, und ihre Biographien weisen nur in Einzelheiten Abweichungen auf. Viele Jainawerke begnügen sich daher damit, die Abweichungen tabellenmäßig aufzuführen. Gewöhnlich werden über jeden Tîrthankara die folgenden Mitteilungen gemacht: Geschichte der Vorgeburten und Angabe des Götterhimmels, von welchem der zukünftige Tîrthankara zur Erde herabstieg, Name der Eltern und des Geburtsortes, des Sternbildes, unter dem er geboren wurde, des Ortes, wo er die Weihe nahm und die Allwissenheit erlangte, des Baumes, unter dem er das Wissen erreichte, des Ortes, wo er ins Nirvâna einging, Angaben über sein Wappen, seine Körperfarbe, seine Körpergröße, die Zahl und Namen seiner Ganadharas (Vorsteher), Mönche, Nonnen und Laienanhänger, Namen des Yaksha und der Yakshinî, die ihm dienen, Angaben über die Zeit, die von dem Nirvâna seines Vorgängers bis zu seiner Geburt verstrich, und über diejenige, während welcher er die einzelnen Stufen zur Vollkommenheit zurücklegte, bis er das Nirvâna erreichte.

c9.s5.t1.52

b. Die 12 Cakravartîs.

c9.s5.t1.53

Die Cakravartîs sind Kaiser, welche über einen Weltteil (z. B. das sechsteilige Bharata-Land) gebieten. Ihr Leben ist mit ähnlichen Zügen ausgestattet, wie das der Tîrthankaras. Jeder Cakravartî erlangte seine Würde durch gute Taten in früheren Existenzen und durch ein Nidâna, d. h. einen in einem früheren Leben leidenschaftlich gehegten Wunsch. Er wird in dem königlichen Geschlecht Ikshvâku geboren, wächst in Pracht und Herrlichkeit auf und ist in allen Künsten und Wissenschaften erfahren. Von großer Schönheit und Kraft, tapfer und klug, ist er mit 36 Vorzügen⁴⁷ des Geistes und des Körpers ausgezeichnet. Alle Gegner im Kampfe besiegend, erobert er die Welt und wird, von Göttern und Genien bedient und gepriesen, feierlich zum Kaiser gesalbt. Er herrscht lange und machtvoll, mit seinen vielen Frauen und Schätzen alle Genüsse durchkostend, welche die Erde zu bieten vermag. Das Lebensende der Cakravartîs ist sehr verschieden. Während einige der Welt entsagen oder gar Tîrthankaras werden (wie der 16., 17., 18. Cakravartî der gegenwärtigen Weltperiode) und in die Erlösung eingehen, gelangen andere nach ihrem Tode in einen Götterhimmel, wieder andere versinken infolge schlechter Taten in die Hölle.

c9.s5.t1.54

Die Cakravartîs verdanken ihre Erfolge nicht nur ihrer Fähigkeit und Kraft und dem Beistand, den ihnen überirdische Wesen gewähren, sondern vor allem den wunderbaren „Kleinodien“ (Ratna) und köstlichen „Schätzen“ (Nidhi), die sich in ihrem Besitz befinden.

c9.s5.t1.55

Die 14 Kleinodien sind lebende Wesen verschiedener Art, die dem Cakravartî Dienste erweisen. Sie zerfallen in solche, die nur mit einem Sinn versehen sind (Ekendriya-ratna), und solche, welche 5 Sinne haben (Pancendriya-ratna)¹⁸.

c9.s5.t1.56

Die 7 Kleinodien mit einem Sinn sind:

c9.s5.t1.57

1. Cakra, ein juwelengeschmückter Diskus, den der Cakravartî im Kampfe gegen seinen Gegner schleudert. Mit unfehlbarer Kraft versehen, kehrt derselbe in die Hand des Werfenden zurück, nachdem er dem Feinde das Haupt zerschmettert hat. Wenn er den Widersacher aus irgendwelchen Gründen nicht sogleich tötet, so folgt er ihm, wie ein Falke seiner Beute, bis sich ein Zeitpunkt bietet, wo er ihn vernichten kann.

c9.s5.t1.58

2. Danda, ein herrlicher Stab, mit welchem die Erde bis in ihre Tiefen durchgraben werden kann, der aber auch durch seine Berührung Schmerz und Not lindert.

c9.s5.t1.59

3. Khadga, ein scharfes Schwert, das jeden Widerstand bricht.

c9.s5.t1.60

4. Chatra, ein glänzend weißer Sonnenschirm. Derselbe ist dem Cakravartî nicht nur das Attribut seiner Herrscherwürde, sondern lähmt durch seinen Anblick schon den Widerstand der Feinde. Er schützt gegen Regen und Sonnenglut, gegen Wind und Wetter und spendet in der warmen Jahreszeit kalten, in der kalten Jahreszeit warmen Schatten.

