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Die Kosmographie der Inder nach den Quellen dargestellt c7.s1.t2: A. Die Einteilung des Weltalls

Die Kosmographie der Inder nach den Quellen dargestellt c7.s1.t2

Language
German

A. Die Einteilung des Weltalls

c7.s1.t2.1

Manche Stellen des Rg- und Atharva-veda beweisen deutlich, dass die vedischen Inder wie auch andere Völker mit primitiven naturwissenschaftlichen Kenntnissen ursprünglich Himmel und Erde als göttliche Wesen ¹) verehrten und sie als das Urelternpaar ²) alles Lebens betrachteten. Die Ausdrücke dyāvāprthivī, dyāvābhūmī, dyāvākṣāmā, rodasī und kṣoṇī — letztere beiden übersetzt man gewöhnlich mit „die beiden Welten“ oder „Welthälften“ — zeigen, dass man ursprünglich Himmel und Erde als die beiden Hauptteile des Weltalls auffasste und dass demnach die Zweiteilung als das älteste Einteilungsprinzip desselben zu betrachten ist.

c7.s1.t2.2

¹ Rgv. I. 31. 8, 112. 1, 159. 1, IV, 58, X. 132. 1.

c7.s1.t2.3

² z. B. Rgv. I. 64. 33, 85. 10, 89. 4, 191. 6, VI. 51. 6; Atharvav. V. 12. 9; V. 2. 9 auch als fleckenlose Schwestern (svasarau mātariśvarī) bezeichnet.

c7.s1.t2.4

Neben dieser Zweiteilung des Weltalls läuft teilweise schon die Dreiteilung desselben einher, indem man nämlich die Erde und Himmel trennende Schicht des Luftraumes als besondere Abteilung den beiden gebrauchten beifügte und jede dieser Abteilungen einem besonderen Gotte als Machtgebiet zuwies. Diese Dreiteilung findet sich schon ausgedrückt in dem in der vedischen Literatur oft gebrauchten mystischen Ausdruck bhūr, bhuvah, svar und hat auch noch in dem später reich ausgebauten brāhmaṇischen Weltsystem mit seinen sieben Weltschichten eine gewisse Geltung behalten.

c7.s1.t2.5

Rgv.³) VI. 69. 8 (Atharvav.) VII. 44. 1; Taittirīya-Saṃh. III. 2. 11. 2, VII. 1. 6. 7; Maitrāyaṇī-Saṃh. II. 4. 4; Kāṭhaka-Saṃh. XII. 14; Aitareyabr. VI. 15. 10) heisst es von Indra und Viṣṇu, dass sie das Tausendfache dreifach hervorgebracht, als sie kämpften (indraś ca viṣṇo yád ápasprdhethām tredhá sahásram ví tád airayethām). Br̥hadāraṇyaka-Up. III. 9. 8 werden diese drei Welten die drei Götter genannt, weil in ihnen alle diese Götter enthalten sind (katame te trayo devā ītima eva trayo lokā eṣu hīme sarve devā ītī).

c7.s1.t2.6

³ Ich zitiere nach der Ausgabe: „Die Hymnen des Rigveda, hrsg. von Theodor Aufrecht“, 2. Aufl. Bonn 1877. Die Übersetzung zitiere ich nach: „Der Rigveda oder die heiligen Hymnen der Brāhmana zum ersten Male . . . übers. . . . v. Alfred Ludwig“. Prag 1876–88. Wo dieselbe jedoch nicht ausreicht, werden andere Übersetzungen herangezogen.

