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Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c36.s1: § 50. Kinderkrankheiten

Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c36.s1

Language
German

§ 50. Kinderkrankheiten

c36.s1.1

— Schon die vedische Medicin enthält Angaben über Kinderheilkunde, so einen Zauber gegen Würmer bei Kindern AV. 5, 23, vgl. Kau. Sū. 29, 20 ff., wo gegen Würmer bei Kindern das untere Ende einer Mörserkeule am Feuer erhitzt und dann dreimal über dem Gaumen des Kindes hin- und hergestrichen wird. Der 14. Abschnitt des zweiten medicinischen Werks der Bowerhs. handelt ausschliesslich von der Behandlung der Kinderkrankheiten (*kumārabhṛtya*) und enthält Recepte für verschiedene Arten von Durchfall, für Erbrechen, Verstopfung, Würmer, Gelbsucht, Halskrankheiten, Hautkrankheiten, Besessenheit durch einen weiblichen oder männlichen Dämon, Fieber, Husten bei Kindern u. s. w. Der darin (2, 1081, vgl. Hoernles Anmerkung) als Autorität citirte Jīvaka war ein Zeitgenosse Buddhas und hiess der »Kinderarzt« (*komārabhacca*).

c36.s1.2

Die späteren medicinischen Werke schreiben die gewöhnlichen Kinderkrankheiten (*bālaroga*, *bālāmaya*) gerne dem Einfluss der Muttermilch zu. So wird ausser den in § 43 erwähnten Säuglingskrankheiten die nachteilige Einwirkung der Muttermilch auch nach dem Princip der drei Grundsäfte eingeteilt. Eine Entzündung der Augenlider (*kukūṇaka*, »Bindehaut-Eiterung der Neugeborenen« Hirschberg), wobei das Auge juckt und häufig thränt und das Kind die Stirne, die Augenränder und die Nase reibt, nicht in die Sonne sehen kann, auch die Augenlider nicht zu öffnen vermag, rührt ebenfalls von verdorbener Milch her. Wenn ein Kind die Milch einer schwangeren Mutter trinkt, so leidet es an Husten, Verdauungsschwäche, Erbrechen, Mattigkeit, Abmagerung, Übelkeit, Schwindel, Anschwellung der Eingeweide; dies nennt man *pārigarbhika* oder *paribhava* (M. 425; S. 2, 1, 173; V. 889).

c36.s1.3

Eine weitere Quelle der Erkrankungen des Kindesalters bildet das Zahnen, so entstehen nach S. 6, 1, 179 f.; A. 6, 2, 26 ff. daraus Leiden jeder Art und am ganzen Körper, insbesondere Fieber, Kopfweh, Durst, Schwindel, Triefäugigkeit, Augenentzündung, Geschwüre an den Augenlidern, Erbrechen, Husten, Asthma, Durchfall und Rotlauf. Das Zahnen tritt im achten Monat oder später auf, wenn das Kind langlebig (gesund) ist, sonst schon am Ende des vierten Monats; wenn die Kinder in zu jugendlichem Alter von den aus dem Hervorbrechen der Zähne entstehenden Schmerzen befallen werden, können sie sich nicht normal entwickeln. Die Behandlung besteht in Brechmitteln und anderen Arzneien, die aber nur in ganz kleiner Dosis zu verabreichen sind; man soll überhaupt ein Kind, das vom Zahnen krank ist, keiner strengen Kur unterwerfen, da die krankhaften Erscheinungen von selbst aufhören, wenn die Zähne da sind.

