Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c7.s3: II. Die älteste Gemeinde
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c7.s3
- Language
- German
Contents
- c7.s3.t1 1. Mahâvîras Nachfolger — 4 parts
- c7.s3.t2 2. Der Jainismus in Bihâr — 10 parts
- c7.s3.t3 3. Der Jainismus in Orissa — 2 parts
- c7.s3.t4 4. Das große Schisma — 5 parts
II. Die älteste Gemeinde
1. Mahâvîras Nachfolger
c7.s3.t1.1
Wie die Überlieferung erzählt, gewann Mahâvîra durch seine Lehrtätigkeit 14000 Mönche, 36000 Nonnen, 159000 Laienanhänger und 318000 Laienanhängerinnen. Eine jede der vier Gruppen, dieser vier „Tîrthas“, d. h. Komponenten der Jainakirche, stand unter der Leitung bewährter Persönlichkeiten.
c7.s3.t1.2
Die Mönche wurden geführt von elf Ganadharas oder Vorstehern, die je mehrere hundert Munis unter sich hatten. Der oberste Ganadhara hieß Gautama Indrabhûti, die anderen Agnibhûti, Vâyubhûti, Akampita, Ârya Vyakta, Ârya Sudharmâ, Manditaputra, Mauryaputra, Acalabhrâtâ, Metàrya, Prabhâsa. Vorsteherin der Nonnen war Mahâvîras Base Candanâ; die Laienbrüder unterstanden Shankhashataka, die Laienschwestern der Sulasâ und Revatî.
c7.s3.t1.3
Von den elf Ganadharas, in deren Händen die Oberleitung der Gemeinde lag, gingen neun schon zu Lebzeiten des Meisters in das Nirvâna ein. Gautama Indrabhûti erlangte in der Nacht, in welcher Mahâvîra starb, die Allwissenheit und stand deshalb der Gemeinde nicht mehr als Lehrer des vom Tîrthankara Überlieferten vor; er wurde zwölf Jahre nach seinem Herrn erlöst. So war nur Sudharmâ noch übrig, um die Kirche zu leiten. Er übte dieses Amt bis zum Tode Gautama Indrabhûtis aus, dann wurde er selbst ein Kevalî und gab es an seinen Schüler Jambûsvâmî ab; er lebte dann noch acht Jahre, bis er in die Seligkeit einging. Jambûsvâmî stand der Kirche bis zum Jahre nach dem Tode seines Vorgängers vor, dann erlangte auch er die Allwissenheit und schließlich, 64 Jahre nach Mahâvîra, das Nirvâna. Mit ihm verließ der letzte Allwissende des Zeitalters die Welt, ging der letzte Heilige in die Seligkeit ein, fortan konnte niemand mehr die Vollendung erreichen.
c7.s3.t1.4
Wenn die Oberhäupter der Gemeinde, welche auf die drei Kevalis folgten, auch selbst nicht mehr die Allwissenheit besaßen, so hatten sie doch noch eine genaue Kenntnis der vom Tîrthankara verkündeten Lehren, wie sie von seinem unmittelbaren Schüler Indrabhûti gehört und von Sudharmâ im Wortlaut festgelegt worden waren. Als Kenner aller heiligen Schriften heißen diese fünf aufeinanderfolgenden Kirchenlehrer Shrutakevalis. Die Leitung der Kirche ging von den Shrutakevalis dann auf sieben oder elf einander folgende Lehrer über, die nur noch einen Teil der kanonischen Werke kannten, von diesen dann wieder auf andere, deren Kenntnisse noch geringer waren. Das meiste, was über die Kevalis und ihre Nachfolger berichtet wird, ist sehr sagenhaft. Da sich die Angaben über sie zum Teil stark widersprechen, indem die Shvetâmbaras andere Namen nennen als die Digambaras, läßt sich schwer ausmachen, wieviel an den Überlieferungen Geschichte und wieviel Mythus ist. Die wichtigsten Legenden über die Kevalis und Shrutakevalis werden weiter unten mitgeteilt werden.
