Geschichte der indischen Litteratur v3.c22.s3: Lexikographie
Geschichte der indischen Litteratur v3.c22.s3
- Language
- German
Lexikographie
v3.c22.s3.1
⁴ Dieses Kapitel stützt sich im wesentlichen auf Th. Zachariae, die indischen Wörterbücher (Kośa), Straßburg 1897 (Grundriß I, 3 B). Die bis zum Jahre 1897 erschienene Litteratur findet man hier vollständig verzeichnet.
v3.c22.s3.2
Die Anfänge der indischen Lexikographie liegen in den vedischen Nighaṇṭus vor⁵). Doch sind diese von den Kośas⁶) oder Wörterbüchern durch eine ziemlich breite Kluft getrennt, die zum Teil durch die Entwicklung der grammatischen Wissenschaft ausgefüllt ist. Die zur grammatischen Litteratur gehörigen Dhātupāṭhas, Uṇādisūtras, Gaṇapāṭhas und Liṅgānuśāsanas bilden den Übergang zur Lexikographie. Während in den Nighaṇṭus auch Verba enthalten sind, enthalten die Kośas nur Nomina und Indeclinabilia. Und während sich die Nighaṇṭus auf bestimmte vedische Texte beziehen, sind die Kośas nicht aus Spezialwörterbüchern hervorgegangen.
v3.c22.s3.3
⁵ S. oben I, 62, 244 f.
v3.c22.s3.4
⁶ Kośa (oder Koṣa), »thesaurus«, ist eine Abkürzung von Abhidhānakośa, »Schatz der Wörter«. Andere Benennungen von Wörterbüchern sind Nāmamālā, »Kranz der Nomina«, oder Nāmapārāyaṇa, »vollständige Sammlung der Nomina«. In Südindien wird auch der Ausdruck Nighaṇṭu (auch Nirghaṇṭu, bei den Jainas nigghaṃṭa) gebraucht.
v3.c22.s3.5
In der Tat verfolgen die uns erhaltenen Wörterbücher einen ganz anderen Zweck, als die vedischen Nighaṇṭus. Letztere sollten der Exegese dienen. Die Kośas aber sind zum größten Teil Sammlungen von wichtigen und seltenen Wörtern und Wortbedeutungen zum Gebrauch für die Dichter. Die Lexikographen betonen auch oft, daß sie ihre Werke für die Dichter geschrieben haben¹). Die Wörterbücher sind denn auch alle in Versen (gewöhnlich Ślokas, manchmal auch Āryāstrophen) abgefaßt, und sie gehören ebenso wie die Alaṃkāraśāstras zu den unentbehrlichen Hilfsbüchern der Kunstdichter. Das Studium des Wörterbuches ersparte den Kunstdichtern oft auch die mühsame Arbeit des Studiums anderer Wissenschaften. Denn die Verfasser der Kośas nahmen aus den Lehrbüchern der verschiedenen Wissenschaften, z. B. des Nītiśāstra oder der Astronomie, alle wichtigen Wörter auf.
v3.c22.s3.6
¹ Wie enge die Kośas mit dem Kāvya zusammenhängen, zeigt auch der Umstand, daß viele Kośas Dichter zu Verfassern haben. So finden wir bei Burnell, Tanjore p. 44 ff. die Dichter Murāri, Mayūra, Bāṇa, Śrīharṣa und Bilhaṇa als Verfasser von Kośas. Śrīharṣa schrieb ein Wörterbuch von Homonymen mit dem ausgesprochenen Zweck der Verwendung für Wortspiele (śleṣa) unter dem Titel Śleṣārthapadasaṃgraha (Burnell a. a. O., p. 50). Auch Amarasiṃha, der berühmte Lexikograph, war Dichter, dessen Verse in Anthologien zitiert werden, s. Thomas p. 22.
v3.c22.s3.7
Es gibt zwei Arten von Wörterbüchern: synonymische und homonymische. Die ersteren sind systematisch angeordnete Sammlungen von Wörtern, die eine und dieselbe Bedeutung haben. Sie sind meist nach Gegenständen angeordnet und haben oft den Charakter von Realenzyklopädien. Die homonymischen Wörterbücher enthalten Wörter mit mehr als einer Bedeutung (anekārtha, nānārtha). Aber die meisten größeren synonymischen Wörterbücher enthalten auch einen Abschnitt der Homonyme.