c7.s1.t2.7

Die Namen der Götter, denen die drei Welten als Machtbereich zugewiesen sind, erfahren wir aus folgenden Stellen. Nach Śatapathabr. ⁴) XI. 2. 3. 1 wurde bei der Schöpfung dem Agni die irdische, Vāyu die Luftraum- und Sūrya die Himmelswelt als Machtbereich zugewiesen (tád deván sr̥tvaḷṣú lokéṣu yárohayad, asmín evá lokè ’gním vāyúm antárikṣe divy èva súryam . . .). Ähnlich äussert sich Nirukta VII. 2, darnach gehört dem Agni die Erde, Vāyu oder Indra der Luftraum und Sūrya die Himmelswelt (tisra eva devatā iti nairuktā agniḥ prthivīsthāno vāyur vendro vāntarikṣasathānaḥ sūryo dyusthānaḥ . . .). Śatapathabr. III. 2. 1. 3 werden diese drei Welten mit den verschiedenfarbigen Haaren eines Felles verglichen und zwar die Erde mit den schwarzen, der Himmel mit den weissen und der Luftraum mit den bräunlichgelben Haaren desselben (yády u 'ékam bhavati, tád eṣám lokánām rūpam tád enam eṣú lokeṣv ádhi dīkṣayati, yáni śukláni, táni divó rūpam, yáni kṛṣṇáni tány asyai . . . yány evá babhrúṇiva hárīṇi tány antárikṣasya rūpam . . .).

c7.s1.t2.8

⁴ Benutzt wird die Ausgabe: „The Çatapatha-brāhmaṇa in the Mādhyandinaçākhā . . ., ed. by Albrecht Weber“. Berlin, London 1855.

c7.s1.t2.9

Die drei Erden, Himmel und Lufträume.

c7.s1.t2.10

Auf dieser Dreiteilung des Weltalls beruht auch in gewissem Sinne die Annahme von drei Himmeln, drei Erden und drei Lufträumen. So oft und manchmal so bestimmt wird von der Dreizahl dieser Welten gesprochen, dass man dieselbe wohl kaum, wenn es auch zuweilen so scheint, als eine blosse spielerische Ausdrucksweise betrachten darf, sondern zugeben muss, dass derselben eine konkrete Vorstellung zugrunde gelegen hat. Dieselbe hat wohl ihren Anfang daher genommen, dass die Spekulation zuerst, wie noch manche Stellen der vedischen Literatur, über die bei Behandlung des Himmels gesprochen werden soll, ahnen lassen, über den sichtbaren Himmel hinaus neue Himmelsräume konstruierte und dementsprechend auch die Zahl der Erden und Lufträume vermehrte. Die drei Himmel und Erden hat man sich wohl als durch Zwischenräume getrennte übereinanderliegende Etagen vorzustellen.

c7.s1.t2.11

Die Stellen, in denen von drei Himmeln und drei Erden die Rede ist, ohne die drei Lufträume besonders zu erwähnen, sind folgende:

