Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c8.s2: II. Die nichtkanonische Literatur
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c8.s2
- Language
- German
Contents
- c8.s2.t1 1. Theologische und wissenschaftliche Werke — 22 parts
- c8.s2.t2 2. Die Erzählungsliteratur und Dichtung — 44 parts
- c8.s2.t3 3. Das Drama — 4 parts
- c8.s2.t4 4. Die Tagesliteratur — 4 parts
II. Die nichtkanonische Literatur
1. Theologische und wissenschaftliche Werke
c8.s2.t1.1
Zahlreiche Schriftsteller haben es unternommen, die Lehren Mahâvîras darzulegen, zu erläutern und fortzubilden, Asketen und Laien Vorschriften für ihren Wandel zu geben und den Kultus zu regeln. Einer der ältesten von ihnen, der bei Shvetâmbaras und Digambaras noch heutzutage im höchsten Ansehen steht, war Bhadrabâhu, der letzte der Shrutakevalis. Er lebte um 300 v. Chr., und die Tradition verknüpft seinen Namen mit der Auswanderung eines Teils der Mönche nach Maisûr (s. S. 38). Die Überlieferungen über ihn weichen jedoch stark voneinander ab. Während die Shvetâmbaras ihn später nach Nepâl gehen lassen, lassen ihn die Digambaras in Shravana-Belgola sterben, betreut von seinem Schüler, dem ehemaligen Kaiser Candragupta. Ein starker Anachronismus macht ihn zu einem Bruder des Astronomen Varâhamihira, der 587 n. Chr. starb.
c8.s2.t1.2
Bhadrabâhu schrieb „Niryuktis“, d. h. Kommentare zu mehreren heiligen Schriften; sein Kalpasûtra wird von den Shvetâmbaras als so maßgebend angesehen, daß sie es zum Kanon rechnen. Unter seinem Namen geht auch eine Sanhitâ, ein Buch, das sich u. a. mit Rechtsfällen beschäftigt; er soll sich auch als Astronom betätigt haben.
c8.s2.t1.3
Der erste Dogmatiker der Jainas, der das gesamte System in kurze Lehrsätze nach der Art der brahmanischen Philosophen zusammendrängte, war, soviel wir wissen, Umâsvâti. Er schrieb das berühmte Tattvârthâdhigama-Sûtra, den „Leitfaden zum Erfassen des Sinns der Grundwahrheiten“. Dieses Werk gilt beiden Konfessionen als eine autoritative Darstellung ihres Glaubens. Shvetâmbaras wie Digambaras nehmen den berühmten Mann als den ihrigen für sich in Anspruch. Wie Jacobi gezeigt hat, war er aber wahrscheinlich ein Shvetâmbara, da nur die Mitglieder der weißgekleideten Kirche den von ihm selbst zu seinem Werke geschriebenen Kommentar anerkennen, während die Digambaras anderen Erläuterungsschriften den Vorzug geben. Der Umstand, daß die beiden Religionsparteien Umâsvâti gleicherweise als Meister verehren, zeigt, daß zu seiner Zeit der Gegensatz zwischen den beiden Richtungen noch nicht so scharf hervortrat, wie dies später der Fall war. Die Zeit Umâsvâtis steht nicht genau fest. Die Jainas selbst lassen ihn um die Zeit des Beginns unserer Zeitrechnung leben, wahrscheinlich ist er aber erst in das 4. oder 5. Jahrh. n. Chr. zu setzen²⁰.
c8.s2.t1.4
Ein bedeutender Shvetâmbara-Theologe nach Umâsvâti war Siddhasena Divâkara. Von diesem Kirchenlehrer, der ein Zeitgenosse des großen Vikramâditya (vgl. S. 43) gewesen sein soll, der aber wahrscheinlich nach 650 n. Chr. geblüht hat, wissen die Jainas viel Wunderbares zu erzählen. Nach ihren Berichten war Divâkara ursprünglich ein gelehrter Brahmane, der von dem Jaina Vriddhavâdî in einem Redekampf besiegt worden war und sich zum Jainaglauben bekehrt hatte, bei welcher Gelegenheit er den Namen Siddhasena annahm. Einst entwickelte er seinem Lehrer den Plan, alle Jainawerke aus dem Prâkrit in das Sanskrit zu übersetzen; zur Strafe für diese Sünde legte ihm der Meister die Buße auf, alle vorhandenen Jainatempel zu besuchen. Als er diesen Auftrag zwölf Jahre lang getreulich ausgeführt hatte, kam er einst zu dem Linga-Tempel in Ujjain; anstatt das Linga zu verehren, legte er sich jedoch im Tempel nieder, wobei er seine Füße gegen das heilige Symbol Shivas lehnte. Als die Shivaverehrer dies sahen, riefen sie den König Vikramâditya herbei, der den Weisen zur Strafe für sein ungebührliches Verhalten schlagen ließ. Allein kaum war der erste Schlag gefallen, so ertönten Schreie aus dem Harem des Königs, und es stellte sich heraus, daß der Heilige es durch seine Wunderkraft bewirkt hatte, daß nicht er, sondern die Lieblingsgattin des Königs die Schläge empfing. Siddhasena wurde daraufhin freigelassen; als er seine Hand gegen das Linga erhob, brach dieses entzwei, und ein Licht erstrahlte aus ihm, in welchem die majestätische Gestalt Pârshvas sichtbar wurde²¹.
c8.s2.t1.5
Siddhasena war der erste Jaina-Schriftsteller, der ein selbständiges Werk über die reine Logik schrieb, den Nyâyâvatâra, der in 32 Strophen das ganze Gebiet erschöpfend behandelt. Für die Datierung des Werkes ist von Wichtigkeit, daß es, nach H. Jacobi²², eine Kenntnis von dem „Nyâyabindu“ des großen buddhistischen Philosophen Dharmakîrti (7. Jh.) verrät.
c8.s2.t1.6
Die Kodifizierung der heiligen Texte der Shvetâmbaras, die im Jahre 980 nach Vîra (also im 5. Jh. n. Chr.) in Valabhî vorgenommen worden sein soll, ließ in der Folgezeit eine reiche Kommentatorentätigkeit entstehen. Devarddhi, der Präsident des Konzils, scheint an dieser beteiligt gewesen zu sein; von anderen Kommentatoren sind zu nennen: Siddhasena Gani im 7., Haribhadra im 8., Shîlânka im 9., Shântisûri, Devendra und Abhayadeva im 11., Malayagiri im 12. Jahrhundert. Manche dieser Autoren beschränkten sich nicht darauf, die heiligen Schriften zu erklären, sondern verfaßten auch bedeutende selbständige Arbeiten. Der größte von ihnen war unstreitig Haribhadra.
