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Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c4.s6: VI. Lieder in verschiedenen Versmaassen

Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c4.s6

Language
German

VI. Lieder in verschiedenen Versmaassen

c4.s6.2

Das Festhalten desselben Versmaasses innerhalb jedes Liedes bildet im Veda, wie bekannt, die Regel. Bei der Untersuchung über die Ausnahmen von derselben muss die grosse Menge von Liedern in verschiedenen Versmaassen, welche ein Ueberblick über den traditionellen Text oder über die Anukramanî zu ergeben scheint, vielfältigen und eingreifenden Sichtungen unterzogen werden. Ein beträchtlicher Theil jener Materialien scheidet so von vorn herein aus. Vor Allem kommt hier die Auflösung jener grossen Liedcomplexe in Betracht, von welchen die Untersuchungen über die Anordnungsgesetze der Samhitâ ² sowie über die Aushebungen in den andern Veden ¹) lehren, dass sie als Gruppen rein äusserlich an einander geschobener selbständiger Lieder aufzufassen sind. Die Trennung dieser Lieder schneidet in sehr zahlreichen Fällen die verschiedenen Metra aus einander, welche im selben Sûkta mit einander verbunden zu sein schienen ²). Aehnliches ergiebt sich nicht selten bei der Ablösung der an die ursprüngliche Sammlung später hinzugefügten Anhänge, die als solche durch die Gesetze der Liedordnung erwiesen werden. Aber keineswegs darf unsre sichtende Thätigkeit vor allen Stellen Halt machen, an welchen diese Gesetze zu keinem Verdacht gegen den überlieferten Liedbestand führen oder wo sie denselben etwa gar für die Zeit der Saṃhitâordner positiv als vorhanden erweisen. Dass zunächst Abweichungen einzelner oder mehrerer Verse von dem Metrum ihrer Umgebung auf Interpolationen, andrerseits auf solche Zusammenschiebungen unabhängiger Lieder hindeuten können, welche in die Zeit vor Aufstellung der Saṃhitâordnung fallen, versteht sich von selbst. So im Liede IV, 1: hier sind die drei ersten Verse längere, der Atyashṭi ähnliche Gefüge aus zwölfsylbigen und achtsylbigen Elementen (s. oben S. 102); es folgen Trishṭubhs (4—20). Grassmann zerschneidet dem entsprechend das Lied hinter Vers 3: er ist, wie ich meine, auf dem richtigen Wege, nur dass er etwas zu geradeaus vorgeht. Von Seiten des Inhalts scheidet sich deutlich V. 1—5 ab, ein Gebet an Agni den Varuṇa zu versöhnen; von V. 6 an haben wir dagegen ein gewöhnliches Agnilied ohne Beziehung auf Varuṇa. So ist hinter V. 5 zu zerlegen, wodurch die metrische Ungleichartigkeit zwar nicht beseitigt, aber ihr Aussehen modificirt wird; sie wird so auf einen der Typen, die wir als regelmässige kennen lernen werden, zurückgeführt ¹). — Aehnlich ergiebt sich in dem Sûkta VII, 1 (1—18 Virâj, 19—25 Trishtubh), wenn man die durch das zweimalige Auftreten des Schlussverses 20=25 indicirte Zerschneidung vornimmt, an erster Stelle ein Lied zwar mit wechselndem, aber in typischer Form wechselndem Metrum, während das zweite Lied metrisch gleichförmig ist. — Auch für VI, 71 macht es Ton und Ausdrucksweise wahrscheinlich, dass mit Vers 4 ein neues Lied anfängt, wozu auch die rituelle Verwendung stimmt ²); so erhalten wir ein reines Jagatlied und ein reines Trishtubhlied, welche beide zusammen, wie die Liedordnung zweifellos beweist, schon dem Sammler für ein Lied gegolten haben. — Wir können etwa noch auf II, 24, 12 hinweisen, wo das Eintreten von Trishtubh statt Jagatî sich mit einer sehr auffallenden Unterbrechung des Zusammenhangs verbindet, um die Tilgung jenes Verses zu indiciren (so schon Grassmann), oder auf VI, 68, wo nach der Beseitigung von Anhängen, die theils in Jagatî, theils in Trishtubh verfasst sind, ein bis Vers 8 reichendes reines Trishtubhlied bleibt ³). Der Textbehandlung im Einzelnen muss es natürlich vorbehalten bleiben, die grosse Zahl von Fällen, die den hier berührten mehr oder weniger analog sind, zu erledigen; für den Zweck der gegenwärtigen Erörterung genügt es, die Weise allgemein zu characterisiren, in welcher eine erhebliche Reihe von Fällen metrischer Ungleichartigkeit auch an Stellen, wo die den Sammlern vorliegende Form der Lieder richtig erhalten ist, doch durch unsre Kritik beseitigt oder wenigstens von einer anomalen Form auf eine typisch feststehende zurückgeführt werden muss.

