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Astronomie, Astrologie und Mathematik c4: Zweites Kapitel. Astrologie

Astronomie, Astrologie und Mathematik c4

Language
German

Zweites Kapitel. Astrologie

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§ 43. Einleitendes. — Zweige der Astrologie. — Wir haben schon mehrfach auf die nahen Beziehungen hingewiesen, in welchen die Astronomie in Indien zu allen Zeiten zur Astrologie gestanden hat. Es wäre zwar zu weit gegangen, wenn man behaupten wollte, dass die Astronomie in Indien überhaupt nur als eine Hilfswissenschaft der Astrologie anzusehen sei; denn einerseits war es ja unzweifelhaft in Indien wie anderswo das ganz praktische Bedürfnis eines geordneten Kalenders, das ursprünglich zu astronomischem Nachdenken anregte, und andrerseits haben wir schon oben darauf hingewiesen, dass wenigstens die bedeutenderen Astronomen sich aus der Sphäre praktischer Erfordernisse irgend welcher Art in die eines vorwiegend theoretischen Interesses an ihrer Wissenschaft erhoben haben. So viel ist freilich zuzugeben, dass die überwiegende Majorität derer, die sich in Indien dem Studium astronomischer Dinge widmeten, zu allen Zeiten von praktischen Erwägungen geleitet wurden — worunter wir auch den Wunsch begreifen, aus den Stellungen und Aspekten der Himmelskörper zukünftige Ereignisse zu erschliessen — und dass die letztere Rücksicht jedenfalls sehr viel dazu beigetragen hat, das Interesse an den Planetenbewegungen, die für den bürgerlichen wie religiösen Kalender wenig in Frage kamen, wach zu erhalten.

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Das Aufmerken auf »Omina« und »Portenta« mannigfaltiger Art ist in Indien wie in anderen Ländern ein altes Element des Volksaberglaubens; einzelne Spuren davon finden sich in der Ṛk-Saṃhitā und zahlreiche in der Atharva-Saṃhitā. Weiteres hierauf Bezügliches findet sich in der Brāhmaṇa- und Sūtra-Litteratur, wofür wir besonders auf die von A. WEBER edirten und übersetzten Stücke (Zwei vedische Texte über Omina und Portenta, 1859) verweisen. Ungemein zahlreiche Hinweise auf den Glauben an Vorzeichen aller Art begegnen uns weiterhin in der alten epischen und ebenso in der alten buddhistischen Litteratur; die letztere besonders bezeugt, dass es schon sehr frühe in Indien Leute gab, die sich mit der Beobachtung und Auslegung von Vorzeichen professionell beschäftigten.

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Zum Behufe einer allgemeinen Orientirung über das schliesslich in verschiedenen Zweigen entwickelte astrologische Wissen der Inder halten wir uns zunächst an die Aussagen des uns schon als Astronomen bekannten Varāha-Mihira, von dem ebenfalls die am meisten bekannten Werke über Astrologie herrühren. V. M. lehrt in seiner Bṛhat-Saṃhitā, dass das Jyotiḥ-Śāstra aus drei Zweigen bestehe, nämlich dem Tantra genannten (d. h. dem rechnenden Teil, welcher unserer Astronomie entspricht, von den Indern in der Regel als Gaṇita bezeichnet), dem Horā genannten Zweig, welcher sich mit der Ermittelung des Horoskops beschäftigt, und einem dritten Teil, der von V. M. an dieser Stelle nicht näher bezeichnet, aber an anderen Stellen von ihm sowohl als weiteren Autoritäten Śākhā genannt wird. Die drei Zweige zusammen machen nach V. M. eine sogen. Saṃhitā aus. Bei V. M. selbst aber sowie anderen Schriftstellern wird der letztere Terminus in der Regel nicht zur Bezeichnung des ganzen Śāstra verwendet, sondern ist der Name für den dritten, oben Śākhā genannten Teil, welcher weder von rechnender Astronomie noch von Astrologie im engeren Sinne handelt, sondern von dem, was man natürliche Astrologie zu nennen pflegt, d. h. der Lehre von Vorzeichen, die sich aus natürlichen Vorfällen irgend welcher Art entnehmen lassen.

