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Die Religion des Veda c7.s4: Die beiden Aśvin

Die Religion des Veda c7.s4

Language
German

Die beiden Aśvin

c7.s4.1

Von den beiden Aśvin¹), den „Himmelskindern“ (divo napātā), scheint soviel auf den ersten Blick festzustehen, daß diese Zwillingsgötter mit den Lichterscheinungen des anbrechenden Tages verknüpft sind. Die Somafeier wird in der Frühe durch den Vortrag der „Frühlitanei“ (*prātar-anuvāka*) eingeleitet. „Den in der Frühe wandelnden Göttern trage die Litanei vor, o Hotar,“ heißt es dann, und ein alter Ritualtext²) fügt die Erklärung hinzu: „Dies sind die in der Frühe wandelnden Götter: Agni, Uṣas (die Morgenröte), die beiden Aśvin.“ Bei einer speziellen Form des Somaopfers folgt nach einer durch die Nacht sich ziehenden Feier am Morgen dieselbe Litanei, zu der hier an ihrem Ende Lieder an die Sonne, um Sonnenaufgang vorgetragen, hinzukommen³). Deutlichste Spuren zeigen, daß diese in den Ritualtexten beschriebenen Vorträge in die Zeit der ältesten Hymnenpoesie zurückgehen⁴). So ist durch das Zeugnis fester ritueller Ordnungen die Stellung der Aśvin im Lauf der Naturvorgänge klar bezeichnet: ihr Walten wird von der Erscheinung des nachterhellenden Agni und der Morgenröte⁵) einerseits, der aufgehenden Sonne anderseits umschlossen. Und mit dem was das Ritual ergibt steht im Einklang was die Hymnen an diese Götter beständig wiederholen: „Den Frühwandelnden opfert zuerst . . . denn in der Frühe nehmen die Aśvin das Opfer an.“ „Erwecke sie die in der Frühe ihre Rosse anschirren; die beiden Aśvin mögen herkommen.“ „Erwecke die Aśvin, o Morgenröte.“ „Vor der Schwester Morgenröte enteilt die Nacht. Die Schwarze räumt den Pfad dem hellen (Sonnengott). Laßt euch rufen, ihr Spender von Rossen, von Rindern. Bei Tag und Nacht wehrt das Geschoß von uns ab.“ „Erwacht ist Agni. Über der Erde geht die Sonne auf. Die glänzende Morgenröte ist hell erschienen mit ihrem Strahl. Die beiden Aśvin haben den Wagen zur Fahrt angeschirrt. Gott Savitar hat alle Wesen erregt sich zu bewegen hier und dort.“ „Wenn du, Morgenröte, mit deinem Licht einherfährst, leuchtest du mit der Sonne. Dann kommt dieser Wagen der Aśvin auf seinem männerschützenden Umlauf herbei“ ¹).

c7.s4.2

¹ Wörtlich „Rosseherren“. Ich verweise auf die oben S. 71 ausgesprochene Vermutung über die ursprüngliche Roßgestalt dieser Götter. — Die Aśvin werden auch Nāsatya genannt. Dieser Name von unbestimmbarer Bedeutung kehrt im Awesta im Singular als Name eines bösen Dämons wieder. Über denselben Namen in den Dokumenten von Boghazköi vgl. oben S. 24. Vermutlich ist dies der ältere der beiden Namen.

c7.s4.3

² Aitareya Brāhmaṇa II, 15.

c7.s4.4

³ Śāṅkhāyana Śrautasūtra IX, 20; Āpastamba XIV, 4 usw.

c7.s4.5

⁴ Bergaigne, *Recherches sur l’hist. de la liturgie védique* 9. 58.

c7.s4.6

⁵ Doch zeigt der Ṛgveda Schwanken in bezug auf die Reihenfolge der Aśvin und der Morgenröte. Bergaigne, *Rel. véd.* II, 432. — Die Anordnung einiger Ṛgvedaabschnitte, auf die sich Hillebrandt, V. M. III, 382 A. 2 beruft, kommt als auf anderweitigen Prinzipien beruhend hier nicht in Betracht.

