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Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c36.s7: § 60. Blutungen

Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c36.s7

Language
German

§ 60. Blutungen

c36.s7.1

— Die Bezeichnung aller Blutungen als *raktapitta*, *lohitapitta* »Blutgalle« rührt davon her, dass sie auf Störungen der Galle zurückgeführt werden, die nachteilig auf das Blut einwirken. Blutungen nach oben erfolgen durch die Nase, die Augen, Ohren oder den Mund, Blutungen nach unten durch die Harnröhre, die Vagina und den After; ausserdem kann das Blut auch aus allen Poren der Haut austreten (S. A. M.). Die Blutung kündigt sich an durch Mattigkeit, Verlangen nach Kaltem, Appetitlosigkeit, wiederholtes Erbrechen, Hitze, ein Gefühl als ob Rauch aus dem Mund käme, der Atem nach Eisen, Unverdautem u. dgl. riechend, Heiserkeit, Unfähigkeit Blau, Rot und Gelb zu unterscheiden u. dgl. Die weiteren Erscheinungen, namentlich die Farbe und Consistenz des Bluts, wechseln je nach den drei Grundsäften. Schlimme Complicationen (*upasarga*) sind: Schwäche, Asthma, Husten, Fieber, Erbrechen, Aufregung, Blässe, Hitze, Ohnmacht, Kopfweh, Durst, Leibschmerzen, Appetit- und Verdauungslosigkeit u. a.

c36.s7.2

Heilbar ist *raktapitta*, wenn die Blutung nur nach der einen Richtung, namentlich nur nach oben erfolgt, nicht zu ungestüm ist, noch nicht lange besteht, in einer guten (kühlen) Jahreszeit eintritt, keine Complicationen auftreten und der Patient kräftig ist. Blutungen nach unten können wenigstens gelindert werden, Blutungen nach beiden Richtungen hin sind unheilbar, ebenso wenn das Blut schwarz, blau oder bunt wie ein Regenbogen oder wie Schmutzwasser u. s. w. aussieht, oder sehr heftig herausströmt, oder der Kranke durch Leiden entkräftet ist oder nichts isst oder häufig Blut bricht, rote Augen hat u. s. w. Gegen Blutungen nach oben sind im Allgemeinen Purgirmittel, gegen solche nach unten Brechmittel zu geben, auch eignen sich für letztere die Verordnungen gegen blutigen Durchfall; gegen Nasenbluten sind Nasenmittel anzuwenden (C. 2, 2; 6, 4; Su. 6, 45; S. 3, 3; 4, 3; A. 3, 3; 4,2; M. 106--10; Vr. 9).