c7.s1.t2.12

Rgv. I. 35. 6: „Drei Himmel des Savitṛ, zwei Schosse, eine Virāṣāṭ [Hölle?] in der Welt des Yama; wie auf einem Zapfen des Wagens ruht (auf ihm) das Unsterbliche . . .“ (tisró dyávaḥ savitúr dvá upásthān ékā yamásya bhúvane virāṣāṭ, áṇīm ná ráthyam amŕtādhi tasthur . . .). Rgv. I. 102. 8: „Das dreifach besteht als deiner Stärke Gegenstück, über die dreifache Erde, des Himmels dreifach Glanzfirmament, über diese ganze Welt hinaus bist du gewachsen . . .“ (triviṣṭidhátu pratimánam ójasas tisró bhūmīr nrpate tríṇi rocaná, átidám víśvam bhúvanam vavakṣitha . . .). Rgv. I. 164. 6 (Atharvav. IX. 9. 7): „Ohne Erkenntnis frag’ ich da wissenden Weisen, um zu erfahren als unkundig, wer diese sechs Räume festgestellt hat?“ (ácikitvāñ cikitúṣaś cid átra kavín prcchāmi vidmáne ná vidvān, ví yás tastámbha śál imá rájāmsy . . .). Rgv. III. 56. 2: „Sechs Lasten trägt der eine ohne zu gehen, dem am höchsten Ort geltenden Gesetze sind genaht die Kühe; drei sind die grossen Göttinnen, in nächster Nähe stehn sie, zwei sind im Verborgenen niedergelegt, eine sichtbar“ (ṣáḍ bhārān éko ácaran bibharty ṛtám várṣiṣṭham úpa gáva águḥ, tisró mahīr úparāṣ tasthur gúhā dvé níhite dárśy ékā). Rgv. VII. 87. 5: „Die drei Himmel sind in ihm geborgen und die drei Erden dabei sechsfach angeordnet . . .“ (tisró dyávo níhitā antár asmin tisró bhūmīr úparāḥ ṣáḍvidhānāḥ . . .). Rgv. VIII. 41. 9: „Er, des zwei helle Scharfschende ihren Sitz ob den drei Erden haben und erfüllt haben die drei oberen Räume, des Varuṇa Sitz ist fest, über sieben gebietet er . . .“ (yásya śvetá vicakṣaṇá tisró bhūmīr adhikṣitáḥ, trír úttarāṇi paprátur váruṇasya dhruvám sádaḥ sá saptánām irajyati . . .). Atharvav. IV. 20. 2 (XIX. 27. 3): „Die drei Himmel, die drei Erden und die sechs Himmelsgegenden jede für sich, alle Wesen möge ich durch dich schauen, o göttliche Pflanze“ (tisró dīvas tisráḥ pṛthivīḥ ṣáṭ cemáḥ pradíśaḥ pṛthak tvayāhám sárvā bhūtāni páśyāni devyoṣadhe). Atharvav. VIII. 9. 16. „Sechs Joche hat der Pflug nach den Gesängen; sechs nennen sie die Himmel und Erden, sechs die Breiten“ (ṣadyogám śíram ánu sámasāma ṣáḍ āhur dyāvāpṛthivīḥ ṣáḍ urvíḥ). Atharvav. XIII. 3. 6: „Auf dem die sechs Breiten und fünf Weltgegenden, vier Wasser und drei Silben der Verehrung ruhen . . . Dieser Gott . . .“ (yásmint ṣáḍ urvíḥ páñca díśo ádhi śritáś cátasra ápo yajñásya tráyo 'kṣáṛaḥ . . .). In dieser Stelle wird urvī offenbar als „ausgedehnte Fläche“ gefasst im Gegensatz zu pradíś, während es an anderen Stellen wie Atharvav. XII. 2. 48, XIII. 1. 4, XVIII. 2. 6 in der Bedeutung „Weltgegend“ gefasst werden muss. Siehe auch die eigentümliche Bedeutung von urvī Śatapathabr. I. 5. 1. 22. Hier werden unter den sechs Weiten (urvī) Feuer, Erde, Wasser, Wind, Tag und Nacht verstanden.

c7.s1.t2.13

Mehrere Stellen sprechen neben den drei Erden und drei Himmeln noch ausdrücklich auch von drei Lufträumen.

c7.s1.t2.14

Rgv. II. 27. 8 (Taittirīya-Samh. II. 1. 11. 5, Maitrāyaṇī-Samh. IV. 14. 14, Kāṭhaka-Samh. XI. 12): „Die drei Erden halten sie und die drei Himmel, drei sind die Werke in dieses Versammlungsortes Mitte . . .“ (tisró bhūmīr dhārayan trīmṛ utá dyún trīṇi vratá vidáthe antár eṣām . . .). Rgv. IV. 53. 5 (Kauṣītakibr. XXII. 2): „Dreifach den Luftkreis in seiner Grösse, die drei Räume, die drei Glanzhimmel umfassend, die drei Himmel und die drei Erden setzt er in Bewegung, auf dreifachem Pfade beschützt er selber uns“ (trír antárikṣam savitá mahitvánā trí rájāṃsi paribḥús trīṇi rocánā tisṛó dívaḥ pṛthivís tisrá invati tribhír vrataír abhí no rakṣati tmánā). Rgv. V. 69, 1: „Drei Glanzregionen, Varuṇa, und drei Himmel, drei Räume, o Mitra, habt ihr inne . . .“ (trí rocánā varuṇa trīmṛ utá dyún trīṇi mitra dhārayatho rájāṃsi . . .). Atharvav. XIII. 3. 21: „Drei sind der Untergänge, drei der Aufgänge, drei sind der Lufträume und drei der Himmel, wir kennen deinen dreifachen Geburtsort, o Agni, wir kennen der Gottheiten dreifache Generationen“ (nimṛúcas tisró vyúṣo ha tisrás trīṇi rájāṃsi dívo aṅgá tisráḥ, vidmá te agne tredhá janítram tredhá devānām jánimāni vidma). Atharvav. XIX. 27. 3. 4 (IV. 20. 2): „Drei sind der Erden, sagen sie, drei der Himmel, drei sind der Atmosphären und vier der Ozeane, dreifach ist der Preishymnus, dreifach sind die Wasser, diese sollen mit dreifachem Sang und dreifach dich schützen. Drei Himmelsgewölbe und drei Seen, drei helle, drei feststehende, drei Mātarīśvanas und drei Sonnen, als Beschützer richte ich für dich ein“ (tisró dívas tísraḥ pṛthivís trīṇy antárikṣāṇi catúraḥ samudrán, trivṛtam stómam trivṛta āpa āhus tás vā rakṣantu trivṛtā trivṛdbhiḥ. trín nákāṃs trínt samudráṃs trín bradhnáms trín vaiṣṭapán, trín mātaríśvanas trínt sūryān gopṭṛn kalpayāmi te). Etwas abweichend ist die Stelle Atharvav. XI. 7. 14: „Neun Erden, Ozeane und Himmel sind in den Rest gesetzt . . .“ (náva bhūmīḥ samudrá ucchiṣṭé 'dhi śritā́ dívaḥ . . .).

