Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c9.s3: C. Ethik
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c9.s3
- Language
- German
Contents
- c9.s3.t1 I. Die theoretischen Grundlagen der Ethik — 44 parts
- c9.s3.t2 II. Die praktische Ethik — 101 parts
- c9.s3.t3 III. Die Erlösung — 20 parts
C. Ethik
I. Die theoretischen Grundlagen der Ethik
c9.s3.t1.1
1. Das Leiden und die Möglichkeit einer Erlösung
c9.s3.t1.2
„Asârah sansârah“, „nichtig ist das Leben in der Welt“ — das ist die große Gleichung, die nach der Lehre der Jainas den Wert alles Daseins in körperlichen Existenzformen ausdrückt. Alle Jîvas, gleichviel, ob sie in den Höllen, in der Tier- und Menschenwelt oder in den Himmeln weilen, sind dem Leid unterworfen, unterliegen dem Drang nie gestillter Begierden und fallen dem Schmerz und dem Tode anheim. In zahllosen Schriften und Predigten, in Erzählungen und Sinngedichten verkünden die Jaina-Lehrer diese Wahrheiten immer aufs neue und werden nie müde, sie den Gläubigen wieder und wieder auf das nachdrücklichste einzuschärfen. In systematisch-umständlicher Weise läßt Hemacandra in seinem „Trishashti-shalâkâ-purusha-câritra“ IV, 3, 82 ff. den Tîrthankara Padmaprabha in einer großen Predigt ausführlich dartun, daß alle Wesen, von den niedrigsten bis zu den höchsten, dem Leide unterworfen sind.
c9.s3.t1.3
Schreckliche Qualen erdulden die Jîvas, die in den heißen und kalten Höllen für ihre Missetaten büßen. Furchtbare Asuras zersägen ihre Leiber und zermartern sie mit entsetzlichen Folterwerkzeugen, sie braten sie an Spießen und reißen ihnen die Augen aus. Unerträgliche Pein verursacht ihnen das Jucken ihres Körpers, der Durst, den sie vergeblich im Höllenfluß zu stillen suchen, in dem glühendes geschmolzenes Blei an Stelle des Wassers fließt. Wenn sie unter den Bäumen eines Waldes Schatten suchen, dann fallen scharfe Schwerter, die deren Blätter bilden, auf sie herab und zerreißen sie in tausend Stücke. Unennbar sind auch die Schmerzen, die sich die Höllenbewohner gegenseitig, von Zorn und Gram verzehrt, zufügen, und die Plagen, denen sie unter der Wirkung ihrer eigenen Leidenschaften und ihres bösen Karma unterliegen. Alles Leid in den Höllen aber ist um so schlimmer, weil es nie zu einer vorzeitigen Beendigung des Daseins führt; die mißhandelten und zerrissenen Leiber fügen sich immer von neuem zusammen, denn sie sind unzerstörbar, solange das Karma seine Wirkung ausübt, und zerfallen erst, wenn dieses seine Kraft erschöpft hat, was bis zu 33 Zeitozeanen in Anspruch nehmen kann.
c9.s3.t1.4
Die Leiden der Tiere sind zwar gering im Verhältnis zu denen der Höllenbewohner, doch sind auch sie in ihrer Art schrecklich. Die Elementarwesen mit einem Sinn sind jedem Angriff schutzlos preisgegeben. Die Erdwesen werden von Rossen und Elefanten zertrampelt, von Pflügen zerrissen, von Wasserfluten ertränkt; die Wasserwesen von der Sonne verbrannt, von der Kälte zum Erstarren gebracht, von den Durstigen verschluckt; die Feuerwesen werden von Wasser aufgesogen. Die Windwesen belästigen sich gegenseitig, wenn sie verschiedenen gerichteten Stürmen angehören, der aus dem Munde anderer Wesen ausströmende Hauch beschädigt sie, und die Bewegung von Dingen im Raum und das Schwingen von Fächern setzt ihrem Leben ein Ende. Die Pflanzenseelen werden von der Sonne versengt, durch das Wasser ertränkt, durch die Winde verletzt und von Wesen der verschiedensten Art zertreten, entwurzelt und verzehrt. Die Tiere mit 2, 3, 4, 5 Sinnesorganen unterliegen dem mannigfachsten Schmerz und Ungemach, Würmer werden achtlos gestoßen und zermalmt, Wanzen und Läuse zerdrückt, Bienen von nach Honig Lüsternen erschlagen, Fische gefangen und an Spießen gebraten, Vögel von ihresgleichen getötet. Bei den fünfsinnigen Tieren der Erde werden die schwächeren von den stärkeren gefressen, manche werden von Menschen dazu gezwungen, schwere Lasten zu tragen und werden mit Peitsche und Stachel mißhandelt.
c9.s3.t1.5
Glücklicher als das Tier ist der Mensch, denn ihm ist es möglich, der Aufhäufung von neuem Karma ein Ziel zu setzen und die Erlösung zu erreichen. Wie wenige aber nutzen diesen unendlichen Vorzug menschlichen Daseins, der nur durch gutes Karma in früheren Existenzen schwer zu erlangen ist! Statt gute Werke zu vollbringen, gehen sie der Gier nach Gewinn, der Sucht nach Vergnügen nach. Nichtigem und unwürdigem Tun ergeben, sind die meisten Menschen als Kinder Schweine, die sich im Kote wälzen, in der Jugend Liebesesel und alte Ochsen in reiferen Jahren. Armut, Sklaverei, Krankheit, Altersbeschwerden und Todesqual vergällen Ariern und Nichtariern das Leben, das schon mit furchtbaren Qualen beginnt, wenn der Jīva in die Hölle des Mutterschoßes eingegangen, aus der drangvollen Enge den Weg heraus zu finden sucht.
c9.s3.t1.6
Auch bei den Göttern herrscht das Leid. Wohl sind die Himmlischen frei von den Beschwerden der Irdischen und verbringen ihre Tage in Glanz und Wonne, aber auch sie sind nie ganz glücklich. Wenn die Devas der niedrigeren Klassen die Pracht und die Herrlichkeit derjenigen der höheren Rangstufen sehen, dann werden sie von Neid erfüllt und machen sich Gedanken darüber, warum sie es selber nicht so gut haben, wie jene. Wenn die Zeichen erscheinen, die ihnen ankündigen, daß sie ihre himmlischen Stätten verlassen müssen, um auf Erden eine neue Geburt zu erlangen, dann fürchten sie sich davor, in einen Mutterleib gebannt zu werden, und die Sorge um die unbekannte Zukunft, die ihnen bevorsteht, vergällt ihnen all die Genüsse, deren sie sich zu erfreuen haben.
c9.s3.t1.7
So ist alles Leben Leiden, und jede der unendlich vielen Seelen, die seit anfangsloser Zeit aus einer Existenz in eine andere ziehen, wie aus einem Mietshaus in ein anderes, ist dessen gewiß, daß sie überall viel Leid und wenig Lust findet. Obwohl aber im Sansâra der Schmerz so groß ist wie der Meru-Berg, und die Freude nur so klein wie ein Senfkorn, obwohl alles Glück schwankt wie eine Woge und so schnell entschwindet wie ein Blitzstrahl, hängt jedes Wesen doch mit allen Fasern seines Herzens am Leben und vergißt über den kleinen Freuden, die es ihm gewährt, das ganze schreckliche Unheil, das im ewigen Wechsel Geburt, Alter, Krankheit und Tod über es bringt.