v3.c22.s3.8
Die Anordnung der Wörter in den Wörterbüchern geschieht nach verschiedenen Prinzipien, gewöhnlich nach mehreren Prinzipien zugleich: nach dem Umfang der Artikel (zuerst die größeren, dann die kleineren), nach dem Alphabet (entweder nach dem Endkonsonanten oder nach dem Anfangsbuchstaben oder nach beiden zugleich) oder nach der Zahl der Silben¹). In den homonymischen Wörterbüchern stehen die Wörter und deren Bedeutungen entweder nebeneinander im Nominativ, oder die Bedeutungen werden im Lokativ gegeben. Manche Wörterbücher geben nicht nur die Bedeutungen, sondern auch das Geschlecht der Wörter²), und oft enthalten sie einen besonderen Abschnitt über das Geschlecht der Wörter als Appendix. Manchmal sind die Wörter auch zum Teil nach dem Geschlecht angeordnet.
v3.c22.s3.9
¹ Daß die Inder nicht das uns so selbstverständlich erscheinende Prinzip der alphabetischen Anordnung der Wörter allgemein befolgten, hat darin seinen Grund, daß die indischen Wörterbücher nicht zum Nachschlagen, sondern zum Auswendiglernen bestimmte Sammlungen wichtiger Wörter sein sollten.
v3.c22.s3.10
² Sie sind also Nāmānuśāsana und Liṅgānuśāsana zugleich.
v3.c22.s3.11
Die älteren Wörterbücher sind uns nur in Bruchstücken erhalten. Sie waren weder alphabetisch, noch sonst irgendwie systematisch angeordnet. Ihre Worterklärungen waren sehr ausführlich. Während später möglichst viele Wörter in einen Vers gedrängt wurden, haben die alten Kośas gerne einen ganzen Vers zur Erklärung eines Wortes gebraucht. Wahrscheinlich das älteste Bruchstück eines Wörterbuches findet sich in acht Blättern der sogenannten »Weber-Manuskripte«³) aus Kaschgar in Zentralasien. Es sind Bruchstücke eines sehr altertümlichen synonymischen Wörterbuches, dessen Verfasser wahrscheinlich ein Buddhist war. Sonst kennen wir eine Anzahl alter Wörterbücher nur durch Zitate in Kommentaren. Ein Nānārthakośa wird schon in der Kāśikā zitiert. Zu den älteren Lexikographen gehören u. a. Kātyāyana (oder Kātya), dessen Nāmamālā oft zitiert wird, Vācaspati, der Verfasser eines Śabdārṇava, Vikramāditya, dem der Saṃsārāvarta zugeschrieben wird, und Vyāḍi, der Verfasser der Utpalinī, die besonders reichhaltig war und auch buddhistische Ausdrücke enthielt. So wie aber Pāṇini unter den Grammatikern alle seine Vorgänger verdrängt hat und alle seine Nachfolger an Berühmtheit überragt, so nimmt unter den Wörterbüchern das Nāmaliṅgānuśāsana (»Belehrung über die Nomina und ihr Geschlecht«) des Amarasiṃha, gewöhnlich nur Amarakośa¹), »Amaras Wörterbuch«, genannt, eine ähnliche Vorzugsstellung ein. Amarasiṃha war Buddhist; aber eine besondere Berücksichtigung des buddhistischen Wortschatzes findet sich in seinem Wörterbuch nicht. Über seine Zeit wissen wir nichts Sicheres. Daß er unter den »neun Edelsteinen« am Hofe des Königs Vikramāditya genannt wird, will nicht viel besagen. Es wurde schon erwähnt, daß er jünger als Kālidāsa sein muß, da er dessen Werke ausgezogen hat²). Da der Verfall des Buddhismus in Indien mit dem 8. Jahrhundert beginnt, können wir annehmen, daß der Buddhist Amarasiṃha zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert gelebt hat. Doch ist das ganz hypothetisch, und es ist nicht einmal sicher, daß der Amarakośa selbst unter den erhaltenen Wörterbüchern das älteste ist. Der Amarakośa ist ein synonymisches Wörterbuch, das aus drei Abschnitten besteht (weshalb es auch manchmal »Trikāṇḍī« genannt wird). Im 1. Abschnitt finden wir die Wörter für