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Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c38: VII. Krankheiten des Kopfes

Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c38

Language
German

Contents

VII. Krankheiten des Kopfes

c38.1

**§ 82. Augenleiden¹. —** Die Erkrankungen der Körperteile oberhalb des Schlüsselbeins (*ūrdhvāṅga*, *ūrdhvajatru*) bilden eine besondere Krankheitsgruppe, deren Behandlung unter dem Namen *śālakya*, d. h. feinere Chirurgie, insbesondere Ophthalmologie, zusammengefasst wird, von *śalākā* »spitzes Instrument, besonders zum Durchbohren der Augenhäute«. Schon B. 2, 848—90 und 1, 68 ff. nennt den Star (*kāca*, *timira*) und viele andere Augenleiden. Nach Su. 6, 1, 27 f. gibt es 76 Augenleiden, nämlich 10 von Wind, 13 von Schleim, 16 von Blut, 25 von allen Grundsäften, 2 äussere; die gleiche Zahl gibt C. 6, 26, 72 f., wo wegen der Details auf die ophthalmologischen Werke (*śālākyatantra*) verwiesen wird. Nach Bh. 2, 4, 87 sind es 78. Vgl. § 35. Entstehungsursachen von Augenleiden (*netra-*, *akṣi-roga*) sind: Baden bei Erhitzung, in die Ferne Sehen, Unregelmässigkeit im Schlafen, Staub oder Rauch, Unterdrückung der Ausscheidungen oder übermässiges Erbrechen, vieles Weinen, Kummer oder Zorn, Verletzungen, sexuelle Ausschweifungen, Diätfehler u. a. (Su. 6, 1, 24—6; M. 366 f.). Die wichtigsten einzelnen Krankheiten sind nach M.:

c38.2

¹ [Text of footnote 1 was printed on the next page or is a heading reference]

c38.3

1. Am ganzen Auge. Ophthalmie (*abhiṣyanda*, noch jetzt besonders häufig) von vier Arten, die bei Vernachlässigung in schwere Ophthalmie (*adhimantha*) übergehen, mit Schmerzen, als ob das Auge ausgerissen und die Hälfte des Kopfes zermalmt würde, und bei falscher Behandlung Verlust des Augenlichts nach 5—7 Tagen oder schon sofort. Eiterung des Auges (*netrapāka*) ist mit Jucken, Secret, Thränen, Schmerzen und Geschwulst verbunden. Eine besonders schmerzhafte, unheilbare, die Sehkraft zerstörende Form von *adhimantha* heisst *hatādhimantha*. Wenn der Wind unter heftigen Schmerzen abwechselnd in die Augenbrauen und Augen zieht, so heisst dies krampfhaftes Zucken (*vātāparyāya*). Die »trockene Augenentzündung« (*śuṣkākṣipāka*) oder skrophulöse Ophthalmie (DUTT) besteht darin, dass das Auge zusammengekniffen ist und brennt. *anyatovāta* »Wind aus anderer Richtung«: der Wind in den Ohren, dem Kopf u. s. w. bewirkt Schmerzen in den Augenbrauen und Augen. *amlādhyuṣita* Iritis. *sirotpāta*: die Adern im Auge werden kupferfarbig, ohne oder mit Schmerzen; hieraus entsteht durch Vernachlässigung *sirāpraharaṣa*, wobei man fortwährend kupferfarbige Thränen vergiesst und nicht sehen kann.

c38.4

2. Am Schwarzen (*kṛṣṇa*) im Auge. *Savraṇaśukla*, Geschwür an der Hornhaut mit sehr heissem Ausfluss. *avraṇaśukla*, weisse Flecken ohne Geschwür, d. h. Undurchsichtigkeit der Hornhaut. *akṣipātyāyaya*, Opacität der ganzen Hornhaut, mit Eiterung. *ajakajāta*, Ziegenkot, d. h. prolapsus iridis (DUTT, HIRSCHBERG).