c9.s3.t1.8
So gleicht jedes Wesen dem Mann im Brunnen, von dem eine vielverbreitete Parabel erzählt². Ein Mann so heißt es in dieser Geschichte — wurde in einem großen Walde von einem riesigen wilden Elefanten bedroht. Er flüchtete sich zu einem großen Feigenbaum, vermochte diesen aber nicht zu erklettern und sprang deshalb in einen neben ihm befindlichen alten, mit Gras überwachsenen Brunnen. Im Sprung erhaschte er ein Rohrbüschel, das aus der Brunnenwand herauswuchs, während der Elefant seinen Rüssel nach ihm ausstreckte und schon sein Haupt berührte, ohne ihn packen zu können. Als er um sich sah, gewahrte er auf dem Boden der Grube eine gewaltige Riesenschlange, die ihn zu verschlingen drohte, und vier kleinere Schlangen mit geblähten Hauben, die ihm entgegenfauchten. Angstvoll umklammerte er das Rohrbüschel, um ja nicht in die Tiefe hinabzusinken. Da fiel sein Blick nach oben, und er erkannte zu seinem Schrecken, daß eine weiße und eine schwarze Maus mit spitzen Zähnen an dem Rohr nagten und daß der Elefant mit aller Macht gegen den Baum schlug. Aus einem Ast des letzteren aber flogen, durch die Gewalt des Stoßes aufgescheucht, zahllose Bienen heraus, die den Mann im Brunnen mit ihren Stacheln stachen. So von allen Seiten gepeinigt, bemerkte der Unglückliche plötzlich, daß ein Honigtropfen aus dem Baum herniederfiel, seine Stirn berührte und ihm langsam in den Mund quoll. Gierig schlürfte er ihn, kostete mit Wonne seine Süßigkeit und vergaß darüber all das Unheil, das ihn bedrängte.
c9.s3.t1.9
Dem Mann im Brunnen gleicht die Seele: der Wald ist der Sansâra, der Baum das Leben, der Brunnen das Menschendasein. Der Elefant, der ihn bedroht, ist der Tod, die Riesenschlange die Hölle, die vier andern Schlangen bedeuten die vier Leidenschaften, die beiden Mäuse die hellen und dunklen Monatshälften, die Bienen die Krankheiten. Der Honigtropfen aber stellt das Glück vor, das die Welt zu bieten vermag.
c9.s3.t1.10
So wie der Mann im Brunnen vergißt auch die Seele oft über den flüchtigen Genuß der Sinne die schreckliche Lage, in der sie sich befindet. Wenn sie ihr aber zum Bewußtsein kommt, dann sehnt sie sich heraus aus all dem Leid und strebt nach der Befreiung von allem Schmerz, nach der Erlösung.
c9.s3.t1.11
Nur ein Teil der Wesen in der Welt ist freilich dazu geeignet, das Heil zu erreichen, denn nicht bei allen setzt die Entwicklung ein, die sie aus dem Zustande völliger Gleichgültigkeit heraushebt, und nicht alle führt sie bis zur Heilsgewinnung.
c9.s3.t1.12
Von den vielen, ganz kleinen, feinen Lebewesen (Nigoda), die das Weltall erfüllen, haben viele „indifferenzierten“ Irrglauben, in dem sie weder zum Guten und zum Bösen neigen. Erst wenn diese durch irgendwelche zufällige Umstände aus ihrer Gleichgültigkeit aufgerüttelt werden, nimmt ihr Irrglaube eine bestimmte Form an. Damit aber ist erst die Voraussetzung geschaffen für eine geistige Entwicklung, die schließlich zur Erlösung führen kann, aber nicht zu führen braucht. Denn es gibt in allen Wesensklassen nicht erlösungsfähige (abhavya) Jīvas, die niemals über den Irrglauben hinauskommen und gar nicht danach streben, das Heil zu erreichen. Nur die Wesen, die vom Schicksal zur Erlösungsfähigkeit (Bhavyatva) prädestiniert sind, erkennen schließlich die Wahrheit der Religion der Jinas, werden des Umherirrens in immer neuen Daseinsformen müde, üben Selbstzucht und Askese und gewinnen schließlich das Heil.
c9.s3.t1.13
2. Die Ursachen des Karma
c9.s3.t1.14
Das notwendige Erfordernis für das Herauskommen aus dem Sansâra ist die Kenntnis der Ursachen, welche die beständige Bindung neuer Karmas hervorrufen, und die Ausschaltung eben dieser Ursachen. Die Ursachen der Bindung sind:
1. Mithyâtva, Irrglaube,
2. Avirati, mangelnde Selbstzucht, d. h. Nichtbeachten der Gebote,
3. Kashâya, Leidenschaft,
4. Yoga, Betätigung.
c9.s3.t1.15
Jede von diesen Ursachen wird wieder in eine große Zahl von Unterteilen zerlegt*); einer jeden von ihnen wird die Bindung von bestimmten Karmas zugeschrieben. Da nun jedes dieser Karmas naturgemäß nur so lange gebunden werden kann, als die Ursache seiner Bindung vorhanden ist, so hört seine Bindung auf, sobald seine Ursache entfernt ist. Die Bindungsursachen können aber nur der Reihe nach entfernt werden, nicht außer der Reihe. Auf Grund dieser Theorie wird der Weg vom völligen Irrglauben bis zur Erlösung in 14 Stufen („Gunasthâna“) zerlegt, von denen sich stets die höhere von der ihr vorhergehenden dadurch unterscheidet, daß bei ihr eine der Bindungsursachen ganz oder zum Teil eliminiert worden ist und dementsprechend eine Reihe von Karmas nicht mehr gebunden werden. Sind die Leidenschaften und alle vorausgehenden Bindungs-Ursachen beseitigt, so bindet der Jîva nur das Karma „Lustgefühl“ — das einzige, das ihn die Betätigung (Yoga) für sich allein assimilieren läßt; ist auch die Betätigung geschwunden, so wird überhaupt kein Karma mehr gebunden, und die Erlösung ist erreicht.
c9.s3.t1.16
∗ Manche nehmen noch eine 5. Ursache: Pramâda, d. h. Unachtsamkeit, an; von anderen wird diese jedoch als eine Unterart der mangelnden Selbstzucht betrachtet. Die 3 Karmas „Tirthankara“ sowie „Versetzungsleib und Glieder“ werden durch keine der genannten Bindungsursachen bewirkt; sie werden vielmehr nur von besonders
c9.s3.t1.17
3. Der Weg zur Erlösung
c9.s3.t1.18
Die geistige Entwickelung der Seele ist bedingt durch die Ausmerzung der Glauben und Wandel störenden Karmas. Da nun die Realisation eines derartigen Mohanîya-Karma die Bindung eines neuen Karma derselben Art, das noch dazu eine bedeutende Dauer (Sthiti) besitzt, verursacht, so kann die Bindung von neuem Mohanîya-Karma nicht durch einen an sich guten Gemütszustand verhindert werden. Der Jîva muß vielmehr zu diesem Zweck drei Prozesse durchlaufen, die alle, nur den Bruchteil eines Muhûrta (48 Minuten) während, eine Reduktion des Karma zur Folge haben. Befähigt hierfür sind nur vernünftige, vollständig entwickelte fünfsinnige Wesen aller vier Daseinsstufen, die eine Betätigung von Leib, Rede und Denkorgan, formaliter bestimmte Erkenntnis und eine der besten Leshyâs haben.
c9.s3.t1.19
begnadeten Jivas gebunden, und zwar wird die Bindung des Karma „Tîrthankara“ durch den rechten Glauben, diejenige der beiden genannten anderen Karma-Arten durch die Selbstzucht verursacht.
c9.s3.t1.20
Der 1. Prozeß „Yathâpravritti-karana“ hat eine Verringerung der Dauer und Intensität der Karmas zur Folge. Er kann öfters wiederholt werden, führt jedoch nur zum Ziel, wenn die beiden anderen Prozesse ihm folgen.
c9.s3.t1.21
Der 2. Prozeß „Apûrva-karana“ wirkt in ähnlicher Weise fördernd auf die Reinheit der Seele. Mit der Ausführung desselben wird der „Knoten“ (Grantha) in unserem Inneren, d. h. die im Herzen wurzelnde Störung von Glauben und Wandel, gespalten und damit dem geistigen Fortschritt das Tor geöffnet.
c9.s3.t1.22
Der 3. Prozeß „Anivritti-karana“ reduziert wieder Dauer und Intensität des Karma, außerdem aber wird ein Teil des auf den Irrglauben entfallenden Karma-Stoffes in drei Haufen zerlegt, einen unreinen für den Irrglauben, einen halbreinen für den Mischglauben und einen reinen für den niederen (kshâyopashamika-) Glauben. Nach kurzer Zeit kommt dann einer von diesen zur Realisation und bestimmt dadurch das weitere Schicksal der Seele, die entweder wieder zum Irrglauben zurückkehrt — so daß der ganze Prozeß ohne nachhaltige Wirkung war — oder schließlich die niedere Form des wahren Glaubens erlangt.