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Die Einteilung des ganzen, Astronomie und Astrologie verschiedener Art umfassenden Wissens wird von Varāha-Mihira ausführlich im zweiten Kapitel der Bṛhat-Saṃhitā auseinandergesetzt. — Über Geschichte der indischen Astrologie im Allgemeinen vgl. besonders KERNS Einleitung zur Bṛhat-Saṃhitā; ŚBD.; WEBERS Akad. Vorles. über ind. Literaturgesch.; und die zu den folgenden Paragraphen genannten Abhandlungen WEBERS und JACOBIS.

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§ 44. Saṃhitā. — Während dasjenige astrologische Wissen, das sich mit dem Horoskop beschäftigt, als nicht indischen Ursprungs anzusehen ist, erscheint der sogen. Saṃhitā-Zweig der Astrologie als ein durchaus einheimisches Gewächs. Wir können im Allgemeinen sagen, dass während eben des Zeitraumes, mit dem die zweite Stufe der indischen Astronomie in Verbindung steht — und dessen Grenzen, besonders nach oben hin, wir nicht in der Lage waren genau zu bestimmen — sich in Indien eine bedeutende Litteratur entwickelte, die darauf ausging, eine vollständige Darstellung des Wissens von natürlichen Vorzeichen aller Art zu geben. Dass diese Pseudowissenschaft durchaus indischen Ursprungs ist, erhellt aus ihrer eigentümlich indischen Färbung, und wird ausserdem dadurch bestätigt, dass das in Werken dieser Art vorausgesetzte Wissen durchaus das der zweiten astronomischen Periode ist, welches wir weiter oben als das national indische bezeichnet haben. Es ist die Lehre vom fünfjährigen Yuga, die uns auch hier entgegentritt. Die Einteilung der Sphäre ist durchaus die in Nakṣatras, und was von den Bewegungen der Planeten bekannt ist, hat einen durchaus unwissenschaftlichen Charakter. Mit den zahlreichen Autoren, die auf diesem Gebiet der Astrologie thätig gewesen zu sein scheinen, sind wir allerdings — mit einer gleich zu nennenden Ausnahme — nur durch Erwähnungen und Citate bei Varāha-Mihira und seinem Commentator bekannt; letzterer aber besonders enthält viele, oft recht umfangreiche, Stellen aus einer Reihe älterer Autoritäten wie Garga, Vṛddha-Garga, Devala, Parāśara u. s. w. (vgl. die Aufzählung von V. Ms. Vorgängern bei KERN, Einleitung zur Ausgabe der Bṛ. Saṃh. p. 29). Vṛddha-Garga, dessen Werk (Vṛddha-Garga-Saṃhitā oder Vṛddha-Gārgiya genannt) schon oben (§ 21) als astronomisch interessant genannt wurde, ist der einzige Autor, der aus dieser Periode auf uns gekommen ist. Auf Grund von Anspielungen auf historische Ereignisse, die in einem seiner Kapitel vorkommen — in der Form von Prophezeiungen künftiger Dinge — ist KERN geneigt, den Ursprung des Werkes im ersten vorchristlichen Jahrhundert anzusetzen (Bṛ. Saṃh. Ed. Preface p. 35 ff.).