c7.s4.7

¹ Ṛv. V, 77, 1; I, 22, 1; VIII, 9, 17; VII, 71, 1; I, 157, 1; VIII, 9, 18. Mehr bei Bergaigne II, 431 f. — Mit der morgendlichen Erscheinung der Aśvin hängt offenbar auch die Vorstellung von ihnen zusammen als honigreich, als honigspendend, von dem Honigschlauch, der auf ihrem Wagen liegt, der Peitsche (*kaśā*), mit der sie Honig ausspritzen (Materialien bei Bergaigne II, 433 f.), Sicher weder die Gabe des Wolkennasses noch des Soma; dabei bliebe das stehende Hervortreten der Vorstellung gerade von Honig unerklärt. Mir scheint, daß an den Morgentau zu denken ist. Man bemerke, daß auch die Morgenröte „Honigschafferin“ ist (III, 61, 5). Ich verweise auch auf Vodskov, *Sjæledyrkelse og Naturdyrkelse* 519 ff.

c7.s4.8

Der goldene, lichte, gedankenschnelle Wagen der Aśvin, von fliegenden Rossen oder von Vögeln gezogen, bewegt sich in seinem Umlauf (*vartis*) um den Himmel; das häufige Hervorheben dieses Umlaufs scheint zu zeigen, daß er als ein fest bestimmter betrachtet wurde. „Laßt uns heut euren Wagen rufen, ihr Aśvin . . ., dessen Radfelgen unversehrt sind, der um den Himmel fährt.“ „Euer Wagen fährt um Himmel und Erde in einem Tage"¹). So wird das Wort „erdumwandelnd“ (*parijman*) mit besonderer Vorliebe von ihnen und ihrem Wagen gebraucht. Auch daß sie „in der Ferne die Sonne umfahren“ wird von ihnen gesagt²).

c7.s4.9

¹ Ṛv. I, 180, 10; III, 58, 8. Fast wörtlich wie an der letzten Stelle wird I, 115, 3 von den Sonnenrossen gesagt: Sie gehen um Himmel und Erde in einem Tage. Ähnlich von der Morgenröte IV, 51, 5. Von den Aśvin heißt es auch IV, 45, 7, daß sie „mit ihrem Wagen in einem Tage um das Luftreich fahren“.

c7.s4.10

² Ṛv. I, 112, 13.

c7.s4.11

Das alles macht die Annahme kaum vermeidbar, daß die Aśvin so gut wie die beständig mit ihnen verbundenen Gottheiten — der nachterhellende Agni, Uṣas, die Sonne — eine Naturerscheinung verkörpern. Immerhin ist, wenn man die Sprache der an sie und der an jene anderen gerichteten Lieder vergleicht, ein gewisser Unterschied wohl fühlbar. Von der lebendigen Anschaulichkeit, in der vom nachtdurchstrahlenden Agni, von der lichten, die Menschengeschlechter zu ihrem Tun erweckenden Morgenröte die Rede ist, fehlt hier etwas. Und sucht man unter den Naturphänomenen des Tagesanbruchs, so findet sich nichts, was dem Bilde dieser vor der Sonne leuchtend über den Himmel fahrenden Doppelwesen entspricht. Es wird also eine teilweise Erstarrung der ursprünglichen Vorstellung, eine Verschiebung einzelner ihrer Elemente eingetreten sein, und die Dichter wiederholen Unverstandenes, vermöge jener Verschiebung unverständlich Gewordenes. Läßt sich ein Naturphänomen ermitteln, auf das wenigstens ein Teil der von den Liedern gelieferten Daten paßt, und das so gestaltet ist, daß sich auch die Alteration, welche die direkt nicht mehr zutreffenden Daten aus ihrer Stelle gerückt hat, verstehen läßt?