c8.s2.t1.7
Haribhadra war ein Brahmane, der alle Wissenschaften studiert hatte. Er gelobte, Schüler desjenigen Meisters zu werden, der etwas wisse, von dem er noch nichts verstände. Einst hörte er eine Jaina-Nonne einen Spruch rezitieren, dessen Inhalt ihm nicht klar war. Von ihm befragt, wies sie ihn an einen Jaina-Lehrer, und dieser bekehrte ihn zur Lehre Mahâvîras. Haribhadra studierte darauf alle heiligen Schriften und wurde schließlich selbst ein Sûri (Meister). Zwei Neffen von ihm, Hansa und Paramahansa, wurden seine Schüler. Um die Buddhisten mit ihren eigenen Waffen schlagen zu können, gingen sie, als buddhistische Mönche verkleidet, in ein buddhistisches Kloster, damit sie dort die Lehren der Irrgläubigen studierten. Die Buddhisten beargwöhnten jedoch die Zugehörigkeit der beiden jungen Leute zu ihrem Orden; sie malten deshalb Bilder von Tîrthankaras auf die Stufen am Toreingang, so daß niemand hineingehen konnte, ohne auf diese Bilder zu treten. Die beiden verkleideten Jainas nahmen mit Kreide eine kleine Veränderung an den Bildern vor (wodurch diese aus Jaina-Idolen zu ketzerischen wurden) und traten jetzt ohne Furcht auf die Zeichnungen. Von den Buddhisten entdeckt, mußten Hansa und Paramahansa fliehen und wurden von dem sie verfolgenden Heere des buddhistischen Königs getötet. Außer sich über den Verlust seiner Schüler, beschloß Haribhadra sämtliche 1444 Mönche des buddhistischen Klosters zu töten, indem er sie mit Hilfe seiner Zauberkräfte in einem Kessel mit glühendem Öl siedete. Rechtzeitig von diesem Plan durch seinen Guru (oder seine Mutter) zurückgehalten, bereute er die große Sünde, die er hatte begehen wollen, und schrieb, um sie zu sühnen, 1444 dem Ruhm der Jaina-Lehre geweihte Bücher. Neben einigen Darstellungen der Jaina-Dogmatik und Ethik verfaßte Haribhadra auch Schriften, die sich mit den verschiedensten philosophischen Lehren seiner Zeit beschäftigen und diese in objektiver Weise darstellen.
c8.s2.t1.8
Als größter aller Shvetâmbara-Schriftsteller gilt bei seinen Glaubensgenossen aber der berühmte Hemacandra (1088—1172), den man wegen seiner vielseitigen Gelehrsamkeit als den „Allwissenden des Kali-Zeitalters“ (Kalikâla-sarvajna) bezeichnete. Sein dogmatisches Hauptwerk ist sein „Yogashâstra“ (Lehrbuch des Yoga), auch „Adhyâtma-upanishad“ (Geheimlehre über den Geist) genannt. In ihm gibt er nicht nur eine vollständige Darstellung der Jaina-Lehre, besonders der ethischen Vorschriften derselben, sondern behandelt auch in ausführlicher Weise die Theorie der Kontemplation. Ein kleines anderes Werk Hemacandras, die „Vîtarâgastuti“, bietet in Form eines Hymnus eine kurze Übersicht über die Lehre; diese Schrift wurde von Mallishena 1292 ausführlich kommentiert in seiner „Syâdvâdamanjarî“ (Blütenstrauß der Dialektik), einer selbständigen philosophischen Abhandlung größeren Umfangs.
c8.s2.t1.9
Aus der großen Zahl der Shvetâmbara-Theologen seien im folgenden nur ein paar der wichtigsten genannt: Devendrasûri (13. Jahrh.) verfaßte die „Karmagranthas“, welche die Karma-Lehre in allen ihren Einzelheiten behandeln, Gunaratna (um 1400) kommentierte Haribhadras Werk über die philosophischen Systeme, Dharmasâgara schrieb 1573 seine „Sonne für die Eulen der Irrlehre“ (Kupakshakaushika-sahasrakirana) in welcher er die Digambaras bekämpfte, die beiden im 17. Jahrhundert lebenden fruchtbaren Autoren Vinayavijaya und Yashovijaya wurden bereits oben Seite 72 erwähnt. Der Lokaprakâsha des ersteren ist ein wertvolles enzyklopädisches Werk, welches alle Gebiete der Jaina-Lehre ausführlich behandelt. Von Yashovijayas Schriften ist außer den zahlreichen der Logik und Metaphysik gewidmeten namentlich sein „Pratimâshataka“ bemerkenswert, in welchem er die Bilderverehrung verteidigt. Die auf die Darlegung der Jaina-Lehre gerichteten Bemühungen in Sanskrit und Prâkrit setzen sich bis in unsere Zeit fort; das jüngste dogmatische Werk, das mir bekannt geworden ist, ist das „Jainatattvajnâna“ von Vijaya Dharma Sûri, das 1917 herausgegeben wurde.
c8.s2.t1.10
Gleich den Shvetâmbaras haben auch die Digambaras mit großem Eifer im Bereiche der Dogmatik und der verwandten Disziplinen gearbeitet. Einer ihrer ältesten Schriftsteller auf diesem Gebiete war Kundakunda. Dieser lebte sicher vor 600 n. Chr. Einige setzen ihn in den Anfang unserer Zeitrechnung. Seine Werke sind gleich denen der anderen großen Kirchenlehrer dieser Konfession in den sogenannten „sekundären Kanon“ (s. S. 104) aufgenommen worden. Da von den anderen großen Dogmatikern Samantabhadra, Pûjyapâda, Akalanka, Vidyânanda, Nemicandra schon früher (S. 54) die Rede gewesen ist, genügt es, hier ihre Namen zu nennen. Von anderen sind Prabhâcandra (um 825), Amitagati (um 1000), Âshâdhara (Anfang des 13. Jahrh.), Sakalakîrti (um 1464) und Shrutasâgara (Ende des 15. Jahrh.) wohl die bedeutendsten.
c8.s2.t1.11
Alle die genannten Autoren schrieben ihre Werke in Sanskrit oder in Prâkrit-Versen, welche sie zum Teil selbst in Sanskrit kommentierten oder zu denen Schüler Kommentare verfaßten. Die zunehmende Verwendung der neuindischen Sprachen für literarische Zwecke führte dazu, daß von den Werken berühmter Dogmatiker Übersetzungen in Bhâshâ hergestellt wurden. So gibt es z. B. eine ganze Sammlung von Übertragungen von theologischen Schriften in die Gujarâtî-Sprache und andere Dialekte. Manche Autoren schrieben bereits frühzeitig ihre Arbeiten in der Mundart ihrer Heimat nieder. So schuf Shrîvarddhadeva, nach seinem Geburtsort auch Tumbulûrâcârya genannt, einen Kommentar zum Tattvârthâdhigamasûtra in 96 000 Versen in kanaresischer Sprache. Das Werk, dessen Entstehungszeit unbekannt ist, das aber schon im 12. Jahrhundert inschriftlich rühmend erwähnt wird, ist uns leider nicht erhalten. Je mehr wir uns der Gegenwart nähern, desto größer wird die Zahl wissenschaftlicher Werke, die über die Jaina-Philosophie in modernen indischen Sprachen geschrieben worden sind. Dazu kommt eine riesige Literatur in den verschiedensten Dialekten, die es sich zur Aufgabe macht, die Lehren der Dogmatiker weiteren Kreisen mundgerecht zu machen, sowie zahlreiche Werke, welche der Erbauung des Laien dienen sollen.
c8.s2.t1.12
Die gelehrte Tätigkeit der Jainas beschränkte sich jedoch nicht auf die Darstellung, Zergliederung und Fortbildung ihrer Lehre; sie haben vielmehr auf allen Gebieten des indischen Geisteslebens fruchtbringende Arbeit geleistet.
c8.s2.t1.13
Als die Grundwissenschaft, welche gewissermaßen die Voraussetzung für alle anderen bildet, betrachten die Inder die Grammatik. Sagt doch ein Vers von ihr:
c8.s2.t1.14
„Man nennt sie der Erlösung Pforte,
Heilkraut für Krankheiten der Worte,
Der Wissenschaften Sühnekraft:
Sie ist die Überwissenschaft.“ 23
c8.s2.t1.15
Die Sanskrit-Grammatiken der Jainas schließen sich zumeist eng an die brahmanische des Pànini an. Die berühmtesten sind das sog. „Jainendravyâkarana“ des Pùjyapâda Devanandî (s. S. 54) und das Shâkatâyana-vyâkarana des Shâkatâyana, der zur Zeit Amoghavarshas (9. Jh.) schrieb. Auf dem letztgenannten Werk fußt die Grammatik des Hemacandra (12. Jh.), das sog. „Siddhahemacandra“, welche F. Kielhorn als die beste Grammatik des indischen Mittelalters bezeichnet hat 24. Das 8. Buch des „Siddhahemacandra“ enthält eine Pràkritgrammatik. Da das Pràkrit die Kirchensprache der Jainas ist, haben sie dieses Fach auch sonst bearbeitet. Vorzügliches haben sie ebenfalls auf dem Gebiet der Grammatik der neuindischen Sprachen geleistet. Auch durch Abfassung von Wörterbüchern und ähnlichen Werken haben sich die Jainas Verdienste erworben. Indische Grammatiker lieben es, ihre Lehren praktisch zu erläutern. Ein derartiges grammatisches Exempelbuch ist Hemacandras Epos „Kumârapâlacarita“, das somit, gleich dem berühmten brahmanischen „Bhattikâvya“, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden sucht.