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Über den inneren Charakter dieses Litteraturkreises belehren wir uns am besten aus der Bṛhat-Saṃhitā des schon so oft genannten Varāha-Mihira. Dieser Autor gehört als Astronom der wissenschaftlichen Periode an; sein Saṃhitā-Werk dagegen bildet den litterarischen Abschluss einer Entwickelung auf astrologischem Gebiet, welche durchaus der vorwissenschaftlichen Periode angehört. Wie schon bemerkt (§ 19), hat er leider in allen astronomischen Dingen, die in der Bṛhat-Saṃhitā in Frage kommen, die alte Überlieferung fallen lassen und uns so eine Quelle der Belehrung über die Astronomie der zweiten Periode verschlossen; auf astrologischem Gebiete dagegen darf er wohl als ein im Ganzen treuer Repräsentant der alten Ansichten angesehen werden, obschon er etwas zu sehr über dem von ihm behandelten Stoffe steht. Jedenfalls verdanken wir ihm die Kenntnis einer Masse alten Glaubens und Aberglaubens; sein Werk ist in dieser Beziehung eines der interessantesten der indischen Litteratur. Die ersten — und wichtigsten — 39 Kapitel des (im Ganzen 107 Kapitel umfassenden und in eleganten Āryās geschriebenen) Werkes handeln von natürlicher Astrologie im engeren Sinne, d. h. von all den Vorbedeutungen, welche man aus solchen Naturphänomenen ziehen kann, auf die sich etwa der griechische Terminus τὰ μετέωρα anwenden liesse, Dinge, die sich am Himmel und in der Atmosphäre zutragen: Aspekte der Sonne, des Mondes und der Planeten, der Nakṣatras, der sieben Ṛṣis und des Agastya (Canopus); Kometen; Meteore; Wolken, Winde und Regen; Regenbogen, Fata Morgana u. dgl.; dazu auch Erdbeben. Die Kapitel über die Planeten enthalten manches Interessante, Halbastronomische, so die auch aus älteren Autoritäten bekannte Einteilung des Kreises der Nakṣatras in neun »Pfade« (vīthī), welche nach Tieren benannt sind: »Schlange«, »Elephant«, »Ochs«, »Kuh« u. s. w., die Unterscheidung von verschiedenen Phasen in den Planetenbewegungen, die verschiedenen Aspekte der rückläufigen Bewegung des Mars, und Ähnliches. Die Omina hängen meist von der Verbindung der Himmelskörper mit den verschiedenen Nakṣatras ab. Die älteren Autoren auf diesem Gebiete wie Vṛddha-Garga erwähnen die Zeichen des Zodiaks gar nicht; doch gab es offenbar schon vor V. Ms. Zeit Astrologen, welche die alten Regeln mit Bezug auf den Zodiak umgearbeitet hatten. Die Omina sind in der Regel von der Art, dass bestimmte Aspekte Heil oder Unheil mannigfaltiger Art — und zwar in der Regel das letztere — für gewisse Teile des Bharata-varṣa oder gewisse Classen seiner Einwohner vorausbedeuten; die Könige besonders erscheinen beständig in tausendfältiger Weise bedroht, und die verschiedenen Länder in ewiger Gefahr von Hungersnot. Die Nennung von zahlreichen Ländern, Völkern, Flüssen u. dgl. (FLEET, Ind. Ant. XXII, p. 169 ff.) gibt diesen Kapiteln auch ein geographisches Interesse. — Für den Inhalt der folgenden Kapitel des Werkes ist es nicht möglich, eine zusammenfassende Bezeichnung zu finden; sie handeln wirklich von allem Möglichen, und die Gegenstände folgen aufeinander in bunter Planlosigkeit. Einige Abschnitte handeln wieder von Omina verschiedener Art, besonders den aus Vogel- und anderen Tierstimmen abzuleitenden; andere geben an, von welcher Art und Beschaffenheit Hausgeräte, Edelsteine, Waffen, Haustiere u. s. w. sein müssen, um ihren Besitzern Glück zu bringen; weitere handeln von Wohlgerüchen und Heilmitteln; andere wieder geben Regeln für die Dimensionen und die Errichtung von Gebäuden verschiedener Art, für die Verfertigung und Aufstellung von Götterbildern, für die Auffindung von Wasserquellen und Ähnliches mehr.

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§ 45. Yātrā. — Vivāha. — Muhūrta. — Einen besonderen Nebenzweig der Astrologie bildet bei V. M. die Yātrā oder Yoga-Yātrā, welche von allen den Vorzeichen handelt, die ein in den Krieg ziehender Fürst zu beobachten hat. Dieser Zweig der Astrologie steht in nahem Zusammen-

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Das noch nicht edirte und leider nur in ganz ungewöhnlich corrupten Handschriften erhaltene Vṛddha-Gārgīya, eine der Quellen Varāha-Mihira’s, handelt im Ganzen von denselben Gegenständen wie die Bṛhat-Saṃhitā; doch macht es einen bedeutend altertümlicheren Eindruck. Eine Bearbeitung dieses Werkes wäre für die Geschichte astronomischer und astrologischer Ideen in Indien von grosser Bedeutung.

