Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c5.s5: V. Die zehn Maṇḍalas und die Saṃhitâ
Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c5.s5
- Language
- German
Contents
- c5.s5.12 — 5 parts
V. Die zehn Maṇḍalas und die Saṃhitâ
c5.s5.2
Indem wir bisher die Anordnung der in jedem einzelnen Maṇḍala enthaltenen Materialien erörterten, liessen wir vorläufig die Frage aus dem Spiel, nach welchen Principien diese Materialien eben in der vorliegenden Weise in jenen zehn Abtheilungen untergebracht worden sind.
c5.s5.3
Hier ist es ebenso klar wie allbekannt, dass in jedem unter den Büchern II—VII die Liedersammlung einer Sängerfamilie, in IX dagegen die Sammlung aller an den Gott Soma pavamâna ²) gerichteten Hymnen vorliegt. Weniger leicht ist die Beantwortung der Frage, wie es kommt, dass eben nur jene Somalieder, nicht aber in derselben Weise auch die Agnilieder, die Indralieder u. s. w. je nach den Gottheiten zu eignen Sammlungen vereinigt wurden, sondern dass aus diesen nach den Familien, denen sie zugehören, Sammlungen völlig andrer Art, in deren jeder sich mehr oder minder alle Götter vertreten finden, gebildet worden sind. Eine erschöpfende Antwort auf diese Frage wird man natürlich nicht in dem Sinne erwarten, dass der von den Anordnern der Saṃhitâ thatsächlich eingeschlagene Weg als der einzig denkbare, jeder andere als ausgeschlossen zu erweisen wäre. Aber einigermaassen verständlich wird der betreffende Hergang doch, wenn man sich die eigenthümliche rituelle Natur der Pavamânalieder vor Augen stellt. Es wäre nicht möglich, aus dem Hymnenschatz des Ṛigveda eine zweite ähnlich compacte Masse von inhaltlich und formell so durchaus gleichartigen Liedern auszuziehen. Dächte man sich etwa die Agnihymnen zu einer Sammlung vereinigt, so würden sie eine geradezu unübersehbare Varietät ritueller Situationen darbieten verglichen mit der Eintönigkeit dieser Lieder an den Pavamâna. Er fliesst durch das Sieb von Schafhaar — er strahlt zum Himmel — die Lieder tönen über ihn, der des Indra Heldenkraft mehrt: mit diesen wenigen Wendungen ist in der That der Inhalt des neunten Maṇḍala ziemlich erschöpfend wiedergegeben. Diese Lobpreisungen aber wurden nicht, wie die Mehrzahl der Opferhymnen, von den Hotâras, sondern von den Sâmansängern vorgetragen; unter allen nach den Gottheiten abzugrenzenden Liedergruppen war dies die einzige, die, wie es scheint, wenigstens ursprünglich jenen Sängern ausschliesslich zugehörte und deren Kenntniss für Hotarpriester ein überflüssiger Ballast gewesen wäre. Ist nun auch im Allgemeinen eine principielle Scheidung von Hotar- und Udgâtartexten bei der Anlage der Ṛik-Saṃhitâ nicht versucht worden, so lässt sich doch begreifen, dass sie eben an diesem Puncte sich als besonders leicht durchzuführen und besonders zweckmässig, weil die Belastung der Hotâras mit entbehrlichem Lernstoff vermeidend ¹), aufdrängte.
c5.s5.4
² Der Unterschied von Liedern an Soma pavamâna und an Soma schlechthin darf nicht übersehen werden: jene finden sich nur im neunten, diese nur in andern Büchern.
c5.s5.5
¹ Dass die Kenntniss der Somalieder ursprünglich ein keineswegs Allen gemeinsamer Besitz war, blickt in der Ausdrucksweise von Ṛv. IX, 67, 31 fg. durch: yaḥ pavamânîr adhyeti ṛishibhiḥ sambhṛitam rasam etc.
c5.s5.6
Uebrigens ist ohne Weiteres klar, dass Buch IX nicht, wie die Bücher II—VII, vor der Vereinigung dieser Bücher eine Sonderexistenz geführt haben kann, sondern dass es selbst erst ein Product jener Vereinigung ist. Denn die Entstehung der Pavamânahymnen vertheilt sich natürlich auf eben jene Familien der Gṛitsamadas, der Vasiṣṭhas u. s. w., welche auch die andern Bücher verfasst haben: das versteht sich von selbst und wird zum Ueberfluss durch Erscheinungen wie das Auftreten der für jene Familien characteristischen Refrains ausdrücklich bewiesen ²). Offenbar befand sich also ursprünglich ein Theil des jetzigen neunten Buches im Sonderbesitz einer jeden Familie, und eine grössere Sammlung der Pavamânahymnen, des »ṛishibhiḥ sambhṛito rasaḥ«, kann erst in der Zeit gebildet worden sein, als überhaupt jene aus getrennten Dichterkreisen hervorgegangenen Liedermassen zu einem Ganzen vereinigt wurden. Hier ist es nun wichtig zu bemerken, dass keineswegs allein mit den Büchern II—VII correspondirende Pavamâna-Materialien im neunten Buch auftreten, sondern ganz ebenso solche, die sich zu dem ersten, achten, ja sogar zu dem zehnten Maṇḍala stellen. Neben den Refrainzeilen von II und VII finden wir in den Pavamānatexten, in die Sphäre des ersten Buches weisend, die Nennung des Kakṣīvant (74, 8), die Schlusszeile der Nodhashymnen (93, 5) und diejenige der auf Kutsa zurückgeführten Sammlung (97, 58), ferner das characteristische Metrum der Parucchepalieder (111). Zum achten Buch stellt sich die Nennung des Medhyātithi 43, 3 und des Vyaśva 65, 7. Aber auch das zehnte Buch hat, wie kaum bezweifelt werden kann, seine Ableger zum neunten beigesteuert. Allerdings schwerlich in besondrer Reichlichkeit: sonst würden sich die für das zehnte Buch characteristischen moderneren Eigentümlichkeiten von Sprache und Metrum im neunten häufiger wiederfinden ¹), und auch überhaupt haben wir Grund für die Annahme, dass die uralte, mit dem Avesta sich berührende Poesie der Somahymnen frühzeitig unter den vedischen Dichtern zum Abschluss gelangt, also in der Zeit des zehnten Maṇḍala schwerlich mehr besonders lebhaft gepflegt worden ist: — es ist bezeichnend, dass die beiden Ārcika des Sāmaveda, in welchen bekanntlich eine nicht unerhebliche Zahl von Versen zu dem aus dem Ṛv. entnommenen Bestande hinzukommt, doch keinen einzigen ²) Pavamānavers enthalten, der sich nicht schon im Ṛigveda fände ³). Dass dieser Typus der Pavamânalieder, als das zehnte Maṇḍala entstand, schon ganz ausgestorben gewesen sei, wird man doch kaum wahrscheinlich finden: dann aber können, da es im zehnten Buch selbst keine solchen Hymnen giebt, dieselben eben nur im neunten ihre Stelle gefunden haben. Ein derartig seiner Entstehung nach mit dem zehnten Buche zusammenhängendes Gedicht an den Pavamâna scheint mir IX, 68 zu sein, von der Anukramaṇî dem Vatsaprî zugeschrieben; in der That weist die Uebereinstimmung des Schlusses adveshe dyâvâ-prithivî huvema etc. auf Zusammengehörigkeit mit X, 45 (Vatsaprî) hin.