c9.s3.t1.23
In ähnlicher Weise geht auch durch die drei Prozesse die Abtrennung der Karmas der lebenslänglichen Leidenschaften vor sich; derjenige, welcher den (kshâyopashamika-) Glauben erreichte, kann bis zum Apramatta-samyata-gunasthâna, d. h. bis zur 7. Tugendstufe, auf welcher er Selbstzucht ohne Fahrlässigkeit besitzt, vordringen; wenn er weiter kommen will, muß er einen der beiden methodischen Wege beschreiten, die es verursachen, daß das Karma nicht zur Realisation kommt: die Upashama-shreni oder die Kshapaka-shreni.
c9.s3.t1.24
Upashama heißt Beruhigen, Besänftigen; wer den Upashama von Karmas ausübt, vermag sich soweit zu beherrschen, daß die Karmas ihre Wirkung nicht äußern können. Das aufgestapelte potentielle (Sattâ-) Karma wird unterdrückt, so daß es sich nicht manifestieren kann, es wird aber nicht mit der Wurzel ausgerottet, besteht deshalb in latentem Zustande noch immer weiter und kann bei Gelegenheit wieder hervorbrechen. Wird die Unterdrückung von Karmas in systematischer Weise in einer bestimmten Reihenfolge vorgenommen, so besteht eine „Upashama-shreni“, eine Stufenleiter, die schließlich mit der vollständigen Unterdrückung aller „Mohanîya“-karmas endet. Diese Stufenleiter kann von einer Seele im 4. bis 7. Gunasthâna „bestiegen“ werden, bei regulärem Verlauf passiert diese dann die folgenden Gunasthânas bis zum 11. und wird so ein Upashânta-moha. In diesem Zustande verweilt die Seele nur ganz kurze Zeit, mitunter nur 1 Samaya lang. Sobald diese Zeit um ist, stürzt sie aus dem Gunasthâna herab. Der Herabfall kann aus zwei Ursachen erfolgen: entweder durch die Beendigung der Existenz, durch den Tod des Individuums, oder den Ablauf der für diesen Upashântamoha-Zustand möglichen Zeit. Tritt das erstere ein, d. h. stirbt ein Wesen in diesem Gunasthâna, so wird es als Anuttarasura-Gott wiedergeboren, fällt aber sofort aus dem 11. in das 5. Gunasthâna. Tritt der zweite Fall ein, d. h. also, endet der mögliche Zeitabschnitt, so sinkt der Jîva auf das 7., unter Umständen aber auf eines der noch tiefer liegenden Gunasthânas zurück.
c9.s3.t1.25
Die Upashama-shreni dauert im ganzen nur 48 Minuten; sie kann während einer Existenz zweimal bestiegen werden; ist dies der Fall, so ist eine Erlösung während dieser Geburt unmöglich. Wird sie hingegen nur einmal bestiegen, so hat das Individuum immer noch die Chance, nach seinem Herabfall die Kshapaka-shreni zu erlangen, die zum Nirvâna führt.
c9.s3.t1.26
Die Kshapaka-shreni ist die Stufenleiter zur Vernichtung der Karmas. Fähig, den Aufstieg auf ihr zu beginnen, ist nur ein über acht Jahre alter, mit der besten Fügung der Gelenke versehener Mensch, der sich im 4.–7. Gunasthâna befindet. Derselbe vernichtet sukzessive die verschiedenen Arten des potentiellen Karma. Schließlich wird er ein Sayogi-kevalì, ein allwissender Heiliger, der noch eine Zeitlang körperlich auf Erden wandelt, um dann in die Erlösung einzugehen.
c9.s3.t1.27
4. Die 14 Gunasthânas
c9.s3.t1.28
Vom Zustande der vollkommenen Abhängigkeit vom Karma bis zu dem der gänzlichen Loslösung von ihm lassen sich 14 Stadien, die schon vorher erwähnten Gunasthânas unterscheiden. Diese sind in logischer Weise angeordnet, nach dem Prinzip der abnehmenden Sündhaftigkeit und der zunehmenden Reinheit, nicht in der chronologischen Reihenfolge, in der sie durchlaufen werden können. Denn bei jeder Seele sind Rückfälle möglich, die sie von den erklommenen Stufen herabstürzen und die bisherige Entwicklung ganz oder teilweise aufheben können. Dies wird noch verständlicher, wenn man in Betracht zieht, daß der Aufenthalt in manchen Gunasthânas nur wenige Minuten zu dauern braucht, so daß es sehr wohl möglich ist, daß jemand am Morgen eines Tages sich auf einer hohen Stufe befindet, am Mittag von ihr herabsinkt und am Abend wieder zu ihr emporsteigt. Aber selbst wenn man von der Möglichkeit eines Rückfalls absehen würde, wäre es unmöglich, alle 14 Stufen hintereinander zu passieren, weil ein direkter Übergang von der 1. in die 2. Stufe ausgeschlossen ist und die 11. Stufe nicht unmittelbar vor der 12. bis 14. durchlaufen wird. Auf die verschiedenen Möglichkeiten der Aufeinanderfolge der Gunasthânas ist bereits im vorhergehenden Abschnitt hingewiesen worden.
c9.s3.t1.29
Im folgenden führe ich die einzelnen Gunasthânas in der üblichen Ordnung auf und gebe eine kurze Charakteristik eines jeden.
c9.s3.t1.30
1. Mithyâdrishti-gunasthâna. Diese Stufe ist durch völligen Irrglauben gekennzeichnet. Viele Seelen, d. h. alle nicht erlösungsfähigen, kommen nie über dieses Stadium hinaus, ebenso auch diejenigen, welche als voll entwickelte, nicht vernunftbegabte Tiere mit 1 bis 5 Sinnen geboren sind, solange ihre Existenz in dieser Wesenklasse währt. Andere erheben sich von hier, und zwar zumeist unmittelbar bis zum 4. Gunasthâna, können aber wieder hierher zurücksinken und verbleiben dann hier eine Zeit, die im Minimum den Bruchteil eines Muhûrta (48 Minuten), im Maximum etwas weniger als 1/2 Pudgalaparâvarta beträgt.
c9.s3.t1.31
2. Sâsvâdana-samyagdrishṭi-gunasthâna, die Stufe, auf welcher „ein Geschmack des rechten Glaubens“ vorhanden ist (vgl. S. 180). In diesem Stadium, das im Minimum nur 1 Samaya, im Höchstmaße 6 Âvalikâs dauert, befinden sich Wesen, die den Bruchteil eines Muhûrta lang den „Aupashamika“-Glauben (S. 181) besessen, diesen aber infolge des Hervorbrechens der lebenslänglichen Leidenschaften wieder verloren hatten. Es ist demnach der nur ganz kurzfristige Zustand, der zwischen einer Stufe, auf welcher der Irr glaube unterdrückt war (wie der 4.), und der untersten, auf welcher er in voller Kraft ist, liegt; nach Ablauf der Zeit desselben sinkt die Seele wieder in das 1. Gunasthâna zurück. Sâsvâdanas können alle vernunftbegabten Wesen mit 5 Sinnen werden, sowie unentwickelte Tiere jeder Art.
c9.s3.t1.32
3. Samyagmithyâdrishṭi-gunasthâna, das Stadium des „Mischglaubens“. Der Aufenthalt auf dieser Stufe, auf welcher sich entwickelte vernunftbegabte Wesen aller Art befinden können, dauert nur den Bruchteil eines Muhûrta; ist die Zeit um, so erlangt die Seele je nach den Umständen den rechten oder den falschen Glauben. Gewöhnlich wird dieses Gunasthâna von Jîvas durchlaufen, die von der 4. Stufe herabfielen.
c9.s3.t1.33
4. Avirata-samyagdrishṭi-gunasthâna. Die Wesen, die sich auf dieser Stufe befinden — d. h. vernunftbegabte Fünfsinnige jeder Art —, besitzen den rechten Glauben (und zwar eine Form der unter Nr. 4, 5, 6 auf S. 181 angegebenen), aber noch keine Selbstzucht. Hier kann die methodische Unterdrückung oder Vernichtung des Karma auf einer der beiden Shrenis (S. 194) begonnen werden. Die Dauer dieses Gunasthâna beträgt im Minimum den Bruchteil eines Muhûrta, im Maximum 33 Sâgaropamas und etwas mehr (d. h. das Höchstmaß des Lebens der Götter und Höllenwesen, welche sich auf dieser Stufe befinden können).
