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Geschichte der indischen Litteratur v1: Volume 1

Geschichte der indischen Litteratur v1

Language
German

Contents

Volume 1

Front matter

v1.c1.3

Die Litteraturen des Ostens in Einzeldarstellungen

v1.c1.4

Bearbeitet von

v1.c1.5

Dr. G. Alexici, Budapest; Prof. D. A. Bertholet, Basel; Prof. Dr. C. Brockelmann, Königsberg; Prof. Dr. A. Brückner, Berlin; Prof. Dr. K. Budde, Marburg; Privatdozent Dr. K. Dieterich, Leipzig; Prof. Dr. F. N. Finck, Berlin; Prof. Dr. K. Florenz, Tokyo; Prof. Dr. W. Grube (†), Berlin; Prof. Dr. P. Horn (†), Straßburg; Privatdozent Dr. J. Jakubec, Prag; Prof. Dr. I. Kont, Paris; Privatdozent Dr. Johs. Leipoldt, Halle; Prof. Dr. Enno Littmann, Straßburg i. E.; Prof. Dr. M. Murko, Graz; Privatdozent Dr. A. Novák, Prag; Prof. Dr. M. Winternitz, Prag

v1.c1.6

Neunter Band

v1.c1.7

Geschichte der indischen Litteratur

v1.c1.8

von

v1.c1.9

Dr. M. Winternitz Professor an der deutschen Universität in Prag

v1.c1.10

Erster Band

v1.c1.11

Zweite Ausgabe

v1.c1.12

Leipzig C. F. Amelangs Verlag

Geschichte der indischen Litteratur

v1.c2.1

Von

v1.c2.2

Dr. M. Winternitz

v1.c2.3

a. ö. Professor an der deutschen Universität in Prag

v1.c2.4

Erster Band

v1.c2.5

Einleitung — Der Veda — Die volkstümlichen Epen und die Purāṇas

v1.c2.6

Zweite Ausgabe

v1.c2.8

Leipzig

v1.c2.9

C. F. Amelangs Verlag

v1.c2.10

Herrn

v1.c2.11

Dr. Leopold von Schroeder,

v1.c2.12

Professor an der Wiener Universität, wirklichem Mitglied der kaiserl. Akademie der Wissenschaften in Wien etc. etc.

v1.c2.13

in aufrichtiger Verehrung und Dankbarkeit

v1.c2.14

gewidmet

v1.c2.15

vom Verfasser.

Vorwort

v1.c3.1

»Nicht an gelehrte Kreise, sondern an die Gebildeten der Nation« wendet sich, wie es in einer Ankündigung des Verlags heifst, die Sammlung, in welcher der vorliegende, dem ältesten Zeitraum der indischen Litteratur gewidmete Band erscheint. Diesem Plane gemäfs hat mir im Verlaufe meiner Arbeit stets der Leser vorgeschwebt, der von der indischen Litteratur noch gar nichts weifs und keinerlei indologische Fachkenntnisse besitzt; — allerdings nicht derjenige, der nur in einer flüchtigen Stunde auch einmal etwas über indische Litteratur erfahren möchte, sondern derjenige, der sich mit ihr so gründlich vertraut machen will, als es ohne Kenntnis der indischen Sprachen überhaupt möglich ist. Eine Geschichte der indischen Litteratur kann aber nicht wie eine deutsche, englische oder französische Litteraturgeschichte eine blofse Darstellung des Entwicklungsganges eines als bekannt vorauszusetzenden Schrifttums sein, sondern sie mufs den deutschen Leser in allen Fällen, wo es keine deutschen Übersetzungen gibt — und leider ist dies die Mehrzahl der Fälle —, auch über den Inhalt der Litteraturerscheinungen durch Auszüge und Inhaltsangaben so weit als möglich unterrichten. Mit anderen Worten: Die Litteraturgeschichte mufs auch zugleich Litteraturbeschreibung sein. Gerade von den volkstümlichen Epen und den Purāṇas, mit denen sich die zweite Hälfte des vorliegenden Bandes beschäftigt, sind bisher nur sehr wenige Stücke in deutschen Übersetzungen bekannt geworden. Hier mufsten umfängliche Inhaltsangaben und Auszüge gegeben werden, wenn der Leser irgendeine Vorstellung von den behandelten Werken gewinnen sollte.

v1.c3.2

Dadurch schwoll nun freilich der Band zu einem gröfseren Umfange an, als ursprünglich vorgesehen war. Und noch ein zweiter Umstand trug hierzu bei. Gerade die in diesem Bande behandelte älteste indische Litteratur schwebt in chronologischer Beziehung gewissermaſsen in der Luft. Kein einziges von den vielen und umfangreichen Werken, welche zum Veda, zur volkstümlichen Epik oder zu den Purāṇas gehören, kann mit Sicherheit auch nur diesem oder jenem Jahrhundert zugeschrieben werden. Es ist aber einfach unmöglich, in einem Satz oder in wenigen Zeilen über das Alter des Veda, des Mahābhārata, des Rāmāyaṇa und selbst der Purāṇas Aufschluſs zu geben. Auch für den Laien genügt es da nicht, wenn man ihm sagt, daſs wir über die Zeit dieser Werke nichts Sicheres wissen. Es ist notwendig, die Grenzen abzustecken, innerhalb deren sich unser — Nichtwissen bewegt, und die Gründe anzugeben, auf welche sich eine annähernde, wenn auch nur vermutungsweise gegebene Zeitbestimmung dieser Werke stützt. Darum muſsten den Fragen nach dem Alter des Veda, der Epen und der Purāṇas gröſsere Abschnitte gewidmet werden. Ich betone ausdrücklich, daſs auch diese Kapitel nicht etwa nur für den Fachmann, sondern in erster Linie für den oben gekennzeichneten Laien, den ich als Leser im Auge hatte, geschrieben sind. Wenn sie trotzdem auch für den Fachmann manches Neue — und wohl auch manches, was zum Widerspruch herausfordern dürfte — enthalten sollten, so liegt dies daran, daſs es sich hier um Fragen handelt, die gerade erst in den letzten Jahren Gegenstand von neuen Untersuchungen, neuen Entdeckungen und vielfachen Kontroversen gewesen sind.

v1.c3.3

Die in den Anmerkungen gegebenen Litteraturnachweise sind zum Teil für den Fachmann berechnet, dem gegenüber sie den Standpunkt des Verfassers in den wichtigsten Streitfragen rechtfertigen sollen. Es ist ja selbstverständlich, daſs ein Buch, das sich an die »Gebildeten der Nation« wendet, auch vor dem Urteil des Fachmannes bestehen und sich diesem vollständig unterwerfen muſs. Andrerseits habe ich aber auch Gewicht darauf gelegt, in den für den Nichtfachmann bestimmten Anmerkungen auf alle nur irgendwie zugänglichen deutschen — und wo diese fehlen, auch auf die englischen und französischen — Übersetzungen hinzuweisen. Benutzt habe ich diese Übersetzungen nur in wenigen Fällen, wo sie mir das Original in besonders vortrefflicher Weise wiederzugeben schienen. Wo kein anderer Übersetzer genannt ist, rühren die Übersetzungen von mir selbst her.

v1.c3.4

Daſs der ursprünglich bestimmte Rahmen eines Bandes sich für diese indische Litteraturgeschichte als zu eng erwies, wird nach dem Gesagten nicht überraschen. Und ich bin dem Herrn Verleger aufrichtig dankbar, daſs er sich den für die Erweiterung des ursprünglich geplanten Rahmens geltend gemachten Gründen nicht verschloſs und zu einem zweiten Band seine Zustimmung gab. Diese Erweiterung entspricht auch durchaus dem Umfang und der Bedeutung der indischen Litteratur — wofür ich wohl auf die Einleitung (S. 1 ff.) verweisen darf. Behandelt der vorliegende Band in gewissem Sinne die »vorgeschichtliche« Zeit der indischen Litteratur — wenigstens in ihren Anfängen reichen ja sowohl der Veda als auch die Volksepen in nebelhafte, durch keine Jahreszahlen festzuhaltende Fernen zurück —, so soll der zweite Band mit der buddhistischen Litteratur beginnen und den Leser in die Litteratur der eigentlich geschichtlichen Zeit Indiens einführen.