Himmel, Götter, Luftraum, Sterne, Zeitabschnitte, für Wort, Sprache, Schall, Musik, Tanz, für Unterwelt, Schlangen, Meer, Wasser, Insel, Schiff, Fluß, Wassertiere und Wasserpflanzen; im 2. Abschnitt die Wörter für Erde, Stadt, Berg, Wald, Bäume und Kräuter, Tiere, Mann, Frau, Verwandtschaftsgrade, Krankheiten, Körperteile, Kleidungsstücke, Schmucksachen, die vier Kasten und ihre Beschäftigungen. Der 3. Abschnitt enthält Eigenschaftswörter, vermischte Wörter und Nachträge über Homonyme, Indeclinabilia und über das Geschlecht der Nomina³). Ähnlich ist die Einteilung in den anderen synonymischen Wörterbüchern, nur daß der Stoff öfter auf mehr als drei Abschnitte verteilt ist. Zum Amarakośa hat es nicht weniger als 50 Kommentare gegeben, von denen aber nur wenige bekannt sind¹). Wichtig ist der Kommentar des Bhaṭṭa Kṣīrasvāmin, der wahrscheinlich im 11. Jahrhundert gelebt hat²). Ein sehr umfangreicher Kommentar, im Jahre 1431 geschrieben, ist der des Bṛhaspati Rāyamukuṭamaṇi, der selbst angibt, daß sein Kommentar ein Auszug aus 16 früheren Kommentaren sei, und der nicht weniger als 270 Werke und Schriftsteller zitiert.
v3.c22.s3.12
³ Sie heißen so, weil dieses Bündel von Handschriften-Fragmenten von dem Missionär F. Weber in Leh in Ladhakh angekauft worden sind. Vgl. Hoernle, JASB 62, 1893, 1, 26 ff.; Bühler, WZKM 7, 1893, 266 f.; Winternitz u. Keith, Catalogue of Sanskrit Manscripts in the Bodleian Library II, p. 111.
v3.c22.s3.13
¹ Die einzige in Europa erschienene Ausgabe ist die von Loiseleur Deslongchamps, Paris 1839 und 1845. In Indien sind zahlreiche Ausgaben erschienen. Die neueste ist die von Gaṇapati Śāstrī mit dem im Jahre 1159 geschriebenen Kommentar Ṭīkāsarvasva des Vandyaghaṭīya Sarvānanda, TSS No. 38, 43, 51, 52 (1914—1917). Eine gute Ausgabe ist auch die von P. Durgāprasād, K. P. Parab und Śivadatta, Bombay NSP 1889.
v3.c22.s3.14
² S. oben S. 42 f. Bhandarkar, Vaiṣṇavism etc. p. 45 will ihn ins 6. Jahrhundert setzen, weil er Mahāyāna-Buddhist war. Aber wir finden noch im 7. Jahrhundert so bedeutende Mahāyāna-Schriftsteller wie Śāntideva.
v3.c22.s3.15
³ Der genau so angeordnete lexikographische Abschnitt des Agni-purāṇa 359—366 ist wohl nur ein Auszug aus dem Amarakośa.
v3.c22.s3.16
¹ Vgl. Burnell, Tanjore 44 ff.; Eggeling, Ind. Off. Cat. II, 270 ff.
v3.c22.s3.17
² Da er den Dramatiker Rājaśekhara und Bhoja zitiert, kann er mit dem in der Rājataraṅgiṇī 4, 489 erwähnten Grammatiker Kṣīra, der unter König Jayāpīḍa (8. Jahrhundert) gelebt haben soll, nicht identisch sein.
v3.c22.s3.18
Ein Supplement zum Amarakośa ist der Trikāṇḍaśeṣa des Puruṣottamadeva. Dieses Verzeichnis von besonders seltenen Wörtern »gehört unstreitig zu den wichtigsten und interessantesten Wörterbüchern, die wir besitzen«³). Es enthält seltene Buddhanamen und viele dem buddhistischen Sanskrit eigentümliche Wörter. Er hat auch Wörter aufgenommen, die sich nur in Inschriften finden, und selbst Prākritwörter⁴). Puruṣottamadeva ist auch der Verfasser eines kleineren Wörterbuches, der Hārāvalī, die aus einem synonymischen und einem homonymischen Teil besteht und noch mehr seltene Wörter enthält als das erste Werk. Er sagt, er habe zwölf Jahre an dem Werk gearbeitet, d. h. wohl, daß er seltene Wörter aus der Litteratur gesammelt hat. Über die Zeit des Puruṣottamadeva, der auch einen Kommentar zu Pāṇini und andere grammatische Werke geschrieben hat, wissen wir nichts. Doch muß er zu einer Zeit gelebt haben, als der Mahāyāna-Buddhismus in Indien noch in Blüte stand.
