Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c4.s5: V. Strophenbildung und Mischhymnen
Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c4.s5
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- German
V. Strophenbildung und Mischhymnen
c4.s5.2
Dass ein Vers, sei es in ritueller Verwendung, sei es inmitten einer zu ergänzenden erzählenden Prosaumhüllung, für sich allein steht, ist ziemlich selten. Fast immer verbinden sich die Verse theils direct zu Liedern¹, theils ordnen sie sich zu kleineren Einheiten — wir wollen sie Strophen nennen —, aus denen dann das Lied gebildet ist. Lied und Strophe fallen zusammen bei dem sehr häufigen Erscheinen von Liedern, die den Umfang einer Strophe haben.
c4.s5.3
¹ Dieselben haben, sofern sie nicht aus einem Pragâtha bestehen, nur in ganz seltenen Ausnahmefällen weniger als drei Verse. Offenbar galt der Strophenumfang als Minimum des Liedumfangs.
c4.s5.4
Die Strophenbildungen weisen zwei Grundtypen auf. Entweder reihen sich verschieden gebaute Verse an einander und bilden ein Ganzes, dessen Einheit auf dem geordneten Wechsel seiner Elemente beruht. Oder die Strophe entsteht durch die Wiederholung einer bestimmten Anzahl gleich gebauter Verse, wohin wir auch die Aneinanderfügung verschiedener Verse dann rechnen, wenn dieselbe nicht eine organische Gliederung aufweist, sondern als ausnahmsweise Freiheit auftritt in der Art, wie auch innerhalb des Liedes bisweilen Verse verschiedenen Baues mit einander durchaus unregelmässig wechseln: solche Strophen characterisieren sich deutlich als Varietäten der Strophen, welche aus gleichen Versen bestehen, sofern diese Form mit einer gewissen Licenz gehandhabt ist.
c4.s5.5
Der erste jener beiden Typen liegt nur ¹ in der oben (S. 104 fg.) bereits erörterten Pragâtha-Strophe und ihren Abarten vor. Ueber den Umfang dieser zweiversigen Strophen ² hinaus war, wie es scheint, das Formgefühl der vedischen Zeit nicht im Stande, die Uebersicht über den Zusammenschluss verschieden gebildeter Elemente zu einem Ganzen festzuhalten.
c4.s5.6
¹ Oder fast nur, wenn man — wozu die indische Terminologie berechtigen würde, vergl. bereits Pañc. Br. IX, 1, 1 — die mehrfach vorkommenden Strophen aus einer Anuṣṭubh und zwei Gâyatrîs diesem Typus zurechnet. Doch wird man das ohne Spitzfindigkeit nicht thun können: dass solche Strophen in der That aus der Richtung der poetischen Formbildung hervorgegangen sind, welcher der Gâyatrî-Tṛica, nicht aber aus der, welcher der Pragâtha zugehört, ist doch wohl nicht zu bezweifeln.
c4.s5.7
² Dass dieselben in gelegentlich auftretenden, erweiterten Formen zu drei Versen anwachsen, kommt natürlich nicht wesentlich in Betracht.
c4.s5.8
Der zweite Typus tritt vornehmlich bei dem Versmaass Gâyatrî, demnächst bei den übrigen von der Praxis der Udgâtar-Priester bevorzugten Metris (Bṛihatî, Uṣṇih, Paṅkti) auf, selten bei der Triṣṭubh, dem Hauptmetrum der Hotar-Liturgik. So liegt, da auch die Pragâtha-Strophe dem Udgâtar zugehört, der Zusammenhang der strophischen Composition mit der liturgischen Technik der singenden Priester (im Gegensatz zu den recitirenden) am Tage. Die Zusammengehörigkeit der Verse derselben Strophe und ihre Trennung von den danebenstehenden Strophen wird durch die Melodie, daneben dann, sobald diese in Gebrauch gekommen waren, durch die stoma-Verflechtungen, welche in der Udgâtar-Liturgik eine so grosse Rolle spielen, markirt gewesen sein. Was die Zahl der zu einer Strophe sich verbindenden Verse anlangt, erweist sich, soweit die einigermaassen sicheren Kriterien für die Annahme von Strophenbildungen reichen, die Dreizahl als in ausschliesslicher Geltung stehend. Nur ausnahmsweise sind die drei Verse der Strophe und ebenso nur ausnahmsweise die Strophen, welche zu einem Liede zusammentreten, unter einander metrisch verschieden ¹). Endlich muss hinzugefügt werden, dass sich nicht selten am Ende von Strophenliedern ein einzelner, über die Strophengliederung hinausragender Schlussvers findet, bisweilen von anderem Metrum als die Strophen.
c4.s5.9
¹ Siehe hierüber den folgenden Abschnitt.
c4.s5.10
Mit diesen wenigen Sätzen ist Alles gesagt, was zur Beschreibung der vedischen Strophengestalt an und für sich gesagt werden muss; die eigentlichen Schwierigkeiten aber liegen hier in der vielfach geradezu unüberwindlichen Unsicherheit der einzelnen Entscheidung darüber, wo ein Lied als nach der beschriebenen Strophenform gegliedert aufgefasst werden muss, wo es andrerseits als rein stichisch gebaut anzusehen ist, und endlich, wo die Indicien für Verstriaden wohl vorliegen, aus denselben aber nicht strophische Gliederung eines Liedes, sondern das Nebeneinanderstehen mehrerer unabhängiger, in der vedischen Ueberlieferung zu einem nur scheinbaren Ganzen zusammengeschobener einstrophiger Lieder zu entnehmen ist ²).
c4.s5.11
² Das hier und im Folgenden Gesagte ist ein Versuch, die von mir in der ZDMG. XXXVIII, 451 fgg. vorgelegte Untersuchung weiterzuführen.
c4.s5.12
Obgleich an sich der zuletzt erwähhnte Fall mit den uns hier beschäftigenden Fragen nach dem Aufbau der vedischen Lieder aus Strophen seinem Wesen nach in keiner Verbindung steht, ist er doch für unsre Erkenntniss mit der Auflösung jener Fragen so untrennbar verbunden, dass es nicht angeht, ihn aus der gegenwärtigen Untersuchung auszuscheiden. Denn die Indicien, welche eine Zerlegung anzeigen, sind im Ganzen dieselben, gleichviel ob es sich um eine Zerlegung in Strophen oder in unabhängige Hymnen handelt, und vielfach wird die Entscheidung zwischen diesen beiden Arten der Zerlegung zurückgehalten werden müssen: denn keineswegs ist überall, wo es sich um ein Strophenlied handelt, die über den Strophen stehende Einheit des ganzen Liedes durch sichere Characteristica gekennzeichnet, und andrerseits versagt für umfangreiche Partien des Veda das Indicium, das wenigstens mit annähernder Gewissheit ¹) auf Zerlegung in unabhängige Lieder schliessen lässt: die Ordnung der Hymnen nach absteigender Verszahl, deren scheinbare Verletzungen durch die Trennung der von der Diaskeuase zusammengeschobenen Hymnen beseitigt werden.
