Geschichte der indischen Litteratur v3.c22.s8: Medizin
Geschichte der indischen Litteratur v3.c22.s8
- Language
- German
Medizin
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⁵ Das Hauptwerk über indische Medizin ist J. Jolly, Medicin (Grundriß III, 10), Straßburg 1901, wo auch die ältere Litteratur verzeichnet ist, s. besonders S. 19. Wichtige Ergänzungen gibt A. F. R. Hoernle, Studies in the Medicine of Ancient India, Part I: Osteology, Oxford 1907, und Studies in Ancient Indian Medicine, JRAS 1906, 283 ff.; 1907, 915 ff.; 1908, 997 f.; 1909, 857 ff., und Archiv für Geschichte der Medizin I, 1908, 29 ff. Vgl. auch Burnell, Tanjore, p. 63 ff.; Eggeling, Ind. Off. Cat. V, p. 923 ff; P. Cordier in Le Muséon, N. S. IV, 1903, p. 321 ff.; Haraprasād, Report I, p. 9 f.; Jolly, Die Sanskrit-Handschriften Nr. 287—413 der K. Hof- und Staatsbibliothek in München 1912, S. 47 ff. Durch die Lehre von den Heilmitteln ist in der Medizin auch das eingeschlossen, was die Inder von Botanik, Mineralogie und Chemie (Alchimie) wissen.
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Die Anfänge der medizinischen Wissenschaft reichen tief in die Zeit des Veda hinein. In den Zauberliedern des Atharvaveda und den Zauberriten der Rituallitteratur, besonders des zum Atharvaveda gehörigen Kauśikasūtra, finden wir die ersten Anfänge einer Heilkunde und einer Kenntnis der Heilkräuter. Denn wie bei anderen Völkern, so ist auch bei den Indern der Zauberdoktor der erste Arzt gewesen. Und dieser Zusammenhang mit dem Zauberglauben ist in Indien nie ganz vergessen worden. Denn noch in den wissenschaftlichen medizinischen Werken werden Dämonen als Krankheitserreger und Besprechungen als Heilmittel anerkannt. Wir finden ferner auch schon in den vedischen Texten die Anfänge einer Anatomie, einer Embryologie und einer Hygiene. Im Śatapatha-Brāhmaṇa (X und XII) und im Atharvaveda (X, 2) finden wir eine genaue Aufzählung der Knochen des menschlichen Skeletts¹). Der alte Name für die Medizin ist Āyurveda, »der Veda von (der Verlängerung) der Lebensdauer«, der als ein Upāṅga des Atharvaveda gilt²). Dieser Āyurveda bestand nach der Überlieferung ursprünglich aus acht Teilen, in denen die große Chirurgie, die kleine Chirurgie, die Heilung der Krankheiten des Körpers, die Dämonologie (Lehre von den durch Dämonen verursachten Krankheiten), die Kinderheilkunde, die Toxikologie, die Elixiere und die Aphrodisiaka behandelt wurden. Wie andere Wissenschaften wurde auch die Medizin auf göttlichen Ursprung zurückgeführt. Von Brahman geschaffen, ging sie nacheinander auf Prajāpati, die Ašvins und Indra und von diesen Göttern auf verschiedene Ṛṣis über. Unter den alten Weisen, die von der Überlieferung hier genannt werden, wie Ātreya, Hārīta, Kāšyapa, Agniveša, Bheḍa, mögen sich einzelne medizinische Schriftsteller verbergen, deren Werke uns verloren gegangen sind. Insbesondere wird Ātreya oder Kṛṣṇa Ātreya als erster Lehrer der Heilkunde genannt¹). Ātreya, Hārīta und Kāšyapa werden schon in alten medizinischen Texten zitiert. Aber die unter den Titeln Ātreya-Saṃhitā, Hārīta-Saṃhitā, Kāšyapa-Saṃhitā erhaltenen Werke sind im besten Falle neuere Bearbeitungen älterer Texte, in der Regel aber nur moderne Werke, die sich mit alten Namen schmücken²).
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¹ Vgl. Hoernle, Osteology 104 ff., 109 ff.
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² Sonst heißt die Medizin auch vaidyaśāstra, »die Wissenschaft der Ärzte«. Der Arzt heißt vaidya, »der Wissen(vidyā)besitzende«, so wie wir den Arzt »Doctor« nennen. Für das hohe Alter der Medizin in Indien ist es beachtenswert, daß Patañjali im Mahābhāṣya (ed. Kielhorn I, p. 9) unter den Wissenschaften, in denen das Sanskrit gebraucht wird, außer den Vedas und Vedāṅgas und der dem Veda nahestehenden mit Itihāsa, Purāṇa und Vākovākya bezeichneten Litteratur von weltlichen Wissenschaften nur das vaidyakam nennt.
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¹ So im Mahābhārata 12, 210, 21.
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² Eine Ātreya-Saṃhitā in Form eines Dialogs zwischen dem Ṛṣi Ātreya und seinem Sohn und Schüler Hārīta (s. Eggeling, Ind. Off. Cat. V, p. 929 f.) ist unter dem Titel Hārīta-Saṃhitā mehrmals in Indien gedruckt. Auch dem Cāṇakya wird ein medizinisches Werk Vaidyajīvana zugeschrieben (Aufrecht, CC 184), und arabische Schriftsteller nennen Šānaq (d. i. Cāṇakya) nicht nur als Verfasser von Werken über Nīti, sondern auch über Medizin, s. Zachariae, WZKM 38, 1914, S. 183.