c5.s5.7
² Bemerkenswerth ist übrigens das im neunten Buch zu beobachtende Hervortreten der sonst nur selten erscheinenden Jamadagnis (62, 24; 65, 25 [vergl. III, 62, 18]; 97, 51) und die Nennung des im Ṛv. nur hier vorkommenden Kaśyapa (114, 2): allerdings in einem Anhangsliede; aber dem Kaśyapageschlecht gehören auch die 97, 8 auftretenden Vṛishagaṇas an.
c5.s5.8
¹ Bezeichnend ist es beispielsweise, dass sarva (das einfache Wort; bei Ableitungen und Compositis liegt die Sache nicht genau ebenso) nur einmal im neunten Buch sich findet, und zwar an der ohnedies als Anhang zu erweisenden Stelle 67, 31. Das Wort loka (unterschieden von uloka) erscheint nirgends; das in alten Liedern seltene tatra (es findet sich z. B. im achten Buch nur in zwei Vālakhilyaliedern 56, 4 und 58, 1, im sechsten überwiegend in dem Anhangshymnus 75) tritt im neunten Buch nur in dem späten Anhang 113, 8–11 auf. Aehnliche Erscheinungen sind zahlreich zu beobachten.
c5.s5.9
² Nach Whitney’s Tabelle (Ind. Stud. II) würde Sv. II, 109 eine Ausnahme bilden: dies ist aber in der That Ṛv. IX, 42, 2 mit einer kleinen, auf dem Einfluss von VIII, 44, 12 beruhenden Umgestaltung.
c5.s5.10
³ Die Spärlichkeit der Nachtragslieder im neunten Buch gehört wohl in denselben Zusammenhang.
c5.s5.11
Für die Beurtheilung der Vorgänge, in welchen sich die Zusammenordnung der verschiedenen Bestandtheile des Rigveda vollzogen hat, wäre es von grösster Bedeutung, wenn sich an dieser Stelle, an welcher abgesonderte Theile von ihnen allen zu einer Specialsannmlung vereinigt worden sind, die Spuren successiver Schichtungen dieser Elemente erhalten hätten. Aber mag nun der Erfolg künftiger auf die Provenienz der Pavamânatexte und ihre Zusammenhänge mit den einzelnen übrigen Sammlungen gerichteter Forschungen gross oder — was ich eher glaube — gering sein: Spuren der bezeichneten Art werden sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht finden. An vielen Stellen schliesst die Ordnung des neunten Buches nach Versmaassen und Verszahlen von vorn herein solche auf der Provenienz der Hymnen beruhende Schichtungen aus, und wo dieselben doch denkbar wären, scheinen schon die gegenwärtig erkennbaren Momente zu zeigen, dass sie in der That nicht vorhanden sind, dass die Reihenfolge der Vorgänge, in welchen zu verschiedenen Zeiten die Pavamânatexte verschiedener Liedersammlungen hier vereinigt worden sind, sich verwischt hat. —
c5.s5.12.1
Bergaigne hat gezeigt, dass die Ordnung der Bücher II—VII sich nach der zunehmenden Zahl der Lieder richtet; wenn die oben von uns vorgeschlagenen Zerlegungen und Ausstossungen einzelner Lieder auch etwas andre Zahlen ergeben, als er sie angenommen hat, so steht doch das erwähnte Ordnungsgesetz mit unsern Zahlen gleichfalls im Einklang. Dass das achte Buch seiner Liederzahl nach die Reihe von II—VII nicht fortführt, dass es weniger Lieder hat als VII, scheint unzweifelhaft. Die im achten Buch herrschende Ordnung der Hymnen in ihren principiellen Abweichungen von derjenigen, welche in den vorangehenden Büchern übereinstimmend beobachtet ist, möchte an sich vielleicht, als durch die speciellen Verfasserverhältnisse dieses Buches motivirbar, nicht hinreichend scheinen, um auf eine ursprüngliche Sonderstellung von VIII neben der Sammlung II—VII schliessen zu lassen. Indessen das Zusammentreffen jener Abweichungen mit dem Abbrechen der ansteigenden Reihenfolge der Maṇḍalas genügt doch wohl, um jenem Schluss eine ausreichende Wahrscheinlichkeit zu verleihen. Was ist nun aber die Einheit, welche diese von II—VII sich absondernden Hymnenmassen des achten Buches unter sich verbindet? Dass das achte »Buch der Pragâthas« zum grossen, wohl gar zum grössten Theil aus Liedern in andern Versmaassen als eben Pragâthas besteht, und dass umgekehrt zahlreiche Pragâthas ausserhalb dieses Buches¹ erscheinen, sieht Jeder.