c4.s6.3

² Siehe unten den Abschnitt über dieselben.

c4.s6.4

¹ Vergl. oben S. 121 fg.

c4.s6.5

² Beispielsweise fallen die »complicirten Symmetrien und Responsionen«, die Ludwig (III S. 58) in I, 84 entdeckte, auf diese Weise — wie übrigens Grassmann bereits gezeigt hatte — aus einander. Weitere Fälle findet man I, 79; III, 62; VI, 15. 16. 44. 51. 52. 59. 60; VII, 31. 66 u. A. m.

c4.s6.6

¹ Erstes Lied bestehend aus den acht- und zwölfsylbigen Gefügen; doppelter Trishtubh-Schlussvers. — Das zweite Lied ist metrisch gleichartig.

c4.s6.7

² Aitareya Br. IV, 32, V, 8 und andre Ritualtexte.

c4.s6.8

³ Bei der Lectüre des Atharvaveda kann man oft genug die Erfahrung machen, dass, wenn man den Grundbestandtheil eines Liedes und jüngere Erweiterungen desselben etwa mit Hülfe der Rigveda-Parallelen aus einander löst, damit zugleich ein metrisch buntscheckiges Lied auf ein metrisch gleichmässiges zurückgeführt ist. Bei aller Verschiedenheit des Rig- und des Atharvantextes darf hierin doch immerhin ein allerdings vorsichtig zu benutzender Fingerzeig auch für die Behandlung des ersteren gesehen werden.

c4.s6.9

Aber auch noch unter den Fällen, welche die Kritik überhaupt nicht anzutasten hat, kommen für die Untersuchung der Liedtypen mit wechselndem Metrum nicht wenige in Wegfall, bei welchen das scheinbare Zusammentreffen verschiedener Versmaasse auf dem Wege der Exegese fortgeschafft wird: die Fälle nämlich, in denen Aeusserungen oder Sprüche an einander gereiht sind, welche nicht ein fortlaufendes Lied ausmachen, sondern die dazu bestimmt sind, getrennt von einander an verschiedenen Stellen desselben rituellen oder desselben episch erzählenden Zusammenhangs — im letzteren Fall mit dazwischen stehender Prosa — vorgetragen zu werden. Auf diese Weise wird, wenn nicht überall so doch an vielen Stellen der Begräbniss- (X, 14 fgg.) und Hochzeitssprüche (X, 85), der Yûpasprüche (III, 8), der Pflügersprüche (IV, 57), der Sprüche für die Kampfrüstung (VI, 75) und andrer ähnlicher Spruchsammlungen das metrisch Verschiedene sich aus einander lösen. Ebenso in der Erzählung von Agastya, Indra und den Maruts (I, 170 fg.), von Agastya und Lopâmudrâ (I, 179), von Indra, Vâyu und dem Vritrakampfe (VIII, 100) und in andern jener Âkhyânas, für welche es mir gestattet sei, auf frühere an anderm Orte von mir gegebene Darlegungen ¹ zu verweisen. Auch bei Dânastutis und ähnlichen Anhängen wird nicht selten durch die Auflösung des lockern Bandes, welches dieselben mit dem vorgehenden Liede verknüpft ¹), die Vereinigung metrisch verschiedenartiger Bestandtheile beseitigt.

c4.s6.10

¹ ZDMG. XXXIX, 52 fgg.

c4.s6.11

¹ Ueber die Natur dieses Zusammenhangs s. ZDMG. a. a. O. 83 fgg.