c7.s4.12

Mir scheint nicht zweifelhaft, daß dies Naturphänomen nur der Morgenstern³) sein kann, mit dem sich das mythenbildende Denken so vieler Völker zu beschäftigen liebt. Er ist neben dem in der Frühe entzündeten Feuer, neben Morgenröte und Sonne die einzige Lichtmacht, welcher die den Tagesanbruch mit göttlichen Gebilden schmückende Phantasie, der um den Tagesanbruch sich bewegende Kultus die Stelle anweisen konnte, an der wir die Aśvin finden¹). Auf den Morgenstern paßt die Zeit der Erscheinung, die lichte Wesenheit²), die fliegende Bewegung in fester Bahn um den Himmel, um die Sonne, Tag für Tag wiederkehrend wie Sonne und Morgenröte. Aber freilich die Zweiheit der Aśvin paßt nicht. Doch bestätigt es nicht die Richtigkeit unserer Deutung, daß die Annahme nur einer leicht begreiflichen Verschiebung nötig ist, um den schlagend zutreffenden Sinn auch dieses Zuges herauszustellen? Die Vorstellung des Morgensterns ist nicht von der des Abendsterns loszulösen: das ist der zweite Aśvin³). So bleibt als Diskrepanz zwischen Natur und Mythus nur dies übrig, daß Morgenstern und Abendstern ewig getrennt, die Aśvin aber als zwei morgendliche Wesen vereint sind. Ist diese Verschiebung aber nicht verständlich? In einem Aśvinlied (V, 77, 2) heißt es: „Opfert des Morgens und setzt die Aśvin in Bewegung. Abends gelangt Opfer nicht zu den Göttern; es ist ihnen nicht wohlgefällig.“ Konnte nicht diese Bevorzugung des Morgens vor dem Abend im Kultus dazu führen, daß die Vorstellung von dem morgendlich-abendlichen Götterpaar, im übrigen unverändert, ganz auf den Morgen rückte? Man vergleiche damit, welche Bedeutung die Morgenröte in der vedischen Poesie hat, während die Abendröte für sie überhaupt nicht existiert. Man vergleiche ferner die sehr ähnliche Verschiebung, die das Paar des Sonnen- und Mondgottes, Mitra und Varuṇa, in zwei gemeinsam thronende Götter, deren Auge die Sonne ist, verwandelt hat, so daß nur Spuren noch auf den Gegensatz des tagbeherrschenden und des nachtbeherrschenden Gestirns deuten¹). Spuren aber, teils von ursprünglich getrenntem Dasein der Aśvin, teils von Beziehung auch auf den Abend, scheinen in der Tat erhalten. „Getrennt geboren“, „hier und dort geboren“ nennt sie der Ṛgveda (V, 73, 4; I, 181, 4), und ein Versfragment von unbestimmbarer Herkunft erläutert dies: „Nachtkind (?) wird der eine genannt, der andere dein Sohn, o Morgenröte“²).

c7.s4.13

³ Diese Auffassung ist nicht neu; die längst gefundene Lösung des Problems aber (s. namentlich Mannhardt, Zeitschr. f. Ethnologie VII, 312 f.) hat nicht überall die gebührende Anerkennung erlangt.

c7.s4.14

¹ Man hat an das Sternbild der Gemini gedacht. Die können die Geltung als Morgensterne doch eben nur für eine kurze Zeit des Jahres beanspruchen, mit demselben Recht wie jeder Stern in der Nähe der Ekliptik. Unter den Nakṣatras sind es übrigens gar nicht die Gemini (*punarvasū*), die als den Aśvin gehörig gelten, sondern die *aśvayujau* = β, γ Arietis. Über die allgemeine Unwahrscheinlichkeit der Geminihypothese treffende Bemerkungen bei Hillebrandt, V. M. III, 388 f.