c9.s5.t1.61

5. Carma, ein wunderbares Fell, das für Hieb und Stich undurchdringlich ist. Es findet zugleich beim Überschreiten von Flüssen und Meeren als Floß Verwendung und dient bei Gelegenheit auch als Saatfläche, auf welcher am Morgen gesäte Getreidekörner am Abend bereits Frucht tragen.

c9.s5.t1.62

6. Mani, ein Edelstein von unvergleichlichem Glanz, einer bestimmten Art von Katzenaugen (Vaidûrya) angehörig. Derselbe verleiht Sieg, heilt Wunden und erleuchtet sonnenhell die Finsternis.

c9.s5.t1.63

7. Kâkinî, eine Art Urhohlmaß in Form eines Würfels von strahlender Leuchtkraft. Das Kleinod wird vom Cakravartî auch dazu benutzt, um z. B. beim Eintreten in eine dunkle Höhle durch Bestreichen ihrer Wände Licht zu schaffen, um die Wirkungen von Giften aufzuheben u. dgl.

c9.s5.t1.64

Die 7 Kleinodien mit 5 Sinnen sind:

c9.s5.t1.65

1. Senâpati, der Feldherr des Cakravartî. Derselbe ist ein zuverlässiger und unbestechlicher Diener seines Herrn, wachsam und weitblickend, der Sprache der Yavanas (Griechen) und Mlecchas (Barbaren) in Wort und Schrift mächtig, der Politik und Lebenskunst kundig, ein machtvoller Kämpfer und geschickter Stratege.

c9.s5.t1.66

2. Grihapati, der Haushofmeister, welcher Küche und Kammer besorgt und die Garderobe und die Vorräte unter sich hat.

c9.s5.t1.67

3. Varddhaka, der Architekt, der mit dem Bau von Häusern, Palästen und Städten vertraut ist.

c9.s5.t1.68

4. Purohita, der Hauspriester, der die religiösen Zeremonien leitet, mit Zaubersprüchen Bescheid weiß und ein kunstreicher Dichter ist.

c9.s5.t1.69

5. Gaja, ein Elefant von unübertrefflicher Kraft.

c9.s5.t1.70

6. Ashva, ein schönes Roß, das mit allen glückverheißenden Kennzeichen geschmückt ist.

c9.s5.t1.71

7. Strî, die schönste Frau, ewig jung bleibend, heiß anzufühlen in der kühlen und kalt in der warmen Jahreszeit, durch ihren Anblick den Gatten stets zu neuem Genuß kräftigend und Krankheit durch Berührung vertreibend.

c9.s5.t1.72

Die 9 „Schätze“ (Nidhi), mit welchen ein Cakravartî ausgestattet ist, sind nach einer Ansicht Büchersammlungen, in denen die Literatur über 9 verschiedene Wissenszweige enthalten ist, nach einer anderen Behälter oder Schatzhäuser, in welchen sich die Dinge befinden, deren Verwendung in jenen Büchern gelehrt wird. Namen und Inhalt der 9 Nidhis sind folgende: 1. Naisarpa: Häuser, 2. Pânduka: Reis und Getreide, 3. Pingalaka: Schmuck, 4. Sarvaratnaka: die 14 Kleinodien, 5. Mahâpadma: Kleidung, 6. Kâla: Zeitbestimmung für astrologische Voraussagen, 7. Mahâkâla: Metall- und Edelsteinminen, 8. Mânavaka: Waffen, Kriegskunst, 9. Shankha: Dichtkunst, Dramaturgie, Musik.

c9.s5.t1.73

c. Die 9 Baladevas, 9 Vâsudevas und 9 Prativâsudevas.

c9.s5.t1.74

Die Baladevas, Vâsudevas und Prativâsudevas sind drei Helden, die immer gleichzeitig, und zwar im ganzen neunmal in einer Weltperiode auftreten. Der Baladeva und der Vâsudeva sind Halbbrüder, Söhne eines Königs von verschiedenen Frauen, der Prativâsudeva ist der Widersacher derselben.

c9.s5.t1.75

Der Baladeva (auch Balabhadra genannt) ist von heller, weißer Körperfarbe, trägt stets ein blauschwarzes Gewand und führt die Weinpalme im Banner. Seine vier Attribute sind: Bogen, zwei verschiedene Keulen (Gadâ und Musala) und Pflugschar, nach den Digambaras: Edelsteinkette, zwei Keulen und Pflugschar. Sein Erscheinen in der Welt kündigt sich der Mutter dadurch an, daß sie vier von den berühmten Traumbildern sieht.