2. Der Jainismus in Bihâr
c7.s3.t2.1
Mahâvîra stand zu den bedeutendsten Fürsten seines Heimatlandes in naher Beziehung. Auf seinen Wanderzügen besuchte er die wichtigsten Städte der Reiche Bihârs: Campâ, die Hauptstadt von Anga, Mithilâ in Videha, Râjagriha, die Kapitale Magadhas u. a. und wurde überall aufs ehrenvollste aufgenommen. König Bimbisâra (von den Jainas auch Shrenika genannt) von Magadha, derselbe, der auch Buddha patronisierte, gilt den Jainas als ein besonderer Verehrer ihres Meisters, weshalb sie annehmen, daß er in einer späteren Existenz als ein Tîrthankara zur Welt kommen werde. Auch Ajâtashatru (Kûnika), Bimbisâras grausamer Sohn, der seinen Vater dem Hungertode preisgab, war den Jainas wohlgesinnt *), vor allem aber war dessen Nachfolger Udâyî¹⁴ ein Schutzpatron ihrer Lehre. Auch unter den Dynastie der ,,neun Nandas“, welche (zur Zeit, als Alexander der Große nach Indien zog) den Thron der Shaishunâga-Könige usurpiert hatten, blühte die Religion, und hierin trat auch kein Wandel ein, als der letzte unpopuläre Nanda-König durch den großen Maurya-Fürsten Candragupta, den Sandrakottos der Griechen (ca. 322--298) seines Thrones entsetzt worden war. Die Jainas rechnen diesen ersten historischen Kaiser Indiens sowie seinen großen Kanzler Cânakya zu den ihrigen. Cânakya soll der Sohn eines Jaina-Laien Canì und ein eifriger Vorkämpfer des Glaubens gewesen sein. Den Candragupta soll er auf folgende Weise von seinem Wohlwollen für die Ketzer abgebracht haben: Er ließ ihn die Lehrer aller Sekten zu sich rufen und diese in der Nähe des königlichen Harems warten, nachdem er vorher um das Serail ganz feinen Sand hatte streuen lassen. Bevor der König zu ihnen kam, betrachteten die geilen Priester durch die Fenster des Harems die Frauen Candraguptas; als er aber erschienen war, redeten sie zu ihm von der Größe der Weltentsagung. Sobald sie fort waren, zeigte Cânakya dem Fürsten die Spuren ihrer Schritte in der Nähe des Frauenhauses und überzeugte ihn dadurch davon, daß diese Ketzer scheinheilige Heuchler waren. Am nächsten Tage ließ Cânakya Jainamönche kommen; diese kümmerten sich nicht um den Harem, sondern setzten sich sofort auf den für sie bestimmten Sitzen nieder und harrten der Ankunft des Königs. Da erkannte Candragupta, daß sie allein die Hüter rechter Sitte seien und wandte fortan seine Gunst ihnen allein zu. Er soll selbst ein so eifriger Jaina geworden sein, daß er, der Digambara-Tradition zufolge, schließlich sogar dem Thron entsagte, Asket wurde und mit dem Heiligen Bhadrabâhu nach Maisûr zog, woselbst er in Shravana Belgola in einer Höhle gelebt haben und gestorben sein soll¹⁵.
c7.s3.t2.2
*) Im Nirayâvali-Sûtra wird versucht, Kûnika von der Schuld des Vatermordes reinzuwaschen, indem erzählt wird, er habe zwar seinen Vater fesseln und ins Gefängnis werfen lassen, habe dann aber mit einem Beil die Fesseln des Vaters wieder zerschneiden wollen. Der Vater glaubte, der Sohn trachte ihm nach dem Leben und beging Selbstmord, um die Schande des Vatermordes von der Familie fernzuhalten.