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Für das hohe Alter der Heilkunde in Indien zeugt auch ihre häufige Erwähnung in der altbuddhistischen Litteratur. In der Buddhalegende begegnet uns oft der Kinderarzt Jīvaka, der in Taxila unter Ātreya Medizin studiert haben soll. Es ist wahrscheinlich, daß die berühmten »vier edlen Wahrheiten« von der Wissenschaft der Medizin hergenommen sind. Im Vinayapiṭaka werden eine Menge Medikamente aufgezählt, und Schwitzbäder, Aderlaß, chirurgische Instrumente, Brech- und Abführmittel u. dgl. werden erwähnt³). Die Gleichnisse vom Wundarzt im Majjhimanikāya (Reden 101 und 105) zeigen eingehende Beschäftigung mit der Chirurgie. Dem berühmten Nāgārjuna werden auch einige medizinische Werke zugeschrieben⁴). Auch in späterer Zeit haben sich die Buddhisten mit Vorliebe dem Studium der Medizin gewidmet. Das beweist der ausführliche Bericht, den I-tsing in seinem Reisebericht über die Medizin der Inder gibt, ebenso wie die Tatsache, daß so viele medizinische Werke ins Tibetische übersetzt worden sind¹).
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³ Mahāvagga VI, 1—14; SBE, vol. 17, p. 41 f.
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⁴ Vgl. Jolly, ZDMG 53, 1899, S. 378, und die dort zitierte Schrift von P. Cordier, Nāgārjuna et l'Uttaratantra de la Suçruta-Saṃhitā, Anantarivo 1896.
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¹ Vgl. Takakusu, I-tsing, pp. 130 ff.; 222 f.; Jolly, ZDMG 56, 1902, 565 ff.; Huth, SBA 1895, S. 269 ff.
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Buddhisten waren auch die Verfasser der ältesten datierbaren medizinischen Texte, die uns in dem Bower-Manuskript erhalten sind²). Dies ist eine alte indische Handschrift, die der englische Leutnant H. Bower im Jahre 1890 in einem buddhistischen Stūpa in Kutschā in Kaschgar (Chines. Turkestan) gefunden und R. Hoernle der Wissenschaft erschlossen hat. Aus paläographischen Gründen wird die Handschrift der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts n. Chr. zugeschrieben. Von den sieben Texten, die sie enthält, sind drei medizinischen Inhalts. Einer dieser Texte handelt über den Ursprung des Knoblauchs, der viele Krankheiten heilen und das Leben auf hundert Jahre verlängern soll, über die Verdauung, über ein Elixier für tausendjährige Lebensdauer, über die richtige Mischung von Ingredienzien, über stärkende Arzeneien, über Augenwasser, Augensalben usw. Ein zweites Fragment enthält 14 Arzeneiformeln zum äußeren und inneren Gebrauch. Das umfangreichste Stück ist das Nāvanītaka (»die Sahne«, d. h. ein Auszug aus dem Besten aller früheren Lehrbücher), das in 16 Abschnitten über Pulver, Dekokte, Öle, Klystiere, Elixiere, Aphrodisiaca, Kinderpflege, vermischte Rezepte usw. handelt. Da der Schluß des Werkes fehlt, ist uns auch der Name des Verfassers nicht erhalten. Alle diese Werke sind metrisch und zum Teil in Versmaßen der Kunstdichtung abgefaßt, wie das auch in späteren Rezeptsammlungen üblich ist. Die Rezepte machen aber einen durchaus altertümlichen Eindruck. Ihre Sprache ist ein mit Prākritizismen gemischtes Sanskrit. Im Nāvanītaka werden viele medizinische Autoritäten zitiert, insbesondere Agniveśa, Bheḍa, Hārīta, Jātūkarṇa, Kṣārapāṇi und Parāśara, die alle Schüler des Punarvasu Ātreya gewesen sein sollen, von uns bekannten Schriftstellern aber nur Suśruta¹).
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² The Bower Manuscript Facsimile Leaves, Nāgarī Transcript, Romanised Transliteration, and English Translation with Notes ed. by A. F. Rud. Hoernle, Calcutta 1893—1912 (Archaeological Survey of India, Vol. XXII); Introduction' auch abgedruckt in Ind. Ant. 42, 1913, und 43, 1914 Appendix. Vgl. Hoernle, Ind. Ant. 21, 1892, 29 ff., 129 ff., 349 ff.; Jolly, Medicin, S. 14 f., und ZDMG 53, 1899, 374 ff.; 67, 1913, 363 ff. Das Manuskript ist jetzt in der Bodleiana in Oxford, s. Winternitz-Keith, Bodl. Cat. II, p. 110 f.
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¹ Arzneiformeln zur Heilung verschiedener Krankheiten finden sich auch in einem von Aurel Stein in Ostturkestan gefundenen Handschriftenfragment, und zwar in einem barbarischen Sanskrit und einer Übersetzung in eine unbekannte iranische Sprache; siehe A. F. R. Hoernle in Bhandarkar Com. Vol. 415 ff.
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Suśruta ist einer von den »drei Alten« (wie die Inder sagen) der medizinischen Litteratur: Caraka, Suśruta und Vāgbhaṭa. Unter diesen drei Namen besitzen wir Saṃhitās, große Kompendien der Medizin, die aller Wahrscheinlichkeit nach auf eine ältere, uns verloren gegangene Litteratur von Tantras und Kalpas zurückgehen, in denen einzelne Gebiete der medizinischen Wissenschaft behandelt worden waren.