c38.5

3. An der Pupille oder Linse (*dṛṣṭi*). Bei einer Störung der ersten Augenhaut oder Membran (*paṭala*) sieht man alles undeutlich; bei Störung der zweiten ist der Blick sehr getrübt, man sieht Fliegen, Mücken, Netze, Kreise, Fahnen, Strahlen, Ringe u. dgl. und hält Fernes für nahe, Nahes für ferne; bei Störung der dritten sieht man grosse Gegenstände wie mit Tüchern verhüllt, Gesichter ohne Ohren, Nasen und Augen u. dgl. Eine Störung der vierten Membran hemmt das Sehen völlig und heisst *timira* (Dunkelheit) oder *liṅganāśa* (Verlust des Gesichts, Star). Wenn dieses gefährliche Leiden noch nicht ganz entwickelt ist, kann man Sonne, Mond und Sterne und die Blitze in der Luft sehen. Unter den verschiedenen Arten von Star und verwandten Leiden sind hervorzuheben: Störung durch Galle, man sieht alles gelb; Störung durch Schleim, daraus die noch jetzt häufige Nachtblindheit (*naktāndhya*); *hrasvajāḍya*, wobei man am Tag kleine Gegenstände nur mit Mühe sieht; *nakulāndhatā*, wobei man am Tag alles bunt sieht; *gambhīrikā* »tief«, d. h. Atrophie des Auges.

c38.6

4. Am Weissen (*śukla*) im Auge. *Arman*, Flügelfell (Pterygium), von fünf Arten, darunter *adhimāṁsārman*, eine ausgedehnte, dicke, leberfarbige Neubildung. *śukti*, Tumoren, braune, fleischfarbene oder muschelfarbige Tüpfchen. *arjuna*, ein einziger, wie Hasenblut gefärbter Tupfen. *piṣṭaka*, ein weisser Auswuchs. *jāla* »netzartig« und *sirāvṛta* »geädert«: phlyktänöse Entzündung? *balāsa*, eine messingfarbene, weiche, wassertropfenartige Geschwulst, Bindehautcyste?

c38.7

5. An den Verbindungsteilen (*saṁdhi*). *Pūyālasa*, ein reifes, schmerzendes und eiterndes Geschwür an den *saṁdhi*, Abscess. *netranāḍī*, Thränenfistel, ist vierfach, je nach der Natur des Ausflusses. *parvaṇikā* und *alajī* sind kupferrote, schmerzende Auswüchse am Rand der Hornhaut. *kṛmigranthi* »Wurmknoten« zwischen den Augenlidern und Wimpern, Phthiriasis (HIRSCHBERG).

c38.8

6. An den Augenlidern. *Utsaṅgapiḍakā*, eine nach innen offene, kupferrote Pustel am unteren Augenlid, Cyste? *kumbhīkā*, Gerstenkorn (Hirschberg). *pothakī*, nässende, schmerzende Pusteln. *vartmaśarkarā* »Augenlidergries« d. h. Körnerkrankheit (H.). *arśovartman*, harte Körner (H.). *śuṣkārśa*, »trockene Knoten« (H.). *añjananāmikā*, ein weicher, wenig schmerzender, kleiner Auswuchs. *bahalavartman*, harte Beulen überall am Augenlid. *vartmabandhaka*, die geschwollenen Augenlider bedecken das Auge nicht ganz. *kliṣṭavartman*, acuter Katarrh (H.). *vartmakardama*, »Augenliderschmutz«, Blenorrhöe (H.). *śyāvavartman* »schwärzliche Augenlider«, Ekzem? *praklinnavartman*, aussen schmerzlose Schwellung, innerlich starke Nässe. *aklinnavartman*, die Augenlider wie verklebt. *vātahatavartman*, Lagophthalmus (Helfreich). *arbuda*, ein innerlicher Knoten. *nimeṣa*, Blinzeln, Lidkrampf. *śoṇitārśas*, »Blutgeschwür« in der Mitte, das beim Ausschneiden nachwächst. *lagana*, ein grosser, harter, schmerzloser Knoten. *viṣavartman*, äusserliche Schwellung und vielfache Perforation der Lider, Milzbrand (Hirschberg). *kuñcana*, Lidfall (H.). *pakṣmakopa*, Einwärtskehrung der Wimpern, Entropium? *pakṣmaśāta*, Abfallen der Haare an den Wimpern mit Brennen der Lider, Liderentzündung (H.). (M. 366—403. Vgl. C. 6, 26, 72 f.; Su. 6, 1—7; S. 6, 11—20; A. 6, 8—16; V. 783 ff.; Bh. 2, 4, 87 ff.). Über *kukūṇaka* der Kinder s. § 50.