c5.s5.12.2
Ebenso wenig scheint in der Autorschaft der Kaṇvas das Band für die im achten Buch vereinigten Materialien liegen zu können. In grossen Gebieten dieses Maṇḍala werden die Kaṇvas nicht erwähnt; an einigen Stellen werden deutlich Sänger aus andern Familien genannt: ganz abzusehen von der Rolle, welche die Kaṇvas auch ausserhalb des achten, in umfänglichen Partien des ersten Buches spielen. Vielleicht führen uns aber eben die Stellen von VIII, an welchen Dichter aus den sonst in andern Maṇḍalas heimischen Geschlechtern auftreten, auf die richtige Spur. Verfasser von VIII, 35—38 ist ein Śyâvâśva, aus dem Hause der Atris. Könnten jene Lieder, ohne sich von ihrer Umgebung abzuheben, in dem Buche der Atris (V) stehen, in dem ja auch Śyâvâśva als Dichtername mehrfach auftritt? Schwerlich: der Ṭricabau von VIII, 35. 38, ausgeprägt in den theilweise durch die Lieder hindurchgehenden, theilweise nach den Ṭricas wechselnden Refrains würde diese Texte im fünften Maṇḍala als Singularitäten erscheinen lassen; im achten sind sie inmitten ähnlich gearteter Umgebungen durchaus an ihrem Platz. Was den Śyâvâśva dieses Buches von dem des fünften unterscheidet, ist also der Gebrauch einer Dichtform, welche auch die Kaṇvas und die meisten übrigen Dichter des achten Buches anzuwenden pflegen: des Strophenliedes, gleichviel ob dasselbe aus Pragâthastrophen oder aus Ṭricas besteht. Die beiden dem Atrigeschlecht gehörigen Hymnen VIII, 73. 74 sind gleichfalls unverkennbare Ṭricalieder.
c5.s5.12.3
Also schon diese wenigen Hymnen der Atris in Buch VIII genügen, um eine Reihe sichrer Beispiele der Strophentheilung zu liefern, während die Atris von Buch V nicht oder doch nur in sporadischen Ausnahmefällen sich des strophischen Baus zu bedienen pflegen. Ebenso ist das einzige sicher characterisirte Gotamalied im achten Maṇḍala, 88, ein Pragâthalied, während sich in dem ganzen Gotamabuch IV kein einziger, in den Gotamapartien von I nur ein einziger Pragâtha findet. Das kann kein Zufall sein. Gewiss wird Niemand daran denken, im achten Buch eine Auslese der Strophenlieder aus der ganzen Saṃhitâ in ähnlicher Art erblicken zu wollen, wie Buch IX eine Auslese der Pavamânalieder ist: einer solchen Auffassung stände eine hinreichende Menge von Ausnahmen jener Art entgegen, welche die Regel keineswegs bestätigen. Aber eine ausgeprägte Vorliebe der Dichter für die Strophenform muss doch mit jenen Momenten, welche die Abgrenzung des achten Maṇḍala beherrscht haben, in irgend welchem Zusammenhang stehen. Kommen die Atris und Gotamas des achten Buches in dieser Hinsicht nicht mit den übrigen Atris und Gotamas, wohl aber mit den im achten Buch sonst hervortretenden Kaṇvas, mit den Vyaṣvas u. s. w. überein, so werden sie allem Anschein nach nicht zu jenen ihren Geschlechtsgenossen, sondern zu diesen dem Stamm nach ihnen fremden Sängern in Beziehungen gestanden haben, welche die gleichartige Handhabung der priesterlichen Poesie erklären.
c5.s5.12.4
Also nicht direct das Geschlecht der Sänger, auch nicht direct die Liedform war das Entscheidende bei der Formirung des achten Maṇḍala, vielmehr die von den übrigen Dichterkreisen gesonderte Stellung einer gewissen Gruppe, oder richtiger mehrerer zusammenhängender Gruppen von Ṛishis, deren Liedern zwar nicht als ausschliessliches aber als vorherrschendes Merkmal die Form der strophischen Composition eigen war. In erster Linie gehörten Kaṇvas diesem Kreise zu und bildeten wohl dessen Mittelpunct. Aber auch einzelne Atris, Gotamas ¹ und Sänger verschiedener kleinerer Familien nahmen an der hier gepflegten eigenthümlichen Dichtweise theil. Und zwischen ihnen allen bestand offenbar eine Gemeinschaft, deren Festigkeit hinter der innerhalb jeder Sängerfamilie der Bücher II—VII herrschenden nicht weit zurückblieb: davon zeugen die zahlreichen durch das ganze Maṇḍala durchgehenden Wiederholungen ähnlicher Wendungen und Verstheile, welche hier genau so wie in den vorangehenden Büchern auftreten. Das Verhältniss jener weiteren, über den Gotrarahmen hinausgehenden Einheit dieses Kreises und der innerhalb desselben stehenden, von einander unterschiedenen, gentilisch begrenzten Gruppen spiegelt sich dann durchaus adäquat in der eigenthümlichen Anordnung des achten Maṇḍala wieder: jenen Gruppen entsprechen die Hymnengruppen, die hier unter Verzichtleistung auf eine durch das ganze Buch hindurchgehende Ordnung in ihrer Besonderheit stehen geblieben sind.
c5.s5.12.5
Und es scheint, dass indirect mit diesen Verhältnissen auch die Abweichung des achten Buches von den übrigen in Bezug auf die Ordnung der Götterreihen innerhalb jeder Gruppe zusammenhängt: wo die einzelnen Götterreihen in ihrer Länge so wenig unterschieden waren, so oft nur aus einem einzigen Hymnus bestanden, wie dies innerhalb dieser vielen und kurzen Liedergruppen der Fall war, lag es nahe, nicht von der Liedzahl jeder Götterreihe ihre Ordnung abhängig zu machen, sondern die Verszahl, welche ohnehin für die zahlreichen Einzelhymnen allein in Betracht kommen konnte, auch für die mehrere Lieder enthaltenden Reihen in der Weise, wie es eben im achten Buch geschehen ist (oben S. 213), als maassgebend anzunehmen. —
c5.s5.13
¹ In bemerkenswerther Seltenheit im zehnten Buch.
c5.s5.14
¹ Auch anderweitig lassen sich engere Beziehungen eben dieser Familien zu den Kaṇvas beobachten.
c5.s5.15
Wir wenden uns zu den Fragen, welche sich an das erste Maṇḍala knüpfen. Dass der erste Theil desselben eine gewisse Gemeinsamkeit mit dem achten Buch verräth, ist bereits bemerkt worden: wie kommt es aber, dass diese Strophenlieder, diese Kaṇvalieder von denen des achten getrennt stehen? Der zweite Theil des Maṇḍala stellt sich mehr auf die Seite der Bücher II—VII: ist er ganz oder zum Theil als ein Beginn derselben Serie aufzufassen, welche in diesen Büchern vorliegt?