c7.s3.t2.3
Bei Candraguptas Nachfolger Bindusâra (298–273 v. Chr.) soll Cânakya von seinem neidischen Kollegen Subandhu angeschwärzt worden sein, so daß er entlassen wurde. Er verteilte deshalb sein Vermögen unter die Armen und ließ sich auf einem Düngerhaufen vor der Stadt nieder, um den Hungertod des Weisen zu finden. Bindusâra suchte ihn vergeblich zu beschwichtigen und hieß Subandhu zu ihm gehen und sich bei ihm entschuldigen. Dieser aber warf, während er dem Kanzler huldigte, heimlich eine Weihrauchkohle in den Düngerhaufen, so daß derselbe verbrannte. Cânakya kam in den Flammen um und wurde als eine Göttin wiedergeboren. An seinem Widersacher aber nahm der tote Minister noch teuflische Rache. Bevor er die Welt verließ, hatte er einen Korb mit köstlichen Wohlgerüchen gefüllt, mit hundert Schlössern verschlossen und in seinem Hause zurückgelassen. Auf der Suche nach Cânakyas Schätzen stieß Subandhu auf den Korb, öffnete ihn und fand inmitten der wohlriechenden Substanzen ein Blatt mit der Aufschrift: „Wer diese Düfte gerochen hat und danach nicht das Leben eines Mönches führt, den wird sogleich der Tod zu Gaste laden.“ Aus Todesfurcht entsagte Subandhu daraufhin allen irdischen Genüssen und wanderte ruhelos auf der Erde umher 16.
c7.s3.t2.4
Während wir über das Verhältnis der Könige von Magadha zu den Jaina-Lehrern bisher nur durch die legendenhaft ausgeschmückten Erzählungen später Schriftsteller Einzelheiten wissen, die noch dazu mitunter mit den Nachrichten aus anderen Quellen nicht harmonieren, besitzen wir über die Beziehungen von Bindusâras Nachfolger Ashokavardhana (273–232 v. Chr.) zur Jaina-Kirche Material von unanfechtbarer Glaubwürdigkeit. Ashoka war ein großer und weitblickender Herrscher, der es sich besonders angelegen sein ließ, das religiöse und sittliche Leben in seinem großen Reiche zu fördern. Er unterstützte deshalb alle Glaubensgenossenschaften seines Landes in der liberalsten Weise. Für seine Person schloß er sich in seinen späteren Jahren dem Buddhismus an, als dessen „Konstantin“ er vielfach bezeichnet wird; die Jainas meinen aber, daß er vorher ihrer Religion zugehört habe 17. Ungeachtet seiner Vorliebe für die Buddhalehre hörte er nicht auf, für das Wohl der verschiedensten Sekten gleicherweise besorgt zu sein und setzte besondere Beamte ein, welche über die einzelnen Orden zu wachen hatten. In seinem 7. Säulenedikt, das sich mit den Aufgaben der „Dhammamahâmâtas“ (Gesetzesoberen) befaßt, spricht Ashoka auch von den Jainas — es ist dies die erste inschriftliche Erwähnung derselben, soweit wir wissen. Es heißt in der Inschrift:
c7.s3.t2.5
„Piyadasi, der Göttergeliebte, spricht also: Meine Gesetzesoberen beschäftigen sich auch mit mancherlei Gnadensachen, sowohl denen, welche die Asketen angehen, als auch denen, welche die Hausväter angehen, und sie beschäftigen sich auch mit allen Glaubensgenossenschaften. Ich habe es so eingerichtet, daß sie mit den Angelegenheiten des Sangha (der buddhistischen Gemeinde) beschäftigt sein werden; gleichfalls habe ich es so eingerichtet, daß sie mit den Brahmanen und auch mit den Âjivikas beschäftigt sein werden; ich habe es so eingerichtet, daß sie mit den Niganthas (Jainas) beschäftigt sein werden; ich habe es so eingerichtet, daß sie mit (allen) den verschiedenen Glaubensgenossenschaften beschäftigt sein werden.“