c38.9

¹: Vgl. Hirsch, Geschichte der Ophthalmologie in Gräfe u. Sämischs Handbuch 7, 238—42 (Leipzig 1877); Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde, ebenda 2. Aufl. 31—50 (Leipzig 1899); Magnus, Geschichte des grauen Staares (Leipzig 1876).

c38.10

§ 83. Behandlung der Augenleiden. — Nach B. 1, 78 ff.; 2, 847 ff. sind namentlich Gesichtspflaster, Waschungen oder Einspritzungen (*āścyotana*), Salben, besonders von Antimon, auch Stuhlzäpfchen anzuwenden. Auch C. Vr. und andere Autoren sagen von operativen Eingriffen fast nichts. Dagegen sind nach Su. 6, 8 von den 76 Augenleiden ausser 24 schwer oder gar nicht heilbaren alle übrigen durch Ausschneiden, Scarificiren und andere Operationen zu heilen.

c38.11

Staroperation¹: »Bei mittlerer Temperatur, auf einem hellen Platz, am Vormittag, lasse sich der Arzt auf einer Bank, die so hoch wie sein Knie ist, gegenüber dem Patienten nieder, der sich gewaschen und gegessen hat und gebunden (auf dem Boden) sitzt (gehalten von einem hinter ihm sitzenden Diener, S.). Nachdem er mit dem Hauch seines Mundes das Auge des Kranken erwärmt, es mit dem Daumen gerieben und in der Pupille (Linse) die entstandene Unreinigkeit erkannt hat, nehme er, während der Kranke auf seine Nase blickt und fest am Kopf gehalten wird, die Lancette (*śalākā*) mit dem Zeigefinger, Mittelfinger und Daumen fest in die Hand und führe sie in die natürliche Öffnung (Pupille) auf der Seite ein, 1/2 Fingerbreite weit vom Schwarzen und 1/4 Fingerbreite vom äusseren Augenwinkel, indem er sie nach oben hin und her bewegt. Er durchbohre das linke Auge mit der rechten oder das rechte Auge mit der linken Hand. Hat er richtig gestochen, so gibt es ein Geräusch, und ein Wassertropfen (Glaskörperperle?) fliesst schmerzlos heraus. Den Kranken ermutigend, benetze er dann das Auge mit Frauenmilch, hierauf ritze er mit der Spitze der Lancette den Augapfel, ohne wehe zu thun. Sodann stosse er allmählich den im Augapfel befindlichen Schleim nach der Nase zu, wo der Kranke ihn durch Aufziehen in die Nase beseitigen muss. Gleichviel ob die kranke Stelle (*doṣa*) fest oder beweglich ist, erhitze er das Auge von aussen. Kann dann der Kranke die (ihm gezeigten) Gegenstände sehen, so ziehe der Arzt die Lancette langsam heraus, lege eingefettete Baumwolle auf die Wunde und lasse den Kranken mit verbundenem Auge liegen.«

c38.12

Ophthalmie (*abhiṣyanda*) ist mit Fasten, Pflastern, heissen Umschlägen, Aderlässen, Purgantien, Salben und Einträufelungen zu behandeln. Bei Flügelfell (*arman*) ist zunächst zum Zweck der Lockerung das Auge mit Citronensaft und Salz einzureiben, dann fasse man die Fleischfalte in dem herabhängenden *arman* mit einem Haken an, ziehe es mit Nadel und Faden heraus und schneide es mit einem abgerundeten Messer ab. Auch ein Auswuchs (? *parvaṇī*) ist mit einem Haken zu fassen und in der Mitte abzuschneiden, sonst wie *arman* zu behandeln. Scarificirungen kommen besonders für Erkrankungen der Augenlider in Betracht; das Auge wird mit einem in warmes Wasser getauchten Tuch angefeuchtet und dann mit einem Messer oder Blättern geritzt (C. 6, 26, 119 ff.; Su. 6, 8—19; S. 6, 12—20; A. 6, 9—16; V. Bh. l. c.; Vṛ. 61).¹

