Die Religion des Veda c7.s5: Rudra
Die Religion des Veda c7.s5
- Language
- German
Contents
- c7.s5.5 — 3 parts
Rudra
c7.s5.1
Der Inhalt der ṛgvedischen Rudralieder ist durchweg die Angst vor den Geschossen des furchtbaren Bogenschützen, die Bitte, daß er Mensch und Vieh mit Seuche und Sterben verschone, seine wunderbaren Heilmittel spende. „Preise den ruhmreichen, den jungen auf seinem Thron, dessen Angriff ist wie eines furchtbaren Tieres, den gewaltigen. Erbarme dich des Sängers, Rudra, der dich preist. Laß deine Heerscharen einen anderen als uns niederstrecken. Vorbei fliege an uns Rudras Waffe, vorbei gehe des Ungestümen großer Zorn. Spanne deine starken Bögen ab für unsere freigebigen Freunde. Gnadenreicher! Erbarme dich über Kinder und Kindeskinder“ (II, 33, 11. 14). „Des Himmels roten Eber, ihn, dessen Haar zur Muschel gewunden ist, die ungestüme Gestalt rufen wir huldigend. Er, der die besten Arzneien in der Hand trägt, möge uns Schutz, Schirm, Rettung verleihen ... Schlage uns nicht, Rudra, nicht Groß noch Klein, nicht den Wachsenden noch den Erwachsenen, nicht Vater noch Mutter noch unseren lieben Leib“ (I, 114, 5. 7).
c7.s5.2
Daß im Ṛgveda nur wenige Hymnen an Rudra gerichtet sind, wird darauf beruhen, daß er um seiner unheimlichen Natur willen nicht mit den übrigen Göttern seine Preislieder beim Somaopfer empfing¹). Man darf nicht schließen, daß diese düstere und furchtbare Gestalt für den älteren Glauben im Hintergrund gestanden habe. Ebensowenig darf man sich durch die hieratisch gemessene Ausdrucksweise der Ṛglieder über den Charakter wilder Schrecklichkeit täuschen lassen, der offenbar von Anfang an den Vorstellungen von Rudra eigen war. Das hier aus den jüngeren vedischen Texten zu gewinnende Bild, zu dem wir uns jetzt wenden, zeigt sicher im wesentlichen uralte Züge; in den meisten Beziehungen liegt es wohl nur an den Besonderheiten der Überlieferung, wenn die in der ältesten Hymnensammlung weniger hervortreten²).
c7.s5.3
¹ Liegt Ṛv. I, 122, 1 Beteiligung Rudras am Soma vor?
c7.s5.4
² Hillebrandt (V. M. II. 203) findet, daß die ältere Zeit mehr als die spätere Rudras Heilmittel, dagegen weniger den von ihm ausgehenden Schrecken betont. Mir scheint dieser Schrecken doch in den ṛgvedischen Dichtungen durchweg sehr deutlich durchzublicken. Aber der Stil dieser Poesie brachte es mit sich, daß eine gewisse Ruhe bewahrt, der sonst gewohnte Ton der Anrufungen auch hier festgehalten wurde.
c7.s5.5.1
Ein Brāhmaṇatext³) erzählt, wie der Weltenschöpfer Prajāpati als Antilopenbock mit seiner Tochter als Antilope Inzest begangen hatte und die Götter vergeblich nach jemanden suchten, der ihn für diese Schuld strafen konnte. „Da brachten sie alle furchtbarsten Substanzen, die in ihnen wohnten, auf einen Haufen zusammen: daraus wurde dieser Gott.“ Seine Erscheinung ist schreckenerregend. Schon der Ṛgveda beschreibt ihn als rot⁴); die rote Farbe hängt mit Tod und allem Schrecklichen zusammen ¹): rot sind die Kleider des zum Tode Verurteilten; aus roten Blumen besteht der Totenkranz; rote Gerätschaften werden bei tödlichem Zauber verwandt. In einem jüngeren vedischen Text wird gesagt: „Blauschwarz ist sein Bauch, rot sein Rücken. Mit dem Blauschwarz bedeckt er den Feind und Nebenbuhler; mit dem Rot trifft er den, der ihn haßt“ ²). Weiter gehört zu seiner Erscheinung der blauschwarze Haarwulst, Bogen und Pfeile. Den anderen Göttern gegenüber steht er in abgesonderter Stellung, wie sich das aus seiner gefährlichen Natur und aus der Scheu erklärt, beim Kultus mit den freundlichen Göttern auch ihn in vertrauliche Nähe zu laden. Eine Brāhmaṇastelle ³) unterscheidet neben Göttern, Vätern (Manen) und Menschen als eigene vierte Wesenklasse „die Rudras“. „Durch Opfer (das sie darbrachten) gelangten die Götter zum Himmel empor. Der Gott aber, der über das Vieh herrscht (d. h. Rudra), blieb hier zurück“ ⁴).