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Die Caraka-Saṃhitā²) ist nach ihrer eigenen Angabe nicht ein Originalwerk, sondern nur eine Bearbeitung eines Tantra von Agniveśa, dem Schüler des Punarvasu Ātreya und dem Mitschüler des Bheḍa (oder Bhela). Zu der noch wenig bekannten Bheḍa-Saṃhitā³) steht die Caraka-Saṃhitā in enger Beziehung. Caraka soll nach dem chinesischen Tripiṭaka (übersetzt 472 n. Chr.) der Leibarzt des Königs Kaniṣka gewesen sein, dessen Gemahlin er bei einer Totgeburt Beistand geleistet habe⁴). An und für sich steht nichts im Wege, dieser Nachricht Glauben zu schenken und Caraka in die Zeit des Kaniṣka (also wahrscheinlich 2. Jahrhundert n. Chr.) zu setzen. Aber sichere Beweise dafür gibt es nicht. Hingegen ist es sicher, daß wir den Text der Caraka-Saṃhitā nicht in seiner ursprünglichen Form besitzen. Der Text ist überhaupt schlecht überliefert, und sowohl die Handschriften als auch die Ausgaben weichen stark voneinander ab. Etwa ein Drittel des Werkes ist von Dṛḍhabala, dem Sohn des Kapilabala, wahrscheinlich im 8. oder 9. Jahrhundert n. Chr. ergänzt worden. Dṛḍhabala hat sich aber damit nicht begnügt, sondern auch den Text der ganzen Saṃhitā revidiert und Zusätze gemacht¹). Doch ist der Grundstock des Werkes, das ähnlich wie das Kauṭilīya-Arthaśāstra in Prosa mit Versen am Ende eines jeden Kapitels abgefaßt ist, gewiß alt und wohl das älteste der uns erhaltenen medizinischen Lehrbücher.
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² Ausgaben des Textes sind in Indien oft gedruckt worden, gewöhnlich mit Kommentaren, oft auch mit Übersetzungen in die Volkssprachen. Die Herausgabe einer vollständigen englischen Übersetzung ist von Kavirāj Avinash Candra Kaviratna (Calcutta 1890) begonnen und nach dessen Tode (1905) von seinem Sohn Pareshnath Sarma Kavibhushaṇa fortgesetzt und 1911 beendet worden. Der wirkliche Übersetzer ist aber Kisori Mohan Ganguli (s. A. Barth, JA 1911, s. 10, t. XVII, p. 389 f.).
v3.c22.s8.17
³ Sie ist bis jetzt nur in einer Handschrift vorhanden, s. Hoernle, Osteology, p. 37 ff. Jolly, Medicin, S. 12, vermutet, daß die Bheḍa-Saṃhitā vielleicht nur eine andere Rezension der Caraka-Saṃhitā sei, aber P. Cordier (Le Muséon, N. S. IV, 1903, 324 ff.) hält sie für ein älteres Werk als die Caraka-Saṃhitā.
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⁴ Vgl. Takakusu, I-tsing, p. LIX; Jolly, WZKM 11, 1897, 164 ff.; Keith, ZDMG 62, 1908, 136.
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¹ Vgl. Hoernle, Osteology, p. 1 ff.; Archiv für Geschichte der Medizin I, 1908, 29 ff.; JRAS 1908, 997 ff.; 1909, 857 ff.; Jolly, Sanskrit-Handschriften München, S. 48. Dṛḍhabala ist ein Kaschmirer, und die Kommentare sprechen auch von einer »kaschmirischen Rezension« der Caraka-Saṃhitā.
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Die Caraka-Saṃhitā besteht aus 8 Hauptstücken (sthāna): 1. Sūtrasthāna oder allgemeiner Teil, der über Heilmittel, Diätetik, Pflichten des Arztes u. a. handelt; 2. Nidānasthāna, über acht Hauptkrankheiten; 3. Vimānasthāna, über Geschmack, Ernährung, allgemeine Pathologie, ärztliches Studium; 4. Šārīrasthāna, über Anatomie und Embryologie; 5. Indriyasthāna, über Diagnostik und Prognostik; 6. Cikitsāsthāna, über spezielle Therapie; 7., 8. Kalpa- und Siddhisthāna, über allgemeine Therapie.
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Caraka ist nicht nur Arzt, sondern auch Ethiker und Philosoph. Im Zusammenhang mit hygienischen Regeln, ebenso im Anschluß an die Lehre von der Sünde als einer Krankheitsursache, gibt er auch zahlreiche religiöse und moralische Verhaltungsmaßregeln. Mit aller Kraft, sagt Caraka, soll der Mensch nach den drei Zielen: Erhaltung des Lebens, Erwerb von Reichtum und Seligkeit im Jenseits, streben. Daran knüpfen sich Betrachtungen über die Seele usw., wobei der Standpunkt der Sāṃkhya-Philosophie eingenommen wird, ebenso wie in dem Šārīrasthāna, das mit einer Auseinandersetzung über Puruṣa und Prakṛti beginnt. Doch ist Caraka auch mit der Nyāyalehre vom Syllogismus und mit den Kategorien des Vaiśeṣika bekannt²). An den Satz: »Die drei Stützen des Körpers sind: Essen, Schlaf, Enthaltsamkeit« knüpft sich eine interessante Auseinandersetzung über die Bedeutung des Schlafes für die Gesundheit.