c7.s1.t2.15

Eine Anzahl von Stellen, die nur von drei Erden oder drei Himmeln sprechen, werden bei Behandlung dieser Abschnitte noch angedeutet werden.

c7.s1.t2.16

Bereits in früher Zeit ging die Spekulation, wenn auch anfangs tastend und unbestimmt dazu über, weitere Sphären über die Dreizahl hinaus zu konstruieren. Einen Versuch nach dieser Richtung an man wohl schon sehen in der Aufzählung der acht Vasu als Bewohner verschiedener Weltschichten im Śatapathabr. XI. 6. 3. 6. Es sind 1. Agní, 2. die Erde (pṛthivī), 3. die Windwelt (vāyu), 4. die Ätherwelt (antarikṣa), 5. die Sonnenwelt (āditya), 6. die Himmelswelt (dyaus), 7. die Mondwelt (candramas) und 8. die Sternenwelt (nakṣatrāṇi). Eine direkte Angabe von einer Siebenzahl der Welten, aber ohne Aufzählung derselben findet sich Śatapathabr. IX. 5. 2. 8: „Es ist ein Hymnus in sieben Versen, der Feueraltar besteht aus sieben Schichten, es gibt sieben Jahreszeiten, sieben Weltgegenden, sieben Götterwelten, sieben Stoma, sieben Pṛṣṭha (saptarcám bhavati, saptácitiko 'gníḥ saptà 'ṛtávaḥ sapta díśaḥ saptá devalokáḥ sapta stómāḥ saptá pṛṣṭhāni . . .). Sieben Welten werden mit Namen aufgeführt Kauṣītakibr. XX. 1: Devaloka und Pitrloka bilden den Jīvaloka, auch Upodaka genannt, 2. Agniloka oder Ṛtadhāman, 3. Vāyuloka oder Aparājita, 4. Indraloka oder Adhidiv, 5. Varuṇaloka oder Pradiv, 6. Mṛtyuloka oder Rocana, 7. Brahma loka. Bṛhadāraṇyaka-Up. III. 6, 1 werden folgende neun Welten aufgezählt, die über der Erde liegen sollen: 1. Windwelt (vāyu), 2. Luftraumwelt (antarikṣaloka), 3. Gandharva-Welt (gandharvaloka), 4. Sonnenwelt (ādityaloka), 5. Mondwelt (candraloka), 6. Sternenwelt (nakṣatraloka), 7. Götterwelt (devaloka), 8. Indra-Welt (indraloka) und 9. Prajāpati-Welt (prajāpatiloka). Das Ganze soll in den Wassern eingewoben (ota) und verwoben (prota) sein. Die letzte Stufe in dieser Entwicklung sind dann die sieben Welt-schichten oder Sphären, wie sie Muṇḍaka-Up. I. 2. 3 bereits angedeutet und Taittirīya-Āraṇyaka X. 27, 28, Nādabindu-Up. 3. 4 und Aruṇeya-Up. 1 und in der ganzen jüngeren Literatur ausdrücklich genannt werden, nämlich bhūrloka, bhuvarloka, svarloka, maharloka, janarloka, tapoloka und satyaloka.

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