Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c7.s5: IV. Der Niedergang
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c7.s5
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- German
Contents
- c7.s5.t1 1. Das Zurückweichen vor dem Hinduismus — 10 parts
- c7.s5.t2 2. Die Jainas unter islâmischer Herrschaft — 2 parts
- c7.s5.t3 3. Die Jainas in den Hindu-Reichen — 5 parts
- c7.s5.t4 4. Reformbewegungen — 5 parts
IV. Der Niedergang
1. Das Zurückweichen vor dem Hinduismus
c7.s5.t1.1
Seit den Tagen Mahâvîras hatten die Jainas einen Kampf nach zwei Fronten zu führen: gegen die Anhänger der vedisch-brahmanischen Religion und gegen die Buddhisten. An den ersteren bekämpften sie ihren Glauben an die vedische Offenbarung, ihre blutigen Opfer und ihre soziale Ordnung, die den Brahmanen den Vorrang vor allen anderen Gliedern der Gesellschaft sicherte; an den letzteren ihre Leugnung des Ich und ihre Heilslehre, welche die Askese nur in geringem Maße anerkennt und an Stelle der Tîrthankaras andere Heilige als Wegweiser zur Erlösung betrachtet. Der Buddhismus hat den Jainaglauben zeitweise aufs stärkste bedrängt, so daß er vor ihm in manchen Gegenden das Feld räumen mußte: war doch seine Heimat Magadha so ausschließlich zur Domäne des Buddhatums geworden, daß diese Landschaft nach ihren vielen Klöstern (Vihâra) geradezu den Namen Bihâr erhielt. Mit der Zeit aber schwand die Macht des Buddhismus dahin, im Westen und im Süden vermochte er dem Jainaglauben nicht zu widerstehen, und die von Kumârila (um 700 n. Chr.) und Shankara (788-820 n. Chr.) begonnene Restauration des orthodoxen Brahmanismus setzte ihm auf der ganzen Gangeshalbinsel ein Ende, so daß er im Lande seines Ursprungs erlosch.
c7.s5.t1.2
Kumârila, der Erneuerer des vedischen Opferdienstes, und Shankara, der große Vorkämpfer einer illusionistischen All-Einheitslehre, gingen auch gegen die Jainalehre als eine vedenfeindliche Ketzerei mit allen Waffen ihres Geistes vor¹². Das beständige Fortschreiten der von den Rechtgläubigen ausgehenden Bewegung gegen alle heterodoxen Richtungen verstärkte aber nach und nach immer mehr den Druck, der auf der Jainakirche lastete, und wenn sich diese auch der Angriffe zu erwehren wußte, so wurde ihre Stellung doch vielfach geschwächt und erschüttert.
c7.s5.t1.3
Das Wiedererwachen der brahmanischen Religiosität hatte auch eine Erneuerung des vishnuitischen und shivaitischen Sektenwesens im Gefolge. Shivaismus und Vishnuismus erwiesen sich als ganz besonders gefährliche Gegner und taten dem Jainismus namentlich im Dekhan und im Süden empfindlichen Schaden.
c7.s5.t1.4
Die großen shivaitischen Sänger der Tamilen, Nânasambandhar und Appar (7. Jahrh.) sowie Sundaramûrti (8. oder 9. Jahrh.), Mânikka-vâcakar (um 900) u. a. machten viele dem Jainaglauben abspenstig und führten sie dem Kulte Shivas zu. So soll Appar den Pallava-König Mahendravarmâ zum Shivaismus bekehrt haben, woraufhin dieser Jaina-Bauwerke in Kuddalor niederriß und Shiva-Tempel baute¹³. Unterstützung für ihre Bestrebungen fanden die Shaivas namentlich bei den Herrschern der Cola-Dynastie. Ihr Einfluß soll auch die Ursache davon gewesen sein, daß die Pândya-Könige von Madurâ, die bisher Jainas gewesen waren, sich dem Shivaismus zuwandten. Der Pândya-Herrscher Sundara (11. Jahrh.?), der mit einer Cola-Prinzessin, Schwester des Königs Râjendra verheiratet war, soll nämlich von seiner Gemahlin dem Shiva-Glauben gewonnen worden sein. Sundara wurde ein so fanatischer Shaiva, daß er alle seine früheren Glaubensgenossen, die nicht seinem Beispiel folgen wollten, mit der rücksichtslosesten Grausamkeit verfolgte. Nicht weniger als achttausend seiner Untertanen, die den Übertritt nicht vollziehen wollten, soll er zum Tode durch Pfählung verurteilt haben: die Marterung dieser Unglücklichen soll auf einigen Skulpturen an den Wänden des Tempels von Tivatùr in Nord-Arkot bildlich dargestellt sein¹⁴.