c4.s6.12

Es liegt auf der Hand, dass, wenn man die bezeichneten Kategorien von Fällen, soweit sie sich nachweisen lassen, aus der Untersuchung eliminirt, darum die übrig bleibenden Materialien noch keineswegs als sicher behandelt werden können. So leicht es oft ist, das nur scheinbar Zusammengehörige mit voller Sicherheit aus einander zu lösen, so schwer ist es in der Regel umgekehrt, die wirkliche, ursprüngliche — nicht nur für den Sammler der vorliegenden Saṃhitâ vorhandene — Zusammengehörigkeit irgend welcher Bestandtheile direct zu beweisen: ein Nachweis, welcher bei der so oft auftretenden Unsicherheit der in dieser Richtung aus dem Gedankenzusammenhang zu gewinnenden Resultate wirklich befriedigend in der Regel wenigstens nur da gelingen kann, wo entweder Strophenbildungen vorliegen oder wo von mehreren Paralleliedern das eine den Bestand des andern schützt. Bestimmte Typen der Verbindung verschiedener Versmaasse erweisen sich doch durch ihre stete Wiederkehr wie durch ihre innere Begreiflichkeit als unzweifelhaft feststehend; über sie hinaus bleibt ein Rest mehr oder weniger regelloser Verbindungen übrig, der im Ganzen nicht weggeleugnet werden kann, wenn auch natürlich bei der Behandlung des einzelnen Falles oft keine Sicherheit erreichbar ist.

c4.s6.13

Als regelmässig und typisch muss vor Allem das Eintreten eines andern Metrums am Liedende anerkannt werden. Am häufigsten erscheint der Triṣṭubhschluss, und dieser wieder findet sich erklärlicherweise besonders gern bei Liedern in dem Metrum, das der Triṣṭubh am nächsten steht, in Jagatî, hinter welcher die Triṣṭubh mit ihrem contrastirenden Reihenausgang den Abschluss des Liedes fühlbar bezeichnet. Meist ist es eine Triṣṭubh, die das Jagatîlied schliesst (I, 34. 52. 54. 64. 102. 106 etc. etc.)¹); häufig sind es zwei (I, 51. 53. 94 etc.; bei Parallelliedern: X, 35. 36; 43. 44; 63. 64); gelegentlich drei (I, 58. 168) oder sogar vier (I, 101). In vielen Fällen ist es offenbar der einem Sänger oder einer Sängergruppe eigene stehende Schlussvers bez. Schlusspâda in Triṣṭubh, dessen Verwendung den Triṣṭubhschluss eines Jagatîliedes hervorgerufen hat. Dass mit dem Triṣṭubhschluss sich häufig das regellose Auftreten der Triṣṭubh im Innern des Liedes (s. unten) verbindet, ist selbstverständlich.

c4.s6.14

¹ Vergl. die Sammlungen bei Ludwig III, 59. Das zweite Buch ist an derartigen Fällen besonders reich.

c4.s6.15

Triṣṭubhschluss von einem oder zuweilen zwei Versen nach anderm Metrum als Jagatî findet sich verglichen mit jenem Hauptfall wesentlich seltener, doch liegen immerhin derartige Fälle für jedes nicht ganz ungewöhnliche Versmaass vor. So folgt ein Triṣṭubhschlussvers auf die Gâyatrîtricas I, 27, 10-12; 30, 13-15 ²) und auf die Gâyatrîtricalieder VIII, 11. 80 ³). Sonst noch nach Gâyatrî X, 20 (Virâj und Triṣṭubh). Nach Anuṣṭubh: I, 175. 176 (Parallellieder); VI, 2 und 14 (beidemal dieselbe Pentade von Triṣṭubh-Pâdas); X, 90 (als Schlussvers ist I, 164, 50 entnommen). Nach Bṛihatî III, 9; Uṣṇih V, 40, 4; 78, 4; Paṅkti I, 105 (?); Mahâpaṅkti VIII, 40 und X, 133; Atyaṣṭi I, 130. 136. 139; nach der aus drei Triṣṭubh-Pâdas gebildeten Virâj VII, 1 (oben S. 142). 22. 68; nach andern selteneren Metris II, 11; X, 22. 126 (IV, 12, 6 als Schlussvers wiederholt); über den gleichfalls hierher gehörigen Fall von IV, 1 ist oben eingehender gesprochen worden (S. 141).

c4.s6.16

² Ueber die hier eingreifenden Liedzerlegungen verweise ich auf den Abschnitt über die Saṃhitâordnung. — Der Fall von I, 93, 12 könnte, wie ebendort gezeigt ist, durch eine Umstellung zu beseitigen sein.