c7.s5.5.2
Die Vorsichtsmaßregeln, von denen sein Kultus ähnlich wie der Totenkult umgeben ist, werden bei der Darstellung des Kultus eingehender zur Sprache kommen. Hier sei erwähnt, daß als Opfergaben für ihn häufig der Dorfwirtschaft nicht angehörige Produkte der Wildnis erscheinen ⁵). Das Verb, das für Zuwendung von Gaben an ihn charakteristisch ist (*nir-ava-dā*), kann etwa übersetzt werden „abfinden“, d. h. ihm seinen Anteil geben, damit er sich entferne ⁶). Dieser Vorstellung des Abfindens entspricht es, wenn zuweilen nach Darbringungen an andere Götter zum Schluß, abgesondert vom übrigen, irgend ein Rest oder Abfall Rudra zugewandt wird, um ihn nicht leer ausgehen zu lassen. Eine Handvoll Gras von der Opferstreu wird in die Opferbutter oder sonstige Opferspeise getaucht und ins Feuer geworfen mit dem Spruch: „Der du Herrscher über das Vieh bist, Rudra, du Stier, an der Leine wandelnd: tu unserem Vieh keinen Schaden. Dies sei dir geopfert“¹). Nach der eigenen Mahlzeit soll man, was an den Kochtöpfen von Speiseresten haftet, „in der nördlichen Himmelsgegend an einer reinen Stelle für Rudra ausgießen: so wird die Stätte des Hauses glückbringend“²). Diese Stelle zeigt auch, was anderweitig stehend wiederkehrt, daß Rudras Wohnung — abgesondert vom Bereich der übrigen Götter, dem Osten — im Norden ist. Im Norden des vedischen Landes liegt das Gebirge. So finden sich häufige Bezeichnungen Rudras wie „Bergbewohner“, „Bergwandler“, „Bergbeschützer“;
c7.s5.5.3
bei einem Opfer für die Erhaltung der Herden wird neben mannigfaltigen Namen Rudras auch der Berg angerufen³). In den Bergen haust er zusammen mit seiner Gattin: von Rudrāṇī ist häufiger die Rede, und sie spielt im Kult eine hervorragendere Rolle, als die anderen ähnlich benannten Götterfrauen wie Indrāṇī usw., die ganz zurücktretende, gestaltlose Wesenheiten sind. Auch seine Söhne werden erwähnt, „die fliegend den Wald durcheilen wie zwei Wölfe, die (nach Beute) schnappen, Bhava und Śarva“⁴); vor allem aber seine Heerscharen, die auf seinen Befehl Krankheit und Tod bringend gegen Mensch und Vieh anstürmen, „die Lärmerinnen, Gegenlärmerinnen, Mitlärmerinnen, Sucherinnen, Zischerinnen, Fleischfresserinnen“⁵), denen man beim Rudraopfer den blutbeschmierten Darminhalt des Opfertieres weiht. Es verdient bemerkt zu werden, daß eine Beschreibung dieses Opfers die betreffende Spende unter Ausdrücken, die unverkennbar Benennungen der Rudraheerscharen sind, den Schlangen zuweist. „Er wendet sich nach Norden und bringt den Schlangen die Spende mit den Worten: ,Zischerinnen, Lärmerinnen, Sucherinnen, Gewinnerinnen: ihr Schlangen nehmt, was hier für euch ist‘. Was da von Blut und Darminhalt herabgeflossen ist, das nehmen die Schlangen“ ¹): eine charakteristische, aber soviel ich sehe vereinzelt dastehende Deutung der Heerscharen Rudras ²).
