Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c10.s3: III. Die Sekten
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c10.s3
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- German
Contents
- c10.s3.t1 1. Die Schismen der älteren Zeit — 11 parts
- c10.s3.t2 2. Die Sekten der späteren Zeit — 43 parts
III. Die Sekten
1. Die Schismen der älteren Zeit
c10.s3.t1.1
Die Jainas stellen keine einheitliche Religionsgemeinde dar, sondern zerfallen in eine große Zahl von Sekten. Spaltungen sind seit den ältesten Zeiten bei ihnen an der Tagesordnung gewesen. Die Shvetâmbaras wissen von 8 Schismen (Nihnava) zu berichten 73, welche in der Frühgeschichte der Kirche entstanden. Die beiden ersten von diesen fanden schon zu Lebzeiten Mahâvîras statt. Der erste Schismatiker war der eigene Schwiegersohn des Tîrthankara, Jamâli. Dieser stellte im Gegensatz zum Meister die Theorie auf, daß ein Wirken erst dann als abgeschlossen gelten könne, wenn es vollendet sei. Er ließ sich von seinem Irrtum nicht abbringen und starb deshalb unerlöst.
c10.s3.t1.2
Das zweite Schisma ging von dem Mönche Tishyagupta aus. Dieser leugnete die Lehre Mahâvîras, daß die Seele alle Atome des Körpers umfasse, ließ sich aber schließlich von einem frommen Laien von der Irrigkeit seiner Anschauungen überzeugen.
c10.s3.t1.3
214 Jahre nach Mahâvîras Nirvâna verkündeten die Schüler des Âshâdha eine „Ununterscheidbarkeitslehre“, nach welcher Asketen und Götter ohne Unterschied zu behandeln seien. Die Aufstellung dieser Lehre erfolgte im Hinblick auf ein eigenartiges Vorkommnis. Âshâdha war in einer Nacht plötzlich gestorben, ohne daß es jemand bemerkt hatte. Als Gott wiedergeboren, ging er sofort in seinen früheren Leichnam ein. Die Schüler erwiesen ihm darauf die üblichen Ehrenbezeugungen, im irrigen Glauben, ihren noch lebenden Lehrer vor sich zu haben. Als der zum Gott Gewordene dann wieder den Leichnam verließ und die Jünger über ihren Irrtum aufklärte, behaupteten letztere seitdem, man könne nie wissen, ob jemand ein der Askese Beflissener oder ein Gott sei. Da sie von ihrer Ketzerei nicht lassen wollten, wurden sie aus der Gemeinde ausgestoßen. Schließlich wurden sie von König Balabhadra wieder zur rechten Ansicht zurückgeführt.
c10.s3.t1.4
Sechs Jahre später verbreitete Ashvamitra eine Theorie, welche besagte, daß einmal alle Wesen verschwinden würden. Wegen seines Irrtums exkommuniziert, wurde er später von einem Zollwächter belehrt und leistete Abbitte.
c10.s3.t1.5
Acht Jahre danach kam Ganga zu der falschen Ansicht, daß zwei einander widersprechende Empfindungen, wie kalt und warm, zu gleicher Zeit möglich seien. Ganga wurde deswegen ausgestoßen, sah aber später seinen Fehler ein und leistete Buße.
c10.s3.t1.6
Während die letzten Schismen nur geringfügige Punkte betrafen und mit der schließlichen Bekehrung der Häretiker endeten, war das folgende (6.), welches in das Jahr 544 nach dem Nirvâna Mahâvîras verlegt wird, von größerer Bedeutung. Der Mönch Rohagupta vertrat die Ansicht, daß es außer Lebendem (Jîva) und Leblosem (Ajîva) noch eine dritte Seinsklasse „Nojîva“ (eig.: Nichtleben) gäbe. Nach der Meinung der Jainas ist das Vaisheshika-System, die brahmanische Atomistik, aus dieser „Trias-Lehre“ hervorgegangen.