c36.s1.4

Auch die Störungen der Grundsäfte werden für die Entstehung mancher Kinderkrankheiten in Anspruch genommen. So entsteht die Gaumenkrankheit *tālukaṇṭaka* aus einer Störung des Schleims am Fleisch des Gaumens (weicher Gaumen); die Symptome bestehen in einem (äusserlichen) Einsinken der Gaumengegend, (innerlichen) Herabsinken des Gaumens, Abneigung gegen die Mutterbrust, Schmerzen beim Schlucken, Durchfall, Durst, Schmerzen in Augen, Kehle und Mund, Unfähigkeit den Hals (Kopf) oben zu halten, Erbrechen. Aus einer Störung der drei Grundsäfte entsteht eine schwere Form des Rotlaufs (*visarpa*), die den Namen *mahāpadma* hat. Überhaupt können alle Krankheiten der Erwachsenen, vom Fieber anfangend, auch bei Kindern vorkommen, namentlich die kleineren Übel (*kṣudraroga*, § 67; M. 426; V. 889; Bh. 2, 4, 208).

c36.s1.5

Ganz besonders werden aber die Erkrankungen der Kinder dämonischen Einflüssen zugeschrieben, vielleicht weil man das hilflose Kindesalter solchen Einflüssen für besonders zugänglich hielt und die Plötzlichkeit, mit der oft bei Kindern schweres Kranksein mit völliger Gesundheit abwechselt, sich nicht anders zu erklären wusste. Schon vedisch ist der Dämon Jambha, der die Kinder ergreift und zu dessen Abwehrung man ihnen die Mutterbrust reicht (AV. 7, 10, vgl. Kau. Sū. 32, 1), vedisch auch Naigameya, Naigameṣa, der teils als eine die Geburt von Söhnen gewährende oder Kinder im Mutterleib vertauschende Gottheit, teils als ein die Kinder krank machender Dämon erscheint, auch schon auf alten Sculpturen vorkommt und einen Ziegenkopf (später einen Widderkopf) hat, wohl als für einen Gott der Zeugung geeignetes Symbol der Geilheit³. Bei einem von Naigameṣa ergriffenen Kinde zeigen sich Blähungen, Zuckungen der Hände, Füsse und des Mundes, Schaum vor dem Munde, Durst, Ballen der Fäuste, Durchfall, Heiserkeit, Entfärbung, Kollern im Leibe. Röcheln, Erbrechen, Husten, Schlucken, Schlaflosigkeit, Beissen der Lippen, sich Krümmen, in die Höhe Blicken, heftiges Phantasiren, Bewusstlosigkeit, Fleisch- oder Fettgeruch, Fieber, Geschwulst an einem Auge und andere Symptome (A. 6, 3, 12—14; S. 6, 4, 188; Su. 6, 27, 14; M. 429). Es werden auch allgemeine Kennzeichen dämonischer Ergriffenheit aufgezählt: das Kind fährt plötzlich zusammen, erschrickt und weint, es beisst mit den Zähnen sich selbst und seine Amme, blickt nach oben, beisst die Zähne zusammen, stöhnt, gähnt, verzieht die Augenbrauen, die Zähne und die Lippen, speit öfter Schaum aus, magert ab, wacht Nachts, hat geschwollene Augen, leidet an Durchfall und Heiserkeit, riecht nach Fleisch und Blut, isst nicht wie sonst, nimmt die Brust nicht (M. 427; A. 6, 3, 12—14; S. 6, 4, 187; Bh. 2, 4, 197); als Vorboten gelten Fieber und fortwährendes Weinen (A. S.). Su. nennt neun *graha*, vier männliche und fünf weibliche (*pūtanā*), dieselben auch M. V. Bh. Cd. 406—12 zählt zwölf weibliche Unholde auf, die er *mātṛkā* nennt und die am 1.—12. Tag, Monat oder Jahr das Kind überfallen und krank machen. S. A. 6, 3 unterscheiden ebenfalls zwölf Dämonen (*graha*), von denen aber nur sieben weiblichen, die übrigen männlichen Geschlechts sind. Die *graha* baten Skanda, ihnen Lebensunterhalt zu verschaffen, da verwendete er sich für sie bei Śiva, und Śiva riet ihnen, sich an die Kinder in denjenigen Häusern zu halten, in welchen die Götter, Manen und Gäste, Brahmanen und Lehrer nicht geehrt würden, keine Opfer dargebracht, zerbrochene Schüsseln zum Speisen benutzt und überhaupt die religiösen Gebräuche und Reinheitsvorschriften nicht beobachtet würden; dadurch würde ihnen reichlicher Unterhalt und Verehrung zu Teil werden. Daher werden solche Kinder, deren Ammen schmutzig oder die selbst unrein sind, oder die zur Zeit des Morgen- oder Abendgebets weinen, oder die zornig, furchtsam oder missgestimmt sind, oder sich allein in einem leeren Raume befinden, von den *graha* im Schlaf oder selbst im Wachen mit allerhand Spukgestalten geängstigt. Die *graha* fahren dann in die Kinder hinein, wobei sie aber nur mit dem Auge der Wissenschaft wahrgenommen werden können; denn sie können beliebige Gestalten annehmen und sind für gewöhnliche Sterbliche unsichtbar. Auch beliebige Versündigungen der Amme oder Mutter setzen das Kind den Angriffen der *graha* aus (S. l. c.; Su. 6, 37; 6, 27, 4). Zur Vertreibung der *graha* werden ausser Salben, Arzneien, Begiessungen, Räucherungen u. dgl. besondere Opfer, verbunden mit Anrufungen der einzelnen *graha*, empfohlen. So wird an Naigameṣa eine Spende gerichtet mit einer Anrufung, die den »beliebige Gestalten annehmenden, hochberühmten Gott mit dem Ziegengesicht« auffordert, das Kind zu behüten (Su. 6, 36, 8).