v1.c3.5

Über die Werke, aus denen ich geschöpft habe, und denen ich zu Danke verpflichtet bin, geben die Anmerkungen zu den einzelnen Abschnitten Aufschluſs. Was ich den grundlegenden ›Akademischen Vorlesungen über indische Literaturgeschichte‹ von Albrecht Weber (2. Aufl., Berlin 1876) und den so überaus anregenden und wertvollen Vorlesungen über ›Indiens Literatur und Kultur in historischer Entwicklung‹ von Leopold v. Schroeder (Leipzig 1887) verdanke, konnte natürlich nicht in jedem einzelnen Falle verzeichnet werden. Manches verdanke ich auch, ohne daſs es immer besonders erwähnt wäre, den wertvollen ›Bulletins des Religions de l'Inde‹ von A. Barth (in der Revue de l'Histoire des Religions, t. I, III, V, XI, XIV, XXVIII f., XLI f., und XLV (1880—1902). Die geistvollen Essays von H. Oldenberg, ›Die Literatur des alten Indien‹ (Stuttgart und Berlin 1903), haben es mehr mit einer ästhetischen Betrachtung und Würdigung der indischen Litteratur zu tun, die meinen Absichten ferner lag. Die für ihre Zwecke ganz nützlichen Werke von A. Baumgartner (Geschichte der Weltliteratur II. Die Literaturen Indiens und Ostasiens, 3. und 4. Aufl., Freiburg i. B. 1902), A. A. Macdonell (A History of Sanskrit Literature, London 1900) und V. Henry (Les Littératures de l'Inde, Paris 1904) boten mir kaum etwas Neues. Die überaus kurze, in ihrer Kürze aber ganz vortreffliche Übersicht über die indische Litteratur von Richard Pischel in Teil I, Abteilung VII (»Die orientalischen Literaturen«) des Sammelwerkes »Die Kultur der Gegenwart« (Berlin und Leipzig 1906), erschien erst, als mein Manuskript bereits fertig und zum Teil gedruckt war. Nicht unerwähnt möchte ich die Dienste lassen, welche mir die für jeden Orientalisten so unentbehrliche »Orientalische Bibliographie« von Lucian Scherman geleistet. Schließlich sei noch allen jenen, welche den ersten, vor zwei Jahren erschienenen Halbband einer wohlwollenden Besprechung oder einer sachlichen Kritik unterzogen, mein inniger Dank ausgesprochen.

v1.c3.6

Prag-Kgl. Weinberge, den 15. Oktober 1907.

v1.c3.7

M. Winternitz.

Inhalt

v1.c4.1

| | | Seite |
| Vorwort | . . . . . | VII |
| In den Anmerkungen gebrauchte Abkürzungen | . . . . . | XII |
| Über die Aussprache indischer Namen und Ausdrücke | . . . . . | XIII |
| **Einleitung** | . . . . . | 1 |
| Umfang und Bedeutung der indischen Litteratur | . . . . . | 1 |
| Die Anfänge des Studiums der indischen Litteratur in Europa | . . . . . . . . | 8 |
| Die Chronologie der indischen Litteratur | . . . . . | 23 |
| Die Schrift und die Überlieferung der indischen Litteratur | . . . . . . . . | 28 |
| Die indischen Sprachen in ihrem Verhältnis zur Litteratur | . . . . . . . . | 37 |

v1.c4.2

I. Abschnitt.

v1.c4.3

| **Der Veda oder die vedische Litteratur** | . . . . . | 47 |
| Was ist der Veda? | . . . . . | 47 |
| Die Rigveda-Saṃhitā | . . . . . | 51 |
| Die Atharvaveda-Saṃhitā | . . . . . | 103 |
| Das altindische Opfer und die vedischen Saṃhitās | . . . . . . . . . . | 138 |
| Die Sāmaveda-Saṃhitā | . . . . . | 142 |
| Die Saṃhitās des Yajurveda | . . . . . | 147 |
| Die Brāhmaṇas | . . . . . | 163 |
| Āraṇyakas und Upaniṣads | . . . . . | 196 |
| Die Grundlehren der Upaniṣads | . . . . . | 210 |
| Die Vedāṅgas | . . . . . | 229 |
| Die Rituallitteratur | . . . . . | 232 |
| Die exegetischen Vedāṅgas | . . . . . | 240 |
| Das Alter des Veda | . . . . . | 246 |

v1.c4.4

II. Abschnitt.

v1.c4.5

| **Die volkstümlichen Epen und die Purāṇas** | . . . . . | 259 |
| Die Anfänge der epischen Dichtung in Indien | . . . . . | 259 |
| Was ist das Mahābhārata? | . . . . . | 263 |
| Die Haupterzählung des Mahābhārata | . . . . . | 273 |
| Alte Heldendichtung im Mahābhārata | . . . . . | 319 |

v1.c4.6

Brahmanische Mythen- und Legendendichtung im Mahābhārata . . . . . 330 Fabeln, Parabeln und moralische Erzählungen im Mahābhārata . . . . . 348 Die lehrhaften Abschnitte des Mahābhārata . . . . . 362 Der Harivaṁśa, ein Anhang zum Mahābhārata . . . . . . . . . . . 378 Das Alter und die Geschichte des Mahābhārata . . . . . . . . . . . 389 Das Rāmāyaṇa, Volksepos und Kunstdichtung zugleich . . . . 404 Inhalt des Rāmāyaṇa . . . . . 407 Echtes und Unechtes im Rāmāyaṇa . . . . . 423 Das Alter des Rāmāyaṇa . . . . . 427 Die Purāṇas und ihre Stellung in der indischen Litteratur . . . . 440 Übersicht über die Purāṇa-Litteratur . . . . . 450 **Index** . . . . . 484

In den Anmerkungen gebrauchte Abkürzungen

v1.c5.1

Bibl. Ind. = Bibliotheca Indica (Kalkutta). Grundriſs = Grundriſs der indo-arischen Philologie und Altertumskunde, begründet von Georg Bühler, fortgesetzt von F. Kielhorn (Straſsburg, Trübner). Ind. Ant. = Indian Antiquary (Bombay). JRAS = Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland. SBE = Sacred Books of the East, edited by F. Max Müller. WZKM = Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes. ZDMG = Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft.