c4.s5.13
¹ Ueber Ausnahmefälle vergl. a. a. O. 460.
c4.s5.14
Der Vorgang dieser Zusammenschiebung, die Verdunklung des Bewusstseins von der richtigen Abgrenzung der in unsrer Samhitâ zu grösseren Massen vereinigten kleinen Hymnen, muss in die Zeit zwischen der Aufstellung der Rik-Sammlung und der Abfassung der Brâhmaṇa-Texte fallen. Es ist klar, dass, als die Lieder in ihre gegenwärtige Reihenfolge gebracht wurden, man ihre Abgrenzung noch kannte ²), denn auf dieser Kenntniss beruht ja eben die Stelle, welche die kleinen Lieder in der auf der Verszahl beruhenden Anordnung einnehmen. Man kannte ihre Abgrenzung auch noch, als — nach Abschluss der Ṛik-Saṃhitâ, wie ich an anderm Orte zu zeigen versuche — das in den Saṃhitâs des Sâmaveda und des Yajurveda sowie in den Brâhmaṇatexten gelehrte resp. vorausgesetzte System des Opfers zu fester Gestalt gelangte; wir werden uns sogleich eingehender damit beschäftigen, wie eben jenes Opfersystem ein wichtiges Hülfsmittel für die Erkenntniss der Liedabgrenzung uns bietet. Andrerseits aber die traditionelle Liste der Liedverfasser, welche den Brâhmaṇa-Theologen schon bekannt war ¹), setzt den Verlust der richtigen Abgrenzung, die Annahme der langen Liedcomplexe, wie wir sie im überlieferten Ṛigveda lesen, bereits voraus.
c4.s5.15
² Es ist hier nur von den zu grossen Hymnen vereinigten Massen von Prâgathas, dreiversigen, vierversigen Liedern u. s. w. die Rede; dass vollkommen unabhängig von dem Schicksal, welches diese betroffen hat, an einigen Stellen der Samhitâ (z. B. sehr sichtbar VII, 1) sporadische ältere, von den Urhebern der Ordnung nach absteigender Verszahl bereits vorgefundene Verschmelzungen mehrerer Sûktas sich vollzogen haben, beschäftigt uns hier nicht.
c4.s5.16
¹ Siehe meinen Aufsatz über die Verfassernamen, ZDMG. 1888.
c4.s5.17
In aller erreichbaren Vollständigkeit wird unsre Ausgabe des Ṛig-Textes durch Verzeichnung der Parallelen aus den andern Veden und der Citate in den Brâhmaṇas und Sûtras ein Bild von der Verwendung der Ṛig-Materialien im späteren Ritual und damit von der in diesem Ritual sich zeigenden Kenntniss der Strophenzerlegungen bez. Liedzerlegungen zu liefern haben. An dieser Stelle kann es genügen, über einen Theil dieses weiten Untersuchungsgebietes eine Uebersicht zu geben und so die Behandlungsweise der Fragen zu veranschaulichen, die auf den benachbarten Feldern desselben gleichartig wiederkehren. Wir wählen, um die sich herausstellenden Zerlegungen zu überblicken, das zweite Ârcika des Sâmaveda: den Theil der Sâma-Saṃhitâ, dessen Zeugniss für die Zerlegungsfrage besonders gewichtig ist. Denn während ein Ṭṛca, der in jenem Text erscheint, selbstverständlich den Sâman-Theologen eben als ein solcher gegolten haben muss, kann es, wie leicht einzusehen ist, von den Yoni-Versen des ersten Ârcika zwar vielfach, aber auch nicht entfernt überall, mit Sicherheit oder auch nur mit Wahrscheinlichkeit behauptet werden, dass sie als die Anfangsverse von Tṛcas oder sonstigen Gesangtexten aufgefasst worden sind. Wir gedenken nun im Folgenden in erster Linie die Behandlung zu berücksichtigen, welche die Lieder und Verse des neunten sowie die des achten Maṇḍala in der zweiten Sâman-Textsammlung gefunden haben: die bekannte Bevorzugung eben dieser beiden Maṇḍalas innerhalb der Sâman-Liturgik, dazu die vergleichsweise einfachen Verhältnisse, welche das neunte, der ausserordentliche Reichthum an Strophenliedern, den das achte M. aufweist, verleihen diesen Büchern für die Zwecke unsrer Untersuchung eine besondere Bedeutung. Vielfach wird sich dabei Gelegenheit finden, neben dem Anhalt, den die Aushebungen im Sâmaveda — und natürlicherweise ganz analog in den andern Veden — für die Zerlegung der Lieder liefern, auch die übrigen in Betracht kommenden Kriterien heranzuziehen und ihre Benutzung zu veranschaulichen.
c4.s5.18
Wir beginnen mit dem neunten Maṇḍala.
c4.s5.19
a. Von Liedern aus Maṇḍ. IX — das Wort Lied nehmen wir vorläufig noch im Sinne des überlieferten Textes ohne Berücksichtigung der Zerlegungen — finden sich ganz in den Sv. aufgenommen ¹): 2. 3. 4. 7. 8. 10. 12. 13. 15. 20. 24. 27. 28 ²). 37. 38. 39. 41. 48. 49. 50. 53. 55. 57. 58. 111 ³).
c4.s5.20
¹ Einzelne dieser Lieder sind dort noch durch Hinzufügungen erweitert worden: so das neunversige Lied 7 durch den Tṛca 65, 28-30.
c4.s5.21
² Die Lieder 27 und 28 vertauschen im Sv. einen Vers unter einander.
c4.s5.22
³ Man sieht, dass sich diese Hinübernahme ganzer Lieder auf den Gâyatrî-Theil des neunten M. beschränkt. Nur 111 ist ein Atyashṭi-Lied, das aber nur einen Tṛca umfasst.
c4.s5.23
b. Bei einer Anzahl von Liedern bestätigt der Sv. insofern in gewisser Weise ihre im Ṛv. überlieferte Abgrenzung, als er mehrversigen Texten vielfach eine Verstriade, und zwar die Verse 1—3 entnimmt: 1. 9. 18. 19. 25. 29. 32. 40. 51. 54. 70. 75. 76. 82. 83. 87. 93. 102. 104.
