Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c4.s7: VII. Lieder aus unregelmässig gebauten Versen
Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c4.s7
- Language
- German
VII. Lieder aus unregelmässig gebauten Versen
c4.s7.2
Pâdas, deren Umfang und Bau von den im Allgemeinen geltenden Normen abweicht, finden sich in einigen Liedern des Ṛigveda in solcher Häufigkeit und zum Theil wenigstens so entschieden geschützt gegen textkritische Beanstandung, dass für derartige Stellen die Annahme einer nicht auf blosser Nachlässigkeit, sondern auf Absicht beruhenden freieren Behandlung des Metrums unabweisbar wird. Schon in alter Zeit ist diese Erscheinung beobachtet worden; so werden im Kaushîtaka (VIII, 5) die Verse I, 120, 1-9 hinsichtlich ihres Metrums als »ziellos« (akûdhrîcyaḥ) bezeichnet, und der Ausdruck, welchen das Aitareya (I, 21) von denselben Versen braucht, vichandas, findet sich als Bezeichnung einer eigenen Kategorie von Versmaassen schon in Formeln des Yajus-Rituals ¹). Von dem Âprîliede der Feuerschichtung sagt die Taitt. Saṃhitâ (V, 1, 8, 4), die Verse seien aparimitachandasaḥ, ûnâtiriktâḥ; das Versmaass heisse »das Haarige« (lomaśam) ²).
c4.s7.3
¹ Z. B. Taitt. Saṃh. V, 2, 11, 1: sachandâ yâ ca vichandâḥ.
c4.s7.4
² Vergl. auch Maitr. Saṃh. III, 4, 6; Indische Studien VIII, 108 Anm.
c4.s7.5
In erster Linie sind es die beiden Sûktas I, 120 (Vers 1-9) und X, 105, welche den hier zu erörternden freieren metrischen Typus vertreten. Neben ihnen erscheint es zweckmässig, in diese Untersuchung auch das eben erwähnte, den Yajurveden eigenthümliche Âprîlied des Agni-Rituals hineinzuziehen (Taitt. Saṃh. IV, 1, 8, 1-3; Maitr. Saṃh. II, 12, 6; Vâj. Saṃh. XXVII, 11—22): denn während jene beiden Rig-hymnen, offenbar eben unter dem Einfluss ihrer unausgeprägten metrischen Gestalt, voll von Verderbnissen und Dunkelheiten sind, bietet das Yajuslied, in mehreren Parallel-recensionen überliefert ¹) und durch die typischen Characteristica der Âprîhymnen geschützt, der Untersuchung einen wesentlich festeren Boden.
c4.s7.6
¹ Unter denselben stehen sich Taitt. Saṃh. (T) und Vâj. Saṃh. (V) sehr nahe und geben offenbar den vorzuziehenden Text; weiter ab weicht Maitr. Saṃh. (M).
c4.s7.7
Dass die Sûktas in der That aus Versen bestehen und nicht aus Prosa, leidet keinen Zweifel. Die Zerlegung in einzelne Ricas liegt nicht bloss in dem Âprîhymnus — wo die rituelle Natur des Textes dieselbe mit sich bringt — sondern ebenso in den beiden andern Liedern deutlich am Tage. Innerhalb der Verse grenzen sich Pâdas ab. Viele unter diesen Pâdas zeigen die bekannten, regulären Typen; und wenn sich mit ihnen andere von jenen Typen abweichende verbinden, so lassen sich doch auch in diesen Abweichungen sowie in der Gruppirung solcher Pâdas neben den regulären, gewisse Normen nicht verkennen, Ansätze zu einer wenn auch unvollkommenen Regelmässigkeit, welche es unmöglich machen, diese Verse einfach als formlos zu bezeichnen.