c9.s3.t1.34
5. Deshavirata-samyagdrishṭi-gunasthâna. Hier ist der rechte Glaube und teilweise Selbstzucht (s. S. 183) vorhanden. Der Aufenthalt auf dieser Stufe, auf welcher sich im Gegensatz zu den vorhergehenden Götter und Höllenwesen nicht mehr befinden können, sondern nur vollentwickelte vernünftige Tiere und Menschen, beträgt im Maximum etwas weniger als eine Pûrvakoti, im Minimum den Bruchteil eines Muhûrta. Die Wesen auf dieser Stufe sind entweder ohne Shreni oder beginnen eine der beiden Shrenis hier, bzw. befinden sich auf einer von ihnen (s. S. 194).
c9.s3.t1.35
6. Pramatta-samyata-gunasthâna. In diesem Stadium, das wie alle jetzt folgenden nur Menschen zugänglich ist, ist die vollkommene Selbstzucht erreicht, doch wird diese noch durch Fahrlässigkeit (Pramâda), entstanden durch Realisation der aufflammenden Leidenschaften, des Schlafes usw. gestört. Von diesem Gunasthâna an kann die transzendente Erkenntnis der Gedanken Anderer in die Erscheinung treten. Die Dauer des Aufenthalts auf dieser Stufe beträgt im Minimum 1 Samaya, im Maximum einen Muhûrta. Stirbt jemand nach einem Samaya, so wird er ein Avirata (Stufe 4), stirbt er, nachdem ein Muhûrta fast vorüber ist, so wird er ein Deshavirata (Stufe 5). Ist der Muhûrta hingegen ohne Zwischenfall verstrichen, so gelangt die Seele in das folgende, 7. Gunasthâna, woselbst sie den Bruchteil eines Muhûrta hindurch verbleibt, um dann wieder in das Pramatta-gunasthâna zurückzukehren, worauf das Spiel von neuem beginnt. Dieses Schwanken zwischen dem 6. und 7. Gunasthâna währt im Höchstmaße etwas weniger als eine Pûrvakoti. Dies bezieht sich auf Asketen, die keine Shreni bestiegen haben; wird eine solche bestiegen oder fortgeführt, so findet ein derartiges Schwanken nicht statt. Charakteristisch für diese Stufe ist es, daß nur auf ihr sich der Versetzungsleib (S. 168) entfaltet.
c9.s3.t1.36
7. Apramatta-samyata-gunasthâna. Auf dieser Stufe ist vollkommene Selbstzucht ohne Fahrlässigkeit vorhanden. Es währt 1 Samaya bis 1 Muhûrta. Die Seelen in diesem Gunasthâna haben nicht mehr, wie diejenigen in den vorhergehenden, irgendeine von den 6 Leshyâs, sondern nur noch eine von den drei höchsten.
c9.s3.t1.37
8. Apûrva-karana-gunasthâna. Diese Stufe ist, wie die folgenden, nur einer Seele, die sich auf einer Shreni befindet, zugänglich; von hier ab kommt nur noch die weiße Leshyâ vor. Auf ihr wird der Apûrva-karana genannte Prozeß (s. S. 193) ausgeführt; die Gedanken, denen sich der ihn Vollziehende dabei in seiner Meditation hingibt, erfüllen ihn mit früher nie gekannter Freude. In diesem Stadium bleibt der auf der Upashama-shreni Befindliche im Minimum 1 Samaya, im Maximum bis zu 1 Muhûrta, der auf der Kshapaka-shreni Befindliche den ganzen Zeitraum eines Muhûrta.
c9.s3.t1.38
9. Anivritti-bâdara-samparâya-gunasthâna. Hier vollzieht die auf der Upashama- oder Kshapaka-shreni befindliche Seele den „Anivritti-karana“ genannten Prozeß. Die erstere hält sich hier im Minimum 1 Samaya, im Maximum den Zeitraum eines Muhûrta, die letztere den Zeitraum eines Muhûrta auf. Charakteristisch für dieses Stadium ist es, daß auf dieser Stufe die 6 sog. „Nicht-leidenschaften“ nicht mehr auftreten, während die 4 aufflammenden Leidenschaften noch vorhanden sind.
c9.s3.t1.39
10. Sûkshma-samparâya-gunasthâna. Auf dieser Stufe treten die drei aufflammenden Leidenschaften: Zorn, Stolz, Trug sowie der Geschlechtstrieb nicht mehr in die Erscheinung, hingegen ist die aufflammende Gier noch in ganz geringem Maße vorhanden. Der Aufenthalt in diesem Gunasthâna währt beim Upashamaka 1 Samaya bis 1 Muhûrta, beim Kshapaka den Zeitraum eines Muhûrta.
c9.s3.t1.40
11. Upashânta-kashâya-vitarâga-chadmastha-gunasthâna. Dieses ist die höchste Stufe, die auf der Upashama-shreni erreicht werden kann. Hier sind sämtliche Leidenschaften unterdrückt. Dies währt im Minimum 1 Samaya, im Maximum den Zeitraum eines Muhûrta. Danach stürzt die Seele von der Upashama-shreni herab und gelangt in eines der niederen Gunasthânas (vgl. S. 194).
c9.s3.t1.41
12. Kshîna-kashâya-vitarâga-chadmastha-gunasthâna. Diese Stufe wird wie alle folgenden nur von Seelen erreicht, die auf der Kshapaka-shreni alle Leidenschaften vernichtet haben. Wenn im letzten Samaya die letzte vorhandene Gier zerstört worden ist, befindet sich der Kshapaka (der also das 11. Gunasthâna überspringt!) in diesem Stadium, auf dem er den Zeitraum eines Muhûrta verbleibt. Er bindet fortan nur noch intensitätsloses Momentan-Karma. Im letzten Samaya seines Aufenthalts schwindet alles Karma, das sein Wissen, sein Schauen und seine Energie beschränkte.
c9.s3.t1.42
13. Sayogi-kevali-gunasthâna. Der Heilige ist auf dieser Stufe ein Kevalî, ein Allwissender. Liegt der seltene Fall vor, daß er in einer seiner früheren Existenzen das „Tîrthankara-karma“ gebunden hat, so kommt dieses hier zur Realisation; er wird dann ein Tîrthankara, ein Stifter oder Erneuerer der Jainakirche. Der Sayogi-kevalî weiß alles, schaut alles und vermag alles, doch besitzt er noch einen Leib und eine gewisse stofflich-bedingte Betätigung, und eine Reihe von früher erworbenen Karmas realisieren sich noch an ihm; sobald aber das das Lebensquantum (Âyus) bestimmende Karma erschöpft ist, tilgt er diese alle. Der Sayogi-Zustand dauert dementsprechend im Minimum den Zeitraum eines Muhûrta, im Maximum etwas weniger als eine Pûrvakoti. Sobald die ihm bestimmte Zeit abgelaufen ist, versinkt der Heilige in tiefe Meditation und bringt die gröbere und feinere Betätigung von Denkorgan, Rede und Leib zum Stillstand.
c9.s3.t1.43
14. Ayogi-kevali-gunasthâna. In diesem nur den Zeitraum eines Muhûrta umfassenden Durchgangsstadium hat der Heilige keine Betätigung (Yoga) und keine Leshyâ mehr.
c9.s3.t1.44
Dann tritt er in den Shaileshi-Zustand ein, der nur solange währt, als man bedarf, um 5 kurze Silben (a, i, u, ri, li) auszusprechen. In reine Meditation versunken, vernichtet er dann die letzten noch vorhandenen Reste des Karma. Er ist damit von allem Stofflichen frei geworden --- er ist erlöst.