c4.s5.24
c. Mehrere (zum Theil sehr zahlreiche) Verstriaden aus demselben Liede, so dass die Begrenzung dieser Triaden sich mit den durch regelmässig fortschreitende Dreitheilung des Ṛig-Liedes entstehenden Abschnitten deckt (1—3, 4—6, 7—9 etc.), finden sich insonderheit bei den langen, das Anordnungsgesetz des Ṛv. (scheinbar) verletzenden Liedern: 61—67 Lied für Lied; 86. 97. 101. 109. Aus diesen elf Liedern sind zusammen nicht weniger als 59 Triaden im Sv. aufgenommen. In den übrigen Theilen des neunten Buchs findet sich die Entnahme mehrerer Triaden, mit der Dreitheilung des Ṛig-Liedes sich deckend, nur noch bei drei Liedern resp. sieben Triaden: 11, 1-3. 4-9 ¹). — 33, 1-3. 4-6. — 105, 1-3. 4-6.
c4.s5.25
¹ Genau genommen entnimmt der Sv. hier nicht 3 + 3 + 3, sondern 3 + 6 Verse.
c4.s5.26
d. Triaden, die mit der Dreitheilung des Ṛig-Liedes nicht zusammenfallen, sind entnommen: 69, 6. 2. 4. — 88, 1. 2. 7. — 90, 2-4. — 96, 5-7. 17-19. — 98, 1. 5. 3. — 7. 6. 10. — 10. 12. 7. — 99, 2-4. — 100, 6. 7. 9. — 110, 1. 3. 2. — 8. 6. 9. — 7. 5. 4.
c4.s5.27
e. Versdyaden in erheblicherer Zahl (13) sind den Liedern 107. 108 entnommen; dies sind Pragâthas. Sonst hat der Sv. von zweiversigen Gruppen noch die beiden am Ende der Triadentheilung übrig bleibenden Schlussverse von 106; er ergänzt dieselben aber durch Anfügung von 101, 13 zu einer Triade. Die beiden jungen Schlussverse von 67, der Preis dessen »yaḥ pâvamânîr adhyeti«, stehen im Sv. zusammen mit mehreren andern im Ṛv. als Khila-Anhang zu der betreffenden Stelle erscheinenden Versen.
c4.s5.28
f. Einzelne Verse sind stets so entnommen, dass sie als Glieder eines im Sv. neugebildeten Trica auftreten. Meistens stehen sie aber zugleich an einer andern Stelle des Sv. in ihrer natürlichen, durch den Rv. bezeugten Umgebung, so dass der Sv. den Folgerungen, die man etwa aus jener Verwendung ziehen könnte, selbst vorbeugt: 3, 9; 11, 1; 61, 13; 66, 19; 101, 13 (vergl. oben unter e). Die letztere Bestimmung trifft nur bei zwei Versen nicht zu: 19, 6; 42, 4.
c4.s5.29
Wir versuchen die Resultate dieser Zusammenstellungen zu formuliren.
c4.s5.30
Das wichtigste derselben und zugleich das am meisten in die Augen fallende ist der bestimmt ausgeprägte Gegensatz der langen Lieder (c), welchen massenhafte Triaden entnommen sind, aber nie ein grösseres Stück als eine Triade, und andrerseits der kurzen Lieder, aus welchen der Sv. häufig eine und zwar die erste Triade schöpft (b), nicht minder häufig aber auch sie in ihrem vollen Umfang, bis zur Länge von 10 Versen, herübernimmt (a). In den stehenden Zerschneidungen jener Lieder und in dem unter so zahlreichen Aushebungen besonders significanten Fehlen jeder solchen, welche die Trica-Grenzen übersprünge, giebt sich das klare Bewusstsein vom Abreissen des Zusammenhanges bei jenen Grenzen zu erkennen. Es ist von mir schon an anderm Orte ¹) ausgeführt worden, dass Beobachtungen über das Fortlaufen und das Abreissen des Gedankenzusammenhangs, über metrische Eigenthümlichkeiten u. dergl. mehr die durch den Sv. indicirten Schneidungen durchgehend bestätigen. Ob es sich um Strophentheilungen oder Liedtheilungen handelt, ergiebt freilich der Sv. nicht. In der That sind Liedtheilungen anzunehmen: das lehrt das Fehlen aller Characteristica, die auf höhere, mehrere Ṭricas umfassende Einheiten führen könnten, ferner das Auftreten deutlich markirter Liedschlussverse inmitten der überlieferten Sûkta-Complexe ¹), endlich die Reihenfolge der Lieder, deren scheinbar durchbrochene Ordnung nach absteigender Verszahl hergestellt wird, wenn jene langen, den sonst im neunten Buch festgehaltenen Umfang weit überschreitenden ²) Lieder in dreiversige Hymnen zerschnitten werden.
c4.s5.31
¹ ZDMG. XXXVIII, 458.
c4.s5.32
¹ So 97, 3 und 6 yûyam pâta || suastibhiḥ sadâ naḥ — also Vasisḥṭhiden-Lieder. Nachher, in demselben Sûkta, folgen Spuren andrer Sängerfamilien; Vers 51 ist vom ârsheyam Jamadagnivat die Rede; Vers 58 schliesst mit den in der Sammlung I, 94 fgg. stehenden Schlussworten.
c4.s5.33
² A. a. O. 457.
c4.s5.34
Eine zweite Bemerkung, zu welcher unsre Zusammenstellungen den Anlass geben, betrifft die im Sv. erscheinenden Versdyaden: diese treten nur da auf, wo Pragâtha-Strophen vorliegen. So stehend und bevorzugt die Form des dreiversigen Liedes ist, so gänzlich fehlt es, von Pragâthas abgesehen, an zweiversigen, und bei dem klaren Zusammenhang des dreiversigen Liedtypus mit der dreiversigen Strophe wird schon hieraus auf die Nichtexistenz des Typus der zweiversigen Strophe mit Wahrscheinlichkeit geschlossen werden dürfen.