c4.s7.8
Gehen wir, um dies im Einzelnen zu veranschaulichen, von dem, wie bemerkt, am besten überlieferten Âprîhymnus aus. Es lässt sich für ihn die Regel aufstellen, dass jeder Vers drei Pâdas hat: der erste und mit wenigen Ausnahmen auch der letzte Pâda ist stets Trishtubh; der zweite ist es nie, sondern hat meistens eine von den gewöhnlichen metrischen Bildungen abweichende Form ¹). Einigemale ist er fünf-sylbig: so Vers 7 ushâsânaktâ; 10 tvashṭâ suvîram (suvî-ryam?); 11 tmanâ deveshu; 12 indrâya havyam ²). Man wird in diesen Pâdas (◡◡◡◡◡) die Gestalt der fünfsylbigen Virâjreihe und jener fünfsylbigen Pâdas, welche in den Ṣakvarî-Versen auftreten (wie evâ hi ṣakraḥ etc.), wiederzufinden haben. Siebensylbig ³) sind folgende Pâdas: Vers 2 devo deveshu devaḥ, 6 vratâ dadante’ agneḥ ⁴). Neun-sylbig die folgenden: Vers 1: ûrdhvâ ṣukrâ ṣocîṃshi agneḥ, 8 agner jihvâm abhi gṛṇitam, 9 iḍâ sarasvatî bhâratî. Man sieht, dass dies Pâdas von vorherrschend jambischem Tonfall sind; ihre Sylbenzahl ist ungerade, so dass der Ausgang in der Regel den fallenden Rhythmus hat, wie der Ausgang des mit ihnen verbundenen Triṣṭubh-Metrums. Gerade Sylbenzahl (6 resp. 8) haben die zweiten Pâdas nur in den Versen 3--5: narâśaṃso agne, iḍâno vahnir namasâ, sa iṃ mandrâ suprayasaḥ (?).
c4.s7.9
¹ In den Versen 2-5 hat M eine von den beiden Paralleltexten abweichende Vertheilung der Pâdas auf die Ṛicas, welche mit dieser Regel nicht im Einklang stehen würde. Die Fassung von M ist aber aus mehreren Gründen unacceptabel. Bei Gott Narâṣaṃsa (Vers 3) ist so gut wie bei Tanûnapât (2) ein Hinweis auf das für diese beiden Götter characteristische madhu zu erwarten (vergl. Ṛv. I, 13, 2. 3; 142, 2. 3): also gehört der Pâda madhvâ yajñam etc. zum dritten (so TV), nicht zum zweiten (M) Verse. Der vierte Vers hat in M überhaupt keine Construction; der in M prädicatslose Satz iḍâno vahnir namasâ gehört unzweifelhaft mit dem vorhergehenden achâyam eti ṣavasâ ghṛitena zusammen, und dieser letztere Satz mit seinem achâ ... eti liefert zu dem sonst unverständlichen agnim sruco adhvareshu prayatsu die offenbar erforderte Ergänzung (vergl. Ṛv. V, 21, 2; VIII, 60, 2): mithin liegt auch die Abgrenzung von 3. 4 in TV, nicht aber in M richtig vor. In Vers 5 scheint der Redactor von M die offenbar in suprayasaḥ (?) liegende Hindeutung auf das Barhis (vergl. Böhtl. Roth s. v. su-prayâ) nicht als genügend empfunden und deshalb eine Hinzufügung gemacht zu haben; doch ist hier bei dem verderbten Zustand des Textes das Urtheil unsicher.
c4.s7.10
² Hierher gehört wohl auch der dritte Pâda von Vers 9, der ausnahmsweise nicht Triṣṭubh ist: mahî gṛṇânâ.
c4.s7.11
³ Vergl. oben S. 35 fg.
c4.s7.12
⁴ Hierher ein dritter Pâda, Vers 8: kṛṇutam naḥ suishṭim.
c4.s7.13
Mit der hier gewonnenen Anschauung von diesem Typus der aus zwei Triṣṭubh-Pâdas und einem dazwischen stehenden siebensylbigen (neunsylbigen u. s. w.) Pâda gebildeten Verse treten wir nun an die Untersuchung vom Rigveda X, 105 heran. Bei allen Zweifeln, zu welchen der dunkle und vielfach hoffnungslos verderbte Text im Einzelnen Anlass giebt, stellt sich doch mit vollkommener Deutlichkeit als der herrschende metrische Typus eben der vorher von uns beschriebene heraus: zwischen zwei Triṣṭubhreihen steht ein andrer, in diesem Liede überwiegend siebensylbiger Pâda, in der Regel von der Gestalt ◡ ⏑ ⏑ ⏑ ◡ ⏑ ⏑ ¹). Man erkennt die Triṣṭubhform leicht in den ersten Pâdas von Vers 1. 2. 3 ²). 4. 10. 11. (dazu Vers 7, wo Jagatî statt der Triṣṭubh); ebenso in den dritten Pâdas von Vers 2. 4. 5. 7. 8. 9. 11. Der siebensylbige zweite Pâda liegt, je nach dem Zustand des Textes, mit grösserer oder geringerer Sicherheit vor in Vers 1. 2. 4. 5. 7. 9. 10. 11. So stellt beispielsweise Vers 2 die normale Verbindung der drei Pâdas dar:
c4.s7.14
¹ Auf die Form des Verses von drei Pâdas reducirt sich auch Vers 11 mit seinen 5 Pâdas leicht: der zweite und dann ebenso der dritte Pâda des Normalschemas sind je zweimal gesetzt, so dass der Text mit unbedeutender Variation wiederholt ist.