c8.s2.t1.16
Die theoretischen Grundlagen der Dichtkunst sind von Jainas mehrfach behandelt worden, so von Ajitasena (10. Jh.), Hemacandra, Vâgbhata (Ende des 11. Jh.), Arisinha, Amaracandra (13. Jh.) und anderen²⁵. Die Metrik ist von Hemacandra u. a. bearbeitet worden. Eine große Zahl von Jaina-Schriftstellern haben sich die Erklärung und Auslegung berühmter Erzeugnisse der Literatur zur Aufgabe gemacht. Sie beschränkten sich dabei nicht auf von Jainas verfaßte Werke, sondern haben auch brahmanische Dichtungen kommentiert, ohne hierbei ihren eigenen religiösen Standpunkt hervortreten zu lassen²⁶. Auch auf dem Gebiet der Musik-Theorie haben sich Jainas betätigt, wie Pârshvadevas „Sangîtasamayasâra“ und „Sangîtaratnâkara“²⁷ (vor 1210) und das kanaresische Werk „Ratnâkarajangalapadajâti“²⁸ beweisen.
c8.s2.t1.17
Für die Jaina-Könige, deren es, wie wir gesehen haben, in der Vergangenheit eine große Anzahl gegeben hat, haben Jaina-Gelehrte besondere Lehrbücher über Politik und Rechtswesen verfaßt. Die dem großen Bhadrabâhu zugeschriebene „Sanhitâ“, angeblich ein Auszug aus dem Upâsakâdhyayana-Anga, enthält diesbezügliche Kapitel; speziell beschäftigen sich mit Staats- und Rechtswesen Somadevasûris „Nîtivâkyâmrita“ (um 950 n. Chr.), Amitagatis „Vardhamânanîti“ (um 1011 n. Chr.) und Hemacandras „Arhannîti“ (12. Jh.)²⁹. Das letztgenannte Buch liegt uns nur in einer Sanskritfassung vor, die den Titel „Laghu-Arhannîti“ trägt; nach Bemerkungen, die sich in ihm finden³⁰, stellt es einen Auszug aus einem größeren, in Prâkrit geschriebenen „Brihad-Arhannîti-shâstra“ dar, das Hemacandra für den König Kumârapâla abfaßte.
c8.s2.t1.18
Das Studium der Naturwissenschaften entwickelte sich bei den Jainas in engem Anschluß an ihre dogmatischen Anschauungen vom Weltall und seinen Bewohnern. Die meisten theologischen und philosophischen Abhandlungen enthalten deshalb Abschnitte über den Gegenstand. Daneben gibt es eine Fülle von Werken, welche die Kosmographie, Geographie und Astronomie mit größerer oder geringerer Ausführlichkeit behandeln³¹. Als besondere Autoritäten auf astronomischem Gebiete gelten u. a. Bhadrabâhu (vgl. S. 105) und Kâlakâcârya³². Die Mathematik, deren Kenntnis bei den Jainas schon im Hinblick auf die enormen Zahlen, mit welchen sie in ihrer Lehre operieren, stets von Wichtigkeit gewesen sein muß, hat unter den Jainas eifrige Jünger gefunden; ein mathematisches Lehrbuch, der Ganitasârasangraha des Mahâvîra (9. Jh. n. Chr.), ist sogar bereits ins Englische übersetzt worden³³.
c8.s2.t1.19
Die Lehre von den Atomen und den lebenden Wesen wurde mehrfach von Theologen und Philosophen dargestellt. So hat Ratnasinha die Jainatheorien über die Stoffe und über die Nigodas (kleinste Lebewesen) in kurzen Traktaten zusammengefaßt³⁴. Eine vollständige Biologie, Botanik, Zoologie und Anthropologie en miniature bot Shântisûri (11. Jh.) in seinem ,,Jîvavicâra“³⁵. Die Medizin behandelte der berühmte Pûjyapâda in seinem ,,Kalyâna-kâraka“. Dieses Werk, in dem hauptsächlich die Verwendung von Heilkräutern empfohlen wird, wurde um 1150 von Jagaddala Somanâtha ins Kanaresische übersetzt. Ein anderes kanaresisches Werk, das demselben Gegenstand gewidmet ist, ist Mangarâjas ,,Khagendra-manidarpana“³⁶.
c8.s2.t1.20
Viele Jaina-Schriftsteller haben über Zauberei und Mantik gehandelt. So schrieb der Kanarese Ratta (1300) ein ,,Ratta-Sûtra“, in welchem von Regen, Erdbeben, Blitzen und Vorzeichen der verschiedenen Art die Rede ist. Harshakîrti verfaßte ein Handbuch der Sterndeutekunst mit dem Titel ,,Jyotishasâroddhâra“, und eine Menge von Werken beschäftigen sich mit Traumdeutung, Zaubersprüchen und anderen okkulten Dingen.
c8.s2.t1.21
In den Lehrbüchern des Rituals finden sich detaillierte Angaben über den Tempelbau und die Herstellung von Kultbildern. Es ist anzunehmen, daß die Jainas auch Werke über Architektur und Plastik geschaffen haben, doch sind diese bisher noch nicht ans Licht gezogen worden³⁷.
c8.s2.t1.22
Die hier gegebene summarische Übersicht, die natürlich Vollständigkeit weder erreicht noch anstrebt, zeigt, in wie verschiedenartigen Fächern sich die Jainas literarisch betätigt haben, und lehrt dadurch, daß es kaum ein Gebiet der indischen Kultur gibt, auf dem sie nicht nützliche Arbeit getan haben. Bei der Unvollkommenheit unserer Kenntnisse wird es allerdings noch lange Zeit beanspruchen, bis das Jaina-Schrifttum so gründlich erforscht worden ist, daß wir uns ein abschließendes Urteil über die wissenschaftlichen Leistungen der Jainas bilden können.
2. Die Erzählungsliteratur und Dichtung
c8.s2.t2.1
Der Kanon ist überaus reich an Erzählungen und Legenden der mannigfaltigsten Art. Die Berichte über die Propheten, Apostel und Heiligen, die er enthält, boten späteren Geschlechtern willkommenen Stoff für ihr literarisches Schaffen. In zahllosen Werken in den verschiedensten Sprachen sind diese, wie es scheint ewig jugendfrischen Sagen in Poesie und Prosa in einfacher, leichtverständlicher sowie in dichterischer, gekünstelt-hochstilisierter Form immer wieder behandelt worden. Es gibt zahlreiche Lebensbeschreibungen des Rishabha, Shântinâtha, Arishtanemi, Pârshva, Mahâvîra und der anderen Tîrthankaras, die sich zumeist mit dem beliebten Thema in der gewohnten schematischen Weise beschäftigen und nur durch Einfügung von neuen Episoden, von Geschichten aus den früheren Geburten des Helden und seiner Anhänger bestrebt sind, ihm neue Seiten abzugewinnen.
