Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c4.s2.t2: B. Cäsur nach der fünften Sylbe
Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c4.s2.t2
- Language
- German
B. Cäsur nach der fünften Sylbe
c4.s2.t2.1
| Nr. | Metrum | VII, 1-13. 18 | IX, 68-86 | IV | Summe |
| 1 | ◡ ◡ ◡ ◡ ◡ | 27 | 77 | ? | — |
| 2 | ◡ ◡ ◡ ◡ ◡ | 28 | 77 | ? | — |
| 3 | — ◡ ◡ ◡ ◡ | 31 | 67 | ? | — |
| 4 | — ◡ ◡ ◡ ◡ | 25 | 69 | ? | — |
c4.s2.t2.2
| Nr. | Metrum | VII, 1-13. 18 | IX, 68-86 | IV | Summe |
| 5 | ◡ — — — ◡ | 28 | 29 | ? | — |
| 6 | ◡ — — — — | 17 | 35 | ? | — |
| 7 | — — — — ◡ | 21 | 33 | ? | — |
| 8 | — — — — — | 18 | 33 | ? | — |
| 9 | ◡ — ◡ ◡ ◡ | 2 | — | 2 | 4 |
| 10 | ◡ — ◡ — — | 1 | 4 | 4 | 9 |
| 11 | — — — ◡ ◡ | — | — | 3 | 3 |
| 12 | — — — ◡ — | 1 | 8 | 6 | 15 |
| 13 | ◡ — ◡ ◡ ◡ | 1 | 1 | 2 | 4 |
| 14 | ◡ — ◡ ◡ — | 3 | 8 | 11 | 22 |
| 15 | — — ◡ ◡ ◡ | 1 | — | 1 | 2 |
| 16 | — — ◡ ◡ — | 1 | 4 | 15 | 20 |
| 17 | ◡ ◡ — ◡ ◡ | 1 | 3 | 10 | 14 |
| 18 | ◡ ◡ — ◡ — | 2 | 2 | 10 | 14 |
| 19 | ◡ — ◡ — ◡ | 6 | 6 | 9 | 21 |
| 20 | ◡ — ◡ — — | 1 | 3 | 11 | 15 |
| 21 | ◡ ◡ — ◡ ◡ | — | — | — | — |
| 22 | ◡ ◡ — ◡ — | 1 | 3 | 8 | 12 |
| 23 | ◡ — ◡ ◡ — | 1¹) | — | 2 | 3 |
| 24 | ◡ — ◡ ◡ — | 1 | 5 | 4 | 10 |
| 25 | ◡ ◡ ◡ — ◡ | 3 | 2³) | 3 | 8 |
| 26 | ◡ ◡ ◡ — — | 1 | 2 | 7 | 10 |
| 27 | — ◡ ◡ ◡ — | 1 | 2 | 4 | 7 |
| 28 | ◡ ◡ ◡ ◡ — | 2 | 1 | 6 | 9 |
| 29 | ◡ ◡ ◡ ◡ ◡ | 1²) | — | — | 1 |
| 30 | ◡ ◡ ◡ ◡ — | — | — | 2 | 2 |
| 31 | — ◡ ◡ ◡ ◡ | — | — | — | — |
| 32 | — ◡ ◡ ◡ — | — | 1 | — | 1 |
c4.s2.t2.3
¹ Ein durchaus zweifelhafter Fall, der cäsurlose Pâda VII, 4, 9ᵈ.
c4.s2.t2.4
² Absolut zweifelhaft (VII, 8, 2ᵃ); es ist wohl eher der viersylbige Verseingang ◡ ◡ — (ayam u shya, nicht shia) anzunehmen; dann läge, falls nicht eine Sylbe ausgefallen ist, eine nicht seltene defecte Pâdaform vor.
c4.s2.t2.5
³ Hierher ist der zweifelhafte Fall IX, 79, 1ᶜ gestellt worden.
c4.s2.t2.6
Wir untersuchen nun diese Zahlen in derselben Weise, wie wir es beim Reiheneingang der Gâyatrî gethan haben. War die von uns befolgte Methode dort richtig, so muss sie es auch hier sein, wenn auch hier begreiflicherweise die kleinen Zahlen, in welche sich die 48 Fälle (statt der dort vorliegenden 16) zersplittern, nicht immer ganz so deutliche Uebereinstimmungen und Abweichungen zeigen können, wie es dort der Fall war.