c38.13

¹ Nach der Beschreibung in A. 6, 14, die einfacher und klarer ist, als die von Stenzler bei Häser l. c. 32 f., von Weber bei Magnus l. c. 179 und von G. Oppert bei Hirschberg l. c. 38 f. übersetzte Parallelstelle Su. 6, 17, 55 ff. Vgl. auch S. 6, 17.

c38.14

§ 84. Ohrenkrankheiten. — Nach Su. gibt es 28, nach S. A. 25 Ohrenleiden (*karṇaroga*), nach M. sind es folgende: *karṇaśūla*, Otalgie. *karṇanāda*, Ohrenklingen, man hört mannigfache Geräusche, wie von Pauken, Trommeln oder Muscheln. *bādhirya*, Taubheit, entsteht, wenn der Wind den Gehörgang versperrt. *karṇakṣveḍa*, Ohrensausen. *karṇasaṃsrāva*, Otorrhöe, verursacht durch einen Schlag, Untertauchen im Wasser oder Eiterung eines Abscesses. *karṇagūthaka*, Bildung von Ohrenschmalz. *karṇapratīnāha*, das Ohrenschmalz wird flüssig und tritt durch Nase und Mund aus mit starkem Kopfweh. *kṛmikarṇaka*, im Ohr entstehende Würmer oder Maden; auch in den Gehörgang geratene geflügelte Insekten oder Hundertfüsser verursachen heftigen Schmerz. *karṇavidradhi* Abscess am Ohr, von Wunden oder von den Grundsäften. *karṇapāka*, Eiterung am Ohr. *pūtikarṇaka*, stinkender Ausfluss aus dem Ohr. *paripotaka*, Entzündung des Ohrläppchens. *utpāta* (*utpāta*), eine durch äussere Ursachen entstandene eiternde Geschwulst am Ohrläppchen. *unmanthaka*, Geschwulst. *parilehin*, Ekzem (M. 352—7, vgl. Su. 6, 20; C. 6, 26, 71; S. 6, 21; A. 6, 17; V. 760 —2; Bh. 2, 4, 120—4).

c38.15

Füllung des Ohrs mit Öl und verschiedenen Arzneistoffen scheint das gewöhnlichste Verfahren bei diesen Krankheiten gewesen zu sein, so hat schon B. 2, 532 ff. sechs Recepte für die Bereitung von Öl oder Butter mit langem Pfeffer und anderen Substanzen, um damit das Ohr zu füllen bei *karṇa-śūla*, *-nāda*, *-kṣveḍa*, *-rujā*. Ähnliche Recepte geben die Späteren, so das als *kṣārataila* bezeichnete Recept, das für Otalgie, Taubheit, stinkenden Ausfluss, Ohrenklingen, Eiterung und Würmer gut sein soll (Vṛ. 59, 16—20 — A. 6, 18, 26—30). Als zu verwendende Stoffe werden noch genannt: Ingwersaft, Honig, Salz, Knoblauch, Deodar, Citronensaft, Urin von verschiedenen Tieren u. a. Auch Nasenmittel, Räucherungen, Waschungen, locale Wärme, Brech- und Abführmittel, Zuführung von Dampf durch eine Röhre (*nāḍīsveda*), Gurgeln und andere Kuren werden empfohlen, Anstrengungen, Untertauchen mit dem Kopf, geschlechtlicher Verkehr sind zu meiden. Ohrenschmalz ist mit einem spitzen Instrument (*śalākā*) zu beseitigen, ein Insekt oder Unreinigkeiten ebenso oder durch Aussaugen mit einem Horn, bei einem Ohrabscess ist wie bei anderen Abscessen, bei Würmern im Ohr mit Wurmmitteln vorzugehen (C. 6, 26, 113—8; Su. 6, 21; S. 6, 22; A. 6, 18; V. 762—71; Bh. 2, 4, 124 ff.; Vṛ. 59). Bei Erkrankung des Ohrläppchens sind besonders Pflaster anzuwenden (Su. 1, 16, 26 ff.).