c9.s5.t1.76

Der Vâsudeva (auch Nârâyana oder Vishnu genannt) ist ein jüngerer Bruder des Baladeva, tritt aber zumeist in der Legende stärker hervor als dieser, weil er sich als gewaltiger Kämpfer auszeichnet, während der Baladeva milderer Gemütsart ist. Seine bevorzugte Stellung wird schon dadurch angedeutet, daß seine Mutter sieben (fünf) von den berühmten Träumen sieht. Sein Leib hat einen dunkelblauen Glanz, sein Gewand ist von gelber Seide. Das Shrîvatsa-Zeichen auf der Brust, ein weißer Sonnenschirm, Fliegenwedel und ein Garuda-Banner sind seine Insignien. Er hat 7 Attribute: die Muschel Pancajanya, die nur er blasen kann, den Diskus Sudarshana, die Keule Kaumodakî, den Bogen Shârnga, das Schwert Nandaka, Vanamâlâ, den Kranz aus den Blumen der Jahreszeit und den Edelstein Kaustubha. (Nach den Digambaras sind die Attribute: Bogen, Muschel, Diskus, Schwert, Szepter, Shakti und Keule.)

c9.s5.t1.77

Der Prativâsudeva ist ein machtvoller böser Herrscher, dessen Geburt durch einen Traum angekündigt wird.

c9.s5.t1.78

Der Baladeva und der Vâsudeva sind schon eine Reihe von Existenzen hindurch einander nahe verbunden und mit dem Prativâsudeva verfeindet. Der Kampf kommt dann zum Austrag dadurch, daß sich der Prativâsudeva einen großen Teil des Bharata-Landes untertänig macht und als Beherrscher der halben Welt vom Vâsudeva Gehorsam fordert. Hierdurch oder durch andere Herausforderungen des Prativâsudeva gereizt, überzieht ihn der Vâsudeva mit Krieg und tötet ihn schließlich, so daß er in eine Hölle versinkt, um seine Übeltaten zu büßen. Der Vâsudeva herrscht darauf lange glücklich als „Halb-Kaiser“ (Ardha-cakravartî) und genießt mit seinen zahllosen Frauen alle Freuden dieser Welt. Schließlich stirbt er und geht wegen des schlechten Karma, das er durch seine Kämpfe sich erworben, in die Hölle ein. Sein treuer Bruder, der Baladeva, wird über seinen Tod so betrübt, daß er auf Erden keine Freude mehr findet, die Weihen nimmt und schließlich die Erlösung erlangt.

II. Die Geschichte des Bharata-Landes und seiner großen Männer

c9.s5.t2.1

1. Vorbemerkungen

c9.s5.t2.2

Das Zeitrad dreht sich in der ganzen Menschenwelt. Da überall, wo die Zeitalter Sushama-dushamâ und Dushama-sushamâ herrschen, die 63 berühmten Männer auftreten, so erscheinen Serien von diesen Haupthelden der Hagiographie in den verschiedensten Teilen der Welt. Die Jainas geben daher Listen der Tîrthankaras usw. von Bharata, Airâvata 49, Mahâvideha der 2 1/2 Kontinente Jambudvîpa, Dhâtakikhanda und Pushkaradvîpa und teilen nicht nur die Namen derjenigen von ihnen, welche in der gegenwärtigen Weltperiode lebten und wirkten, mit, sondern wissen zum Teil auch diejenigen zu nennen, welche in früheren Avasarpinîs oder Utsarpinîs existierten 50 und welche in künftigen Epochen auftreten werden. Sogar über die Gleichzeitigkeit von „berühmten Männern“ in verschiedenen Weltteilen sind Spekulationen angestellt worden. Ausdrücklich wird gelehrt, daß in demselben Zeitabschnitt in den 2½ Kontinenten, welche von Menschen bewohnt werden, im Höchstfalle 170, im Mindestfalle 20 Tîrthankaras auftreten können. Die Maximalzahl erklärt sich wie folgt: in jedem der 5 Bharatas (1 in Jambûdvîpa, 2 in Dhâtakîkhanda, 2 in dem halben, von Menschen bewohnten Pushkaradvîpa) je einer, also zusammen 5; in jedem der 5 Airâvatas (die sich wie die Bharatas auf die Kontinente verteilen) je 1, zusammen also 5; in jeder der 32 Provinzen (Vijaya) der 5 Mahâvidehas (die sich auf die Kontinente in gleicher Weise verteilen) je 1, also zusammen 32 × 5 = 160, insgesamt 5 + 5 + 160 = 170. Die Mindestzahl ergibt sich, wenn nur in dem 1 Mahâvideha von Jambûdvîpa 4 und in den 2 Mahâvidehas von Dhâtakîkhanda und in den 2 Mahâvidehas von Pushkaradvîpa je 8 erscheinen: 4 + 8 + 8 = 20. In entsprechender Zahl erscheinen auch die anderen großen Männer in den anderen Weltteilen. Daß die zu gleicher Zeit lebenden Shalâkâ-purushas von einander wissen, ergibt sich aus einer Angabe in der Jnâtadharmakathâ, nach welcher Krishna, der Vâsudeva von Jambûdvîpa, und Kapila, der Vâsudeva von Dhâtakîkhanda, ihre Muscheln über das Salzmeer hinüber zusammen ertönen ließen¹.