c5.s5.16
Wir beginnen mit der zweiten Frage. Die Sammlungen von I, 51 an haben nach den oben vorgeschlagenen Zerlegungen und Beseitigungen interpolierter Hymnen folgende Liedzahlen: Savya 7. — Nodhas 7. — Parâṣara 9. — Gotama 30 oder 41 (je nachdem man die Lieder 91-93 zerlegt oder nicht zerlegt). — Kutsa 21. — Kakṣīvant 12. — Parucchepa 16? — Dīrghatamas 22—25. — Agastya 26.
c5.s5.17
Man sieht, dass diese neun Sammlungen bis auf zwei Ausnahmen (Gotama, Kutsa) in der That nach aufsteigender Länge geordnet sind: ein Verhältnis, das schon an sich, auch wenn man nicht an die folgenden Maṇḍalas denkt, der rein zahlenmässigen Wahrscheinlichkeit nach nicht den Eindruck des Zufalls macht. Von jenen Ausnahmen betrifft die eine die Kutsasammlung. Eben diese aber nimmt, wie bekannt, bei den Vâṣkalas vermöge des in dieser Schule den Ṣâkalas gegenüber obwaltenden anukramaviparyâsa eine andre Stelle ein: sie steht dort hinter den Parucchepaliedern, also genau an der durch ihre Liedzahl geforderten Stelle. Die zweite jener Ausnahmen (Gotama) wird allerdings durch kein ähnliches Zeugnis beseitigt, aber sie bleibt allein übrig, und es ist wohl nicht zu kühn, wenn wir hier ähnliche Verschiebungen für denkbar halten, wie sie bei der Kutsasammlung zufälligerweise noch ihre Spuren zurückgelassen haben. Somit fänden wir der Wahrscheinlichkeit nach eine Sammlung von neun kleinen, aufsteigend geordneten Hymnencomplexen, die der Zahl nach an die Reihe der Bücher II—VII heranpassen und auch in ihrer inneren Anordnung, wie oben gezeigt wurde, mit den Anordnungsprincipien jener Bücher — bis auf solche Unterschiede, welche der geringe Umfang dieser Sammlungen leicht erklärt — hinreichende Uebereinstimmung bekunden ¹). Halten wir es danach für möglich, dass von I, 51 bis VII eine grosse Reihe von Liedsammlungen anzunehmen ist, so scheint mir mit einer derartigen Auffassung das Zugeständniss durchaus nicht unvereinbar, dass einige Sammlungen des ersten Maṇḍala allem Anschein nach etwas jünger sind, als die Hauptmasse der Bücher II—VII: nichts zwingt uns, die Vereinigung der Bücher zu einem Liedercorpus so nah an die Entstehung der älteren Bücher heranzurücken, dass nicht auch für das Zustandekommen merklich jüngerer Liedermassen dazwischen Zeit bliebe. Ebenso wenig schliesst der Umstand, dass an drei verschiedenen Stellen der grossen Sammlungsreihe Gotamidenserien erscheinen würden (I, 58-64. 74-93. IV), die Annahme einer solchen umfassenden Einheit aus. Die Gruppe von I, 58-64 wird durch die Nennungen des Nodhas und den Refrain prâtar makshû dhiyâvasur jagamyât so zu sagen localisirt; sie muss von einem bestimmten Sänger unter den Gotamas oder von dem um eine bestimmte Persönlichkeit versammelten Kreise herrühren. Auf Trennungen ähnlicher Art muss es auch beruhen, dass die Lieder I, 74-93 vom vierten Buche abgesondert stehen. In der That zeigen beide Sammlungen wesentlich verschiedene Characteristica: man beachte die Häufigkeit von Uṣṇih und Paṅkti sowie von Refrainliedern in I, 74 fgg., und dagegen die dort wahrzunehmende Seltenheit der in IV vorherrschenden Triṣṭubh. Chronologische Differenzen mögen gleichfalls eingreifen — in jedem Fall wäre es voreilig zu behaupten, dass ein solches Nebeneinanderstehen getrennter, irgendwie nach den näheren Umständen ihrer Entstehung unterschiedener Gotamasammlungen mit der Annahme einer von I, 51 bis VII reichenden Saṃhitā unvereinbar wäre.
c5.s5.18
¹ Dass die kleineren Sammlungen in der Tradition an einander geschoben, die grösseren selbständig geblieben sind, wäre genau dieselbe Erscheinung wie das Zusammenwachsen der dreiversigen Hymnen hinter getrennt erhaltenen längeren.
c5.s5.19
Der Liedzahl und allenfalls auch der Liedordnung nach könnte an sich ferner noch die Praskaṇvagruppe I, 44-50 dieser Saṃhitā zugehört haben, aber da bei den weiterhin vorangehenden Sammlungen diese Denkbarkeit aufhört und durch die Verfassernamen die Gruppe sich deutlich auf die Seite der vorangehenden stellt, so verliert jene Eventualität alle Wahrscheinlichkeit. Die Frage nun, welche in Bezug auf diesen ersten Theil des Maṇḍala aufgeworfen werden muss, ist offenbar nicht: wie verhalten sich diese Sammlungen zu denen, welche auf sie zunächst folgen? — sondern: wie verhalten sie sich zu Buch VIII, mit dem sie zum grössten Theil durch das Hervortreten der Kaṇvas und durch die metrische Gestalt der Lieder auf eine Linie gestellt werden? Auch hier wie im achten Buch haben wir eine Reihe kleinerer Sammlungen, jede offenbar einem eignen Verfasser oder einem engeren Verfasserkreise zugehörig. Wenn nun im ersten wie im achten Maṇḍala in gleicher Weise Kaṇviden als Dichter im Vordergrund stehen, so liegt die Vermuthung nahe, dass es eben besondre Verfassergruppen sein werden, die in jenem, andre, die in diesem Maṇḍala erscheinen¹). Wie das erste Buch beispielsweise von Vatsa, von Sobharî resp. den Sobharis und von andern Dichtern des achten M. nichts weiss, so hat umgekehrt die Sammlung I, 44-50 vor dem achten Buch den Namen des Praskaṇva voraus²), während sie die vielfachen Erwähnungen der Kaṇvas und Priyamedhas mit VIII, 1 fgg. theilt. Anders die Sammlung I, 36-43: sie hat mit VIII, 1 fgg. die Namen Kaṇva, Medhyâtithi, Upastuta (dazu auch Turvaṣa Yadu) gemeinsam, aber ihr fehlt, vielleicht nicht durch blossen Zufall, die dort häufige Nennung der Priyamedhas. Dass die Kaṇvas in einigen Liedergruppen nicht genannt, vermuthlich auch keineswegs die Verfasser von allen sind, widerspricht übrigens der Analogie mit dem achten Buche nicht: wir denken an die Śunaḥśepa- und die Hiraṇyastûpasammlung; möglich ist es auch, dass die durchaus im Ton der Kaṇvas gehaltenen¹) Lieder I, 1-11 in der That, wie die Anukramaṇî angiebt, von einem Viṣvâmitriden herrühren²). Allerdings nun ist damit, dass man in I andre Verfassergruppen annimmt als in VIII, noch nicht erklärt, weshalb die eine Reihe von Gruppen von der andern in dieser Weise getrennt ist. Die Möglichkeit, dass chronologische Momente hierbei im Spiel sind, liegt nahe; es dürfte aber schwer sein, derartige Momente im Einzelnen nachzuweisen. Neben entschieden Jungem³), wie derartiges übrigens auch an vielen Stellen des achten Buches vertreten ist, steht Andres, das so alt sein kann, wie nur irgend ein Bestandtheil der vedischen Textsammlung. Die zahlreichen Parallelen und
c5.s5.20
¹ Aehnlich nimmt Ludwig (HI, 105) an, »dass es zur Zeit der Sammlung des Ṛigveda zwei Zweige der Kâṇvas gab, deren Sûktamaterial nicht zu gleicher Zeit gesammelt wurde«.