c36.s1.6

§ 51. Fieber. — Wie dem Fieber noch jetzt nach den statistischen Ausweisen beinahe zwei Drittel (66%) aller Todesfälle in Indien zugeschrieben werden¹, so wird es auch in den medicinischen Werken als der König der sämtlichen Krankheiten bezeichnet, und so ist auch schon im AV. die Krankheit *takman*, die dem späteren *jvara* »Fieber« entspricht, die gefürchtetste Krankheit². In der Medicin wird das Fieber der Menschen mit den schlimmsten Störungen der Naturreiche auf gleiche Stufe gestellt, wie mit der Tollwut der Hunde, dem Hohlwerden der Bäume, dem salzigen Steppencharakter des Erdbodens, und ist mehrfach in die Mythenbildung verflochten; so soll es aus dem Zornesfeuer Śivas entstanden sein, das zu dem furchtbaren dreiköpfigen Dämon Vīrabhadra wurde, der das Opfer des Dakṣa störte und diesen selbst tötete, dann als Fieber mit seinen Genossen Übelkeit, Gliederreißen, Kopfweh, Schwindel, Müdigkeit, Mattigkeit, Durst, Hitze u. a. die ganze Welt beunruhigte (S. 3, 1, 256; Su. 6, 39, 6—12; C. 6, 3, 7—11; A. 3, 2, 1 f.; H. 264, 134). Das Zornesfeuer (*kopāgni*, *roṣāgni*) erinnert, wie in der vedischen Medicin der Zusammenhang des *takman* mit dem Feuergott (*Agni*)³, an die Fieberhitze.

c36.s1.7

¹ Vgl. Joachim, Die Diätetik und die Krankheiten des kindlichen Alters bei den alten Indern, Arch. f. Kinderheilkunde 12, 174—253 (1891).

c36.s1.8

² Vgl. Bloomfield, Grdr. II, 1 b, 61 f.

c36.s1.9

³ Vgl. Winternitz, Nejamesha, Naigamesha, Nemeso JRAS. 1895, 149 ff.; Bühler, Specimens of Jaina Sculptures from Mathurā EI. 2, 314—8.