v3.c22.s3.19
³ Zachariae a. a. O., S. 23; Haraprasād, Report I, p. 7 f.
v3.c22.s3.20
⁴ Über diese handelt Zachariae, Bezz. Beitr. 10, 1886, 122 ff.
v3.c22.s3.21
Alt und wichtig ist das homonymische Wörterbuch Anekārthasamuccaya⁵) des Śāśvata. Altertümlich ist schon die Anordnung des Stoffes. Es werden zuerst die Wörter erklärt, die einen ganzen Vers, dann diejenigen, die einen halben, und schließlich diejenigen, die einen Viertelvers zu ihrer Erklärung beanspruchen; dann folgen die Nachträge und ein Abschnitt über die Indeclinabilia. Der einzige ältere Kośa, dessen Zeit annähernd bestimmt werden kann, ist die Abhidhānaratnamālā¹) des Halāyudha, der in der Mitte des 10. Jahrhunderts schrieb. Das Wörterbuch ist sehr kurz, nur aus 900 Versen bestehend. Hingegen ist eines der umfangreichsten Wörterbücher die etwa um 100 Jahre jüngere Vaijayantī²) des Yādavaprakāśa, der ein Zeitgenosse des Rāmānuja war. Er war ebenso wie Halāyudha ein Südinder. Hier sind die Wörter zuerst nach der Zahl der Silben angeordnet, dann nach dem Geschlecht und in jeder Unterabteilung wieder nach dem Anfangsbuchstaben. Das Werk ist deshalb von großer Wichtigkeit, weil es zahlreiche Wörter enthält, die in anderen Wörterbüchern nicht vorkommen³). Eines der älteren Wörterbücher ist auch die von dem Dichter und Digambara-Jaina Dhanañjaya⁴) zwischen 1123 und 1140 geschriebene Nāmamālā. Das homonymische Wörterbuch Viśvaprakāśa⁵) des Dichters Maheśvara ist nach des Verfassers eigenen Angaben im Jahre 1111 abgefaßt. In der Mitte des 12. Jahrhunderts schrieb der uns schon bekannte Dichter Maṅkha einen Anekārthakośa mit einem Kommentar⁶). Er selbst nennt als seine Quellen Halāyudha, Amarasiṃha, Śāśvata und Dhanvantari. Das Wörterbuch des Śāśvata hat er besonders stark benützt, aber doch auch eine große Anzahl von Bedeutungen überliefert, die in anderen Wörterbüchern nicht verzeichnet sind. Im Kommentar werden besonders häufig der kaschmirische Dichter Bhallaṭa und das Harṣacarita zitiert.
v3.c22.s3.22
⁵ Herausgegeben von Th. Zachariae, Berlin 1882, der damals nachzuweisen suchte, daß Śāśvata älter sei als Amarasiṁha. Aber im Grundriß (Die indischen Wörterbücher, S. 24) drückt er sich darüber zweifelnd aus.
v3.c22.s3.23
¹ Herausgegeben von Th. Aufrecht, London 1861.
v3.c22.s3.24
² Herausgegeben von G. Oppert, Madras 1893.
v3.c22.s3.25
³ Vgl. Bühler, WZKM 1, 1887, 1 ff.; Zachariae, GGA 1894, 814 ff., und Die indischen Wörterbücher S. 27.
v3.c22.s3.26
⁴ S. oben S. 75.
v3.c22.s3.27
⁵ Herausgegeben in ChSS 1911.
v3.c22.s3.28
⁶ Der Maṅkhakośa mit Auszügen aus dem Kommentar und drei Indices herausgegeben von Th. Zachariae, Wien 1897 (Quellenwerke der altindischen Lexikographie III). S. auch Epilegomena zu der Ausgabe des Maṅkhakośa, SWA 1899, Bd. 141, wo S. 16 ff. über die Quellen des Maṅkhakośa gehandelt wird. Daß Maṅkha auch der Verfasser des Kommentars ist, hat Zachariae wahrscheinlich gemacht.