c38.16

§ 85. Otoplastik, Rhinoplastik, Cheiloplastik. — Da Manu 8, 125 unter den Körperteilen, an denen Strafen vollzogen werden sollen, auch die Ohren und die Nase nennt, das Nasenabschneiden auch besonders eine gewöhnliche Strafe für Ehebruch war, so sind solche gerichtliche Verstümmelungen vielleicht als der Hauptanlass für die Lehren der indischen Chirurgie in Bezug auf die Behandlung abgeschnittener Ohren und Nasen anzusehen. Wenn Jemand das Ohrläppchen fehlt, so muss ein kundiger Arzt ihm aus der Wange ein Stück lebendiges Fleisch ausschneiden, aber so, dass es in Zusammenhang mit der Wange bleibt, und daraus nach Scarificirung der Stelle ein Ohrläppchen herstellen (Su. 1, 16, 8f.; S. 6, 22, 261). Wenn Jemand die Nase abgeschnitten ist, schneide der Arzt ein Blatt von gleicher Grösse von einem Baum ab, lege es auf die Wange und schneide aus derselben ein ebenso grosses Stück Haut und Fleisch heraus, vernähe die Wange mit Nadel und Faden, scarificire das noch vorhandene Stück der Nase, stülpe rasch aber sorgsam die abgeschnittene Haut darüber, füge sie gut an mit einem tüchtigen Verband und nähe die (neue) Nase fest. Dann stecke er sorgfältig zwei Röhren hinein, um die Atmung zu erleichtern, und nachdem sie dadurch erhöht ist, benetze er sie mit Öl und bestreue sie mit rotem Sandel und anderen blutstillenden Pulvern; hierauf ist sorgsam weisse Baumwolle darauf zu legen und öfter mit Sesamöl zu besprengen. Der Operirte muss dann Butter, später ein Abführmittel geniessen. Su. scheint auch von der Durchschneidung der Brücke zu sprechen. Wenn nach der Heilung die Nase zu viel Fleisch oder Haut hat, muss man es abschneiden und sie nochmals nähen; wenn sie zu klein geraten ist, muss man sie vergrössern. Bei abgeschnittenen Lippen ist, abgesehen von der Einsetzung der Röhren, ebenso wie bei der Nasenansetzung zu verfahren (Su. 1, 16, 39 ff.; S. 6, 22; A. 6, 18, 59 ff.).

c38.17

Die indische Rhinoplastik ist durch ihr frühes Auftreten und ihre Einwirkung auf die plastischen Operationen europäischer Chirurgen (CARPUE, GRÄFE, DIEFFENBACH, vielleicht schon BRANCA und TAGLIACOZZA) zu einer gewissen Berühmtheit gelangt¹. Obwohl bei den für das 18. Jahrhundert bezeugten Operationen indischer Ärzte die Stirnhaut für den Nasenersatz benutzt wurde, so kann an dem Zusammenhang derselben mit der alten, die Haut der Wange benutzenden Methode nicht gezweifelt werden². HAAS erklärte Su.s Beschreibung der Rhinoplastik für eine Verwässerung einer ähnlichen Stelle bei Celsus (7, 9) und wies auf eine Bemerkung in Cd.s Commentar zu Su. hin, wonach die ganze Su.-Stelle unecht (*anārṣa*) wäre³. Doch haben die Angaben des Celsus mit denjenigen Su.s nur eine entfernte Ähnlichkeit, und nach D. haben »Jaiyyaṭa, Gayadāsa u. A.«, d. h. die ältesten Commentatoren, die Stelle als echt anerkannt⁴, wie auch durch die manche weitere Details enthaltenden Parallelstellen in S. A. ihr Alter verbürgt wird.

c38.18

¹ Vgl. ZEIS, Literatur und Geschichte der plastischen Chirurgie (Leipzig 1863) 61 f. (mit ROTHS Übersetzung von Su. 1, 16); BARDELEBEN, Lehrbuch der Chirurgie und Operationslehre 1, 744 ff. (7. Aufl., Berlin 1874).

c38.19

² ZEIS l. c. 213.

c38.20

³ ZDMG. 30, 659.

c38.21

⁴ Vgl. ROTH, ZDMG. 48, 140; D. 156.