c4.s5.35
Auf vierversige Zerlegung führt der Sv. bei Lied 96 (oben unter d); die beiden aus diesem Lied entnommenen Ṭricas (5—7; 17—19) sind die je drei ersten Verse der zweiten und fünften Verstetrade ³). So stellen sich die Entlehnungen aus 96 ihrem Wesen nach zu den oben unter b verzeichneten. Noch bei einigen andern Liedern, die in Sv. II nicht benutzt sind, ergeben sonstige Indicien ⁴) die Tetradentheilung, d. h. vierversige von einander unabhängige Lieder sind zu einem scheinbaren Ganzen zusammengeschoben worden. Das Auftreten derartiger Tetradenconglomerate vor den Triadenconglomeraten steht in genauem Einklang mit dem Anordnungsprincip nach abnehmender Verszahl. Uebrigens sind die Tetradenlieder nicht häufig genug, um a priori die Existenz auch eines entsprechenden Strophentypus vermuthen zu lassen.
c4.s5.36
³ Dies hat schon Grassmann erkannt.
c4.s5.37
⁴ A. a. O. 458. 459.
c4.s5.38
Die Weise, wie die Tetraden von 96 im Sv. durch das Auftreten der je drei ersten Verse solcher Tetraden markirt sind, erlaubt einen sicheren Schluss, oder bestätigt den aus andern Prämissen sich ergebenden Schluss über die Zerlegung des bis jetzt, so viel ich sehe, nicht richtig ¹) behandelten Liedes 100 (oben unter d). Dasselbe gehört der Anushtubh-Reihe an, deren Lieder folgende Verszahlen haben: 98: 12 Verse; 99: 8 Verse; 100: 9 Verse; 101: 16 Verse. Das letzte Lied (oben c) erweist sich ²) als ein Trica-conglomerat, bildet also den Schluss der Reihe nach absteigender Verszahl. Lied 100 aber verletzt so wie es dasteht das Anordnungsprincip. Dem Versuch es gleichfalls in Tricas zu zerlegen ist ebenso wenig sein Inhalt wie seine Behandlung im Sv. günstig; auch würde in diesem Fall die Diaskeuase vermuthlich die ganze Masse der Tricas (100. 101) zu einem Sûkta vereinigt haben. Grassmann's Ausweg, Vers 8 zu streichen, um dadurch eine dem Anordnungsgesetz entsprechende Verszahl zu erhalten, ist an sich so gewagt, wie die meisten Grassmann'schen Streichungen; es steht ausserdem die bei der Behandlung der verletzten Anordnungsregel fast überall zu machende Erfahrung entgegen, dass nicht einzelne interpolirte Verse die Störung hervorrufen, sondern entweder die Aneinanderschiebung mehrerer unabhängiger Lieder oder — hinter derartig aufzulösenden Complexen auftretend — das Erscheinen jüngerer Anhangshymnen. Das auf 100 folgende Triadenconglomerat 101 zeigt, dass der erste jener beiden Fälle vorliegt, und da, wie wir schon sahen, die in 100 zusammengerathenen Lieder Ṭricas nicht gewesen sein können, so bleibt nur eine dem Anordnungsgesetz genügende Auflösung des neunversigen Hymnus als a priori denkbar übrig: in 5 + 4 Verse. Und wie behandelt der Sâmaveda das Lied? Er entnimmt demselben einen aus den Versen 6. 7. 9 gebildeten Ṭrica, d. h. er markirt V. 6 als einen Neuanfang und entlehnt aus der Tetrade, die von diesem Vers anfangend sich ergiebt, drei Verse, genau wie er es bei den vorher besprochenen Tetraden von 96 thut: wobei es offenbar rein zufällig ist, dass dies nicht die Verse 6—8, sondern 6. 7. 9 sind, wie ja häufig die Ordnung der Ṛigverse im Sv. sich verändert findet. Die Ausdrucksweise des Liedtextes selbst steht der Annahme eines Neuanfangs bei Vers 6 nicht entgegen, sondern unterstützt sie sogar 1).
c4.s5.39
¹ Ich glaube, dass auch die Beobachtungen Herrn Bergaigne's (Journ. Asiatique, VIII, 8, 217) die Frage nicht erledigt haben.
c4.s5.40
² Bis auf eine Unregelmässigkeit am Schluss.
c4.s5.41
¹ Vers 6 fängt an pavasva vâjasâtamaḥ: das Wort pavasva am Versanfang aber ist besonders beliebt im Eingang der Lieder oder der Stücke, welche durch die nothwendigen Zerlegungen sich als Lieder herausstellen.
c4.s5.42
² Bei 69 vergl. den Schlussvers mit demjenigen von 68 (dyâvâpṛthivî): es liegen zwei Parallelhymnen mit ähnlichen Schlussversen vor. Auch 90 wird als Ganzes durch seinen Schluss erwiesen (vergl. 89). 88 trägt dem Inhalt nach den deutlichen Character der Einheit.
c4.s5.43
Wie von den eben besprochenen Liedern 96 und 100, so werden wir im Ganzen auch von den übrigen Texten, bei welchen die Sâman-Ausschnitte die Triadentheilung überspringen (oben d) schliessen dürfen, dass eben keine Triaden vorliegen. In der That tragen die meisten der betreffenden Lieder auch sonstige Kennzeichen der nicht zu zerlegenden Einheit an sich 2). Nur etwa bei 110, 4-9 wird man zweifeln.
c4.s5.44
Das Lied 110 ist ein Conglomerat mehrerer in verschiedenen seltenen Versmaassen abgefasster Stücke. Nach den Metris ergiebt sich zunächst folgende Zerlegung: 1—3, 4—9, 10—12; das uns hier beschäftigende mittelste dieser Stücke (oben d) ist in zwei Ṭricas, mit der Umstellung 8. 6. 9—7. 5. 4 in den Sv. aufgenommen. Dass der Sv. gelegentlich Verse zu Ṭricas verbindet, die ursprünglich nicht zusammengehören, ist unzweifelhaft (s. oben unter f); in der Regel wird das nicht zufälligerweise gerade so geschehen, dass Verse aus zwei unabhängigen, im Ṛv. aber unmittelbar neben einander stehenden Ṭricas mit einander combinirt werden und dadurch der Schein entsteht, dass hier ein zusammengehöriger Text vorliegt. Aber gerade in unserm Fall ist das Eintreffen eines derartigen, im Grossen und Ganzen unwahrscheinlichen Zufalls ausnahmsweise nahe gelegt. Denn das Metrum, in welchem die Verse 4—9 verfasst sind (ṛicas aus je drei Jagatī-Reihen), begegnet im ganzen Ṛv. eben nur bei diesen sechs Versen, so dass, sollten hier einmal neue Ṭricas zusammengestellt werden, man nur über diese Verse zu verfügen hatte ¹. So wird, wie mir scheint, die im Sv. auftretende Durcheinandermischung der Verse 4—9 nicht mit demselben Recht, wie in den meisten andern Fällen, als Zeichen der Einheitlichkeit jenes Stückes verwerthet werden dürfen: ein ungewisses Resultat, in das sich leider durch Beobachtungen über den Inhalt und Zusammenhang des betreffenden Textes kaum grössere Bestimmtheit bringen lassen wird.