c4.s2.t2.7
Wir beginnen mit dem viersylbigen Verseingang. In derselben Weise wie bei der Gâyatrî stellt sich auch hier als das Normale ein Metrum heraus, dessen Ausdruck, mit den Bezeichnungen der Icten versehen, ◡—◡— ist ¹). Die Nebenformen aber, die sich an diese Hauptform anschliessen, weisen, verglichen mit den Nebenformen des Gâyatrî-Reiheneingangs, eine ebenso characteristische wie begreifliche Verschiebung auf: es treten nämlich diejenigen Formen besonders hervor, die im Uebrigen der Hauptform entsprechen, aber an vierter Stelle eine Kürze haben: ◡—◡◡. Selbstverständlich ist es die auf die vierte Sylbe folgende Cäsur, welche bewirkt, dass hier die Quantität, wenn auch durchaus nicht indifferent ist — denn die Länge überwiegt noch immer in einer Weise, die nicht zufällig sein kann —, aber doch mit merklich geringerer Strenge beachtet wird. So giebt sich hier wie in andern Dingen die Mittelnatur der Cäsur, ihre halbe Verwandtschaft mit dem Pâdaende wie ihre halbe Verschiedenheit von demselben, überaus klar zu erkennen. Offenbar aber ist die Kürze, welche vermöge der Cäsur als Aequivalent einer Länge zu gelten im Stande ist, ebenso gut wie die Länge, welche sie vertritt, Trägerin des Ictus; wir haben also die Messungen ◡◡◡◡¹).
c4.s2.t2.8
¹ Es muss bemerkt werden, dass hier — was bei der Gâyatrî nicht der Fall war — die Formen mit kurzer dritter Sylbe den Vorzug zu haben scheinen; ebenso überwiegt bei fünfsylbigem Verseingang die Form ◡—◡◡◡ über ◡—◡—◡. Vielleicht ist das nicht Zufall. Da die Trishtubh und Jagatî im mittleren Theil der Reihe ein vom jambischen Rhythmus befreites Element besitzt, mochte dafür die deutliche Ausprägung dieses Rhythmus im Eingang der Reihe als um so wesentlicher empfunden werden.
c4.s2.t2.9
¹ Trüge die kurze vierte den Ictus nicht selbst, so müsste man offenbar erwarten, dass sich dies, wie beim Eingang des achtsylbigen Pâda, in der Bevorzugung einer langen dritten zu erkennen geben würde (vergl. oben S. 18). Dies ist aber in A 5-8 unsrer Tabelle offenbar nicht der Fall; in A 11. 12. 15. 16 beruht das Vorherrschen der langen dritten auf der Kürze der zweiten.
c4.s2.t2.10
Eine Vorfrage, welche auf diesen Punct unsrer Zählungen und damit auf die weiteren eben dargelegten Auffassungen entscheidenden Einfluss hat, ist bis jetzt stillschweigend übergangen worden: muss die Position als über die Cäsur wirkend angesehen werden? Vielleicht würde, der sonstigen Natur der Cäsur entsprechend, auch in dieser Beziehung ein Schwanken in der Praxis der Liedverfasser sich am ehesten erwarten lassen. Für die Zwecke von Zählungen muss natürlich doch die eine oder andre Auffassung zu Grunde gelegt werden, und da schien mir das Gebotene, die Position als wirkend zu betrachten. Die Beschaffenheit der so sich ergebenden Zahlenreihen spricht, glaube ich, hinreichend dafür, dass damit, wenn nicht das Richtige, so doch die möglichste Annäherung an dasselbe erreicht ist. Zur Controle hierüber habe ich Zählungen derart angestellt, dass ich die naturlangen, die positionslangen und die kurzen Sylben an der vierten Stelle von einander schied. Hierbei ergab sich zunächst die auch a priori kaum denkbare Annahme als ausgeschlossen, dass allein die natürliche Länge ohne Berechnung der Position als das Regelmässige anerkannt sei. Als möglich blieben zwei Fälle übrig. Entweder gilt die Länge als Regel, dann aber mit Berücksichtigung der Position. Oder die Kürze hat gleiches Recht mit der Länge. Auch von diesen Möglichkeiten erwies sich bei weiterer Untersuchung die zweite als ausgeschlossen: wäre die Kürze anders als in secundärer Geltung zugelassen gewesen, so müssten sich nach der sonst in vedischen Wortausgängen zu beobachtenden Vertheilung der Quantitäten grössere Massen unzweideutiger Kürzen (die nicht durch Position beseitigt werden) an der vierten Stelle finden¹). Es blieb mithin nur die Auffassung übrig, dass im Grossen und Ganzen die Länge die Regel bildete, und dass dabei die Position berücksichtigt wurde. Allerdings aber herrscht in der vierten Sylbe, wenn auf dieselbe die Cäsur folgt, die Länge nicht entfernt in demselben Maasse vor, wie bei dem Eintreten der Cäsur nach der fünften²): und dass, wenn so die Cäsur der Pause am Reihenende in Bezug auf das Eintreten der syllaba anceps gelegentlich gleichgestellt wurde, auch die Wirkung der Position über die Cäsur hinüber nicht als eine absolut feststehende empfunden worden sein wird, scheint mir in der Natur der Sache zu liegen.