Über die Aussprache indischer Namen und Ausdrücke

v1.c6.1

Vokale. Man spreche ṛ als vokalischen r-Laut wie das tschechische vokalisierte r oder wie r in »Bäck'r«. Im Sanskrit (nicht im Prākrit) sind e und o immer lang wie in »beten« und »Sohn« zu sprechen.

v1.c6.2

Palatale. Man spreche c ungefähr wie tsch in »klatschen« oder wie ch im englischen »child«; j wie dsch oder wie englisches j in »just«.

v1.c6.3

Die Zerebralen ṭ, ṭh, ḍ, ḍh, ṇ werden wie t, th, d, dh, n im Englischen gesprochen, indem die Zungenspitze nach dem Gaumendach auf- und zurückgebogen wird.

v1.c6.4

Halbvokale. Man spreche y wie deutsches j in »jeder«, und v wie w in »wissen«.

v1.c6.5

Zischlaute. Man spreche š palatal wie slavisches š oder wie französisches j in »jeu«, ṣ zerebral wie sch im deutschen »schon«.

v1.c6.6

Nasale. Man spreche gutturales ṅ wie n in »klingen«, palatales ñ wie das mouillierte n im französischen »montagne« und ṃ wie auslautendes französisches n in »Jean«.

v1.c6.7

Die Aspiraten kh, gh, ch, jh u. s. w. sind mit nachstürzendem Hauch zu sprechen, z. B. kh wie in »Backhuhn«, ph wie in »Klapphorn«, th wie in »Bethaus« u. s. w.

v1.c6.8

Der Hauchlaut ḥ ist wie ein deutsches h mit leisem Nachklang des vorausgehenden Vokals zu sprechen, z. B. devaḥ wie devaḥ(a).

v1.c6.9

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Einleitung

Umfang und Bedeutung der indischen Litteratur

v1.c7.s1.1

Die Geschichte der indischen Litteratur ist die Geschichte der in Sprache und Schrift zum Ausdruck gebrachten Geistesarbeit von mindestens drei Jahrtausenden. Und die Stätte dieser durch Jahrtausende hindurch fast ununterbrochen fortgesetzten Geistesarbeit ist ein Land, welches vom Hindukusch bis zum Kap Komorin reicht und einen Flächenraum von anderthalb Millionen englischen Quadratmeilen bedeckt, an Umfang sonach dem ganzen Europa mit Ausschlufs von Rufsland gleichkommt, — ein Land, das sich vom achten bis zum fünfunddreifsigsten Grad nördlicher Breite, also von den heifsesten Gegenden des Äquators bis weit in die gemäfsigte Zone hinein erstreckt. Der Einflufs aber, den diese Litteratur schon in alter Zeit auf das geistige Leben anderer Völker geübt hat, reicht weit über die Grenzen Indiens hinaus nach Hinterindien, nach Tibet, bis China, Japan und Korea und im Süden über Ceylon und die malaiische Halbinsel hinweg weithin über die Inselwelt des Indischen und des Stillen Ozeans, während nach dem Westen hin sich die Spuren indischen Geisteslebens bis tief in Zentralasien hinein nach Ostturkestan verfolgen lassen, wo im Wüstensande vergraben indische Handschriften gefunden worden sind.

v1.c7.s1.2

Ihrem Inhalte nach umfasst die indische Litteratur alles, was das Wort »Litteratur« im weitesten Sinne einschlieſst: religiöse und weltliche, epische, lyrische, dramatische und didaktische Poesie sowie auch erzählende und fachwissenschaftliche Prosa.

v1.c7.s1.3

Im Vordergrunde steht die religiöse Litteratur. Nicht nur die Brahmanen in ihrem Veda und die Buddhisten in ihrem Tipiṭaka, sondern auch viele andere der zahlreichen religiösen Sekten, welche in Indien aufgetaucht sind, haben eine Unmasse von Litteraturwerken — Hymnen, Opferlieder, Zaubergesänge, Mythen und Legenden, Predigten, theologische Abhandlungen und Streitschriften, Lehrbücher des Rituals und der religiösen Ordnung — aufzuweisen. In dieser Litteratur ist für die Religionsgeschichte ein geradezu unschätzbares Material aufgehäuft, an dem kein Religionsforscher achtlos vorübergehen kann. Neben dieser Jahrtausende zurückreichenden und bis zum heutigen Tage immer noch fortgesetzten Tätigkeit auf dem Gebiete der religiösen Litteratur hat es in Indien schon seit ältester Zeit auch Heldengesänge gegeben, welche im Laufe der Jahrhunderte sich zu zwei groſsen Volksepen — dem Mahābhārata und dem Rāmāyaṇa — verdichteten. Aus den Sagenstoffen dieser beiden Epen schöpften Jahrhunderte hindurch die Dichter des indischen Mittelalters, und es entstanden epische Dichtungen, die man im Gegensatz zu jenen Volksepen als Kunstepen bezeichnet. Wenn aber diese Kunstdichtungen wegen ihrer oft alles Maſs überschreitenden Künstelei unserem Geschmack keineswegs immer entsprechen, haben uns indische Dichter Werke der Lyrik und der Dramatik hinterlassen, die sich an Zartheit und Innigkeit, zum Teil auch an dramatischer Gestaltungskraft mit den schönsten Schöpfungen der modernen europäischen Litteratur vergleichen lassen. Und auf einem Gebiete der schönen Litteratur, auf dem der Spruchdichtung, haben es die Inder zu einer Meisterschaft gebracht, die von keinem anderen Volke je erreicht worden ist. Indien ist auch das Land der Märchen- und Fabeldichtung. Die indischen Sammlungen von Märchen, Fabeln und Prosaerzählungen haben in der Geschichte der Weltlitteratur keine geringe Rolle gespielt. Ja, die Märchenforschung — das so anziehende Studium der Märchen und der Verfolgung der Märchenmotive auf ihren Wanderungen von Volk zu Volk — ist erst im Anschluſs an Benfeys grundlegendes Werk über die indische Fabelsammlung Pañcatantra zu einem eigenen Wissenszweig geworden.

v1.c7.s1.4

Es gehört aber zu den Merkwürdigkeiten des indischen Geistes, dass derselbe zwischen dem rein künstlerischen Schaffen und der wissenschaftlichen Betätigung nie eine strenge Grenzlinie gezogen hat, so dass eine Scheidung zwischen »schöner Litteratur« und »fachwissenschaftlicher Litteratur« in Indien eigentlich nicht möglich ist. Was uns als eine Sammlung von Märchen und Fabeln erscheint,, gilt den Indern als ein Lehrbuch der Politik und der Moral. Anderseits sind Geschichte und Biographie in Indien nie anders als von Dichtern und als eine Abart der epischen Dichtung behandelt worden. Eine Scheidung zwischen den Formen der Poesie und der Prosa gibt es in Indien eigentlich auch nicht. Jeder Gegenstand kann ebensogut in Versen als in Prosaform behandelt werden. Wir finden Romane, die sich von den Kunstepen nur dadurch unterscheiden, dass ihnen die metrische Form fehlt. Eine besondere Vorliebe finden wir seit der ältesten Zeit für die Mischung von Prosa und Vers. Und für das, was wir fachwissenschaftliche Litteratur nennen, ist in Indien nur zum kleinen Teil die Prosaform, in weit gröfserem Umfange aber der Vers verwendet worden. Dies gilt von Werken über Philosophie und Recht ebenso wie von solchen über Medizin, Astronomie, Architektur usw. Ja, selbst Grammatiken und Wörterbücher haben die Inder in metrischer Form abgefafst. Und es ist vielleicht nichts charakteristischer, als daſs es ein groſses Kunstepos in 22 Gesängen gibt, welches den ausgesprochenen Zweck verfolgt, die Regeln der Grammatik zu illustrieren und einzuschärfen. Die Philosophie ist in Indien frühzeitig — und zwar zuerst im Anschluſs an die religiöse Litteratur, später aber auch unabhängig von derselben — Gegenstand litterarischer Betätigung gewesen. Desgleichen ist schon in sehr alter Zeit Recht und Sitte — und zwar gleichfalls zuerst im Zusammenhang mit der Religion — zum Gegenstand einer eigenen, teils in Versen, teils in Prosa abgefafsten Rechtslitteratur gemacht worden. Die Bedeutung dieser Rechtslitteratur für die vergleichende Rechtsforschung und die Gesellschaftswissenschaft wird heute auch von hervorragenden Juristen und Soziologen vollauf gewürdigt. Jahrhunderte vor Christi Geburt ist in Indien auch schon Grammatik getrieben worden, eine Wissenschaft, in welcher die Inder alle Völker des Altertums weit überragen. Auch die Lexikographie reicht in ein hohes Alter hinauf. Die indischen Kunstdichter der späteren Zeit haben nicht gesungen, was ihnen ein Gott gegeben, sondern sie studierten die Regeln der Grammatik und suchten in Wörterbüchern nach seltenen und poetischen Ausdrücken; sie dichteten nach den Lehren und Regeln, welche in wissenschaftlichen Werken über Metrik und Poetik niedergelegt waren. Von jeher hatte der indische Geist eine besondere Vorliebe für das Schematisieren und für die pedantische wissenschaftliche Behandlung aller möglichen Gegenstände. Wir finden daher in Indien nicht allein eine reiche und zum Teil alte Litteratur über Medizin, Astrologie und Astronomie, Arithmetik und Geometrie, sondern auch Musik, Gesang, Tanz und Schauspielkunst, Zauberei und Mantik, ja, selbst die Erotik sind in wissenschaftliche Systeme gebracht und in eigenen Lehrbüchern behandelt worden.