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Unser Wissen von Saṃhitā beruht, wie gesagt, wesentlich auf Varāha-Mihiras Bṛhat-Saṃhitā. Dieselbe wurde herausgegeben von H. KERN (Bibl. Ind. 1865). In den Jahren 1895-97 erschien in der Vizianagram Sanskrit Series eine neue Ausgabe dieses Werkes mit dem ganzen seiner Citate wegen so wichtigen Commentar des Bhaṭṭotpala, besorgt von Paṇḍit SUDHĀKAR DVIVEDĪ. Der wichtigere Teil der Bṛ. Saṃh. wurde übersetzt von H. KERN (im JRAS. New Series, vol. IV ff.) mit wertvollen Auszügen aus dem Commentar. Wir haben ausserdem eine vollständige Übersetzung von CHIDAMBARAM IYER, Madura 1884. — In der Einleitung zu KERNS Ausgabe finden sich die Vorgänger V. Ms. auf diesem Gebiete besprochen, darunter Vṛddha-Garga. — Vgl. ferner über dies Gebiet den Saṃhitāskandh in ŚBDs. Werk (p. 467 ff.). — Aus der Zeit nach V. M. haben wir keine weitere eigentliche Saṃhitās; doch enthalten viele von den in den nächsten Paragraphen zu nennenden Muhūrta-Werken dahin Einschlägiges. Ein Werk von durchgängigem Saṃhitā-Charakter ist der von Ballālasena (Śaka 1090) abgefasste Adbhuta-sāgara (Ga. Ta. p. 42; ŚBD. p. 475).

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hang mit den in der Samhitā behandelten Gegenständen, ist aber gleichzeitig von den Ideen beeinflusst, die die Jātaka-Astrologie beherrschen, betreffs der Einwirkung der Planeten, je nachdem sie in den astrologischen Häusern stehen, u. s. w. — Eine ähnliche Stellung hat das von V. M. ebenfalls besonders behandelte Vivāha-paṭala, welches von der Feststellung der günstigsten Zeit für Hochzeiten, überhaupt von allen dieselben berührenden Vorzeichen handelt.

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In der Zeit nach Varāha-Mihira hat sich als ein gewissermassen neuer Zweig der Astrologie diejenige Gattung von Schriften entwickelt, die man unter dem Namen »Muhūrta« begreifen kann, und die hauptsächlich von der Feststellung günstiger Zeitpunkte für all die verschiedenen Vorkommnisse und Geschäfte des Lebens handelt. Die darin gegebenen Regeln beziehen sich auf die religiösen Ceremonien des Familienlebens, auf Hochzeit, Reisen, Königsweihe und Ähnliches. Die fortwährende genaue Rücksichtnahme auf günstige Momente bildet bis auf die Gegenwart ein hochwichtiges Element im Denken und Leben der Hindus; die sich damit befassenden Werke sind demgemäss zahlreich, und viele davon stehen in hohem Ansehen.

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V. M. hat über Yoga-Yātrā ein längeres und ein kürzereres Werk abgefasst; das erstere ist herausgegeben und übersetzt von H. KERN (Ind. Stud. X u. XIV). — V. M. hat ebenfalls ein Bṛhad-Vivāha-paṭala und ein Svalpa-Vivāha-paṭala verfasst. — Über die umfangreiche Muhūrta-Litteratur finden sich ausführliche Angaben bei ŚBD. p. 469 ff., und passim in der Ga. Ta. — Es mögen hier erwähnt werden die Muhūrta-ratnamālā des Śrīpati (Śaka 961), das Muhūrta-tattva des Keśava (Śaka 1420), der Muhūrta-mārtāṇḍa des Nārāyaṇa (Śaka 1493), der Muhūrta-cintāmaṇi des Rāmabhaṭṭa (Śaka 1522). — Von vielen Muhūrta-Werken sind lithographirte Ausgaben erschienen.