v3.c22.s3.29
Von größter Wichtigkeit sind die Wörterbücher des Hemacandra. Er hat sie, wie er selbst sagt, als Ergänzung zu seiner Grammatik verfaßt. Ein synonymisches Wörterbuch ist die Abhidhānacintāmaṇināmamālā, kurz Abhidhānacintāmaṇi genannt¹). Das Werk besteht aus einer Einleitung, die über die verschiedenen Wortarten handelt, und aus sechs Abschnitten, von denen der erste die Jainagottheiten, der zweite die brahmanischen Götter, der dritte die Menschen, der vierte die Tiere, der fünfte die Bewohner der Unterwelt und der sechste die Abstrakta, Adjektiva und die Partikeln behandelt. Hemacandra selbst verfaßte einen Kommentar zu seinem Werk. Außerdem gibt es noch mehrere Nachträge dazu, teils von ihm selbst, teils von anderen²). Als Ergänzung zum Abhidhānacintāmaṇi schrieb er auch den Nighaṇṭuśeṣa, ein botanisches Glossar in 396 Ślokas. Der Anekārthasaṃgraha³) des Hemacandra ist ein homonymisches Wörterbuch in sieben Abschnitten. Und zwar werden in den ersten sechs Abschnitten der Reihe nach die ein- bis sechssilbigen Substantiva und Adjektiva erklärt, während der siebente Abschnitt die Indeclinabilia behandelt. Die Anordnung der Wörter ist sehr praktisch; sie sind nach der Silbenzahl, nach dem Anfangsbuchstaben und nach dem Endkonsonanten geordnet. Einen sehr inhaltsreichen Kommentar zu dem Kośa hat Hemacandras Schüler Mahendrasūri herausgegeben oder selbst verfaßt.
v3.c22.s3.30
¹ Herausgegeben von O. Böhtlingk und Ch. Rieu, St. Petersburg 1847.
v3.c22.s3.31
² Über diese s. Zachariae, WZKM 16, 1902, S. 13 ff.
v3.c22.s3.32
³ Mit Auszügen aus dem Kommentar des Mahendra herausgegeben von Th. Zachariae, Wien 1893 (Quellenwerke der altind. Lexikogr. I). S. auch Epilegomena zur Ausgabe mit einem Verzeichnis der von Mahendra zitierten Dichter, SWA 1893, Bd. 129.
v3.c22.s3.33
Von den späteren Wörterbüchern seien nur noch zwei homonymische erwähnt. Am Ende des 12. oder Anfang des 13. Jahrhunderts schrieb Keśavasvāmin den Nānārthārṇavasaṃkṣepa⁴), in welchem die Wörter nach Silbenzahl, Alphabet und Geschlecht gut angeordnet sind. Sehr bekannt und viel zitiert ist der Nānārthaśabdakośa⁵) des Medinīkara, der wahrscheinlich im 14. Jahrhundert schrieb. Das Werk wird gewöhnlich kurz »Medinīkośa« oder »Medinī« genannt. Seine Hauptquelle scheint der Viśvaprakāśa gewesen zu sein.
v3.c22.s3.34
⁴ Herausgegeben von Gaṇapati Śāstrī in TSS No. 23 und 29, 1913.
v3.c22.s3.35
⁵ Herausgegeben in dem Sammelwerk Nānārthasaṃgraha von Anundoram Borooah (= Comprehensive Grammar of the Sanskrit Language, Vol. III, Part. 1), Calcutta 1884.
v3.c22.s3.36
Außer den synonymischen und homonymischen Wörterbüchern gibt es auch allerlei Spezialwörterbücher, z. B. Glossare von einsilbigen Wörtern (Ekākṣarakośa), orthographische Glossare von Wörtern, die auf zwei oder drei verschiedene Arten geschrieben werden (Dvirūpakośa, Trirūpakośa), ferner medizinisch-botanische und astronomisch-astrologische Glossare. Spezialwörterbücher sind auch die zum Verständnis der buddhistischen Sanskrittexte verfaßten Wörterbücher, die den vedischen Nighaṇṭus dadurch, daß sie wie diese für bestimmte Texte verfaßt sind und daß sie nicht die metrische Form haben, näher stehen als den übrigen Sanskritwörterbüchern. Am bekanntesten ist die Mahāvyutpatti¹). Dieses umfangreiche Lexikon enthält nicht nur eine Aufzählung der Buddhanamen und eine Erklärung der buddhistischen Fachausdrücke, sondern behandelt auch andere Dinge: die Verwandtschaftsnamen, die Körperteile, die Namen der Tiere und Pflanzen, die Krankheiten, die Pronomina usw. Es gibt nicht nur Synonyme, sondern auch Phrasen, Verbalformen und ganze Sätze.