II. Die praktische Ethik
c9.s3.t2.1
1. Verdienst und Schuld
c9.s3.t2.2
Die Lehre vom Karma liegt, wie die vorigen Abschnitte zeigen, der theoretischen Heilsordnung der Jainas zugrunde; in gleicher Weise beherrscht sie aber auch ihr ganzes System der praktischen Ethik. Alle Vorschriften über das Handeln beruhen auf der Vorstellung von dem Einströmen der Karma-Stoffe in die Seele und auf der Annahme, daß man durch geeignetes Verhalten diese Infizierung mit schädigenden Stoffen zum Stillstand bringen oder aufheben könne.
c9.s3.t2.3
So wie durch Kanäle beständig Wasser in einen See fließen, so fließt durch die Betätigung von Leib, Rede und Denken beständig Karma in die Seele. Eine gute Betätigung ist das „Einströmen“, die Influenz (Âsrava) von Verdienst (Punya), eine schlechte Betätigung die Influenz von Schuld (Pâpa).
c9.s3.t2.4
Die Influenz geht auf 42 Wegen vor sich. Die 17 bedeutendsten derselben sind: die 5 Sinne, die 4 Leidenschaften, die 3 Arten der Betätigung (S. 176), die Verletzung der 5 Gebote (S. 202). Zu diesen kommen noch 25 Handlungen verschiedenster Art²³.
c9.s3.t2.5
Eine Vorstellung davon, welche Tätigkeiten die Seele mit bestimmten Karmas behaften, gibt die folgende Aufzählung:
c9.s3.t2.6
Feindseligkeit gegen das Wissen und Schauen, gegen die Wissenden und die Hilfsmittel des Erkennens, Verleugnung, Vernichtung und Hinderung derselben, Nichtachtung der Lehrer und ihrer Gebote, Zerstörung von Büchern, Ausreißen der Augen usw. — solche Handlungen rufen Wissen und Schauen verhüllendes Karma hervor.
c9.s3.t2.7
Frömmigkeit, Pietät gegen Eltern und Lehrer, Sanftmut, Mitleid, Einhaltung der Gelübde, achtbares Benehmen, Überwindung der Leidenschaften, Spendung von Almosen, Glaubenstreue — bewirken „Lust-Empfindung“, das Gegenteil „Unlust-Empfindung“.
c9.s3.t2.8
Das Lehren einer falschen, die Hemmung der wahren Religion, die Lästerung der Jinas, Heiligen, Götterbilder, der Gemeinde und des Kanons, der Raub von geweihten Gegenständen — alles dies erzeugt „Glaubensstörung“. Ausbrüche der Leidenschaften und der „Nichtleidenschaften“ rufen die entsprechenden „Wandelstörungen“ hervor.
c9.s3.t2.9
Geringe Leidenschaftlichkeit, eheliche Treue, Anlage zum rechten Wandel verleihen männliches, Eifersucht, Kleinmut, Lügenhaftigkeit, große Sinnlichkeit verleihen weibliches, heftige Genußsucht und starke, auf den Geschlechtsverkehr mit Männern und Frauen gerichtete Leidenschaften verleihen drittes Geschlecht.
c9.s3.t2.10
Wer andere Wesen peinigt und tötet, übermäßig nach Besitz strebt und von lebenslänglichen Leidenschaften beherrscht wird, erlangt die Wiedergeburt in der Hölle und ein entsprechendes Lebensquantum (Âyus). Der Betrügerische, Hinterlistige, der dem Irrglauben nachgeht, sich der Sinnenlust ergibt und seine Sünden nicht beichtet, wird als Tier wiedergeboren, der Demütige, Aufrichtige, der nur in geringem Maße nach Besitz strebt und wenig andere Wesen schädigt, als Mensch. Einer, der den rechten Glauben besitzt, aber nur teilweise oder gar nicht Selbstzucht übt, einer, dessen Leidenschaften klein sind, ein Ketzer, der törichte Askese übt und einer, der unfreiwillig Karma tilgt, indem er ohne Absicht Hunger und Durst erträgt, Keuschheit übt, Mühsale erduldet, von Bergen stürzt, in Feuer und Wasser umkommt, — der erreicht ein für Götter geeignetes *Lebensquantum*.
c9.s3.t2.11
Ehrlichkeit, Sanftmut, Begierdelosigkeit und Lauterkeit geben gutes Nâma-karma, das Entgegengesetzte schlechtes Nâma-karma.
c9.s3.t2.12
Gerechte Anerkennung der Vorzüge anderer, Bescheidenheit, Ehrfurcht vor Lehrern und Meistern, das Bedürfnis, zu lernen und zu lehren, ruft hohen, das Gegenteil niederen Geburtsrang hervor.
c9.s3.t2.13
Das Verhindern der Verehrung der Jinas, das Vorenthalten von Speise, Trank, Wohnung, Kleidung, das Kraftlosmachen eines anderen mit Hilfe von Zaubersprüchen, überhaupt das Bereiten von Hindernissen jeglicher Art bewirkt die Karmas „Hinderung“.
c9.s3.t2.14
Entsprechend derartigen Aufzählungen unterscheiden die Jainas die Karmas in gute, welche durch Verdienst (Punya) entstanden sind, und schlechte, welche die Folge böser Taten (Pâpa) sind. Im ganzen werden dann 42 gute und 82 schlechte Karmas angenommen²⁴.
c9.s3.t2.15
Das Bedürfnis, das Wesen des Verdienstes und der Schuld möglichst genau zu umschreiben, hat die Jainas dazu geführt, die Inhalte beider Kategorien zu klassifizieren. So werden denn 9 Arten des Verdienstes und 18 Arten der Sünde unterschieden.
c9.s3.t2.16
Die 9 Arten des Verdienstes (Punya) bestehen in dem Spenden von Speise, Trank, Kleidung, Obdach, Lagerstätten; in dem Wohltun mit Gedanken, Worten und Werken, sowie in der Ehrerbietung, die den Vorgesetzten erwiesen wird.
c9.s3.t2.17
Die 18 Arten der Sünde (Pâpa) sind: die Tötung lebender Wesen, Unwahrhaftigkeit, Diebstahl, Unkeuschheit, übermäßiges Hängen am Besitz, Zorn, Stolz, Trug, Gier; Zuneigung, Haß, Streitsucht, Verleumdung, Hinterbringerei, Tadelsucht; Vergnügen bzw. Mißvergnügen; Heuchelei und Irrglaube.
c9.s3.t2.18
2. Die sittlichen Gebote.
c9.s3.t2.19
a. Die Pflichten des Laien.
c9.s3.t2.20
Ein Laie, der die Erkenntnis der wahren Lehre, des wahren Gottes (Deva-Jina), des rechten Meisters (Guru) besitzt und der frei ist von den 5 Vergehen: Glaubenszweifel, Verlangen nach anderen irdischen und überirdischen Lehren und Dingen, Unentschiedenheit in der Anerkennung der Wahrheiten des Jainismus, Bewunderung und Anerkennung Andersgläubiger — ein solcher Laie kann es auf sich nehmen, die 5 „kleinen Gelübde“ (Anuvrata) zu erfüllen:
c9.s3.t2.21
1. Ahinsâ, kein lebendes Wesen absichtlich zu töten oder zu verletzen. Dieses Gebot bezieht sich nicht nur auf die Mitmenschen, sondern auch auf die Tiere, die nicht zum Zweck des Fleischgenusses oder für die Veranstaltung von Opfern geschlachtet werden dürfen. Auch die unbeweglichen Wesen, wie die Pflanzen, sollen nach Möglichkeit nicht beschädigt werden. Die Befolgung dieses Gebotes schränkt die Zahl der Speisen und Getränke, welche genossen werden dürfen, stark ein, verbietet ferner eine Reihe von Beschäftigungen (s. unten).
c9.s3.t2.22
2. Satya, die Wahrheit zu sagen, d. h. nicht zu lügen.
c9.s3.t2.23
3. Asteya, nicht zu stehlen, d. h. nehmen, was nicht gegeben ist.
c9.s3.t2.24
4. Brahmacarya, keusch zu leben.
c9.s3.t2.25
5. Parigraha-tyâga, nicht habgierig nach immer neuen Gütern zu verlangen, sondern sich mit einem Besitz zufrieden zu geben, dessen freiwillig selbst aufgestellte Grenze nicht überschritten wird.
c9.s3.t2.26
Die Einhaltung der genannten Anuvratas wird unterstützt durch die Beobachtung der folgenden 3 Guna-vratas:
c9.s3.t2.27
1. Dig-vrata. Der Laie verpflichtet sich, seine Reisen in jeder Himmelsrichtung nur bis zu einem bestimmten Punkt (z. B. dem Himâlaya im Norden usw.) auszudehnen.