c4.s5.45
¹ Man vergleiche die Vertauschung eines Verses zwischen den beiden Gâyatrī-Hexaden 27 und 28: dies sind zwei Lieder, in welchen jeder Vers mit esha anfängt.
c4.s5.46
Wenn die Zerlegungen, deren Indicien im Sâmaveda bisher erörtert worden sind, stets auf unabhängige Lieder führten, so muss endlich noch gefragt werden, wie sich der Sv. zu der Annahme von Strophentheilungen in den Liedern des neunten Buches verhält, welche als einheitliche Lieder bestehen bleiben. Mir scheint jener Veda einer derartigen Annahme nicht gerade günstig zu sein. Allerdings löst er in einigen wenigen Fällen (oben c am Ende) neunversige resp. sechsversige Lieder in Triaden auf; aber dass hier und da, wo sich so bequem Triaden ergeben, zu ihnen gegriffen worden ist, beweist an sich, so lange nicht andre Momente hinzutreten, noch nicht viel ¹ — wusste man doch sogar aus dem fünfversigen Lied V, 68 zwei Ṭṛicas herauszubringen, indem man die Abtheilungen über einander übergreifen liess (1—3; 3—5) —; die Fälle sind doch nur sporadisch, und es stehen ihnen als Regel allzu überwiegend andre Behandlungsweisen (oben a, b) gegenüber, welche für Strophentheilungen keinen Anhalt bieten. Prüfen wir, was an sonstigen Indicien für oder gegen solche Strophentheilungen vorliegt, so fällt allerdings im Gâ-yatrî-Theil des neunten Buches — übrigens nur in diesem — die Häufigkeit von neunversigen und sechsversigen Liedern auf: die neunversigen sind so zahlreich wie die von zehn und die von acht Versen zusammengenommen, die sechsversigen sogar anderthalbmal so häufig wie die von sieben und von fünf Versen zusammen ². Bei einer Reihe von Liedern zeigt auch der Text Einschnitte, der Triadentheilung entsprechend, die nicht zufällig zu sein scheinen ¹). Auf der andern Seite wird der Gedanke an durchgehende Herrschaft der Strophentheilung von vorn herein durch die Lieder von acht, von fünf Versen u. s. w. ausgeschlossen, und auch manche neunversige und sechsversige fügen sich der Triadentheilung nur gezwungen. Unter diesen Umständen wird man darauf verzichten müssen, für die in Rede stehenden Gruppen von Liedern eine allgemeingültige Regel der Zerlegbarkeit oder Nichtzerlegbarkeit aufzustellen. So ungern man eben hier, wo deutlicher als an irgend einer andern Stelle des Ṛigveda feste Typen der Liedform vorzuliegen scheinen, eine solche Regel entbehrt, wird man sich doch hüten müssen, den vorliegenden Indicien bestimmtere und rundere Ergebnisse abgewinnen zu wollen, als sie in diesem Fall nun einmal zu liefern im Stande sind.
c4.s5.47
¹ Vergl. meine Bemerkung in ZDMG. XXXVIII, 469: »An einigen Stellen lässt es sich beobachten, dass Lieder, die nicht auf Ṭṛica-Theilung berechnet waren, aber doch bequem die Zerlegung zuliessen, wie VII, 22 (mit 9 Versen), VI, 57 (mit 6 Versen) im Sv. zerlegt worden sind«.
c4.s5.48
² 8 neunversige gegen je 4 zehnversige und achtversige; 22 sechsversige gegen 7 siebenversige und 6 fünfversige.
c4.s5.49
¹ Vergl. z. B. Lied 6: Vers 1-3 Anreden an Soma im Imperativ; 2 und 3 ausserdem durch die Anfangsworte abhi tyam und das abhi im dritten Pâda zusammengehalten. Vers 4-6: Neuer Gedankengang; nicht mehr Anrede an Soma; Vers 5-6 zusammengehalten durch yam ... tam. Vers 7-9 wieder bemerkbarer Absatz; in Vers 7 und 8 schliesst der zweite Pâda beidemal pavate sutaḥ; 9 ist Schlussvers mit dem bei diesen Versen häufigen Anfangswort evâ. — Lied 11 (Zerlegung im Sv. s. oben unter c), 1-3: Vers 3 an das Vorangehende anknüpfend, einen Abschluss bezeichnend. 4-6: neuer Anfang in 4 ähnlich wie in 1; die drei Verse zusammengehalten durch die stehende 2 pl. Imperat., Anrede an die Priester. 7-9: Stets Anrede an Soma (2 sing.). — Von den sechsversigen Liedern vergl. z. B. 30. 45.
c4.s5.50
Wir wenden uns nun zu dem andern im Sv. hervortretend wichtigen Maṇḍala, dem achten, und verzeichnen nach denselben Rubriken wie bei dem neunten die verschiedenen Fälle der Benutzung ²).
c4.s5.51
² Bei Maṇḍala VIII berücksichtige man namentlich auch die zahlreichen Aushebungen in Ath. Veda XX.
c4.s5.52
a. Ganze Lieder erscheinen im Sv. nicht, wie überhaupt keine Aushebungen von mehr als drei Versen.
c4.s5.53
b. Unter den Fällen, wo einem Liede nur ein Tṛica entnommen ist, überwiegen die Aushebungen der Verse 1–3 nur mässig, und es ist kein Anlass, in denselben einen besondern Typus zu erblicken.
c4.s5.54
c. Mehrere Verstriaden, entsprechend der Dreitheilung des Ṛigliedes, sind entnommen: 2. 6. 15. 24. 33. 45. 72. 84. 92. 93. 95. 98. 102. — Eine Triade, der Ṛiktheilung entsprechend: 11. 13. 34. 38. 64. 68. 69. 74. 75. 76. 81. 89 ¹). 94. 97 ²). 103.
c4.s5.55
¹ Vers 5-7, doch der Ṛiktheilung entsprechend, insofern 1-4 zwei Pragâthas sind.
c4.s5.56
² Dass VIII, 97, 10-12 und dann natürlich auch die drei folgenden Verse bis zum Schluss Ṭricas sind, haben wir auf das Zeugniss des Sv. einfach anzunehmen. Die Sachlage in's Unbestimmte zu verflüchtigen, wie Grassmann thut (»Fragmente andrer Lieder«), liegt kein Grund vor. Vergl. ZDMG. XXXVIII, 471.