c9.s5.t2.3

Die Jaina-Theologen haben sich ausführlich nur mit den 63 berühmten Männern des Bharata-Landes in der gegenwärtigen Weltperiode beschäftigt. Trotz des großen Umfanges der Literatur, welche der Geschichte Bharatas gewidmet ist, läßt sich der wesentliche Inhalt der Welthistorie der Jainas doch auf wenigen Seiten darstellen. Die Schicksale der meisten Tîrthankaras sowie vieler von den anderen Helden sind einander nämlich, wie schon oben bemerkt wurde, so ähnlich, daß sie durch die oben S. 247 ff. gemachten Bemerkungen in der Hauptsache hinreichend wiedergegeben worden sind und daß nur noch Einzelheiten nachzutragen bleiben. Das Interesse der Jainas selbst hat sich zudem den einzelnen Personen in sehr verschiedenem Maße zugewendet. Während z. B. die in Bombay erschienene Ausgabe von Hemacandras „Trishashtishalâkâpurushacarita“ dem Leben des 1. Tîrthankara und 1. Cakravartî zusammen 360 Seiten widmet, wird die Biographie des 4. Tîrthankara auf 12, die des Übersicht über die Zeitalter der gegenwärtigen Weltperiode (Avasarpiṇī) von Bharata-kṣetra und ihrer 24 Tīrthankaras (T), 12 Cakravartins (C), 9 Baladevas (B), 9 Vāsudevas (V) und 9 Prativāsudevas (P).

c9.s5.t2.4

I. Suṣamā-suṣamā. II. Suṣamā. III. Suṣamā-duḥṣamā. IV. Duḥṣamā-suṣamā.

c9.s5.t2.5

1. T.: Ṛṣabha (Ādinātha) 1. C.: Bharata
2. T.: Ajita
3. „ Sambhava 2. C.: Sagara
4. „ Abhinandana
5. „ Sumati
6. „ Padmaprabha
7. „ Supārśva
8. „ Candraprahā
9. „ Suvidhi
10. „ Śītala
11. „ Śreyāṃsa
12. „ Vasupūjya
13. „ Vimala
14. „ Ananta
15. „ Dharma

c9.s5.t2.6

16. „ Śānti 3. „ Maghavan
17. „ Kunthu 4. „ Sanatkumāra
18. „ Ara 5. „ Śānti
6. „ Kunthu
7. „ Ara
8. „ Subhūma

c9.s5.t2.7

19. „ Malli 6. „ Ananda 1. B.: Acala 1. V.: Tripr̥ṣṭha 1. P.: Aśvagrīva
20. „ Munisuvrata 7. „ Nandana 2. „ Vijaya 2. „ Dvipr̥ṣṭha 2. „ Tāraka
21. „ Nami 8. „ Padma 3. „ Bhadra 3. „ Svayambhū 3. „ Meraka
22. „ Ariṣṭanemi 9. „ Harisheṇa 4. „ Suprabha 4. „ Puruṣottama 4. „ Madhu
10. „ Jayasena 5. „ Sudarśana 5. „ Puruṣasiṃha 5. „ Niśumbha
11. „ Mahāpadma
12. „ Brahmadatta 6. „ Puruṣapuṇḍarīka 6. „ Bali
23. „ Pārśva 9. „ Balarāma 7. „ Datta 7. „ Prahlāda
24. „ Mahāvīra 8. „ Lakṣmaṇa 8. „ Rāvaṇa
9. „ Kṛṣṇa 9. „ Jarāsandha

c9.s5.t2.8

V. Duḥṣamā. VI. Duḥṣamā-duḥṣamā.

c9.s5.t2.9

3. Cakravartî auf 5 Seiten abgetan; die Geschichte des 8. Baladeva, Vâsudeva und Prativâsudeva wird auf 162, die der 7. Heldengruppe dieser Art auf nur 3 Seiten behandelt 52. In Anbetracht der zahllosen Wiederholungen und Einschübe ist aber der wesentliche Inhalt auch der umfangreichen Abschnitte, welche einem der Shalâkâ-purushas gewidmet sind, nicht so ergiebig, als man nach ihrem Umfang annehmen müßte.