c4.s6.17

³ Danach liegt es nah, in der Triṣṭubh VIII, 63, 12 einen Schlussvers zu vermuthen, der nach den vorangehenden Anuṣṭubh-Gâyatrî-Triaden seine Stelle haben müsste. Sollte vor Vers 10 eine Anuṣṭubh ausgefallen sein? — Als Triṣṭubhschluss nach einer aus Anuṣṭubh und Gâyatrî gebildeten Triade scheint auch X, 62, 11 aufzufassen.

c4.s6.18

Anuṣṭubhschlussverse haben erklärlicherweise ihren Hauptsitz nach Gâyatrîliedern ¹): so I, 90 (?); II, 8; III, 37; IV, 30; VIII, 33, 16-19; X, 9 (zwei Schlussverse). Für die auch sonst sich empfehlende Vermuthung, dass hinter VIII, 31, 9 ein Liedschluss anzunehmen ist, spricht, dass Vers 9 eine Anuṣṭubh nach vorangehenden Gâyatrîs ist. — Besonders häufig ist im letzten Verse eines Gâyatrîliedes und namentlich eines Gâyatrîtrica der dritte Pâda noch einmal mit irgend welchen Abänderungen wiederholt, so dass ein Anuṣṭubhschluss entsteht: so I, 43, 9 (das Lied fängt bei Vers 7 an); VI, 16, 27; 45, 33; 56; VII, 94; VIII, 79; IX, 66, 18. — Wie hinter der reinen Gâyatrî, so tritt auch hinter der durch einen viersylbigen Pâda erweiterten Gâyatrî (Uṣṇih von der Form aaax) der Anuṣṭubhschlussvers ein VI, 51, 16 ²).

c4.s6.19

¹ Vergl. Ludwig III, 62.

c4.s6.20

² Das Lied fängt bei Vers 13 an; 's. unten den Abschnitt über die Saṃhitâordnung.

c4.s6.21

Hinter Triṣṭubhliedern liegt der Anuṣṭubhschlussvers in einer Reihe grossentheils zweifelhafter Fälle vor; theils legt der Mangel sicheren Zusammenhangs den Verdacht sei es späterer Hinzufügung, sei es ritueller Gesondertheit nahe; theils sind von Seiten der Anordnungsgesetze Bedenken gegen den überlieferten Bestand zu erheben. Die Fälle sind I, 158;

c4.s6.22

IV, 39; X, 103 ¹). 109 (zwei An.-Verse). 142 ¹). 161. — Anushtubhschluss nach einer Mischung von Trishtubh und Jagatî: VI, 28; VII, 104; nach Pragâthas: VI, 48; VIII, 66. 103; nach Ushnih: VIII, 24.

c4.s6.23

¹ Siehe die Bemerkungen über den Schluss dieser Sûktas unten bei der Besprechung der Anordnung von Buch X.

c4.s6.24

Jagatîschlussverse sind selten, auch nach vorangehender Trishtubh ²). Nach Gâyatrî: VII, 89; nach Pankti: I, 82; nach längeren Verbindungen achtsylbiger und zwölfsylbiger Pâdas: VIII, 36. 37 (Parallelhymnen).

c4.s6.25

² Siehe die Belege bei Ludwig III, 59. Von denselben fällt IV, 50 wegen der mit diesem Texte vorzunehmenden Zerlegungen fort; X, 128, 9 bildet nur für die äusserliche Auffassung der Anukramanî eine Jagatî.

c4.s6.26

Brihatîschluss nach Gâyatrîtricas: VIII, 78; nach Anushtubh: VI, 42.

c4.s6.27

Ueber den Panktischluss ist schon oben (S. 32) gesprochen worden.

c4.s6.28

So werden mit grösserer oder geringerer Häufigkeit alle geläufigen Metra verwandt, um ein in anderm Versmaasse verfasstes Lied abzuschliessen. Nur die Gâyatrî ist von diesem Gebrauch allem Anschein nach ausgenommen; das Fehlen aller Beispiele ³) kann kaum zufällig sein. Liess der Mangel des Gleichgewichts in den drei Pâdas der Gâyatrî diesen Vers den vedischen Dichtern ungeeignet erscheinen, den Schluss des Liedes zu bezeichnen?

c4.s6.29

³ Dass in bunten Durcheinandermischungen zahlreicher Metra gelegentlich auch die Gâyatrî am Ende steht, ist natürlich unwesentlich.