c8.s2.t2.2
Die Hagiographie der Jainas beschränkte sich von jeher jedoch nicht auf eine Schilderung des Lebens und Wirkens der Religionsstifter und derjenigen Personen, welche zu ihnen sei es als Verehrer, sei es als Gegner in Beziehung gestanden haben sollen, sondern sie zog auch eine große Reihe von anderen sagenumwobenen Gestalten in den Kreis ihrer Betrachtungen. Neben den 24 Tîrthankaras sind 12 Weltbeherrscher und 27 Helden die Hauptpersonen der überlieferten Welthistorie. Zu diesen werden neben anderen, die den Jainas speziell eigen zu sein scheinen, auch Heroen gerechnet, die auch den Hindus bekannt sind, wie Bharata und Sagara, wie Râma, Lakshmana, Râvana, sowie Balarâma, Krishna und Jarâsandha u. a. Die Jainas haben die Geschichten dieser Männer und anderer Personen aus den großen Epen Râmâyana und Mahâbhârata für ihre Zwecke mehr oder weniger stark verändert, die Helden sind bei ihnen selbstverständlich alle fromme Jainas und denken und handeln als solche. Für die starke Beliebtheit der Jaina-Bearbeitungen (und, wie wir oft sagen müssen, Verballhornungen) brahmanischer Sagenstoffe spricht die große Zahl, in der sie auf uns gekommen sind. So besitzen wir ein Harivansha-Purâna von Jinasena (8. Jh.), einen kanaresischen Vikramârjuna-vijaya (auch Pampa-Bhârata genannt) von Àdi-Pampa (10. Jh.), ein Pândava-Purâna von Shubhacandra (16. Jh.) u. a. Werke, in welchen Krishna und andere Mahâbhârata-Helden figurieren, und eine Reihe von Râmâyanas, wie das in Prâkrit abgefaßte Paümacariya des Shvetâmbara Vimalasüri (3. oder 4. Jh. n. Chr.), das Padma-Purâna des Digambara Ravishena (um 660), ein Râmacandra-carita-purâna (kurz als „Pampa-Râmâyana“ bezeichnet) von dem kanaresischen Dichter Pampa dem Jüngeren (1100) und viele andere Dichtungen dieser Art.
c8.s2.t2.3
Mehrfach ist auch der Versuch unternommen worden, die Geschichte aller 63 „großen Männer“ oder „Stabmänner“ (Shalâkâ-purusha), wie die Inder sagen, in einem Werke systematisch der Reihe nach zu behandeln, so in dem Àdipurâna des Jinasena und seiner Fortsetzung, dem Uttarapurâna des Gunabhadra (beide 9. Jh.), in dem Trishashti-shalâkâ-purusha-carita des Hemacandra (12. Jh.) u. a.
c8.s2.t2.4
Die mythische Vorgeschichte findet ihre Fortsetzung in der Geschichte der Kirche unter den Nachfolgern Mahâvîras. Zahlreiche Schriften beschäftigen sich direkt oder indirekt mit der Darstellung der wechselvollen Geschicke der Jaina-Gemeinde im Laufe der Jahrhunderte. Obwohl in diesen Werken eine Reihe von historischen Tatsachen berichtet werden, sind sie doch so voll von Legenden und Märchen, daß sie nur mit großer Vorsicht als historische Quellenschriften angesehen werden können. Dichtung und Wahrheit verschwimmen in ihnen, ohne daß die Autoren sich dessen bewußt gewesen wären und die stärksten Anachronismen sind in ihnen an der Tagesordnung. Werke dieser Art gibt es in großer Menge. Die Jainas unterscheiden Caritras und Prabandhas ³⁸. Die Caritras sind Biographien von Tîrthankaras, Weltbeherrschern und anderen von den 63 „großen Männern“, aber auch von alten großen Kirchenlehrern bis auf Âryarakshita, der 557 nach Vîra gestorben sein soll. Die Prabandhas befassen sich mit der Lebensgeschichte von hervorragenden Personen der späteren Zeit, Geistlichen sowohl wie Königen, Ministern, Kaufleuten usw. An historische Persönlichkeiten knüpfen auch die in Alt-Gujarâtî metrisch abgefaßten „Râsas“ an, sowie ähnliche Schriften in anderen neuindischen Sprachen. Alle diese Werke wollen nicht nur (allerdings stark märchenhaft ausgeschmückte) Geschichte schreiben, sondern wollen auch durch Mitteilung von Anekdoten usw. der Unterhaltung dienen. Gleichzeitig verfolgen sie zumeist auch noch den Zweck, den Leser religiös und moralisch zu erbauen, den Jainaglauben zu propagieren und den Mönchen Stoff für ihre Predigten zu liefern.
c8.s2.t2.5
Eine Art zusammenhängender Geschichte der Jainakirche ist Hemacandras „Parishishtaparva“, der Anhang zu seinem großen Werk über die 63 „großen Männer“, in welchen von den Patriarchen der Gemeinde gehandelt wird. Eine Fortsetzung dieses Buches ist „das Leben der Leuchten des Glaubens“ (Prabhâvakacarita) von Prabhâcandra und Pradyumnasûri (um 1250 n. Chr.), in welchem die Biographien von 22 Jaina-Lehrern, darunter auch die von Hemacandra, gegeben werden. Sammlungen von halbhistorischen Nachrichten und Anekdoten, wie der „Wunschedelstein der Geschichten“ (Prabandhacintâmani) von Merutunga (um 1300), poetische Chroniken wie Hemacandras „Kumârapâla-carita“ und Panegyrika auf freigebige Mäzene verschmelzen in ähnlicher Weise Wahrheit und Dichtung. Von modernen Schriften dieser Art sei nur das kanaresische Kompendium der Jaina-Überlieferungen des Südens genannt, das der Digambara Devacandra 1838 für eine Prinzessin von Maisûr unter dem Titel „Râjâvalikathe“ schrieb, dessen zum Teil auf ältere Quellen zurückgehende Angaben seinerzeit bei den europäischen Forschern lebhafte Diskussionen betreffs ihrer Glaubwürdigkeit hervorriefen.
c8.s2.t2.6
Eine bemerkenswerte Eigenschaft der Jaina-Historiker ist es, daß sie sich nicht damit begnügen, das zu schildern, was Geschichte geworden ist, sondern daß sie es auch unternehmen, von der Zukunft zu handeln, die erst Geschichte werden wird. Wie wir weiter unten bei der Darstellung der dogmatischen Welthistorie sehen werden, unternehmen es die Jaina-Theologen sogar, die traurigen Zustände des uns bevorstehenden schlechten Zeitalters eingehend zu beschreiben: sie wissen sogar die Namen der letzten Jaina-Laien und Mönche schon jetzt zu nennen. Ein beliebter Gegenstand literarischen Schaffens ist auch die Schilderung der Lebensgeschichte der zukünftigen Tîthankaras, die nach dem völligen Niedergang des Jainatums dieses aufs neue aufrichten werden.