v1.c7.s1.5

In jedem einzelnen der hier aufgezählten Litteraturzweige hat sich aber im Laufe der Jahrhunderte eine schier unübersehbare Menge von litterarischen Erzeugnissen angehäuft; nicht zum wenigsten auch dadurch, daſs auf fast allen Gebieten der religiösen Litteratur sowohl wie der Dichtung und der Wissenschaft die Kommentatoren eine überaus eifrige Tätigkeit entfalteten. So sind namentlich einige der bedeutendsten und umfangreichsten Werke über Grammatik, Philosophie und Recht nur Kommentare zu älteren Werken. Und zu diesen Kommentaren sind gar oft wieder Kommentare verfaſst worden. Ja, es ist in Indien nichts Seltenes, daſs ein Autor seinem eigenen Werke einen Kommentar beigegeben hat. So ist es denn kein Wunder, daſs die Gesamtmasse der indischen Litteratur nahezu überwältigend ist. Und trotzdem die Verzeichnisse indischer Handschriften, die in indischen und europäischen Bibliotheken vorhanden sind, viele Tausende von Büchertiteln und Verfassernamen enthalten, sind doch auch zahllose Werke der indischen Litteratur verloren gegangen, und viele Namen alter Autoren sind nur durch Zitate bei späteren Schriftstellern bekannt oder auch ganz verschollen.

v1.c7.s1.6

Alle diese Tatsachen — das Alter, die weite geographische Verbreitung, der Umfang und die Reichhaltigkeit, der ästhetische und noch mehr der kulturgeschichtliche Wert der indischen Litteratur — würden vollauf genügen, um unser Interesse für diese groſse, eigenartige und alte Litteratur gerechtfertigt erscheinen zu lassen. Es kommt aber noch etwas hinzu, was gerade der indischen Litteratur ein ganz besonderes Interesse verleiht. Die indo-arischen Sprachen bilden zusammen mit den iranischen den östlichsten Zweig jener groſsen Sprachenfamilie, zu welcher auch unsere Sprache und überhaupt die meisten Sprachen Europas gehören, und die man als indogermanisch bezeichnet. Gerade die indische Litteratur war es ja, deren Erforschung zur Entdeckung dieser Sprachenverwandtschaft geführt hat, — einer Entdeckung, die darum so wahrhaft epochemachend war, weil sie auf die vorgeschichtlichen Völkerbeziehungen ein so überraschend neues Licht warf. Denn von der Verwandtschaft der Sprachen muſste man auf eine ehemalige Sprachen-einheit und von dieser wieder auf eine engere Zusammengehörigkeit der diese indogermanischen Sprachen redenden Völker schliefsen. Wohl sind über diese Verwandtschaft der indogermanischen Völker noch heute bedenkliche Irrtümer verbreitet. Man spricht von einer indogermanischen »Rasse«, die es gar nicht gibt und nie gegeben hat. Man hört noch zuweilen, daſs Inder, Perser, Griechen, Römer, Germanen und Slawen eines und desselben Blutes, Abkömmlinge eines und desselben indogermanischen »Urvolkes« sind. Das waren allzu voreilige Schluſsfolgerungen. Wenn es aber auch mehr als zweifelhaft ist, ob die Völker, welche indogermanische Sprachen reden, alle von denselben Urahnen abstammen, so darf doch das nicht bezweifelt werden, daſs die Gemeinsamkeit der Sprache, dieses wichtigsten Werkzeuges aller geistigen Betätigung, eine Geistesverwandtschaft und eine Kulturgemeinschaft voraussetzt. Wenn auch die Inder nicht Fleisch von unserem Fleisch und Blut von unserem Blut sind, so können wir doch in der indischen Gedankenwelt Geist von unserem Geist entdecken. Um aber zur Erkenntnis des »indogermanischen Geistes«, d. h. dessen zu gelangen, was man als indogermanische Eigenart im Denken und Sinnen und Dichten dieser Völker ansprechen kann, ist es durchaus notwendig, daſs unsere einseitige Kenntnis indogermanischen Wesens, wie wir sie durch das Studium europäischer Litteraturen erlangt haben, durch die Bekanntschaft mit dem indogermanischen Geist, wie er sich im fernen Osten betätigt hat, ergänzt wird. Darum bildet gerade die indische Litteratur eine notwendige Ergänzung zur klassischen Litteratur Altgriechenlands und Roms für jeden, der sich vor einer einseitigen Betrachtung indogermanischen Wesens bewahren will. Wohl kann sich die indische Litteratur an künstlerischem Wert nicht mit der griechischen vergleichen; gewiſs hat die indische Gedankenwelt auf das moderne europäische Geistesleben nicht im entferntesten einen Einfluss geübt wie die griechische und römische Kultur. Aber wenn wir die Anfänge unserer eigenen Kultur, wenn wir die älteste indogermanische Kultur verstehen lernen wollen, so müssen wir nach Indien gehen, wo uns die älteste Litteratur eines indogermanischen Volkes erhalten ist. Denn wie immer die Frage nach dem Alter der indischen Litteratur entschieden werden mag, so viel dürfte doch sicher sein, dass das älteste Litteraturdenkmal der Inder zugleich das älteste indogermanische Litteraturdenkmal ist, das wir besitzen.

v1.c7.s1.7

Aber auch der unmittelbare Einfluss, welchen die Litteratur Indiens auf unsere eigene Litteratur ausgeübt hat, ist nicht gar zu gering anzuschlagen. Wir werden sehen, dass die erzählende Litteratur Europas in nicht geringem Grade von der indischen Märchenlitteratur abhängig ist. Und gerade die deutsche Litteratur und die deutsche Philosophie ist seit dem Beginn des neunzehnten Jahrhunderts von indischen Gedankenkreisen vielfach beeinflusst worden; und es ist durchaus wahrscheinlich, dass dieser Einfluss noch in Zunahme begriffen ist und sich im Laufe unseres Jahrhunderts noch steigern wird.

v1.c7.s1.8

Denn jene Geistesverwandtschaft, welche aus der indogermanischen Spracheneinheit erschlossen wird, ist auch noch heute deutlich erkennbar und nirgends so sehr als zwischen Indern und Deutschen. Auf die auffallenden Übereinstimmungen zwischen deutschem und indischem Geist ist schon öfter hingewiesen worden¹. »Die Inder«, sagt Leopold von Schroeder, »sind das Volk der Romantik im Altertum; die Deutschen sind es in der neueren Zeit.« Auf den Hang zur beschaulichen Betrachtung und zur abstrakten Spekulation sowie auf die Hinneigung zum Pantheismus bei Deutschen und Indern hat bereits G. Brandes hingewiesen. Aber auch in vielen anderen Beziehungen berühren sich deutsches und indisches Wesen in auffallender Weise. Nicht nur deutsche Dichter haben vom »Weltschmerz« gesungen. Der »Weltschmerz« ist auch der Grundgedanke, auf dem die Lehre des Buddha aufgebaut ist; und mehr als ein indischer Dichter hat über das Leid und Weh der Welt, über die Vergänglichkeit und Nichtigkeit alles Irdischen in Worten geklagt, die merkwürdig an die Verse unseres groſsen Weltschmerzdichters Nikolaus Lenau erinnern. Und wenn Heine sagt:

v1.c7.s1.9

¹ So namentlich von G. Brandes (Hauptströmungen der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts. Berlin 1872. I, S. 270) und Leopold v. Schroeder (Indiens Literatur und Cultur. Leipzig 1887. S. 6 f.).