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§ 46. Horā. — Ursprungsfrage. — Tājika. — Der horā oder jātaka genannte Teil der indischen Astrologie, welcher von den aus dem sogen. Horoskop abzuleitenden Vorbedeutungen handelt, kann insofern nur geringeres Interesse beanspruchen, als er nicht wie die Samhitā auf indischem Boden erwachsen ist. Dass er nämlich nichts weiter ist als eine Adaptation der griechischen Astrologie, ist evident und erhellt schon aus der grossen Anzahl von technischen Ausdrücken griechischen Ursprungs, von denen einige, wie āpoklima, das griechische Wort ganz unverändert darbieten und andere in nur ganz gering modificirter Form (kemadruma = κενό-δρομος, paṇaphara = ἐπαναφορά u. s. w.). Diese Termini finden sich in den Schriften Varāha-Mihiras, dem Bṛhaj-Jātaka und dem Laghu-Jātaka, von welchen das erstere das am meisten bekannte und am eifrigsten studirte Werk dieser ganzen Litteraturgattung ist. Der Inhalt dieser Werke entspricht ganz dem der analogen griechischen: sie beschäftigen sich wesentlich mit den Folgerungen, die aus den Stellungen der Himmelskörper im Augenblicke der Geburt eines Menschen für seine Lebensschicksale gezogen werden können. Es ist im ganzen dieselbe Lehre, welche, in ihren Grundzügen unzweifelhaft babylonischen Ursprungs, durch Vermittelung der Griechen allen anderen westlichen Nationen mitgeteilt wurde, das ganze Mittelalter beherrschte und auch heute noch im Westen nicht ganz ausgestorben ist. Wir begegnen in den indischen Werken denselben künstlichen Einteilungen des Zodiaks, denselben Grundbegriffen über die Natur der verschiedenen Planeten und ihres Einflusses. Es fehlt noch an detaillirten Untersuchungen auf diesem Gebiete; es scheint aber nicht, dass die Inder dem von den Griechen überkommenen Stoffe und den üblichen Methoden etwas wesentlich Neues hinzugefügt haben.

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Es erhebt sich hier wieder die Frage, um welche Zeit die Mitteilung dieser Disciplin vom Westen nach Indien erfolgt sein mag. Man denkt natürlich zuerst daran, dass die westliche Astrologie zugleich mit der westlichen Astronomie in Indien Eingang gefunden habe, und dies wird auch wohl im Allgemeinen der Fall gewesen sein; wir sahen uns aber genötigt, es dahingestellt zu lassen, in welchem Jahrhundert die astronomische Doctrin, auf der die wissenschaftlichen Siddhāntas beruhen, den Indern bekannt wurde. H. JACOBI ist zu dem Schlusse gekommen, dass die indische Astrologie in der Ausbildung, die uns in Varāha-Mihiras Werken vorliegt, einer ziemlich späten Stufe der westlichen Astrologie entspricht, derjenigen nämlich, die uns zuerst in Firmicus Maternus (um die Mitte des 4. nachchristlichen Jahrhunderts) entgegentritt; er beruft sich dabei vornehmlich auf die Lehre von den zwölf astrologischen Häusern, welche ein Hauptpunkt im indischen Systeme ist, unter den westlichen Autoritäten aber nicht früher als bei dem genannten Schriftsteller auftritt. Die griechische Astrologie könne demnach erst in der Periode zwischen Firmicus Maternus und Varāha-Mihira in Indien Eingang gefunden haben. — Dagegen weist Ś. B. DĪKṢIT darauf hin, dass, wie wir aus V. M. selbst ersehen, schon vor seiner Zeit eine bedeutende Anzahl von Schriftstellern in Indien auf dem Gebiete der Astrologie tätig gewesen waren, darunter einige, welche die spätere Zeit als Ṛṣis ansah, und schliesst daraus — in Verbindung mit anderen Indicien specieller Art, auf die hier nicht eingegangen werden kann — dass wir für die Entwickelung der Astrologie in Indien eine Periode von nicht weniger als etwa 800 Jahren anzusetzen haben. Es knüpft sich daran natürlich die Behauptung, dass auch der Jātaka-Zweig der indischen Astrologie seinem Ursprung und seinem wesentlichen Inhalte nach ein durchaus einheimisches Product sei, und dass das Vorkommen von griechischen Worten u. dgl. seinen Grund in einer späteren, nicht wesentlichen Beeinflussung der indischen Disciplin vom Westen aus habe, so dass sich Ś. B. DĪKṢIT den Verlauf der Dinge auf astrologischem Gebiete dem von ihm in der Astronomie vermuteten als wesentlich analog vorstellt. — Diese ganze Hypothese erscheint aus naheliegenden Gründen sehr wenig wahrscheinlich; es muss aber eine genauere Durchforschung des für die Geschichte der indischen Astrologie vor V. M. vorliegenden Materials vorgenommen werden, ehe man zu einem abschliessenden Urteil über die Zeit der Einführung der griechischen Lehren in Indien gelangen kann. Was die angeblich von Ṛṣis verfassten astrologischen Werke betrifft — von denen einige erhalten und auch veröffentlicht sind — so steht es damit nicht zum besten. Es gibt eine Laghu-Pārāśarī und eine Bṛhat-Pārāśarī über Jātaka; aber Ś. B. DĪKṢIT weist selbst darauf hin, dass Bhaṭṭotpala erklärt, er habe Parāśaras Werk nicht zu Gesicht bekommen. Die dem Jaimini zugeschriebenen, in Prosa abgefassten Sūtren über Jātaka werden weder bei V. M. noch bei Bhaṭṭotpala erwähnt und enthalten griechische termini technici. Eine astrologische Bhr̥gu-Saṃhitā von enormem Umfang war ebenfalls dem V. M. und seinem Commentator unbekannt. Indessen ist nicht zu bezweifeln, dass dem V. M. wirklich Jātaka-Texte vorlagen, die schon damals als von Ṛṣis stammend angesehen wurden. Unter den ihm bekannten Jātaka-Autoritäten, die nicht als Ṛṣis gelten, ist ein Yavanācārya zu bemerken; und Bhaṭṭotpala bezieht sich auf einen Yavaneśvara Sphujidhvaja.