c8.s2.t2.7
Eine äußerst fruchtbare Tätigkeit entfalteten die Jainas von jeher auf dem Gebiete des Märchenromans, der Novelle, der Fabel. Mit den Hindus und Buddhisten wetteiferten sie im Erfinden neuer Stoffe und im Ausgestalten vorhandener. Ihr Schrifttum auf dem Gebiete der Erzählungsliteratur ist so umfangreich, daß es sich vorläufig noch nicht übersehen läßt. Die Jainas besitzen von fast allen bedeutenderen Fabel- und Märchenbüchern Indiens eigene Rezensionen, die sich von den anderen Fassungen gewöhnlich dadurch unterscheiden, daß in ihnen ihre eigenen religiösen Anschauungen zu Worte kommen. So gibt es zahlreiche Jaina-Rezensionen des Pancatantra, der „25 Erzählungen des Leichendämons“ (Vetâlapancavinshati), der „32 Throngeschichten“ (Sinhâsanadvâtrinshikâ), des „Papageienbuchs“ (Shukasaptati) u. a. Werke. Es ist ganz erstaunlich, in wie viel verschiedenen Formen oft ein und dasselbe Buch auf uns gekommen ist. So haben wir z. B. von dem Pancatantra des vishnuitischen Brahmanen Vishnusharmâ, das um 300 n. Chr. entstanden zu sein scheint, eine ganze Reihe von Jaina-Fassungen, die sich inhaltlich und sprachlich zum Teil sehr beträchtlich voneinander unterscheiden. „Der eine erzählt die alten Geschichten in behaglicher Breite, der andere notiert ihren Hauptinhalt in knappen Sätzen zum leichteren Verständnis für die liebe Schuljugend. Der und jener sucht sich nur die Erzählungsstrophen zusammen, deren schauderhaft verstümmeltes Sanskrit er ungefähr errät, und erzählt die zugehörigen Geschichten unabhängig von seinem Grundtext, volkstümlich und in der Volkssprache. . . . Daneben fehlt nicht der Gelehrte, der selbständig einen neuen Sanskrittext nach dem Muster eines älteren schreibt, und der andere, der zum Volke herabsteigt und den Sanskrittext in seiner Muttersprache Gujarâtî wiedergibt. Ein dichtender Jaina-Mönch Ratnasundara, das Haupt einer Dichterschule, kleidet das ganze Werk in Bardenstrophen, um es dem Volke sangbar zu bieten, genau so wie die Spielleute des europäischen Mittelalters ihre Schwänke und Novellen und Fabliaux verbreiteten. Flugs überarbeitet einer seiner Bewunderer sein Werk, indem er Verse und Ausdruck glättet und einige Erzählungen hinzufügt, und ein zweiter, Vaccharâja, schafft in starker Anlehnung an seinen Vorgänger eine ganz ähnliche, an Erzählungen aber viel reichere Dichtung ebenfalls in seiner Muttersprache. Diese Dichtung wieder überträgt ein Dritter in Sanskritverse, und diese Sanskritdichtung verwandelt ein Vierter, Meghavijaya, wiederum in ein dem ursprünglichen Sanskrittext in der Form ähnliches Gemisch aus Prosa und Versen in Sanskrit. Zwischen Ratnasundaras Dichtung und der Bearbeitung Meghavijayas aber liegen noch keine hundert Jahre.“ 39
c8.s2.t2.8
Die seit alter Zeit bei den Jainas im Schwange gewesene Übung, gemeinindische Stoffe den Bedürfnissen ihrer Kirche anzupassen, hat vielfach für die Literaturgeschichte die außerordentlich segensreiche Folge gehabt, daß alte Sagen und Erzählungen uns auf diese Weise erhalten geblieben sind, die uns längst verloren wären, wenn die Jainas sich nicht ihrer bemächtigt hatten. Die Spuren der Überarbeitung älterer Vorlagen durch Jaina-Schriftsteller sind oft deutlich erkennbar; vielfach beschränken sie sich auf die rein äußerliche Hinzufügung einer Einleitung, eines Schlusses oder einer Rahmenerzählung, die mit dem eigentlichen Werke nichts zu tun haben. In manchen Fällen erschienen den Jainas aber auch Abänderungen in Details aus religiösen Gründen am Platze. Das in Jaina-Erzählungen häufig vorkommende Motiv, daß ein Prinz bei einem Spazierritt durch ein Pferd von „umgekehrter Dressur“ in den Wald entführt wird, woselbst er eine schöne Königstochter findet oder andere Abenteuer zu bestehen hat, stellt, wie H. Jacobi wahrscheinlich gemacht hat40, offenbar einen Ersatz für das in Märchen sonst so beliebte Motiv der Verirrung auf der Jagd dar, welches den Jainas wegen ihres Abscheus gegen die Tötung lebender Wesen nicht zu Gebote stand.
c8.s2.t2.9
Neben der Überarbeitung überkommener alter Erzählungen haben sich die Jainas jedoch auch der Erfindung und Ausgestaltung neuer gewidmet. Es gibt zahllose „Kathâs“ oder „Kathânakas“ rein jainistischer Herkunft. Die Urheber dieser Erzählungswerke wurden zur Abfassung derselben nicht von der bloßen Lust zum Fabulieren geleitet, sondern sie verfolgten gleichzeitig bestimmte Zwecke. Der große Haribhadra teilte die Kathâs in vier Gruppen ein: in Arthakathâs, d. h. Erzählungen, die dem Nutzen (bes. der Lebensklugheit, Erlernung der Staatskunst usw.) dienen, Kâmakathâs, solche, die sich mit der Liebe beschäftigen, Dharmakathâs, solche, die der Religion und Moral gewidmet sind, und Sankîrnakathâs, solche, die gleicherweise die Erlangung aller drei Lebensziele darstellen. Es ist klar, daß die Erzählungen, welche dem Leser in ansprechender Form Regeln der Lebensklugheit vermitteln oder ihn mit den verschiedenen Formen des Liebesgenusses bekannt machen, oft Verhältnisse zu schildern haben, die den moralischen Prinzipien der Jaina-Lehre nicht entsprechen, welche ja den Verzicht auf weltliche Güter und Genüsse und die Führung eines heimat- und besitzlosen Asketenlebens als Ideal verkündet. Die Autoren wurden den Forderungen der Religion dann gewöhnlich in der Weise gerecht, daß sie den Helden der Erzählung am Ende seines abenteuerlichen Lebens, nachdem er alle irdischen Freuden genossen, Mönch werden und so das religiöse Ideal an sich verwirklichen lassen. Die Erzählungen der Jainas sind aber auch noch in anderer Hinsicht mit ihren religiösen Anschauungen durchwoben; nämlich durch die ausgedehnte Verwendung, welche die Seelenwanderungslehre als dichterisches Motiv in ihnen findet. Am Ende vieler Geschichten tritt ein Weiser oder ein Kevalî auf, der dem Helden auseinandersetzt, warum er in dieser seiner gegenwärtigen Existenz gerade diese Menge von Glück und Unglück erfahren habe und alle erfreulichen Erlebnisse auf in früheren Daseinsformen erworbenes Verdienst, alles Leid auf Verfehlungen in einem früheren Leben zurückführt.
c8.s2.t2.10
Kathâs und Kathânakas existieren in jeder Form und in jedem Umfange. Neben der kurzen Tierfabel und dem gedrängt erzählten Schildbürgerstreich gibt es lange und vielfach durch Einschachtelung neuer Erzählungen oft allzulange Geschichten in Prosa, in Versen oder in einem Gemisch von beiden Als die literarisch bedeutsamste Gattung ist der Märchenroman bzw. (wenn derselbe in poetischer Form vorliegt) das romantische Epos anzusehen.
c8.s2.t2.11
Bei der großen Fülle von Werken dieser Art, welche die Jainas hervorgebracht haben, ist es unmöglich, im begrenzten Rahmen dieses Buches auch nur auf die bedeutendsten von ihnen einzugehen. Ich muß mich daher hier im folgenden darauf beschränken, den Inhalt von einigen von ihnen knapp zu skizzieren.