c10.s3.t1.7
40 Jahre später behauptete Goshtâmâhila, die Seele ginge mit dem Karma-Stoff keine enge Verbindung ein, sondern würde von ihm nur berührt, da sonst ein Ausscheiden desselben und somit eine Erlösung unmöglich sei. Er lehrte auch, ein Entsagungsgelübde dürfe man nicht für einen begrenzten Termin auf sich nehmen, sondern nur auf unbegrenzte Zeit. Seine Anschauungen wurden auf einer Kirchenversammlung verworfen; er selber wurde, da er nicht widerrief, ausgestoßen.
c10.s3.t1.8
Das 8. große Schisma führte zu der noch heute bestehenden Spaltung der Gemeinde in zwei Konfessionen.
c10.s3.t1.9
Der legendäre Bericht der Shvetâmbaras über die Entstehung der Digambaras besagt folgendes: In der Stadt Rathavîrapura lebte ein Krieger Shivabhûti. Dieser hatte sich in den Schlachten des dortigen Königs als tapferer Kämpe bewährt und war deshalb vom Fürsten ausgezeichnet worden. Hierdurch übermütig geworden, schwärmte er umher und kam erst nach Mitternacht oder später nach Hause. Seine unglückliche Gattin, die ihn nachts immer erwartete, klagte seiner Mutter ihr Leid. Da blieb diese selbst nachts auf, schalt ihn, als er spät nach Hause kam, und hielt die Haustür verschlossen. Auf der Suche nach einer Unterkunft ging er schließlich in das einzige Haus, dessen Türen offenstanden, in ein Kloster, und wurde Mönch. Als er sich dann beim Könige abmeldete, schenkte ihm dieser einen kostbaren Mantel. Der Abt befahl ihm, denselben zurückzugeben; Shivabhûti gehorchte ihm jedoch nicht. Da zerriß der Abt den Mantel und machte Sitzteppiche daraus. Hierüber wurde Shivabhûti sehr zornig und erklärte, er wolle fortan wie Mahâvîra selbst ohne jede Kleidung umherziehen. Er legte deshalb alle Gewänder ab. Seine Schwester Uttarâ wollte ihm hierin folgen, sehr zum Ärger der Stadthetären, die sich dadurch in ihrem Geschäft benachteiligt fühlten. Shivabhûti verbot das Nacktgehen der Frauen und erklärte, kein Weib könne die Erlösung erreichen. So entstand im Jahre 609 nach Mahâvîras Nirvâna die Botika-Irrlehre, auf der alle Digambara-Sekten fußen⁷⁴.
c10.s3.t1.10
Ganz anders als die Shvetâmbaras erzählen die Digambaras die Entstehung des großen Schisma. Ihr Bericht knüpft an die Geschichte von der Hungersnot in Magadha (s. S. 38) an. Danach waren die nicht nach Maisûr ausgewanderten, in Bihâr verbliebenen Mönche von der strengen Norm Mahâvîras abgewichen und ließen sich von ihrer laxen Auslegung der Vorschriften durch nichts abbringen. Als Sthûlabhadra sie auf den richtigen Weg zurückzuführen suchte, ermordeten sie ihn. Die abtrünnigen Asketen bildeten fortan eine eigene Sekte, die der Ardhapâlikas (vielleicht: Leute, die halbe Lumpen tragen). Mönche dieser Gemeinschaft unterrichteten Candralekhâ, die Tochter des Königs Candrakîrti von Ujjain. Als diese Prinzessin den König Lokapâla von Valabhî heiratete, berief sie Ardhapâlikas zu sich in ihre neue Heimat. Ihr Gatte zog ihnen entgegen, um sie zu empfangen. Als er die Mönche „weder nackt, noch bekleidet“ kommen sah, kehrte er entrüstet um. Die Königin sandte den Asketen darauf Kleider, und nun empfing sie der Herrscher huldvoll. Seitdem behielten die Ardhapâlikas die Gewohnheit, Kleider zu tragen, bei und wurden Shvetâmbaras genannt.
c10.s3.t1.11
Beide Berichte über die Entstehung der beiden Konfessionen sind tendenziös. Jede Partei sucht sich als die alleinige wahre Hüterin der Tradition und die gegnerische Kirche als eine ketzerische Neubildung hinzustellen; eine jede von ihnen will auch die Gründung der feindlichen Gemeinde auf eine nichtige weltliche Veranlassung zurückführen. Über die mutmaßlichen tatsächlichen Ursachen der Spaltung ist oben S. 39 gehandelt worden; daselbst wurde auch einiges über die Unterschiede in der Lehre der beiden Konfessionen gesagt.