c36.s7.3

§ 61. *Auszehrung und Lungenschwindsucht.* — Die Schwindsucht, noch jetzt einer der Hauptfeinde der Menschheit in Indien¹, »wird von manchen anderen Krankheiten begleitet und steht vielen anderen Krankheiten voran, heisst die Königskrankheit² (*rājayakṣman*), Schwindsucht (*kṣaya*), Auszehrung (*śoṣa*) und der Krankheiten König« (*rājarāṭ*. S. 3, 5, 1 -- A. 3, 5, 1). Auch die kürzere Bezeichnung *yakṣman* kommt vor, wie in den Vedas neben *yakṣma* die Composita *rājay.*, *ajñātay.*, *pāpay.* erscheinen; doch hat das vedische *yakṣma* wie die meisten urverwandten Wörter (z. B. asl. *jedza* »Krankheit«) wohl noch die Bedeutung »Krankheit« im Allgemeinen³. Schon vedisch ist auch die Sage, welche die Schwindsucht zuerst an dem periodisch dahinschwindenden Mond aufgetreten sein lässt⁴. Gewöhnlich werden vier Entstehungsarten dieses Leidens aufgezählt: übermässige körperliche Anstrengung, Unterdrückung der natürlichen Ausscheidungen, Schwinden der Grundbestandteile des menschlichen Körpers wie Samen, Lebenskraft u. a., und schädliche Speisen und Getränke. Nach einer anderen Version entsteht die Auszehrung durch sexuelle Ausschweifungen, Kummer, hohes Alter, körperliche Anstrengungen, weite Märsche, Fasten, Geschwüre und Wunden in der Brust (Su. 6, 41, 14). Die Anfangserscheinungen sind: Schnupfen, starkes Niesen, Schleim, süsser Geschmack im Munde, Verdauungs- und Körperschwäche, Appetitlosigkeit, Übelkeit nach dem Genuss gewisser Speisen, Erbrechen, Abnahme der Kräfte trotz Essens, Anschwellen der Füsse und des Mundes, auffallende Weisse der Augen, Verlangen nach Frauen, geistigen Getränken und Fleisch, Missstimmung, ungewöhnliches Wachsen der Nägel und Haare, der Kranke wird im Traum von Motten, Eidechsen, Schlangen, Affen, Raubtieren und Vögeln verfolgt u. a. Dann folgen die elf charakteristischen Symptome der Schwindsucht: Schnupfen, Asthma, Husten, Schmerzen in der Schulter und am Kopf, nebst Appetitlosigkeit, wenn die Krankheit oben ihren Sitz hat, häufigen aber festen Ausleerungen, wenn sie unten ihren Sitz hat, Erbrechen, wenn sie in den Eingeweiden, Seitenschmerzen, wenn sie auf der Seite, Fieber, wenn sie in den Gelenken sitzt (S. A.). Eine andere Aufzählung nennt: Schmerzen in den Schultern und Seiten, Brennen an Händen und Füssen, Fieber am ganzen Körper (M. 113 f.). Su. 6, 41, 9 unterscheidet sechs Symptome: Widerwillen gegen Nahrung, Fieber, Asthma, Husten, blutiger Auswurf und Heiserkeit. Ein von Alter Schwindsüchtiger ist mager, kraftlos, geschwächt an Verstand, Körperkraft und Sinnen, zitterig, appetitlos, seine Stimme dünn, wie wenn man auf ein zerbrochenes Metallgefäss schlägt, sein Speichel enthält keinen Schleim, er wird von Schwere und Unbehagen gequält, aus seinem Mund, seiner Nase und seinen Augen kommt Ausfluss, seine Stühle und seine Haut sind trocken und rauh. Bei Wunden (*kṣata*) in der Brust (Pneumonie?), die durch anstrengende Bewegungen, Lastentragen, (lautes) Lesen, Stoss oder Schlag, sexuelle Ausschweifungen oder (sonstige) Überanstrengung entstehen, kommt Blut, Eiter und Schleim, beim Husten erbricht der Kranke Gelbes, Rotes, Schwarzes und Braunes, seine Brust schmerzt und er fühlt sich sehr elend durch Glut im Körper, sein Mund und sein Atem sind übelriechend, seine Hautfarbe bleich, seine Stimme gebrochen (Su. 6, 41, 14—24).

c36.s7.4

¹ Vgl. CHEVERS l. c. 520.

c36.s7.5

² Hierunter möchte ich jedoch nicht »king’s evil (syphilis)?« verstehen, wie BLOOMFIELD, SBE. 42, 697, sondern »die wichtigste Krankheit«, vgl. *rāgarāṭ* und die analogen Composita mit *rāja°*.

c36.s7.6

³ Vgl. ZIMMER, Altind. Leben 375 ff.; BLOOMFIELD, Grdr. l. c. 60.

c36.s7.7

⁴ ZIMMER l. c.