v3.c22.s3.37
¹ Herausgegeben von J. P. Minayeff in den »Forschungen und Materialien zum Buddhismus« I, 2, St. Petersburg 1887 (s. Zachariae, GGA 1888, 845 ff.), und 2nd Ed., Bibliotheca Buddhica XIII, St. Petersburg 1911. Vgl. E. Müller, JRAS 1912, p. 509 ff., wo auch das mir nicht zugängliche Werk »Sanskrit-Tibetan-English Vocabulary, being an Edition and Translation of the Mahāvyutpatti, by Alexander Csoma de Körös, ed. by E. Denison Ross and S. Ch. Vidyābhūṣaṇa, Part I« besprochen ist.
v3.c22.s3.38
Das älteste Prākritwörterbuch, das wir besitzen, ist die Pāiyalacchī Nāmamālā von Dhanapāla²) in 279 Āryāversen. Nach seinen eigenen Angaben hat der Verfasser sein Werk im Jahre 972 n. Chr. für seine jüngere Schwester Sundarī verfaßt. In der Anordnung der Wörter ist keinerlei Methode zu bemerken, außer daß in den ersten drei Teilen die Götternamen und die Bezeichnungen der heiligen Dinge zuerst kommen. Trotz des Titels Nāmamālā schließt das Wörterbuch nicht nur Nomina, sondern auch Adverbia, Verbalformen, Partikeln und Affixe ein.
v3.c22.s3.39
² Ed. by G. Bühler (Separ. aus Bezz. Beitr. 4, S. 70—166). Der Titel (= Sanskrit Prākṛtalakṣmī) bedeutet: »Schönheit oder Reichtum der Prākritsprache«.
v3.c22.s3.40
Die Pāiyalacchī ist von Hemacandra in seiner Deśīnāmamālā oder Deśīśabadasaṃgraha¹) benützt worden. Wie der Titel besagt, soll dieses Werk die »Deśī«-Wörter behandeln. Die Prākritgrammatiker, die ja grundsätzlich das Prākrit vom Sanskrit ableiten, teilen nämlich den gesamten Wortschatz in drei Klassen ein: Tatsama (Wörter, die ihm, d. h. dem Sanskrit, gleich sind), Tadbhava (Wörter, die von ihm, d. h. dem Sanskrit, abstammen) und Deśī (oder Deśya), »Provinzialismen«, die nicht aus dem Sanskrit abgeleitet werden können. Hemacandra hat nun allerdings in sein Wörterbuch auch Tatsama- und Tadbhava-Wörter aufgenommen, aber nur in geringer Zahl. Und darum ist sein Werk für unsere Kenntnis des Prākrit von ganz außerordentlicher Wichtigkeit, — nicht etwa weil Hemacandra eigene Quellenforschungen angestellt hat, sondern weil uns die Werke, aus denen er, wie er selbst zugesteht, sein Lexikon kompiliert hat, nicht mehr erhalten sind. Die Deśīnāmamālā ist in acht Vargas eingeteilt, die alphabetisch und nach der Silbenzahl angeordnet sind. Wie zu seinen anderen Werken, hat Hemacandra auch zu diesem selbst einen Kommentar geschrieben.
v3.c22.s3.41
¹ Ed. by R. Pischel, BSS No. 17, 1880.
v3.c22.s3.42
Von älteren Pāli-Wörterbüchern ist nur eines erhalten, die Abhidhānappadīpikā des Moggallāna, der wohl mit dem oben erwähnten Grammatiker dieses Namens identisch ist. Jedenfalls gehört das Werk derselben Zeit (Ende des 12. Jahrhunderts) an. Es ist wie die Sanskrit-Wörterbücher in Versen abgefaßt und ganz nach dem Muster des Amarakośa gemacht; manche Teile sind sogar einfach aus diesem ins Pāli übersetzt. Wahrscheinlich hat aber Moggallāna noch ein anderes Sanskritlexikon benützt²).