c7.s5.t1.5
Ein anderer machtvoller Feind erstand den Jainas in der shivaitischen Sekte der Lingâyats¹⁵. Dieselbe wurde begründet oder reorganisiert von dem Brahmanen Basava, welcher Minister des Kalacuri-Königs Bijjala war, der 1156–1167 in Kalyâna regierte und dem Jaina-Glauben angehört haben soll. Mit großer Tatkraft und, wie die Jainas behaupten, großer Skrupellosigkeit gelang es Basava, seiner monotheistischen Lehre zahlreiche Anhänger zuzuführen und seinem stark anti-klerikalen und gegen die brahmanische Kastenordnung gerichteten sozialen System Verbreitung zu schaffen. Die Lingâyats gingen mit außerordentlichem Fanatismus gegen die Jainas vor, schädigten sie an Gut und Leben, zerstörten ihre Tempel oder eigneten sich diese für ihre Zwecke an. Bei der Propagierung der neuen Lehre soll sich besonders der Heilige Ekântada-Râmayya ausgezeichnet haben. Von ihm wird erzählt, er sei mit den Jainas eine Wette eingegangen, nach welcher sie sich verpflichteten, eine Jaina-Statue niederzureißen und ein Shiva-Bild aufzurichten, wenn er sich selbst den Kopf abschlage und durch Shivas Gnade nach sieben Tagen wieder lebendig gemacht würde. Als es Ekântada-Râmayya gelang, das Wunder wahr zu machen, die Jainas aber ihr Wort nicht halten wollten, soll er dem Standbild ihres Tîrthankara das Haupt abgeschlagen und es vor dem Idole seines Gottes als Weihgabe niedergelegt haben. Da die Jainas sich hierüber beim Könige beschwerten, erbot sich der Heilige, das Wunder zu wiederholen und sogar seinen Kopf zu Asche verbrennen zu lassen, wenn die Jainas ihre 700 Tempel dagegen wetteten. Die Jainas gingen hierauf aber nicht ein, woraufhin Bijjala sie tadelte und dem von Ekântada-Râmayya errichteten Tempel des Shiva Vîra-Somanâtha eine Landschenkung bei Ablûr (im heutigen Distrikt Dhârvâr) machte¹⁶.
c7.s5.t1.6
Die Lingâyats oder „Vîra-Shaivas“, wie sie sich selbst nennen, gewannen mit der Zeit im Sprachgebiet des Kanaresischen und Telugu immer mehr Boden. Ihr Glaube war die Staatsreligion der Vodeyars von Maisûr und Ummatûr von 1399—1610 und der Nâyaks von Keladi (Ikkeri oder Bednûr) von 1550—1763; auch heutzutage noch gehört ihnen ein sehr beträchtlicher Teil der Bevölkerung der Länder der südlichen Westküste an. Ihr Verhalten gegenüber den Jainas scheint sich immer durch große Feindseligkeit ausgezeichnet zu haben. Eine Inschrift berichtet, daß ein fanatischer Lingâyat 1638 ein Linga-Symbol auf die Säulen der Haupt-Basti der Jainas in Halebîd stempelte. Die Jainas erhoben hiergegen Einspruch, und es kam zu einer Einigung. Bei dieser verpflichteten sich die Jainas jedoch, in ihrem Tempel stets zuerst nach shivaitischem Ritus Asche und Betel darzubringen und erst danach ihre eigenen Zeremonien vorzunehmen⁴⁷.