c36.s7.8

Einen Schwindsüchtigen, der mit den elf Symptomen (s. o.) behaftet ist oder die sechs: Husten, Durchfall, Seitenschmerzen, Heiserkeit, Appetitlosigkeit und Fieber, oder die drei: Fieber, Husten und Blutsturz hat, soll ein nach Ruhm strebender Arzt nicht behandeln. Dagegen soll der Arzt einen starken Patienten, der gute Verdauung hat, nicht mager und noch nicht lange krank ist, behandeln; nach einem Jahre kann das Leiden nur noch gelindert werden (Su. M.). Von den zahlreichen Mitteln gegen Auszehrung erwähne ich nur das altehrwürdige Recept Cyavanaprāśa (B. 2, 188—200 = C. 6, 1, 25 == Vṛ. 10, 29—42 == Cđ. 101), »die Speise des Cyavana«, die diesen greisen Seher einst verjüngt haben soll; es besteht aus einer Abkochung von Butter und Melasse mit den verschiedensten Arzneistoffen. Purgir-, Brechmittel u. dgl. eignen sich nur für einen kräftigen Patienten, bei einem abgezehrten Kranken würden sie wie Gift wirken. Man muss auch auf das Gemüt des Kranken einwirken durch Wohlgerüche, Musik, freundliche Reden, Verkehr mit geliebten Freunden und Frauen u. dgl. (C. 2, 6; 6, 8; Su. 6, 41; S. 3, 5; 4, 7; A. 3, 5; 4, 5; M. 111—20; Vṛ. 10).

c36.s7.9

§ 62. Husten, Asthma und Schlucken. — Husten (*kāsa*) und Atembeschwerden (*śvāsa*) erscheinen sehr oft zusammen oder einzeln als Krankheitssymptome, so bei der Schwindsucht (§ 61), werden aber auch beide als selbständige Krankheiten betrachtet und beschrieben. Von *kāsa* werden meist fünf gradatim schlimmere Arten unterschieden, die auf Störungen der drei Grundsäfte, auf (inneren) Wunden (*kṣata*) oder auf Schwindsucht (*kṣaya*) beruhen und bei Vernachlässigung zur Auszehrung führen. Vorboten des Hustens sind: Kratzen im Hals, ein Gefühl, als ob Hals und Mund voll von stechenden Insekten (*śūka*) wären, Steckenbleiben der Speisen (im Hals), Heiserkeit, Appetitlosigkeit, Verdauungsschwäche. Die »Wunden« werden ähnlich wie bei der Schwindsucht definirt, sie entstehen durch innerliche Verletzungen der Brust durch körperliche Anstrengungen, Lastentragen, Stoss und Schlag u. dgl.; der Kranke hustet zuerst trocken, speit dann Blut, der Hals schmerzt stark, die Brust ist wie zerschnitten, er hat ein Gefühl, als ob er mit spitzen Nadeln durchstochen würde, Fieber, Asthma, Durst, Heiserkeit, seine Stimme klingt wie das Girren einer Turteltaube, allmählich lassen seine Kräfte, sein Appetit, seine Verdauung nach, er wird blass, abgezehrt, leidet an Blutharnen, Rücken- und Hüftweh (Pneumonie?). Der auf Schwindsucht beruhende (*kṣayaja*) Husten ist offenbar eine Form der Schwindsucht: der Auswurf ist blutig, eiterig, übelriechend, gelb, grünlich oder rot, beim Husten hat der Kranke das Gefühl, als ob ihm das Herz zu Boden fiele, leidet an Fieber, Seitenschmerzen, Schnupfen, Heiserkeit, isst viel und wird doch mager und schwach, dann kommen alle Zeichen der Schwindsucht zur Entwickelung. Dieses Leiden ist bei entkräfteten Personen unheilbar, sonst und gegen die anderen Formen von *kāsa* werden Fett- und Schwitzmittel, Leckmittel, Klystiere, Abführmittel u. s. w. empfohlen (C. 6, 18; Su. 6, 52; S. 3, 3; 4, 4; A. 3, 3; 4, 3; M. 120—4; Vṛ. 11).