§ 86. Nasenleiden

c38.s1.1

— Nach Su. gibt es 31, nach Bh. 34 Nasenleiden (*nāsāroga*), nach S. A. allein 18 *pīnasa*. Nach M. ist bei *pīnasa* »verstopfte Nase« die Nase verstopft, trocken oder voll von Schleim, erhitzt und der daran Erkrankte hat weder Geschmack noch Geruch. Bei unreifem oder acutem *pīnasa* besteht Schwere im Kopf, Appetitlosigkeit, dünner Ausfluss aus der Nase, Undeutlichkeit der Stimme, öfteres Ausspeien; bei reifem *pīnasa* bestehen die gleichen Symptome, aber der Schleim bleibt zähe in der Nase stecken, die Stimme und das Aussehen des Schleims sind normal. Bei *pūtināsya*, »Stinknase« (Ozäna) ist der Atem aus Mund und Nase übelriechend. Bei *nāsikāpāka* »Nasenentzündung« bilden sich stark eiternde Geschwüre. *Pūyarakta* »Eiterblut«, d. h. Ausfluss von mit Blut vermischtem Eiter, ist die Folge von Störungen der Grundsäfte oder von Verletzungen. Von Niesen (*kṣavathu*) gibt es 2 Arten. Bei *bhraṁśathu* tritt ein zäher, salziger Schleim, bei *dīpta* »brennend« heisser Hauch aus der Nase aus, bei *pratīnāha* »Verstopfung« ist sie verstopft, bei *srāva* »Ausfluss« flüssig, bei *nāsāpariśoṣa* »Nasentrocknung« die Respiration durch Eintrocknen des Schleims in der Nase sehr gehemmt. Eingehend werden die fünf Arten von Schnupfen oder Katarrh (*pratiśyāya*) beschrieben. Bei längerer Dauer wird dieses mit *pīnasa* verwandte Leiden unheilbar, es entstehen Würmer in der Nase, wie dies nach CHEVERS noch jetzt bei »Peenash« häufig vorkommt, Taubheit, Blindheit, Geruchlosigkeit, gefährliche Augenleiden, Geschwulst, Verdauungsschwäche und Husten. Von verschiedenen Arten von Geschwüren, Schwellungen und Nasenpolypen, die als *arbuda*, *śotha* und *arśas* bezeichnet werden, gibt es 7 + 4 + 4 = 15 Arten, ausserdem 4 Arten von *raktapitta* d. h. Nasenbluten (M. 358—65, vgl. Su. 6, 22—4; C. 6, 26, 62—5; S. 6, 23; A. 6, 19; Bh. 2, 4, 127 ff.; V. 771 ff.).

c38.s1.2

Gegen diese Krankheiten werden besonders Einträufelungen (*avapīḍa*) und andere Nasenmittel (*nasya*) verordnet, so gegen *pīnasa*, *pūtināsya*, *bhraṁśathu*, *nāsāsrāva*, *nāsāśoṣa*, *pratiśyāya*. Viele Recepte beziehen sich auf *pīnasa*, *pratiśyāya*, auch wird den daran Leidenden Aufenthalt in einem gegen Winde geschützten Haus vorgeschrieben, sie sollen sich mit einem schweren Tuch den Kopf umhüllen, kaltes Wasser, den Umgang mit Frauen, sehr trockene Speisen, Kummer und Sorgen, frische geistige Getränke meiden; bei frischem Schnupfen wende man Räucherungen an (C. 6, 26, 76—87; Su. 6, 23 f.; S. 6, 24; A. 6, 20; Vṛ. 60; Bh. V. 1. c.).