c7.s4.15

² Die Aśvin werden Śatapatha Br. V, 5, 4, 1 als „rötlichweiß“ (*śveta*) bezeichnet.

c7.s4.16

³ Dies ist wohl eine natürlichere Auffassung, als wollte man an das rein zufällige, vorübergehende Erscheinen etwa des Jupiter neben der Venus am Morgenhimmel denken.

c7.s4.17

¹ Daß bei dieser Zusammenordnung der beiden Aśvin zu einem gemeinsam auftretenden Jünglingspaar der Eindruck wirklicher menschlicher Paare etwa jugendlicher Fürsten mitgewirkt hat, ist, wie sich von selbst versteht, möglich, doch unbeweisbar. Auch die Sprache kann hier Einfluß geübt haben: der Nāsatya und der mit ihm zusammengehörige zweite ließ sich ja durch den Dual von Nāsatya bezeichnen (entsprechend schon in indoeuropäischer Zeit). Anderseits sei auch der Möglichkeit gedacht, daß zuallerletzt hier ein aus fernster Vergangenheit stammender Glaube an eigenartige, Zwillingen anhaftende Zauberkräfte mit hineingespielt hat (vgl. J. R. Harris, *The Cult of the heavenly twins*) — Zusammenwachsen des siderischen Vorstellungskreises mit dem Schema der wunderreichen Zwillinge?

c7.s4.18

² Yāska XII, 2. Die Übersetzung des ersten Worts ist unsicher. Ganz jung wird das Fragment schon aus metrischen Gründen schwerlich sein. Man vergleiche Taitt. Āraṇy. I, 10, 2, wo die Aśvin „Nachtkinder (?), leuchtende“ genannt werden. Ebendaselbst (§ 1) ist von der strahlenden (*śukra*) Gestalt des einen, der silbernen (*rajata*) des anderen Aśvin (?) die Rede; doch ist *rajatam* junge und wohl belanglose Umformung eines älteren *yajatam* (Ṛv. VI, 58, 1). Der oben berührte Vers Ṛv. I, 181, 4 nennt in seinem weiteren Verlauf die Väter der beiden: den *sumakha* („Held“?; das Wort erscheint als Epitheton von Agni, Indra, Rudra, den Maruts) und den Himmel. Das führt nicht weiter.

c7.s4.19

Man sorgt, was Agni über die Sünden der Menschen „dem erdumwandelnden Nasatya“ berichten wird (IV, 3, 6): hier haben wir, wie im Awesta, den Nāsatya (Aśvin) in der Einzahl. An mehreren Stellen endlich wird gesagt, daß man die beiden Götter morgens und abends anruft¹).

c7.s4.20

¹ Bergaigne II, 500; Hillebrandt, V. M. III, 385 A. 1. Ist hier auch an das nahe und das entfernte Rad der Aśvin (Caland-Henry 203; vgl. VI, 62, 10?) zu erinnern?

c7.s4.21

Eine Bestätigung des Dargestellten scheint unter den Aśvinmythen der wohl am häufigsten in den Texten berührte, der Mythus von den Aśvin und Sūryā zu geben. Ein junges Weib, das bald Sūryā genannt wird — das Wort ist das Femininum zur gewöhnlichen Bezeichnung der Sonne, dem maskulinischen *sūrya* —, bald die „Tochter der Sonne“ (*sūryasya duhitā*), besteigt, gewonnen durch die jugendliche Schönheit der Aśvin, ihren Wagen, erwählt sie zu ihren Gatten²). „Mit Vögeln fahren zwei einher zusammen mit einer,“ heißt es von den Aśvin und der Sonnentochter in einem Lied, das in Form kurzer Rätselfragen alle Hauptgottheiten charakterisiert (VIII, 29, 8): eben diese Verbindung mit Sūryā wurde also als vornehmstes Erlebnis der Aśvin angesehen³). „Euer rasches Fahrzeug ist erblickt worden, mit dem ihr Gatten der Sūryā geworden seid“ (IV, 43, 6). „Euren Wagen hat die Tochter der Sonne erwählt, ihr Nāsatyas, zusammen mit eurer Herrlichkeit“ (I, 117, 13). Hier scheint nun die oben ausschließlich aus indischen Materialien abgeleitete Deutung der Aśvin sich durch die Mythenvergleichung zu bestätigen⁴). Die mit Sūryā über den Himmel fahrenden Himmelskinder und Rosseherren des Veda wird man doch ungern von den roßberühmten Διὸς κοῦροι der Griechen und ihrer Schwester Helena trennen¹); und ebenso werden hierher die „Gottessöhne“²) der lettischen Lieder gehören, die auf ihren Rossen geritten kommen, die Sonnentochter zu freien³). In welcher Natursphäre aber diese Gottessöhne zu suchen sind, scheint eins jener Lieder zu sagen:

c7.s4.22

² Mit der Morgenröte wird diese Sonnentochter zu Unrecht identifiziert; vgl. meine Note zu Ṛv. VII, 69, 4.

c7.s4.23

³ Hängt mit der Dreiheit dieser gemeinsam Fahrenden die in den Aśvinliedern oft hervortretende Vorliebe für die Dreizahl (Bergaigne II, 500 f.) zusammen? Anders Hillebrandt a. a. O. 383.

c7.s4.24

⁴ Ich fuße hier auf den Materialien wie den Schlußfolgerungen Mannhardts (Die lettischen Sonnenmythen, Zeitschr. f. Ethnol. VII) Vgl. auch L. v. Schroeder, WZKM. IX, 130 f.; ferner die südslawischen Materialien bei Krauss, Volksglaube und religiöser Brauch der Südslawen 4 ff. Anders als Mannhardt deutet die lettischen Lieder Bielenstein, Magazin herausg. von der Lett.-Litt. Gesellschaft XIX, 4, 240 ff.; nach ihm sind die „Gottessöhne“ dieser Lieder Wesen, „welche als Reiter oder als treibende Mächte über und hinter den Wolken sich befinden“.

c7.s4.25

¹ Freilich lehnt v. Wilamowitz, zu Eur. Herakles 30, deren ursprüngliche Sternnatur ab. — Die Dioskuren weilen ἑτερήμεροι im Licht und in der Unterwelt: zeigt sich da vielleicht gegenüber der Tatsache, daß immer nur entweder der Morgenstern oder der Abendstern erscheint, eine Verschiebung ähnlich der im Veda auftretenden: das Unterliegen der Vorstellung von der Getrenntheit beider Himmelswesen gegenüber der von ihrer Gleichartigkeit? Doch hier darf der Indolog natürlich nur fragen, nicht antworten. — Daran, daß zu den übrigen hier erwähnten Exemplaren der Dioskurenvorstellung auch ein germanisches kommt, sei kurz erinnert.

c7.s4.26

² Auch im Singular, so daß der Stern als Einheit erscheint, während sonst pluralisch Gottessöhne auftreten, die, sei es abends sei es morgens, gleich den Aśvin gemeinsam handeln.

c7.s4.27

³ Bald für sich selbst, bald für den Mond. Ganz so erscheinen auch im vedischen Hochzeitslied X. 85. wo sich Sūryā die Sonnenfrau mit Soma dem Mond verbindet, die beiden Aśvin als Werber.

c7.s4.28

Der Morgenstern war hingelaufen
Nach der Sonnentochter zu schauen.

c7.s4.29

Ist die indisch-lettische Sonnentochter die Dämmerung, ist sie die „Wolkenfrau“⁴)? Oder ist sie nicht eine Erscheinungsform der Sonne selbst⁵)? Ich lasse das dahingestellt. Wie man auch darüber urteilt, die auf Morgenstern und Abendstern deutenden Züge des Mythus behalten in jedem Fall dasselbe erhebliche Gewicht. —

c7.s4.30

⁴ Jenes die Formulierung Mannhardts (a. a. O. 295), dieses die E. H. Meyers (Indog. Mythen II, 673).