c4.s2.t2.11
¹ Man vergleiche das Verhältniss von Längen und Kürzen in der fünften Sylbe in Tabelle B, Nr. 1-8 (gleichfalls gezählt unter der Voraussetzung, dass die Position über die Cäsur wirkt). In diesen Fällen liegt offenbar das natürliche, durch keine metrischen Rücksichten verschobene Verhältniss vor.
c4.s2.t2.12
² Vergl. ZDMG. XXXVII, 55.
c4.s2.t2.13
Es bleibt in Bezug auf die im viersylbigen Reiheneingang erscheinenden Metra nur noch zu erwähnen, dass auch hier die Kürze an zweiter Stelle mit überwiegender Regelmässigkeit die Länge an der dritten erfordert: ein Gesetz, dass sich allerdings hier nicht vollkommen so scharf wie im Eingang der Gâyatrî-Reihe auszuprägen scheint³). So ergeben sich die Messungen ◡◡◡◡ und neben ihnen, mit der durch die Cäsur gerechtfertigten Kürze, ◡◡◡◡, endlich die seltenen Metra mit den beiden Kürzen an zweiter und dritter Stelle.
c4.s2.t2.14
³ Dort bewährt sich dasselbe etwa in acht Neunteln der von uns gezählten Fälle, hier nur in drei Vierteln.
c4.s2.t2.15
Wenden wir uns nun zur Betrachtung des fünfsylbigen Reiheneingangs, so stehen auch hier selbstverständlich als normal die Messungen ◡◡◡◡◡ voran ¹). Bei ihnen, wie auch bei den selteneren Messungen spricht die Statistik dafür, dass die Quantität der ersten Sylbe in jedem Falle gleichgültig ist. Dasselbe muss für diese Normalfälle auch von der fünften gesagt werden, aber in Bezug auf diese Sylbe gilt nicht von allen übrigen Fällen das Gleiche. Unsre Tabelle ergiebt hier ²):
c4.s2.t2.16
¹ Der fünften Sylbe ist offenbar kein eigner Ictus zuzuschreiben, da sie, wie gezeigt werden wird, den Ictus der vierten stellvertretend auf sich nehmen kann und dann als Ictusträgerin ein Verhalten in Bezug auf die Quantität zeigt, das im Normalfall nicht zu beobachten ist.
c4.s2.t2.17
² Es kommt für den Zweck, den wir bei dieser Gruppirung der Zahlen verfolgen, natürlich nicht in Betracht, dass dieselben für die erste der hier gegebenen Horizontalreihen nur aus Buch VII und IX, für die folgenden auch aus Buch IV vorliegen.
c4.s2.t2.18
| ◡◡◡◡ 302 | ◡◡◡◡ 313 |
| ◡◡◡◡ 48 | ◡◡◡◡ 50 |
| ◡◡◡◡ 350 | ◡◡◡◡ 363 |
c4.s2.t2.19
Dagegen andrerseits
c4.s2.t2.20
Wir sehen also, dass die Quantität der fünften nur bei langer vierter indifferent ist; bei kurzer vierter ist in mehr als fünf Sechsteln der Fälle ³) die fünfte lang und offenbar stellvertretende Trägerin des Ictus, dem sein normaler Platz auf der vierten entzogen ist ¹). Die 17 Ausnahmefälle ²) können nicht befremden; vielmehr würde, wenn dieselben fehlten, dies ein auffallendes Räthsel sein: bewirkt die Cäsur hinter der vierten, dass vor ihr eine Kürze als Ictussylbe geduldet wird, so kann offenbar bei der Cäsur hinter der fünften das Gleiche nicht ausgeschlossen gewesen sein ³). So werden wir für den Fall der kurzen vierten als erste Eventualität ◡ ◡ ◡ ◡́, als zweite ◡ ◡ ◡ ◡́ hinstellen dürfen. Eine Wirkung der kurzen vierten auf die dritte in der Art, dass an dieser Stelle die Länge den Vorzug erhielte, werden wir nicht erwarten, da vielmehr die fünfte sich als die Stelle erwiesen hat, an welcher der erforderliche Ersatz geschafft wird; die Zahlen zeigen in der That, dass eine solche Wirkung nicht vorhanden ist ⁴).