c8.s2.t2.12
Als einer der beliebtesten Epenstoffe ist die Geschichte von Jîvaka (Jivandhara) anzusehen. Derselbe ist wiederholt in Sanskrit bearbeitet worden, so in Gunabhadras Uttarapurâna, das dem 9. nachchr. Jahrhundert entstammt. Am berühmtesten ist aber die kunstvolle Tamil-Fassung, die dem Tiruttakadevar (Sanskrit: Shrîdakshadeva) zugeschrieben wird, der im 10. oder 11. Jahrh. lebte. Über die Entstehung der letzteren weiß die Legende folgendes zu berichten. Tiruttakadevar war Mitglied der berühmten Akademie von Madurâ. Seine Kollegen bemängelten an ihm, daß er mit dem Kâmashâstra (der wissenschaftlichen Erotik) nicht vertraut sei. Er erklärte darauf, er habe zwar bisher noch nichts Erotisches geschrieben, sei aber durchaus in der Lage, dies zu tun, und erbot sich, ein Werk zu schaffen, das Liebe und Lebensgenuß erschöpfend darstelle. Er schrieb dann den „Jîvakacintâmani“, in welchem in 18 Gesängen acht Heiraten Jîvakas, eine Heirat eines Freundes von Jîvaka sowie die allegorische Vermählung des Helden mit Wissenschaft, Erde, Glück und Erlösung behandelt werden. Ein Lästerer behauptete, nachdem er das fertiggestellte Werk kennen gelernt hatte, Tiruttakadevar müsse ein Wüstling gewesen sein und große Erfahrungen auf erotischem Gebiete gesammelt haben, weil er die Liebe so lebenswahr zu schildern wisse. Der Dichter aber, der sein ganzes Leben hindurch keusch gelebt hatte, verteidigte sich gegen diesen Angriff, und zur Beteuerung seiner Unschuld nahm er eine glühende Eisenkugel in die Hand, indem er sagte: „Möge mich diese verbrennen, wenn ich nicht rein bin.“ Der Verlauf des Ordals bezeugte die Richtigkeit der Behauptung: das Feuer konnte dem Mönch nichts anhaben, so daß er glänzend gerechtfertigt dastand.
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Der Inhalt der berühmten Geschichte von Jîvaka oder Jîvandhara, den ich hier nach der ältesten bekannten Fassung, in Gunabhadras „Uttarapurâna“⁴¹ kurz zusammenfasse, ist folgender:
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König Satyandhara von Râjapura wurde von seinem ungetreuen Minister Kâshthângâraka seines Thrones beraubt und getötet. Seiner Gattin Vijayâ, die damals gerade guter Hoffnung war, gelang es, sich zu retten. Auf einem Leichenacker gab sie einem Knaben das Leben. Der Kaufmann Gandhotkara, dessen Kinder infolge einer von ihm in seinem früheren Leben aufgehäuften Schuld alle kurz nach der Geburt starben, kam damals gerade auf den Friedhof, um seinen neugeborenen, sogleich gestorbenen Sohn dorthin zu bringen. Er nahm das Kind der Königin mit sich und zog es wie sein eigenes auf. Da er so, entsprechend einer ihm einst zuteilgewordenen Prophezeiung, einen lebenden Sohn für einen toten erhalten hatte, nannte er den Knaben Jîvandhara (von Jîva, Leben). Jîvandhara wuchs zusammen mit Nandâdhya, einem später geborenen Sohne seines Pflegevaters, und anderen Jünglingen auf und gab frühzeitig Beweise außerordentlicher Klugheit und Kraft. Er bestand dann mancherlei Abenteuer und heiratete acht Jungfrauen, die ihm vom Schicksal bestimmt waren; eine jede von ihnen gewann er vermöge seiner Beherrschung einer anderen Kunst; die eine durch sein Lautenspiel, eine andere dadurch, daß er Elefanten zu bändigen verstand, eine dritte, indem er sie von der Vergiftung durch Schlangenbiß heilte usw. Bei seinen Taten unterstützte ihn ein Yaksha (Geist), der vorher ein Hund gewesen war, welchen er von ihn quälenden Knaben befreit hatte. Schließlich tötete er den bösen Kâshthângâraka und bestieg den väterlichen Thron. Nachdem er dann lange ruhmreich geherrscht, wurde er durch Mahâvîras Predigt der Weltentsagung gewonnen. Er übergab sein Reich seinem Sohne, wurde ein Kevalî und erlangte das Nirvâna.
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Die Schicksale Jîvandharas und der Hauptpersonen sind alle durch das Band des Karma miteinander verwoben und finden als Folgen der Taten in vergangenen Existenzen ihre Erklärung. Jîvandhara z. B. bleibt sechzehn Jahre von seinen Verwandten getrennt, weil er in einem früheren Leben einmal einen jungen Schwan sechzehn Tage von seinen Eltern ferngehalten hatte. Auch sonst spielt die Reinkarnations-Idee in der Erzählung eine große Rolle. So fällt die Prinzessin Shrîcandrâ einmal in Ohnmacht, als sie ein Taubenpärchen schnäbeln sah; sie hatte sich einer vergangenen Existenz erinnert, in welcher sie selbst eine Taube war und mit einem Täuberich in glücklicher Ehe lebte. Die Eltern lassen sich daraufhin von Shrîcandrâ alle ihre Erinnerungen an vergangene Daseinsformen erzählen, und diese von einem Künstler bildlich darstellen. Ein Tänzerpaar wird dann von ihnen damit beauftragt, mit der Leinewand die Märkte zu bereisen und die Bilder auszustellen, um den früheren Gatten zu ermitteln und wieder mit Shrîcandrâ zu vereinigen. Nandâdhya sieht das Bild, erinnert sich selber seiner früheren Existenzen und heiratet schließlich die schöne Jungfrau.
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Ein anderes berühmtes dramatisches Epos ist die „Bhavisatta-Kaha“ des Kaufmanns Dhanavâla, eines Digambara, der wahrscheinlich im 10. Jahrh. lebte. Die Dichtung zerfällt in 22 Gesänge und ist in gereimten Stropen in der Apabhramsha-Sprache (s. S. 85) abgefaßt, deren wichtigstes Literaturdenkmal sie darstellt⁴². Der Inhalt ist kurz folgender: Der Kaufherr Bhavisatta im Königreiche Kurujangala wird auf einer Geschäftsreise zur Goldinsel unterwegs durch eine Intrigue seines Stiefbruders Vandhuyatta auf einem einsamen Eiland ausgesetzt. Unter merkwürdigen Umständen findet er dort eine schöne Prinzessin, die er heiratet. Nachdem das Paar zwölf Jahre lang in Glück und Wonne gelebt hat, kommen zufällig die Schiffe Vandhuyattas wieder an der Insel vorbei. Die Stiefbrüder versöhnen sich, und Vandhu erbietet sich, Bhavisatta nach der Heimat zurückzubefördern. Schon ist alles zur Abfahrt gerüstet, da fällt unserm Helden ein, daß er einen Edelstein vergessen hat; er verläßt deshalb noch einmal das Schiff, um ihn zu holen. Da befiehlt der böse Vandhu, den Anker zu lichten, und läßt jenen verzweifelt zurück. In der Heimat angelangt, verfolgt Vandhu seine Schwägerin mit Liebesanträgen und läßt alles für seine Hochzeit mit ihr vorbereiten. Mit Hilfe eines Geisterfürsten gelangt Bhavisatta im Luftwagen in seine Vaterstadt. Er enthüllt dem Könige die Verbrechen seines Stiefbruders, erhält seine Gattin zurück, dazu noch die Hand der Königstochter und wird zum Kronprinzen ausgerufen. Der böse Vandhu hingegen flieht zum König von Poyana. Dieser sendet an den Fürsten von Kurujangala ein Ultimatum, in welchem er dessen Unterwerfung und die Herausgabe der beiden Frauen Bhavisattas fordert. Der Kurukönig beantwortet diese unverschämte Forderung mit einer Kriegserklärung. Es kommt zu heftigen Kämpfen, die schließlich mit der Niederlage des Herrschers von Poyana enden. Bhavisatta lebt nun lange glücklich mit seinen beiden Frauen. Schließlich aber wird er durch einen Heiligen, der ihm die Geschichte seiner vergangenen Existenzen erzählt, dazu bewogen, dem Weltleben zu entsagen. Er wird Mönch und erlangt nach mehreren Wiedergeburten die Erlösung.
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In diese hier skizzierte Rahmenhandlung sind eine Fülle von anderen Legenden und Erzählungen eingeflochten, zum Teil wieder unter Verwendung des beliebten Seelenwanderungs-Motivs.