c7.s3.t2.6
Im weiteren Verlaufe des Ediktes schärft dann der fromme Kaiser seinen Untertanen Gehorsam gegen Eltern und Ehrwürdige, geziemendes Betragen gegen Brahmanen und Asketen, Arme und Elende ein, fordert sie auf, Barmherzigkeit, Freigebigkeit, Wahrhaftigkeit, Reinheit, Sanftmut und Heiligkeit zu üben und erinnert sie an das Verbot, lebende Wesen zu verletzen. Er schließt mit den Worten:
c7.s3.t2.7
„Diese Befehle sind zu dem Zwecke gegeben, daß sie gelten mögen, solange meine Söhne und Urgroßsöhne regieren, solange Sonne und Mond bestehen und daß die Menschen danach handeln mögen. Wenn man so danach handelt, so ist das Heil in dieser und in jener Welt gewonnen.“¹⁸
c7.s3.t2.8
Ashokas Nachfolger auf dem Thron von Magadha waren — da sein Sohn Kunâla blind war — seine Enkel Dasharatha und Samprati. Der erstere scheint den östlichen, der letztere den westlichen Teil seines Reiches regiert zu haben. Die Tradition der Jainas nennt nur Samprati, der in Ujjain residiert haben soll, und bezeichnet ihn als einen Patron ihres Glaubens. Er soll von dem berühmten Mönch Suhasti bekehrt worden sein und zahlreiche Heiligtümer errichtet haben. Der späteren Zeit galt er in so hohem Maße als der Tempelgründer schlechthin, daß ihm viele Bauten, deren Ursprung man vergessen hatte, zugeschrieben wurden. Samprati soll auch eine rege Missionstätigkeit entfaltet und sogar Jaina-Klöster in nicht-arischen Gebieten errichtet haben.
c7.s3.t2.9
Über die Schicksale des Jaina-Glaubens unter den letzten Maurya-Herrschern und den Dynastien, welche diese in der Herrschaft über Magadha ablösten, ist wenig bekannt. Der chinesische Reisende Hiuen-Tsiang fand um 629 n. Chr. noch zahlreiche „Nirgranthas“ in Vaishâli, bei Râjagriha, Nâlanda, Pundravardhana¹⁹. Der Jainismus scheint dann allmählich in immer steigendem Maße den Schwerpunkt seiner Tätigkeit aus seinem Heimatlande in andere Gebiete verlegt zu haben.
c7.s3.t2.10
¹⁹ [^19]:
3. Der Jainismus in Orissa
c7.s3.t3.1
In früher Zeit scheint die Jaina-Religion im Reiche Kalinga verbreitet gewesen zu sein, denn in Udayagiri bei Kattak (Cuttack) in Orissa hat man Inschriften[*] gefunden, nach welchen der König Khâravela eine Statue des Agra-jina (gemeint ist wohl der erste Tîrthankara, Rishabha) errichten und für die Mönche Höhlenwohnungen graben ließ. Ob Khâravela selbst ein überzeugter Jaina oder nur ein freidenkender Mann war, der seinen verschiedenen Untertanen gleicherweise Wohltaten erwies, steht nicht fest; wahrscheinlich war das letztere der Fall. Kalinga ist offenbar noch lange eine Pflegestätte des Jainismus gewesen, da noch der chinesische Reisende Hiuen-Tsiang (629—6445) es als einen Hauptsitz dieser Religion nennt²⁰.
c7.s3.t3.2
²⁰ [^20]: [*] Die Inschrift der sog. Hâthi-Gumphâ-Höhle ist nach Bhagavânlâl Indrâjî als im 165. Jahre der Maurya-Ära abgefaßt datiert. Dies würde das Jahr 157—156 v. Chr. ergeben, vom Regierungsantritt Candraguptas aus gerechnet. Von anderen wird jedoch bestritten, daß die Inschrift diese Datierung aufweist.
