Pramāṇa · Search · About · API

Das Ramayana: Geschichte und Inhalt nebst Concordanz der gedruckten Recensionen c4: Zweiter Teil. Nachweis eingeschobener Stücke

Das Rāmāyaṇa: Geschichte und Inhalt nebst Concordanz der gedruckten Recensionen c4

Language
German

Contents

Zweiter Teil. Nachweis eingeschobener Stücke

§ 1

c4.s1.1

Wir wenden uns jetzt einer andern Untersuchung zu. Alle, die sich mit dem Râmâyaṇa beschäftigt haben, sind zu der Erkenntniss gelangt, dass, abgesehen von der Verschiedenheit der Recensionen, der Text mancherlei Zusätze und Überarbeitungen enthalte. Ich will nunmehr versuchen an einer grösseren Zahl von Stücken nachzuweisen, dass sie nicht von dem ersten Dichter herrühren können. Die erste Frage ist: an welchen Kennzeichen kann man die spätern Stücke von dem ältern Texte unterscheiden. Wie billig richten wir dabei zuerst unser Augenmerk auf Formalien, unter denen das Metrum natürlich in erster Linie steht.

c4.s1.2

Die Gesetze des Çloka werden im Râmâyaṇa, von wenigen gleich zu besprechenden Ausnahmen abgesehen, streng beobachtet; sie sind dieselben wie im Mahâbhârata und bei den Kunstdichtern. Es kommen neben der Pathyâ nur die vier bekannten Vipulâformen vor, und auch für diese gelten die so oft besprochenen Gesetze. Abweichungen von der Regel sind nur sporadisch zu belegen. Ich führe die im 2.—6. Buche der Bombayer Ausgabe vorkommenden hier in der Note an, indem ich zugleich die etwa abweichenden Lesarten der südindischen Ausgaben und die entsprechenden Verse in B angebe ¹).

c4.s1.3

¹ Die unregelmässigen Verse im 2.—6. Buche.
a) 9 silbige Pâda:

c4.s1.4

yadannah purusho bhavati II 103, 30.
abhivâdaye tvâ bhagavan III 11, 72.
Daçagrivo vimçatibhujo III 35, 9.
dhvajinah patâkinaç caiva V 4, 20.

c4.s1.5

In diesen Versen muss bhava-, abhi-, daça-, dhvaji- durch Verschleifung einsilbig gelesen werden. Unregelmässig bleibt: hiraṇyaretâ divâkarah VI 105. 10.

c4.s1.6

Der metrisch anstössigen Verse findet sich also im 2.—6. Buche eine so verschwindend kleine Anzahl, dass wir sie füglich

c4.s1.7

b) Doppelconsonanz bildet keine Position: tathâ 'çvâsaya hrîmantam II 19, 9. kim tu Râmasya prityartham V 53, 13. vimṛiçya buddhyâ praçritam VI 113, 93.
c) Der 2. pâda beginnt gegen die Regel mit einem Choriambus: paitṛipitâmahair dhruvah II 105, 3. Der Com. citirt aber einen metrisch richtigen pâṭha: pitṛipitâmahair.
d) Die zweite Vipulâ (◡—◡—◡◡◡) ist unregelmässig: pariçrântam pathy abhavat II 72, 9. apaviddhaiç câpi rathaih VI 43, 43. tatah kruddho Vâyusuto VI 59, 112. durâvâram durviṣamah VI 90, 66. nityamûlâ nityaphalâh VI 128, 102.
e) Die dritte Vipulâ (◡—◡—◡◡—◡) ist unregelmässig: tam anvârohat Sugrivah VI 38, 8. iha Prahastenâ 'nîtam VI 31, 44. athavâ devi tvam kamcid dosham etc. II 36, 28. çailâh susruvuh pâniyam V 23, 17. In den zwei letzten Fällen hat die Telugu-Ausgabe die metrisch richtige Lesart, nämlich: athavâ devi dosham tvam kamcid etc. çailâç ca sasruh pâniyam. (VI 43, 17 findet sich die Form prasusruh B VI 18, 24 prasasruh.)
f) Die vierte Vipulâ, ausgehend auf ◡—◡◡, kommt im 3.—6. Buche 38mal vor und hat dann allemal die vierte Silbe lang und Cäsur nach derselben. In 31 Fällen beginnt der Vers mit ◡—◡—|. Schwache Cäsur steht: Sumitrayâ 'nvâsyamânâ II 4, 32. Sie ist vernachlässigt: yatprasâdenâ 'bhishiktam II 6, 24. In der Telugu (T) und der Gorresio'schen (B) Ausgabe finden sich folgende Abweichungen: II 4, 32 = B 2, 3, 22 Sumitrayo 'pâsyamânâ. II 6, 24 = B 2, 5, 24 yatprasâdâd abhishiktam. II 19, 9 = T K. tad açvâsaya hi 'mam tvam = B II 16, 12 tad açvâsaya râjânam. II 72, 9 = B 2, 74, 10 pathi tac chrântam utṣṛijya. II 103, 30 = B 2, 111, 36 yadannah puruṣo nûnam.

c4.s1.8

weiter nicht zu beachten brauchen. Wie steht es aber nun mit dem 1. und 7. Buche, gegen deren Echtheit begründete Zweifel oft erhoben worden sind?

c4.s1.9

Der Hauptsache nach unterscheiden sich diese Bücher von den übrigen in metrischer Beziehung gar nicht: der Çloka wird in ihnen nach denselben Gesetzen und mit derselben Strenge gehandhabt. Nur zwei Partien machen eine Ausnahme, nämlich die Viçvâmitra-Episode im ersten, und die Râvaṇeïs im letzten Buche. In beiden Stücken finden sich nämlich metrisch auffällige oder anstössige Verse in grösserer Anzahl.

c4.s1.10

In der ersteren Stelle sind folgende Pâda unregelmässig: I 54, 9 evam uktas tu brahmarshir (B I 55, 9 brahmarshir evam uktas tu) 55, 3 romakûpeshu mlecchâç ca (B 56, 3 tu für ca) (T . . . ca mlecchâ; A ml. ca rom.) 56, 14 teshu çânteshu brahmâstram (ebenso B und T) 64, 5 mâ bhaishî rambhe bhadram te kurushva mama çâsanam

c4.s1.11

III 11, 72 T K tvâm für tvâ = B III 17, 2 ămantraye tvâm bhagavan. III 35, 9 T 1, 2 K vimçadbhujo Daçagrîvo, fehlt B. V 4, 20 T 2 K dhvajotpatâkinaç caiva = B V 10, 22? dhanvinah khaḍginaç câpi. VI 31, 44 = B VI 7, 47 Prahastena ihâ "nîtam. VI 38, 8 T 1, 2 K tam anvârohat = B 6, 14, 11 anvârohac ca Sugrîvah. VI 43, 43 T 1, 2 K apaviddhaiç ca bhinnaiç ca = B VI 18, 53 ca bhagnaiç ca. VI 59, 112 T 1, 2 K atha Vâyusutah kruddho, B fehlt. VI 90, 66 T 1, 2 durâvâram, T 1 durvishaham, T 2 K durvishahyam, B VI 70, 32 durâdharsham durvishaham. VI 105, 10 T 2 K svarṇaretâ divâkarah, B fehlt. VI 114, 93 T 1, 2 vimṛiçya buddhyâ dharmajno, B VI 95, 46 wie T. VI 128, 102 T 1, 2 nityapushpâ nityaphalâs, B VI 113, 6 wie T.

c4.s1.12

Von diesen 16 metrisch anstössigen Stellen bleiben in der Gorresio'schen Ausgabe nur vier (die cursiv gedruckten), in der Telugu-Ausgabe sieben resp. zehn. Es ist schwer zu entscheiden, ob die Telugu-Ausgabe die ursprüngliche oder die emendirte Lesart bietet; ersteres scheint mir sicher bei: durâvâram durvishahyam, letzteres bei: tad açvâsaya hi 'mam tvam, vimçadbhujo Daçagrîvo, tam anvârohat Sugrîvo, dhvajotpatâkinaç caiva, vimṛiçya buddhyâ dharmajno.