c7.s4.31

⁵ Zur Sonnentochter umgeformt wegen der vorherrschenden maskulinischen Auffassung der Sonne?

c7.s4.32

Der Veda feiert die Aśvin als Retter aus aller Not. Dieser Charakterzug des Götterpaares geht, wie die Vergleichung der Dioskuren zeigt, auf die indoeuropäische Zeit zurück. Der Stern, der nach der gefahrerfüllten Nacht das Herannahen des rettenden Tageslichts verkündet, wurde als die Erscheinung einer hilfebringenden Gottheit begrüßt. Insbesondere waren die Aśvin — wie die Dioskuren — Retter aus Meeresnot¹. Der Veda legt ihnen öfter ein Schiff oder Schiffe als Fahrzeuge bei; man ruft sie an, Schätze zu bringen „vom Meere oder vom Himmel her“ (I, 47, 6); zu ihnen wird gesagt: „Weit um den Himmel geht euer Wagen, wenn er vom Meer herankommt“ (IV, 43, 5). So retten sie Bhujyu aus dem Meere, den böse Genossen oder sein Vater Tugra „wie ein Sterbender seine Habe verlassen hatte“. „Da zeigtet ihr eure Kraft im Meer, wo kein Halt, kein Stand, kein Greifen ist, als ihr Bhujyu heimführtet, ihr Aśvin, der euer Schiff das hundertruderige bestiegen hatte“ (I, 116, 5)².

c7.s4.33

¹ Diese griechisch-indische Übereinstimmung verdient bei der Frage, ob die Indoeuropäer das Meer gekannt haben, berücksichtigt zu werden. Griechische Materialien legen den Gedanken nahe, daß bei den aus Meeresgefahr rettenden Gestirnen das Elmsfeuer mit im Spiel ist.

c7.s4.34

² Im ganzen kann man sagen, daß die Aśvin über das Meer hinüberführen, Indra über die Flüsse: dieser ist der Beschützer auf den Kriegs- und Wanderzügen im flußdurchströmten vedischen Land.

c7.s4.35

Und wie aus Meeresnot, so retten sie aus Bedrängnis aller Art. Als Ärzte befreien sie von Krankheit. Sie machen den Blinden sehend³, den Lahmen gehend. Sie verjüngen den Greis, geben der im Vaterhaus alternden Jungfrau einen Gatten, der Gattin des Hämlings ein Kind. Sie schützen den Schwachen, den Verfolgten, die Witwe; sie retten die Wachtel aus des Wolfes Rachen; sie schaffen dem von Gluten Gepeinigten Kühlung. Die an die Aśvin gerichteten Lieder sind voll vom Preis solcher Taten. Immer wird, der Weise der Hymnen entsprechend, nur kurz angedeutet, was gewiß jedem in voller Lebendigkeit bekannt war. Neben Indra sind die Aśvin die typischen Helden der Geschichten von göttlichen Gnadenerweisungen: Indra überwiegend da, wo es sich um Bezwingung von Feinden, die Aśvin, wo es sich um kampflose Errettung aus Ungemach handelt. Man soll diese Erzählungen nicht als mythischen Bericht von Naturvorgängen deuten, in denen der Morgenstern eine Rolle spielt. Der Schiffer in Seenot, die alternde Jungfrau, die Gattin des Hämlings sind Menschen, nichts als Menschen, in deren Schicksalen erfinderische Erzählerlust die Gnade der Gottheiten, die vor allen anderen Helfer aus Not und Elend sind, sich beweisen ließ.

c7.s4.36

³ Steht dieses Heilungswunder, das als eine Lichtspendung angesehen werden kann, mit der Lichtnatur der Aśvin in speziellem Zusammenhang?

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