v1.c7.s1.10

»Süſs ist der Schlaf, der Tod ist besser,
Am besten wär’ es, nie geboren sein,«

v1.c7.s1.11

so drückt er damit denselben Gedanken aus wie jene indischen Philosophen, die kein heiſseres Streben kennen als den Tod, auf den kein Wiedergeborenwerden folgt. Auch die Sentimentalität und das Naturgefühl sind der deutschen und der indischen Dichtung gleich eigentümlich, während sie z. B. der hebräischen oder der griechischen Poesie fremd sind. Deutsche und Inder lieben Naturschilderungen; und indische ebenso wie deutsche Dichter lieben es, die Leiden und Freuden der Menschen mit der sie umgebenden Natur in Beziehung zu bringen. Und noch auf einem ganz anderen Gebiete tritt uns die Ähnlichkeit zwischen Deutschen und Indern entgegen. Von der Neigung der Inder zur Ausbildung wissenschaftlicher Systeme war schon die Rede; und wir können mit Recht sagen, daſs die Inder das Gelehrtenvolk des Altertums waren, wie es die Deutschen in der Gegenwart sind. Wie die Inder schon im grauesten Altertum ihre uralten heiligen Schriften philologisch zergliederten, die sprachlichen Erscheinungen in ein wissenschaftliches System einordneten und es in der Grammatik so weit brachten, daſs die moderne Sprachwissenschaft noch heute an ihre Leistungen anknüpfen kann, so sind die Deutschen heutigen Tages unbestritten die Führer auf allen Gebieten der Philologie und Sprachwissenschaft.

v1.c7.s1.12

Auch auf dem Gebiete der indischen Philologie und in der Erforschung der indischen Litteratur sind die Deutschen die Führer und Bahnbrecher gewesen. So viel wir auch den Engländern verdanken, die als Beherrscher Indiens durch praktische Bedürfnisse zu dem Studium der indischen Sprache und Litteratur veranlaſst wurden, so viel auch einige hervorragende französische, italienische, holländische, dänische, amerikanische, russische und — nicht zu vergessen — eingeborene indische Gelehrte für die Erforschung der indischen Litteratur und Kultur getan haben, —

v1.c7.s1.13

den Löwenanteil an der Herausgabe von Texten, an der Erklärung und Durchforschung derselben, an der Ausarbeitung von Wörterbüchern und Grammatiken haben unstreitig die Deutschen gehabt. Dies mag ein kurzer Überblick über die Geschichte der indologischen Studien lehren.

Die Anfänge des Studiums der indischen Litteratur in Europa

v1.c7.s2.1

Die ungeheure Masse von indischen Litteraturwerken, die heute kaum mehr von einem Forscher zu übersehen ist, ist erst im Laufe von wenig mehr als hundert Jahren der Forschung zugänglich gemacht worden.

v1.c7.s2.2

Wohl haben sich schon im siebzehnten und noch mehr im achtzehnten Jahrhundert einzelne Reisende und Missionäre eine gewisse Kenntnis indischer Sprachen angeeignet und sich mit einem oder dem anderen Werk der indischen Litteratur bekannt gemacht. Aber ihre Anregungen sind nicht auf fruchtbaren Boden gefallen. So berichtete im Jahre 1651 der Holländer Abraham Roger, der als Prediger in Paliacatta (Puliat) nördlich von Madras gelebt hatte, in seinem Werk »Offene Thür zu dem verborgenen Heidentum«¹ über die alte brahmanische Litteratur der Inder und veröffentlichte einige von einem Brahmanen für ihn ins Portugiesische übersetzte Sprüche des Bhartṛhari, aus denen später Herder für seine »Stimmen der Völker in Liedern« schöpfte. Im Jahre 1699 ging der Jesuit Pater Johann Ernst Hanxleden nach Indien und wirkte dort über dreißig Jahre in der malabarischen Mission. Er bediente sich selber indischer Sprachen, und seine »Grammatica Granthamia seu Samscrdumica« war die erste Sanskritgrammatik, die ein Europäer geschrieben hat. Sie ist nie gedruckt worden, wurde aber von Fra Paolino de St. Bartholomeo benutzt. Dieser Fra Paolino — ein österreichischer Karmelit, dessen eigentlicher Name J. Ph. Wessdin war — ist unstreitig der bedeutendste unter den Missionären, welche an der frühesten Erschliessung der indischen Litteratur arbeiteten. Er war von 1776—1789 Missionar an der Küste von Malabar und starb im Jahre 1805 in Rom. Er schrieb zwei Sanskritgrammatiken und mehrere gelehrte Abhandlungen und Bücher. Sein »Systema Brahmanicum« (Rom 1792) und seine »Reise nach Ostindien« (deutsch von J. R. Forster. Berlin 1798) beweisen eine groſse Kenntnis von Indien und der brahmanischen Litteratur, sowie ein eingehendes Studium der indischen Sprachen und insbesondere des indischen Religionswesens. Doch hat auch sein Wirken nur geringe Spuren hinterlassen.

v1.c7.s2.3

¹ Das Werk erschien holländisch 1651 und in deutscher Übersetzung in Nürnberg 1663.

v1.c7.s2.4

Um dieselbe Zeit aber hatten auch bereits die Engländer begonnen, sich um die Sprache und Litteratur der Inder zu kümmern. Kein Geringerer als Warren Hastings, der eigentliche Begründer der englischen Herrschaft in Indien, war es, von dem die erste fruchtbare Anregung zu einem seither nie wieder unterbrochenen Studium der indischen Litteratur ausging. Er hatte erkannt, was die Engländer seitdem nie vergessen haben, daſs die Herrschaft Englands in Indien nur dann gesichert sei, wenn die Beherrscher es verstünden, die sozialen und religiösen Vorurteile der Eingeborenen nach Möglichkeit zu schonen. Auf seine Veranlassung wurde daher in das Gesetz, welches die Verwaltung Indiens regeln sollte, die Bestimmung aufgenommen, daſs einheimische Gelehrte den Rechtsverhandlungen beiwohnen sollten, um es den englischen Richtern in Indien zu ermöglichen, die Satzungen der indischen Rechtsbücher bei der Abfassung ihrer Urteile zu berücksichtigen. Und als Warren Hastings im Jahre 1773 zum Generalgouverneur von Bengalen ernannt und mit den höchsten Gewalten über sämtliche englische Besitzungen in Indien betraut worden war, lieſs er von einer Anzahl rechtskundiger Brahmanen aus den alten indischen Rechtsbüchern ein Werk zusammenstellen, welches unter dem Titel Vivādārṇavasetu (»Brücke über den Ozean der Streitigkeiten«) alles Wichtige über indisches Erbrecht, Familienrecht u. dgl. enthielt. Als das Werk fertig war, fand sich aber niemand, der imstande gewesen wäre, dasselbe unmittelbar aus dem Sanskrit ins Englische zu übersetzen. Es muſste daher zuerst aus dem Sanskrit ins Persische übertragen werden, aus welchem es Nathaniel Brassey Halhed ins Englische übersetzte. Diese Übersetzung wurde unter dem Titel »A Code of Gentoo¹) Law« im Jahre 1776 auf Kosten der Ostindischen Gesellschaft gedruckt. Eine deutsche Übersetzung dieses Rechtsbuches erschien im Jahre 1778 in Hamburg unter dem Titel: »Gesetzbuch der Gentoos oder Sammlung der Gesetze der Pundits, nach einer persianischen Übersetzung des in der Shanskritsprache geschriebenen Originales. Aus dem Englischen von Rud. Erich Raspe.«

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¹ Portugiesisch für »Hindu«.