2. Die Sekten der späteren Zeit
c10.s3.t2.1
Die großen konfessionen der Shvetâmbaras und Digambaras zerfallen beide in eine Anzahl von Schulen, Orden und Sekten. Die Ursachen, welchen diese ihre Entstehung verdanken, und die Unterschiede, welche zwischen ihnen bestehen, sind sehr verschiedener Art. Nur einige von ihnen sind durch Lehrer ins Leben gerufen worden, welche Anschauungen vertraten, die von den allgemein-anerkannten abwichen; viele entstanden lediglich dadurch, daß die Schüler eines Lehrers oder die Mönche eines Ortes sich zu einer Gruppe zusammenschlossen, die sich anderen gegenüber als eine zusammengehörige Einheit fühlte.
c10.s3.t2.2
Schon im Kalpasûtra des Bhadrabâhu werden eine Reihe von Ganas „Schulen“, Kulas „Unterabteilungen der Schulen“ und Shâkhâs „Zweigen“, in welche diese sich spalteten, genannt. Die in Mathurâ gefundenen Inschriften geben ebenfalls die Namen zahlreicher Schulen und ihrer Unterabteilungen und bestätigen dadurch die Angaben des Kalpasûtra. Aus Inschriften und literarischen Quellen ergibt sich, daß diese Verhältnisse auch für die ganze folgende Zeit bis zur Gegenwart gelten. Durch sorgfältige Zusammenstellung epigraphischer und anderer Nachrichten läßt sich ein Verzeichnis zahlreicher solcher Gruppen gewinnen; eine solche Liste wird jedoch kaum je alle Schulen umfassen können, die im Jainatum existiert haben oder existieren, weil manche von ihnen zweifellos so unbedeutend gewesen sind, daß uns ihre Namen nicht erhalten blieben. Die Zahl der Schulen ist, wie die Jainas selbst meinen 75, eben nicht bestimmbar. Wenn von den Shvetâmbaras gesagt wird, bei ihnen gäbe es 84 Gacchas, so ist dies nicht dahin zu verstehen, daß es tatsächlich gerade 84 gegeben habe, sondern es soll damit wohl nur das Vorhandensein einer großen Zahl von Gacchas zum Ausdruck gebracht werden. (Die Zahl 84 spielt in Indien bei Aufzählungen stets eine große Rolle.) Daß die Angabe der Zahl 84 an sich nicht richtig sein kann, ergibt sich nicht nur aus den Aufzählungen selbst, welche vielfach variieren und in welchen die Namen von einigen anerkannten Schulen fehlen, sondern auch daraus, daß alle diese Gacchas auf die 84 Schüler des Uddyotana Sûri (937 n. Chr.) zurückgehen sollen; natürlich sind aber auch in späterer Zeit noch Gacchas entstanden, weshalb auch Nahar und Ghosh 76 in ihrer Liste deren weit über hundert aufführen.
c10.s3.t2.3
Die Zahl der heute existierenden Gacchas ist gering. Die wichtigsten Gacchas der bilderverehrenden Shvetâmbaras sind Tapâ, Kharatara, Pâyacanda und Ancala. Bei ihnen gibt es reformierte (gelbe) und nichtreformierte (weiße) Mönche (Sâdhus und Yatis, s. S. 342); die Zahl der letzteren ist beträchtlich größer als die der ersteren, die Yatis machen eben das eigentliche Gros eines Ordens aus, während die Sâdhus nur eine Minderheit von Reformern darstellen.
