Astronomie, Astrologie und Mathematik c3.s3: § 8. Vedische Periode. — Nakṣatras
Astronomie, Astrologie und Mathematik c3.s3
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- German
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§ 8. Vedische Periode. — Nakṣatras
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In die vedische Periode fällt ebenfalls das erste Auftreten eines Zodiaks von 27 oder 28 Sternen oder Sternbildern, den sogenannten nakṣatra. Dies Wort bedeutet ursprünglich bloss Stern oder Sternbild und findet sich in den Saṃhitās, wie es scheint, nur in dieser Bedeutung vor; in den Brāhmaṇas dagegen fängt es an, in einer specielleren Bedeutung verwendet zu werden, nämlich als Bezeichnung einer die Sphäre umfassenden Reihe von 27 oder 28 einzelnen Sternen oder Constellationen, die sämtlich nicht weit von, die meisten ganz nahe bei, der Ekliptik liegen und so eine Art von Zodiak bilden. Die Zahl der constituirenden Glieder dieses Zodiaks hängt offenbar damit zusammen, dass der Mond zu seinem siderischen Umlauf etwas mehr als 27 Tagnächte braucht; er langt daher ungefähr jede Nacht des siderischen Monats bei einem anderen Glied der Nakṣatrareihe an. Die specielle Verbindung des Mondes mit den Nakṣatras wird durch alles, was die Brāhmaṇas über die letzteren zu sagen haben, durchaus bestätigt. Dieser, demnach lunare, Zodiak hat sich in Indien bis auf den heutigen Tag erhalten, neben dem solaren Zodiak von zwölf Gliedern, der wahrscheinlich in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung mit den Lehren griechischer Astronomie seinen Weg nach Indien gefunden hat. Eine Identification der Sterne, welche die Nakṣatras constituiren, lässt sich auf Grund des älteren indischen Materials nicht vornehmen; denn genauere Angaben über die Lage derselben, in Längen- und Breitengraden ausgedrückt, finden sich erst in den astronomischen Werken der dritten Periode, unter denen der Sūrya-Siddhānta voransteht. Es liegt aber kein Grund vor, daran zu zweifeln, dass die später als Nakṣatras anerkannten Sterne im ganzen wenigstens die Glieder der älteren Reihe darstellen. Die Identification der späteren Reihe mit den uns bekannten Sternen wurde schon von COLEBROOKE vollzogen, welcher dazu die ganze spätere astronomische Litteratur und die auf die Nakṣatras bezügliche Tradition benutzte; seine im ganzen unzweifelhaft richtigen Resultate sind in einzelnen Punkten von WHITNEY verbessert worden. In den späteren Texten beginnt die Reihe der Nakṣatras durchaus mit der indischen Constellation Aśvinī (= β und γ Arietis); in den vedischen Texten werden immer zuerst genannt die Kṛttikās (die Pleiaden). Die Ṛk.S. erwähnt in unzweifelhafter Weise nur zwei Glieder der Reihe und zwar im zehnten Maṇḍala. Vollständige Aufzählungen finden sich in der Ath. S. und in den Texten des Yajurveda. Die vedischen Texte sprechen in der Regel von 27 Nakṣatras; bisweilen wird ein 28. Abhijit erwähnt. Frühe schon hat sich der Gebrauch ausgebildet, entsprechend der Zahl der zodiakalen Sternbilder die Sphäre als in 27 oder 28 Abschnitte eingeteilt zu betrachten; wir werden darauf weiter unten, in der zweiten Periode, zurückkommen. Hier bemerken wir nur, dass die einzigen Stellen in der Sūtra-Litteratur, die von den Nakṣatras bestimmt als Abschnitten der Sphäre sprechen (die oben erwähnten aus den Sāmasūtren), sich auf 27 Abschnitte von gleichem Umfange beziehen.