c9.s5.t2.10

Zur Erleichterung der Orientierung sei eine kurze Übersicht vorausgeschickt, aus welcher erkennbar ist, in welcher Reihenfolge die 63 großen Männer unserer Avasarpinî gelebt haben und welche von ihnen Zeitgenossen gewesen sind. (Die Tirthankaras 5—7 figurieren in der Tabelle doppelt, weil sie gleichzeitig Cakravartîs waren. Die tatsächliche Zahl der Shalâkâ-purushas unserer Weltperiode betrug also nur 60 statt 63.)

c9.s5.t2.11

Diese Tabelle gilt in dieser Form nur für die Shvetâmbaras. Die Hagiographie der Digambaras weist demgegenüber einige Abweichungen auf. So wird von ihnen Vijaya als der 1., Acala als der 2. Baladeva bezeichnet, und die Reihenfolge der Prativâsudevas 4—7 ist bei ihnen gewöhnlich: Nishumbha, Madhukaitabha, Bali, Praharana 53, andere lassen dieselben aber folgendermaßen aufeinander folgen: 4. Madhusûdana, 5. Madhukaitabha, 6. Nishumbha, 7. Balîndra 54. Auf alle derartigen Einzelheiten konnte im Folgenden nicht eingegangen werden; meine Darstellung gibt in der Hauptsache die Anschauungen der Shvetâmbaras wieder und führt nur in einigen besonderen Fällen wichtigere Punkte an, in denen die Digambaras anderer Meinung sind.

c9.s5.t2.12

2. Die Zeitalter, Heiligen und Helden der gegenwärtigen Weltperiode.

c9.s5.t2.13

a. Sushama-sushamâ.

c9.s5.t2.14

In Sushama-sushamâ, dem besten aller Zeitalter, war die Erde voll von schönen Bäumen und Pflanzen und glänzte im Schmuck fünffarbiger Edelsteine. Die Lüfte waren von köstlichen Wohlgerüchen erfüllt, und überall herrschte Glück und Freude. Die Menschen waren schneeweiß, von herrlicher Wohlgestalt und mit 32 Schönheitszeichen geschmückt. Krankheit und Unfrieden gab es unter ihnen nicht, auch keine Könige oder Kasten, sondern alle waren untereinander gleich an Rang und lebten zufrieden und glücklich. Sie verbrachten ihre Tage in Spiel und Genuß, sie brauchten nicht einem Handel oder Gewerbe nachzugehen, weil ihnen alles mühelos zuteil wurde. Denn wenn die Menschen einen Wunsch hatten, so gingen sie zu einem der 10 Wunschbäume; dann erhielten sie alles, dessen sie bedurften.

c9.s5.t2.15

Die 10 Wunschbäume (Kalpadruma), die damals die Erde verschönten, waren folgende: 1. Mattânga, der Gesundheit und Heiterkeit ausstreute, 2. Bhritânga, der Schönheit gewährte, 3. Turyânga, dessen Blätter herrliche Musik ertönen ließen, 4. Dîpashikhâ, der die Finsternis durch seinen Glanz erleuchtete, 5. Jyotiranga (Jyotishikâ), der wie Sonne, Meteore, Blitze oder Feuer strahlte, 6. Citrânga, der wunderbare Kränze spendete, 7. Citrarasa, der wohlschmeckende Speisen gab, 8. Manyanga, der Edelsteine und Geschmeide schenkte, 9. Gehâkâra, der Behausung und Wohnung gewährte, 10. Anagna, der herrliche Kleider verlieh 55.

c9.s5.t2.16

Die Menschen nährten sich nur von Früchten und nahmen diese nur in geringem Umfange alle drei Tage zu sich. Ihr Lebensalter betrug am Anfang dieses Zeitalters 3 Palyopamas, nahm aber allmählich ab; die Größe ihres Leibes war zu Beginn von Sushamasushamâ 3 Gavyûtis (Krosha). Die Kinder waren schon mit 49 Tagen erwachsen, so daß sie der Fürsorge der Eltern nicht mehr bedurften. Ihre Entwicklung ging mit großer Schnelligkeit vor sich: in der ersten Woche leckten sie den Daumen, in der zweiten krochen sie auf der Erde, in der dritten fingen sie an zu sprechen, in der vierten begannen sie ihre Gehversuche, in der fünften waren sie schon ganz sicher auf den Beinen, in der sechsten waren sie in allen Künsten erfahren, in der siebenten waren sie des Liebesgenusses fähig. Alle Kinder wurden als Zwillinge geboren, und zwar immer ein Knabe mit einem Mädchen zusammen, diese Geschwister aber waren zu dauernder Lebensgemeinschaft vereinigt. Die Menschen kamen damals zur Welt, kurz bevor das Leben ihrer Eltern sein Ende erreicht hatte, so daß nie eine Übervölkerung der Erde eintreten konnte. Sobald sie erwachsen waren, starb der Vater durch Gähnen, die Mutter durch Niesen.