c5.s5.21
² In VIII nur einmal (3, 9) als Frommer der Vergangenheit in einer Art, welche für die Beziehung auf den Autor des Liedes nicht characteristisch ist: dann allerdings in hervortretender Weise in den Vâlakhilyas, VIII, 51, 2; 54, 8.
c5.s5.22
¹) Vergl. Ludwig III, 101. ²) Dafür spräche, ohne natürlich entscheidend zu sein, I, 1, 8 gopâm ṛitasya dîdivim, vergl. III, 10, 2 gopâ ṛitasya didihi; I, 5, 3 = III, 13, 1 gamad vâjebhir â sa naḥ; I, 10, 7 = III, 40, 6 indra tvâdâtam id yaṣaḥ. Bedenkt man, dass häufige Parallelen zwischen den Gâyatrîliedern von I und den in III weit überwiegenden Triṣṭubhliedern nicht erwartet werden können, so erscheint die Zahl dieser Stellen als nicht ganz unerheblich. ³) So in der auf Kaṇva zurückgeführten Gruppe das einsylbige kva 38, 2, wenn dies nicht von Grassmann durch eine recht wahrscheinliche Conjectur beseitigt wäre; unter den Medhâtithiliedern gârhapatyena und yajñanîḥ 15, 12; in der Hiraṇyastûpagruppe kalyâṇa 31, 9; in der Śunaḥśepagruppe namentlich die beiden Lieder 28. 29, u. dergl. mehr.
c5.s5.23
direct identischen Stellen in I und VIII lassen meist nicht erkennen, auf welcher Seite das Ursprüngliche steht; nur einige solche Fälle, welche die Praskaṇvasammlung betreffen, scheinen mir mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit dafür zu sprechen, dass dieser Theil des ersten Buches den Parallelen des achten an Alter eher vorangeht als nachsteht. So findet sich I, 44, 11 yajñasya sâdhanam = VIII, 6, 3; im achten Buche wird der Ausdruck von Indra gebraucht, im ersten von Agni, auf dessen Wesen er genauer zutrifft und auf den er sich sonst im Ṛv. immer bezieht ¹). I, 45, 4 wird râjantam adhvarâṇâm von Agni, VIII, 8, 18 râjantâv adhvarâṇâm von den Aṣvin gesagt ²): für Agni entscheidet I, 1, 8; 27, 1; 44, 9; X, 46, 4. Zu Gunsten von I scheint auch I, 48, 15 zu sprechen: usho yad adya bhânunâ vi dvârâv ṛinavo divaḥ, pra no yachatâd avṛikam pṛithu chadiḥ [überliefert chardiḥ]; vergl. VIII, 9, 1 (an die Aṣvin): prâsmai yachatam avṛikam pṛithu chadiḥ [überl. chardiḥ]. Es kann nicht streng bewiesen werden, darf aber doch für wahrscheinlich gelten, dass das yachatât älter ist als das yachatam; eine so ausgeprägt characteristische Construction wie yad . . . ṛinavaḥ . . . pra yachatât ³) macht den Eindruck, ursprünglich so gedacht, nicht aber aus Bruchstücken eines andern Wortlauts zurecht gerückt worden zu sein ⁴). Eine Anzahl andrer Stellen, welche Berührungen der Praskaṇvalieder mit Vatsaliedern (VIII,
c5.s5.24
¹) III, 27, 2. 8; VIII, 23, 9. Dass bei dieser mehrfachen Wiederkehr der Wendung mir gerade zwischen I, 44, 11 und VIII, 6, 3 eine specielle Beziehung obzuwalten scheint, begründet sich in den zahlreichen und significanten andern Parallelen zwischen den Praskaṇvaliedern und eben diesen Theilen des achten Buches; s. unten.
c5.s5.25
²) Dass ein Zusammenhang zwischen beiden Stellen obwaltet, zeigt der ihnen gemeinsame Pâda Priyamedhâ’ ahûshata.
c5.s5.26
³) Siehe Delbrück, Altindische Wortfolge, S. 4.
c5.s5.27
⁴) Man beachte auch, dass yachatât den Forderungen des Metrums in grösserer Strenge entspricht als yachatam.
c5.s5.28
6—11) oder mit den zu diesen in enger Beziehung stehenden (oben S. 215) ersten Liedern des achten Buchs aufweisen, sind für die Prioritätsfrage unerheblich ¹). Ich erkenne nicht, wie weit das hier Beigebrachte davon entfernt ist, zu einer wirklichen Einsicht in die Vorgänge, welche diesen Theilen der Saṃhitâ ihre Gestalt gegeben haben, zu führen. Wir werden uns einstweilen damit begnügen und vielleicht für immer damit begnügen müssen, festzustellen, dass einer grossen Sammlung, welche von II oder vielleicht von I, 51 bis VII reichte, eine Hymnenmasse vor- und eine andre nachgestellt ist, die beide unter einander besonders enge Berührungen aufweisen, und dass aus allen diesen Massen die Pavamânalieder zu einer besonderen Sammlung (IX) vereinigt worden sind.