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Für die Bedeutung und Verwendung der Nakṣatras in der vedischen Zeit vgl. die mehrfach erwähnte Abhandlung von WEBER und den ersten Teil derselben: Historische Einleitung (Abh. der Kön. Akad. d. Wissensch. zu Berlin, 1860); ferner den ersten Abschnitt von ŚBD. — Über die Gleichsetzung der Glieder der Nakṣatrareihe mit uns bekannten Fixsternen vgl. COLEBROOKE, On the Indian and Arabian Divisions of the Zodiac (Asiatic Researches, vol. IX; wieder veröffentlicht in COLEBROOKES Miscellaneous Essays vol. II); J. B. BIOT, im Journal des Savants 1845, p. 47; BURGESS-WHITNEY, Translation of the Sūrya-Siddhānta (JAOS. vol. VI), Notes on Ch. VIII; ŚBD. p. 459. — Über die verschiedenen Formen der Namen der Nakṣatras s. WEBERS Abhandlung II, p. 386 ff.
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§ 9. Vedische Periode. — Ursprung der Nakṣatras. — Betreffs dieses lunaren Zodiaks erhebt sich zunächst eine Ursprungsfrage, da ganz ähnliche aus 28 Gliedern bestehende Reihen von in der Nähe der Ekliptik liegenden Sternen und Sternbildern sich auch bei anderen asiatischen Völkern finden, vornehmlich bei den Chinesen und den Arabern. Zwischen diesen Reihen herrscht nun in Bezug auf ihre constituirenden Glieder eine so auffällige Übereinstimmung, dass sich der Gedanke an einen gemeinsamen Ursprung der drei unstreitig als der natürlichste darbietet. In bestimmter Weise wurde in dieser Frage zuerst Partei ergriffen von J. B. BIOT, der behauptete, dass die Reihe von 28 Sternbildern (oder nach ihm nur »Sternen«) chinesischen Ursprungs sei und ursprünglich mit dem Laufe des Mondes, und überhaupt der Ekliptik, in keiner Verbindung gestanden habe; sie habe zuerst nur 24 Sterne umfasst, die zur Zeit des Kaisers Yao (ungefähr 2350 v. Chr.) auf, oder nahe bei, dem Äquator lagen und gleiche — oder annähernd gleiche — Rectascension hatten mit gewissen circumpolaren Sternen, die von Alters her die Aufmerksamkeit der Chinesen auf sich gezogen hatten. Diese Reihe sei um 1100 v. Chr. durch Hinzufügung von weiteren vier Sternen, welche
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die Solstizien und Äquinoctien der Periode markirten, in eine 28gliedrige verwandelt und in dieser Form den Indern mitgeteilt worden, welche — den ursprünglichen Charakter der Reihe ganz verkennend oder ignorierend — dieselbe mit der Mondbahn in Verbindung brachten, hauptsächlich zu astrologischen Zwecken, und zugleich damit vielfach in willkürlicher Weise abänderten. — Gegen diese Theorie von dem Ursprung des lunaren Zodiaks haben besonders SÉDILLOT und WHITNEY zu erweisen gesucht, dass BIOTS Annahme, die chinesische Reihe sei ursprünglich eine solche von Äquatorial-Sternen, in keiner Weise aufrecht erhalten werden kann; und WEBER hat die Ansicht vertreten, dass überhaupt in der älteren chinesischen Litteratur keine Stellen vorkommen, die mit Sicherheit auf eine Reihe von 28 Sternen bezogen werden können, dass die ersten sicheren Erwähnungen nicht über das dritte vorchristliche Jahrhundert zurückgehen, und dass, da ein Bestehen der indischen Reihe lange vor dieser Zeit ganz sicher ist, die glaublichere Hypothese die einer Entlehnung der Sieou von Indien ist. Zugleich aber neigt sich WEBER der Ansicht zu, dass das ganze System nicht ursprünglich in Indien zu Hause sei, sondern dem westlichen Asien, vermutlich Babylon, zugehöre, von wo es die Inder und wahrscheinlich auch die Araber entlehnten, obwohl das ausgebildete System der arabischen Menāzil jedenfalls stark von indischer Astronomie beeinflusst sei. Diese Ansicht — obschon bald von einigen Gelehrten bekämpft, so besonders von MAX MÜLLER, der die Nakṣatra-Reihe als ein indisches Produkt ansieht — hat sich ziemlich weit verbreitet, und schliesslich auch den, freilich etwas reservirten, Beifall WHITNEYS gefunden, dem wir die wohl im ganzen gründlichste Behandlung aller einschlägigen Fragen verdanken. Ganz in neuester Zeit hat F. HOMMEL es versucht, den babylonischen Ursprung des Systems — in seinen indischen, arabischen und chinesischen Formen — positiv zu erweisen, auf Grundlage der letzten Forschungen auf dem Gebiete altbabylonischer Astronomie. SÉDILLOT schliesslich hat die Ansicht vertreten, dass ein lunarer Zodiak seit ältester Zeit den verschiedenen in Frage kommenden Nationen bekannt gewesen sei, ohne dass sich über den allerersten Ursprung des Systems etwas aussagen lasse; das System sei aber nur bei den Arabern in einer völlig rationellen Weise ausgebildet worden, und die schliessliche weitgehende Übereinstimmung der drei uns vorliegenden Formen sei dem Einfluss der arabischen Astronomie auf chinesische und indische Astronomie zuzuschreiben.