c4.s1.13

( T mâ bhaishîs tvam varârohe (von einer Kuh!) ) (B 66, 5 tvam rambhe kuru mâ bhaishîh priyam me priyabhâshinî) 65, 13 vinâçayati trailokyam (B 676 vinâçayati lokâms trîn) 65, 15 sammûdham iva trailokyam (fehlt B) 65, 27 pûjayâmâsa brahmarshim (fehlt B)

c4.s1.14

Alle diese Pâda mit Ausschluss von 64, 5 werden metrisch richtig, wenn man annimmt, dass, wie in dem „Gâthâ-Dialekt“, anlautende muta cum liquida nicht notwendig Position bilde. Natürlich gilt dies nur für die fraglichen Gesänge: 54—56 u. 65. In diesen wird die Erhebung Viçvâmitra's zum brahmarshi erzählt. Die dazwischen liegenden Gesänge 57—64 behandeln teils damit nicht direkt zusammenhängende, andere auf Viçvâmitra bezügliche Sagen (Triçanku, Ambarîsha und Çunahçepha ¹)), teils offenbar spätere Ausspinnungen der ersten Geschichte, nämlich wie Viçvâmitra erst râjarshi (57), dann maharshi (63, 64) wird, ehe er die Würde eines brahmarshi erlangt.

c4.s1.15

¹ Es ist beachtenswert, dass im Aitareya Brâhmana (ed. Aufrecht, Einleitung p. V) auf die Sage von Çunahçepha die Besprechung des untergeordneten Verhältnisses der Kshatriya folgt.

c4.s1.16

Wir haben hier also ein metrische Eigentümlichkeit als Beweismittel dafür, dass ein in alle Recensionen aufgenommenes Stück, das in sich abgeschlossen ist, von einem anderen Dichter als dem der es einschliessenden Erzählung herrührt. — Aus ähnlichem Grunde müssen wir den ersten Teil des 7. Buches, der die Geschichte Râvana's behandelt, für das Werk eines besondern Dichters halten. Denn auch hier finden sich in einem nicht sehr ausgedehnten Stücke sechs metrisch auffällige oder anstössige ungerade Pâda: 5, 26 Amarâvatîm samâsâdya 6, 26 Yamalârjunau ca hârdikya 16, 5 kimnimittam icchayâ me (T. 1. cecchayâ) 16, 30 tadâ vartmasu calitâ (T. 1. vartmastha, Tîrtha: laghvaksharam ârsham) 21, 14 samtâryamânân Vaitaranîm 30, 10 pakshinac catushpado vâ (T. 1. pakshinac ca catushpâdo eine handgreifliche Verbesserung.)

c4.s1.17

Bei Gorresio: 5, 26 Amarâvatîm âsâdya (!) (metrisch falsch.) 6, 33 Yamalârjunau ca hârdikyah (wie C) 16, 5 kim idam yannimittam tu 16, 36 âsanebhyaç ca calitâ 25, 11 târyamânân Vaitaranîm (metrisch falsch) 38, 10 catushpado vâ pakshî vâ (handgreifliche Verbesserung) In A: Amarâvatîm samâsâdya Yamalârjunau hârdikyah (metrisch falsch) kim idam hy animittam me âsanebhyah pracalitâ (samtâryamânân Vaitaranîm fehlt) (Der Vers „pakshinas“ ist ganz anders in A)

c4.s1.18

Drei der obigen Pâda sind neunsilbig; von denselben ist einer in B unverändert erhalten: yamalârjunau ca hârdikyah, einer in A: amarâvatîm samâsâdya; zwei sind in B durch Unterdrückung einer Silbe auf acht Silben reducirt, aber der so hergestellte Pâda ist metrisch unrichtig; dasselbe findet bei einem Pâda in A statt. Es dürfte also nicht zu bezweifeln sein, dass alle drei neunsilbigen Pâda ursprünglich sind. Ebenso dürfte wenigstens einer der übrigen unregelmässigen Pâda (pakshinaç) alt sein. So fänden sich mindestens vier Fälle abweichender Versbildung in einem Stücke, das sich auch inhaltlich als ein in sich abgeschlossenes, und daher für sich stehendes zu erkennen giebt.

c4.s1.19

Die Ergebnisse, zu denen uns die Untersuchung auf Grund metrischer Besonderheiten in verschiedenen Teilen des Gedichtes geführt hat, sind für unsern eigentlichen Zweck von geringem Belang, so interessant sie an sich auch sein mögen. Denn dass das ganze siebente Buch ein späterer Zusatz sei, kann nicht wohl in Zweifel gezogen werden. Schon der Schluss des sechsten Buches beweist dies. Dort findet sich nämlich die Verheissung des Lohnes (çravanaphala), der denjenigen zuteil werden soll, die das Râmâyana (âdikâvyam idam câ'rsham purâ Vâlmîkinâ kritam) hören ¹); also

c4.s1.20

1) Aus demselben Grunde muss die „Herabkunft der Gangâ“ I 38 bis 44 ein besonderer, später eingeschalteter Bestandteil sein. Denn auch galt zur Zeit, wo dieser Schluss gedichtet wurde, das Uttarakâṇḍa noch nicht als ein integrirender Bestandteil des Râmâyaṇa.

c4.s1.21

In ähnlicher Weise fördert uns die Erkenntnis nicht wesentlich, dass die Episode über Viçvâmitra ein eingeschobenes Stück ist. Denn die Echtheit des ersten Buches ist mit guten Gründen in Zweifel gezogen worden, so schon vor 50 Jahren von Adolf Holtzmann (Über den griechischen Ursprung des indischen Thierkreises, Karlsruhe 1841 p. 36 fgg.). Im Verlaufe unserer Untersuchungen werden wir auf diesen Punkt zurückkommen; vorläufig mag es genügen, sich die begründeten Bedenken gegen die Echtheit des ersten Buches vor Augen zu halten. Wenn sie zu Recht bestehen, was nützt uns dann für unsere Untersuchung der Nachweis, dass in dem später hinzugedichteten ersten Buche ein Stück noch später eingeschoben ist?

c4.s1.22

Wenn auch unsere bisherigen Ergebnisse wenig befriedigend sind, so musste doch die Untersuchung des Metrums zuerst vorgenommen werden, weil ja die Vermutung nahe lag, auf diese Weise zu einer Kritik des Gedichtes gelangen zu können. Wenn die Vergeblichkeit des Versuches nachgewiesen ist, wird man mit um so grösserem Ernst nach andern Kriterien suchen. — Noch in anderer Weise könnte man die Metrik zur Unterscheidung verschiedener Teile des Textes verwenden. Neben den gewöhnlichen Çloken, Pathyâ, kommen nämlich vier Varietäten des Çloka, Vipulâ, vor. Nun sind, wie ich für die klassischen Dichter gezeigt habe (Indische Studien 17 p. 444), die Verhältniszahlen der verschiedenen Vipulâ zu einander sowie zu der Pathyâ je nach den Dichtern verschieden, und bekundet sich darin die individuelle dichterische Praxis. Man könnte nun ähnliche Untersuchung auch in verschiedenen Teilen des Râmâyaṇa anstellen. Aber es ist zweifelhaft, ob viel auf diesem Wege zu erreichen sein werde. Denn

c4.s1.23

er schliesst mit einem çravaṇaphalam: yah çrâvayati vipreshu kshatriyeshv itareshu ca | priyante pitaras tasya priyante daivatâni ca | idam âkhyânam âyushyam Gangâvataraṇam çubham | yah çṛṇoti ca Kâkutstha sarvân kâmân avâpnuyât | (sarve pâpâḥ praṇaçyanti âyuh kîrtiç ca vardhate).