c7.s5.t1.7
Ungefähr zu derselben Zeit, zu welcher der Shivaismus in Südindien zu neuer Bedeutung gelangte, ging auch eine tiefgreifende Reformation des Vishnu-Glaubens vor sich. Râmânuja (1050—1137) verkündete mit großem Erfolg, hauptsächlich von Shrîrangam (bei Trichinopoly) aus, seinen „qualifizierten Monismus“ vishnuitischen Gepräges. Der Cola-König verlangte von ihm, daß er lehre, Shiva sei größer als Vishnu. Da Râmânuja sich diesem Gebot nicht fügen wollte, mußte er fliehen. Der Hoysala-König Bittideva gewährte ihm Schutz und wurde sein Anhänger. Seine früheren Glaubensgenossen, die Jainas, ließ er angeblich in Ölmühlen werfen und zerquetschen, wenn sie sich nicht bekehren wollten⁴⁸.
c7.s5.t1.8
Daß die Jainas später von seiten der Shrîvaishnavas bedrückt wurden, ergibt sich aus einer Inschrift aus dem Jahre 1368. Danach beschwerten sich die Jainas beim König Bukkarâya I. von Vijayanagar über die Verfolgungen, denen sie von seiten der Vishnuiten ausgesetzt waren. Der König verfügte darauf, daß die Mitglieder beider Religionsgemeinschaften in seinem Lande gleiche Kultusfreiheit genießen sollten. Des weiteren bestimmte er, daß an der Gommata-Statue in Shravana Belgola eine Wache von zwanzig Mann aufgestellt werden sollte, um das Heiligtum vor Verunglimpfung zu schützen, und ordnete an, daß zerstörte Tempel ausgebessert werden sollten⁴⁹.
c7.s5.t1.9
Ein Jahrhundert nach Râmânuja wirkte in den kanaresischen Gebieten ein anderer vishnuitischer Sektengründer, Madhva oder Ânandatîrtha (1199—1278). Die von diesem gepredigte dualistische Lehre⁵⁰ erwarb sich an der Westküste viele Bekenner und tat dem Jainismus großen Abbruch⁵⁰. Der aus Nimba (im Distrikt Bellary) stammende Brahmane Nimbârka (13. Jahrh.?), der Urheber der vishnuitischen „Sonder-unsonderungs-Lehre“ (Bhedâbheda-vâda), der hauptsächlich im Norden, in der Umgegend von Mathurâ lehrte, scheint hingegen gegen die Jainas nicht haben aufkommen können; wenigstens soll nach einem Bericht seine Sekte von den Jainas ausgerottet und erst später von Shrînivâsa wieder erweckt worden sein⁵¹. Als ein bedeutender Gegner erwies sich hingegen der aus dem Telugu-Lande gebürtige Stifter des krishnaitischen Shuddhâdvaita-mata, der Brahman Vallabha (1479—1531). Das von diesem in Mathurâ gelehrte System fand große Verbreitung in der Umgegend der heiligen Krishnastadt, in Râjputânâ sowie in Gujarât; namentlich viele reiche Kaufleute, die früher Jainas waren, schlossen sich ihm an. Auch der bengalische Heilige Caitanya (1485—1533), dessen Missionspredigten in ganz Indien Stürme der Begeisterung entfesselten, scheint durch seine Tätigkeit viele dem Jainismus entfremdet und der Bhakti-Lehre Krishnas zugeführt zu haben.
c7.s5.t1.10
Die wachsende Macht des Hindutums tritt am Jainismus jedoch nicht nur darin zutage, daß er viele seiner Bekenner einbüßte, sondern äußerte sich auch in der bei seinen Anhängern immer stärker werdenden Hinneigung zu hinduistischen Anschauungen und Gebräuchen. So werden in der Jaina-Literatur fortan mehr und mehr hinduistische Gottheiten erwähnt, die im Jaina-System selbst keinen Platz haben, und Termini gebraucht, die eine starke Beeinflussung durch den Vedânta verraten; auch im Kultus und im sozialen Leben wird die Annäherung in der Folgezeit immer größer.