c9.s3.t2.28
2. Upabhogaparibhoga-vrata. Er verpflichtet sich, nur eine bestimmte Anzahl von lebensnotwendigen Dingen zu gebrauchen, andere aber zu meiden. Dieses Gelübde umfaßt auch die Einhaltung der Speisegebote, nach welchen nichts genossen werden soll, das durch die Schädigung von lebenden Wesen erlangt wird, und untersagt eine Reihe von Beschäftigungen, bei deren Ausübung Wesen verletzt werden könnten.
c9.s3.t2.29
3. Anarthadanda-vrata. Er verpflichtet sich, sich von allem Schädlichen fernzuhalten, weder jemandem Böses zu wünschen, noch andere zu Schlechtem zu veranlassen, weder Waffen oder andere Dinge zu verwenden, durch welche Verletzungen hervorgerufen werden, noch leichtsinnige Handlungen zu begehen.
c9.s3.t2.30
Zu diesen kommen dann auch die 4 Shikshâ-vrata:
c9.s3.t2.31
1. Sâmâyika-vrata. Der Laie gelobt, einen oder mehrere Muhûrtas (also 48, 96, 144 Minuten) täglich in gleichmütiger Ruhe zu meditieren. Dies geschieht morgens, mittags und abends.
c9.s3.t2.32
2. Deshâvakâshika-vrata. Er gelobt, für eine bestimmte Zeit gewisse Grenzen (Haus, Dorf u. ä.) nicht zu verlassen, gewisse Dinge, Speisen usw. nicht zu verwenden.
c9.s3.t2.33
3. Poshadha-vrata. Er gelobt, an gewissen Tagen (gewöhnlich viermal im Mondmonat) 24 Stunden hindurch zu fasten und als Mönch zu leben.
c9.s3.t2.34
4. Atithisamvibhâga-vrata. Er gelobt, den Gästen, besonders den Mönchen das zu spenden, dessen sie bedürfen und wozu sie berechtigt sind.
c9.s3.t2.35
Ein weiteres Gelübde wird von manchen Frommen genommen: sie verpflichten sich, durch freiwilligen Verzicht auf jede Nahrungsaufnahme sich selbst dem Hungertode hinzugeben. Dieses Gelübde wird vielfach von alten Leuten, die ihr Ende nahen fühlen, ausgeführt, mitunter aber auch von Personen, die bei voller Gesundheit sind, weil sie durch diesen Akt höchster Entsagung überirdisches Heil zu erringen hoffen.
c9.s3.t2.36
Zwecks weiterer geistiger Vervollkommnung begnügt der Laie sich nicht damit, diese Gelübde zu befolgen, sondern er beobachtet auch die 11 Pratimâs, die ihn der Askese näher bringen. Diese sind:
c9.s3.t2.37
1. Darshana, Glaube an die Tîrthankaras, die rechten Lehrer und den Jaina-Glauben.
2. Vrata, genaue Befolgung der 12 Gelübde.
3. Sâmâyika, dreimalige Meditation täglich.
4. Poshadhopavâsa, Fasten am Vollmonds- und Neumondstag und am 8. und 14. Tag jeder Hälfte des lunaren Monats.
5. Sacitta-tyâga. Enthaltsamkeit vom Genuß von lebenden Wesen, d. h. nicht nur von Tieren, sondern auch von frischen Vegetabilien.
6. Râtri-bhukta-tyâga. Vermeiden jedes Essens und Trinkens zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang.
7. Brahmacarya. Vermeidung des Geschlechtsverkehrs, auch mit der eigenen Frau.
8. Ârambha-tyâga. Aufgeben aller weltlichen Betätigungen, die irgendwie die Verletzung lebender Wesen zur Folge haben könnten (wie Bau eines Hauses u. ä.).
9. Parigraha-tyâga. Aufgeben des Besitzes (durch Verteilung an Kinder oder andere), Verzicht auf die Dienste des Hausgesindes u. a.
10. Anumati-tyâga (Anumodana). Verzicht des Frommen auf regelrechtes, für ihn selbst hergestelltes Essen und Genuß nur von dem, was andere ihm geben, oder was übrig bleibt.
11. Uddishta-tyâga. Annahme der Mönchstracht und Aufsuchen eines Tempels oder der Einsamkeit, um dort ungestört zu meditieren.
c9.s3.t2.38
Die 11 Pratimâs sind Stufen der Vollkommenheit, zu denen sich der Laie der Reihe nach erhebt, dabei das Gelübde jeder vorhergehenden beibehaltend. Die letzte Stufe entspricht praktisch schon dem Mönchtum, wenngleich noch die Ordensweihe fehlt. Bei den Digambaras, bei welchen nur die wenigen, welche alle Kleidung abgelegt haben, als Voll-Asketen gelten, ist die Bedeutung der Personen, welche die Vorschriften der letzten Pratimâs befolgen, besonders groß; sie stehen ungefähr in demselben Ansehen wie die Asketen bei den Shvetâmbaras.
c9.s3.t2.39
b. Die Pflichten des Asketen.
c9.s3.t2.40
Der Asket hat dieselben Gelübde zu beobachten wie der Laie, jedoch ist die Ausdehnung derselben viel weitgehender. Die Asketenpflichten heißen deshalb nicht wie die des Laien: Anuvrata (kleine Gebote), sondern Mahâvrata (große Gebote).
c9.s3.t2.41
1. Ahinsâ: der Asket muß aufs ängstlichste bestrebt sein, auch unabsichtlich kein lebendes Wesen zu töten oder zu verletzen.
c9.s3.t2.42
2. Asatya-tyâga: er hat alle seine Worte aufs genaueste zu prüfen, so daß er auch nicht unabsichtlich oder im Scherz etwas Unwahres sagt.
c9.s3.t2.43
3. Asteya: er darf nicht nur nichts nehmen, das ihm nicht gegeben wird, sondern er muß, selbst wenn ihm etwas angeboten wird, noch besonders um die Erlaubnis bitten, es nehmen zu dürfen.
c9.s3.t2.44
4. Brahmacarya: er muß nicht nur vollkommene Keuschheit bewahren, sondern muß auch alle Gedanken und Gespräche über geschlechtliche Dinge meiden und allem, was ihn irgendwie in Versuchung führen könnte, aus dem Wege gehen.
c9.s3.t2.45
5. Aparigraha: er muß allen Besitz aufgeben und allem Weltlichen, Personen wie Sachen, gleichgültig gegenüberstehen.
c9.s3.t2.46
Ein jedes dieser Gelübde wird durch je fünf andere gestützt, deren ständige Vergegenwärtigung und Beherzigung dem Asketen die Befolgung der „großen Gebote“ ermöglicht²⁵.
c9.s3.t2.47
3. Die Mittel zur Abwehr des Karma
c9.s3.t2.48
Zweck des von den Tîrthankaras gelehrten Heilspfades ist es, die Seele von dem verderblichen Einfluß des Karma-Stoffes zu befreien. Im Mönchsleben wird dieses Ziel erreicht durch die strikte Befolgung bestimmter Vorschriften. Diese macht das Einströmen von neuem Karma in die Seele unmöglich, indem sie die Influenz (Âsrava, S. 200) hemmt und dadurch eine Abwehr (Samvara) des Karma zur Folge hat.
c9.s3.t2.49
Der Abwehr (Samvara) des Karma dienen:
c9.s3.t2.50
1. Gupti, „Zucht“, d. h. richtige Regelung der Betätigung des Leibes, der Rede und des Denkens.
c9.s3.t2.51
2. Samiti, „Behutsamkeit“ beim Gehen, Reden, Almosensammeln, beim Aufheben und Niederlegen einer Sache und bei der Entleerung des Körpers. Bei der Vornahme aller dieser Handlungen ist äußerste Vorsicht am Platze, weil sonst (wie beim Reden und Almosensammeln) Verstöße gegen Gebote vorkommen können oder (wie beim Gehen, Aufheben, Niederlegen und beim Kot- und Harnlassen) lebende Wesen getötet werden können, wenn der Platz, wo etwas niedergelegt werden soll, nicht vorher genau untersucht ist und Lebewesen von ihm entfernt worden sind.