c36.s1.10

Fieber besteht da, wo gleichzeitig Aufhören der Schweissabsonderung, Hitze und Schmerzen an allen Gliedern eintreten (Su. 6, 39, 11 f.). Als allgemeine Ursachen der Fieber werden angegeben: unrichtiger Gebrauch von Schwitz- und anderen Mitteln, verschiedenartige Verwundungen, andere Krankheiten, das Reifwerden (von Geschwüren u. dgl.), Ermüdung, Entkräftung, Unverdaulichkeit, Gift, der Geruch (gewisser) Kräuter und Blumen, Kummer, der schlimme Einfluss der Gestirne oder Jahreszeiten, Verzauberung oder Verwünschung, Trübung des Geistes oder Besessenheit, bei Frauen eine schwere Niederkunft, oder Schädlichkeiten während des Wochenbettes, oder die erste Milchsecretion in den Brüsten (l. c. 17—20). Durch solche Ursachen werden die Grundsäfte des Körpers gestört und auf Abwege gebracht, so dass dadurch die innere Hitze rasch hinaustritt und das Wasserelement zurückgehalten wird, weshalb ein Fiebernder einen heissen Körper hat und nirgends schwitzt (Su. 1. c. 21 f.). Es gibt acht verschiedene Arten des Fiebers, wovon sieben auf der Störung eines oder mehrerer Grundsäfte beruhen, die achte auf Verletzungen und anderen äusseren Ursachen (C. 2, 1, 11—16; Su. 6, 39, 13—6; S. 3, 2, 260 f.; A. 3, 2, 3—6). Als allgemeine Vorboten des Fiebers gelten: Mattigkeit, Unbehagen, Entfärbung, schlechter Geschmack im Munde, Wasser in den Augen, Schwere und Reissen in den Gliedern, Mangel an Appetit, Ekel, Schlafsucht, Gähnen, Trägheit, Saumseligkeit, Vernachlässigung der Arbeit, kurzer Athem, abwechselndes Verlangen nach und Abneigung gegen Kälte, Wind und Hitze, Abneigung gegen süsse Speisen, Begierde nach warmen, sauren, salzigen und scharfen Dingen, starker Durst, Unsicherheit im Gehen, Widerwille gegen gute Ratschläge, Zittern, Schwindel, Phantasiren u. a. Beim Auftreten dieser Vorboten und bei beginnendem Fieber werden leichte Speisen oder Fasten empfohlen, weil das Fieber aus dem Magen kommt; dann sind je nach den Umständen Decocte, Salben, Schwitzmittel, Pflaster, Begiessungen, Brechmittel, Abführmittel, Nasenmittel, Räucherungen u. s. w. anzuwenden. Beim Ausbruch des Fiebers wechseln die Symptome je nach den Arten desselben. So wird das von gestörtem Wind herrührende Fieber durch folgende Erscheinungen charakterisirt: ungleichmässiges Auftreten und Pausiren der Fieberhitze und der Schmerzen an den verschiedenen Teilen des Körpers, Eingeschlafensein und Steifheit der Füsse, Krampf in den Waden, die Gelenke wie zerrissen, Hüftenweh, Stiche in der Brust, die Knochen, besonders am Rücken, wie zerschnitten, heftige Schmerzen in Armen, Schultern und Schläfen, die Kinnladen unfähig zu kauen, Ohrensausen, schlechter, zusammenziehender Geschmack im Munde, Gähnen, Trockenheit des Mundes, der Kehle, des Gaumens und der Haut, Durst, Verstopfung und harte Stühle, Flatulenz, trockener Husten u. s. w. Symptome des Gallenfiebers: gleichzeitiges Auftreten und Zunehmen der Fiebererscheinungen am ganzen Körper, besonders während der Verdauung, Mittags, um Mitternacht oder im Herbste, Entzündung in Nase, Mund, Kehle, Lippen und Gaumen, bitterer Geschmack im Munde, starke Hitze, Durst und Kältebedürfnis, gelbe Färbung der Nägel, der Augen, des Gesichts, des Urins, der Stühle und der Haut (Gelbsucht) u. a. Schleimfieber: gleichzeitiges Auftreten der Fiebersymptome am ganzen Körper, besonders nach dem Essen, Vormittags, in der ersten Hälfte der Nacht, oder im Frühling, ein Gefühl von Schwere im Körper, Appetitlosigkeit, Übelkeit, starke Schläfrigkeit und Stumpfheit, Schnupfen, Speichelfluss, Husten und Schweratmigkeit, süsser Geschmack im Munde, Frösteln und Wärmebedürfnis, weisse Färbung der Nägel, Augen, des Gesichts, des Urins, der Stühle und der Haut, kalte Beulen und ein Frostausschlag am Körper, wenig Schmerzen, Steifigkeit u. a. (C. 2, 1, 11—15; Su. 6, 39, 23—32; S. 3, 2, 261 f.; A. 3, 2, 6—22; M. 30 ff.).