c7.s5.6
³ Aitareya Brāhmaṇa III, 33.
c7.s5.7
⁴ So hat man, mit ungewissem Recht, auch den Namen Rudra als „den Roten“ erklärt. Man würde *rudhra* erwarten. Ist das Wort an *indra* angeähnlicht, vielleicht unter Mitwirkung des Bestrebens, den Anklang an Wurzel *rudh-* zu vermeiden?
c7.s5.8
¹ Vgl. Zachariae, WZKM. XVII, 211 ff. und die Literatur dort.
c7.s5.9
² Atharvaveda XV, 1, 7. 8.
c7.s5.10
³ Taittirīya Āraṇyaka V, 8, 4. 5.
c7.s5.11
⁴ Śatapatha Brāhmaṇa I, 7, 3, 1.
c7.s5.12
⁵ Siehe unten den Abschnitt über die Opferspeise.
c7.s5.13
⁶ Siehe den Abschnitt „Kultus. Allgemeiner Überblick“. Der Gebrauch von *ava-dā* im Ṛgveda (II, 33, 5) bestätigt, daß dieser Zug des Rudrakultus in älteste Zeit zurückreicht.
c7.s5.14
¹ Gobhila I, 8, 28.
c7.s5.15
² Āpastamba Dh. II, 2, 4, 23.
c7.s5.16
³ Kauśika Sūtra 51, 7.
c7.s5.17
⁴ Śāṅkhāyana Śr. IV, 20, 1.
c7.s5.18
⁵ Ebendaselbst IV, 19, 8.
c7.s5.19
¹ Āśvalāyana G. IV, 8, 28, vgl. Winternitz, Der Sarpabali 41. Die Feminina in der Anrede an die *sarpāḥ* (mask.) erklären sich als übertragen aus der auf die *rudrasenāḥ* (fem.) bezüglichen Phraseologie.
c7.s5.20
² Winternitz a. a. O. belegt die Verbindung Rudras und der Schlangen noch durch den Spruch, mit welchem, wo Schlangen hausen, „dem Rudra der unter den Schlangen sitzt“ Verehrung gebracht wird (Hir. G. I, 5, 16, 10). Doch ist dieser Spruch nur einer von vielen genau entsprechenden, die an irgendwie bemerkenswerten Orten aller Art an Rudra als den da und da wohnenden zu richten sind (vgl. S. 220).
c7.s5.21
Die Macht des Gottes äußert sich in Krankheit, die er sendet, aber entsprechend der so verbreiteten Anschauung, daß der Bringer eines Übels es auch abwenden kann, äußert sie sich gleichermaßen in Heilung. Sein Geschoß ist Fieber und Husten. Über den Kranken spricht man den Spruch: „Der Pfeil, den Rudra dir auf Glieder und Herz entsandt hat, den reißen wir dir jetzt nach allen Seiten heraus“ ³). Anderseits ist er auch „der beste Arzt der Ärzte“; er verfügt über kräftigste Heilmittel, darunter — nach dem Ṛgveda wie den jüngeren Texten — ein Heilmittel von besonderen Eigenschaften, das als *jalāṣa* benannt wird ⁴). Neben den Menschen ist den Angriffen des Gottes auch das Vieh ausgesetzt, das ganz besonders als der Macht Rudras unterworfen, seinem Schutz anvertraut gilt, offenbar weil er es ist, der ihm zu schaden Macht hat. Sehr häufig wird er der „Herr des Viehs“ genannt; ihm opfert man, um Krankheit aus den Herden zu vertreiben oder ihr vorzubeugen¹).
c7.s5.22
³ Atharvaveda XI, 2, 22; VI, 90, 1.
c7.s5.23
⁴ Nach Bloomfield (*Amer. Journ. Phil.* XII, 425 ff.) Urin, welche Vermutung mir wegen Ṛv. II, 33, 7; VII, 35, 6 unwahrscheinlich ist, mindestens eine Umformung zu verlangen scheint. Übrigens bemerke man, wie in der Übereinstimmung eines solchen Detailzuges sich die wesentliche Identität des ṛgvedischen und nachṛgvedischen Rudra bestätigt.