2. Die Jainas unter islâmischer Herrschaft
c7.s5.t2.1
Die Eroberung Indiens durch die Mohammedaner, welche im Jahre 712 mit der Errichtung eines islâmischen Staates in Sindh einsetzte und seit den Invasionen Mahmûd von Ghaznîs (1001) und Mohammed Ghorîs (1175) in schneller Folge vor sich ging, setzte die Jainas denselben Verfolgungen und Bedrückungen durch die neuen Machthaber aus, wie die Hindus. So verübten die Heere Alâ-ud-dîn Muhammad Shâh Khiljîs, die 1297—1298 Gujarât durchzogen, dort viele Grausamkeiten, die heute noch in der Erinnerung fortleben. Heilige Bilder wurden entweiht, Tempel zerstört oder in Moscheen umgewandelt, Bücher verbrannt, Schätze geraubt und viele Jainas getötet. Ähnliche Greueltaten wurden von den fanatischen Muselmanen auch im Dekhan und im Süden vollführt, als sie die dravidischen Staaten zertrümmerten. Die Jainas hatten unter diesen schweren Zeitläuften stark zu leiden, und ihre schon durch die zahlreichen Bekehrungen zum Shiva- und Vishnu-Glauben zusammengeschmolzene Zahl verringerte sich immer mehr. Vor dem Fanatismus der Muselmanen konnten sie sich nur dadurch retten, daß sie sich in die Verborgenheit flüchteten. Ihre Bibliotheken brachten sie in unterirdischen Gewölben unter, zu welchen nur wenige Eingeweihte Zutritt hatten, und in ihren heiligen Stätten mußten Bauten, die den Gräbern islâmischer Heiliger ähnlich waren, den Fanatismus der Muslime abhalten.
c7.s5.t2.2
Aus der Tatsache, daß manche mohammedanische Fürsten gegen die Jainas mit Feuer und Schwert vorgingen und sie gewaltsam zu ihrem Glauben zu bekehren suchten, darf nicht darauf geschlossen werden, daß das Verhältnis zwischen Muselmanen und Jainas stets ein feindseliges gewesen sei. Es scheint vielmehr, daß es eindrucksvollen Predigern wie dem arabischen Missionar Pîr Mahâbîr Khamdâyat, der 1304 nach Indien kam, gelang, allein durch die Kraft seiner Argumente und durch seine zündende Beredtsamkeit viele Jainas des Dekhan zu Moslems zu machen⁵², und oftmals haben zwischen Mohammedanern und Jainas friedliche und freundschaftliche Beziehungen bestanden. Alâ-ud-dîn, den die Jainas Khûnî, den „Blutigen“ nannten, machte dem Jaina-Dichter Râmacandra Sûri große Geschenke⁵³, und Sultan Firoz Shâh Tughlaq (1351–1388) ehrte den Ratnashekhara, den Verfasser des Shrîpâlacarita. Namentlich aber zeichneten einige Großmogulen hervorragende Jainalehrer durch Gnadenerweise aus. Kaiser Akbar (1556–1605) schenkte dem Shvetâmbara-Abte Hîravijaya seine Freundschaft und nahm so reges Interesse an den religiösen Vorstellungen der Jainas, daß das Gerücht entstehen konnte, er sei heimlich zum Jaina-Glauben übergetreten. Auf Hîravijayas Veranlassung erließ Akbar 1593 ein Edikt, durch welches die Berge Girnâr, Shatrunjaya, Âbû in Gujarât, die fünf Hügel von Râgjîr und der Berg Pârasnâth in Bihâr sowie andere Heiligtümer den Shvetâmbaras als Kultstätten überwiesen wurden. Der Kaiser verbot des weiteren die Tötung von Tieren in der Umgebung der heiligen Bezirke, gab den Jainas Bücher zurück, die ihnen geraubt worden waren, und erwies ihnen noch manche andere Wohltaten. Auch zu Hîravijayas Nachfolger Vijayasena und