c4.s6.30

Wie das Ende, so konnte auch der Anfang des Liedes bezw. des Trica durch ein vom Rest abweichendes Versmaass markirt werden. Aber dies ist bei Weitem seltener geschehen; es ist begreiflich, dass ein derartiges Hervorheben des Eingangs nicht in dem Maasse als wirkungsvoll empfunden wurde, wie beim Ausgang offenbar der Fall gewesen ist. Am sichersten ist der Anushtubh-Anfang vor folgenden Gâyatrîs zu belegen. Er findet sich bei einzelnen Tricas und in regelmässiger Wiederkehr bei ganzen Tricareihen — so dass also die oben S. 120 Anm. 1 bereits erwähnte Tricaform An. Gây. Gây. entsteht —, gelegentlich auch bei längeren Textstücken: III, 24; V, 28, 4-6; 82, 1-3; VIII, 2, 28-30; 9, 19-21; 63 1); 68; 74; 92, 1-3; IX, 101, 1-3; X, 20 2); 62, 8-10.

c4.s6.31

Die Analogie des Anushtubhanfangs vor Gâyatrî führt darauf, dass auch in einer Reihe von Fällen des Jagatîanfangs (ein, zuweilen zwei Verse) vor Trishtubh vielleicht etwas andres als die rein zufällige Wirkung der häufigen Vermengung von Jagatî- und Trishtubhversen zu sehen sein könnte; vergl. VII, 41. 44; X, 69. 83. 117. 130. 177.

c4.s6.32

Verlassen wir das Gebiet der Schluss- und Anfangsverse, so nähern wir uns mehr und mehr dem Bereich der regellosen Vermischungen.

c4.s6.33

Von einer gewissen Geordnetheit kann immerhin noch da die Rede sein, wo sich ein Wechsel des Versmaasses mit der Strophentheilung deckt: so bei Ushnih und Gâyatrî VIII, 26, 1-19 3); Uparishtâjjyotis und Pankti VIII, 35; Pankti und Brihatî VIII, 62; Anushtubh, Gâyatrî und vermischten Combinationen VIII, 69. Hier mögen auch die Verbindungen von Pragâthastrophen mit Brihatîtricas (VIII, 70; auch VIII, 1 scheint hierher zu gehören) und mit andern Strophen erwähnt werden, an denen das achte Buch reich ist; dieselben schliessen indessen nur selten die Möglichkeit von Zerschneidungen aus.

c4.s6.34

¹ Vers 5 ist Anushtubh statt Gâyatrî; zu ändern wäre gewagt, wenn auch nicht schwer.

c4.s6.35

² Vers 1 ist wegzulassen, s. unten S. 161.

c4.s6.36

³ 19 ist Schlussvers hinter den Strophen; bei 20 fängt ein neues Lied an.

c4.s6.37

In einer andern Reihe von Fällen gleitet ohne strophische Regelung ein Lied aus einem Versmaass in ein andres hinüber, so dass sein erster Theil in jenem, der zweite in diesem abgefasst ist. So der typische Uebergang von fünfsylbigen Virâj-Pâdas zu Trishtubh (oben S. 97), der Uebergang von Gâyatrî zu Anushtubh in dem Âprîliede IX, 5 — ein vermöge seiner rituellen Natur besonders sicheres Beispiel ¹) —, der Uebergang von Trishtubh zu Jagatî X, 84 ²). Danach wird man, wenn eine derartige Erscheinung sich gelegentlich auf ferner von einander abliegende Metra ausdehnt, wie Trishtubh und Gâyatrî III, 59, es nicht ohne Weiteres für ausgemacht halten können, dass verschiedene Lieder oder Fragmente an einander geschoben sind. Man wird sich begnügen zu constatiren, dass dies Sûkta — anders als zahlreiche ähnlich aussehende — bei der Anordnung der Samhitâ als Einheit betrachtet worden ist; darüber hinaus wird auf ein sicheres Resultat verzichtet werden müssen.

c4.s6.38

¹ Weniger sicher ist es, dass I, 28 (Ait. Br. VII, 17) das Anushtubhstück und das Gâyatrîstück in ununterbrochenem, gleichmässigem Zusammenhang stehen.