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² Vgl. Suali, Introduzione, p. 28.
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Nach dem Vimānasthāna geschieht die Aufnahme des Schülers beim ärztlichen Lehrer mit religiösen Zeremonien nach Art des Upanayana beim Vedastudium. An den Jünger der Medizin werden hohe Anforderungen gestellt. »Mit ganzer Seele muß er um die Heilung des Kranken sich bemühen, und wenn sein eigenes Leben auf dem Spiel stünde, darf er dem Kranken kein Leid tun und nicht einmal in Gedanken dem Weib eines anderen zu nahe treten, noch auch seiner Habe.... Wenn er, von einem Bekannten und zum Eintritt berechtigten Mann begleitet, in die Wohnung des Kranken tritt, soll er wohlgekleidet, gesenkten Hauptes, nachdenklich, in fester Haltung und mit Beobachtung aller möglichen Rücksichten auftreten. Ist er drinnen, so darf Wort, Gedanke und Sinn auf nichts anderes gehen, als auf die Behandlung des Patienten und was mit dessen Lage zusammenhängt. Die Vorgänge des Hauses dürfen nicht ausgeplaudert, auch darf von einem dem Kranken etwa drohenden frühen Ende nichts mitgeteilt werden, wo es dem Kranken oder sonst jemand Nachteil bringen kann¹)«.
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¹ Übersetzt von R. Roth, ZDMG 26, 1872, 445 ff.
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Der älteste uns erhaltene Kommentar zur Caraka-Saṃhitā ist der des Cakrapāṇidatta aus dem 11. Jahrhundert. Früher aber wurde das Werk schon ins Persische und aus diesem um 800 n. Chr. ins Arabische übersetzt²).
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² Vgl. Sachau, Albêruni's India I, pp. XXXI, XXXV.
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Das bekannteste medizinische Lehrbuch der Inder ist die Suśruta-Saṃhitā³), die ebenfalls in einer mit Versen gemischten Prosa abgefaßt ist, aber nach Sprache und Inhalt jünger sein dürfte als der Grundstock der Caraka-Saṃhitā. Im Mahābhārata (13, 4, 55) wird Suśruta unter den Söhnen des Viśvāmitra aufgezählt. Nāgārjuna soll das Werk des Suśruta neu bearbeitet haben. Im Bower-Manuskript wird er neben Ātreya und Hārīta erwähnt. Im 9. und 10. Jahrhundert war der Name des Suśruta als eines berühmten Arztes sowohl in Kambodscha in Hinterindien als auch bei den Arabern im Westen wohlbekannt. So sicher es aber ist, daß Suśruta ein alter Schriftsteller war, der nur wenig jünger als Caraka sein kann und einem der ersten Jahrhunderte n. Chr. angehört haben muß, so unsicher ist das Alter des Textes der Saṃhitā in seinem gegenwärtigen Zustand, der erst durch Kommentare vom 11. Jahrhundert an verbürgt ist.
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³ In Indien oft gedruckt. Ins Lateinische übersetzt von F. Hessler, Erlangae 1844—52 (veraltet); englische Übersetzungen von Hoernle, Bibl. Ind. 1897 (nicht beendet) und von Kaviraj Kunja Lal Bhishagratna, Calcutta 1907, 3 Vols. S. auch Altindische Geburtshilfe aus Susrutas System der Medizin, übersetzt und erläutert von J. A. Vullers, Gießen 1846 (aus der Zeitschrift Janus I, 1846, 225 ff.).
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Ähnlich wie die Caraka-Saṃhitā beginnt auch die Suśruta-Saṃhitā mit einer mythologischen Einleitung über den Ursprung des Āyurveda.
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Als Lehrer des Suśruta wird hier der König Divodāsa von Benares genannt, der eine Verkörperung des Dhanvantari, des Wundarztes der Götter, sein soll. Diese Sage hängt damit zusammen, daß Suśruta im Gegensatz zu Caraka vor allem Wundarzt ist und die Chirurgie eingehend behandelt, die in der Caraka-Saṃhitā fast ganz fehlt. Auch Suśruta beginnt mit einem Sūtrasthāna, in dem allgemeine Fragen behandelt werden. Das zweite Hauptstück (nidānasthāna) handelt über Pathologie, das dritte (śārīrasthāna) über Anatomie und Embryologie, das vierte (cikitsāsthāna) über Therapie, das fünfte (kalpasthāna) über Toxikologie. Den Schluß bildet ein uttaratantra, »ergänzendes Buch«, das erst später hinzugefügt wurde¹). Es handelt über Augenkrankheiten und andere im alten Teil nicht erwähnte Gegenstände.
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¹ Hoernle unterscheidet daher einen »älteren« und einen »jüngeren« Suśruta, indem er mit letzterem den Verfasser des Uttaratantra meint. Er hält aber (s. Osteology, pp. 4 ff., 8) dieses ergänzende Buch für mindestens ebenso alt wie die Caraka-Saṃhitā und Kaniṣka, während er glaubt, daß schon das Śatapatha-Brāhmaṇa mit Lehren des Suśruta bekannt war. Ich kann A. B. Keith (ZDMG 62, 136 ff.) nur zustimmen, daß diese Zeitbestimmungen höchst anfechtbar sind.