c36.s1.11

Besonders gefährlich ist das aus einer Störung aller drei Grundsäfte hervorgehende Fieber (*saṃnipātajvara*), das, wenn es in ganz ausgeprägter Form auftritt, nicht geheilt werden kann, und auch sonst schwer heilbar ist, oder dauernde Kränklichkeit zurücklässt. Am 7., 10. oder 12. Tage nimmt dieses Fieber einen gefährlichen Charakter an, worauf es entweder aufhört oder zum Tode führt. Allgemeine Symptome: plötzlicher Wechsel zwischen Hitze und Frost, Schmerzen in den Knochen, Gelenken und im Kopf, die Augen thränend, trübe, weit aufgerissen und verdreht, die Ohren klingend und schmerzend, der Hals wie mit den Spitzen von Ähren bedeckt, Schläfrigkeit, Bewusstlosigkeit, Phantasiren, Husten, Asthma, Übelkeit, Schwindel, die Zunge verbrannt und rauh anzufühlen, Schlaffheit der Glieder, Auswurf von Blut und Galle, vermischt mit Schleim, Wackeln des Kopfes, Durst, Schlaflosigkeit, Herzklopfen, seltene und spärliche Absonderung von Schweiss, Harn und Kot, Abmagerung der Glieder, fortwährende Geräusche in der Kehle, dunkelrote Pusteln und Beulen, Stummheit, Entzündung der Kanäle, Schwere des Unterleibs, langsame Verdauung, Tollheit, Irrereden, schwarze Zähne, grosse Schläfrigkeit bei Tage, Wachen in der Nacht, starker Schweiss oder gar kein Schweiss, Verstopfung oder (häufige aber) ungenügende Stühle, Verfall der Kräfte, Heiserkeit u. a. Es werden dreizehn Arten dieses Fiebers, deren Nomenclatur jedoch wechselt, aufgezählt und beschrieben. Allgemein bekannt ist *abhinyāsajvara*, bei dem Augen und Ohren ihren Dienst versagen, auch Geruch und Gefühl aufhören, der Kranke stöhnt, wenig spricht oder ganz stumm bleibt, hilflos, schläfrig und schweratmend daliegt, phantasirt, keine Nahrung zu sich nehmen will, die Zunge steif, die Kehle trocken ist, Schweiss, Kot und Urin ausbleiben, die Augen thränen u. s. w. Nahe verwandt hiermit ist *hataujas* oder *hṛtaujas*, charakterisirt durch Schwund der Kräfte. Zu *sannipātajvara* tritt zuletzt eine Geschwulst an der »Ohrwurzel« hinzu, die leicht tödlich werden kann (C. 6, 3, 50 ff.; Su. 6, 39, 33 ff.; S. 3, 2; A. 3, 2, 27 ff.; M. 34 ff.; Bh. 2, 1, 70 ff.; V. 34 f.).

c36.s1.12

Die achte Gattung des Fiebers, die von äusseren Ursachen herrührt (*āgantujvara*), kann nicht nur durch Verwundungen und Verletzungen jeder Art entstehen (Wundfieber), sondern auch durch starke Erregung, insbesondere Liebe, Kummer, Furcht oder Zorn, durch Besessenheit, Behexung oder Verwünschung, ferner durch den Geruch giftiger Pflanzen oder Blumen, der Ohnmacht, Kopfweh, Zittern, Erbrechen, Niesen hervorruft, durch Vergiftung, deren Symptome in Ohnmacht, Durchfall, schwarzer Färbung des Mundes, Hitze und Herzweh u. a. bestehen, und andere Ursachen (C. 6, 3, 66—76; S. 3, 2, 263; A. 6, 2, 18—45; Bh. 2, 1, 103—6; M. 40 f.).