c4.s1.24

um einigermassen zuverlässige Durchschnittszahlen zu erreichen, müsste man dieselben auf ausgedehntere Stücke gründen; es würde also auf kleinere Stücke, die der Einschiebung verdächtig sind, dieser Prüfstein keine Anwendung finden können. Um nun zu zeigen, wie sich die Sachlage bei dieser Untersuchung stellt, gebe ich die Verhältniszahlen auf das Tausend berechnet. Voran stelle ich die Zahlen, wie sie sich aus 1600 Çloken des 2. Buches ergeben, es folgen dann die Zahlen aus der ersten (2) und zweiten (3) Indrajit-Episode (VI 44—50 u. VI 80—90); dann die aus der Hanumat-Episode (4) (V 41—55) und zuletzt (5) die aus der Viçvâmitra-Episode (I 54—65). Beachtenswerth ist, wie im 2. Stücke

c4.s1.25

| Vipulâ | 1 | 2 | 3 | 4 |
| 1. Stück | 38 | 29 | 32 | 4 |
| 2. " | 38 | 28 | 17 | 6 |
| 3. " | 39 | 31 | 28 | 1 |
| 4. " | 41 | 12 | 33 | 2 |
| 5. " | 65 | 21 | 28 | 5 |

c4.s1.26

die Ziffer der 3. Vipulâ, im 4. Stücke die der 2. Vipulâ hinter der normalen Durchschnittszahl (im 1. Stücke) zurück bleibt, während im 5. Stücke die 1. Vipulâ unverhältnismässig häufig ist. Aber es dürfte zu gewagt erscheinen, allein darauf hin die bezeichneten Stücke einem andern Dichter zuzuschreiben als dem der Hauptmasse des Gedichts.

c4.s1.27

Auch darauf sei noch hingewiesen, dass an gewissen Stellen die Vipulâverse besonders häufig, an andern aber auffallend spärlich sind. Haben wir hier mit Einschiebsel geringerer Ausdehnung zu thun, oder stellte sich dem Dichter die Vipulâ ein, wenn die Erzählung erregter ist? Es ist mir öfters aufgefallen, dass ein neues Thema gern mit einem Vipulâverse eingeleitet wird.

c4.s1.28

Ein anderes Mittel, Stücke verschiedener Autoren von einander zu unterscheiden, würde die sprachliche Form bilden. Vielleicht würde eine lexikalische Statistik nachweisen, dass gewisse Wörter nur in bestimmten Teilen des Gedichtes vorkommen, in andern aber fehlen. Ich habe meinen Schüler Herrn Wirtz veranlasst, derartige Untersuchungen zunächst an Eigennamen und Epitheta vorzunehmen, und soweit ich von seinen Arbeiten Kenntnis genommen habe, dürften sie zu interessanten Resultaten führen. Allerdings wird das genannte Kriterium erst in zweiter Linie angewandt werden können, wenn nämlich schon aus anderen Gründen irgend ein Stück den Verdacht der Unechtheit erregt hat.

c4.s1.29

Zuletzt sei noch auf die grammatischen Unregelmässigkeiten hingewiesen. Aber dieselben scheinen ziemlich gleichmässig über das ganze Gedicht ausgestreut zu sein, so dass auch diese Hoffnung, zu einem Prüfmittel zu gelangen, wenig begründet ist. Aus der Sammlung, die Herr von Böhtlingk in den Berichten der phil.-hist. Classe der königl. Sächs. Gesellschaft der Wissenschaften 1887 gegeben hat, habe ich wenigstens nichts für unsern besondern Zweck verwendbares entnehmen können.

c4.s1.30

Nachdem so unser Bemühen, allgemein anwendbare äussere Anzeichen der Echtheit und Unechtheit aufzufinden, sich als vergeblich erwiesen hat, müssen wir uns damit bescheiden, auf innere Gründe hin diese Frage von Fall zu Fall zu lösen, indem wir Widersprüche mit Vorhergehendem oder Folgendem aufdecken, Abweichungen oder Besonderheiten in der ganzen Darstellung zur Kenntnis bringen, oder endlich in der äussern Form Auffälliges nachweisen. Ich beginne die Untersuchung mit einem Falle, in dem sich die Thatsache der Einschiebung eines grösseren Stückes in hohem Grade wahrscheinlich machen lässt. Es ist dies die Hanumat-Episode, der wir schon oben § 2 des ersten Teiles näher getreten sind.

c4.s1.31

Nachdem Hanumat die Sîtâ in Râvaṇa's Açokahaine gesprochen und sich von ihr verabschiedet hatte, überlegt er, wie er den Râkshasa einen argen Streich spielen könne V 41. Er verwüstet den Açokahain, setzt die Râkshasinnen dadurch in Furcht, dass er eine riesige Gestalt annimmt, und hat dann mit den Râkshasa, die Râvaṇa gegen ihn aussendet, blutige Kämpfe zu bestehen. Er macht mehrere Feinde nieder und zerschmettert zuletzt Râvaṇa's Sohn Aksha. Aber Indrajit bindet ihn durch die Brahma-waffe. So wird er vor Râvaṇa geführt, den er in Râma's Namen und als dessen Bote auffordert, die Sîtâ zurückzugeben. Râvaṇa will ihn in seinem Zorn töten lassen, aber auf Vibhîshaṇa's Einspruch, dass ein Bote nicht mit dem Tode, sondern nur durch Verstümmelung bestraft werden dürfe, lässt er ihm den Schwanz mit ölgetränkten Lappen umwickeln und diese dann anzünden. So durch die Stadt geführt, ohne dass ihm das Feuer Schaden zufügt (denn Sîtâ hatte den Agni gebeten, den Hanumat zu schonen), macht er sich von seinen Fesseln los und springt von Haus zu Haus, mit seinem brennenden Schwanze ganz Lankâ in Flammen setzend. Seine Furcht, Sîtâ möchte bei dem allgemeinen Brande umkommen, benehmen ihm glückverheissende Zeichen und beruhigende Stimmen der Câraṇa. Daran schliesst sich im 56. Gesange die oben besprochene, wiederholte Abschiedscene, von der in der Bombayer Ausgabe folgende Verse die Vermittelung zu dem Fortgang der Erzählung bilden:

c4.s1.32

râkshasân pravarân hatvâ nâma viçrâvya câ 'tmanah |
samâçvâsya ca Vaidehîm darçayitvâ param balam || 23 ||
nagarîm âkulâm kṛtvâ vancayitvâ ca Râvaṇam |
darçayitvâ balam ghoram Vaidehîm abhivâdya ca || 24 ||
pratigantum manaç cakre punar madhyena sâgaram ||
tatah sa kapiçârdûlah svâmisandarçanotsukah || 25 ||
âruroha giriçreshtham Arishtam arimardanah | etc.

c4.s1.33

Die südindischen Ausgaben, Tîrtha und Govindarâja fahren direkt mit dem Verse „tatah sa“ fort.

c4.s1.34

Ehe wir nun auf das Vorkommen der Abschiedscene vor und nach der Hanumat-Episode weitere Schlüsse bauen, müssen wir feststellen, ob dasselbe Verhältnis schon in der Diaskeuase U vorlag. Denn da in B die Abschiedscene vor der Hanumat-Episode fehlt, und also dort sich nur in C und A findet, so könnte man zweifeln, ob schon U sie dort zum ersten Male gehabt oder erst hinter der Episode. Das letztere ist aus innern Gründen unwahrscheinlich. Denn erstens ist die Abschiedscene der natürliche Abschluss der ganzen vorhergehenden Unterredung mit Sîtâ, und zweitens ist der zweite Vers (yadi vâ manyase) nach der Episode unsinnig. Denn es wäre eine geradezu kindische Zumutung Sîtâ's an Hanumat, dass er sich noch einen Tag lang versteckt bei ihr aufhalten sollte, nachdem er eben erst mit genauer Not seinen Feinden entgangen war; dagegen ist dieser Wunsch Sîtâ's leicht verständlich, wenn Hanumat noch von Niemand gesehen worden ist, also vor der Episode. Es ist somit nicht zu bezweifeln ¹), dass die Abschiedscene ursprünglich vor der Episode gestanden haben muss, wie noch in C und A, und dass B sie dort weggelassen, um die auffällige Wiederholung ²) zu heben. Da aber A B C die Stelle nach der Episode haben, so ist sicher, dass schon U sie dort wiederholte.

c4.s1.35

¹ Râmavarman beginnt seinen Comm. zum 56. Gesange mit den Worten: ita ârabhya „punar madhyena sâgaram“ ity antâh sârdhacatur-vimçatih çlokâh prâg vyâkhyâtaprâyâ eva. Dagegen ist aus Maheçvara-tîrtha's und Govindarâja's Commentaren nicht zu ersehen, ob sie die ersten acht Verse (denn 3–10, 15–20 der Bombayer Ausgabe lassen sie aus) als Wiederholung erkannt haben.