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Auch Suśruta stellt an den Jünger der Heilkunde die höchsten Anforderungen in bezug auf Eigenschaften des Körpers und des Geistes. Bei der Schüleraufnahme (upanayana) wird der Schüler um das heilige Feuer herumgeführt und feierlich ermahnt, der Sinnenlust zu entsagen und sich von Zorn, Habgier, Stolz, Eitelkeit, Neid, Roheit, Geschwätzigkeit, Lüge, Trägheit usw. fernzuhalten, Nägel und Haare stets kurz geschnitten zu haben, Reinlichkeit zu halten, sich in ein rötliches Gewand zu kleiden und ein aufrechtes, reines und achtungswertes Leben zu führen. Geistliche, Freunde und Nachbarn, Witwen und Waisen, Arme und Reisende soll der Arzt umsonst behandeln, als ob sie seine Verwandten wären. Hingegen soll er Jägern, Vogelstellern, aus der Kaste Ausgestoßenen und Sündern überhaupt keine ärztliche Hilfe leisten.
v3.c22.s8.33
Die ältesten Kommentare zur Suśruta-Saṃhitā von Jaiyyaṭa (oder Jaijjaṭa oder Jejjaṭa) und Gayadāsa sind uns nicht mehr erhalten. Die für uns ältesten Kommentare sind die Bhānumatī des Cakrapāṇidatta und der Nibandhasaṃgraha des Ḍallana aus dem 11. und 12. Jahrhundert²).
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² Über die Kommentare s. Jolly, ZDMG 58, 1904, 114 ff.; 60, 1906, 413 ff.; R. Roth, ZDMG 48, 1894, 138 ff.; Hoernle, JRAS 1906, 283 ff. Auf Grund von Jayyaṭas Kommentar hat Candraṭa einen revidierten Text des Suśruta hergestellt, s. Eggeling, Ind. Off. Cat. V, p. 928. Ḍallanas Kommentar ist herausgegeben von Jibananda Vidyasagara, Calcutta 1891.
v3.c22.s8.35
Der dritte von den »drei Alten« ist Vāgbhaṭa. Wenn Hārīta sagt, daß Atri für das Kṛta-, Suśruta für das Dvāpara- und Vāgbhaṭa für das Kali-Zeitalter gelehrt habe, so ist damit wohl richtig angedeutet, daß Vāgbhaṭa durch mehrere Jahrhunderte von Atri (auf dessen Lehren Caraka zurückgeht) und Suśruta getrennt ist. Es gibt aber unter dem Namen Vāgbhaṭa zwei berühmte Werke: Aṣṭāṅgasaṃgraha, »Zusammenfassung der acht Teile (der Medizin)« ¹) und Aṣṭāṅgahṛdayasaṃhitā, »Kompendium der Quintessenz der acht Teile (der Medizin)« ²). Schon der Form nach ist der in einem Gemisch von Prosa und Versen abgefaßte Aṣṭāṅgasaṃgraha älter als die ganz versifizierte Aṣṭāṅgahṛdayasaṃhitā. Auch inhaltlich ist das erste Werk altertümlicher. In Zitaten bei späteren medizinischen Schriftstellern erscheint das erste Werk als »Vṛddha-Vāgbhaṭa«, während das zweite schlechthin als »Vāgbhaṭa« bezeichnet wird. Da nun in der Aṣṭāṅgahṛdayasaṃhitā der Aṣṭāṅgasaṃgraha benutzt ist, kann es kaum zweifelhaft sein, daß wir einen älteren und einen jüngeren Vāgbhaṭa unterscheiden müssen. Der ältere lebte wahrscheinlich am Anfang des 7., der jüngere im 8. Jahrhundert ³). Der ältere Vāgbhaṭa ist wahrscheinlich der Mann, von dem I-tsing, ohne ihn mit Namen zu nennen, sagt, daß er »kürzlich« die acht Teile der medizinischen Wissenschaft kurz zusammengefaßt habe ⁴). Denn er war ohne Zweifel Buddhist, wie wahrscheinlich auch der jüngere Vāgbhaṭa, dessen Aṣṭāṅgahṛdayasaṃhitā ins Tibetische übersetzt worden ist¹). Sowohl Caraka, als auch Suśruta, und zwar auch das Uttaratantra, werden von dem älteren und dem jüngeren Vāgbhaṭa zitiert.
v3.c22.s8.36
¹ Herausgegeben Bombay 1888.
v3.c22.s8.37
² Mit Aruṇadattas Kommentar herausgegeben von A. M. Kunte, Bombay 1880, 2ⁿᵈ Ed. 1891. Es gibt auch einen Kommentar von Hemādri.
v3.c22.s8.38
³ In beiden Werken nennt sich allerdings der Verfasser Vāgbhaṭa, Sohn des Siṃhagupta, und seinen Großvater Vāgbhaṭa, dessen Lehrer Avalokita hieß. Eine Handschrift der Aṣṭāṅgahṛdayasaṃhitā (Jolly, Sanskrit-Handschriften, München, S. 50) nennt Vāgbhaṭa den Sohn des mahāvaidyapatiśrī-Nṛsiṃhagupta. In anderen Handschriften heißt der Verfasser Bāhaṭa, Sohn des Saṃghagupta. Am Schluß des Aṣṭāṅgasaṃgraha wird gesagt, daß der Verfasser »den Namen Vāgbhaṭa nach seinem Großvater, einem ausgezeichneten Arzt, erhalten, unter einem Lehrer mit dem buddhistischen Namen Avalokita und unter seinem eigenen Vater, Siṃhagupta, studiert habe und im Indusgebiet geboren sei« (Jolly, Medicin, S. 8). S. auch Jolly, ZDMG 54, 1900, 260 ff., und P. Cordier, JA 1901, s. 9, t. XVIII, 147 ff. Cordier hält die beiden Werke für zwei Rezensionen eines Textes.