4. Das große Schisma
c7.s3.t4.1
Zur Zeit, da der Jaina-Glaube im Maurya-Reiche blühte, vollzogen sich in der Kirche bedeutsame Veränderungen. Während der Regierung Candraguptas entstand im Lande Bihâr eine große Hungersnot. Bhadrabâhu, der damalige Führer der Gemeinde, erkannte, daß es unter diesen Umständen weder der Bevölkerung möglich sei, eine große Zahl von Mönchen zu ernähren, noch den Asketen, alle Vorschriften zu befolgen. Er hielt es daher für geraten, mit einem Teil seiner Anhänger nach dem Karnâta-Lande, dem heutigen Maisûr, auszuwandern, während ein anderer Teil der Mönche unter der Leitung seines Schülers Sthûlabhadra in Magadha zurückblieb. Die Ungunst der Zeit lastete schwer auf den letzteren, so daß sie die heiligen Bräuche nicht mehr streng beobachteten und die heiligen Schriften nicht mehr treu bewahrten. Es erwies sich deshalb als notwendig, den Kanon neu zu sammeln. Zu diesem Zweck wurde in Pâtaliputra ein Konzil abgehalten. Dieser Kirchenversammlung gelang es jedoch nicht mehr, den ganzen Kanon zusammenzubringen; die von ihr herausgegebene Sammlung blieb ein Stückwerk, und als die nach Maisûr ausgewanderten Mönche in die Heimat zurückkehrten, wurden von ihnen die Konzilsbeschlüsse nicht anerkannt. Dazu trat der Überlieferung zufolge gerade in dieser Zeit zwischen den Emigranten und den Daheimgebliebenen ein Gegensatz in der asketischen Lebensführung hervor. Wie wir gesehen hatten, war den Anhängern Pârshvas das Tragen von Gewändern erlaubt gewesen, während Mahâvîra die Kleidung abgelegt hatte. Die Schüler Mahâvîras waren dem Beispiel ihres Meisters gefolgt, doch scheint das Nacktgehen der Asketen nicht allgemein durchgeführt, sondern nur als besonders verdienstlich betrachtet worden zu sein. Die Mönche, welche in Magadha zurückblieben, gaben das Nacktgehen gänzlich auf und gewöhnten sich, weiße Gewänder zu tragen. Die Auswanderer hingegen behielten den von Mahâvîra geübten Brauch nicht nur bei, sondern machten ihn sogar allgemein verbindlich. Als sie wieder nach Magadha kamen und ihre Brüder in weißen Kleidern vorfanden, mußten ihnen diese als Leute erscheinen, die von der heiligen Sitte abgefallen waren, während die Daheimgebliebenen in den nackten Emigranten Eiferer sahen, welche der überlieferten Vorschrift eine übertriebene Auslegung gaben. Es trat daher eine Entfremdung zwischen den beiden Richtungen, der strengeren der „Digambaras“ (in den Luftraum Gekleideten) und der freieren der „Shvetâmbaras“ (der Weißgekleideten) ein, die schließlich, wiewohl erst viel später, zur vollständigen Trennung führte.
c7.s3.t4.2
Ob der Keim des großen Zwiespalts, der noch heute in der Jaina-Gemeinde klafft, tatsächlich auf die mit der zwölfjährigen Hungersnot zusammenhängenden Verhältnisse zurückgeht oder nicht, steht dahin. Möglicherweise hat es seit jeher zwei Richtungen im Jainatum gegeben, eine strengere, die sich genau an Mahâvîras Regel hielt, und eine mildere, welche Pârshvas freiere Vorschriften befolgte. Die Tatsache, daß wir aus alter Zeit Vorschriften für Nonnen besitzen, denen natürlich das Nacktgehen verboten war, beweist jedenfalls, daß das Gebot der Nacktheit nie allgemein Anerkennung gefunden hatte. Die im Laufe der Zeit vor sich gehende Zuspitzung des Gegensatzes zwischen den beiden Parteien wurde zweifellos dadurch begünstigt, daß der Jainismus sich über weite Gebiete Indiens ausdehnte und die einzelnen Gemeinden, voneinander räumlich getrennt, ihre Eigenart immer mehr ausbilden konnten. Im Verlaufe dieser Entwicklung mußte schließlich ein Punkt erreicht werden, wo eine Überbrückung der Gegensätze nicht mehr möglich schien und eine Scheidung der Geister von selbst eintrat. Wie und wo die förmliche Trennung erfolgte, läßt sich nicht sagen. Das, was die beiden Parteien darüber berichten, weicht völlig voneinander ab, weil jede Konfession darzutun sucht, daß sie allein das alte Jainatum repräsentiere und die gegnerische durch einen Abfall vom reinen Glauben entstanden sei. Der Umstand, daß die Shvetâmbaras die Entstehung der Digambara-sekte in das Jahr 83 n. Chr., die Digambaras den Ursprung der Shvetâmbara-Partei in das Jahr 80 n. Chr. verlegen, macht es wahrscheinlich, daß die endgültige Spaltung erst zu Ende des 1. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung erfolgte²¹.