zu Jinacandra, dem Oberhaupt der Kharatara-Sekte, stand Akbar in Beziehungen. Kaiser Jahângîr (1605—1627) zog ebenfalls Jinacandra und dessen Nachfolger Jinasinha, welchem er den Titel eines Yugapradhâna verlieh, an seinen Hof und erließ einen Farmân zum Schutze des Shatrunjaya. Shâhjahân (1627—1658) veröffentlichte eine ähnliche Urkunde, und seine Söhne Murâd Baksh (zuerst Gouverneur von Gujarât, dann für eine kurze Zeit Kaiser, bis er von seinem Bruder ermordet wurde) und Aurangzeb (1659—1707) verliehen dem Hofjuwelier Satîdâs, einem Jaina, den Distrikt Shatrunjaya mit seinen Einnahmen im Werte von 2 Lâkh als Inâm. Ahmed Shâh (1748—1754) tat das Gleiche mit dem Berge Pârasnâth, welcher dem Jagat Sheth (Welt-Kaufmann) Mahtâb Rai und seinen Nachkommen zugewiesen wurde, um auf diese Weise die ungestörte Wallfahrt der Jainas zu sichern⁵⁴.
3. Die Jainas in den Hindu-Reichen
c7.s5.t3.1
Wenn die Jainas, wie gezeigt wurde, sogar unter manchen mohammedanischen Herrschern ihren religiösen Bräuchen ungehindert nachgehen konnten, so war dies in den vom Islâm wenig berührten, unabhängigen oder fast unabhängigen Hindu-Staaten natürlich in noch höherem Grade der Fall, mochte auch die Zahl und Bedeutung der Anhänger der Tîrthankaras durch die Kämpfe mit den rivalisierenden Sekten der Shivaiten und Vishnuiten stark zurückgegangen sein. Inschriften und Bauten bekunden, daß im Südwesten Indiens die fürstlichen Patrone des Jaina-Glaubens noch nicht ausgestorben waren. Weit sichtbare Bekenntnisse zur Religion Mahâvîras aus jener Zeit sind die beiden Gommata-Statuen, die in Nachahmung des Kolosses von Shravana Belgola an zwei Orten Süd-Kanaras von glaubenseifrigen Herrschern errichtet wurden: die eine 1432 in Kârkala vom Fürsten Vîrapândya, die andere 1604 in Venûr von Timmarâja. Von Interesse ist es, daß der Jainismus in Maisûr um die Mitte des 16. Jahrhunderts auch mit dem Christentum zu kämpfen hatte. In einer um 1530 abgefaßten Inschrift in Humcha wird erwähnt, daß der Mönch Vidyânanda den Vizekönig von Shrîranganagara (Seringapatam) den Franken-Glauben (Peringiyamata) abschwören ließ, zu welchem dieser anscheinend bekehrt worden war55.
c7.s5.t3.2
Eine große Bedeutung kam den Jainas außer in ihrer alten Heimstätte Gujarât in jener Periode vor allem in Zentral-Indien und Râjputânâ zu. In den verschiedenen Fürstentümern dieser Landschaften besaßen sie als Kaufleute und Bankiers großen Einfluß und haben dem Staat viele hervorragende Beamte geschenkt. Den Jaina-Mönchen wurde allgemein der Besitz von übernatürlichen Kräften zugeschrieben. So soll der Meister Munisundarasûri (gest. 1446), bekannt als Autor des Upadesharatnâkara und anderer Werke, eine Hungersnot durch die Rezitation eines Stotra gebannt und in Sirohi der Zerstörung der Ernte durch Heuschrecken Einhalt geboten haben.
c7.s5.t3.3
Zeugen des Glanzes und Reichtums der Jaina-Gemeinden sind die Kunstwerke dieser Zeit, vor allem die unter der Tonvar-Dynastie (1440—1473) bei Gwalior aus dem Fels gehauenen großen Tîrthankara-Figuren, die Tempel von Rakhabdev und Rânâpur (beide aus dem 15. Jahrh.), die prächtigen Siegestürme in Râjputânâ u. a.