c4.s2.t2.21
³ Bei einer ähnlichen Zählung über alle Triṣṭubh- und Jagatīreihen von X, 61-74 stellte sich heraus, dass auf eine kurze vierte, bei der Cäsur nach der fünften Sylbe, eine Länge an fünfter Stelle 32 mal, eine Kürze 6 mal folgt: also kehrt hier mit nahezu vollkommener Genauigkeit das obige Verhältniss wieder.
c4.s2.t2.22
¹ Dieses wie andre der hier erörterten Facten findet seine Bestätigung auch in den metrischen »Verlängerungen« kurzer Schlussylben, deren Darstellung unten man vergleichen wolle.
c4.s2.t2.23
² Uebrigens sind, wie bei unsrer Tabelle bemerkt worden ist, mehrere unter diesen 17 Fällen zweifelhaft. Zwei von ihnen stammen aus dem einzigen Verse IV, 40, 5 und haben in der eigenthümlichen Ausdrucksweise dieses Verses ihre specielle Veranlassung.
c4.s2.t2.24
³ Beiläufig sei bemerkt, dass in der Gesetzmässigkeit der hier sich herausstellenden Resultate eine neue Bestätigung der Annahme liegt, unter welcher unsre Zählungen gemacht sind, dass die Position über die Cäsur wirkt. Es kann kein Zufall sein, dass nach kurzer vierter eine von Natur kurze fünfte so oft positionslang wird, dass sich bei Berücksichtigung dieser Länge das von uns aufgestellte Gesetz ergiebt.
c4.s2.t2.25
⁴ Wir haben mit langer dritter ◡ — ◡ — ◡́ 31, ◡ ◡ ◡ ◡́ 25, mit kurzer dritter ◡ ◡ ◡ ◡́ 48, ◡ ◡ ◡ ◡́ 4. Die Seltenheit des letzten Falles erklärt sich natürlich aus der Abneigung gegen die Combination der kurzen zweiten und dritten.
c4.s2.t2.26
Dass auch hier eine Kürze der zweiten in der regelmässigen, obgleich keineswegs ausnahmefreien Praxis durch eine lange dritte compensirt wird (also ◡ — ◡ ◡ —, daneben ◡ ◡ ◡ ◡́ etc.), ist zu erwarten und wird durch unsre Zählungen bestätigt.
c4.s2.t2.27
Wir wenden uns zur Erörterung der auf die Cäsur folgenden Sylben bis zu dem durch seine metrische Bestimmtheit characterisirten Reihenausgang. Die Sylben, mit welchen wir es zu thun haben, sind, wenn die Cäsur nach der vierten steht, die fünfte bis zur siebenten; wenn nach der fünften, die sechste und siebente. Im ersteren Fall haben die bezeichneten Sylben bei Weitem am häufigsten die Gestalt ◡◡-, im letzteren die Gestalt ◡◡: da aber die achte regelmässig eine Länge ist, kann man kurzweg sagen, dass im einen wie im andern Falle hinter der Cäsur ein Anapäst zu stehen pflegt, nur dass bei der Stellung der Cäsur nach der vierten dieser Anapäst dem metrisch bestimmten Ausgang der Zeile vorangeht ¹), bei ihrer Stellung nach der fünften in diesen Ausgang mit einer Sylbe hineingreift. Der regelmässige Wechsel der Längen und Kürzen, wie er im jambischen Eingang und entsprechend im jambischen resp. trochäischen Ausgang der Verszeile erscheint, ist also in der Mitte derselben, offenbar nicht ohne bewusste Absichtlichkeit, unterbrochen.
c4.s2.t2.28
¹ In diesem Fall treffen also zwei Längen zusammen, die letzte Sylbe des Anapäst und die erste des Versausgangs. Steht die Cäsur nach der fünften, ist an dieser Stelle nur eine Länge vorhanden.
c4.s2.t2.29
Von den drei Sylben des in dem ersten Fall erscheinenden Anapästes ist die zweite in ihrer Quantität am sichersten feststehend; weniger unwandelbar ist die Quantität der ersten und dritten, so dass neben dem Fuss ◡◡- auch, der ungefähren Häufigkeit nach geordnet, die Füsse -◡-, ◡◡◡, -◡◡, endlich am seltensten - - - erscheinen.
c4.s2.t2.30
Steht die Cäsur nach der fünften, so lassen sich, offenbar in Folge der in diesem Fall geringeren Entfernung derselben von dem feststehenden Versausgang, wesentlich constantere Verhältnisse beobachten, als bei dem Eintritt der Cäsur nach der vierten Sylbe. Die erste der beiden regelmässig auf die Cäsur folgenden Kürzen weicht der Länge bedeutend seltener als in jenem Fall; dass statt der zweiten eine Länge steht, gehört vollends zu den Seltenheiten ¹).