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Von der Zeit Varāha-Mihiras an haben wir eine ziemlich umfangreiche Jātaka-Litteratur. Von dem Sohne V. Ms., Pṛthuyaśas, existirt ein Ṣatpañcāśikā betiteltes Jātaka-Werk. Die nennenswertesten späteren Werke, denen im Allgemeinen aber nur ganz geringes Interesse zuzusprechen ist, finden sich in der Gaṇaka-Taraṅgiṇī und bei Ś. B. DĪKṢIT angegeben.

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In Folge der muhammedanischen Herrschaft in Indien erscheinen späterhin, analog dem, was wir in der Geschichte der Astronomie sahen, astrologische Schriften, die auf arabisch-persischen Quellen beruhen: Tājika ist der specielle Name für diese Classe von Werken, welche viele astrologische Termini arabischen Ursprungs enthalten. Zu dieser Classe gehört das Hāyanaratna des Balabhadra (Śaka 1577).

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Die Frage nach dem Charakter und dem Ursprung der Jātaka-Astrologie findet sich erörtert bei JACOBI, De astrologiae Indicae ‘Horā’ appellatae originibus; ŚBD. im Jātakaskandh seines historischen Werkes (p. 477 ff., vgl. auch p. 517); WEBER, Zur Geschichte der Indischen Astrologie (Ind. Stud. II); vgl. auch COLEBROOKES »Communication of the Hindus with Western Nations on Astrology and Astronomy« (in seiner »Algebra etc. from the Sanskrit«), wieder abgedruckt Misc. Ess., New Ed. II, 474 ff. Über Vorgänger V. Ms. s. MAX MÜLLER, India what can it teach us? p. 323 ff. Über ein altes MS. des Yavana-Jātaka (mit Erwähnung des »Sphūrjidhvaja«) vgl. HARA PRASĀD ŚĀSTRIN, Notes on Palmleaf MSS. (JASB. vol. 66, p. 311). Das Bṛhaj-Jātaka des Varāha-Mihira mit Bhaṭṭotpalas Commentar, und sein Laghu-Jātaka liegen in lithographirten Ausgaben vor. Text und Übersetzung des letzteren wurden gegeben für die zwei ersten Kapitel von WEBER, für Kapitel 3—12 von JACOBI, in den beiden obengenannten Publicationen. Eine Übersetzung des Bṛhaj-Jātaka gab CHIDAMBARAM IYER, Madras 1885. — Über Tājika vgl. besonders die genannte Abhandlung WEBERS.

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