c7.s5.t3.4
Kennzeichnend für das Verhalten, das die Hindu-Herrscher der Râjputen den Jainas gegenüber einnahmen, sind die Gunstbezeugungen, die ihnen die Fürsten der Sesodiya-Dynastie von Udaipur erwiesen. Seit jeher liehen diese Rânâs von Mevâr ihnen ihren Schutz und erteilten ihnen viele Privilegien. Die Jainas zeigten sich ihrerseits stets als treue Diener des Herrscherhauses. Als Pratâp Singh I. (1572—1597) von Kaiser Akbars Truppen geschlagen worden war und sich sein fliehendes Heer aufgelöst hatte, opferte ein Jaina seinen Reichtum, um ein neues Heer zu werben. Er setzte dadurch den Rânâ in den Stand, den Feldzug fortzusetzen und zu einem siegreichen Ende zu führen. Die Fürsten haben den Jainas ihre Dankesschuld durch Gewährung von mancherlei Freiheiten abgetragen. So erließ der Mahârânâ Râj Singh 1693 ein Edikt, durch welches er verbot, Tiere auf Jainas gehörigen Grundstücken zu schlachten, und bestimmte, daß jedes Wesen, das den Bezirk ihrer heiligen Stätten beträte, geschützt sein solle, und zwar nicht nur Tiere, die zur Schlachtbank geführt werden sollten, sondern auch Verbrecher, die dem Arm der Gerechtigkeit entronnen. Mahârânâ Jay Singh ordnete in einer in einer Säule in Bakrole eingegrabenen Inschrift an, daß in den vier Regenmonaten vom 11. des Monats Âshâdha (Juni) bis zum Vollmond des Âshvina (September) niemand die Wasser eines Sees austrocknen, eine Ölmühle arbeiten lassen und einen Topf herstellen dürfe, auf daß kein lebendes Wesen während dieser Jahreszeit, zu welcher das Leben überall hervorsprießt, verletzt werde⁵⁶.
c7.s5.t3.5
Bemerkenswert ist, daß der Jainismus im 15. Jahrhundert sogar im Norden Indiens festen Fuß gefaßt hatte. Der König Narendra-candra von Kângra (Panjàb), der um 1427 regierte, soll nach einer unlängst veröffentlichten Vijnapti ein Jaina gewesen sein⁵⁷.
4. Reformbewegungen
c7.s5.t4.1
Unter dem Einfluß der bilderfeindlichen Tendenzen des Islâm traten bei den Hindus eine Reihe von Reformatoren auf, welche die Verwendung von Kultidolen und die ihnen geweihte Verehrung aufs heftigste bekämpften. Die Bestrebungen dieser Männer, von denen nur die hervorragendsten wie Kabîr (um 1470), Nânak (um 1500), Dâdû (um 1575) genannt seien, fanden in Nordindien einen begeisterten Widerhall und veranlaßten die Stiftung einer Reihe von Sekten, welche den Kampf gegen den äußeren Werkdienst auf ihre Fahne geschrieben hatten.