v3.c22.s8.39
⁴ Vgl. Hoernle, JRAS 1907, 413 ff.
v3.c22.s8.40
¹ G. Huth, ZDMG 49, 1895, 280 f.
v3.c22.s8.41
In eine nicht viel spätere oder vielleicht in dieselbe Zeit wie die Aṣṭāṅgahṛdayasaṃhitā, also ins 8. oder 9. Jahrhundert n. Chr., gehört der Rugviniścaya, »Untersuchnng der Krankheiten« von Mādhavakara, dem Sohn des Indukara. Das Werk wird gewöhnlich Mādhavanidāna oder auch nur kurz Nidāna genannt²). Dies ist geradezu das Hauptwerk über Pathologie, in dem die wichtigsten Krankheiten ausführlich behandelt werden und das für alle späteren Werke maßgebend geblieben ist. Zahlreiche Kommentare beweisen die Berühmtheit des Werkes. Dieses Werk wird vorausgesetzt von dem Siddhiyoga oder Vṛndamādhava³) des Vṛnda, in welchem hauptsächlich Rezepte und Verordnungen für alle Krankheiten vom Fieber bis zur Vergiftung gegeben werden. Vṛnda sagt selbst, daß er in der Reihenfolge der Krankheiten dem Rugviniścaya folgt. Jedenfalls hängen die beiden Werke enge zusammen und sind kurz nacheinander entstanden, wenn nicht, wie Hoernle⁴) vermutet, Vṛnda nur ein anderer Name für Mādhavakara ist und die beiden Werke einen und denselben Verfasser haben.
v3.c22.s8.42
² Es ist oft in Indien gedruckt. Eine Probe einer Übersetzung gibt M. Vallauri, GSAI 26, 1913/14, 253 ff.
v3.c22.s8.43
³ Herausgegeben in ĀnSS, Nr. 27, 1894, mit Kommentar des Śrīkaṇṭhadatta. Vgl. Jolly, ZDMG 53, 1899, 377 ff.; Medicin, S. 6 f.
v3.c22.s8.44
⁴ JRAS 1906, 288 f. Nach Hoernle, Osteology 13 ff., ist Mādhava älter als Dṛḍhabala.
v3.c22.s8.45
Der Bengale Cakrapāṇidatta, den wir schon als Kommentator des Suśruta kennen und der überhaupt ein fruchtbarer medizinischer Schriftsteller war, ist der Verfasser des Cikitsāsārasaṃgraha⁵), eines großen Kompendiums der Therapie, das um 1060 geschrieben sein dürfte. Der Verfasser bezeichnet den Siddhiyoga, den er tatsächlich fast ganz abgeschrieben hat, als seine Hauptquelle. Im 11. oder 12. Jahrhundert schrieb Vaṅgasena, der Sohn des Gadādhara, ein umfangreiches Werk mit demselben Titel Cikitsāsārasaṃgraha¹), in welchem bei der Beschreibung der Krankheiten das Mādhavanidāna ganz abgeschrieben, aber auch Suśruta reichlich benutzt ist. Spätestens im 13. Jahrhundert ist die Śārṅgadharasaṃhitā von Śārṅgadhara verfaßt worden, da schon um 1300 Vopadeva einen Kommentar dazu geschrieben hat. Daß dies ein beliebtes und viel studiertes Lehrbuch der Therapie war, bezeugen die vielen Handschriften²). Opium und Quecksilberpräparate erscheinen in diesem Werk, in dem übrigens Vṛnda reichlich benutzt ist, schon unter den Heilmitteln, und bei der Diagnose wird das Pulsfühlen genau beschrieben, — Dinge, die in den älteren Werken nicht vorkommen und wahrscheinlich auf persischen oder arabischen Einfluß zurückgehen³). Der uns schon als Grammatiker bekannte Vopadeva, ein Sohn des Arztes Keśava in Berar und ein Schützling des Ministers Hemādri, ist auch der Verfasser einer Śataślokī, 100 Strophen über die Herstellung von Pulvern, Pillen u. dgl. mit einem Kommentar des Verfassers. In dieselbe Zeit gehört wahrscheinlich auch die Cikitsākalikā⁴) von Tīsaṭācārya, die schon im 14. Jahrhundert zitiert wird. Tīsaṭas Sohn Candraṭa, auch sonst als medizinischer Schriftsteller bekannt, hat einen Kommentar dazu geschrieben. Bis in die neueste Zeit hinein wurden immer wieder große und umfassende Lehrbücher der gesamten medizinischen Wissenschaft, wie auch Monographien über einzelne ihrer Gebiete verfaßt. Aus dem 16. Jahrhundert sei der Bhāvaprakāśa⁵) von Bhāvamiśra erwähnt, in dem schon die von den Portugiesen eingeschleppte Syphilis und die Sarsaparille als Mittel dagegen vorkommen. Im 17. Jahrhundert schrieb der uns als epischer Kunstdichter bekannte Lolimbarāja auch ein beliebtes Lehrbuch der Therapie, das Vaidyajīvana¹), in künstlichen Versmaßen.