c36.s1.13

Das Wechselfieber (*viṣamajvara* »unregelmässiges Fieber«) bildet eine weitere Gattung des Fiebers, die in fünf Unterarten zerfällt: 1) *saṃtata*, »ununterbrochenes Fieber«, das 7, 10 oder 12 Tage lang andauert, in gewissen Fällen aber auch von längerer Dauer ist. Dieses Fieber ergreift besonders den Chylus (*rasa*), oder Chylus und Blut, überhaupt sämtliche Elemente des Körpers, auch Harn und Kot. 2) *satata*, »immerwährend«, ergreift das Blut und tritt im Laufe eines Tages und einer Nacht zweimal auf, d. h. entweder je einmal am Tag und in der Nacht, oder zweimal am Tag, oder zweimal in der Nacht (Ar.). 3) *anyedyuṣka*, »andertägig« (Quotidianfieber), ergreift das Fleisch und tritt innerhalb 24 Stunden einmal auf, zu beliebiger Zeit. 4) *tṛtīyaka*, »jeden dritten Tag wiederkehrend« (Tertianfieber), ergreift das Fett und wiederholt sich in Zwischenräumen von je einem Tag. Bei diesem Fieber treten je nach den gestörten Grundsäften Schmerzen in Kopf, Kreuzbein oder Rücken auf. 5) *cāturthaka*, »jeden vierten Tag wiederkehrend« (Quartanfieber), ergreift das Mark und die Knochen, wobei die Schmerzen entweder von den Beinen oder vom Kopf ausgehen, und wiederholt sich alle vier Tage oder dauert als *cāturthaviparyaya* je zwei Tage, während der erste und vierte Tag fieberfrei sind. Dieses Fieber ist besonders gefährlich. Sehr schwer heilbar ist auch das »Zehrfieber« (*pralepaka*), das bei Su. dem *saṃtata* der anderen Autoren zu entsprechen scheint, sonst aber auch als eine besondere Art von Wechselfieber vorkommt; es macht die Glieder heiss und schwer und bringt Schwindsüchtigen den Tod. Verwandt hiermit ist *vātabalāsaka*, wie auch in der vedischen Medicin schon *balāsa* und Fieber zusammen auftreten und überhaupt das Wechselfieber (Malaria) schon deutlich charakterisirt wird (C. 6, 3, 27—35; Su. 6, 39, 48—55; S. 3, 2, 264 f.; A. 3, 2, 56—74; M. 42 ff.; Bh. 2, 1, 107—14; V. 51 f.).

c36.s1.14

Je nachdem das Fieber zuerst den Körper oder den Geist ergreift, heisst es »körperlich« (*śārīra*) oder »geistig« (*mānasa*: Typhus?). »Innerlich« (*antar-vega*) heisst es, wenn starke innerliche Hitze, »äusserlich« (*bahirvega*), wenn starke Hitze der Haut vorliegt; kaltes Fieber heisst *śītājvara*. »Natürlich« (*prākṛta*) ist das Fieber, wenn es in der Regenzeit, im Herbst oder Frühling auftritt und durch die diesen Jahreszeiten zukommenden Grundsäfte verursacht wird; »unnatürlich« (*vaikṛta*), wenn es zu anderen Zeiten auftritt oder nicht von den entsprechenden Grundsäften herrührt. »Unreif« (*āma*, *sāma*) ist es bei folgenden Symptomen: Speichelfluss, Ekel, Mattigkeit, Schläfrigkeit, schlechter Geschmack im Munde, Appetitlosigkeit, reichliches Urinlassen, Steifheit, Verstopfung oder abnorme Stühle, starkes Fieber mit Phantasiren u. s. w. Kennzeichen »reifenden« Fiebers (*pacyamānasya*) sind: starker Fieberschauer, Durst, Phantasiren, Keuchen, Schwindel, Leibesöffnung, Übelkeit. »Ausgereift« (*nirāma*) ist das Fieber bei folgenden Erscheinungen: Hunger, Leichtigkeit der Glieder, Nachlassen des Fiebers, Ablauf der sieben ersten Tage. Auf drei verschiedene Stadien des Fiebers geht auch die Einteilung in *navajvara*, *taruṇajvara* bis zu 7 Tagen, *madhyajvara* bis zu 14 Tagen, *jīrṇa-* oder *purāṇa-jvara* von da ab oder von 21 Tagen ab. Den sieben Elementen des Körpers entsprechen ebenso viele Arten des darin auftretenden Fiebers. Gefährlich ist das Fieber in Mark oder Knochen, todbringend das Fieber im Samen, charakterisirt durch Erectionen und Samenverlust (C. 6, 3, 16—22. 38—45; S. 3, 2, 263 f.; A. 3, 2, 46—56; M. 48 ff.; Bh. 2, 1, 120—2).