c10.s3.t2.4
Die Organisation eines Gaccha hat H. Jacobi nach den Mitteilungen des Pannyâsa Gulab Vijaya in Ahmedâbâd folgendermaßen beschrieben 77:
c10.s3.t2.5
„An der Spitze des Gaccha steht ein Großmeister, der Bhattâraka (oder wie er seit Ende des 16. Jahrhunderts auch genannt wird: der Shrîpûjya), dem alle Mönche (Yatis) gehorchen sollen. Er bestimmt, wo die Mönche während der Regenzeit wohnen sollen, und kann allein die Exkommunikation verhängen. Der Orden besteht aus einer Anzahl Gruppen von Mönchen, die sich um einen Meister, Âcârya, bilden. Unter diesem steht der Lehrer, Upâdhyâya (Vâcaka, Pâthaka), der die Texte überliefert; unter diesem der Pannyâsa, der über das Ritual, soweit die Mönche in Betracht kommen, die Aufsicht zu führen hat. Niedriger als der Pannyâsa ist der Gani, der bis zur Bhagavatî inkl. studiert hat und die äußere Askese beobachtet. Alle übrigen Yatis werden Munis genannt; diejenigen von ihnen, welche bis zum Mahânishitha studiert haben, dürfen den Laien asketische Übungen auferlegen.“
c10.s3.t2.6
Ein Asket, der Mitglied eines bestimmten Gaccha geworden ist, darf unter gewissen Umständen in einen anderen übertreten. In diesem Fall hat er eine besondere Formel zu sprechen, in welcher ausdrücklich gesagt wird, daß ihn keine Aussicht auf irgendeinen Vorteil dazu bestimme, um seine Zulassung in den neuen Gaccha nachzusuchen 78.
c10.s3.t2.7
Im Rahmen des vorliegenden Buches erscheint es nicht als notwendig, ein Verzeichnis aller bekannten Schulen und Sekten zu geben 79; ich begnüge mich daher hier damit, nur die wichtigsten von ihnen anzuführen, über welche sich nähere Angaben machen lassen. Leider ist das ganze zur Verfügung stehende Material 80 nur wenig ergiebig, es ließen sich daher zumeist nur knappe und oft wohl auch ungenaue Angaben machen, für deren Richtigkeit ich die Verantwortung meinen Gewährsmännern überlassen muß.
c10.s3.t2.8
a. Shvetâmbaras.
c10.s3.t2.9
a) Bilderverehrer.
c10.s3.t2.10
1. Upakesha-Gaccha führt seinen Ursprung auf Pârshvanâtha zurück; einer von dessen Nachfolgern in der Führung der Gemeinde war Keshi (s. S. 11), der sich den Reformen Mahâvîras anschloß. Die Laienanhänger sind Osvâls.
c10.s3.t2.11
2. Kharatara-Gaccha zweigte sich nach einer Version in der Zeit nach Uddyotana Sûri (bis 937 n. Chr.) ab. Das erste Oberhaupt des Gaccha war dann Vardhamâna Sûri (bis 1031). Dessen Schüler Jineshvara, der 1022 von ihm zum Meister (Âcârya) eingesetzt worden war, erhielt den Ehrentitel ,,Kharatara“ (,,sehr scharf“), weil er im Redekampfe mit Sûrâcârya, dem Führer der Caityavâsîs, bei einer Disputation am Hofe des Königs Durlabha von Anahilavâda in Gujarât (1023 n. Chr.) Sieger geblieben war. Sein Ehrenname soll dann auf den Gaccha übergegangen sein. Nach einer anderen Überlieferung soll der Begründer des Gaccha Jinadatta Sûri (1147 n. Chr.) gewesen sein. Mitglieder dieses Gaccha leben hauptsächlich in Râjputânâ und Bengalen; in der Präsidentschaft Bombay sind sie nur in geringer Zahl vertreten. Die Zahl der Sâdhus wird auf 50—75, die der Sâdhvîs auf 300 geschätzt. Zahlreich sind die Yatis, deren Shrîpûjyas bei den Anhängern dieses Gaccha in hohem Ansehn stehen.