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Märchenerzählungen in Poesie und Prosa gibt es in großer Zahl; ich nenne an dieser Stelle nur Pādaliptas „Tarangavatī“, die aus den ersten Jahrhunderten n. Chr. stammt, uns jedoch nur in einer tausend Jahre jüngeren Bearbeitung mit dem Namen „Tarangalolâ“ bekannt ist, die E. Leumann unter dem Titel „Die Nonne“ ins Deutsche übertragen hat⁴³. Weitverbreitet ist ferner Haribhadras „Samarāicca-kahâ“, ein in Prākit-Prosa verfaßter Roman mit eingeschobenen Strophen, von dem wir eine Verdeutschung von W. Kirfel erwarten dürfen⁴⁴. In diesem Werke werden die Schicksale von zwei einander feindlichen Personen neun Existenzen hindurch verfolgt; bald sind sie Vater und Sohn, bald Mann und Frau, bald stehen sie in anderen Beziehungen zu einander. Immer stellt der Böse dem Guten nach, und es gelingt ihm auch, ihn zu Tode zu bringen, bis jener schließlich die Erlösung erlangt.
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Eine Sonderstellung unter den Kathâs nehmen die Allegorien ein. Ihre Aufgabe ist es, die Wahrheit des Jaina-Glaubens in bildlicher Form darzustellen. Derartigen Versuchen begegnen wir schon in der kanonischen Literatur; später finden wir sie in den verschiedensten Erzählungswerken. Ein allegorischer Roman großen Stils ist Siddharshis „Upamiti-bhava-prapancâ kathâ“, die Erzählung, welche das Menschenleben im Gleichnis schildert (vollendet im Jahre 906 n. Chr.). Alle Tugenden und Laster figurieren hier in der Gestalt von Personen der verschiedensten Art und geben durch ihr Zusammenwirken ein buntes Bild des Lebens, gesehen vom Standpunkt eines Jainamönches. H. Jacobi hat das Werk in bezug auf seine literarische Bedeutung Bunyans „Pilgrims Progress“ an die Seite gestellt, mit welcher einst vielgelesenen Dichtung es auch die große Beliebtheit in den Kreisen der Frommen teilte⁴⁵.
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Auch Kunstromane in Bânas Art haben Jainas zu Verfassern. Es sind dies Werke, in denen auf den sprachlichen Ausdruck besonderes Gewicht gelegt ist und die deshalb als nach den Vorschriften der Poetik abgefaßte „Gedichte“ (Kâvya) in Prosa oder in einer Mischung von Versen und Prosa angesehen werden können. Solche Werke sind Somadevas „Yashastilaka“ und Dhanapâlas „Tilakamanjarî“ (beide um 950 n. Chr. verfaßt).
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In allen den Werken der Erzählungsliteratur, von denen bisher die Rede gewesen war, steht der Inhalt im Mittelpunkte des Interesses. Das gilt nicht nur von den in Prosa abgefaßten Geschichten, sondern auch von denen in gebundener Form, ja sogar von den Kunstromanen. Wenn sich auch die Darstellung in manchen von ihnen zu dichterischem Schwunge erhebt, so ist es doch vorzugsweise die spannende Handlung, welche den Leser zur Lektüre veranlaßt, mag auch die oft allzu große Ausführlichkeit und das Sichverlieren in verwirrende Einzelheiten nicht dem Geschmack des europäischen Lesers zusagen. Daneben hat die Jaina-Literatur aber auch eine Reihe von Dichtungen hervorgebracht, bei welchen der Inhalt ganz zurücktritt hinter der Form. In ihnen soll jede Strophe ein in sich abgeschlossenes Ganzes darstellen; in jedem Verse versucht der Autor etwas Geistvolles und Außergewöhnliches zu sagen⁴⁶. Dieses Streben führte natürlich zu allerlei Künsteleien. Wie weit dieses Spiel des Geistes getrieben wurde, lehrt die Tatsache, daß zwei Jainadichter sogar die Aufgabe auf sich nahmen, an Kâlidâsas „Wolkenboten“ das Kunststück der „Strophenergänzung“ (Samasyâpûrana) durchzuführen, indem sie in einer jeden Strophe ihrer die Geschichte Arishtanemis bzw. Pârshvas behandelnden Epen eine Zeile aus Kâlidâsas Meghadûta verwandten und die anderen Verse hinzufügten. Ein noch erstaunlicheres Kunststück vollbrachte der Digambara Shrutakîrti (um 1125): in seinen „Râghavapândavîya“ ist jeder Vers einer doppelten Auslegung fähig und behandelt gleichzeitig den Stoff des Râmâyana und Mahâbhârata⁴⁷.
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Auf dem Gebiet der Lyrik nehmen die Jainas für sich das Verdienst in Anspruch, daß zwei bedeutende Anthologien von sehr wertvollen Einzelstrophen in Prâkrit in ihren Kreisen geschaffen oder zum wenigsten in der uns heute vorliegenden Form gesammelt worden sind — ein Verdienst, das freilich der objektiven Prüfung problematisch bleibt, weil keine dieser beiden Gedichtsammlungen einen klar erkennbaren Jaina-Charakter trägt. Die nach volkstümlichen Mustern gedichteten „Siebenhundert Strophen“ (Sattasaî), die unter dem Namen des Hâla Shâtavâhana oder Shâlivâhana gehen, der als einer der Andhrabhrityafürsten des Dekhans den Jainas als ihr Glaubensgenosse gilt (vgl. S. 44), schildern Liebesleid und Liebeslust in entzückenden Genrebildchen. Der Sage nach sollen sie dadurch entstanden sein, daß Sarasvatî, die Göttin der Rede, sich einmal anderthalb Tage lang im Lager Shâtavâhanas aufhielt und das ganze Heer, bis zu den Roß- und Elefantentreibern herab, zur Abfassung von Prâkrit-Gedichten begeisterte und der König dann die 700 besten von diesen auswählte und sammelte. Ich lasse ein paar Kostproben folgen⁴⁸:
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Stirnschmuck der Nacht! Mond! Diadem des Himmels!
Der du die Nacht durchstrahlst in hellem Schein,
Berühre mich mit deinen Strahlenhänden,
Mit denen du berührst den Liebsten mein.
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„Du wirst kommen“ hofft’ ich und im Fluge
Mir die halbe Nacht verronnen war,
Doch du kamst nicht, und der Rest der Stunden
Währte wie ein langes Schmerzensjahr.
Hartherzig geht mein Liebster fort von hier
Schon morgen, alle Leute sagen’s mir.
So wachse denn, o wachse, süße Nacht,
Daß uns ein Morgen niemals mehr erwacht.
Vor Augen steht mir seine Wohlgestalt,
Noch auf den Lippen seine Küsse brennen
In meinem Herzen ruht sein Herz, im Ohr
Klingt noch sein Wort, kann uns das Schicksal trennen?
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Wenn auch der Inhalt der meisten Strophen ein erotischer ist, so ist doch die ganze Sammlung nicht ausschließlich auf diesen Ton gestimmt: einige Strophen feiern brahmanische Gottheiten, andere geben allgemeine Sentenzen, z. B. die folgenden:
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Zukunftsbilder mit der Hoffnung Pinsel
Malt der Geist wohl auf des Herzens Wand,
Doch das Schicksal, lächelnd wie ein Knabe,
Löscht sie alle aus mit leichter Hand.
So lache du, daß niemand dich verlacht,
Sprich, daß es freundlich klingt in deines Hörers Ohren,
So lebe, daß du Ruhm im Leben dir erwirbst,
Und stirb so, daß du nicht aufs neue wirst geboren.