v3.c22.s3.43
² Vgl. Franke, Zur Geschichte und Kritik der einheimischen Pāli-Grammatik und -Lexikographie, S. 65 ff., und Geiger, Pāli Literatur und Sprache, S. 37 f.
v3.c22.s3.44
Schließlich sei noch erwähnt, daß es in neuerer Zeit auch Wörterbücher gibt, in denen der Wortschatz einer neuindischen oder fremden Sprache in Sanskrit oder umgekehrt das Sanskrit durch eine der neuindischen Sprachen erklärt wird. Unter der Regierung des Kaisers Akbar wurde von Kṛṣṇadāsa unter dem Titel Pārasīprakāśa auch ein Persisch-Sanskrit-Wörterbuch verfaßt, während ein gewisser Vedāṅgarāya unter demselben Titel im Jahre 1643 unter Schāh Jehān ein ebensolches Wörterbuch astronomisch-astrologischen Inhalts geschrieben hat¹).
v3.c22.s3.45
¹ S. oben S. 408 und A. Weber, Über den Pârasîprakâça des Kṛishṇadâsa: ABA 1887, I.
v3.c22.s3.46
Ein Mittelding zwischen Kośa und Arthaśāstra ist der Lokaprakāśa des Kṣemendra. Nur ein kleiner Teil des Werkes kann als Wörterbuch bezeichnet werden, der größere Teil enthält vermischte Notizen über allerlei wissenswerte Dinge des täglichen Lebens. Aber auch die wörterbuchartigen Abschnitte beschäftigen sich mehr mit Wörtern und Sachen, die im wirklichen Leben, als solchen, die in der Litteratur vorkommen. Gerade dadurch ist das in einem Gemisch von Sanskrit, Persisch und Volksdialekt abgefaßte und schlecht überlieferte Werk von einiger Wichtigkeit. Der Verfasser nennt sich in der Einleitung einen Schüler des großen Weisen Vyāsa, was wohl nur eine Abkürzung von Vyāsadāsa, dem Beinamen des uns bekannten Kṣemendra, ist. Da aber in dem Werk mohammedanische Namen vorkommen und mehrfach der Schāh Jehān erwähnt wird, der 1628—1658 regierte, kann es in der Form, in der es uns vorliegt, nicht das Werk des Kṣemendra des 11. Jahrhunderts sein. Vielleicht ist ein älteres Werk dieses Kṣemendra im 17. Jahrhundert den damaligen Verhältnissen entsprechend umgearbeitet worden²).
v3.c22.s3.47
² Vgl. Weber, Ind. Stud. 18, 289 ff. und Bühler, Report 75 f.
Linked texts (23)
- Agnipurāṇa — Vyāsa, Sanskrit
- Rājataraṅgiṇī — Kalhaṇa, Sanskrit
- Deśīnāmamālā (Rayaṇāvalī) — Hemacandra, Māhārāṣṭrī Prakrit
- Anekārthasaṃgraha — Hemacandra, Sanskrit
- Nāmaliṅgānuśāsana (Amarakośa) — Amarasiṃha, Sanskrit
- Mahāvyutpatti — Sanskrit
- Harṣacarita — Bāṇabhaṭṭa, Sanskrit
- Pāiyalacchīnāmamālā — Dhanapāla, Māhārāṣṭrī Prakrit
- Viśvaprakāśa — Maheśvara (lexicographer), Sanskrit
- Ekākṣarakośa — Puruṣottamadeva, Sanskrit
- Nānārtha-kośa
- Nānārthārṇavasaṃkṣepa — Keśavasvāmin, Sanskrit
- Vaijayantī — Yādavaprakāśa, Sanskrit
- Abhidhānacintāmaṇi — Hemacandra, Sanskrit
- Abhidhānaratnamālā — Halāyudha (lexicographer), Sanskrit
- Nighaṇṭu — Yāska, Sanskrit
- Anekārthakośa (Maṅkhakośa) — Maṅkha, Sanskrit
- Trikāṇḍaśeṣa — Puruṣottamadeva, Sanskrit
- Dvirūpakośa (Śrīharṣa) — Śrīharṣa, Sanskrit
- Anekārthasamuccaya (Śāśvatakośa) — Śāśvata, Sanskrit
- Nāmamālā — Dhanañjaya, Sanskrit
- Nighaṇṭuśeṣa — Hemacandra, Sanskrit
- Hārāvalī — Puruṣottamadeva, Sanskrit