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Der erste Engländer, der sich eine Kenntnis des Sanskrit aneignete, war Charles Wilkins, der durch Warren Hastings dazu angeregt worden war, bei den Paṇḍits in Benares, dem Hauptsitz der indischen Gelehrsamkeit, Unterricht zu nehmen. Als die erste Frucht seiner Sanskritstudien veröffentlichte er im Jahre 1785 eine englische Übersetzung des philosophischen Gedichtes Bhagavadgītā, womit zum erstenmal ein Sanskritwerk direkt in eine europäische Sprache übersetzt war. Zwei Jahre später folgte eine Übersetzung des Fabelwerkes Hitopadeśa und 1795 eine Übersetzung der Śakuntalā-Episode aus dem Mahābhārata. Für seine 1808 erschienene Sanskritgrammatik wurden zum erstenmal in Europa Sanskrittypen benutzt, die er selbst geschnitten und gegossen hatte. Er war auch der erste, der sich mit indischen Inschriften befaſst und einige derselben ins Englische übersetzt hat.

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Noch wichtiger aber für die Erschlieſsung groſser Gebiete der indischen Litteratur war die Tätigkeit des berühmten englischen Orientalisten William Jones (geb. 1746, gest. 1794), der sich im Jahre 1783 nach Indien begab, um den Posten eines Oberrichters im Fort William zu übernehmen. Jones hatte sich schon in jungen Jahren mit orientalischer Poesie beschäftigt und arabische und persische Gedichte ins Englische übertragen. Kein Wunder, daſs er, in Indien angelangt, sich mit Eifer auf das Studium des Sanskrit und der indischen Litteratur verlegte. Gleich ein Jahr nach seiner Ankunft in Indien wurde er der Begründer der Asiatic Society of Bengal, welche bald durch die Herausgabe von Zeitschriften und insbesondere durch den Druck zahlreicher indischer Textausgaben eine ungemein nützliche Tätigkeit entfaltete. Im Jahre 1789 veröffentlichte er seine englische Übersetzung des berühmten Dramas »Śakuntalā« von Kālidāsa.

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Diese englische Übersetzung wurde im Jahre 1791 von Georg Forster ins Deutsche übertragen und erweckte im höchsten Grade die Begeisterung von Männern wie Herder und Goethe. Ein anderes Werk desselben Dichters Kālidāsa, das lyrische Gedicht Ṛtusaṃhāra, wurde von Jones in Kalkutta im Jahre 1792 im Urtext herausgegeben, und es war dies der erste Sanskrittext, der im Druck erschien. Von noch gröſserer Bedeutung war es, daſs W. Jones das berühmteste und in Indien angesehenste Werk der indischen Rechtslitteratur, das Gesetzbuch des Manu, ins Englische übertrug. Diese Übersetzung erschien in Kalkutta 1794 unter dem Titel »Institutes of Hindu Law, or the Ordinnances of Menu«. Eine deutsche Übersetzung dieses Werkes erschien 1797 in Weimar¹). W. Jones war endlich auch der erste, der den genealogischen Zusammenhang des Sanskrit mit dem Griechischen und Lateinischen mit voller Bestimmtheit und den mit dem Deutschen, Keltischen und Persischen vermutungsweise aussprach. Er hat auch bereits auf die Ähnlichkeiten zwischen der altindischen und der griechisch-römischen Mythologie hingewiesen.

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¹ »Hindu's Gesetzgebung, oder Menu's Verordnungen nach Culluca's Erläuterung, ein Inbegriff des indischen Systems religiöser und bürgerlicher Pflichten. Aus der Sanskritsprache wörtlich ins Englische übersetzt von W. Jones, und verdeutscht nach der Calcuttischen Ausgabe, und mit einem Glossar und Anmerkungen begleitet von Joh. Christ. Hüttner.«

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Während der schwärmerische W. Jones durch die Begeisterung, mit der er die indischen Litteraturschätze ans Licht zog, vor allem anregend wirkte, wurde der nüchterne Henry Thomas Colebrooke, der das Werk von W. Jones fortsetzte, zum eigentlichen Begründer der indischen Philologie und Altertumskunde. Colebrooke hatte im Jahre 1782 als siebzehnjähriger Jüngling seine Beamtenlaufbahn in Kalkutta angetreten, ohne sich während der ersten elf Jahre seines Aufenthalts in Indien um das Sanskrit und dessen Litteratur zu kümmern. Als aber W. Jones 1794 starb, hatte Colebrooke eben das Sanskrit erlernt und es übernommen, eine unter Jones' Leitung von eingeborenen Gelehrten gemachte Zusammenstellung der Lehren der indischen Rechtsbücher über Erbrecht und Kontrakte aus dem Sanskrit ins Englische zu übersetzen. Diese Übersetzung erschien 1797 und 1798 unter dem Titel »A Digest of Hindu Law on Contracts and Successions« in vier Foliobänden. Von da an widmete er sich mit unermüdlichem Eifer der Erforschung der indischen Litteratur. Und zwar interessierte ihn — im Gegensatz zu Jones — nicht so sehr die poetische als die fachwissenschaftliche Litteratur. Ihm verdanken wir daher nicht nur noch weitere Arbeiten über indisches Recht, sondern auch bahnbrechende Aufsätze über die Philosophie und das Religionswesen, über Grammatik, Astronomie und Arithmetik der Inder. Er war es auch, der im Jahre 1805 in dem berühmt gewordenen Aufsatze über die Vedas zum erstenmal genaue und zuverlässige Mitteilungen über die alten heiligen Bücher der Inder gab¹). Auch ist er der Herausgeber des Amarakośa und anderer indischer Wörterbücher, der berühmten Grammatik des Pāṇini, der Fabelsammlung Hitopadeśa und des Kunstepos Kirātārjunīya. Er ist ferner der Verfasser einer Sanskritgrammatik und hat eine Anzahl von Inschriften bearbeitet und übersetzt. Endlich hat er eine ungemein reichhaltige Sammlung von indischen Handschriften zusammengebracht, die ihn gegen 10000 Pfund Sterling gekostet haben soll, und die er bei seiner Rückkehr nach England der Ostindischen Gesellschaft zum Geschenk machte. Diese Handschriftensammlung gehört heute zu den kostbarsten Schätzen der Bibliothek des India Office in London.

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Unter den Engländern, welche ebenso wie Jones und Colebrooke um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts in Indien Sanskrit lernten, war auch Alexander Hamilton. Dieser kehrte 1802 nach Europa zurück und hielt sich, über Frankreich reisend, kurze Zeit in Paris auf. Da fügte es ein für ihn selbst un-

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¹): Die im Jahre 1778 unter dem Titel »Ezour-Vedam« französisch und 1779 auch deutsch erschienene angebliche Übersetzung des Yajurveda ist eine Fälschung, eine pia fraus, welche wahrscheinlich von dem Missionar Robertus de Nobilibus herrührt. Voltaire empfing aus den Händen eines von Pondichery zurückkehrenden Beamten diese angebliche Übersetzung und übergab sie 1761 der königlichen Bibliothek in Paris. Voltaire hielt das Werk für einen alten Kommentar zum Veda, der von einem ehrwürdigen, hundertjährigen Brahmanen ins Französische übersetzt worden sei, und er beruft sich auf den »Ezour-Veda« öfters als Quelle für indische Altertümer. Schon im Jahre 1782 erklärte Sonnerat das Werk für eine Fälschung. (A. W. Schlegel, Indische Bibliothek. II, S. 50 ff.)