c4.s5.57
d. Eine oder mehrere Triaden, mit der Dreitheilung des Ṛigliedes nicht zusammenfallend: 1, 24-26. — 14, 1-3; 5. 7. 8. — 17, 1-3; 11-13. — 44, 4-6; 12-14; 16-18 ³).
c4.s5.58
³ Wir sehen hier von der den gegenwärtigen Zusammenhang nicht berührenden Untersuchung ab, wie sich die Triadentheilung dieser Sûktas stellt, bei denen die Versfolge des Ṛv. und die Ausschnitte des Sv. nicht zusammenstimmen. Ich begnüge mich damit anzudeuten, dass mir in 14 und 44 der Ṛv. im Recht zu sein scheint; der Sv. hat, meine ich, ausnahmsweise Verse verschiedener Strophen zusammengeordnet. Ueber Lied 17 vergl. unten S. 139 Anm. 1. In das Chaos von Lied 1 Ordnung zu bringen ist wohl aussichtslos. Doch ist — abgesehen natürlich von den beiden Pragâthas des Eingangs und den schliessenden Triṣṭubhs — das ursprüngliche Vorhandensein von Ṭricagliederung wohl wahrscheinlich. Man beachte, dass im Sv. Vers 24-26 einen Ṭrica bildet (ebenso bei Âśvalâyana VII, 4, 3); also bleibt bis zur Dânastuti der Ṭrica 27-29, dann in der Dânastuti bis zu den schliessenden Triṣṭubhs der Ṭrica 30-32 übrig. Die Verse 12-14 endlich werden im Pañc. Brâhm. IX, 10, 1 und bei Śâṅkh. Śraut. XIII, 12, 16 herausgehoben.
c4.s5.59
e. Dyaden liegen zahlreich vor bei Pragâthas; die Aufzählung erscheint überflüssig. Sonstige Dyaden finden sich nicht.
c4.s5.60
f. Einzelne Verse, im Sv. II für sich allein stehend: 69, 2; 93, 19.
c4.s5.61
Man sieht, dass hier, wo der fast nur bei Pavamâna-Hymnen auftretende Typus des längeren, einem ganzen Sûkta des Ṛv. entsprechenden Sâman-Liedes fortfällt, in um so grösserer Einfachheit und Schärfe sich das Nebeneinanderstehen zweier Fälle ausprägt: Dyaden im Pragâtha-Metrum; Triaden — aber weder längere noch kürzere Stücke — in andern Versmaassen. Die Berechtigung der Pragâtha-Zerlegung spricht für sich selbst; nur lässt der Sv. die Frage natürlich offen, ob die im Ṛv. zu einem Sûkta verbundenen Pragâthas Lieder oder Strophen eines Liedes sind (s. unten). Eingehendere Betrachtung verdienen die Trica-Zerlegungen, deren Berechtigung von uns geprüft werden muss. Wir gehen dabei zunächst rein äusserlich von den Verszahlen der betreffenden Lieder aus, wie diese Zahlen sich im Ṛv. stellen. Lassen wir, wie sich von selbst versteht, Dânastutis und ähnliche Anhänge sowie Pragâthas, die dem Liede beigemischt sind und die Theilbarkeit der Verszahl durch 3 natürlich alteriren müssen, bei Seite, so ergeben sich für die unter c citirten Hymnen folgende Verszahlen:
c4.s5.62
Durch 3 theilbar: 45. 42. 33 (2 mal). 27. 18 (2 mal). 15 (3 mal). 12 (5 mal). 9 (3 mal). 3 (2 mal).
c4.s5.63
Nicht durch 3 theilbar: 40. 34. 22. 16. 13 (2 mal). 10 (2 mal) ¹.
c4.s5.64
¹ Dies sind die Lieder VIII, 2. 11. 15. 38. 68. 75. 93. 102.
c4.s5.65
Man bemerkt leicht, dass die Zahlen, bei welchen die Dreitheilung nicht aufgeht, durch 3 dividirt stets den Rest 1 geben, was bei acht Fällen schwerlich bloss zufällig sein kann. So drängt sich die Annahme auf, dass im achten Maṇḍala als ein häufig vertretener Typus sich Lieder finden, die nach Triaden gegliedert sind, am Ende aber einen ausserhalb dieser Gliederung stehenden einzelnen Schlussvers haben. Die speciellere Betrachtung der betreffenden Lieder lässt in der That an der Existenz eines solchen Typus keinen Zweifel übrig. Zu den Fällen, in welchen derselbe besonders deutlich characterisirt ist, gehört z. B. der 38. Hymnus. Die Ṭrica-Theilung markirt sich auf den ersten Blick dadurch, dass immer durch je drei Verse derselbe letzte Pâda wiederkehrt (1—3 indrâgnî tasya bodhatam; 4—6 indrâgnî â gataṃ narâ; 7—9 indrâgnî soma-pîtaye); dann folgt als zehnter Vers, für sich alleinstehend ¹): âhaṃ sarasvatîvator indrâgnior avo vṛiṇe yâbhyâṃ gâyatram ricyate. — Nicht weniger in die Augen fallend zeigt sich derselbe Bau im Liede 93 ²), wo Ṭrica für Ṭrica der Zusammenhang im Innern jeder Verstriade Continuität, am Anfang derselben einen Abschnitt zeigt. In eigenthümlicher Weise verschärft sich die Characteristik der Ṭrica-Theilung dann noch bei den Versen 19—21; ihre Anfangsworte sind kayâ, kasya, abhî shu ṇaḥ — in offenbarer Nachahmung des Ṭrica, welcher als Text des Vâmadevya-sâman zu besonderer Geltung gelangt ist (IV, 31, 1-3): kayâ naṣ citra' â bhuvat, kas tvâ satyo madânâm, abhî shu ṇaḥ sakhînâm. Von Vers 25—33 folgen sodann drei Ṭricas, die als solche durch den Refrain eines jeden gekennzeichnet sind; bei Vers 33 hört der letzte aus diesem Sûkta entnommene Triadenausschnitt des Sv. auf. So bleibt Vers 34 als Schlussvers übrig, von Grass-mann, wie bei diesen Schlussversen stehend der Fall ist, in den Anhang verwiesen, in der That aber an seinem Orte zu belassen als ebenso unverdächtig wie durch den Typus, durch welchen er erfordert wird, geschützt. — Wenn man nach diesen Vorbildern etwa noch das Lied 102 behandelt, wird man auch hier zu einer wesentlich andern Auffassung gelangen als Grassmann. Von den 22 Versen dieses Sûkta wird für die ersten 15 durch den Sâmaveda ohne Weiteres die Trica-Theilung erwiesen; 16—18 stellen sich dem Inhalt nach gleichfalls als ein Trica heraus. Es bleiben vier Verse übrig. Die Methode verlangt natürlich zu prüfen, ob gegen 19—21 als letzten Trica und 22 als Schlussvers irgend ein Bedenken besteht. Man sieht leicht, dass das nicht der Fall ist, dass vielmehr die Verse 19—21 deutlich durch den Gedanken zusammengehalten werden: Agni, nimm statt der kostbaren Opfergabe auch die geringere an. So ist Alles in bester Ordnung; überdies tritt für die Zusammengehörigkeit wenigstens von Vers 20 und 21 noch das Agni-Ritual des Yajurveda ein ¹). Grassmann nun sieht richtig, dass Vers 22 an das Ende des Ganzen gehört, aber indem er den Typus der Trica-Theilung mit überschüssigem Schlussvers verkennt, muss er zur Wahrung der Triaden einen Vers tilgen, und so reisst er willkürlich Vers 21 von seiner durch den Zusammenhang wie durch den Yajurveda geschützten Stelle los: eine Operation, zu welcher, sobald der hier vorliegende Typus erkannt ist, auch der Schein eines Grundes fehlt.