c9.s3.t2.52
3. Die Beobachtung der 10 Pflichten (Dharma) eines Mönches, bestehend in: Nachsicht gegenüber Verfehlungen anderer, Demut im Verhalten gegen alle, Lauterkeit der Gesinnung, die sich von jeder Zweideutigkeit fernhält, Begierdelosigkeit, Wahrhaftigkeit, Selbstbeherrschung, Askese (namentlich Fasten), Entsagung gegenüber allen weltlichen Genüssen, Verzicht auf jeden Besitz an Personen und Sachen, und Keuschheit.
c9.s3.t2.53
4. Hingabe an die folgenden 12 Reflexionen (Anuprekshâ):
c9.s3.t2.54
a) Alles ist vergänglich, der Leib löst sich auf wie eine vom Sturm gejagte Wolke, alles Glück zerrinnt wie ein Traum usw.
c9.s3.t2.55
b) Hilflos ist jedes Wesen bis zu den Göttern hin dem Tode preisgegeben.
c9.s3.t2.56
c) Der Sansâra gleicht einem Miethaus, in dem die Wesen in ständigem Wechsel ein- und ausgehen.
c9.s3.t2.57
d) Für sich allein trägt jedes Wesen die volle Verantwortung für sein Tun.
c9.s3.t2.58
e) Verschieden ist der Leib und alles Materielle von der Seele.
c9.s3.t2.59
f) Unrein ist der Leib, bestehend aus Saft, Blut, Fleisch, Fett, Knochen, Mark und Samen und voll von Schmutz, der aus den Öffnungen aus ihm herausfließt.
c9.s3.t2.60
g) Beständig fließt Karma in die Seele als Folge früherer Taten.
c9.s3.t2.61
h) Durch geeignetes Verhalten läßt sich das Einströmen des Karma verhindern.
c9.s3.t2.62
i) Kasteiungen vermögen das Karma zu vernichten und die Seele rein zu machen wie Gold, das im Feuer geläutert wird.
c9.s3.t2.63
k) Die Welt ist ewig und unvergänglich.
c9.s3.t2.64
l) Die Erleuchtung ist das köstlichste und seltenste Gut und schwer zu erlangen in der Welt.
c9.s3.t2.65
m) Wohl verkündet ist das Gesetz (Dharma) durch die erhabenen Jinas, es ist der einzige Freund der Freundlosen, der einzige Schutz vor Hölle und schlechter Wiedergeburt.
c9.s3.t2.66
5. Geduldiges Ertragen der 22 Mühsale (Parishaha), welche den Mönch entweder unmittelbar belästigen oder ihn vom Heilswege abbringen drohen. Die Mühsale sind: Hunger, Durst, Kälte, Hitze, Stechfliegen (welche alle bei der Meditation stören), Nacktheit bzw. schlechte Kleidung, ungemütliche Umgebung, Weiber, das unangenehme Wanderleben, die Unbequemlichkeiten des Meditationsortes, harte Lagerstätten, Scheltworte (die gegen den Mönch, die Lehre usw. laut werden), Mißhandlung, die Unwürdigkeit des Bettelns (die besonders von Leuten empfunden wird, die früher reich waren), Mißerfolg beim Betteln, Krankheit, das Stechen der Grashalme (auf denen der nackte Asket steht oder liegt), Körperschmutz (der Mönch darf sich und seine Kleidung nicht in fließendem Wasser waschen, sondern höchstens in solchem, das ihm gegeben wird), Ehrfurchtsbezeugungen (er muß gleichgültig gegen sie sein), Wissensdünkel, Niedergeschlagenheit über die eigene Unwissenheit, Glaubenszweifel.
c9.s3.t2.67
6. Câritra, die 5 Grade des guten Wandels:
c9.s3.t2.68
a) Sâmâyika, das Aufgeben alles Schlechten und das Sichhingeben an die Meditation.
c9.s3.t2.69
b) Chedôpasthâpanâ, das Bereuen aller begangenen Verfehlungen, das Beichten derselben an den geistlichen Lehrer und die Unterwerfung unter die von diesem verhängte Buße.
c9.s3.t2.70
c) Parihâra-vishuddhi, die Reinheit des Geistes, die durch peinliche Schonung aller lebenden Wesen, durch den Heiligen gewidmeten Dienst und durch besondere Kasteiung erreicht wird.
c9.s3.t2.71
d) Sûkshma-samparâya, die weitgehende Loslösung von allem Weltlichen, die so weit fortgeschritten ist, daß sich die Leidenschaften nur noch in subtiler Form äußern.
c9.s3.t2.72
e) Yathâ-khyâta, die höchste Stufe der sittlichen Selbstbesinnung, bei welcher die völlige Befreiung von allen weltlichen Leidenschaften eingetreten ist und alle Gebote vollkommen und ohne Hemmungen beachtet werden.
c9.s3.t2.73
4. Die Mittel zur Vernichtung des Karma
c9.s3.t2.74
Die Erlösung, d. h. die vollkommene Reinigung der Seele von allen Karma-Stoffen, erheischt nicht nur, daß der nach dem Nirvâna Strebende durch sein Verhalten das Eindringen neuen Karmas verhindert, sondern er muß auch das schon vorhandene Karma vernichten. Diese absichtliche Tilgung des früher gebundenen Karma heißt Sakâma-Nirjarâ. Zum Verständnis dieses für die Heilslehre der Jainas so wichtigen Begriffes ist es jedoch notwendig, zunächst einige Worte über das Wesen der Karma-Tilgung zu sagen.
c9.s3.t2.75
Jedes Karma kommt einmal zur Realisation, d. h. es gelangt in den Zustand der „Reife“ (Vipâka), so wie aus einem Samenkorn einmal eine Frucht wird. Wenn das Karma seine Wirkung gezeitigt hat, schwindet es, es ist nicht mehr vorhanden, wie eine Frucht, die genossen worden ist. Bei einem Menschen, der das Zuströmen neuen Karmas in die Seele vollkommen unmöglich macht, müßte also im natürlichen Verlauf der Dinge schließlich der Zustand einmal eintreten, in dem alles von ihm früher aufgestapelte Karma verbraucht und seine Seele dadurch karma-frei geworden ist. Dieser Zustand kann aber in der Wirklichkeit nicht eintreten, weil ein Mensch aus seinen zahllosen Existenzen so viel Karma in seiner Seele birgt, daß dieses sich erst in sehr langer Zeit erschöpfen würde, zumal da ja manche Karmas ihre Kraft sehr lange Zeit hindurch bewahren. Es ist deshalb erforderlich, daß die Tilgung des Karma auf künstlichem Wege beschleunigt wird. So wie Mangos oder Früchte des Brotfruchtbaumes durch Anwendung künstlicher Mittel vorzeitig zur Reife gebracht werden können, so kann auch beim Karma auf bestimmtem Wege bewirkt werden, daß es sich in kurzer Zeit entfaltet und verzehrt. Das Mittel, das eine schnelle Tilgung des Karma herbeiführt, ist — neben der Befolgung der Vorschriften, die der Abwehr des Karma dienen — die Askese. Die Askese (Tapas) verbrennt nach allgemein indischer Anschauung die Samen der Werke; die Vornahme derselben, d. h. das Ausführen von Kasteiungen und Meditationen, hat deshalb jedenfalls eine Tilgung von Karma zur Folge. Damit diese Tilgung aber wirklich zur Erlösung führt, ist notwendig, daß sie in der richtigen Weise geschieht. Denn es gibt auch „törichte Askese“, wie sie die Ketzer oder schlecht beratene Leute üben. Dieses sog. „Bâla-tapas“, das auch in einem in falscher Weise (durch Herabstürzen von einem Abhang, durch Ertränken) vorgenommenen religiösen Selbstmord bestehen kann, führt natürlich ebensowenig die Erlösung herbei, wie die falschgerichtete Meditation, von welcher unten S. 210 noch gesprochen werden wird, wohl aber hat sie bestimmte segensreiche Wirkungen, indem sie die Wiedergeburt in einem Götterhimmel veranlaßt²⁶.
c9.s3.t2.76
Die Askese ist zweifach: äußere und innere.