c7.s5.24
¹ ) Āśvalāyana G. IV, 8, 40 f.; Kāuśika Sūtra 51, 7 usw.
c7.s5.25
Zuletzt hebe ich als eine Eigentümlichkeit wenigstens des jüngeren vedischen Rudratypus — im Ṛgveda scheinen Spuren davon nicht wahrnehmbar — die Tendenz des Gottes hervor, in massenhaften Anhäufungen von Benennungen, in ebenso massenhaften Wohnsitzen, in einer überall sich kundgebenden Allgegenwart und Vervielfältigung seines Wesens sich ins Unbestimmte auszudehnen. Man feiert ihn als den großen Gott, den Herrscher, den Viehherrn, den Gnädigen, den Gewaltigen, den Furchtbaren. Ein Abschnitt der Yajurveden bleibt mit seiner Benennung als das „Hundertrudrakapitel“ weit zurück hinter der tatsächlich dort angehäuften Menge von Namen für Rudra und die Rudras, „die tausendfach zu Tausenden auf der Erde sind … die Rudras auf der Erde, in der Luft, im Himmel“. „Sein sind alle Namen, alle Heere, alle Erhabenheiten“²). Überall fühlt man seine gefährliche Nähe. An einem Kreuzweg soll man sprechen: „Verehrung dem Rudra, der auf den Wegen wohnt, dessen Pfeil der Wind ist! Verehrung dem Rudra, der auf den Wegen wohnt!“ Mit entsprechenden Formeln verehrt man ihn bei einem Düngerhaufen als den Rudra, der unter dem Vieh wohnt, an einer von Schlangen heimgesuchten Stelle als den Rudra, der unter den Schlangen wohnt, bei einem Wirbelwind als den Rudra, der in der Luft wohnt, beim Untertauchen in einem wasserreichen Fluß als den Rudra, der in den Wassern wohnt, und überhaupt an schönen Stätten, an Opferplätzen, bei großen Bäumen als den Rudra, der da und da — je nach der jedesmaligen Situation — wohnt¹). Betritt ein Brahmane, der die Lehrzeit hinter sich hat und in allen Bewegungen strengsten Regeln unterworfen ist, das Dorf auf einem anderen als dem Hauptweg, soll er sprechen: „Verehrung dem Rudra, dem Herrn der Stätte“²). In der Einsamkeit zeigt sich Rudra plötzlich: „die Rinderhirten haben ihn gesehen, ihn haben die Wasserträgerinnen gesehen“³). Im Wald gehört ihm alles wilde Getier und die Vögel; seine Macht weilt in den Wassern, beherrscht Fische und Delphine. Er ist der Herr der Felder, der Bäume; tut er seine Waffe von sich, so legt er sie auf dem höchsten Baum nieder⁴). Er steht im Luftreich und blickt mit seinen tausend Augen über die Erde hin; vom östlichen Meer trifft er bis zum westlichen⁵).
c7.s5.26
² ) Āśvalāyana G. IV, 8, 29.
c7.s5.27
¹ Hiraṇyakeśin G. I, 16, 8 ff.; vgl. Pāraskara III, 15, 7 ff., wo noch der in den Wäldern, auf dem Berg, unter den Vätern (Manen) wohnende Rudra hinzukommt.
c7.s5.28
² Āpastamba Dh. I, 11, 31, 23.
c7.s5.29
³ Taitt. Saṃhitā IV, 5, 1, 3.
c7.s5.30
⁴ Taitt. Saṃhitā IV, 5, 10, 4.
c7.s5.31
⁵ Atharvaveda XI, 2, 23 ff.