c4.s7.15
² Die Vergleichung der in ihrer Ausdrucksweise parallel laufenden Verse 3 und 4 führt in 3 auf die Vermuthung apâyor (d. h. apa ayor) für apa yor: ohne sie (die beiden hari) ist Indra schwach; mit ihnen wird er gepriesen.
c4.s7.16
harî yasya || suyujâ vivratâ veḥ
arvantâ anu ṣepâ
ubhâ rajî na || keṣinâ patir dan.
c4.s7.17
Abweichungen von dieser Form, die auch bei besserer Textbeschaffenheit wohl nur zum Theil verschwinden würden, finden sich bei einem Drittel sämmtlicher Pàdas. Mehrfach erscheinen (einmal auch im zweiten Pàda des Verses) Triṣṭubhreihen mit drei statt vier Sylben vor der Cäsur (vergl. oben S. 79), wie Vers 6ᶜ: ṛbhur ¹) na || kratubhir màtariṣvà (so noḥ 3ᵇ, ᶜ; wohl auch 6ᵃ). Neunsylbige Pàdas, meist ausgehend auf den fallenden Rhythmus des Triṣṭubh-Schlusses, finden sich 1ᶜ, 5ᵃ, 8ᵃ, 10ᶜ (z. B. adhi yas tasthau keṣavantà). Endlich erscheinen achtsylbige Pàdas 6ᵇ, 8ᵇ (dieser Pàda allenfalls auch siebensylbig), 9ᵃ.
c4.s7.18
¹ Doch ist an sich, wie in einem späteren Abschnitt ausgeführt werden wird, zweisylbige Messung des ṛi-Vocals denkbar.
c4.s7.19
Das Lied I, 120 (Vers 1—9), zu welchem wir uns jetzt wenden, hat mit den beiden eben besprochenen den Versumfang von drei Pàdas und weiter die als Regel auftretende Verbindung von zwei Triṣṭubhreihen ²) mit einer anomalen Reihe gemein. Aber die Ordnung der drei Pàdas ist eine andre; die anomale Reihe hat ihre regelmässige Stelle am Schluss des Verses. Sie ist bald siebensylbig (Vers 2. 5. 6. 8), bald neunsylbig (Vers 1. 3), und hat im Ausgang den fallenden Triṣṭubh-Rhythmus (àkṣhî ṣubhas patî dan, stanâbhujo' aṣiṣvîḥ, kathâ vidhâti apracetàḥ etc.). In Vers 4ᶜ erscheint mit gleichem Ausgang eine dreizehnsylbige Reihe (pàtam ca sahyaso yuvam ca rabhyaso naḥ). Neunsylbige Pàdas haben die erste Stelle in Vers 3 und wie es scheint auch in Vers 1 eingenommen, siebensylbige die zweite Stelle in Vers 1 und 2. Der schwierige Vers 7 besteht aus vier zum Theil dunklen Pàdas; im dritten könnte der in diesen Liedern häufige neunsylbige Typus vorliegen (tà no vasû sugopâ syàtam ³). Vers 9 endlich ist aus drei Triṣṭubhreihen zusammengesetzt, von welchen die dritte mit unbedeutender Variation eine Wiederholung der zweiten ist und so den Schluss des Liedes markirt.
c4.s7.20
² Als Triṣṭubhreihe mit der oben S. 67 besprochenen Anomalie betrachte ich Vers 3ᵇ; auch 6ᵃ scheint mir ein im Ausgang verderbter Triṣṭubh-Pàda zu sein.
c4.s7.21
³ Oder Triṣṭubh mit zweisylbiger Messung des â von sugopâ und der Lesung siàtam?
c4.s7.22
Es bleiben freiere metrische Bildungen, welche an den Eigenthümlichkeiten der hier erörterten drei Sûktaṣ nicht theilnehmen, noch an zwei Stellen übrig: in dem Tṛica VIII, 46, 14-16 und in dem Refrain der Zaubersprüche I, 191, 10-13. Es scheint, dass jeder Vers jenes Tṛica auf ein oder mehrere über das Metrum hinausreichende, exclamationsartige Worte ausgeht, wie solche in den Sâman-Gesangbüchern häufig am Ende der Verse erscheinen: Vers 14 yathâ, 15 nûnam atha, 16 nûnam aty atha oder vielleicht, wenn man dem vorangehenden dunklen kṛipayato einen regelrechten Jagatî-Ausgang abzugewinnen versuchen darf, yato nûnam aty atha, wo dann etwa kṛipâ (?) als Schluss des vorangehenden Pâda übrig bleibt. Sehen wir von diesen Anhängseln an die drei Verse ab, so scheinen dieselben in ihrem Haupttheil folgende Gestalt zu zeigen: 14: Gâyatrî-Pâda, fünfsylbiges Glied ¹), Gâyatrî-Pâda, Jagatî-Pâda. 15. 16: je zwei Jagatî-Pâdas.