c4.s1.36

Die auffallende und aus dem Zusammenhang nicht zu begründende Wiederholung der Abschiedscene lässt sich leicht und befriedigend durch die Annahme erklären, dass die Hanumat-episode später zugefügt worden sei. Durch ihre Einschaltung

c4.s1.37

1) Man könnte dagegen einwenden, dass das Wort prasthitam in dem ersten Verse (tatas tam prasthitam Sîtâ vîkshamâṇâ), besser an der zweiten, als an der ersten Stelle passe. Aber dieser Einwand hält bei genauerem Zusehen nicht Stich. Denn auch an der zweiten Stelle ist H. noch nicht „aufgebrochen“ prasthita. Ebenso wenig an der ersten Stelle; aber lesen wir da einige Verse zurück bis in den 38. Gesang, so finden wir folgenden Vers: maṇiratnam kapivaraḥ pratigṛhya 'bhivâdya ca | Sîtâm pradakshiṇam kṛtvâ praṇataḥ pârçvataḥ sthitaḥ || 68 || Daran schloss sich offenbar unmittelbar der Vers: tatas tam prasthitam, an. Nur so erklärt sich prasthitam, dann aber zu unserer vollen Befriedigung.

c4.s1.38

2) Den umgekehrten Weg hat die südindische Ausgabe (wahrscheinlich schon Maheçvaratîrtha und Govindarâja) betreten, indem sie nämlich am zweiten Orte zwar nicht die ganze Stelle gestrichen, aber sie doch auf wenige Verse zusammengedrängt hat.

c4.s1.39

wurde der Zusammenhang gestört, und es galt nun, den abgerissenen Faden wieder anzuknüpfen. Auf so feine Arbeit verstanden sich die Rhapsoden nicht, und ebenso wenig die Diaskeuasten, sondern sie halfen sich einfach dadurch, dass sie die Stelle wiederholten, an die sich die weitere Erzählung anschliesst, damit die Hörer wieder irgendwie in den Zusammenhang hinein kämen ¹.

c4.s1.40

¹ Die oben angeführten zwei Verse (rakshasâm pravarân hatvâ) scheinen ein Versuch zu sein, die Rückkehr Hanumat's direkt an die Episode anzufügen. Sie sind in B auf den Anfang des 53. und des 54. Gesanges verteilt und zwar in folgender Form: pravarân râkshasân hatvâ nâma viçrâvya câ "tmanah | dagdhvâ ca nagarîm Lankâm Sîtâm drashṭum yayau kapih || 53, 1 || gatvâ câ "mantrayâmâsa gamanâya mahodadheh | tam abhiprasthitam drishṭvâ vîkshamâṇâ punaḥ punaḥ || 2 || Darauf folgt die Abschiedscene (siehe oben p. 7) und der folgende Gesang, 54, beginnt: âkulâm nagarîm kṛitvâ vyathayitvâ ca Râvaṇam | darçayitvâ balam ghoram abhivâdya ca Maithilîm || 1 || tataḥ sa kapiçârdûlaḥ etc.

c4.s1.41

Wir haben nun noch zwei gewichtige indirekte Zeugnisse dafür, dass die Episode dem ursprünglichen Gedichte fremd war. Erstens nämlich berichtet Hanumat bei seiner Rückkehr zu Râma V 65—68 ihm alles, was sich zwischen ihm und der Sîtâ zugetragen (bei dieser Gelegenheit findet sich die oben mit III bezeichnete Wiederholung der Abschiedscene); aber er erwähnt mit keinem Worte seiner Thaten in Lankâ, seines Gesprächs mit Râvaṇa, der ihm zugefügten Mishandlung und seiner Rache; und als er im weitern Verlauf VI 3 von Râma aufgefordert wird, über Râvaṇa, sein Heer und Lankâ zu berichten, schildert er Lankâ als eine reichlich mit allen Mitteln der Verteidigung versehene Stadt, in grellem Widerspruch zu dem nachhinkenden Verse 3, 29, der für seine Zuhörer unverständlich hätte sein müssen, da er ihnen ja nichts von seinen Abenteuer bis dahin verraten hatte:

c4.s1.42

te mayâ sankramâ bhagnâḥ parikhâc câ 'vapûritâḥ |
dagdhâ ca nagarî Lankâ prâkârâc câ 'vasâditâḥ ||

c4.s1.43

² In ähnlicher Weise wird durch die Wiederholung derselben Verse: çṛiṇu me etc. III 36, 17 ff. und III 40, 17 ff. das zwischen diesen Stellen liegende Stück als Zusatz gekennzeichnet. Es ist eben eine Variation des Stoffes im 41. Gesange.

c4.s1.44

Überhaupt werden später keinerlei Spuren vom Brande Lankâ's erwähnt; als Râma die Stadt belagerte, stand sie in ihrer ganzen Herrlichkeit da, obschon zwischen dem Brand und Râvaṇa's Tod nicht mehr als ein Monat liegen soll. V 38, 64 f. 65, 25.

c4.s1.45

Das zweite Zeugnis findet sich in Hanumat's Bericht über Râma's Erlebnisse VI 126. Er sagt dort:

c4.s1.46

abhijñânam mayâ dattam Râma-nâmângulîyakam |
abhijñânam maṇim labdhvâ caritârtho 'ham âgataḥ || 45 ||
mayâ ca punar âgamya Râmasyâ 'kliṣṭakarmaṇaḥ |
abhijñânam mayâ dattam arciṣmân sa mahâmaṇiḥ || 46 ||

c4.s1.47

Aber keine Andeutung seiner Abenteuer in Lankâ!

c4.s1.48

Ein weiterer Grund gegen die Echtheit der Episode ist, dass in ihr im 46. Gesange erzählt wird, wie Hanumat den Yûpâksha und Virûpâksha erschlagen hat, während diese Helden später wieder am Leben sind und ihr Tod im sechsten Buche im 76. und 96. Gesange beschrieben wird.

c4.s1.49

Demgegenüber kann es nun nicht in die Wagschale gelegt werden, dass Hanumat alle seine Erlebnisse im 58. Gesange den Affen erzählt; denn dieser Bericht ist für den Hörer oder Leser recht überflüssig, nachdem alles eben erst ausführlich erzählt worden ist. Dass er ganz spät erst zugefügt worden ist, geht daraus hervor, dass auf den doppelten Abschied von Sîtâ Bezug genommen wird:

c4.s1.50

punar dṛṣṭâ ca Vaidehî viśriṣṭâc ca tayâ punaḥ || 165 ||

c4.s1.51

In den beiden folgenden Gesängen (59 u. 60) wird noch auf die Episode Bezug genommen, aber sie sind so verwirrt und voller Wiederholungen (z. B. 59, 7. 8 = 60, 5. 6 u. 59, 25—28 = 58 59—61), dass sie schwerlich für alt gelten können. Statt eine Beglaubigung für die Echtheit der fraglichen Episode abzugeben, spricht im Gegenteil deren Erwähnung in diesen Gesängen deutlich gegen ihre eigene Echtheit.

c4.s1.52

In der fraglichen Episode tötet Hanumat einen Sohn Râvaṇa's. Eine solche Heldenthat, sollte man denken, würde doch einen lauten Widerhall in dem Gedichte finden; Gelegenheit dazu böte sich oft, namentlich im Kampfteil des 6. Buches. Die Erwähnung Aksha's findet sich aber nur an zwei Stellen: VI 59, 58 und VI 60, 75. Beide Stellen lassen sich leicht als Einschiebsel erweisen.

c4.s1.53

Gegen die Echtheit von VI 59 nämlich spricht, dass er in ganz ungewöhnlicher Weise aus Çloka und Trishtubh gemischt ist; dass darin Akampana und Narântaka als lebend aufgeführt werden, obschon der Tod des Ersteren schon im 56., der des Letzteren im 58. Gesange erzählt worden sind¹); ferner dass der hier geschilderte Kampf Lakshmaṇa's mit Râvaṇa, worin ersterer zuletzt mit einer Lanze durchbohrt wird, offenbar nur eine Nachahmung, zum Teil Umdichtung, der Erzählung desselben Ereignisses im 100. Gesange ist; und endlich, dass, obgleich schon hier Râma mit Râvaṇa kämpft, er nach 100, 46—52 ihm damals erst zum ersten Male gegenüber treten soll.