c7.s5.32
Fragen wir, wo der Ausgangs- und Kernpunkt der ganzen Konzeption liegt, so möchte ich die hergebrachte Deutung dieses Gottes als Sturmgott für wenig wahrscheinlich halten. Die Physiognomie Rudras ist eine durchaus andere; von den Zügen, die zum Bild eines Sturmgottes unvermeidlich gehören, zeigt sich an ihm nichts, außer etwa in ganz gelegentlichem, vereinzeltem Auftreten, irrelevant für die Frage nach seinem Wesen⁶). Es ist wahr, daß er Vater der Maruts heißt und daß diese infolge davon als Rudras benannt werden, aber — um davon abzusehen, daß das Wesen der Maruts ihrerseits als Sturmgötter nicht vollkommen feststeht — das beweist nicht, daß er eine Personifikation derselben Naturerscheinung ist wie die Maruts, deren Charakter und Auftreten in der Tat von dem Rudras durchaus verschieden ist. „Keiner kennt ihre Geburt,“ wird von den Maruts gesagt (VII, 56, 2): so mag, wenn man sie Kinder des Rudra nennt, dies aus der Vorstellung fließen, daß sie aus derselben rätselhaften Ferne ebenso plötzlich zu den Wohnungen der Menschen herangestürmt kommen, wie Rudra mit seinen krankheitbringenden Geschossen. Und wenn der Wind Rudras Pfeil heißt, wenn er selbst im „Hundertrudrakapitel“¹ als Herr des Regens, der Wolken, der Blitze, der Winde benannt wird, so verlieren solche Äußerungen ihre Bedeutung dadurch, daß sie inmitten zahlloser anderer stehen, die den Gott ganz ebenso mit den verschiedensten anderen Naturphänomenen in Verbindung bringen.
c7.s5.33
⁶ In bezug hierauf sei wegen Hopkins, *Proc. Am. Or. Soc.* 1894, Cl. f., folgendes bemerkt. Daß Rudra einmal (II, 33, 3) den Vajra im Arm hält, beweist in der Tat weder, daß er seinem Ursprung nach Sturm oder Gewittergott ist, noch daß ihn der Verfasser der Stelle dafür gehalten hat. Ebensowenig beweist das sein Geschoß (*didyut* VII, 46, 3): er ist ja der Schütz (*astā* Av. XI, 2, 7; gern steht von ihm das Verb *asyati*); zum *astā* aber gehört natürlich die *didyut* (I, 66, 7). Seine oft erwähnten Heilmittel (vgl. S. 219) sollen die Wasser sein, nämlich die der Wolke; eben als „water-causing god“ sei Rudra Heilkünstler. Daß den Wassern nach vedischer Vorstellung Heilkräfte innewohnen, ist in der Tat so richtig, wie es unrichtig wäre, daß umgekehrt Heilkraft allein in das Wasser verlegt worden sei. Ich finde nicht, daß irgend eine Äußerung über Rudras Medizinen auf Wasser deutet; meines Erachtens ist das Gegenteil der Fall, vgl. die Materialien bei Bloomfield, *Am. Journ. Phil.* XII, 426.
c7.s5.34
¹ Taitt. Saṃh. IV, 5, 7, 2.
c7.s5.35
Fester und tiefer als die Beziehung auf Wind und Wetter kann in Rudras Wesen die auf Berge und Wälder begründet scheinen. Wird er auch als aller Orten weilend gedacht, so heben sich doch, wenigstens in den jüngeren Vedatexten, Berge, Wälder, Bäume als seine vornehmsten Aufenthaltsorte hervor; dort haust der Bogenbewehrte als wilder Jäger. Haben wir also hier einen Verwandten jener europäischen Typen vor uns, deren Wesen Mannhardt so glänzend entwickelt hat: der Faune und Silvane, der Waldmänner, wilden Leute, Fanggen u. dgl.? Aus Einöde, Berg und Wald kommen die Krankheitsgeister oder die Pfeile der Krankheit zu den menschlichen Wohnungen¹): das könnten die Heerscharen oder Geschosse des bergwandelnden Rudra sein.
c7.s5.36
¹ Vgl. Mannhardt, Wald- und Feldkulte I, 14. 22 f.