c10.s3.t2.12
3. Tapâ-Gaccha zweigte sich nach Uddyotana Sûri (bis 937 n. Chr.) ab. Da Uddyotana seinen Schüler Sarvadeva unter einem Feigenbaum (Vata) zum Sûri gemacht hatte, hieß die Schule zuerst Vata-Gaccha. Ein Nachfolger Sarvadevas war Jagaccandra (gest. 1228 n. Chr.). Ein König sah diesen nach alter Sitte Kasteiung (Tapas) üben und legte deshalb der Schule den Namen Tapâ-Gaccha bei. Der Tapâ-Gaccha ist heute die bedeutendste unter den Shvetâmbara-Sekten. Seine Anhänger leben in der Präsidentschaft Bombay, im Panjâb, in Râjputânâ und in Madrâs. Ihm gehören zurzeit 400 Sâdhus und 1200 Sâdhvîs an, die unter 13 Âcâryas stehen. Sehr groß ist ferner die Zahl der Yatis, die Shrîpûjyas gehorchen. Im ganzen sollen 12 „Gaddis“ (Throne, d. h. Sitze) der letzteren gezählt werden; der oberste Shrîpûjya soll im Fürstentum Jaipur leben.
c10.s3.t2.13
4. Pârshvacandra (Pâshacandra)-Gaccha ist eine Abzweigung des Tapâ-Gaccha. Der dem letzteren angehörige Lehrer Pârshvacandra (geb. 1480 in Hamîrpur, gest. 1555) trennte sich 1515 von diesem, weil er eine neue Lehre über das Tun aufstellte und eine Reihe von Schriften (Niryuktis, Bhâshyas, Cûrnis, Chedagranthas) nicht als autoritativ erkannte. Die Sekte hat heutzutage noch Anhänger im Distrikt Ahmedâbâd. Es sollen ihr 8—10 Sâdhus und 20—25 Sâdhvîs angehören, dazu noch eine größere Zahl von Yatis, deren Shrîpûjya in Bikaner seinen Sitz hat.
c10.s3.t2.14
5. Paurnamiyaka-Gaccha wurde 1102 n. Chr. von Candraprabha gegründet, der über das Ritual abweichende Lehren aufgestellt hatte und das Mahânishîtha-Sûtra nicht als kanonisch anerkannte. Die Sekte wurde auf Betreiben Hemacandras von König Kumârapâla aus seinem Reiche vertrieben. Als die beiden Gegner gestorben waren, kam der Paurnamîyaka Sumatisinha nach Anahilvâda und erweckte die Schule zu neuem Leben; sie hieß dann Sârdha- (= Halb-) oder Sâdhupaurnamîyaka (1180 n. Chr.). Paurnamîyakas und Sârdhapaurnamîyakas scheint es heute nicht mehr zu geben.
c10.s3.t2.15
6. Ancala-Gaccha (auch Vidhi-paksha genannt) führt seine Lehrerreihe bis auf Uddyotana zurück; sein Begründer war der Upâdhyâya Narasinha, später Âryarakshita Sûri genannt (1157 n. Chr.). Nach der Tradition war dieser vorher ein Paurnamîyaka gewesen. An der Entstehung des Gaccha soll die blinde Shrâvikâ Natî bedeutenden Anteil gehabt haben.
c10.s3.t2.16
Der Name der Sekte ist von dem Brauch abgeleitet, daß bei ihr der Saum (Ancala) des Gewandes die Stelle des Mundtuches vertreten kann. Der Sekte gehören heute 10—15 Sâdhus und 30—40 Sâdhvîs an. Die Sâdhus haben zurzeit keinen Âcârya, doch haben die Yatis einen Shrîpûjya. Shrîpûjyas stehen beim Ancala-Gaccha hoch in Ansehen.