c4.s6.39

² Die durchgehende Anknüpfung jedes Versanfangs an das vorangehende Versende sichert auch dies Beispiel. In X, 32 dagegen ist kaum zu verkennen, dass der Uebergang von Jagatî in Trishtubh mit einem Abschnitt des Sinnes zusammentrifft.

c4.s6.40

Sonstige Mischungen der Versmaasse treten — abgesehen von dem Fall der Trishtubh und Jagatî — verhältnismässig selten so auf, dass vereinzelte Ricas in dem einen Metrum in ein Lied, das durchgehend ein andres Versmaass zeigt, hineingestreut sind; in der Regel handelt es sich vielmehr um Sûktas mit fortwährendem oder doch sehr häufigem Wechsel der Metra, so dass kein einzelnes Versmaass als dominirendes angesehen werden kann. Affinitäten solcher Metra, die eine besondre Neigung zur Vereinigung mit einander bekunden, machen sich im einen wie im andern Fall häufig wenn auch keineswegs ausnahmslos geltend. Die hervortretendste Erscheinung dieser Art betrifft die Triṣṭubh und Jagatî. Wie in der nachlässigeren Praxis namentlich späterer vedischer Dichter innerhalb des einzelnen Verses Triṣṭubh- und Jagatîpâdas oft unterschiedslos durch einander gemengt werden, so wird von demselben laxeren Standpunkt aus offenbar auch ein Wechsel ganzer Triṣṭubh- und ganzer Jagatîverse nicht eigentlich als ein Wechsel des Metrums empfunden. Abgesehen von den besprochenen Erscheinungen, die das Liedende und den Liedanfang betreffen, scheint es mir verfehlt, Regeln oder ein Streben nach Symmetrie in diesem Wechsel entdecken zu wollen ¹). — Aehnlich wie Triṣṭubh und Jagatî, wenn auch mit viel geringerer Häufigkeit, wechseln Gâyatrî und Anuṣṭubh. Eine einzelne Gâyatrî zwischen Anuṣṭubhs finden wir X, 19, 6 ²); 176, 2; eine Anuṣṭubh zwischen Gâyatrîs IV, 30, 8; V, 61, 5 ³); VI, 53, 8; sonstige Mischungen der beiden Metra finden sich z. B. I, 187; VIII, 55; X, 9, 6 fgg. (= I, 23, 20 fgg.). — Ein weiteres Gebiet von Versmaassen, deren Affinität sie dazu geeignet macht, neben einander verwandt zu werden, tritt insonderheit in den Strophenliedern des achten Buchs wie auch in vielen Dânastutis hervor: es sind die aus achtsylbigen Pâdas allein oder in Verbindung mit zwölfsylbigen Pâdas gebildeten Metra, also Gâyatrî, Anuṣṭubh, Paṅkti, Kakubh, Bṛihatî, Uṣṇih, Purauṣṇih, während Triṣṭubh, Jagatî, Virâj (3 × 11 Sylben) diesem Kreise fern, dagegen sich unter einander nahe stehen. Deutlich erkennt man diese Gruppirung der Metra z. B. im Liede VIII, 9. Die 21 Verse sind der Reihe nach: 1—3 Bṛihatî Gâyatrî Gâyatrî; 4—6 Bṛihatî Kakubh Bṛihatî; 7—9 Anushṭubh; 10—12 Trishṭubh Virâj Jagatî; 13—15 Anushṭ. Bṛih. Bṛih.; 16—18 Anushṭubh; 19—21 An. Gây. Gâyatrî. Es scheint mir klar, dass, wie ich in dieser Zusammenstellung bereits angedeutet habe, Ṭricas vorliegen. Zwar fehlen die dem achtsylbigen und acht-zwölfsylbigen Kreise fernstehenden Metra nicht ganz, aber sie fallen in einen einzigen Ṭrica hinein, welcher ausschliesslich aus ihnen besteht (10—12). Zwei Ṭricas (7—9. 16—18) sind ganz aus Anushṭubh gebildet; einer (19—21) zeigt die oben (S. 148) besprochene typische Form Anushṭubh und zwei Gâyatrîs; die übrigen drei Ṭricas endlich bestehen aus Versmaassen des besprochenen Affinitätskreises, aus Anushṭubh, Gâyatrî, Bṛihatî, Kakubh¹). So weist, wenn ich mich nicht täusche, die scheinbare Regellosigkeit des Liedes — Bergaigne bezeichnet es als sûkta métriquement informe — in der That eine zwar nicht annähernd fest geordnete, aber doch auch der Ordnung nicht vollkommene entbehrende Gliederung auf ²).