c4.s2.t2.31
¹ Oder umgekehrt ausgedrückt: Pâdas mit langer zweiter Sylbe nach der Cäsur haben die Cäsur viel häufiger nach der vierten als nach der fünften.
c4.s2.t2.32
Die hier beschriebenen Verhältnisse behalten im Wesentlichen unverändert ihre Gültigkeit bis in die jüngste Periode der Rigveda-Poesie. Wenn Zählungen über die Quantität der einzelnen Sylben hier und da Schwankungen zwischen verschiedenen Liedern herausstellen, so halten sich dieselben in den Grenzen dessen, was dem Zufall oder der Individualität des einzelnen Dichters zugeschrieben werden kann und muss ²), und verrathen schwerlich ein Anderswerden der metrischen Neigungen im Lauf der Zeit, welches auf dem Gebiet der Trishtubh und Jagatî erst nach der Periode der Rigveda-Poesie in fühlbarer Weise hervorgetreten ist. Nur darin scheint ein Unterschied der jüngeren Rig-Metrik gegen die ältere wahrzunehmen, dass die sechste Sylbe, wenn ihr die Cäsur vorangeht, später noch seltener eine Länge ist als in früherer Zeit: ein Vorspiel der in der Brâhmaṇa-Periode zu beobachtenden völligen Verbannung der Länge von dieser Stelle.
c4.s2.t2.33
² Besonders in der Zulassung der Länge in der zweiten Sylbe nach der Cäsur zeigen sich erhebliche Schwankungen auch zwischen Liedern, welche man schwerlich in verschiedene Perioden der vedischen Poesie zu setzen haben wird.
c4.s2.t2.34
Zur statistischen Veranschaulichung des Gesagten theile ich hier zahlenmässige Ermittlungen für einige Lieder mit, zu deren Ergänzung ich auf meine früher veröffentlichten Zählungen ZDMG. XXXVII, 61, sowie auf die Zählungen Kühnau's verweise.
c4.s2.t2.35
| Gestalt der Sylben 5-7 resp. 6. 7 | VI, 1 | VI, 17¹) | X, 27 | X, 65 | X, 108 | X, 111 | X, 129²) | X, 168 | Summe |
| Cäsur nach 4. Sylbe ◡ ◡ — ◡ — ◡ ◡ ◡ ◡ ◡ ◡ ◡ ◡ — ◡ | 26 5 2 1 — | 12 7 13 2 2 | 33 4 5 1 2 | 16 12 — 1 2 | 8 5 5 3 1 | 21 10 1 — 1 | 5 3 2 1 — | 5 — 2 — 1 | 126 46 30 9 9 |
| Cäsur nach 5. Sylbe ◡ ◡ — ◡ ◡ ◡ ◡ — ◡ | 16 2 — | 18 3 — | 49 2 — | 28 — 1 | 22 — — | 5 2 — | 15 — — | 7 1 — | 160 10 1 |
c4.s2.t2.36
¹ Der dritte Pâda von V. 10, der keine Cäsur hat, ist unberücksichtigt geblieben.
c4.s2.t2.37
² Unberücksichtigt geblieben sind die Pâdas 6ᵇ und 7ᵇ.
c4.s2.t2.38
Das Ueberwiegen der langen siebenten Sylbe in den ersten dieser Fälle³) legt die Annahme nahe, dass diese Sylbe als Trägerin des Ictus aufzufassen ist (also ◡ ◡ — ˊ), um so viel mehr, als in dem Parallelfall mit der Cäsur nach der fünften, wo auch die Combination ◡ ◡ — entsteht, die Länge, dem Versausgang angehörend, offenbar gleichfalls eine Ictussylbe ist. Der Ictus wird vorbereitet und hervorgehoben durch eine (— ˊ), meistens sogar durch zwei (◡ ◡ ˊ) vorangehende Kürzen. In der Messung ◡ ◡ ◡ scheint mir, unter Aufgabe dieses Ictus, ein durch drei Sylben statt der zwei fortgehendes Hinleiten auf den Ictus der achten Sylbe vorzuliegen. Da neben ◡ ◡ ◡ die Messung ◡ ◡ — in einer ähnlichen secundären Stellung erscheint, wie — ◡ — neben ◡ ◡ —, möchte ich Bedenken tragen, der Länge von ◡ ◡ — einen Ictus zuzuschreiben, und es vielmehr vorziehen, in ◡ ◡ — ein weniger scharf ausgeprägtes Aequivalent von ◡ ◡ ◡ zu sehen.
c4.s2.t2.39
³ Dasselbe giebt sich auch in metrischen Verlängerungen zu erkennen.