v3.c22.s8.46
⁵ In Indien oft gedruckt, auch unter dem kürzeren Titel Cikitsāsaṃgraha. Der Verfasser erscheint oft mit den Kurznamen Cakradatta, Cakrapāṇi und Cakra.
v3.c22.s8.47
¹ Herausgegeben Calcutta 1889. Vgl. Eggeling, Ind. Off. Cat. V, 951 f.; Hoernle, JRAS 1909, p. 860.
v3.c22.s8.48
² Daß das Werk noch heute viel studiert wird, beweisen die vielen indischen Drucke mit Übersetzungen in Volkssprachen.
v3.c22.s8.49
³ So nach Jolly, Medicin, S. 18.
v3.c22.s8.50
⁴ Ein Spezimen des Textes (47 Strophen über Physiologie; Anatomie, allgemeine Pathologie und Therapie) ist von Jolly, ZDMG 60, 1906, 414 ff., bekannt gemacht worden.
v3.c22.s8.51
⁵ Öfters in Indien gedruckt, auch mit Übersetzungen in Hindī und Bengalī.
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¹ Öfters in Indien (mit Kommentaren) gedruckt und in neuindische Sprachen übersetzt.
v3.c22.s8.53
Monographien über einzelne Gebiete der Medizin hat es wahrscheinlich schon früher gegeben; aber erhalten sind uns nur Werke aus jüngerer Zeit über einzelne Krankheiten, wie Fieber, Kinderkrankheiten, Augenleiden usw., sowie Monographien über Aphrodisiaca, über Pulsfühlen u. dgl.²). Zur medizinischen Litteratur gehören auch Werke, die zum Teil in die Religion, zum Teil in die Astrologie übergreifen, in denen die Krankheiten als Folgen der in früheren Geburten begangenen Sünden aufgefaßt werden. Eine solche Monographie ist der Jñānabhāskara (»Sonne der Erkenntnis«)³), in welchem in Form von Gesprächen zwischen dem Sonnengott und seinem Wagenlenker die Krankheiten vom Standpunkt der Karmanlehre erklärt und als Therapie Bußen und Opfer empfohlen werden.
v3.c22.s8.54
² Über Fieber handelt Jvaratimirabhāskara von Cāmuṇḍa, 1849 geschrieben (s. Jolly, Medizin, S. 4); über die Behandlung der Schwangeren und der kleinen Kinder das Śiśurakṣātantra von Pṛthvīmalla, dem Sohn des Madanapāla, um 1400 verfaßt (s. Eggeling, Ind. Off. Cat. V, p. 964 ff.); über Pulsfühlen die Nāḍīparīkṣā von Rāmacandra Somayājin, 1349 geschrieben (s. Haraprasād, Report I, p. 10). Es gibt auch ein Lehrbuch über Pflege und Krankheiten der Bäume, Vṛkṣāyurveda von Surapāla (s. Aufrecht, Bodl. Cat. p. 324 f.).
v3.c22.s8.55
³ Vgl. Eggeling, Ind. Off. Cat. V, p. 962 ff.
v3.c22.s8.56
Eine sehr umfangreiche Litteratur gibt es über den zur Zauberei und zur Alchimie absteigenden Zweig der Medizin, der sich mit der wunderbaren Heilkraft der rasa genannten metallischen Präparate beschäftigt. Als »Fürst der rasa« (rasendra, raseśvara) gilt das Quecksilberpräparat, das als ein Lebenselixier, ein Verjüngungsmittel und ein Allheilmittel gegen alle möglichen Leiden empfohlen wird. Da man aber das Quecksilber auch für ein Mittel zur Verwandlung unedler Metalle in Gold hielt, gehören die über rasa handelnden Werke auch in das Gebiet der Alchimie. Um 1030 lernte Albērūnī⁴) in Indien solche Rasāyana-Werke, wie er sie nennt, kennen. Etwa hundert Jahre vor seiner Zeit lebte ein berühmter Vertreter dieser Kunst, Nāgārjuna aus Daihak bei Somanāth, der ein großes, zusammenfassendes Werk über diesen Gegenstand schrieb¹). Albērūnī spricht mit großer Verachtung von dieser Pseudo-Wissenschaft und sagt, daß es am besten wäre, »wenn diese kostbare Wissenschaft vom Rasāyana an die äußersten Grenzen der Welt verbannt würde, wo sie für niemand erreichbar ist«. Im Sarvadarśanasaṃgraha wird im IX. Kapitel das »Quecksilber-system« (raseśvaradarśana) beschrieben: Die Anhänger dieses Systems sind Śivaiten, die an die Einheit der Seele mit Gott (Śiva) glauben, aber annehmen, daß die Erlösung bei Lebzeiten (jīvanmukti) von der Dauerhaftigkeit des Körpers abhänge, der durch den Gebrauch von Quecksilber gestärkt werden müsse. Und hier werden schon die Werke Rasārṇava, Rasahṛdaya und Raseśvarasiddhānta zitiert. Diese Werke müssen also mindestens um 1300 n. Chr. schon bestanden haben. Der Rasārṇava²), ein umfangreiches Werk von 18 Paṭalas in Versen, wird auch im Rasaratnākara des Nityanathā und im Rasendracintāmaṇi des Rāmacandra³) zitiert. Der Jaina Merutuṅga schrieb 1386 einen Kommentar zu einem Rasādhyāya. Der Rasaratnasamuccaya⁴) wird dem Vāgbhaṭa, Sohn des Siṃhagupta, in manchen Handschriften aber auch dem Nityanathā oder Aśvinīkumāra zugeschrieben⁵).