c4.s5.66
¹ Dass dieser Vers nicht am Refrain des letzten Ṭrica theilnimmt, zeigt, dass er (und ebenso diese Schlussverse überhaupt) nicht als eine Erweiterung dieses Ṭrica aufgefasst werden muss, wie etwa bei einem Anushṭubh-Liede häufig die letzte Anushṭubh zu einer Paṅkti erweitert ist. Vielmehr steht der Schlussvers in der That ausserhalb der Ṭrica-Theilung.
c4.s5.67
² Vergl. hier ausser den Parallelen des Sv. auch diejenigen des Atharvaveda.
c4.s5.68
¹ Die Verse stehen in allen fünf Recensionen des Yajurveda neben ein-ander, s. die Citate bei v. Schröder, Maitr. Samh. IV pag. 290.
c4.s5.69
Es bedarf kaum der Erwähnung, dass wir diesen Typus, wenn wir unsern Blick einmal an ihn gewöhnt haben, auch in vielen Fällen, wo der Sâmaveda nicht verglichen werden kann, sowie ausserhalb des achten Mandala wiedererkennen werden; vergl. VIII, 18 ¹); 26, 1-19 ²); 66 ³); 80 ⁴). — I, 27; 30, 1-16 ⁵); 42 ⁶) u. s. w.
c4.s5.70
¹ VIII, 18 giebt ein instructives Beispiel der verschiedenartigen Indicien, welche die Tṛicatheilung anzeigen. 4-6 Hervortreten der Göttin Aditi (7 knüpft daran an, wie auch 10 an den Refrain von 7-9 anknüpft); 7-9 Refrain apa śridhaḥ; öftere Wiederholung von śam, śamtâti; 10. 11 zusammengeschlossen durch yuyotana, yuyota; 13-15 durch martia (14. 15 auch durch dvayu, advayu); 20. 21 Mitra, Varuṇa, Marutas. In den ersten drei Tṛicas liegt der eine, im Folgenden der andre der beiden Uṣṇiḥ-Typen vor (nach unsrer oben angewandten Bezeichnung a a a x und a a b).
c4.s5.71
² Ein offenbar für sich zu beurtheilendes Aṣvinlied; was folgt, ist an Vâyu gerichtet.
c4.s5.72
³ Ein Pragâtha-Lied mit Anuṣṭubh-Schluss.
c4.s5.73
⁴ Hier wie in mehreren Fällen hat der Schlussvers ein andres Metrum als die Tṛicas.
c4.s5.74
⁵ Ein Indralied; es folgen zwei offenbar nicht zugehörige Tṛicas an die Aṣvin und Uṣhas.
c4.s5.75
⁶ Die Tṛicas und der Schlussvers sind bei Geldner-Kaegi richtig abgetheilt.
c4.s5.76
Wenn nun der hier besprochene Liedtypus seiner Natur nach die über den Strophen stehende, im Schlussvers zu sichtbarstem Ausdruck gelangende Einheit eines ganzen Liedes implicirt, so berechtigt uns die Erkenntniss dieser Form und ihres häufigen Auftretens im achten Maṇḍala schon von vorn herein offenbar zu der Erwartung, dass auch die Tṛica-Lieder dieses Buches, welche den Schlussvers nicht haben, als einheitliche Lieder mit Strophentheilung, nicht aber, wie im neunten Maṇḍala, als Conglomerate unabhängiger Lieder von je 3 Versen aufzufassen sein werden. In der That bestätigt sich die Zusammengehörigkeit der Tṛica-Strophen — und dasselbe gilt von den Pragâthas — zu Einheiten in zahlreichen Sûktas des achten Buches in vollkommen zweifelloser Weise, und alle Wahrscheinlichkeit spricht demnach dafür, dass auch die Hymnen, in welchen zufälligerweise directe Indicien fehlen, in gleicher Weise zu beurtheilen sein werden¹). Bald sind es Momente des Inhalts, des Zusammenhangs, welche die über den Strophen stehende Einheit erkennen lassen, bald ist es die Parallelität mehrerer Lieder untereinander²), oder ein das Ganze zusammenhaltender Schluss — etwa eine Dânastuti³) —, oder ein durch das ganze Lied durchgehender Refrain (34. 47. 62. 85), oder ein strophenweise wechselnder Refrain⁴), oder eine metrische Eigenthümlichkeit, wie der trochäische Tonfall des Gâyatrî-Ausgangs (16. 71. 79. 81), oder eine weniger gewöhnliche Verbindungsart der Ṭrica-Verse (eine Anushṭubh und zwei Gâyatrîs: 63. 74, vergl. 68), oder ein solches Characteristicum wie der häufige Ausgang der beiden letzten Pâdas eines Verses auf dasselbe Wort (70)⁵). Stets aber sind die Strophen, in welche die Lieder zerfallen — mag es nun der Sâmaveda sein, der über ihre Theilung Aufschluss giebt, oder der Refrain, oder das Metrum, oder was auch immer — entweder Pragâthas oder Ṭricas ¹).