c4.s1.54

¹ Es dürften vielleicht Einige geneigt sein, auf dergleichen geringfügigere Widersprüche kein sonderliches Gewicht zu legen, nach dem Grundsatze: interdum dormit Homerus. Aber man hüte sich, dem Dichter zu grosse Schlafsucht beizulegen. Denn es ist zu bedenken, dass das Râmâyaṇa wahrscheinlich das Lebenswerk Vâlmîki's war, und dass er es nicht blos dichtete, sondern auch auswendig wissen musste, um es nach Art der epischen Dichter vorzutragen; dabei hätten ihm Widersprüche, die sich unwillkürlich eingeschlichen haben könnten, auffallen müssen, und er hätte für deren Entfernung zu sorgen Gelegenheit finden können. Darum darf man Widersprüche nicht als epischer Gewohnheit nicht widersprechend leichten Kaufes hinnehmen; namentlich wenn dieselben sich mehren, ist man berechtigt, auf Zusätze von anderer Hand zu schliessen.

c4.s1.55

Die Unechtheit der zweiten Stelle 60, 75 ergiebt sich leicht aus dem Zusammenhange. Es berichten nämlich dort die Râkshasa dem eben von ihnen aufgeweckten Kumbhakarṇa, was sich während dessen Schlafe alles ereignet hat: Râma's Zug über's Meer, die Verbrennung Lankâ's und Erschlagung Aksha's durch Hanumat (v. 75). Aber die beiden zuletzt genannten Ereignisse hätte Kumbhakarṇa schon kennen müssen, denn nach deren Eintreten hatte er am Rate der Râkshasa teilgenommen, wie im 12. Gesange desselben Buches erzählt wird.

c4.s1.56

Ich zweifle nicht, dass man auch den Stil der Hanumat-episode bei genauerem Studium als tief unter dem der zweifellos echten Stücke stehend erkennen wird; namentlich wird man den Mangel conciser Darstellung, den Gebrauch verfüllender Beiwörter und Partikeln leicht bemerken. Doch sei hier auf noch etwas anderes hingewiesen, nämlich auf den burlesken Ton, der einen grossen Teil der Episode durchdringt. Es wird die Affennatur Hanumat's hervorgekehrt, um komisch zu wirken. Die Spielleute hatten sicherlich durch den Vortrag dieser Episode einen Lacherfolg bei ihren Zuhörern, und darauf hatte es der Dichter auch wohl angelegt, unbekümmert darum, ob das zu Hanumat's Charakter passe oder nicht. Wo immer die tierische Natur der Affen hervorgekehrt und ins Komische gezogen wird, dürfen wir Verdacht gegen die betreffende Stelle schöpfen. So wird V 61—64 ein toller Streich der durch den Erfolg ihrer Expedition übermütig gewordenen Affen, die Verwüstung des Madhuvana, erzählt. Dies Stück ist überflüssig und störend; streicht man es, so schliesst sich das Ende des 60. Gesanges ohne Schwierigkeit an den Anfang des 65. an:

c4.s1.57

tasmâd gacchâma vai sarve yatra Râmah sa-Lakshmanah |
Sugrîvaç ca mahâtejâh kâryasyâ 'sya nivedane || 60, 19.
tatah Prasravanam çailam te gatvâ citrakânanam |
pranamya çirasâ Râmam Lakshmanam ca mahâbalam || 65, 1.

§ 3

c4.s2.1

Wir wollen nun eine Anzahl von grössern und kleinern Stücken auf ihre Echtheit prüfen.

c4.s2.2

Sugrîva schickt die Affen auf die Suche nach der Sîtâ, und zwar in vier Expeditionen, die unter Vinata, Hanumat, Sushena, Çatabali stehen und den Osten, Süden, Westen und Norden durchstreifen sollen. Dies giebt Veranlassung, dem Sugrîva eine lange Beschreibung der vier Weltgegenden (IV 40—43) in den Mund zu legen. Dass in dem ursprünglichen Gedichte nicht von vier Expeditionen die Rede gewesen sein kann, sondern nur Hanumat mit seinen Genossen abgeschickt wurde, um Sîtâ ausfindig zu machen, ergiebt sich unzweifelhaft aus dem Umstande, dass Hanumat den Ring Râma's als Erkennungszeichen überbringt. Hanumat war also von vornherein als derjenige gedacht, der allein die Sîtâ finden könnte. Im 44. Gesange steht noch die ursprüngliche Erzählung, wie Sugrîva dem Hanumat den Auftrag und Râma ihm den Ring für Sîtâ giebt. Nur ein schwacher Versuch ist gemacht, den Widerspruch mit der Erzählung von der Absendung der drei andern Expeditionen abzuschwächen durch die Zufügung des ersten Verses:

c4.s2.3

viçeṣeṇa tu Sugrîvo Hanumaty artham uktavân |
sa hi tasmin hariçreṣṭhe niçcitârtho ’rthasâdhane ||

c4.s2.4

Das Widersinnige, den Hanumat zum Boten an Sîtâ zu erwählen und trotzdem noch drei andere Expeditionen abzusenden, lässt sich nicht durch ein oder paar zugefügte Verse fortschaffen. Wir müssen, um das Ursprüngliche wiederherzustellen und die nachgewiesenen Widersprüche zu heben, die betreffenden Gesänge, 40—43, streichen, in denen die Entsendung der vier Expeditionen erzählt und die vier Weltgegenden beschrieben werden. Eine weitere Folge ist, dass mit diesen Gesängen auch 45—47 fallen und wir den Schluss von 44 an den Anfang des 48. Gesanges anschliessen müssen, und zwar an den 2. Vers desselben. Dann geht die Erzählung ohne Sprung weiter:

c4.s2.5

1) Beachtenswert ist, dass der Ring svanâmânkopaçobhitam ist. Eine andere Hindeutung auf Schriftzeichen finde ich in V 21, 27: ishavo nipatishyanti Râmalakṣmaṇalakṣitâh. Dass in Indien schon zur Zeit Açoka's die Schrift allgemein bekannt war, geht aus der Thatsache hervor, dass sich dieser König derselben zur Verbreitung seiner Morallehren bedienen konnte. Denn seine Inschriften sind nicht an Gelehrte gerichtet — dann würden sie in Sanskrit abgefasst sein —, sondern an das Volk; deshalb reden sie die Volksprache. Was würde der Gebrauch der Volksprache in Inschriften genützt haben, wenn das Volk sie nicht hätte lesen können? Deshalb halte ich die von M. Müller (die Wissenschaft der Sprache. Leipzig 1892 p. 167) ausgesprochenen Meinung, das Magadha-Alphabet sei „das Werk einer Kommission von Gelehrten, die, wahrscheinlich im Auftrage des Königs (Açoka), aus fremden Quellen ein Alphabet entwarfen“, für verfehlt. Die systematisch phonetische Vollständigkeit des Açoka-Alphabets beweist zwar die Mitwirkung von Gelehrten bei dessen definitiven Festsetzung; aber die unphonetische, später aufgegebene Orthographie der ältesten Inschriften zeugt für den praktischen Gebrauch der Schrift im Volke, dessen Schreibweise sie adoptiren.

c4.s2.6

sa tad gṛbhya harireṣṭhaḥ kṛtvā mūrdhni kṛtāñjaliḥ | vanditvā caraṇau caiva prasthitaḥ plavagarṣabhaḥ || 44, 15. sa tu dūram upāgamya sarvais taiḥ kapisattamaiḥ | tato vicitya Vindhyasya guhāç ca gahanāni ca || 48, 2.