c4.s2.t2.40
Dass in den Messungen ◡ ◡ nur eine nachlässige Wiedergabe in erster Linie des regelmässigen Typus ◡ ◡ -, in zweiter der an ihn sich anschliessenden Typen vorliegt, halte ich für unwahrscheinlich: man würde dann von den in dem Schema ◡ ◡ ◡ enthaltenen Formen am häufigsten ◡ ◡ - (als für ◡ ◡ - stehend) anzutreffen erwarten. Dies ist nicht der Fall; ◡ ◡ - ist verglichen mit ◡ - - eher häufiger als seltener. Es scheint, dass wir die Formen mit langer sechste, indem wir darauf verzichten, sie als ungenaue Aequivalente der übrigen Typen anzusehen, so zu ordnen haben, dass wir ◡ ◡ ◡ (insonderheit ◡ ◡ -) als das Häufigere voranstellen; es folgt - - ◡. Darüber, ob die lange sechste als Ictussylbe anzusehen ist, wage ich keine Vermuthung.
c4.s2.t2.41
Es bleibt uns übrig, den Versausgang, d. h. die vier letzten Sylben des Pâda bei der Trishtubh, die fünf letzten bei der Jagatî zu erörtern. Die von den vedischen Dichtern als Norm festgehaltene Gestalt dieser Sylben ist ◡ ◡ ◡ ◡ resp. ◡ ◡ ◡ ◡ ◡; die grosse Regelmässigkeit, mit welcher die Längen des Schemas Formen wie janayâ, kṛiṇuhî etc. hervorrufen, zeugt von der Bestimmtheit, mit welcher jene metrische Gestalt als die gebotene empfunden wurde.
c4.s2.t2.42
Abweichungen von dem Schema, die sich selbst wieder durch ihr häufiges Auftreten als so zu sagen regelmässig im zweiten Grade characterisiren, giebt es nur in einem Punkte: statt der ersten Länge des Versausgangs¹ kann eine Kürze erscheinen, wenn es die Schluss-sylbe eines Wortes ist. Bisweilen gehören diese Schluss-sylben zu den vocalisch auslautenden, welche in der Ueberlieferung auch mit langem Vocal erscheinen (wie die Imperativendung -hi u. s. w.): man wird dann bei dem ausserordentlichen Ueberwiegen des langen Vocals an dieser Versstelle in der Ueberlieferung sich zu einer Textänderung wohl hinneigen dürfen¹). Aber im Ganzen sind doch beide Erscheinungen — die kurze Schlussylbe an der bezeichneten Versstelle statt der Länge und das Auftreten gewisser Schlussylben mit langem Vocal statt regelmässiger Kürzen — offenbar von einander zu sondern. An der viertletzten Stelle der Trishtubh erscheinen zahlreiche kurze Sylben — Vocale am Wortende und Vocale unterschiedlos vor schliessenden Consonanten jeder Art —, welche ausserhalb des Gebietes der in der Ueberlieferung als dehnbar anerkannten stehen: und eben in dieser Frage bewährt sich die Ueberlieferung als besonders treu²). Auf der andern Seite kommt die Dehnbarkeit von Sylben wie der Endung -hi an den verschiedensten Stellen aller Versmaasse zur Geltung: das Auftreten der kurzen Endsylbe aber, wie es an der viertletzten Stelle der Trishtubh beobachtet wird, ist eine Erscheinung, die an andern Stellen der vedischen Metra auch nicht annähernd mit der gleichen Häufigkeit wiederkehrt. Wir werden demnach meines Erachtens, ganz unabhängig von der Dehnbarkeit gewisser Schlussvocale, in zweiter Linie sämmtlichen kurzen Endsylben die Fähigkeit zuzusprechen haben, an der viertletzten Stelle der Trishtubh (resp. der fünftletzten der Jagatī) die dort überwiegend erscheinende Länge zu vertreten. Das Wortende ermöglicht eine Pause im Vortrag, welche die Zeitdauer der vorangehenden Kürze so weit dehnte, dass dieselbe den vedischen Verskünstlern für diese Stelle des Verses hinzureichen schien.
c4.s2.t2.43
¹ Also in der viertletzten Sylbe der Trishtubh, der fünftletzten der Jagatî.
c4.s2.t2.44
¹ Vergl. den Abschnitt über die metrischen Verlängerungen. Insonderheit muss hier auf die Stellen hingewiesen werden, an welchen nach einem Schlussvocal jener Art das nächste Wort vocalisch anlautet, also im überlieferten Text der Halbvocal oder die Contraction erscheint. Soll man câtayasvâmîvâm, ṣṇathihy amitrân auflösen câtayasvâ a. oder câtayasva a., ṣṇathihî a. oder ṣṇathihi a.? Die Prâtiśâkhya-Regel, welche die Dehnung nicht vor folgendem Vocal gestattet, darf man selbstverständlich nicht als gegen ṣṇathihî amitrân entscheidend ansehen.