c36.s1.15

Die Identificirung obiger Beschreibungen mit den modernen Fieberkrankheiten Indiens macht Schwierigkeiten⁴, doch sind die intermittirenden und die besonders nach der Regenzeit verheerend auftretenden remittirenden Fieber nicht zu verkennen, ferner die Pneumonie (*pralepaka*) und das Wundfieber (*āgantujvara*).

c36.s1.16

In der Behandlung des Fiebers hat schon die vedische Medicin den Schritt von der naiven Überantwortung des heissen Fiebers an den kalten Frosch und Anbindung eines grüngestreiften Frosches unter dem Bett des Fieberkranken zur Anwendung der auch späterhin als Fiebermittel vorkommenden Pflanze *kuṣṭha* gemacht.⁵ Zahlreiche Recepte für Fieber enthält die Bowerhs., so wird darin schon die Wirkung von *harītakī* (Terminalia chebula) als Mittel gegen Wechselfieber gepriesen (*2*, *939*). Auch die spätere Litteratur ist reich an Recepten für jede Art des Fiebers, doch wird besonders die Anwendung diätetischer Mittel empfohlen. Im ersten Stadium, bis zu 7, nach Anderen bis zu 10 Tagen nach dem Beginn des Fiebers, soll der Patient überhaupt nichts geniessen, oder doch nur dünne Abkochungen (*yavāgū*) u. dgl. in mässiger Quantität; nur das Wasser darf man ihm nicht entziehen, doch soll er in der Regel nur abgekochtes und erwärmtes Wasser geniessen, da kaltes Wasser das Fieber vermehrt, wie auch Arzneien in diesem Stadium schädlich wirken. Bei Fieber, das gleich nach dem Essen entsteht, ist zunächst ein Brechmittel zu geben. Im Allgemeinen gilt die Regel, zu Anfang Fasten, späterhin Beförderung der Verdauung durch entsprechende Diät, zuletzt Arzneien, nach gestilltem Fieber Purgantien anzuwenden; doch können bei leichtem Fieber auch schon sofort Arzneien gegeben werden. Bei Wechselfieber soll man zunächst nach oben und unten purgiren. Nur wenn andere Mittel nichts geholfen haben, soll bei Fieber jeder Art zur Ader gelassen werden. Wenn der Kopf und der Körper leicht, die Ermüdung, Betäubung und Hitze geschwunden sind, der Mund entzündet ist, der Kopf juckt, Schweiss hervorbricht, Esslust und Niesen entsteht, der Geist wieder normal, der Schmerz vorüber ist, so kann man hieran das Aufhören des Fiebers erkennen. Doch muss der Patient sich auch dann noch vor Anstrengungen, sexuellem Verkehr, Baden, Spazierengehen und Luftzug hüten, bis er wieder ganz zu Kräften gekommen ist (C. 6, 3, 81—217; Su. 6, 39, 83—299; A. 4, 1; S. 4, 1; Bh. 2, 1, 7—125; Vṛ. 1, 25 ff.).¹²³⁴⁵

c36.s1.17

⁵ Bloomfield l. c.

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