c4.s2.7

Die Erwähnung des Vindhya hier und in 49, 15 ist sehr auffällig. Man muss daraus entnehmen, dass Hanumat mit seinen Affen hauptsächlich den Vindhya nach der Sītā absuchte. Und dass dies der Gedanke des Dichters war, ersieht man auch noch aus 53, 3. Dort erblicken nämlich die Affen den Ocean am Fusse des Vindhya (Vindhyasya tu gireḥ pāde . . . upaviṣṭāḥ) und beschliessen, weil die Frist zur Rückkehr abgelaufen ist, das prāyopaveçanam zu machen. Die Absuchung des Vindhya würde nun dem Auftrage, den Süden zu durchforschen, widersprechen, denn wir müssen uns dies Gebirge weit nördlich von Kiṣkindhā denken. Dem liesse sich nun entgegenhalten, dass in der Beschreibung des Südens im 41. Gesange zuerst der Vindhya genannt wird v 8. Aber es ist zu beachten, dass die Schilderung der Weltgegenden nicht den Ort, in welchem sich Sugrīva befindet, zum Ausgangspunkt hat, sondern das Gangesland ¹), die Heimat des Dichters dieses Stückes. Diese Verrückung des Standpunktes ist ein neuer Grund für die Unechtheit des Stückes; denn von dem ursprünglichen Dichter darf man wohl voraussetzen, dass er sich soweit in die von ihm geschilderte Situation versetzen konnte, dass er derartige Missgriffe vermieden hätte. Fällt das oben bezeichnete Stück weg, so erhält Hanumat nur den Auftrag Sītā ausfindig zu machen, und nicht den, eine bestimmte Weltgegend abzusuchen. Und damit lässt sich der Wortlaut in den beiden ältesten Inhaltsübersichten im 6. und 1. Buche wohl vereinigen. Es heisst nämlich VI 126, 40:

c4.s2.8

ādiṣṭā vānarendreṇa Sugrīveṇa mahātmanā |
daça koṭyaḥ plavangānām sarvāḥ prasthāpitāḥ diçaḥ ||

c4.s2.9

1) Die Sarayú gehört zum Osten, Maru zum Westen, der Vindhya zum Süden, der Himālaya zum Norden. In dem Festgruss an Boehtlingk glaubte ich die Erwähnung des Vindhya als einen Beweis für die Unbekanntheit des Südens verwerten zu dürfen; nach dem oben Bemerkten fällt dieses Argument fort.

c4.s2.10

und I 1, 71:

c4.s2.11

sa ca sarvân samânîya vânarân vânararshabhah |
diçah prasthâpayâmâsa didrikshur Janakâtmajâm ||.

c4.s2.12

Hieraus geht nicht hervor, dass vier Expeditionen nach den vier Weltgegenden gesandt worden seien, obgleich der Wortlaut dies nicht gerade unmöglich macht, sondern nur soviel, dass die Affen in grosser Anzahl überallhin auf die Suche nach Sîtâ gingen.

c4.s2.13

Ein weiteres Bedenken gegen die Ursprünglichkeit der Erzählung von den vier Expeditionen ist der Umstand, dass alle im weiteren Verlaufe der Geschichte hervortretenden Affen den Hanumat begleiteten, selbst Susheṇa (IV 65, 9), der doch den Westen zu durchforschen abgesandt war! Die Führer der übrigen drei Expeditionen spielen aber, soweit sie überhaupt noch vorkommen, gar keine hervorragende Rolle.

c4.s2.14

Für die Unechtheit der Weltbeschreibung kann man auch einen formellen Grund geltend machen: die sehr verworrene und sprunghafte Darstellung. Sie rührt wahrscheinlich von einem Spielmann her, der dies offenbar beliebte Thema, das in den Digvijaya und ähnlichen Partien des Mahâbhârata des öfteren und mit gründlicherer Sachkenntnis behandelt worden ist, auch auf seinem Repertoir haben wollte.

c4.s2.15

Um noch an einigen kleineren Stücken den Nachweis der Unechtheit zu erbringen, verweise ich zunächst auf VI 69. Dort wird der Tod einiger Râkshasa erzählt, die entweder schon vorher getötet worden sind, wie Triçiras III 27, Narântaka VI 58, oder noch einmal getötet werden, wie Mahodara VI 97 und Mahâpârçva VI 98. Äusserlich ist die Einstreuung von Indravajra-strophen in die Çloken auffällig und gehört sicherlich einer jüngeren dichterischen Übung an ¹).

c4.s2.16

¹ Ich pflichte auch der Ansicht bei, dass die Strophen in anderen Versmassen, die meistens aber nicht überall das Ende eines Gesanges bezeichnen, nicht von dem ersten Dichter herrühren.

c4.s2.17

Oben p. 31 ff. erkannten wir aus der Wiederholung derselben Verse vor und hinter einem Abschnitt dessen Unechtheit. Ähnliches lässt sich öfters, wenn auch nicht bei so grossen Stücken, wie der Hanumat-Episode, beobachten. So werden die Verse VI 17, 27—30 im folgenden Gesange v. 17—20 wiederholt. Es wird nämlich in diesen Gesängen die Aufnahme Vibhîshaṇa's erzählt. Sugrîva rät ihn als Spion zu töten, Râma aber betont die Pflicht, Schutzflehende zu schützen. Zwischen beider Reden ist die Beratung der Frage vor den versammelten Affen eingeschoben, wobei nach Andern Sugrîva spricht und seine Rede mit denselben Worten wie seine erste schliesst. Darauf steht noch an beiden Stellen (17, 30 und 18, 20) der Vers:

c4.s2.18

evam uktvâ (tu tam Râmam saṃrabdho) vâhinîpatiḥ |
vâkyajno vâkyakuçalam tato maunam upâgamat ||

c4.s2.19

Statt der eingeklammerten Worte steht an der zweiten Stelle: Raghuçreshṭham Sugrîvo. Dass 17, 31 bis 18, 16 ein Zusatz sein muss, ist klar. Der Zweck der Einschiebung ist, Lehren des Nîticâstra vorzutragen. Es ist einleuchtend, dass dieser Gegenstand allenthalben an den Höfen der Grossen mit Interesse gehört wurde, weshalb die Rhapsoden jede Gelegenheit gerne ergreifen mochten, ihre Weisheit einem dankbaren Publikum aufzutischen ¹). Die meisten Erörterungen dieser Art machen schon durch ihren trockenen lehrhaften Ton den Eindruck der Unechtheit; z. B. der 100. Gesang des zweiten Buches.

c4.s2.20

Eine andere Kategorie von Zusätzen erkennt man an einem ähnlichen Anzeichen. Zuweilen wird nämlich schon am Ende eines Abschnittes der Übergang zu einem neuen Gegenstand gemacht, der aber erst später, nämlich nach dem Zusatz, in Angriff genommen wird. So endet der erste Bericht Hanumat's über sein Zusammentreffen mit Sîtâ in C mit den Worten:

c4.s2.21

etad eva mayâ "khyâtam sarvam Râghava yadyathâ |
sarvathâ sâgarajale santârah pravidhîyatâm || V 65, 27.

c4.s2.22

Eine Wirkung dieser Mahnung findet sich aber erst nach drei Gesängen, nämlich in VI 1. Die eingeschobenen Gesänge haben nur

c4.s2.23

1) Man denke an das 12. Buch des Mahâbhârata, das ähnlichen Zwecken dient, und dessen Einfügung in das Epos nur eine äusserliche, ganz lockere ist.

c4.s2.24

den Zweck, die rührende Scene zu verlängern. Denn wenn es einem Rhapsoden gelang, seine Zuhörer zu rühren, so wird er wohl dementsprechend belohnt worden sein. In dem vorliegenden Falle ist nun die Sprache des 66. Gesanges ziemlich verwirrt, und der 67. Gesang ist eine wörtliche Wiederholung der Abschiedscene, wie oben ausführlicher dargelegt worden ist.

c4.s2.25

Endlich sei noch ein Fall erwähnt, in dem sich die Anfänge verschiedener Versionen desselben Gegenstandes nebeneinander erhalten haben. So herrscht im Anfange des 6. Buches, wo die Verbannung Vibhîshaṇa's erzählt werden soll, grosse Verwirrung. Im 6. Gesange tritt der Rat der Râkshasa zusammen, ebenso im 10., im 11. und im 12. Gesange! Es kann hier gar kein Zweifel bestehen, dass die Anfänge von vier Liedern, die denselben Gegenstand behandelten, einfach an einander gereiht sind. Es ist kaum der Versuch gemacht, aus den verschiedenen Versionen eine einheitliche Erzählung herzustellen. Ich will nur auf diese Thatsache hinweisen, ohne eine Rekonstruktion des Ursprünglichen zu unternehmen. Wahrscheinlich wagten die Diaskeuasten es nicht, Überliefertes beiseite zu schieben, wie uns denn häufig, namentlich in C, Verse erhalten sind, die sich nicht construiren lassen, weil in ihnen das Prädikat fehlt, und ähnliches: es sind das eben Bruchstücke von Versen, die man lieber in ihrer jetzigen, obgleich fragmentarischen Form bewahren, als kurzerhand entfernen wollte. Man sieht daraus, wie gewissenhaft oder, wenn man will, wie oberflächlich die Redaktoren verfuhren, und wir dürfen daher hoffen, dass ein eingehendes Studium uns mit grösserer Sicherheit und Vollständigkeit die Geschichte und Komposition des Râmâyaṇa werde erkennen lassen, als dies z. B. bei den homerischen Epen der Fall ist.