c9.s5.t2.17

Wenn die Menschen damals starben, dann wurden ihre Leichen nicht bestattet, weil die Verwendung des Feuers noch unbekannt war, sondern man bettete sie im Walde, und Vögel hoben sie auf und trugen sie ins Meer oder in die Gangâ. Die Seelen der Verstorbenen aber erlangten alle ihr neues Dasein in der Götterwelt.

c9.s5.t2.18

Das Sushama-sushamâ-Zeitalter währte 4 Kotikotis von Sâgaropamas.

c9.s5.t2.19

b. Sushamâ.

c9.s5.t2.20

In Sushamâ herrschten dieselben Zustände wie in Sushama-sushamâ, doch war schon eine beträchtliche Verringerung des Glückes und der Tugend eingetreten. Die Menschen wurden zu Beginn nur noch 2 Gavyûtis groß und lebten im Höchstmaß nur noch 2 Palyopamas lang. Sie nahmen alle zwei Tage die Früchte der Kalpabäume zu sich, und es dauerte 64 Tage, bis ein Kind erwachsen war.

c9.s5.t2.21

Das Sushamâ-Zeitalter währte 3 Kotikotis von Sâgaropamas, in jedem Moment ein wenig von seinem Glanz einbüßend.

c9.s5.t2.22

c. Sushama-duhshamâ.

c9.s5.t2.23

Im „gut-schlechten“ Zeitalter Sushama-duhshamâ, das 2 Kotikotis von Sâgaropamas währte, erreichten die Menschen zu Beginn eine Höhe von 1 Gavyûti und lebten 1 Palyopama lang. Sie genossen einen Tag um den anderen die Früchte des Kalpabaums, und die Kinder wurden 79 Tage alt, bis sie erwachsen waren. In der ersten Zeit wurden die Seelen der Verstorbenen noch wie in den beiden vorhergehenden Zeitaltern nur im Götterhimmel wiedergeboren, später kamen sie in allen vier Daseinsstufen zu neuem Leben. Die Wunschbäume begannen zu schwinden und spendeten nicht mehr so reichlich ihre Gaben. Auch die Tugend der Menschen ließ nach, und Gier und Leidenschaft begannen sich zu regen. Die allgemeine Verschlechterung der Sitten machte die Aufstellung von Gesetzen erforderlich. Als daher von dem Zeitalter nur noch 1/2 Palyopama übrig war, traten der Reihe nach sieben Patriarchen (Kulakara) auf und gaben der Menschheit Vorschriften über ihr Handeln. Die Kulakaras hießen: Vimalavâhana, Cakshushmân, Yashasvî, Abhicandra, Prasenajit, Marudeva und Nâbhi.

c9.s5.t2.24

Die Digambaras nehmen 14 Kulakaras an, die sie auch „Manus“ nennen, und schildern im einzelnen ausführlich, wie unter einem jeden von ihnen eine allmähliche Verschlechterung der Zustände in der Welt eintrat.