c38.s1.3

§ 87. Mundkrankheiten. — Die Krankheiten der Mundhöhle (*mukharoga*) zerfallen in Erkrankungen der Lippen, des Zahnfleisches, der Zähne, der Zunge, des Gaumens, Halses und der ganzen Mundhöhle, im Ganzen sollen es 65 sein. Die Lippen werden durch Störungen der Grundsäfte oder des Blutes, Fleisches oder Fettes rauh, hart, steif, schmerzhaft, gelb, rot, geschwollen u. s. w., es entsteht ein Ausschlag, oder es bilden sich Würmer, Eiter oder wässeriger Ausfluss u. s. w. Zahnfleisch. *śītāda* Skorbut, *dantapuppuṭa* Zahngeschwulst, *dantaveṣṭa* Entzündung des Zahnfleischs mit blutiger Eiterung, *śaushira* schmerzende Geschwulst an den Zahnwurzeln, *mahāśaushira* brandige Entzündung des Zahnfleisches, *paridara* Aufspringen, Bluten des Zahnfleisches, *upakuśa* Entzündung des Zahnfleisches mit hässlichem Geruch aus dem Munde, *vaidarbha* Geschwulst an den Zahnwurzeln durch Verletzung derselben, *khalivardhana* überzähliger Zahn, *karāladanta* hervorstehender Zahn, *adhimāṁsaka* Geschwulst am Weisheitszahn, *dantamūlagatā nāḍī* Zahnfistel. Zähne. *dālana* Zahnweh, *kṛmidantaka* »Wurmzahn«, Caries, *bhañjanaka* Abbrechen der Zähne, *dantaharṣa* empfindliche Zähne, *dantaśarkarā* Zahnstein, *kapālikā* harter, perniciöser Zahnstein, *śyāvadantaka* braune, brandige Zähne. Zunge. Von Wind ist sie aufgesprungen und gefühllos, von Galle heiss und mit rötlichen Erhöhungen bedeckt, von Schleim schwer und dick, mit dornartigen Auswüchsen übersät. Eine starke Schwellung auf der Zunge mit Eiterung an der Zungenwurzel heisst *alāsa*, Glossitis, eine Geschwulst wie eine zweite Zunge *upajihvā*, Ranula. Gaumen. *galaśuṇḍī* geschwollene Mandeln, *tuṇḍikerī* Abscess an den Mandeln, *adhruṣa* (*abhruṣa*) eine rote, sehr schmerzhafte Geschwulst mit Fieber, *kacchapa* »Schildkröte«, eine schmerzlose Geschwulst, wohl Hypertrophie der Mandeln, *tālvarbuda* Geschwulst in der Mitte des Gaumens, *māṁsasaṁghāta* »Fleischanschwellung«, schmerzloser Tumor, *puppuṭa* schmerzlose Geschwulst von der Grösse einer Beere, *tāluśoṣa* Gaumenentzündung, *tālupāka* Abscess am Gaumen. Über Halsleiden s. § 64. Mund. *sarvasara* d. h. überall hin verbreitet, Pusteln im ganzen Mund, schmerzend oder schmerzlos, drei Arten, von Wind, Galle und Schleim (M. 337—51 und Dutt, Nidāna 206 ff. Vgl. C. 26, 67 f.; Su. 2, 16; S. 6, 25; A. 6, 21; Bh. 2, 4, 135 ff.; V. 738 ff.).