v3.c22.s8.57
⁴ Sachau, Alberuni's India I, 188 ff.
v3.c22.s8.58
¹ Nach P. C. Ray gibt es einen schon im 7. oder 8. Jahrhundert verfaßten Rasaratnākara eines Nāgārjuna, s. Jolly, Festschrift Windisch, S. 99.
v3.c22.s8.59
² The Rasārṇavam or the Ocean of Mercury and other Metals and Minerals ed. by P. C. Ray and P. Hariśchandra Kaviratna, Bibl. Ind. 1910. Ray schreibt das Werk dem 12. Jahrhundert zu.
v3.c22.s8.60
³ Beide Werke sind in Indien gedruckt.
v3.c22.s8.61
⁴ Herausgegeben in ĀnSS 1890, Nr. 19.
v3.c22.s8.62
⁵ Vgl. zu dieser ganzen Litteratur Jolly, Der Stein der Weisen, in Festschrift Windisch, S. 98 ff.
v3.c22.s8.63
Medizinisch-botanische Glossare, die den alten Namen »Nighaṇṭu« führen⁶), waren vielleicht schon in alter Zeit vorhanden; aber die uns erhaltenen Wörterbücher dieser Art sind nicht sehr alt. Zwar soll der Dhanvantarinighaṇṭu⁷) älter als der Amarakośa sein. Da aber in unserem Text das Quecksilber vorkommt, so läge uns zum mindesten das Werk nicht in seiner ursprünglichen Form vor. Im Jahre 1075 verfaßte Sureśvara oder Surapāla, Hofarzt von König Bhīmapāla von Bengalen, den Śabdapradīpa, ein Wörterbuch der medizinischen Botanik. Zwischen 1235 und 1250 schrieb der Kaschmirer Narahari sein Wörterbuch der materia medica Rājanighaṇṭu (oder Nighaṇṭurāja oder Abhidhānacūḍāmaṇi)¹. Jm Jahre 1374 schrieb Madanapāla den Madanavinodanighaṇṭu²), ein ausführliches Wörterbuch der materia medica (Aufzählung der Pflanzen, Tiere, Speisen und Heilmittel aller Art). Hierher gehören auch diätetische Wörterbücher wie Pathyāpathyanighaṇṭu von Trimalla, und medizinische Kochbücher. Alle medizinischen Wörterbücher sind in Versen abgefaßt. Im 19. Jahrhundert sind noch eine ganze Anzahl von Werken über materia medica sowohl in Sanskrit als auch in englischer Sprache erschienen³).
v3.c22.s8.64
⁶ Vgl. Zachariae, Die indischen Wörterbücher, S. 38 f.; Jolly, Medicin, S. 13 f.; Eggeling, Ind. Off. Cat. V, p. 973 ff.
v3.c22.s8.65
⁷ Herausgegeben in ĀnSS, Nr. 33.
v3.c22.s8.66
¹ Herausgegeben in Benares 1883 und in ĀnSS, Nr. 33. Da XIII. über die Mineralien handelnde Kapitel hat R. Garbe, Die indischen Mineralien, Leipzig 1882, herausgegeben und übersetzt.
v3.c22.s8.67
² Herausgegeben in Benares 1869 und 1875. Vgl. Eggeling a. a. O. 978 ff.; Roth, Ind. Stud. 14, 398 ff.; Aufrecht, ZDMG 41, 487.
v3.c22.s8.68
³ Vortrefflich ist Udoy Chand Dutt, The Materia Medica of the Hindus, compiled from Sanskrit Medical Works, Calcutta 1877.
v3.c22.s8.69
Zahlreich sind die Analogien zwischen indischer und griechischer Medizin, und wenigstens einige dieser Analogien werden durch die Aufnahme griechischer medizinischer Lehren erklärt werden müssen, wenn auch darüber kein Zweifel sein kann, daß der Ursprung der indischen medizinischen Wissenschaft auf heimischem Boden zu suchen ist. Dies dürfte namentlich in der Chirurgie der Fall sein⁴). Manche Heilmittel, wie Opium und Quecksilber, in der Diagnostik das Pulsfühlen verdankt die indische Medizin den Persern und Arabern. Andererseits sind schon früh indische Werke ins Persische und Arabische übersetzt worden⁵). Die Medizin von Tibet, Ceylon und Hinterindien ist ganz von der indischen abhängig.
v3.c22.s8.70
⁴ Näheres darüber Jolly, Medicin, S. 18 f.; Hoernle, Osteology, p. III ff. Die Geringschätzung, mit der E. Haas (ZDMG 31, 1877, 647 ff.) von der indischen Medizin spricht, ist ebenso unberechtigt, wie seine Behauptung, daß sie vollständig von der griechischen abhängig sei.
v3.c22.s8.71
⁵ Vgl. Jolly a. a. O. S. 17 f.; E. Haas, ZDMG 30, 1876, S. 617 ff.; Sachau, Alberuni's India I, pp. XXXVII f., XL, 159, 162, 382 f.
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