c5.s5.29
¹ I, 44, 2 = VIII, 11, 2 agne rathîr adhvarâṇâm. — I, 45, 1 = VIII, 5, 33 suadhvaraṃ janam. — I, 45, 8 = VIII, 6, 42 (aber auch sonst) abhi prayaḥ. — I, 45, 8 = VIII, 1, 22 (auch sonst) martâya dâṣushe. — I, 46, 2 = VIII, 8, 12 manotarâ rayiṇâm. — I, 46, 3 = VIII, 5, 22 yad vâm ratho vibhish patât. — I, 47, 7 yan nâsatyâ parâvati yad vâ stho' adhi Turvaṣe; VIII, 8, 14 ebenso, aber (weniger ursprünglich?) adhi ambare. — I, 47, 8 = VIII, 4, 14 arvâñcâ vâm (resp. arvâñcam tvâ) saptayo' adhvaraṣriyo vahantu savaned upa. — I, 47, 9 = VIII, 8, 2 rathena sûriatvacâ. — I, 47, 10 purûvasû, von den Aṣvin nur noch VIII, 5, 4 = 8, 12. — I, 48, 14 ye cid dhi tvâm ṛishayaḥ pûrva' ûtaye juhûre' avase mahi, vergl. VIII, 8, 6 yac cid dhi vâm pura ṛishayo juhûre' avase narâ. — I, 49, 1 = VIII, 8, 7 divaṣ cid rocanâd adhi (ähnlich VIII, 1, 18). — I, 49, 1 aruṇapsavaḥ vergl. VIII, 7, 7. — Es könnte sein, dass derselbe Praskaṇva, der VIII, 3, 9 als Frommer der Vergangenheit genannt wird, I, 44, 6; 45, 3 als Lebender gegenwärtig ist; freilich machen die späten Vâlakhilyastellen VIII, 51, 2; 54, 8 diesen Schluss zweifelhaft. — Dass der für einen andern Abschnitt des ersten Buches in der Vergangenheit stehende Medhyâtithi (36, 10. 11. 17) in VIII, 1, 30 als gegenwärtig zu denken sei, ist nicht wahrscheinlich (vergl. VIII, 8, 20).
c5.s5.30
So bildeten zu der Zeit, in welcher das zehnte Maṇḍala entstand, ohne Zweifel die neun ersten Bücher ²) ein grosses Liedercorpus, in dessen Kunde die Dichter des zehnten aufgewachsen sein müssen, als dessen Kenner sie sich in ihren eignen Liedern auf Schritt und Tritt beweisen: ein Corpus, dessen gegenwärtige Anordnung allem Anschein nach der Verfasser der Sammlung X, 20—26 vor Augen hatte, als er die Anfangsworte desselben an den Anfang seines eignen Liederbuchs stellte, agnim iḷe: ein Corpus, in dessen weitem Umfang sich das Opferritual bewegte, wie es dem Dichter von X, 181 bekannt war, mit dem Rathantara und dem Bṛihat, dem Text Vasiṣṭhas (VII, 32, 22. 23) und dem Text Bharadvâjas (VI, 46, 1. 2).
c5.s5.31
² Abgesehen natürlich von den Elementen des neunten, welche den Dichtern des zehnten zugehören (oben S. 253), und den Anhängen, von welchen gleich die Rede sein wird.
c5.s5.32
Das negative Ergebniss schliessen unsre Darlegungen über die Bücher I—IX in sich, dass die Unebenheit in der Anordnung dieser Samhitâ, das Auftreten einer von gewissen Principien regierten Sammlung neben voraufgehenden und nachfolgenden anders geordneten Elementen, das Fürsichstehen endlich der Lieder an den Pavamâna keine Aufschlüsse über die relative Chronologie der verschiedenen Liedermassen ergiebt; vielmehr umgekehrt würde diese Chronologie vielleicht auf dunkle Punkte in der Genesis jener Verhältnisse Licht zu werfen haben, wäre sie selbst weiter gefördert, als sie es gegenwärtig ist. Nicht in Bezug auf ganze Liedergruppen also in den Büchern I—IX, sondern allein in Bezug auf jene einzelnen Lieder, welche in den verschiedenen Gruppen sich durch Verletzung des Anordnungsgesetzes bemerklich machen, lässt sich die Vermuthung jüngerer Herkunft von Seiten der Anordnung begründen. Für einen ganzen Theil der Samhitâ ist das Gleiche nur bei dem jetzt zu besprechenden zehnten Maṇḍala der Fall, nach hergebrachter und ohne Frage berechtigter Ansicht dem grossen Buch der Nachträge, als das es sich schon durch seine Stellung hinter dem Somabuch characterisirt.
c5.s5.33
Wenn Nachträge zur alten Sammlung theils zerstreut bei den einzelnen Maṇḍalas untergebracht, theils im zehnten zu einem eignen Buche vereinigt worden sind, so wird im Grossen und Ganzen vermuthet werden können, dass die letzteren Nachträge die älteren sind¹. Denn einmal sind in denjenigen der ersten Art im Verhältniss zu der ziemlich kleinen Masse der betreffenden Lieder die Kennzeichen junger Herkunft unverkennbar viel dichter gesät; sodann erscheinen, wie oben gezeigt wurde, im Pavamânabuch die mit dem zehnten Maṇḍala in Verbindung stehenden Elemente² an der Stelle, an welche sie dem Ordnungsprincip zufolge gehören: allem Anschein nach sind sie also früher recipirt worden, als die jenem Princip widersprechenden Anhangshymnen.
c5.s5.34
¹ Die Nachtragshymnen der Familienbücher zeigen mehrfach — und in Anbetracht der geringen Zahl dieser Hymnen sogar häufig — specielle Beziehungen auf die betreffende Familie resp. deren Ṛiṣi-Ahnherrn (III, 29, 15; 53, 7 fgg.; VII, 33): aber wenn das so gekennzeichnete Factum ihrer Zugehörigkeit zu dieser Familie allein den Grund dafür enthalten soll, dass man sie in das betreffende Maṇḍala und nicht in das allgemeine Nachtragsbuch X setzte, so bleibt die Frage übrig, warum z. B. X, 89. 104 nicht zu der Sammlung der Viṣvâmitras, 105 nicht zu der des Kutsa, 65. 66. 122. 150 nicht zu derjenigen der Vasiṣṭhas gestellt worden sind.
c5.s5.35
² Wie IX, 68, vergl. oben S. 253.