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angenehmer, für die Wissenschaft aber auſserordentlich günstiger Zufall, daſs gerade damals die durch den Frieden von Amiens nur auf kurze Zeit unterbrochenen Feindseligkeiten zwischen England und Frankreich aufs neue ausbrachen und Napoleon den Befehl ergehen lieſs, daſs alle Engländer, die sich zur Zeit des Ausbruchs des Krieges in Frankreich aufhielten, an der Rückkehr in ihre Heimat verhindert und in Paris zurückgehalten werden sollten. Unter diesen Engländern befand sich auch Alexander Hamilton. Im Jahre 1802 war aber gerade auch der deutsche Dichter Friedrich Schlegel nach Paris gekommen, um sich dort mit einigen Unterbrechungen bis zum Jahre 1807 aufzuhalten, — gerade während der Zeit des unfreiwilligen Aufenthalts von A. Hamilton. In Deutschland war man ja schon längst auf die Arbeiten der Engländer aufmerksam geworden. Namentlich hatte die bereits erwähnte Übersetzung der »Śakuntalā« durch W. Jones groſses Aufsehen gemacht und war auch sofort (1791) ins Deutsche übersetzt worden. In den Jahren 1795—97 waren auch schon die Abhandlungen von William Jones in deutscher Übersetzung erschienen ¹). Auch die Jonessche Übersetzung von Manus Gesetzbuch war schon im Jahre 1797 ins Deutsche übertragen worden. Die Werke des Fra Paolino de St. Bartholomeo sind in Deutschland gewiſs auch nicht unbeachtet geblieben. Vor allem aber war es die romantische Schule, an deren Spitze die Brüder Schlegel standen, für welche die indische Litteratur eine besondere Anziehungskraft hatte. Es war ja die Zeit, wo man sich für fremde Litteraturen zu begeistern begann. Herder hatte schon durch seine »Stimmen der Völker in Liedern« (1778) und durch seine »Ideen zur Geschichte der Menschheit« (1784—91) die Aufmerksamkeit der Deutschen vielfach auf den Orient gelenkt. Die Romantiker aber waren es, die sich mit höchster Begeisterung auf alles Fremde und Ferne warfen und sich von Indien ganz besonders angezogen fühlten. Von Indien her erwartete man, wie Friedrich Schlegel sagte, nichts weniger als »Aufschluſs über die bis jetzt so dunkle Geschichte der Urwelt; und die Freunde der Poesie hofften besonders seit der Erscheinung der Sokuntola von daher noch manches ähnliche schöne Gebilde des asiatischen Geistes zu sehen, wie dieses von Anmut und Liebe beseelt«. Kein Wunder daher, daſs Friedrich Schlegel, als er in Paris die Bekanntschaft des Alexander Hamilton machte, sofort die Gelegenheit ergriff, von demselben Sanskrit zu lernen. In den Jahren 1803 und 1804 genoſs er dessen Unterricht, und die weiteren Jahre seines Pariser Aufenthaltes benutzte er zu Studien in der dortigen Bibliothek, welche damals bereits gegen 200 indische Handschriften besaſs¹). Als Frucht dieser Studien erschien im Jahre 1808 jene Schrift, durch welche Friedrich Schlegel zum Begründer der indischen Philologie in Deutschland wurde: »Über die Sprache und Weisheit der Indier. Ein Beitrag zur Begründung der Altertumskunde.« Dieses Buch war mit Begeisterung geschrieben und geeignet, Begeisterung zu erwecken. Es enthielt auch Übersetzungen einiger Stücke aus dem Rāmāyaṇa, aus Manus Gesetzbuch, aus der Bhagavadgītā und aus der Śakuntalā-Episode des Mahābhārata. Es waren dies die ersten direkten Übersetzungen aus dem Sanskrit ins Deutsche; denn was vorher von indischer Litteratur in Deutschland bekannt geworden war, war aus dem Englischen übersetzt.

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¹ W. Jones, Abhandlungen über die Geschichte, Altertümer usw. Asiens. Riga 1795—97. 4 Bde.

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¹ Einen Katalog derselben veröffentlichte Alexander Hamilton (im Verein mit L. Langlès, der Hamiltons englische Notizen ins Französische übertrug) Paris 1807.

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Während aber Friedrich Schlegel vor allem anregend wirkte, war sein Bruder August Wilhelm von Schlegel der erste, der in Deutschland durch Textausgaben, Übersetzungen und andere philologische Arbeiten eine ausgedehnte Tätigkeit als Sanskritgelehrter entfaltete. Er war auch der erste Professor des Sanskrit in Deutschland, und zwar wurde er als solcher im Jahre 1818 an die eben begründete Universität Bonn berufen. Gleichwie sein Bruder hatte auch er in Paris — und zwar im Jahre 1814 — seine Sanskritstudien begonnen. Sein Lehrer war aber ein Franzose, A. L. Chézy, der erste französische Gelehrte, der Sanskrit lernte und lehrte; er war auch der erste Sanskrit-Professor am Collège de France und hat sich als Herausgeber und Übersetzer indischer Werke verdient gemacht. Im Jahre 1823 erschien der erste Band der von Aug. Wilh. von Schlegel begründeten und fast ausschlieſslich von ihm geschriebenen Zeitschrift »Indische Bibliothek«, welche zahlreiche Aufsätze zur indischen Philologie enthält. Im selben Jahre veröffentlichte er auch eine gute Ausgabe der Bhagavadgītā mit lateinischer Übersetzung, während im Jahre 1829 der erste Teil der bedeutendsten Arbeit Schlegels, seiner unvollendet gebliebenen Ausgabe des Rāmāyaṇa, erschien.

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Ein Zeitgenosse Aug. Wilh. von Schlegels war der 1791 geborene Franz Bopp, der im Jahre 1812 nach Paris ging, um sich mit orientalischen Sprachen zu beschäftigen, und dort zusammen mit Schlegel bei Chézy Sanskrit lernte. Während aber die Brüder Schlegel als die Dichter der Romantik für Indien schwärmten und die Beschäftigung mit der indischen Litteratur als eine Art »Abenteuer«¹ auffaßten, trat Bopp als durchaus nüchterner Forscher an diese Studien heran, und er war es, der durch seine im Jahre 1816 erschienene Schrift »Ueber das Conjugationssystem der Sanskritsprache in Vergleichung mit jenem der griechischen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache« zum Begründer einer neuen Wissenschaft wurde, der vergleichenden Sprachwissenschaft, der eine so große Zukunft beschieden sein sollte. Aber auch um die Erforschung der indischen Litteratur hat sich Bopp außerordentlich verdient gemacht. Schon in seinem »Conjugationssystem« gab er als Anhang einige Episoden aus dem Rāmāyaṇa und Mahābhārata in metrischen Übersetzungen aus dem Originaltext, sowie einige Proben aus dem Veda nach Colebrookes englischer Übersetzung. Mit seltenem Geschick hat er dann aus dem Riesenepos Mahābhārata die wunderbare Geschichte vom König Nala und seiner treuen Gattin Damayanti herausgegriffen und durch eine gute kritische Ausgabe mit lateinischer Übersetzung allgemein zugänglich gemacht¹). Es war dies gerade diejenige von den zahllosen Episoden des Mahābhārata, welche am meisten ein abgeschlossenes Ganzes bildet und nicht nur zu den schönsten Stücken des groſsen Epos gehört, sondern auch als eine der reizendsten Schöpfungen indischer Dichtkunst ganz besonders geeignet ist, Begeisterung für die indische Litteratur und Liebe zum Sanskritstudium zu erwecken. Es ist denn auch geradezu traditionell geworden, an allen Universitäten, wo Sanskrit gelehrt wird, die Nala-Episode als erste Lektüre für die Studierenden zu wählen, wozu sie sich auch wegen der Einfachheit der Sprache ganz besonders eignet. Noch eine Reihe von anderen Episoden aus dem Mahābhārata hat Bopp zum erstenmal herausgegeben und ins Deutsche übersetzt. Seine Sanskritgrammatiken (1827, 1832 und 1834) und sein »Glossarium Sanscritum« (Berlin 1830) haben das Studium des Sanskrit in Deutschland mächtig gefördert.