c7.s5.t4.2
Auch unter den Jainas entstand in derselben Zeit eine Richtung, welche den Bilderdienst ablehnte⁵⁸. Der Begründer derselben war ein einflußreicher Kaufmann in Ahmedâbâd mit Namen Lonkâ Shâ, welcher der Shvetâmbara-Konfession angehörte. Dieser besuchte einst im Jahre 1451/52 einen Tempel, in welchem der Mönch Jnânajî damit beschäftigt war, Handschriften zu ordnen. Beim Anblick der unter dem Einfluß der Zeit zerfallenden Manuskripte erbot er sich, durch Übernahme des frommen Werkes des Abschreibens zu ihrer Erhaltung beizutragen. Jnânajî übergab ihm darauf einige Bücher, und Lonkâ machte sich daran, sie zu kopieren. Bei der Lektüre der heiligen Schriften entdeckte er, daß in ihnen von der in den Tempeln betriebenen Bilderverehrung nicht die Rede war, und fand auch sonst in ihnen manches, das mit dem Jainatum, wie es in seiner Zeit von den berufenen Vertretern gelehrt wurde, nicht übereinstimmte. Er forschte daher weiter und schrieb die Sûtras, die er zum Kopieren erhielt, auch für sich selbst ab. Unter dem Eindruck seiner Entdeckungen faßte er den Entschluß, den seiner Ansicht nach verderbten Jaina-Glauben zu reformieren und in seiner ursprünglichen Reinheit wiederherzustellen. Er konnte zwar nicht Jnânajî bekehren, und viele andere, mit denen er über seine Anschauungen sprach, verhielten sich ebenfalls ablehnend, schließlich setzte er sich aber doch durch, denn es gelang ihm, eine Schar von Pilgern, die von Shatrunjaya kommend durch Ahmedâbâd zogen, für sich zu gewinnen. Die Gründung einer Sekte war aber solange nicht möglich, als kein Mönch da war, der ihr Meister (Âcârya) sein konnte. Um diesem Mangel abzuhelfen, wurde ein Laie namens Bhâna Asket, indem er sich (im Jahre 1467) selbst ordinierte. Er war das erste geistliche Oberhaupt der Gemeinde der Lonkâs (Lûnkâs) oder Lumpâkas, und sein Amt vererbte sich auf seine Schüler weiter.
c7.s5.t4.3
In der Lonkâ-Sekte entstanden später Spaltungen und Parteiungen. Bedeutsam von diesen wurde die Reform des Lavajî, Sohnes des Vîra, eines Asket gewordenen Laien aus Surât. Dieser fand, daß das Leben der Lonkâs an Strenge hinter den Vorschriften der heiligen Schriften zurückbliebe, er stiftete daher eine neue Sekte, die mit der Zeit eine solche Verbreitung fand, daß sie später die wesentlichste Hüterin der Lehren Lonkâs wurde. Diese Gemeinde, die im Jahre 1653 entstand, erhielt von der Bevölkerung von Gujarât den Spitznamen Dhûndiyâ (die Sucher), eine Bezeichnung, die ihr zum Ehrennamen wurde. Die Dhûndiyâ selber nennen sich Sthânakavâsîs, weil alle religiösen Handlungen nicht in Tempeln, sondern im Gemeindehause (Sthânaka = Upâshraya) vor sich gehen. Sowohl den Digambaras als auch den bilderverehrenden Shvetâmbaras an Zahl heutzutage ungefähr gleich, sind die Sthânakavâsîs in der Gegenwart gewissermaßen a dritte Konfession der Jainakirche zu betrachten. Sie rechnen sich selber aber zu den Shvetâmbaras, von denen sie in der Lehre, abgesehen von einigen nebensächlichen Punkten, nur darin abweichen, daß sie nur 32 kanonische Schriften anerkennen. (Lonkâ hatte nur 31 heilige Schriften anerkannt; das Vyavahâra-Sûtra, das er warf, wurde jedoch von den Sthânakavâsîs als autoritativ angesehen.) Im Kultus unterscheiden sie sich hingegen sehr wesentlich von ihnen dadurch, daß sie keine Idole verehren, keine Tempel besitzen und Pilgerfahrten keine Bedeutung beilegen. In ihren Reihen entstanden auch wieder verschiedene Zweige, die eine strengere Ordnung des Lebens der Mönche durchführten.