c9.s3.t2.77
A. Die äußere Askese (Bâhya-tapas) ist von folgenden sechs Arten:
c9.s3.t2.78
1. Fasten (Anashana).
c9.s3.t2.79
2. Verringerung der Kost (Avamaudarya), indem statt einer vollen Mahlzeit nur ein Teil derselben genossen wird.
c9.s3.t2.80
3. Beschränkung der Kost (Vritti-sankshepa) nicht nur nach der Zahl der Speisen, sondern auch nach dem Ort, woher dieselben erhalten werden, nach der Zeit, zu der sie genossen werden, nach den Umständen, unter denen sie einem zuteil werden usw.
c9.s3.t2.81
4. Verzicht auf leckere Kost (Rasa-parityâga), wie Milch, Zucker und andere Dinge, die besonders gut schmecken.
c9.s3.t2.82
5. Vermeidung von allem, was die Sinne in Versuchung führen könnte (Samlînatâ), vor allem durch Vorsorge, daß nicht Personen aus einem anderen Geschlecht in der Nähe der Lagerstätte sich befinden.
c9.s3.t2.83
6. Abtötung des Fleisches (Kâya-klesha) durch Meditieren bei großer Hitze und Kälte usw., durch Verzicht auf jegliche Körperpflege, Vermeiden des Sichkratzens bei entstehendem Juckreiz, des Ausspuckens usw.
c9.s3.t2.84
Aus dem Vorstehenden ergibt sich, daß die äußere Askese der Jainas im Ertragen von Mühseligkeiten der verschiedensten Art besteht. Der Jaina-Asket nimmt allerlei Schmerzen und Unannehmlichkeiten auf sich, ohne sich gegen sie zu sträuben. Die bei brahmanischen Büßern gebräuchliche Übung, sich künstlich Schmerzen zuzufügen, indem sie sich auf ein Stachelbett legen u. a. dgl., wird von den Jainas verworfen.
c9.s3.t2.85
B. Die innere Askese (Âbhyantara-tapas) ist ebenfalls von 6 Arten :
1. Beichte (Prâyashcitta), die einem Guru oder Sâdhu gegenüber abgelegt wird.
2. Ehrfurcht (Vinaya), die den Dienern der Religion entgegengebracht wird.
3. Dienstflissenheit (Vaiyâvrittya), die den Meistern und Lehrern, den Mönchen, der Gemeinde, den Laien, den Kranken usw. gegenüber erzeigt wird.
4. Studium (Svâdhyâya).
5. Gleichgültigkeit (Utsarga) gegenüber dem Leib und seinen Leidenschaften und gegen alle von außen herantretenden Versuchungen. Diese völlige Nichtachtung alles dessen, das nicht der Seele angehört, findet seinen hervorragendsten Ausdruck in der gänzlichen Vernachlässigung alles Leiblichen, die zum freiwilligen Hungertode führt.
6. Meditation (Dhyâna), d. h. „das Festhalten und Konzentrieren eines Gedankens bis zur Dauer eines Muhûrta“, d. i. bis zu höchstens 48 Minuten, welche Zeit das Maximum desjenigen darstellt, was geleistet werden kann. Eine Meditation kann nur von demjenigen vorgenommen werden, der eine der vier besten Fügungen der Gelenke besitzt (s. S. 171). Im ganzen werden vier Arten der Meditation unterschieden. Von diesen sind jedoch nur die beiden letzten geeignet, zum Heil zu führen.
1. Ârta-dhyâna, die trübselige Meditation, besteht in dem beständigen Nachsinnen über etwas Unangenehmes, das einem zuteil wurde. Hiervon werden 4 Arten unterschieden:
a) Ishta-viyoga, das Gedenken an etwas Angenehmes, das man verloren hat,
b) Anishta-samyoga, das Denken an etwas Unangenehmes, das einem zuteil wurde,
c) Roga-cintâ, das Denken an eine Krankheit,
d) Nidânârtha, das Denken an die Zukunft, besonders an Wünsche, die in einer späteren Existenz verwirklicht werden sollen. (Ein Asket denkt z. B.: „Mögen meine Kasteiungen in der nächsten Existenz den Erfolg haben, daß ich als Weltbeherrscher wiedergeboren werde und schöne Frauen genieße.“ In der Jaina-Literatur spielen derartige Nidânas, die sich dann verwirklichen, eine große Rolle.)
c9.s3.t2.86
Diese Arten der Meditation finden sich bei Wesen auf der 1. bis 6. Tugendstufe.
c9.s3.t2.87
2. Raudra-dhyâna, die böse Meditation, richtet sich auf vier schlechte weltliche Ziele, nämlich auf Mord, Lüge, Diebstahl und Bewahren von Gütern.
c9.s3.t2.88
Diese Arten der Meditation finden sich bei Wesen bis zum 5. Gunasthâna.
c9.s3.t2.89
Im Gegensatz zu 1 und 2 wirken die beiden folgenden Meditationen heilfördernd.
c9.s3.t2.90
3. Dharma-dhyâna, die Meditation, bestehend in dem Nachdenken über die Religion, und zwar richtet sich
c9.s3.t2.91
a) Ajnâ-vicaya auf die heilige Lehre,
c9.s3.t2.92
b) Apâya-vicaya auf die Tatsache, daß die Seele durch etwas nicht ihr Angehöriges in der Entfaltung ihrer wahren Natur gehindert wird,
c9.s3.t2.93
c) Vipâka-vicaya auf die an der Seele zutagetretenden Folgen des Karma,
c9.s3.t2.94
d) Samsthâna-vicaya auf den Bau und das Wesen des Weltalls.
c9.s3.t2.95
Diese Meditation findet sich in den Gunasthânas 7 bis 12.
c9.s3.t2.96
4. Shukla-dhyâna, die reine Meditation. Von dieser werden vier Stufen unterschieden:
c9.s3.t2.97
a) Prithaktva-vitarka richtet sich auf den Wandel und die Gegensätze im Weltprozeß (Werden und Vergehen, Seele und Materie, Substanzen und Zustände usw.).
c9.s3.t2.98
b) Ekatva-vitarka richtet sich auf die Seele, als dasjenige, was in allem Wechsel beharrt.
c9.s3.t2.99
c) Sûkshma-kriyâ-pratipâti richtet sich auf die Unterdrückung der noch in minimalem Grade vorhandenen Betätigung.
c9.s3.t2.100
d) Uparata-kriyânivritti richtet sich auf die vollkommene Befreiung von allem Karma.
c9.s3.t2.101
Die vier Stufen der „reinen Meditation“ folgen einander; die erste fällt in die Gunasthânas 8 bis 11, die zweite in 12, die dritte in 13, die letzte geht im 14. der Erlösung unmittelbar voraus.
III. Die Erlösung
c9.s3.t3.1
Wenn im letzten Gunasthâna (S. 199) alles Karma vernichtet worden ist, dann steigt der Erlöste zum Gipfel der Welt empor. Dies geschieht durch die der Seele von Natur eigene, geradlinig nach oben gerichtete Bewegung (S. 152), die sich jetzt erst entfalten kann, weil die Stoffe nicht mehr da sind, welche durch ihre Schwere das natürliche Aufwärtsstreben der Seele hemmten oder seitwärts lenkten. So wie ein Flaschenkürbis, wenn er von allem Schmutz befreit ist, nicht mehr zu Boden sinkt, sondern zur Oberfläche des Wassers emporschnellt, so erhebt sich auch der Erlöste in einem Samaya bis zur Spitze des Weltalls. Hier bleibt er, denn über die Welt hinaus in die sie umgebende Nichtwelt zu gelangen, ist nicht möglich, weil in der Nichtwelt das Medium der Bewegung, der Dharma (S. 153), fehlt.
c9.s3.t3.2
Unberührt von dem Wechsel der Welt verweilen die Vollendeten, die Siddhas, für alle Ewigkeit in dem obersten Teil der heiligen Region Îshatprâgbhâra (s. S. 234), weder leicht, noch schwer, selbst ohne sichtbare Gestalt, körperlos und darum durchdringbar, aber mit einer räumlichen (immateriellen) Ausdehnung von 2/3 derjenigen, welche sie in ihrer letzten Existenz gehabt hatten. Bei ihnen sind alle individuellen Verschiedenheiten dahingefallen, welche die Karmas den Seelen beigelegt hatten; dagegen haben sie alle die vier „Unendlichkeiten“: unendliches Wissen, unendliches Schauen, unendliche Kraft und unendliche Wonne.
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