c7.s5.37
Man hat gegen diese Auffassung²) eingewandt, daß sie eben aus dem Ṛgveda nicht begründbar ist, in welchem Rudra vielmehr „der Asura des großen Himmels“, „des Himmels roter Eber“ heißt, sein Geschoß „vom Himmel her entsandt über die Erde hingeht“. Entscheidend scheint mir, wenn man den Charakter der Quellen berücksichtigt, dieser Einwand nicht. Doch möglich bleibt in der Tat, daß jene Deutung Züge an Rudras Wesen allzusehr in den Vordergrund stellt, die nur neben anderen ihre Gültigkeit haben, vielleicht gar — obwohl ich das bezweifle — erst in jüngerer Zeit neben jene anderen getreten sind. Und so wird es für den gegenwärtigen Stand unseres Wissens geboten sein, dabei haltzumachen, daß sich als Grundvorstellung im Wesen Rudras die eines Entsenders von Seuchen aus unbegreiflicher Ferne über Menschen und Vieh herauszustellen scheint³). Möglich, daß ein solcher Gott zu allerletzt aus Vorstellungen von schadenden Seelen hervorgegangen ist, die hier zu Dimensionen ähnlich denen der himmlischen Götter angewachsen wären⁴). Möglich auch, daß vielmehr jener oben bezeichnete Typus des Berg- und Waldgottes zugrunde liegt oder mit hineingeflossen ist: wie es anderseits umgekehrt auch möglich ist, daß der unheimliche Entsender rätselhaft hereinbrechenden Übels eben deshalb, weil man ihm im befriedeten Dasein der Heimat keine Stätte gewähren mochte, immer entschiedener als Bewohner unwirtlicher Wildnis erschienen ist. Möglich ist endlich auch, daß den Urbewohnern Indiens ein größerer oder geringerer Anteil am Aufbau dieser Vorstellungen zukommt: man hat auf die bemerkenswerte Vorschrift einiger Ritualtexte hingewiesen, daß der von Viehseuche Betroffene dem Rudra durch einen Häuptling aus dem Urbewohnerstamm des Niṣādas opfern lassen soll ¹). Ich möchte in diesem vereinzelt dastehenden Ritus meinerseits doch kaum eine irgend sichere Spur nichtarischer Herkunft der Rudraverehrung finden. Leicht könnte ein Einfall vorliegen, der ähnlich wie sonst durch wildgewachsene Opfergaben ²) so hier durch einen entsprechend charakterisierten Opferer die Natur Rudras als des in der Wildnis hausenden symbolisiert ³).
c7.s5.38
² Sie wurde in der 1. Auflage dieses Buches vertreten. Dagegen Hopkins a. a. O.; Hillebrandt, V. M. II, 199 f.
c7.s5.39
³ Wenn die heiße Jahreszeit, die Regenzeit und dann der Übergang zum Herbst für Menschen und Vieh besonders stark von Epidemien heimgesucht ist, scheint mir das doch nicht für den Schluß hinzureichen, „daß Rudra ein Gott der Schrecken des tropischen Klimas ist vom Beginn der heißen Zeit ... bis zum Übergang zum Herbst“ (Hillebrandt, V. M. II, 207; in der Kleinen Ausgabe fügt er übrigens hinzu: „nur dürfen wir nicht glauben, damit den Ursprung seines Wesens ermittelt zu haben“). Im Zentrum der Rudrakonzeption steht, meine ich, sein schädliches Wirken, nicht die Jahreszeit, in der dies Wirken kulminiert.
c7.s5.40
⁴ Doch müßte solche Seelennatur des Gottes, wie nicht erst bewiesen zu werden braucht, für das Bewußtsein der vedischen Zeit verdunkelt gewesen sein.
c7.s5.41
¹ Kātyāyana I, 1, 12; Āpastamba IX, 14, 12. T. Segerstedt, *Revue de l'hist. des religions* LVII, 300; Hillebrandt, V. M., Kl. Ausg 163. Vgl. Weber, Ind. Stud. X, 13.
c7.s5.42
² Oben S. 217. Auch bei dem eben in Rede stehenden Opfer handelt es sich um eine derartige Gabe.
c7.s5.43
³ Mit diesem Opferer vom Niṣādastamm halte man das Wort „Verehrung den Niṣādas“ im „Hundertrudrakapitel“ zusammen (VS. XVI, 27).
c7.s5.44
Doch wie nun über diese Fragen der Vorgeschichte Rudras zu urteilen sein mag, es ist wohl verständlich, daß ein solcher Gott, dem Kreis der erhabenen, himmlischen Mächte fremd, ein Gott von Grauen umgeben, den Charakter roher Wüstheit an sich tragend, leichter als andere alte Gottheiten sich der Vermischung mit den wilden Hervorbringungen des späteren Hindutums zugänglich erwies und so ein Hauptelement für die Genesis des furchtbarsten aller indischen Götter abgegeben hat, des Śiva.
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