c4.s6.41

¹ Anders Ludwig III, 59.

c4.s6.42

² Doch läge es nicht fern, den Pâda, der zur Anuṣṭubh fehlt, nach Anleitung von Vers 8 zu ergänzen. Wie leicht innerhalb der Ueberlieferung Vertauschungen der Gâyatrî- und Anuṣṭubhform vorkommen konnten, zeigt die Vergleichung von I, 23, 20 mit X, 9, 6.

c4.s6.43

³ Es ist denkbar, dass bei diesem Vers eine Art Neuanfang vorläge.

c4.s6.44

¹ Von Seiten des Inhalts wird die Ṭricatheilung dadurch bestätigt, dass die Verherrlichung der Aṣvins in Verbindung mit der Morgenröthe sich nach dem Ṭrica 16—18 abgrenzt.

c4.s6.45

² Vergleichbar ist der Zustand der Pragâthabildungen in dem folgenden Sûkta VIII, 10; s. oben S. 110.

c4.s6.46

Weitere Fälle, in welchen sich die Affinität der oben bezeichneten Metra zu erkennen giebt, sind recht häufig; ich darf mich hier mit wenigen Hinweisen begnügen. In VIII, 69 haben wir neben einem aus Gâyatrî sowie mehreren aus Anushṭubh gebildeten Ṭricas (S. 148) zwei solche aus gemischten Versmaassen: 10—12 Anushṭubh Paṅkti Anushṭubh; 16—18 Paṅkti Bṛihatî Bṛihatî. In VIII, 26 sondert sich am Ende von dem Aṣvinliede ein aus zwei Ṭricas bestehender Hymnus an Vâyu ab: 20—22 Anushṭ. Gây. Ushṇih, 23—25 Ushṇih Ushṇih Gâyatrî. In VIII, 30 liegen die Versmaasse Gâyatrî Puraushṇih Bṛihatî Anushṭubh vor. Die Dânastuti VIII, 70, 13-15 enthält Kakubh ¹ Anushṭubh Puraushṇih. Das Praügalied II, 41, im Uebrigen in Gâyatrî verfasst, enthält einen Ṭrica (16—18) aus einer Anushṭubh und zwei Bṛihatîs. —

c4.s6.47

¹ Die überlieferte Stellung des Avasâna und die entsprechende Auffassung des Verses als Ushṇih ist falsch.

c4.s6.48

So ist durch unsre Erörterungen das Gebiet der absolut unregelmässigen Verbindungen verschiedener Versmaasse immer mehr eingeschränkt worden. Aber dies Gebiet zu beseitigen kann und darf nicht als das letzte Ziel der Kritik angesehen werden. Ein Rest, welcher der reinen, zufälligen Willkür der vedischen Dichter gehört, bleibt bestehen, wenn auch natürlich die Abgrenzung dieses Restes im Einzelnen vielfachen und teilweise unauflöslichen Zweifeln unterliegen wird. Von irgend welchen Zusammenstellungen verschiedener Versmaasse zu behaupten, dass dieselben unbedingt auszuschliessen seien und dass ihr Auftreten im überlieferten Texte für sich allein hinreiche, um uns die Beseitigung des Anstosses durch die Kritik oder Exegese ² postuliren zu lassen, geht schlechterdings nicht an. Wozu ein Wechsel des Metrums — sofern er nicht als einer der typischen Formen entsprechend von vorn herein unverdächtig ist — den Kritiker auffordern soll, ist nur dies, zu prüfen, ob mit dem metrischen Anstoss sich andre Anstoss gebende Momente — Momente des Sinnes, der rituellen Verwendung, der Liedordnung —

c4.s6.49

² Ich denke hier an das oben S. 143 Gesagte.