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Die andere Strophensammlung, die hier zu nennen ist, ist das Vajjâlagga des Shvetâmbara Jayavallabha (Zeit noch unbekannt, jedenfalls vor 1336). Das Vajjâlagga ist insofern umfassender als Hâlas Werk, als es sich nicht hauptsächlich auf die Schilderung der Liebe beschränkt, sondern alle drei Lebensziele, also auch Dharma (Pflicht, Religion) und Artha (Nutzen, Lebensklugheit) darstellt. Der Inhalt ist außerordentlich vielseitig: „Ein interessantes Stück Kulturgeschichte zieht an unserem Auge vorüber; zuerst werden wir bekannt gemacht mit den sittlichen Lebensanschauungen der Inder, ihrem Ideal eines guten Menschen, dem der Bösewicht als etwas Verächtliches gegenübergestellt wird. Treue Freundschaft und guter Lebenswandel finden den Beifall des Dichters, er rühmt Standhaftigkeit und herzhafte Entschlossenheit; begeisterte Verse sind dem tatkräftigen Menschen gewidmet. Der äußere Erfolg aber ist vom Schicksal abhängig. Und damit wird eingeführt das zweite Lebensziel des Menschen: Artha. Die Leiden der Armen werden in bitterer Ironie geschildert; Herr ist der eine, Diener der andere, so sagen weitere Verse, herrlich aber der, der die Sache seines Herren verficht und als mutiger Soldat auf dem Schlachtfelde seinen Tod findet. Zwei Drittel des Vajjālagga beschäftigen sich mit Kāma. Die Liebe von ihren zartesten Anfängen an bis zur wilden Leidenschaft wird in den Versen besungen, der heiße bittere Trennungsschmerz ebenso wie das Schmollen der Geliebten. Mögen die Verse reden von den Bienen, die den Honig aus den Knospen der Blumen saugen, oder den Elefanten, die ihre Freiheit in der Gefangenschaft fern von der Herde verloren, vom Hansa (d. h. Königsgans) oder vom blühenden Jasmin, es sind nur Bilder; ihr eigentlicher versteckter Sinn ist die Liebe des Mannes zum Weibe. Der Inder, der in sexuellen Dingen harmloser, naiver denkt als ein Europäer, wird sich nicht gewundert haben, daß Verse folgen, die die Anomalien des Liebeslebens mit einer uns erschreckenden Deutlichkeit ausführen. In diesem Zusammenhang darf natürlich das Hetärenwesen nicht fehlen. Mit den Schilderungen der anmutigen Spiele Krishnas mit den Hirtinnen lenkt der Dichter in ein ruhigeres Fahrwasser wieder ein, und mit dem Preis der Jahreszeiten klingt das Vajjālagga aus¹⁹.
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Kunstvolle Strophen, in denen die verschiedenen Erscheinungen des Menschenlebens, die Schönheiten der Natur u. ä. geschildert werden, sind von einer großen Anzahl von Jainadichtern auch in Sanskrit und in den neuindischen Sprachen gedichtet worden. Im Kanaresischen z. B. besitzen wir mehrere Sammlungen dieser Art. Von Interesse ist es, daß sich auch Frauen an dieser literarischen Produktion beteiligten; so wird uns eine Nonne Kanti (um 1100) genannt, welche sich durch ihre Geschicklichkeit im Abfassen von Strophen über die verschiedensten Gegenstände hervortat.
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Auch auf dem Gebiete der Gedankenlyrik unterscheiden sich die Schöpfungen der Jaina-Dichter vielfach nicht von denen der Poeten anderer Religionen. Dies erklärt die merkwürdige Tatsache, daß es eine Reihe von Dichtungen dieser Art gibt, deren Verfasser von den Jainas als Jainas betrachtet werden, während die Anhänger anderer indischer Glaubenslehren ihre Zugehörigkeit zu ihrer eigenen Sekte behaupten. Dies ist z. B. bei dem Kurral des tamilischen Webers Tiruvalluvar der Fall, der früher in das 8., jetzt meist in das 1. oder 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung gesetzt wird. Der Kurral enthält 2660 kurze Strophen, die von den drei Lebenszielen: Tugend, Nutzen, Liebe handeln. Da jeder Hinweis auf das Dogma einer bestimmten Religion fehlt, ist es verständlich, daß Vishnuiten, Shivaiten und Buddhisten in gleicher Weise wie die Jainas den Anspruch erheben, das Werk sei von einem Bekenner ihrer Lehre verfaßt. B. Seshagiri Sastriar und M. S. Ramaswami Ayyangar glauben, daß sich in einigen Strophen des Kurral tatsächlich Hinweise dafür finden, daß sein Verfasser ein Jaina war, eine Gleichsetzung desselben (der bei den Jainas auch Elâcârya heißt) mit Kundakunda ist aber wenig wahrscheinlich 50.
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Als Proben aus dieser berühmten Spruchsammlung gebe ich hier die sechs Sprüche wieder, welche unser großer Meisterübersetzer Rückert in deutsche Reime gekleidet hat 51.
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Die nicht Göttern Opfer bringt,
Nur den Gatten treu umschlingt,
Ist von Göttern so gesegnet:
Regne, sagt sie, und es regnet.
c8.s2.t2.32
Wer nicht hat ein Weib getreu,
Darf nicht wandeln wie ein Leu
Vor den Feinden ohne Scheu.
c8.s2.t2.33
Süß wie Ambrosia dir der Bissen schmeckt,
Wonach dein Kind sein Händchen streckt.
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Wem Flöt’ und Laute lieblich schallen,
Nie hat der gehört seines Kindes Lallen.
Mehr als da sie ihn geboren,
Freut sich eine Mutter dann,
Wenn ihr Sohn vor ihren Ohren
Wird mit Ruhm genannt als Mann.
Wer nicht liebt, der hat alles für sich selber;
Wer liebt, hat selbst für andere seinen Leib.
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Auch Tiruvalluvars Schwester Avaiyyâr soll ähnliche Strophen moralischen Inhalts verfaßt haben.
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Eine andere Sammlung gnomischer Sprüche ist das Nâladiyâr⁵². Über dessen Entstehung wird das Folgende erzählt: Einst kamen 8000 Jaina-Asketen, die durch eine Hungersnot aus ihrer Heimat vertrieben worden waren, zum Pândya-König nach Madurâ und wurden von ihm gastlich aufgenommen. Als die Hungersnot vorüber war, rüsteten sie sich zur Rückkehr nach der Heimat; der König aber wollte die Fremdlinge, die seinem Hofe Glanz verliehen, nicht gehen lassen. Da blieb den Mönchen nichts anderes übrig, als heimlich bei Nacht fortzuziehen. Als sie dies taten, ließ jeder von ihnen an dem Platz, an dem er zu sitzen pflegte, einen Vierzeiler zurück. Der König befahl, die Palmblätter, auf denen diese Strophen standen, alle in den Fluß Vaigai zu werfen. Zum großen Erstaunen aller stiegen aber 400 der Blätter im Wasser empor und schwammen gegen die Strömung ans Ufer. Sie wurden gesammelt und unter dem Namen „Nâladiyâr“ herausgegeben. Einige weitere Strophen sollen noch an anderen Stellen das Ufer des Flusses erreicht haben und anderen Sammlungen einverleibt worden sein.
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Stark ausgeprägt ist das Jainatum bei propagandistischen Lehrgedichten wie der „Sammlung schöner Sprüche“ (Subhâshita-sandoha) des Digambara-Mönches Amitagati (geschrieben 994 A. D.). Amitagati schildert in diesem Werke die Vergänglichkeit aller Sinnenlust, beschreibt das Altern und Sterben, bekämpft die Leidenschaften Zorn, Stolz, Trug, Gier, warnt vor dem Genuß von Alkohol, Fleisch, Honig, vor dem Glücksspiel und dem Besuch von Hetären, und ermahnt zur Erfüllung der Vorschriften der Jaina-Religion. Der Reihe nach werden von ihm alle irdischen Genüsse vorgenommen und in ihrer Wertlosigkeit dargetan. Mit wie starken Realismen er hierbei arbeitet, zeigen die folgenden Proben, in welchen er als echter Asket gegen den Verkehr mit Frauen auftritt:
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