c38.s1.4

Bei Erkrankungen der Lippen sind besonders Salben anzuwenden, ferner Gurgelwasser und andere Mundmittel, Blutegel, locale Wärme u. a., bei Affectionen des Zahnfleisches besonders Blutentziehung, ferner Gurgelwasser, Pulver äusserlich am Zahnfleisch, Pflaster, Herausschneiden des verdorbenen Fleisches an den Zahnwurzeln und Herausziehen der kranken oder überzähligen Zähne, gleichviel ob sie locker oder fest sind, Brennen u. a. Gegen Zahnweh werden lauwarmes Gurgelwasser, Abkochungen, Erwärmungen, Räucherungen, Nasenmittel empfohlen, Zahnstein ist ohne Beschädigung der Zahnwurzeln zu beseitigen, lockere Zähne zu ziehen; saure Früchte, kaltes Wasser, trockne oder sehr harte Dinge darf man bei Erkrankungen der Zähne nicht geniessen, auch nicht die üblichen Stöckchen zur Reinigung der Zähne kauen. Bei Erkrankungen der Zunge sind ätzendes Gurgelwasser, Scarificirung, Räucherung, Nasenmittel u. a. anzuwenden. Geschwollene Mandeln soll man herausziehen und ein Stück davon abschneiden, auch die sonstigen Geschwülste am Gaumen sollen operirt oder scarificirt werden, bei Entzündung und Abscess am Gaumen ist besonders Gurgelwasser zu geben. Bei Affectionen des ganzen Munds sind salzige Pulver, Gurgelwasser, Nasenmittel u. dgl. indicirt (C. 6, 26, 100--8; Su. 4, 22; S. 6, 26; A. 6, 22; Vṛ. 58; Bh. V. l. c.).

c38.s1.5

§ 88. Kopfleiden. -- Erkrankungen des Kopfes (*śiroroga*) entstehen durch Rauch, Hitze, Frost, Übermass im Schlafen oder Wachen oder im Genuss von Wasser und geistigen Getränken, Unterdrückung der Thränen oder Weinen, Würmer, widrige Gerüche und andere Ursachen (S. A.). 1. Von Wind entstehen plötzlich heftige Kopfschmerzen, die in der Nacht besonders stark werden, aber durch Verbände und Wärme abnehmen. 2. Von Galle entsteht Hitze im Kopf wie von glühenden Kohlen, durch Anwendung von Kälte und Nachts tritt Besserung ein. 3. Von Schleim ist der Kopf schwer, steif und kalt, Augenlider und Mund geschwollen. 4. Von den drei Grundsäften: Combination dieser Symptome. 5. Von Blut sind die Symptome wie bei Galle, ausserdem Druckempfindlichkeit. 6. Von Schwund des Fettes und anderer Grundbestandteile im Kopf entsteht heftiges Kopfweh, das durch Erwärmung, Blutentziehung und dergleichen Mittel zunimmt. 7. Von Würmern kommt Blut und Eiter aus der Nase. 8. Von der Sonne, *sūryāvarta*. In den Augen und Augenbrauen tritt bei Sonnenschein starker Schmerz auf, der Nachts aufhört (Sonnenstich?). 9. *anantavāta*, heftige Schmerzen im Nacken, den Augen, Augenbrauen und Schläfen. 10. *ardhāvabhedaka* »halbseitiger Schmerz«, Migräne. 11. *śaṅkhaka* »Schmerz in den Schläfen«, ein sehr gefährliches Leiden (M. 404—11; Su. 6, 25. Vgl. C. 6, 26, 66; S. 6, 27; A. 6, 23; Bh. 2, 9, 80 ff.; V. 836 ff.).

c38.s1.6

§ 89. »Windkrankheiten« (*vātavyādhi*). — Diese, zumeist nervösen Leiden verursacht durch Füllung der leeren Kanäle der Wind entweder am ganzen Körper oder in einzelnen Körperteilen, wenn er gestört wird durch unpassende oder ungenügende Nahrung, Überanstrengung, Blutverlust, Sorgen, Kummer u. s. w. Symptome: Contraction und Steifheit der Gelenke, die

c38.s1.7

Die Behandlung ist teils eine innerliche, mit verschiedenen Butterabkochungen und Regelung der Diät, teils äusserlich mit Nasenmitteln, Pflastern, Waschungen, Untertauchen des Kopfes in kaltem Wasser, Umschlägen, Aderlässen, Räucherungen, Erwärmungen u. a. (C. 6, 26, 88—99; Su. 6, 26; S. 6, 28; A. 6, 24; Vṛ. 62; Bh. V. l. c.).

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