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¹ So schreibt Friedrich Schlegel in einem Briefe an Goethe, er habe es sich zur Aufgabe gemacht, »das Vergessene und Verkannte ans Licht zu ziehen«, und sich darum von Dante zu Shakespeare, zu Petrarca und Calderon, zu den altdeutschen Heldenliedern gewandt. »Solchergestalt hatte ich die europäische Literatur gewissermaßen erschöpft und wandte mich nach Asien, um ein neues Abenteuer aufzusuchen.« (A. Hillebrandt, Alt-Indien. Breslau 1899. S. 37.) Und Aug. Wilh. von Schlegel schreibt (Indische Bibliothek I, S. 8), er wolle mit seinen Aufsätzen denen unter seinen Landsleuten, »welche das Abenteuer bestehen wollen (denn ein Abenteuer bleibt es noch immer)«, einigermaßen den Weg weisen.

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¹ Nalus, carmen Sanscritum e Mahabharato, edidit, latine vertit et adnotationibus illustravit Franciscus Bopp. London 1819.

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Ein Glück für die junge Sprachwissenschaft und das damals und noch auf lange mit ihr verbundene Sanskritstudium war es, daſs der geistvolle, vielseitige und einfluſsreiche Wilhelm von Humboldt sich für diese Wissenschaften begeisterte. Im Jahre 1821 begann er Sanskrit zu lernen, da er — wie er einmal in einem Briefe an Aug. Wilh. von Schlegel²) schrieb — eingesehen hatte, »daſs ohne möglichst gründliches Studium des Sanskrit weder in der Sprachkunde noch in derjenigen Art Geschichte, die damit zusammenhängt, das mindeste auszurichten sei«. Und als Schlegel im Jahre 1828 einen Rückblick auf die indischen Studien warf, hob er es als ein besonderes Glück für die neue Wissenschaft hervor, daſs dieselbe »an Herrn Wilhelm von Humboldt einen warmen Freund und Gönner gefunden«. Schlegels Ausgabe der Bhagavadgītā hatte Humboldts Aufmerksamkeit auf dieses theosophische Gedicht gelenkt. Er widmete demselben eigene Abhandlungen, und an Fr. von Gentz schrieb er damals (1827): »Es ist wohl das Tiefste und Erhabenste, das die Welt aufzuweisen hat.« Und als er später (1828) dem Freund seine mittlerweile von Hegel rezensierte Schrift über die Bhagavadgītā zusandte, schrieb er, so gleichgültig ihn die Beurteilung von seiten Hegels lasse, so groſsen Wert lege er auf die indische philosophische Dichtung. »Ich las das indische Gedicht«, schreibt er, »zum erstenmal in Schlesien auf dem Lande, und mein beständiges Gefühl dabei war Dank gegen das Geschick, daſs es mich habe leben lassen, dieses Werk noch kennen zu lernen«.¹)

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² Indische Bibliothek I, S. 433.

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¹ Schriften von Friedrich von Gentz. Herausgegeben von Gustav Schlesier. Mannheim 1840. Bd. V, S. 291 u. 300.

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Und noch ein groſser Heros der deutschen Litteratur ist zu nennen, der zum Glück für unsere Wissenschaft sich für indische Dichtung begeistert hat. Das ist der deutsche Dichter Friedrich Rückert, der unvergleichliche Meister der Übersetzungskunst. Von den schönsten Perlen indischer Epik und Lyrik ist gar manches,

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»Was vor Jahrtausenden gerauscht
Im Wipfel ind'scher Palmen«,

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durch ihn zum Gemeingut des deutschen Volkes geworden.

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Bis zum Jahre 1830 war es fast ausschlieſslich die sogenannte »klassische Sanskritlitteratur«, der sich die Aufmerksamkeit europäischer Forscher zuwandte. Das Drama »Šakuntalā«, das philosophische Gedicht »Bhagavadgītā«, das Gesetzbuch des Manu, die Sprüche des Bhartṛhari, die Fabelsammlung »Hitopadeśa« und einzelne Stücke aus den groſsen Epen — das waren so ungefähr die Hauptwerke, mit denen man sich beschäftigte, und die man für den Grundstock der indischen Litteratur ansah. Das groſse und allerwichtigste Gebiet der indischen Litteratur — der Veda — war beinahe ganz unbekannt, und von der ganzen groſsen buddhistischen Litteratur wuſste man noch gar nichts.

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Das Wenige, was bis zum Jahre 1830 vom Veda bekannt war, beschränkte sich auf kärgliche und ungenaue Angaben bei den älteren Schriftstellern über Indien. Die ersten zuverlässigen Mitteilungen gab Colebrooke in der schon erwähnten Abhandlung über die Vedas (1805)²). Verhältnismäſsig am meisten wuſste man noch von den Upaniṣads, den zum Veda gehörigen philosophischen Abhandlungen. Diese Upaniṣads wurden nämlich im siebzehnten Jahrhundert von dem Bruder Aurengzebs, dem unglücklichen Prinzen Mohammed Dara Schakoh¹), dem Sohn des Groſsmoguls Schah Dschehan, ins Persische übersetzt. Aus dem Persischen hat sie am Anfange des neunzehnten Jahrhunderts der französische Gelehrte Anquetil Duperron unter dem Titel »Oupnek'hat«²) ins Lateinische übersetzt. So unvollkommen und von Miſsverständnissen voll auch die lateinische Übersetzung war, so ist sie doch für die Geschichte der Wissenschaft dadurch von Wichtigkeit geworden, daſs die deutschen Philosophen Schelling und insbesondere Schopenhauer sich auf Grund derselben für die indische Philosophie begeisterten. Nicht die Upaniṣads, wie wir sie mit allen uns heute zu Gebote stehenden Mitteln der indischen Philologie und unserer genaueren Kenntnis der ganzen Philosophie der Inder verstehen und erklären, sondern das »Oupnek'hat«, die ganz und gar unvollkommene persisch-lateinische Übersetzung des Anquetil Duperron war es, welche Schopenhauer für »die Ausgeburt der höchsten menschlichen Weisheit« erklärte. Und um dieselbe Zeit, als in Deutschland Schopenhauer in die Upaniṣads der Inder seine eigenen philosophischen Gedanken mehr hineindachte, als er sie herauszulesen vermochte, lebte in Indien einer der weisesten und edelsten Männer, welche dieses Land hervorgebracht hat, Rāmmohun Roy, der Begründer der »Brahmo Samāj« (einer neuen Sekte, welche das Beste der Religionen Europas mit dem Glauben der Hindus zu vereinigen suchte), — ein Inder, der aus denselben Upaniṣads den reinsten Gottesglauben herauslas und aus denselben seinen Landsleuten zu beweisen suchte, daſs zwar der Götzendienst der jetzigen indischen Religionen verwerflich sei, daſs aber die Inder darum doch nicht das Christentum anzunehmen brauchten, sondern in ihren heiligen Schriften, in den alten Vedas, wenn sie dieselben nur verstünden, eine reine Gotteslehre finden könnten. Mit der Absicht, diese neue, wenngleich schon in den alten heiligen Schriften enthaltene Lehre zu verkünden und durch die von ihm begründete Sekte, der Brahmo Samāj oder der »Kirche Gottes«, verbreiten zu lassen, und zugleich in der Absicht, den von ihm hochgeschätzten christlichen Theologen und Missionären zu beweisen, daſs das Beste von dem, was sie lehrten, schon in den Upaniṣads enthalten sei, übersetzte er in den Jahren 1816—1819 eine gröſsere Anzahl von Upaniṣads ins Englische und gab einige derselben im Urtexte heraus¹).

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