c4.s6.50

vereinigen und dadurch weitere Schlüsse ermöglicht werden. Wir haben im ersten Theil dieses Abschnitts mannichfache Gruppen von Fällen kennen gelernt, in welchen ein solches Zusammentreffen in der That stattfindet und darum die Auflösung der Einheit, welche in der Ueberlieferung die metrisch disparaten Elemente umschliesst, gerechtfertigt ist; und unsre Untersuchungen über die Ordnung der Saṃhitā werden uns weiter auf Schritt und Tritt zeigen, wie da, wo überlieferte Liedeinheiten zu zerschneiden sind, überaus häufig das Metrum den Punct anzeigt, an welchen der Schnitt gehört. In andern Fällen aber wird die Prüfung, zu welcher wir durch den Wechsel der Versmaasse aufgefordert werden, ausser Stande sein, sonstige Verdachtsgründe zu ermitteln; dann wird ein Vorsichtiger die Ueberlieferung zwar eben um des Metrums willen für nicht verdachtfrei, aber doch auch für eines Gebrechens nicht überführt erachten. In manchen Fällen endlich werden wir sogar Momente entdecken, welche direct für die Zusammengehörigkeit des metrisch Verschiedenen eintreten. In dem Liede IV, 7 folgen auf einen Jagatīeingang zuerst Anushtubh-, dann Trishtubhverse: aber kein Agnilied kann fliessender und unverdächtiger verlaufen als dieses, dessen verschiedene Theile durch mannichfache Beziehungen mit einander verbunden sind. Kein Vers kann besser an seiner Stelle stehen, als die Anushtubh VII, 103, 1, welche das in Trishtubh verfasste Froschlied eröffnet, oder die Satobṛhatī, welche als dritter Vers des Agniliedes III, 23 zwischen Trishtubhs erscheint ¹). Auch die bekannte Anushtubh IV, 24, 10 (das Lied ist in Triṣṭubh) hat man, wie ich meine, mit mindestens fraglichem Recht verworfen. Der Dichter, so fasse ich den Zusammenhang auf, preist Indra und empfiehlt zugleich sich selbst als den Vermittler der göttlichen Hülfe, so zu sagen als den Vermiether des Gottes. Aber man soll sich desselben zeitig versichern; wer heute (adya V. 7) dem Gott opfert, dessen Freund ist er. Sobald sich Noth erhebt, verlangen Alle nach Indra; als Kampf entbrannte, feilschten die Leute thörichten Sinnes ¹); sie boten zu wenig, und ohne verkauft zu haben ging ich — der priesterliche Inhaber des Gottes — zufrieden nach Hause. Und hier fährt der Sänger fort (10): »Wer kauft diesen meinen Indra für zehn Milchkühe? Wenn er ihm die Feinde getödtet hat, dann soll er ihn mir wiedergeben.« Es ist doch nicht nur der äusserliche Anklang von krīṇāti an das avikrīto in V. 9, wodurch dieser Vers mit dem vorigen verbunden wird ²), sondern es zieht sich durch V. 10 gemeinsam mit dem Vorangehenden derselbe kaum irgendwo ³) im Rigveda in solcher Ausdrücklichkeit wiederkehrende Vorstellungskreis hindurch: wer den Gott zu spät kaufen will und mit dem Preise geizt, erreicht nichts; darum: wer kauft jetzt? Von der warnenden Betrachtung über die Geizigen hebt sich die unmittelbare, an die Hörer gerichtete Einladung zum Kauf doch immerhin als etwas andres ab, und mit dieser Nuance mag der Wechsel des Metrums in Verbindung stehen. Vielleicht wird unser Geschmack durch diesen Wechsel befremdet, aber für die Annahme einer Interpolation auf Grund des metrischen Anstosses liegt, wie ich meine, in diesem Fall wie in ähnlichen Fällen keine Wahrscheinlichkeit, geschweige denn ein zwingender Grund vor.

c4.s6.51

¹ IX, 98, 11 und ebenso 99, 1 findet sich nach der Anukramaṇī, äusserlich angesehen ganz richtig, zwischen Anushtubhs eine vereinzelte Bṛhatī. In der That aber wird es hier kaum angebracht sein, von einem Verse in anderm Metrum zu sprechen; es handelt sich offenbar nur darum, dass jedesmal ein einzelner Pāda vom Dichter in einer andern Gestalt zu Stande gebracht wurde, als regelmässiger Weise hätte sein sollen. Aehnliche Fälle sind nicht ganz selten.

c4.s6.52

¹ Ich verstehe dīnā dakṣā (9) als Instr.; vergl. IV, 54, 3 dīnair dakṣaiḥ.

c4.s6.53

² Kaegi, Rigveda S. 156.

c4.s6.54

³ Annähernd nur etwa X, 27, 1 fgg., auf welche Stelle Geldner-Kaegi treffend verweisen.

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