c36.s7.10

Asthma (*śvāsa*) und Schlucken (*hikkā*) entstehen aus den gleichen Ursachen, nämlich durch Staub, Rauch, Wind, Kälte, kalte Getränke oder Speisen, körperliche Anstrengung, geschlechtliche Ausschweifungen, schädliche Speisen u. dgl., sowie besonders als Folgezustände der verschiedensten Krankheiten, wie Dysenterie, Fieber, Schnupfen, Blutung, Bleichsucht, Cholera, starker Husten u. a. Die Anfangssymptome sind: Stiche in der Brust und den Seiten, Flatulenz und Verstopfung, unangenehmer Geschmack im Munde, Schmerzen in den Schläfen, unregelmässiges Atemholen. Von den fünf Arten des Asthma entsteht *kṣudraśvāsa* »leichtes Asthma« durch Überanstrengung oder Überessen, zeigt sich aber nur, wenn man irgend etwas vornimmt, nicht beim Sitzen, bewirkt auch keine Schlingbeschwerden und hört von selbst wieder auf. Bei *tamakaśvāsa* oder *tamaka* »Beklommenheit« hat der Kranke geräuschvollen Husten mit schleimigem Auswurf, starkem Durst, Schweiss und Übelkeit, Röcheln im Halse, die Atemnot ist sehr stark und quälend, bis der Schleim herauskommt fühlt er sich sehr unwohl, nach dem Herauskommen desselben einen Augenblick lang wohl, kann nur mit Mühe sprechen, findet keinen Schlaf, das Sitzen bringt ihm Erleichterung, er hat Verlangen nach Warmem, durch schlechtes Wetter und Genuss von schleimerzeugenden Dingen verschlimmert sich sein Zustand, wenn Ohnmacht und Fieber dazu kommt, heisst die Krankheit *pratamaka*. Bei *chinnaśvāsa* »unterbrochener Atem« atmet der Kranke nur mit Unterbrechungen oder kann mit aller Anstrengung keine Luft bekommen, während ihn alle Gelenke schmerzen, der Leib aufgetrieben und verstopft ist, die Blase brennt, die Augen rollen, das eine Auge rot, der Mund trocken ist, mit Schweisssecretion, Irrereden, Niedergeschlagenheit, Betäubung, Bewusstlosigkeit; solche Kranke sterben rasch. Bei *mahāśvāsa* »starkes Asthma« atmet der Kranke unaufhörlich mit starkem Geräusch wie ein wütender Stier, er ist unruhig, seine Augen rollen, seine Stimme ist undeutlich, die Kehle trocken, Harn und Kot angehalten, Ohren, Schläfe und Kopf sehr schmerzhaft, er verliert den Verstand, sein Atmen ist weithin hörbar; auch dieser Zustand führt rasch zum Tode. Bei *ūrdhvaśvāsa* »Ausatmen« atmet der Kranke lange aus, kann aber nicht wieder einatmen, der Mund ist mit Schleim verstopft, die Augen sind nach oben gerichtet und schweifen unstet umher, die Gelenke schmerzen, die Stimme ist gehemmt, er ist betäubt und erschöpft und stirbt. Die Heilmittel für *śvāsa* bestehen in Schwitzmitteln, Brechmitteln, verschiedenen Butterabkochungen, Pillen u. s. w.

c36.s7.11

Schlucken (*hikkā*) hat die nämlichen Ursachen und fast auch die gleichen Anfangserscheinungen wie *śvāsa*. Auch zerfällt er ebenso in fünf Arten, worunter sich auch eine »leichte« und eine »starke« Art befindet. Die letztere Art sowie *gambhīrā*, der tiefe Schlucken, der aus dem Nabel kommt, sind unheilbar, ebenso wenn der ganze Körper beim Schlucken erschüttert wird, der Blick starr nach oben gerichtet ist, der Kranke hinfällig ist und nichts geniessen will, sehr stark niest, abgemagert, durch Krankheiten erschöpft ist u. dgl. Als Mittel gegen *hikkā* werden Einreibungen mit Öl, Schwitzmittel, Ziegenmilch, festes Umschnüren oberhalb des Nabels, flüssige Arzneien u. s. w. genannt (C. 6, 17; Su. 6, 50 f.; S. 3, 4; 4, 6; A. 3, 4; 4, 4; M. 124—132; Vṛ. 12).

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