c4.s2.t2.45
² Vergl. die Darstellung der metrischen Verlängerungen.
c4.s2.t2.46
Um die Behandlung der viertletzten Triṣṭubh-Sylbe möglichst concret zu veranschaulichen, theile ich eine von der Vollständigkeit hoffentlich nicht zu weit entfernte Sammlung aller Stellen des siebenten, an Triṣṭubh-Liedern besonders reichen Maṇḍala mit, welche jene Sylbe kurz zeigen. Zunächst im Fall der Schlussylbe:
c4.s2.t2.47
1, 1 dîdhitibhir araṇyoḥ grihapatim atharyum 3 dîdihi puro naḥ 7 apa daha arâtiḥ ¹) câtayasva amîvâm 15 amhasa' urushyât 18 surabhîṇi viantu 19 mâ rakshasa' ṛitâvaḥ 3, 1 nidhruvir ṛitâvâ 5 tam ushasi yavisṭham 6 rocasa' upâke 4, 3 saṃsadi anîke 6, 4 tamasi madantîḥ 17, 7 vi dadha' iyânaḥ 19, 5 namucim utâhan 7 sûrishu siâma 11 mimîhi upa stîn 20, 1 ṇrishadanam avobhiḥ 21, 9 viṣvaha siâma 25, 2 ṣnathihi amitrân
c4.s2.t2.48
¹ Ich setze diese und analoge Stellen der in der vorletzten Anm. erwähnten Kategorie hierher unter dem Vorbehalt, der sich aus dem dort Gesagten ergiebt.
c4.s2.t2.49
25, 2 kṛiṇuhi ninitsoḥ 5 devajûtam iyânâḥ 27, 5 vavṛityâma maghâya 28, 3 ˚tûtujir aṣiṣnat 4 aṇritam anenâḥ 5 brahmakṛitim aviṣṭhaḥ 29, 2 ṣṛiṇava' imâ naḥ 35, 6 iha ṣṛiṇotu 39, 2 bîṛita' iyâte 40, 1 dadhîmahi turâṇâm 4 varuṇa' ṛitasya aditir anarvâ 6 âghṛiṇa' irasyaḥ 41, 7 gomatîr na' ushâsaḥ 42, 3 ririca' upâke 4 vâriam iyatyai 45, 3 amatim urûcîm 52, 3 savitur iyânâḥ 56, 15 âdabhaḍ arâvâ 21 maruto nir arâma 59, 8 prati sa mucîshṭa 61, 2 dîrghaśrud iyarti 65, 4 ukshatam iḷâbhiḥ 68, 8 apinvatam apo na 70, 3 mûrdhani sadantâ 73, 3 pathàm urâṇâḥ ¹) [75, 1 tama âvar ajushṭam] 84, 2 kṛiṇavad ulokam 86, 3 varuṇa didṛikshu[ḥ] 4 jighâṃsasi sakhâyam 6 kanîyasa upâre
c4.s2.t2.50
¹ Die Stelle gehört hierher, wenn das â von pathâm als Aequivalent zweier Kürzen aufzufassen ist.
c4.s2.t2.51
92, 1 madiam ayâmi 4 yudhâ nṛibhir amitrân 93, 6 somasutim upa naḥ 95, 5 sarasvati jushasva 6 sarasvati Vasiṣṭhaḥ 98, 3 mahimânam uvâca 99, 4 cakrathur ulokam 100, 5 tavasam atavyân 104, 12 yatarad rijîyaḥ 17 rakshasa’ upabdaiḥ.
c4.s2.t2.52
Hierzu kommen folgende Stellen in dem selteneren Jagatî-Metrum:
c4.s2.t2.53
32, 5 sahasrâṇi śatâ dadat 18 didhisheya radâvaso 59, 2 tirate vi mahîr ishaḥ.
c4.s2.t2.54
Das Verzeichniss würde noch länger werden, wenn man diejenigen im überlieferten Text auf nn ausgehenden Formen, welche in der That mit einfachem n zu schreiben sind, sowie die auf e und o vor folgendem a ausgehenden Formen, deren Schlussylbe in Wahrheit kurz ist, in dasselbe aufnähme. Es stehen den angegebenen Fällen nur die folgenden gegenüber, in welchen die viertletzte resp. fünftletzte Sylbe der Reihe eine nicht den Wortschluss bildende kurze ist:
c4.s2.t2.55
12, 1 viṣvataḥ pratiañcam 19, 10 narâṃ nṛitama tubhyam 38, 2 savitaḥ śrudhi asya 42, 6 viṣvapsniasia staut 49, 1 aniviṣamânâḥ 50, 1 varuṇâ iha rakshatam.