c5.s5.36
Man würde natürlich zu weit gehen, glaubte man das jüngere Alter, welches dem zehnten Buch im Ganzen beizulegen ist, in jedem einzelnen Liede an fassbaren Kennzeichen nachweisen zu können. Aber Kennzeichen dieser Art sind doch durch das ganze Buch in solcher Häufigkeit verbreitet, dass man das vollste Recht hat, als die Ursache, wegen deren irgend ein Lied nicht bei den übrigen Liedern der betreffenden Sängerfamilie³, sondern im zehnten Buch erscheint, die spätere Entstehungszeit des Liedes zu prä- sumiren. Schon die Art, wie die Sängerfamilien genannt werden, ist diesen Kennzeichen zuzurechnen: das entschiedene Zurücktreten solcher Begriffe und Benennungen wie der Kaṇvas, der Atris, der Vasisṭhas, dafür dann das Hervortreten von Individualitäten, des Gaya, Sohnes des Plati, des Bṛhaduktha etc.: entsprechend dem individuellen Character der kleinen Sammlungen und vereinzelten Lieder, welche das zehnte Buch bilden, in fühlbarstem Contrast zu jenen umfangreichen, aus der alterthümlichen Lebensgemeinschaft der grossen Geschlechter hervorgegangenen Familienbüchern. Vielleicht bestätigt auch hier Nichts die Regel so sehr wie die Ausnahme, Fälle, wie der von X, 65. 66: zwei Lieder an die Viṣve devâs, in welchen es ganz im Ton des siebenten Maṇḍala heisst Vasisṭhâsaḥ pitṛivad vâcam akrata (66, 14), devân Vasisṭho’ amṛitân vavande (65, 15 = 66, 15). Weshalb stehen diese Lieder nicht im siebenten Buche? Offenbar weil sie das Werk eines einzelnen späten Vasisṭhiden sind. Der identische Schlussvers der beiden gleich langen Parallelhymnen und eine Reihe sonstiger specieller Characteristica — es sei nur die Nennung der daivyâ hotârâ 65, 10 und 66, 13 hervorgehoben: die beiden einzigen Stellen des ganzen Ṛigveda, wo diese Dämonen ausserhalb von Âprîliedern angerufen werden — weist sie mit Bestimmtheit demselben Verfasser zu. Und dass dieser Verfasser jünger ist, als das siebente Buch, zeigt sich zur Genüge schon in dem einen Factum, dass in dem engen Raum dieser beiden Lieder zwei Absolutivformen auf -tvî erscheinen (janitvî, skabhitvî 65, 7), während im ganzen siebenten Buch nur eine einzige derartige Form vorliegt¹. Von sonstigen Indicien junger Herkunft sei nur noch der im spätern Ritual so gewöhnliche, dem Ṛv. nahezu fremde ¹) Dual agnîshomâ (66, 7) und der Ausdruck jñâtayaḥ (66, 14) bemerkt, der sich nur im zehnten Buch (dreimal) sowie an einer einzigen Stelle des siebenten (55, 5) findet, welche Stelle sich aber durch sichere Kennzeichen ²) als eine der spätesten Interpolationen erweist.
c5.s5.37
³ Denn um Lieder von Sängern derselben Familien, denen die andern Maṇḍalas angehören, handelt es sich offenbar in der weitaus überwiegenden Mehrzahl der Fälle.
c5.s5.38
¹ gûḍhvî VII, 80, 2; daneben noch bhûtvî VII, 104, 18, aber dies ist ein unzweifelhafter Anhangshymnus. Absolutiva auf -tvâ und -tvâya kommen in Buch VII überhaupt nicht vor (Alles dies auf Grund der Aufzählungen Delbrück's, Altind. Verbum 228 fg.).
c5.s5.39
¹ Bis auf I, 93 und eine Stelle in einem Todtenliede des zehnten Buches (19, 1).
c5.s5.40
² Z. B. durch das v für u in sastv ayam.
c5.s5.41
Aehnlich wie dieser Vasisḥṭhide von X, 65. 66 liesse sich der Viṣvâmitride von X, 89, ähnlich liessen sich die meisten scheinbaren Vertreter der alten Geschlechterpoesie im zehnten Buche und überhaupt die meisten Dichter dieses Buches als moderne Epigonen erweisen. Kriterien des Inhalts nnd Kriterien der Form, so mannichfach in ihrer Art wie übereinstimmend in dem Ergebnis, zu welchem sie führen, drängen sich dem Leser des zehnten Buches auf Schritt und Tritt auf. Was den Inhalt anlangt, so vollzieht sich gegenüber den alten Partien des Veda zugleich eine Verengerung und eine Erweiterung. Der Götterkreis, welchem die Poesie der Familienbücher geweiht war, kann sich nicht in seinem vollen Umfange im Interesse der neuen Zeit lebendig erhalten. Nur einige so hervorragende Liedertypen wie der des Agniliedes (einschliesslich des Âprîhymnus) und des Indraliedes bestehen in alter Weise weiter; die Lieder an die Viṣve devâs gewinnen sogar an Terrain. Aber Varuṇa und Mitrâvaruṇau verschwinden nahezu, ebenso Ushas und vermuthlich auch der Pavamâna (s. oben S. 252), während die Maruts und die Aṣvin ziemlich nur als Specialität der Dichter von 39—41 resp. 77—78 übrig bleiben. Dafür treten jetzt Wesenheiten wie Viṣvakarman, Manyu, Śraddhâ in den Vordergrund; die Massen der kosmogonischen und philosophirenden Hymnen, der Âkhyânahymnen, der Hymnen für Riten des Gṛihyaopferkreises (Begräbniss, Hochzeit, Weihe der Heerden u. s. w.), der Zauberlieder, Beschwörungen u. dergl. mehr geben dem Maṇḍala sein besondres Gepräge.