c10.s3.t2.17
7. Âgamika-Gaccha, gegründet 1193 von Shilaguna und Devabhadra, die zuerst Paurnamîyakas, dann Ancalikas gewesen waren. Sie brachten den Kshetradevatâs keine Verehrung dar. Aus dieser Schule ging 1507 die von Katuka begründete der Katukas hervor, die auch Munyaris (Asketenfeinde) genannt werden, weil die Sekte nur aus Laien bestehen soll.
c10.s3.t2.18
β) Bilderfeinde.
c10.s3.t2.19
1. Lumpâka (Lonkâ-) Gaccha, gegründet 1451 von Lonkâ Shâ, der gegen die Bilderverehrung auftrat. (Weiteres s. S. 69.)
c10.s3.t2.20
2. Die Veshadharas, die aus den Lumpâkas hervorgegangen sind, führen ihren Namen von ihrer eigenartigen Tracht (Vesha). Sie wurden von den aus der Gegend von Sirohî stammenden Bhânaka 1467 (oder 1476) gestiftet. 1511 spaltete sich von ihnen ein Zweig unter Rûpa ab; die alte Gruppe nannte man Nâgapurîya Veshadharas, die andere Gujarâtî Veshadharas.
c10.s3.t2.21
3. Die Vandhyas sind eine von Bîja 1513 ins Leben gerufene Sekte von Veshadharas.
c10.s3.t2.22
4. Die Sthânakavâsîs (im Gemeindehaus, nicht im Tempel wohnenden) oder Bistolas, mit ihrem Spottnamen auch Dhûndiyâs (Sucher) genannt, verdanken der Reform des Lava, Sohnes des Vîra, ihren Ursprung, der 1653 gegen die bei den Anhängern Lonkâs eingerissenen Mißstände auftrat (vgl. S. 70).
c10.s3.t2.23
5. Die Terâpanthîs sind eine um 1761 von Bhikham in Marvâr gegründete, streng bilderfeindliche Sekte; ihr Name soll von der Zahl der Urheber ihrer Gemeinde (terah = 13) abgeleitet sein. H. Jacobi schreibt über sie¹:
c10.s3.t2.24
„Sie suchen den Wandel der Mönche in genaue Übereinstimmung mit den Vorschriften der kanonischen Schriften zu bringen und verlangen unverbrüchliche Befolgung derselben. Ja, mir ist ein Fall mitgeteilt worden, daß Yatis derselben auf der Wanderschaft umkamen, weil sie nicht solches Wasser bekommen konnten, wie es nach ihren Vorschriften den Mönchen zu trinken allein gestattet ist, obschon sonst an Wasser dort kein Mangel war. Sonderbar ist, daß es die Terâpanthîs nicht für eine Pflicht oder auch nur für ein gutes Werk halten, ein in Lebensgefahr befindliches Wesen zu retten; denn man müsse dem Karma seinen Lauf lassen. Das Merkwürdigste in dieser, bisher bei uns noch fast gänzlich unbekannten Sekte ist, daß ein äußerst straffes geistliches Regiment bei ihnen waltet. Das jeweilige Oberhaupt, der Pûjyajî Mahârâj, hat eine dem Jesuitengeneral vergleichbare Stellung: alle Mönche schulden ihm unbedingten Gehorsam und müssen sich täglich durch einen unterschriebenen Revers dazu verpflichten. Die Sekte soll über 70 Mönche und etwa dreimal soviel Nonnen zählen; denn viele Witwen ziehen den geistlichen Stand dem beschwerlichen Lose einer Witwe vor. Sie ist hauptsächlich im Westen Indiens verbreitet; doch finden sich Laien der Terâpanthîs auch in allen großen Handelsstädten bis Calcutta.“
c10.s3.t2.25
b. Digambaras.
c10.s3.t2.26
a) Die großen Schulen.