c4.s2.26

Die meisten Zusätze dürfen wir im 6. Buche erwarten. Die Kämpfe mit den Râkshasa, wo Felsen und Bäume auf die Feinde geschleudert und durch andere wunderbare Waffen unschädlich gemacht werden, waren für Dichter und Rhapsoden ein dankbares Thema, das sie zu neuen eigenen Schöpfungen anregte.

c4.s2.27

Durch mehr als sechzig Gesänge ziehen sich die schier endlosen Kämpfe hin. Dass die ursprüngliche Schilderung viel kürzer war, möchte ich einesteils daraus schliessen, dass in der Inhaltsübersicht I 1 der ganze Kampf vor Lankâ nur mit einer Zeile bedacht ist:

c4.s2.28

tena gatvâ purîm Lankâm hatvâ Râvaṇam âhave |
Râmah Sîtâm anuprâpya parâm vrîḍâm upâgamat || 81 ||

c4.s2.29

Anderseits scheint aus VI 91, 16 hervorzugehen, dass bis dahin, bis zum Tode Indrajit’s, also vor dem letzten Entscheidungskampf, die Schlacht nur drei Tage gedauert habe:

c4.s2.30

Vibhîṣaṇa-Hanûmadbhyâm kṛtam karma mahad raṇe || 16 ||
ahorâtrais tribhir vîrah kathamcid vinipâtitah |

c4.s2.31

Die drei Tagewerke lassen sich noch deutlich erkennen:
1. Tag. Allgemeiner Kampf. Indrajit bindet Râma und Lakshmaṇa durch den Pfeilzauber.
2. Tag. Die Râkshasa werden zurückgeschlagen. Kumbhakarṇa wird geweckt. Er greift in den Kampf mächtig ein, wird aber zuletzt getötet.
3. Tag. Indrajit’s Kampf und Tod. (4. Tag. Râvaṇa’s Kampf und Tod.)

c4.s2.32

Natürlich rechnen die einheimischen Erklärer ¹) ganz anders. Sie stehen unter dem dogmatischen Zwange, dass Râma genau nach 14 Jahren in seine Vaterstadt zurückkehren müsse, nämlich Caitra su. di. 9; und damit müssen alle andern zerstreut sich im Gedichte findenden Zeitangaben irgendwie in Einklang gebracht werden. Sie nehmen daher eine viel längere Zeitdauer und zwar einen halben Monat für den Kampf um Lankâ an.

c4.s2.33

¹ Über die verschiedenen Ansichten berichtet Râmavarman im Tilaka zu VI 108.

c4.s2.34

Ich will nun versuchen, hier im 6. Buche einige grössere Partien als spätere Einschiebsel nachzuweisen. Nachdem das Heer der Affen über den Ocean gesetzt war, erblickte Râma schreckliche Zeichen, die den bevorstehenden Kampf verkünden VI 23. Dieselben Verse 23, 2—13 kehren wörtlich in 41, 11—22 wieder. Wenn wir die zwischen beiden Stellen stehenden Gesänge weglassen, vermissen wir nichts Wesentliches. In denselben wird erzählt, wie Çuka und Sâraṇa das Heer der Affen ausspioniren und darüber Râvaṇa berichten. Der schickt dann noch einen Spion Çârdûla und erhält auch von ihm Bericht. Çârdûla und Çuka sind aber schon vorher als Spione im 20. Gesange aufgetreten, ehe das Heer über den Ocean gesetzt war. Offenbar ist die eine Erzählung durch die andere veranlasst, und zwar scheint mir die an späterer Stelle stehende die ältere zu sein. Denn der Gedanke ist berechtigter, das vor Lankâ lagernde Heer durch Spione ausforschen zu lassen, als das noch jenseits des Oceans befindliche. Aber das allmähliche Wachstum der Erzählung können wir noch weiter verfolgen. Denn da Çârdûla dasselbe leistet wie Çuka und Sâraṇa, so ist die eine Erzählung kaum etwas besseres als eine Variation der anderen. Übrigens scheint mir jede Erzählung von einer Spionage überflüssig zu sein, weil sie keinerlei Einfluss auf den weiteren Gang des Gedichtes hat. Aber da in der Kriegskunst der Inder die List eine wenigstens ebenso grosse Rolle wie die Tapferkeit spielt, so mögen sich spätere Sänger veranlasst gesehen haben, das Versäumnis Vâlmîki's nachzuholen.

c4.s2.35

Darauf folgt die Scene, in der Râvaṇa die Sîtâ durch den hervorgezauberten Kopf Râma's und seinen Bogen zu täuschen sucht; aber nach einem Eindruck machenden Anfang wird die Scene in kläglicher Weise zum Abschluss gebracht. Wahrscheinlich ist der vorliegende Text stark entstellt, und war wohl, wie aus dem Schlusse des 34. und dem Anfange der 35. Gesanges zu ersehen ist, der ursprüngliche Gedanke der, dass der Lärm des nahenden Heeres den Betrug Râvaṇa's aufdecken sollte. Denn dieser hatte der Sîtâ gesagt, Prahasta habe in einem nächtlichen Überfall das Heer der Feinde noch am jenseitigen Ufer des Meeres überwunden. Wie dem auch sein mag, sicher scheint mir, dass der Gedanke, der zur Ausarbeitung dieser Erzählung führte, der Zwillingsbruder, möchte ich sagen, von demjenigen ist, der in Gesang 47 und 48 zur Ausführung gelangte. Dort wird nämlich erzählt, wie Râvaṇa der Sîtâ auf dem Pushpaka die scheintoten Râma und Lakshmaṇa zeigen lässt. In beiden Scenen bricht dann Sîtâ in Klagen aus, und eine mitleidige Râkshasî, im ersten Falle Saramâ, im zweiten Trijaṭâ, klärt sie über den Sachverhalt auf. Welche von beiden Erzählungen die ältere ist, können wir ununtersucht lassen; beide scheinen mir nämlich nur eine Variation der sicherlich älteren, weil schon im Mahâbhârata erwähnten, Erzählung zu sein, die sich im 81. Gesange findet. Dort zaubert nämlich Indrajit ein Ebenbild der Sîtâ hervor, dass er vor den Augen Hanumat’s und der Affen enthauptet. Es ist eine Art diabolischer Bosheit, wie Indrajit selbst sagt:

c4.s2.36

pīḍâkaram amitrâṇâm yae ca, kartavyam eva tat | 81, 28.

c4.s2.37

Für den Augenblick wirkt dies Mittel: die Feinde werden bestürzt, Râma mutlos, bis Vibhîṣaṇa die Erklärung giebt. Diese Begebenheit ist durchaus dem Charakter der in ihr wirkenden Personen angemessen und dient dazu, deren Leidenschaften drastisch uns vor Augen zu führen. Dagegen sind jene beiden vorhin besprochenen Scenen, die dasselbe Motiv nur in umgekehrter Anwendung enthalten, ohne äussere und innere Berechtigung. Denn wozu sollte Râvaṇa die Sîtâ an den Tod Râma’s glauben machen, wenn dieser Glaube nur von kürzester Dauer sein konnte? Sie wird sich darum ihm doch nicht auf Knall und Fall ergeben. Râvaṇa’s Betrug bezweckt nur, die Frau zu quälen, die er begehrt, und das ist des grossen Dämonen durchaus unwürdig. Aber den Sängern genügte es, eine spannende Situation zu erfinden und durch die Klagen der Sîtâ zu rühren.

c4.s2.38

Die noch erübrigenden Gesänge VI 35—40 sind überflüssig: 35 und 36 sind nach 14 ff. abgeschmackt; die Aufstellung des Heeres in 37 findet sich später, 41 und 42, noch einmal. In 38 und 39 wird Laṅkâ beschrieben, wie es Râma vom Suvela aus erblickt: ganz überflüssig, nachdem die Stadt schon ausführlich im 5. Buche beschrieben ist.