c9.s5.t2.25

Unter dem 1. Kulakara, Pratishruti, nahm der Glanz des Wunschbaumes Jyotiranga in so hohem Maße ab, daß Sonne und Mond zum ersten Male von den Menschen gesehen wurden; bisher war das Licht derselben von dem des Baumes derartig überstrahlt worden, daß die Menschen die beiden gar nicht bemerkt hatten. Zur Zeit des 2. Manu, Sanmati, wurden die Sterne sichtbar, zur Zeit des 3., Kshemankara, wurden die Menschen von den Tieren angegriffen, der Manu gebot ihnen, sich von ihnen fernzuhalten. Unter dem 4., Kshemandhara, wurden die Tiere noch wilder, so daß man sie sich mit Steinen und Stöcken vom Leibe halten mußte. Unter den folgenden Kulakaras ließ die Ergiebigkeit der Wunschbäume nach, so daß die Menschen sich um ihre Früchte stritten. Der 5. Manu, Sìmankara, teilte deshalb den einzelnen bestimmte Landstriche zur Nutznießung zu, sein Nachfolger, Sìmandhara, sah sich genötigt, die einzelnen Areale durch sichtbare Zeichen abzugrenzen. Der 7. Manu, Vimalavâhana, lehrte die Verwendung von Elefanten und Pferden als Reittiere. Unter dem 8., Cakshushmàn, starben die Eltern nicht mehr, wenn ihre Zwillingskinder geboren wurden, unter dem 9., Yashasvàn, dem 10., Abhicandra, dem 11., Candrâbha, nahm die Zeit, welche die Eltern mit ihren Kindern zusammen lebten, beständig zu; die Kulakaras mußten deshalb die Menschen über dieses ungewohnte Ereignis aufklären. Im Zeitalter des 12. Kulakara, Marudeva, bildeten sich Hügel und Flüsse; der Patriarch zeigte den Menschen, wie man Wege über die Berge bahnt und Schiffe baut, um die Ströme zu überqueren. Unter dem 13. Manu, Prasenajit, kamen die Menschen zuerst mit einer embryonalen Eihaut versehen zur Welt, er zeigte ihnen, wie sie entfernt wird. Der 14. Kulakara, Nâbhi, führt seinen Namen davon, daß zu seiner Zeit die Kinder mit einer Nabelschnur versehen geboren wurden, und er zuerst lehrte, wie sie zu zerschneiden ist. Unter ihm regnete es zuerst, und Pflanzen und Kräuter wuchsen von selbst. Nâbhi unterwies die Menschen, die nicht mehr allein von den Früchten der Wunschbäume leben konnten, wie man sich ihrer als Nahrung und zu anderen Zwecken bedienen könne 56.

c9.s5.t2.26

Nâbhi und seine Gattin Marudevî hatten einen Sohn Rishabha (Vrishabha). Rishabha wurde der 1. Tîrthankara 57. Seine Geburt wurde durch die berühmten Träume angekündigt; als erstes Traumbild erschien jedoch entgegen der Regel — ein Stier (vrishabha oder rishabha); nach ihm wurde der Knabe genannt, als er geboren worden war. Rishabha wuchs in seinem Geburtsort Ayodhyâ oder Vinîtâ in kürzester Zeit zu einem schönen Jüngling heran und heiratete zwei Frauen; an der Hochzeit, die mit großem Gepräge begangen wurde, nahmen die Götter teil. Nach den Digambaras hießen die beiden Gattinnen Rishabhas Yashasvatî und Sunandâ und waren Schwestern von zwei Männern namens Kaccha und Mahâkaccha. Den Shvetâmbaras zufolge hießen Rishabhas Frauen Sumangalâ und Sunandâ, und zwar war Sumangalâ Rishabhas Zwillingsschwester, Sunandâ hingegen ein Mädchen, deren (ihr nach dem bisher herrschenden Brauch als Gatte bestimmter) Zwillingsbruder durch den Herabfall der Frucht einer Weinpalme ums Leben gekommen war. (Es war dies der erste gewaltsame Tod, der sich in dieser Weltperiode ereignete!) Von Sumangalâ hatte Rishabha einen Sohn Bharata, eine Tochter Brahmî sowie 98 Zwillingssöhne, von Sunandâ einen Sohn Bâhubali und eine Tochter Sundarî, im ganzen also 100 Söhne und 2 Töchter. Weil er — etwas in der Welt bisher nicht Dagewesenes — Zuckerrohr (ikshu) gegessen hatte, das ihm Shakra (Indra) dargeboten, erhielten seine Nachkommen den Namen Ikshvâku.

c9.s5.t2.27

Auf Nâbhis Rat wurde Rishabha, als er 2 000 000 Pûrva-Jahre alt war, von den Menschen zum König eingesetzt — er war der erste, der mit diesem Titel ausgezeichnet wurde. Während einer langen Regierungszeit legte er die Grundlagen aller späteren Gesittung. Er verheiratete Bharata mit Sundarî, Bâhubali mit Brahmî und brach dadurch mit der Überlieferung, welche Zwillinge zu Gatten machte. Dadurch wurde die Ehe und das Familienleben eingeführt, damit entstand die Ungleichheit der Menschen und das Kastenwesen sowie das Eigentum, zugleich aber auch die Gier nach Besitz und die Notwendigkeit einer Verwaltung und Rechtspflege.

c9.s5.t2.28

In der Voraussicht, daß die Wunschbäume bald ganz fehlen würden und die Menschen deshalb um ihre Nahrung kämpfen müßten, lehrte er seine Untertanen die fünf Grundhandwerke des Töpfers, Schneiders, Malers, Webers und Barbiers, Beschäftigungen, die bisher nicht notwendig waren, weil ja die Wunschbäume alle Lebensbedürfnisse befriedigten und in den guten Weltaltern den Menschen Haare und Nägel nie wuchsen. Er unterrichtete sie im Ackerbau, im Handel, in der Kunst des Kochens, die jetzt erstmalig in Anwendung kam, als man gesehen, daß trockene Hölzer aneinander gerieben sich entzündet hatten. Brahmî zeigte er das Schreiben der 18 Schriftarten, Sundarî das Rechnen, den Männern brachte er im ganzen 72, den Frauen 64 Künste bei.