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Man kann nicht sagen, dass irgend eine der verschiedenen Theorien über den Ursprung des lunaren Zodiaks bewiesen oder auch nur leidlich plausibel gemacht worden ist. BIOTS Theorie, soweit sie den angeblichen Modus des chinesischen Ursprungs betrifft, ist jedenfalls aufzugeben; es scheint aber andrerseits, dass WEBER in seiner Verwerfung der älteren chinesischen Zeugnisse betreffs des Vorkommens einer 28gliedrigen Sternenreihe zu weit gegangen ist, und dass Grund vorliegt, das Bestehen einer solchen Reihe in China in verhältnismässig sehr alter Zeit anzunehmen. Dafür freilich, dass diese Reihe von China den Indern mitgeteilt worden sein sollte, ist durchaus kein Beweis zu erbringen. Es kann fernerhin wohl kaum mit Grund behauptet werden, dass die Inder — etwa wegen mangelnder Befähigung zu exacten Studien und Beobachtungen, wie WHITNEY anzunehmen geneigt ist — nicht im stande gewesen sein sollten, ihren Nakṣatra-Kreis selbst festzustellen; denn die Construction eines lunaren Zodiaks wie der indische, der sich in ganz regelloser Weise nach Norden und Süden von der Ekliptik entfernt und mit Sternbildern oder Abschnitten der Sphäre von völlig verschiedenem Umfang vorlieb nimmt, erfordert weder besondere Befähigung für theoretische Astronomie, noch genaue und lang fortgesetzte Beobachtung.
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Es lässt sich andrerseits nicht verkennen, dass frühe schon die Einteilung der Sphäre in 27 oder 28 Nakṣatras eine vollkommen conventionelle geworden ist, und die meisten Bestimmungen über Dinge, die sich in den verschiedenen Nakṣatra ereignen, eine gänzlich theoretische ist, wobei auf die wirklichen Vorgänge am Himmel gar keine Rücksicht genommen wurde. Dieser theoretisirende, der Beobachtung abgeneigte Zug spricht nicht gerade für die Annahme, dass die erste Bildung des Zodiaks selbständig von den Indern sollte unternommen worden sein. Dazu kommt die ganz auffällige Abwesenheit einer Kenntnis des gestirnten Himmels im allgemeinen in Indien. Während bei den anderen alten Völkern, die sich mit Astronomie abgaben (Chinesen, Babyloniern, Ägyptern, Arabern), wirkliche himmlische Sphären sich finden, d. h. eine Kenntnis der hauptsächlichen Sternbilder und Sterne des ganzen sichtbaren Himmels — aus welchen dann, sobald die Idee gefasst wurde, ohne viel Mühe die Sterne für einen Zodiak ausgewählt werden konnten — kennen die Inder nur die 27 oder 28 Nakṣatras und ausserdem eine ganz kleine Anzahl von anderen Sternen. — Die Hypothese des babylonischen Ursprungs des lunaren Zodiaks hat a priori viel für sich. Die Babylonier waren geschickte Astronomen von alten Zeiten an, und ihr Land liegt so central, dass die Mitteilung irgend welcher Kenntnisse oder Ideen von da nach Indien sowohl als nach China und Arabien gar nichts Unwahrscheinliches an sich hat.