c7.s3.t4.3
Seit jener Zeit ist jeder der beiden Zweige der Jaina-Kirche seinen eigenen Weg gegangen. Trotz der Spaltung sind die trennenden Unterschiede zwischen beiden nur verhältnismäßig gering. Der augenfälligste dieser Unterschiede, der die Asketenkleidung betrifft, tritt heute nicht mehr stark in die Erscheinung, weil nackte Digambara-Mönche in der Gegenwart nur an Zahl gering sind und sich nur an abgelegenen Orten aufhalten. Hingegen bestehen in der sozialen Organisation beider Konfessionen noch jetzt bedeutende Abweichungen, die auf die ursprünglichen Differenzen in der Kleiderfrage zurückgehen. Dazu kommen noch Verschiedenheiten in Glaube und Ritus: die Digambaras meinen, daß kein Weib die Erlösung erlangen könne; ihre Kultbilder zeigen die Tīrthankaras nackt und ohne den Schurz und die Schmuckstücke, welche die Shvetāmbaras ihren Idolen umhängen. Bemerkenswert sind die Abweichungen hinsichtlich der heiligen Legende. Die Digambaras glauben nicht wie ihre Gegner, daß Mahāvīra, bevor er von der Königin Trishalā geboren wurde, im Schoße der Devānandā geweilt habe und daß er vor seiner Weltentsagung verheiratet gewesen sei; sie sind auch nicht der Ansicht, daß ein Tīrthankara Speise zu sich nehme, sondern glauben, daß er derselben nicht bedürfe.
c7.s3.t4.4
Von einschneidender Bedeutung ist die verschiedene Stellung, welche beide Konfessionen zu der heiligen Tradition einnehmen. Beide lehren sie, daß Bhadrabāhu der letzte Shrutakevalī gewesen sei, und daß die Lehrer nach ihm keine Kenntnis sämtlicher heiliger Schriften mehr besessen hätten. Während jedoch die Digambaras glauben, daß der Kanon allmählich vollständig abhanden gekommen sei, so daß er heutzutage nicht mehr existiere, nehmen die Shvetāmbaras an, der Hauptteil desselben sei bis auf die Gegenwart überliefert worden. Als die Gefahr drohte, daß die Sammlung der heiligen Texte, soweit sie noch durch die stürmischen Zeiten gerettet worden war, verloren gehen könne, hielten die Shvetāmbaras im Jahre 980 (oder 993) nach Mahāvīras Nirvāna unter dem Vorsitz von Devarddhi Gani in der Stadt Valabhī in Gujarāt ein Konzil ab, welches den Kanon endgültig redigierte und ihm so die Form gab, die er im wesentlichen noch heute besitzen soll.
c7.s3.t4.5
Obwohl die Shvetâmbaras einen Kanon haben und die Digambaras nicht, und obwohl in der Dogmatik und im Kultus zwischen beiden Konfessionen Unterschiede bestehen, ist die Trennungslinie zwischen beiden Parteien, trotz aller Gegnerschaft und allen mitunter hervortretenden Sektenhasses, niemals sehr stark gewesen. Beide Richtungen sind sich der Gemeinsamkeit ihres Ursprungs und ihrer Ziele stets bewußt geblieben und haben den geistigen Zusammenhang zu einander nie verloren. Dies zeigt sich aufs deutlichste darin, daß vielfach die Mitglieder der einen Gruppe philosophische und wissenschaftliche Werke der anderen benutzen und daß Shvetâmbaras Kommentare zu Digambara-Werken geschrieben haben und umgekehrt.