c10.s3.t2.27
Nach der Überlieferung der Digambaras soll der „Mûla-Sangha“ (d. h. die ursprüngliche Gemeinde) von dem großen Lehrer Arhadbalî (mit seinem anderen Namen auch Guptigupta oder Vishâkha genannt) im Samvatjahre 26 aus praktischen Gründen in 4 Schulen geteilt worden sein, deren Führer vier seiner Schüler wurden. Diese Schulen waren:
c10.s3.t2.28
1. Nandi-sangha, gestiftet von Mâghanandî. Die Schule soll ihren Namen daher haben, daß ihr Begründer während einer Regenzeit unter einem Feigenbaum (Nandi) meditiert hatte.
c10.s3.t2.29
2. Sena-sangha, gestiftet von Jinasena.
c10.s3.t2.30
3. Sinha-sangha, gestiftet von Sinha, der die Regenzeit in der Höhle eines Löwen zugebracht haben soll.
c10.s3.t2.31
4. Deva-sangha, gegründet von Deva, der in einem einer Kurtisane Devadattâ gehörigen Dorfe gelebt hatte.
c10.s3.t2.32
Ein jeder dieser Sanghas zerfällt wieder in mehrere Unterschulen. Die Mönche fügen ihren Namen bestimmte Worte bei, die ihre Zugehörigkeit zu dem betreffenden Sangha kennzeichnen. Diese Titel sind bei 1: Nandi, Candra, Kîrti, Bhûshana; bei 2: Râja, Vîra, Bhadra, Sena; bei 3: Sinha, Kumbha, Âshrava, Sâgara; bei 4: Deva, Datta, Nâga, Tunga. Die Asketen führen einen Pfauenwedel und begrüßen sich mit dem Worte „Dharmavriddhi“.
c10.s3.t2.33
Im Gegensatz zu den Schulen des „Mûlasangha“, die sich als allein orthodox betrachten, entstanden einige Sekten, die in einigen Punkten der religiösen Praxis von ihnen abweichen und deshalb als heterodox angesehen werden. Die wichtigsten derselben sollen folgende sein⁸²:
c10.s3.t2.34
1. Drâvida-sangha (auch Dramila-sangha genannt), gestiftet in Madurâ von Vajranandî, einem Schüler des Pûjyapâda, angeblich im Jahre 526 nach Vikrama (583 n. Chr.?). Das Schisma soll durch einen Streit über die Frage, ob man gewisse Pflanzen essen dürfe, entstanden sein; angeblich sollen die Anhänger dieser Schule das Baden in kaltem Wasser zulassen und sich mit Handelsgeschäften abgeben.
c10.s3.t2.35
2. Yâpanîya-sangha (auch Gopya-sangha genannt), gestiftet von dem ehemaligen Shvetâmbara-Mönch Shrî-kalasha, im Jahre 705 nach Vikrama (?) in der Stadt Kalyâna. Die Mönche begrüßen sich mit dem Worte „Dharmalâbha“, glauben, daß die Frauen die Erlösung erlangen können und daß die Kevalîs Speise genießen; sie stimmen also in diesen Punkten mit den Shvetâmbaras überein.
c10.s3.t2.36
3. Kâshthâ-sangha, nach einer Version in dem Nandîtata genannten Dorfe im Jahre 753 nach Vikrama (?) von Kumârasena, Schüler des Vinayasena begründet; nach einer andern Tradition jedoch bereits 515 nach Vîra von Loha I gestiftet, und zwar auf Grund des folgenden Ereignisses. Loha war in Hisâr bei Agrohâ todkrank geworden und hatte das Bewußtsein verloren. Im Glauben, daß er sterben werde, legten die Laien für ihn das Gelübde der Samlekhanâ ab. Wider Erwarten wurde Loha aber wieder gesund. Als er bettelte, verweigerten ihm die Shrâvakas im Hinblick auf das Samlekhanâ-Gelübde die Almosen. Da ging Loha nach Agrohâ und bekehrte dort durch seine Predigt König Divâkara und 125000 Agravâlas zum Jaina-Glauben. Diese verehrten ihn als Âcârya und gaben ihm seinen Lebensunterhalt. Da die Idole, welche er im Kult verwandte, aus Holz waren, wurde seine Gemeinde Kâshthâ-(Holz-)Sangha genannt. — Die Mönche begrüßen sich mit dem Worte „Dharmavriddhi“ und tragen statt der Pfauenwedel solche aus Kuhhaaren.