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Leider aber haben die neueren Forschungen über altbabylonische Astronomie diese Hypothese keineswegs bestätigt; es erscheint klar, dass sich die Babylonier nur des zwölfteiligen Zodiaks bedienten, und gewisser einzelner Sterne der denselben constituirenden Sternbilder, deren Namen es deutlich machen, dass sie als Teile dieser 12 Sternbilder angesehen wurden. — Wenn man auf Grund der Art und Weise, in der die verschiedenen Nationen von den Stationen des Mondes Gebrauch machten, einer derselben die erste Erfindung des Systems zuschreiben wollte, so würde man sich wohl zu gunsten der Araber entscheiden. Die Araber allein machten von ihnen einen lebendigen Gebrauch, indem sie mit dem Frühaufgang ihrer 28 Menāzil die verschiedenen Phasen und Phänomene des Jahres in Verbindung brachten, ein Verfahren, das fortgesetzte Beobachtung voraussetzt. Dazu kommt, dass die arabischen Menāzil sich viel genauer an die Ekliptik halten, als die entsprechenden Sternreihen der anderen Nationen. Da aber selbst die älteste arabische Litteratur, die uns das Bestehen der Menāzil bezeugt, als jung erscheint, verglichen mit z. B. den indischen Werken, die zuerst die Nakṣatras erwähnen, so reichen die oben erwähnten Umstände nicht hin, die Hypothese eines arabischen Ursprungs des ganzen Systems glaublich zu machen. Die ganze Frage ist noch eine offene.
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Zum Ursprung des lunaren Zodiaks vgl. J. B. BIOT, Recherches sur l'ancienne Astronomie Chinoise (zuerst veröffentlicht im Journal des Savants 1839 u. 1840); derselbe, Études sur l'astronomie Indienne et l'astronomie Chinoise (eine Sammlung von zuerst im Journal des Savants veröffentlichten Artikeln), siehe besonders p. 212 ff.; die oben genannten Abhandlungen WEBERS; derselbe, Zur Frage über die nakshatra, ISt. IX p. 424, und: Zur Frage über die nakshatra, ISt. X p. 213; derselbe, Über alt-irânische Sternnamen (Sitzungsberichte der Akad. der Wissenschaften zu Berlin 1888); BURGESS-WHITNEY, Translation of the Sûrya-Siddhânta (JAOS. vol. VI); Noten zum 8. Kapitel, und ebenda p. 467 ff.; WHITNEY, On the Views of Biot and Weber respecting the Relations of the Hindu and Chinese Systems of Asterisms (JAOS. vol. VIII); derselbe, Reply to the Strictures of Prof. Weber upon an Essay respecting the Asterismal System of the Hindus, Arabs and Chinese (JAOS. vol. VIII); derselbe, The Lunar Zodiac (in Oriental and Linguistic Studies, 2. Series); E. BURGESS, On the Origin of the Lunar Division of the Zodiac represented in the Nakshatra System of the Hindus (JAOS. vol. VIII); MAX MÜLLER, »Preface« zum 4. Bande der ersten Auflage der grossen Ausgabe des Ṛg-Veda; SÉDILLOT, Matériaux pour servir à l'histoire comparée des sciences mathématiques chez les Grecs et les Orientaux; RICHTHOFEN, China, vol. I;
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F. HOMMEL, Über den Ursprung und das Alter der arabischen Sternnamen und insbesondere der Mondstationen (ZDMG. vol. 45); G. THIBAUT, On the Hypothesis of the Babylonian Origin of the so-called Lunar Zodiac (JASB. vol. 63).