c7.s5.t4.4
Die Reformen von Lonkâ und seinen Nachfolgern richteten sich nicht allein gegen Bilderkult und Werkdienst, sondern erstrebten eine allgemeine Besserung von Zucht und Sitte. So sehr Lonkâs Gegner auch seine Neuerungen in Kult und Ritual bekämpften, die Tatsache, daß dem Jainatum eine Reform an Haupt und Gliedern nottat, konnten sie nicht umhin, anzuerkennen. Denn im Laufe dieser Zeit hatte die Disziplin in den Mönchsorden zum Teil bedenklich nachgelassen. Laxe Auffassungen waren an die Stelle der strengen Vorschriften Mahâvîras getreten, so daß diese zum Teil geradezu in ihr Gegenteil verkehrt worden waren. Das Verbot, sich (außer während der Regenzeit) lange an einem Orte aufzuhalten, war beiseite gesetzt worden, und das Gesetz des „Aparigraha“, der völligen Besitzlosigkeit, wurde nicht beachtet. Die Mönche frönten nur zu oft den Lüsten der Welt, eigneten sich den Besitz der Kirche an und vernachlässigten ihre geistlichen Pflichten. Die Oberen mancher Klöster traten nach der Art der Shankarâcâryas und anderer hinduistischer Kirchenfürsten mit Elefanten und Sänften, Trabanten und Dienern auf und benutzten die reichlich fließenden Almosen ihrer Laienanhänger dazu, um ein komfortables Wohlleben zu führen. Gegen diese Mißstände hatten einsichtige Führer wiederholt schon anzukämpfen versucht, ohne freilich einen bleibenden Erfolg zu erzielen. Im 17. Jahrhundert scheint der Materialismus unter den Shvetâmbaras in Gujarât besonders stark um sich gegriffen zu haben, was teilweise wohl durch die allgemeine Unsicherheit und die dadurch entstandene Verwilderung der Sitten zu erklären ist. Einer Reihe von hochbegabten, von echter Frömmigkeit erfüllten Männern gelang es, einen kräftigen Stamm von Anhängern heranzubilden, welche das alte asketische Ideal wieder zu Ehren brachten. Die Führer der auf Verwirklichung der alten, strengen Mönchsregeln gerichteten Bewegung waren Ânandaghana, Satyavijaya, Vinayavijaya und Yashovijaya (1624—1688)⁵⁹. Die beiden zuletzt Genannten entfalteten auch als Schriftsteller eine äußerst fruchtbare Tätigkeit; Vinayavijaya verdanken wir das große Kompendium Lokaprakâsha (Weltfackel), eine Gesamtdarstellung der Jaina-Lehre in ihren verschiedenen Zweigen, während Yashovijaya sich als Verfasser von an hundert Werken in Sanskrit und Gujarâtî einen Namen gemacht hat. Die diesen Meistern folgenden Asketen kleideten sich in safrangelbe Gewänder, wodurch sie sich von den weißgekleideten anderen unterschieden. Auch heute besteht die Gemeinde der „Samvegìs“ noch und erfreut sich wegen ihrer mustergültigen Lebensführung überall des höchsten Ansehens.
c7.s5.t4.5
Bei den Digambaras vollzogen sich ebenfalls bedeutende Umwälzungen. Die alte, harte Disziplin des nackten Asketentums hatte bereits in den letzten Jahrhunderten des 1. Jahrtausends n. Chr. manche Lockerung erfahren, wie aus den beweglichen Klagen von Schriftstellern jener Zeit hervorgeht. Die mohammedanische Herrschaft machte den Mönchen das Nacktgehen unmöglich, da die Muselmanen die unbekleideten Yatis verfolgten. Es kam daher vielfach der Brauch auf, daß die Munis sich in der Öffentlichkeit umhüllten. Diese Übung soll in Vasantakìrti (um 1200) ihren Wortführer gefunden haben; die Digambaras, die ihm folgten, wurden später Vishva- (Visa- oder Bisa-) panthìs genannt, die Anhänger des „universalen“ d. h. allgemein-zugänglichen, leichten Pfades. Gegen diese Praxis opponierten die Freunde der älteren, strengeren Anschauungen. Ihren Hauptvertreter fanden diese später in dem Pandit Banârsidâs, der um 1626 in Âgrâ die Sekte der Terâpanthìs gründete⁶⁰.
Linked texts (3)
- Sankara — Sanskrit
- Vavahāra — Bhadrabāhu, Ardhamāgadhī Prakrit
- Lokaprakāśa — Kṣemendra, Sanskrit