c4.s2.t2.56
Also aus dem ganzen Maṇḍala weniger Stellen für kurze Sylben, die nicht Schlussosylben sind, als allein aus dem ersten Hymnus des Maṇḍala für kurze Schlussosylben beigebracht worden sind, so dass die eigenartige Behandlung der Schlussosylbe an der bezeichneten Stelle der elf- resp. zwölfsylbigen Verszeile über jeden Zweifel constatirt ist.
c4.s2.t2.57
Wie an der viertletzten Stelle der Trishṭubh bei nicht wortschliessenden Sylben, so finden sich auch an den übrigen Stellen des Versausgangs Nichtbeachtungen der Quantität als sporadische, verhältnismässig übrigens seltene Anomalien. Man wird nicht, wie uns dies bei gewissen Bildungen der achtsylbigen Zeile wahrscheinlich wurde, anzunehmen haben, dass in diesen Fällen dem regelmässigen Rhythmus ein anderer substituirt sei, sondern jener Rhythmus ist eben hier und da mit einem sprachlichen Gewande bekleidet, welches ihm nur mangelhaft passt. In einigen Fällen deutet die stete Wiederkehr der gleichen scheinbaren Unregelmässigkeiten bei demselben Worte, bisweilen sogar das directe Fehlen von Stellen, an welchen ein Wort ohne Anstoss sich der metrischen Norm fügte, auf eine von der überlieferten abweichende Gestalt solcher Worte (pavâka für pâvaka, mṛiḷ- für mṛiḷ- u. s. w.); wir werden auf Fälle dieser Art an anderm Orte zurückzukommen haben. Im Ganzen aber zeigt der meist völlig sporadische Character jener Anomalien und die allen orthoepischen Conjecturen sich oft absolut entziehende Gestalt der dabei in Betracht kommenden Worte, dass es sich um nicht mehr handelt, als um Licenzen der vedischen Poeten, die eine weitere Erklärung weder verlangen noch zulassen.
c4.s2.t2.58
Für die neunte Stelle der beiden Verszeilen mag die Anführung weniger Versausgänge mit der Länge statt der Kürze genügen. Man findet am Schluss von Triṣṭubh-Zeilen z. B. nakshanta, mamśiṣṭa, vītam naḥ, hotādhruk, sūryasya, Kutsāya, indo vāyūn, adrer aruṇoḥ, tām śiksha. Am Schluss von Jagatī-Zeilen (wie es scheint, seltener als bei der Triṣṭubh): mṛiḷatām (lies mṛiḷatām) aṣvinā, āyur jīvase, somasubhiḥ somapāḥ, yābhis tūrvatha u. s. w.
c4.s2.t2.59
Etwas häufiger sind Anomalien an der zehnten Stelle der Verszeile, der vorletzten Sylbe in der Triṣṭubh, der drittletzten in der Jagatī. Es scheint, dass die Triṣṭubh nicht alle Kürzen mit gleicher Leichtigkeit an dieser Stelle zulässt. So wenig es hier thunlich ist, feste Regeln aufzustellen, kann man doch so viel sagen, dass im Ganzen die kurze wurzelhafte Penultima eines zweisylbigen Wortes im Ausgang der Triṣṭubh eher an Stelle einer Länge zugelassen wird, als die einem Suffix angehörige Penultima eines mehr als zweisylbigen Wortes. Wir führen als am Schluss der Triṣṭubh gebraucht an: viṣaḥ, ushāḥ, naraḥ, patim, rasam, rajaḥ, vidat, udan, ahan, ratham, sakhā, ishe u. s. w. Von mehrsylbigen Worten besonders häufig die Superlative auf -tama sowie die verschiedenen Casus von ishira; vereinzelt Fälle wie girvaṇasam VI, 50, 6, rathavate I, 122, 11, yunajan VI, 67, 11 u. dgl. mehr. — Die drittletzte Sylbe der Jagatī, welche genau unter denselben prosodischen Bedingungen steht, wie die drittletzte der Gāyatrī, erscheint als Kürze etwa bei demselben Kreis von Worten, von welchem bei der Gāyatrī die Rede gewesen ist; es finden sich Jagatī-Ausgänge wie tavishīḥ, haviaḥ (häufig), dadhishe, vasavaḥ, avasā (häufig), vipravacasaḥ, duritā, aber auch āmurim uta etc.
c4.s2.t2.60
Die Länge an der vorletzten Stelle der Jagatī (wie z. B. in dadhidhve I, 168, 1, Pākasthāmānam VIII, 3, 24, dīrghasrut VIII, 25, 17) ist überaus selten.
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- Ṛgvedasaṃhitā — Sanskrit