c4.s2.39

Noch auf eine den oben besprochenen ganz analoge Wiederholung im 6. Buche sei hier aufmerksam gemacht.

c4.s2.40

Im 74. und 101. Gesange wird in ziemlich übereinstimmender Weise erzählt, wie Hanumat, um die vier Heilkräuter zu holen, 1000 Meilen durch die Luft fliegt, an dem bezeichneten Orte zwischen Kailâsa und Ṛiṣabha die Heilkräuter nicht findet, und dann mit dem ganzen Kräuterberge beladen nach Laṅkâ zurückkehrt. Die kürzere Schilderung in 101 setzt die längere in 74 voraus ¹); diese ist aber zum Teil in Triṣṭubh gedichtet, was immer ein Zeichen späterer Abfassung ist. Noch ein anderer Grund spricht aber gegen ihre Echtheit. Der Sprung Hanumat's über das Meer, um nach Laṅkâ zu gelangen, wird von dem Dichter als eine ungeheure That weitläufig erzählt; würde derselbe Dichter eine noch viel wunderbarere und unglaublichere Leistung Hanumat's in so summarischer Weise abthun? Sicherlich nicht! Er würde dem Eindrucke, den die erste Leistung gemacht hat, durch die Erzählung einer noch grösseren Abbruch thun. Dagegen würde ein Rhapsode seinen Stolz darein setzen, durch eine neue Erfindung die alte Erzählung zu übertrumpfen; zugleich wird er gerne die Gelegenheit benutzen, aus der letzteren solche Züge, die besonderen Beifall finden, seiner Dichtung einzuverleiben (vergl. VI 74, 45 ff. mit V 1, 10 ff.). Noch einmal, nämlich im 50. Gesange, wird ein Anlauf genommen, Hanumat nach den Heilkräutern abzusenden. Aber die Erzählung wird nicht durchgeführt, sondern Garuḍa erscheint als deus ex machina und heilt Râma und Lakshmaṇa von dem Pfeilzauber. Das ist offenbar die ältere Gestalt der Erzählung; die Heilung durch die von Hanumat in wunderbarer

c4.s2.41

¹ Die Unechtheit des ganzen 101. Gesanges lässt sich noch in anderer Weise darthun. Am Ende des vorhergehenden Gesanges thut nämlich Râma den feierlichen Schwur (v 48):

c4.s2.42

asmin muhûrte nacirât satyam pratiṛiṇomi vaḥ
arâvaṇam arâmam vâ jagad drakshyatha vânarâḥ‖

c4.s2.43

Und er lädt dann die drei Welten zu Zeugen seines Kampfes mit Râvaṇa ein (v 55):

c4.s2.44

adya paçyantu Râmasya Râmatvam mama saṃyuge
trayo lokâḥ sagandharvâḥ siddhâç ca sahacâraṇâḥ‖

c4.s2.45

(die Lesart in d nach T, die bomb. Ausgabe hat siddhagandharvacâraṇâḥ). Das ist offenbar die Einleitung zu dem Entscheidungskampf, der nun geschildert werden müsste. Dazwischen steht aber jetzt die Erzählung von Lakshmaṇa's Heilung durch die von Hanumat herbeigeschafften Wunderkräuter. Dadurch wird der Zusammenhang zerrissen und die pathetische Einleitung der Kampfschilderung völlig wirkungslos gemacht. Ein äusseres Zeichen der Einschiebung des 101. Gesanges hat sich erhalten: die Verse 100, 57 und 58 kehren mit einigen Abweichungen in 101, 3 und 4 wieder. So ist also noch die Fuge erkennbar.

c4.s2.46

Weise herbeigebrachten Heilkräuter war eine spätere Erfindung, bestimmt die ältere zu verdrängen. Einige Rhapsoden mögen schon im 50. Gesange die spätere Version vorgetragen und an die Stelle von Garuḍa's Erscheinen gesetzt haben: das beweist der Umstand, dass sich dort 50, 26 ff. noch der Anfang der Erzählung von Hanumat's Absendung nach dem Kräuterberg erhalten hat. Die erste Rettung der beiden Haupthelden durch Garuḍa ist also wahrscheinlich ein Bestandteil des alten Gedichtes und die beiden späteren, wunderbareren Erzählungen von zwei ähnlichen Heilungen sind nur Variationen desselben Grundthemas, die dem Repertoire der Rhapsoden angehören.

c4.s2.47

Wir dürfen annehmen, dass ähnliche Vorgänge, wie die eben geschilderten, des öfteren eingetreten sind: Variationen eines Themas wurden als Originalstücke betrachtet und dann benutzt, um die Erzählung weiter auszuspinnen, und um Gelegenheit für neue Zusätze oder Episoden zu schaffen. Ein lehrreiches Beispiel dafür findet sich im 2. Buche. Nachdem die Verbannten Ayodhyâ und die Ihrigen verlassen hatten (40), werden in Gesang 41—44 die Vorgänge in Daçaratha's Palast geschildert. Im 42. Gesange wird erzählt, wie der König, nachdem er seinen Sohn aus den Augen verloren hatte, ohnmächtig zur Erde stürzt. Kausalyâ und Kaikeyî stützen ihn; er verstösst Kaikeyî und ihren Anhang. Dann kehrt er allein, unter Klagen, zurück und lässt sich in Kausalyâ's Wohnung führen. Dort bricht er in neue Klagen aus. Zuletzt erblindet er und sagt zur Kausalyâ: „Ich sehe dich nicht, Kausalyâ, berühre mich mit deiner Hand: mit Râma schwand mein Augenlicht und kehrt noch immer nicht zurück.“ 42, 34. Die poetische Gerechtigkeit erfordert, dass der greise König jetzt sein Leben aufgebe: die Trennung von seinem geliebten Sohne musste dem trostlosen Vater den Todesstoss versetzen; das war offenbar die Intention des Dichters. Dass er diesen Gedanken gehabt habe, ergiebt sich aus 51, 14. Dort äussert nämlich Lakshmaṇa, der mit Guha die erste ¹) Nacht Wache hält:

c4.s2.48

¹ Nach dem vorliegenden Texte ist es allerdings die zweite Nacht. Aber das dürfte nur darauf beruhen, dass Gesang 45—49 eingeschoben

c4.s2.49

Kausalyâ caiva râjâ ca tathaiva jananî mama| nâ "çamse yadi jîvanti sarve te çarvarîm imâm|| Aber in dem Gedichte, wie es jetzt vorliegt, bleibt Daçaratha am Leben und stirbt erst sechs Tage später, nachdem Sumantra, der mittlerweile zurückgekehrte Wagenlenker Râma's, über dessen erste Erlebnisse Bericht erstattet hatte. In der folgenden Nacht erwacht der König und erzählt der Kausalyâ, dass er in seiner Jugend den Sohn eines blinden Büsserpares absichtslos mit einem Pfeilschuss getötet, und dass dessen Eltern ihm geflucht, er würde dereinst aus Schmerz über den Verlust seines Sohnes sterben. Er fühlt, dass der Fluch jetzt in Erfüllung gehen soll. Ähnliche Worte, wie die oben übersetzten, kehren hier wieder:

c4.s2.50

cakshurbhyâm tvâm na paçyâmi Kausalye tvam hi mâm
spriça 64, 61.

c4.s2.51

Die Zeichen des Todes treten ein und mit einem letzten Aufschrei, in dem er Râma's und seiner Frauen gedenkt, giebt der König seinen Geist auf. So wird im 63. und 64. Gesange erzählt. Ich zweifle nicht daran, dass diese Erzählung sich ursprünglich unmittelbar an Râma's Weggang angeschlossen habe, und ich glaube noch eine Spur des ursprünglichen Verhältnisses im Anfang des 63. Gesanges zu finden. Vers 2 lautet nämlich:

c4.s2.52

sabhârye hi gate Râme Kausalyâm Kosaleçvarah|
vivakshur asitâpângîm smritvâ dushkritam âtmanah || 3 ||

c4.s2.53

Darauf folgt zwar, um die Chronologie zu retten, der folgende Vers:

c4.s2.54

sa râjâ rajanîm shashthîm Râme pravrâjite vanam |
ardharâtre Daçarathah so 'smarad dushkritam kritam || 4 ||

First 111 of 158 passages. Read on

Linked texts (4)