c9.s5.t2.29

Als Rishabha 6 300 000 Pûrva-Jahre machtvoll geherrscht hatte, wurde er der Vergänglichkeit alles Irdischen inne und beschloß der Welt zu entsagen. Er setzte seine Söhne zu Erben seines Reiches ein, machte große Schenkungen und wurde im Parke Siddhârtha bei Vinîtâ Asket. Er war damit der erste Bettler der ganzen Weltperiode. Nachdem er tausend Pûrva-Jahre sich frommer Beschauung hingegeben, erlangte er in einem Hain in der Nähe der Stadt Purimatâla die Allwissenheit. Dadurch hatte er als erster in der Avasarpinî die Stellung eines Tîrthankara erreicht und wird deshalb als Âdinâtha, „der erste Herr“ bezeichnet. Predigend zog er umher und bekehrte viele Tausende zum wahren Glauben. Als er 99 000 Pûrva-Jahre gewirkt hatte, zog er sich, 8 400 000 Pûrvas alt, in Begleitung von 10 000 Mönchen, auf den Gipfel des Berges Ashtâpada (Kailâsa) zurück. Nach 6 1/2tägigem Fasten ging er, in der Samparyanka-Stellung sitzend, in die Erlösung ein. Die Götter verbrannten seine Leiche mit festlichem Gepräge und führten dadurch diese Bestattungsart in der Welt ein.

c9.s5.t2.30

Rishabhas Sohn Bharata war der 1. Cakravartî des Bharata- Landes, das deshalb von ihm seinen Namen erhielt. Auf seinen Kriegszügen vollbrachte er die erstaunlichsten Wundertaten. Als einmal die mit den an der Nordgrenze seines Reiches wohnenden Barbaren verbündeten Nâgas auf sein Heer sieben Tage hintereinander einen Regen von Wurfgeschossen herabfallen ließen, barg er seine Krieger in dem Fell-Kleinod und setzte seinen Sonnenschirm auf dieses, so daß alle, wie in einer halbkugelförmigen Dose, vor jeder Unbill gesichert waren. Für die Verpflegung konnte, wie schon oben S. 256 bemerkt wurde, ja leicht durch das Säen von schnell aufgehenden Getreidekörnern gesorgt werden. Als Bharata das ganze Bharata-Land seiner Herrschaft unterworfen hatte, kehrte er in seine Residenz zurück. Er gebot nun seinen 98 Brüdern, ihm Gehorsam zu leisten. Sie waren unschlüssig, ob sie seinem Befehl folgen sollten oder nicht, da Rishabha einem jeden von ihnen ein Königreich gegeben hatte. Sie begaben sich deshalb zu ihrem Vater und fragten ihn, ob Bharata ihnen ihr Land rauben dürfe, ob sie kämpfen oder ihm gehorchen sollten. Da predigte ihnen Rishabha die heilige Lehre. Als sie die Rede des Heiligen hörten, erkannten sie die Nichtigkeit irdischer Freuden und entsagten alle der Welt. So gelangte Bharata auch in den Besitz ihrer Reiche, und sein Bruder Bàhubali war jetzt der einzige, der noch nicht seiner Botmäßigkeit unterstand. Bharata schickte deshalb Gesandte zu ihm und forderte ihn auf, seine Oberherrschaft anzuerkennen. Bàhubali aber war entschlossen, seine Rechte mit dem Schwert zu verteidigen. Als sich die Heere der beiden Brüder gegenüberstanden, kam man auf Bàhubalis Vorschlag überein, daß nur die beiden Könige miteinander kämpfen sollten. Bàhubali besiegte Bharata nacheinander im Blickkampf, im Wortkampf und im Faustkampf. Auch Bharatas Diskus vermochte Bàhubali nichts anzuhaben. Obwohl er siegreich war, entstand in Bàhubali plötzlich der Wunsch, gleich seinen Brüdern Asket zu werden. Er überließ dem Bruder das Reich und stand ein Jahr lang unbeweglich auf einem Fleck, so daß sich Pflanzen um seine Glieder rankten und Schlangen seine aus Ameisenhaufen emporragenden Füße umschlangen. Durch die Kraft seiner Askese erlangte Bàhubali dann die Allwissenheit⁸.

First 108 of 254 passages. Read on

Linked texts (11)