c4.s5.77
¹ Natürlich soll hier nicht in Abrede gestellt werden, dass vielfach auch im achten Buch Verschiedenartiges zusammengerathen ist, dass an Ṭricalieder sich gelegentlich nicht zugehörige Strophen angesetzt haben (vergl. unten den Abschnitt über die Anordnung des achten M.): die Thatsache, dass als der in diesem Buch herrschende Typus der des Strophenliedes, nicht der einzelnen als Lied auftretenden Strophe zu gelten hat, wird hierdurch nicht berührt.
c4.s5.78
² So am hervortretendsten bei den Vâlakhilya-Liedern.
c4.s5.79
³ Oder ein Schluss wie 79, 9 râjan[n] apa dvishaḥ sedha mîḍhvo' apa sridhaḥ sedha, u. Aehnl. mehr.
c4.s5.80
⁴ Dieser Fall liegt, verbunden mit noch weiter gehender Gemeinsamkeit des Ausdrucks, in den je drei zu einer Strophe verbundenen Versen von Lied 35 vor.
c4.s5.81
⁵ Weitere Argumente für meine Auffassung, dass im achten Buch die Strophen ganz überwiegend als Theile der überlieferten Hymnen, nicht aber als eigne Hymnen zu betrachten sind, werden die weiterhin mitzutheilenden Untersuchungen über die Ordnung der Sammlung ergeben. Man erwäge noch Fälle wie die folgenden. Das Agnilied 75, die Reihe dreier Indralieder 76-78 bestehen fast ausschliesslich aus Gâyatrî-ṭricas. Das Somalied 79 hat gleichfalls drei Gâyatrî-ṭricas, aber mit vorherrschend trochäischem Ausgang. Lägen hier Sammlungen selbständiger Ṭricas vor, wie käme es, dass gerade die an Soma gerichteten sämmtlich eben jenes metrische Characteristicum haben, welches den andern fehlt? Oder wie kommt es, dass in der Gruppe der Vatsalieder die Schaar der Maruts immer in Anushṭubh-ṭricas (Lied 7), Indra immer in Gâyatrî-ṭricas (6) gefeiert wird? Derartige Facta in der Vertheilung der Metra weisen darauf hin, dass es sich um grosse, aus Strophen bestehende Lieder, nicht aber um Serien unabhängiger, je eine Strophe umfassender Lieder handelt.
c4.s5.82
¹ Von Ausnahmen — wenn man sie überhaupt als solche ansehen will — finde ich nur folgende irrelevante Fälle. In Lied 17 haben wir, wenn der schliessende Pragâtha bei Seite gelassen wird, 13 Verse. Die Parallelen der andern Veden und die Aushebungen im Hotar-Ritual (Âśvalâyana Śraut. V, 10, 28; VI, 4, 10; VII, 2, 3) ergeben die Ṭricas 1–3; 4–6; 11–13, so dass 7–10 als scheinbare Tetrade stehen bleibt. Wie man auch die Störung des regelmässigen Triadenverlaufs erklären mag — Betrachtungen über die Liedfolge (vergl. den Abschnitt über die Anordnung der Saṃhitâ) empfehlen es, V. 10 als den Schlussvers eines Ṭricaliedes, V. 11–13 als ein selbständiges Lied anzusehen — man wird das Lied in keinem Fall verwenden wollen, um einen Tetradentypus der vedischen Strophe daraus zu schliessen. — 31, 15–18 liegt offenbar nicht eine Tetradenstrophe, sondern ein Lied von vier Versen vor. — 32, 19. 20 stehen als Versdyade in einem langen Ṭrica-Liede (vergl. ZDMG. XXXVIII, 470 fg.; Vers 30 ist Schlussvers ausserhalb der Strophentheilung); ist ein Vers verloren gegangen?
c4.s5.83
Und dieses selbe Ergebniss findet sich nun auch in den übrigen Maṇḍalas stehend wieder: mag hier und da eine Vierzahl von Versen in einem Zusammenhang stehen, der ihre gemeinsame Aushebung im Sâmaveda bewirkt ²):
c4.s5.84
² Man wird Aushebungen von Dyaden nicht darin sehen wollen, dass VI, 75, 18. 19 verbunden mit einem Khila-Vers, X, 152, 3. 4 verbunden mit einem im Ṛv. nicht vorhandenen Vers im Sv. Ṭricas abgegeben haben; sonst gilt in aller Strenge die Regel, dass, wo der Sv. eine Ṛig-Dyade übernimmt, ein Pragâtha vorliegt. — Von Tetraden finde ich in den Sv. übernommen I, 13, 1–4: Âprîverse, also von jedem Verdacht der Strophenbildung frei. Dann III, 12, 5–8: aber eben dies neunversige Lied findet sich im Sv. zugleich mit der Zerlegung 1–3; 4–6; 9. 7. 8. Sodann finden sich von I, 7 die ersten vier Verse im Sv. und auch in den Yajurveden; das Lied hat 10 Verse, so dass an eine Tetradentheilung nicht gedacht werden kann. Endlich I, 22: das Sûkta, in dem noch am ersten Tetraden gefunden werden könnten. Dasselbe zerlegt sich nach den Gottheiten, an die es gerichtet ist, in folgende Theile, von denen im Sv. nur der letzte (in seinem ganzen Umfang) aufgenommen ist: 1–4; 5–8; 9–12; 13–15; 16–21. Mir scheint, dass es sich in der That um unabhängige Lieder von 4, 4, 3, 3 + 3 Versen handelt; vergl. den Abschnitt über die Anordnung der Saṃhitâ.
c4.s5.85
Spuren irgend welcher regelmässigen, durch ein Lied hindurchgehenden Tetradentheilungen weist der Sâmaveda ebensowenig auf, wie Spuren von Dyadentheilungen (abgesehen natürlich von Pragâthas) oder von Pentadentheilungen. Und was der Sâmaveda ergiebt, ergeben ganz ebenso die andern Indicien, wie Refrainbildung u. s. w., und so werden wir, so lange nicht für die Aufstellung von Dyaden- oder Pentadenliedern ¹ zuverlässigere und objectivere Characteristica ermittelt sind, als die Freunde derartiger Zerlegungen bis jetzt gefunden haben, uns nicht für berechtigt halten, andre Strophen als Tricas und Pragâthas im Rigveda anzunehmen.
c4.s5.86
¹ Ueber die in dieser Richtung sich bewegenden Versuche von Geldner-Kaegi, Grassmann, Delbrück s. meine Bemerkungen ZDMG. XXXVIII, 458 fg.
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