c5.s5.42
Zu ähnlichen Ergebnissen wird man auf Schritt und Tritt geführt, wenn man in irgend einer Richtung die formellen Eigenthümlichkeiten des zehnten Maṇḍala prüft. Unter Vielem sei nur Weniges hier hervorgehoben. In der Metrik bedenke man das Zurücktreten der alterthümlichen Pragâthaform, das Zunehmen der Freiheiten im ersten und dritten Pâda der Anushṭubh; auf dem Gebiet des Sandhi die sich häufenden Contractionen, das Seltenwerden des Hiatus, das Vordringen von y und v gegen i und u, gelegentlich sogar gegen hochbetontes i und u; in der Formenlehre Erscheinungen wie das von Lanman beobachtete veränderte Häufigkeitsverhältniss der Nominative auf -âsas zu denen auf -âs u. Aehnl. mehr, die ausschliessliche Beschränkung der Absolutiva mit dem Suffix -tvâya auf das zehnte Buch, die verglichen mit den andern Büchern relativ bedeutende Häufigkeit der übrigen Absolutivbildungen¹) in demselben Buch. Was den Wortschatz anlangt, so verlieren auf der einen Seite zahlreiche alterthümliche Worte im zehnten Buch an Gebräuchlichkeit, auf der andern beschränkt sich das Erscheinen vieler jüngeren²) in significantester Weise entweder ganz auf dieses Buch, oder nicht minder significant auf dies Buch und solche Lieder der andern Bücher, welche sich dort als interpolirt erweisen. Von alten, im zehnten Buch zurücktretenden Worten und Formen sei beispielsweise erwähnt acchâ (im ganzen Ṛigveda 177 mal, davon im zehnten Buch nur 15 mal¹)). Ferner die meisten Formen und Ableitungen von der Wurzel av; ich hebe hervor avasâ mit 7 Fällen in X unter 49 im ganzen Ṛv., avase 10 unter 108, avasyu überhaupt nicht in X, avitâ 4 unter 36, ûtayaḥ überhaupt nicht in X, ûtibhiḥ 3 unter 69, ûtaye 10 unter 87²). Der Locativ pṛitsu³), Adjectiva wie girvaṇas und vicarṣaṇi, das Substantiv vîti (dazu vîtihotra, vîtirâdhas⁴)) fehlen im zehnten Buch, während sie sonst zu den häufigeren Worten gehören; das Verschwinden der Partikel sîm im Atharvaveda bereitet sich im Ṛigveda dadurch vor, dass dies Wort in X nur einmal (im Ganzen 51 mal) erscheint. — Auf der andern Seite seien als Beispiele junger Worte, die allein im zehnten Buch erscheinen, aufgeführt das Verbum labh (dazu sulâbhika), lakṣmî, loman, lohita, vijaya, yajñapati, yajñakâma, yatkâma, yathâkâmam, yathâpûrvam, puṇḍarîka, pushkarasraj⁵), tîkṣṇa, grâmaṇî, grâmya, âjya, kâla, ṣvâpada, saṃjñâna, sarîsṛipa, evam. Nur im zehnten Buch und daneben in Interpolationen der andern Bücher (denen wir in Bezug auf junge Herkunft auch die Vâlakhilyas und solche Lieder wie I, 164 gleichstellen dürfen) findet sich z. B. loka⁶) (als unterschieden von uloka), mṛityu (doch mṛityubandhu auch VIII, 18, 22), mogha, visarga, brâhmaṇá (das Oxytonon), dîrghâyutva, nâ- thita ¹), gup, gopây, chandas ²) (chandasia), purusha (pûrusha)³). Als Worte, unter deren Verwendungsstellen das zehnte Buch und die Anhänge der übrigen Bücher wenigstens in significanter Weise vorherrschen, seien angeführt sarva, virâj, bhagavant, bhû (das Nomen), prâṇa, tapas, sapatna (sapatnî, sapatnahan, asapatna), hṛidaya, strî (straiṇa), die Partikel kila, die Verba hiṃs, grah (im Unterschiede von grabh), har, nah (naddha, nahana, akshânah etc.), kalp. Auch mag, worauf schon Grassmann hingedeutet hat, die Statistik der Pronomina kim und kad beachtet werden: kad erscheint in X 8 mal unter 62 Stellen im Ganzen, kim 28 mal ⁴) unter 92 Stellen: jene ältere Form erscheint also im zehnten Buche nur circa in einem Achtel sämmtlicher Stellen, diese jüngere fast in einem Drittel derselben.
c5.s5.43
¹ Siehe die Zusammenstellungen bei Delbrück, Altind. Verbum a. a. O.
c5.s5.44
² Zu den »jungen« Worten sind für die Zwecke dieser Betrachtung natürlich auch solche zu rechnen, die an sich alt, aber erst in später Zeit zu grösserer Häufigkeit gelangt sind.
c5.s5.45
¹ Das Umfangsverhältniss des zehnten Buchs zur ganzen Saṃhitâ ist ungefähr 2 : 11.
c5.s5.46
² Man beachte auch die geringe Rolle, welche die in der alten Sprache so häufigen Nomina avas und ûti in der Diction des Atharvaveda spielen.
c5.s5.47
³ Ganz anders der Stamm pṛitanâ, der auch im Av. häufig ist, während pṛitsu dort fehlt. Letzteres gilt auch von girvaṇas, vicarṣaṇi und vîti.
c5.s5.48
⁴ Nur das Compositum devavîti hat sich noch im zehnten Buch erhalten.
c5.s5.49
⁵ pushkariṇî einmal in X und einmal in einer Interpolation von Buch V.
c5.s5.50
⁶ Sechsmal in X, dann im interpolierten Liede VI, 47, 8. Sonst nur in dem Âkhyânalied VIII, 100, 12.
c5.s5.51
¹ nâtha fehlt im Ṛv.; anâtha steht nur einmal in X.
c5.s5.52
² Aber chandaḥstubh V, 52, 12.
c5.s5.53
³ 15 mal in X; sonst nur in dem Anhangslied VII, 104, 15. Bei puru-shatrâ und einigen andren Ableitungen und Zusammensetzungen ist das Ver-hältniss allerdings anders.
c5.s5.54
⁴ Die einzige Stelle, an der kim sich in III findet, und eine von zweien in IX gehört den Anhängen zu.
c5.s5.55
Es braucht nicht ausdrücklich hervorgehoben zu werden, dass die hier gegebenen Zusammenstellungen sich nur als einen Anfang von Untersuchungen dieser Art geben wollen und können. Aber sie werden doch hinreichen, dem Satz, um welchen es sich hier handelt, eine festere und anschaulichere Grundlage, als er bisher besass, zu geben: dem Satz, dass im zehnten Buch — anders als in allen übrigen Büchern — die Einheit, welche die dorthin gestellten Materialien zusammenschliesst, chronologischer Natur ist: das zehnte Buch ist das Buch der jüngeren Liedergruppen und jüngeren Einzellieder.
Linked texts (2)
- Ṛgvedasaṃhitā — Sanskrit
- Sāmavedasaṃhitā — Sanskrit