c4.s7.23
¹ madeshu gâya; siehe Aehnliches oben S. 157. Dass so abzutheilen und nicht etwa abhi vo vîram andhaso madeshu als Trishṭubh zu messen ist, wird durch die Wortvertheilung in der Sâman-Gestalt des Verses bestätigt.
c4.s7.24
Der Refrain, welcher I, 191 hinter Vers 10. 11 und mit gewissen Veränderungen auch hinter Vers 12 und 13 erscheint, zeigt die regellose Aufeinanderfolge von siebensylbigen und sechssylbigen Pâdas. So Vers 10=11:
c4.s7.25
(7) so cin nu na marâti
(6) no vayam marâma
(7) âre' asya yojanam
(6) harishṭhâ madhu tvâ
(6) madhulâ cakâra.
c4.s7.26
Darf bei diesen sechssylbigen Pâdas an die im Tonfall durchaus ähnlichen sechssylbigen Reihen des bekannten im Nidânasûtra citirten Verses der Pañcâlas ¹) erinnert werden?
c4.s7.27
¹ Indische Studien VIII, 90.
c4.s7.28
Schliesslich möge hier noch die Rede sein von dem alleinstehenden Versfragment X, 20, 1 bhadraṃ no’ api vâtaya manaḥ ²). Man sieht leicht, dass die Worte eine Entlehnung aus einem der folgenden Lieder sind, X, 25, 1:
c4.s7.29
² Dies ist bekanntlich nach Yâska die einzige ekapadâ im Ṛigveda (Prâtiṣ. 993).
c4.s7.30
bhadraṃ no’ api vâtaya
mano dakṣaṃ uta kratum ³).
c4.s7.31
³ Bollensen (ZDMG. XXXV, 452) sieht hier das Versehen eines Abschreibers, der am Anfang von X, 20 einige Blätter überschlagen und auf X, 25, 1 vorgegriffen hat: eine aus naheliegenden principiellen Gründen unzulässige Auffassung.
c4.s7.32
So ist es klar, dass bei jenem Fragment von einem Metrum, ausser insofern das Metrum der zu Grunde liegenden Stelle gemeint ist, nicht die Rede sein kann. Wie kommt aber jener Verstrümmer an den Ort, wo wir ihn finden? Die Stelle steht am Anfang der Vimada-Lieder, eines Abschnittes, welchen in die Augen fallende Characteristica als eine für sich stehende Sammlung kennzeichnen. Es ist vielleicht nicht zufällig, dass diese Sammlung — nach jenem an der Spitze stehenden Fragment bhadraṃ no etc. — mit eben den Worten anfängt wie der ganze Ṛigveda: agnim iḷe. Nun war es in der Brâhmaṇa- und Sûtrazeit eine verbreitete Sitte, den Vortrag gewisser Textstücke mit einem Gebet um richtiges Sprechen und Hören und mit Segenssprüchen ähnlichen Inhalts zu eröffnen; derartige Formeln finden sich nicht selten den betreffenden Texten vorangestellt, als ob sie zu ihnen gehörten. So lesen wir vor Ait. Âraṇy. I, Taitt. Âr. I etc.
c4.s7.33
den Vers śivâ naḥ śantamâ bhava sumṛiḍîkâ sarasvati etc.; ebenso den Vers bhadraṃ karṇebhiḥ śṛiṇuyâma devâḥ (Ṛv. I, 89, 8), und Aehnliches mehr. Diese Parallelen scheinen mir über die Bedeutung unsres Versfragments kaum einen Zweifel übrig zu lassen: es war ein Gebet, aus einer der Vimada-Hymnen entnommen, in welchem der Recitirer, der an diesen Abschnitt heranging, die Gottheit um den rechten Sinn für sein Beginnen anrief¹.
c4.s7.34
¹ Man beachte auch, dass das so wie es jetzt dasteht zehnversige Lied X, 20 von der Vargatheilung nicht der sonst geltenden Regel entsprechend in 5 + 5, sondern in 6 + 4 Verse zerlegt wird: ein sicherer Beweis, dass die Anordner der Vargas den ersten »Vers« nicht mitrechneten. Derselbe ist bekanntlich auch im Padapâṭha nicht zerlegt.
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