c10.s3.t2.37
4. Mâthura-sangha, gestiftet im Jahre 953 nach Vikrama (?) in Mathurâ durch Râmasena. Die Mönche begrüßen sich mit dem Worte „Dharmavriddhi“ und tragen keinerlei Wedel.
c10.s3.t2.38
Von diesen 4 Sekten scheint heute nur noch der Kâshthâ-sangha zu existieren.
c10.s3.t2.39
β) Die heutigen Sekten.
c10.s3.t2.40
Die heutigen Digambara-Jainas zerfallen in eine größere Zahl von Sekten, die sich in nebensächlichen Punkten der Lehre und in einigen wesentlichen Punkten des Rituals voneinander unterscheiden.
c10.s3.t2.41
Die beiden wichtigsten Digambara-Sekten der Gegenwart sind die der Vishvapanthîs oder Vishapanthîs (Bispanthîs), wie sie heute zumeist genannt werden, und Terâpanthîs. Über ihre Entstehung ist bereits auf Seite 72 gesprochen worden. Die Hauptunterschiede zwischen beiden Sekten sind die folgenden: Die Vishapanthîs erkennen Bhattârakas (S. 350) als geistige Führer an, stellen Bilder von Kshetrapâlas, von Göttern wie Bhairava u. a. in ihren Tempeln auf, bestreichen die Idole mit Safran, schmücken sie mit Blumen, bringen ihnen Süßigkeiten dar, verehren sie des Nachts mit Gaben und schwenken vor ihnen Lichter. Die Terâpanthîs erkennen keine Bhattârakas an, stellen keine Bilder von Kshetrapâlas im Tempel auf, bringen vor den Idolen keine Blumen und Süßigkeiten dar, salben sie nicht mit Safran, verehren sie nachts nicht mit Gaben und Lichtern, sondern begnügen sich mit der Rezitation des Ârâtrika-patha 83. Nach J. L. Jaini verehren die Vishapanthîs in sitzender, die Terâpanthîs in stehender Stellung; die Terâpanthîs sitzen nur, wenn sie die Perlen ihres Rosenkranzes unter leisem Hersagen von Mantras abzählen 84. Die Terâpanthîs stellen, wie sich aus all diesem ergibt, eine Reformsekte dar, die sich gegen eine Anzahl von Riten richtet, welche ihrer Auffassung nach nicht dem echten Jainatum angehören; mit den Terâpanthîs der Shvetâmbaras haben sie nichts zu tun. Der Gegensatz zwischen Vishapanthîs und Terâpanthîs ist so groß, daß die Anhänger der einen Sekte nicht die Tempel der anderen besuchen.
c10.s3.t2.42
Die Vishapanthîs sind zahlreich in Mahârâshtra und Gujarât, die Terâpanthîs überwiegen in Râjputânâ, den Vereinigten und den Zentral-Provinzen.
c10.s3.t2.43
Andere Digambara-Sekten der Gegenwart sind: Die Taranpanthîs oder Samaiyâpanthîs, deren Gemeinde von Taranasvâmî (1448–1515) gestiftet wurde. Sie sind bilderfeindlich, verehren aber die vierzehn Bücher (Grantha) ihres Gründers, indem sie dieselben auf den Altar stellen. Ferner die Gumânpanthîs, die ihren Ursprung von Gumân Râm (Ende des 18. Jh.) nahmen, endlich die Totâpanthîs, über welche nähere Angaben fehlen.
Linked texts (3)
- Kalpasūtra — Bhadrabāhu, Ardhamāgadhī Prakrit
- Viyāhapannatti — Sudharman, Ardhamāgadhī Prakrit
- Mahānisīha — Haribhadra Sūri, Ardhamāgadhī Prakrit