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§ 10. Vedische Periode. — Verwendung des Nakṣatra-Zodiaks. Ein solcher Zodiak lässt sich natürlich dazu verwenden, den Ort irgend eines der beweglichen Himmelskörper zu einer bestimmten Zeit anzugeben, der Sonne sowohl als des Mondes und der Planeten. Dies alles ist auch in Indien bis auf die heutige Zeit gebräuchlich. In der ältesten Litteratur aber erscheinen die Nakṣatras durchgängig nur mit dem Monde verknüpft (die erste direkte Beziehung der Sonne auf die Nakṣatras scheint die zu sein, welche in den oben erwähnten Stellen der Sāmaveda-Sūtras vorkommt). Wir haben hier erstens die Fälle, in denen es heisst, dass eine bestimmte Opferhandlung 'in' einem gewissen Nakṣatra vorzunehmen ist; dass z. B. das heilige Feuer »in Kṛttikās« (kṛttikāsu) angelegt werden soll; dies bedeutet: »wenn der Mond mit Kṛttikās in Conjunction ist«, anscheinend ohne Bezug auf irgend eine bestimmte Phase des Mondes. Wir haben nächstdem — und diese Fälle sind die zahlreicheren — Stellen, in denen Nakṣatras in bestimmter Beziehung auf die hauptsächlichsten Phasen des Mondes, d. i. Neumond und Vollmond, erscheinen, und zwar hauptsächlich auf den letzteren; es heisst z. B., dass ein Opfer stattfindet an der phālgunī paurṇamāsī, d. h. in der Nacht (oder an dem Tag), wann der Vollmond in Phalgunyas stattfindet. Schon in den ältesten Denkmälern, die diesen Gebrauch der Nakṣatras bezeugen, finden sich nur zwölf von den 27 Nakṣatra-Namen in dieser Weise mit dem Vollmond verbunden; es hatte sich also schon damals ein festes System von lunaren Monatsnamen ausgebildet, abgeleitet von den Nakṣatras, in denen der Mond in jedem Monate voll wird. In dem älteren Gebrauch erscheinen diese Namen nicht selbständig, sondern nur in adjektivischer Form in Verbindung mit paurṇamāsī oder amāvasyā, oder so, dass paurṇamāsī zu ergänzen ist; z. B. phālgunī paurṇamāsī; phalguny amāvasyā (was bedeutet »der Neumond des Monates, in welchem der Mond in Phalgunyas voll wird«); aṣṭamyāṃ phālgunīsuklasya d. h. in der achten Nacht (= Tag) der lichten Monatshälfte, welche dem Vollmond in Phalgunyas vorausgeht. Bald aber werden entsprechende selbständige Monatsnamen gebildet, phālguna, caitra etc., welche bis auf die Gegenwart im Gebrauch geblieben sind und, obwohl ursprünglich nur auf lunare Monate angewendet, secundär auch auf die solaren Monate (Zwölf-Teile des Sonnenjahres) übertragen worden sind, ein Verfahren, das durch den Charakter des indischen Jahres — als eines gebundenen Mondjahres, in welchem sich periodisch Einklang zwischen Sonnen- und Mondzeit herstellt — möglich gemacht wird.
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Eben auf Grund dieses Umstandes, dass augenscheinlich schon in der Brāhmaṇa-Periode auf irgend welche Weise Einklang zwischen Sonnen- und Mondzeit erhalten wurde, erhebt sich nun die Frage, ob sich nicht aus dem System der von den Vollmond-Nakṣatras gebildeten Monatsnamen ein Schluss machen lasse auf die Zeit, in der sich dieses System zuerst ausbildete. Was hier sofort auszuschliessen ist, ist der Gedanke, dass sich aus dem Faktum der Auswahl von 12 bestimmten Nakṣatras zum Behuf der Namengebung (mit Ausschluss der anderen 15) irgend ein Resultat ergeben könne. Der Mond wird weder, noch wurde er in irgend einer Periode gerade nur in diesen Nakṣatras voll, sondern Vollmond findet in allen Nakṣatras statt, in fortwährend wechselnden und sich periodisch wiederholenden Reihenfolgen; die Auswahl der 12 Nakṣatras war daher eine willkürliche, natürlich in gewissen Schranken gehalten durch die Rücksicht auf im ganzen gleiche Abstände. Dagegen verdient die Frage in Erwägung gezogen zu werden, sich etwa aus der Verbindung bestimmter Vollmond-Nakṣatras mit den Jahreszeiten erschliessen lassen möchte.
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Diese Frage ist, in einer besonderen Fassung, schon seit dem Anfang der europäischen Sanskritstudien behandelt worden, nämlich im Anschluss an die im Jyotiṣa-Vedāṅga und ähnlichen Werken enthaltene Angabe — von welcher Varāha-Mihira zuerst bestimmt erklärt, dass sie sich mit den Verhältnissen der Gegenwart nicht mehr im Einklang befinde, — dass die Sonne ihren nördlichen Gang von dem Anfang des Nakṣatra Śraviṣṭhās beginnt. Über das Jyo.Ved. wird unter unserer zweiten Periode berichtet werden; hier müssen wir soviel vorausnehmen, dass dies kleine metrische Werk die Stellung eines autoritären astronomischen Hilfsbuches einnimmt, nach dessen Regeln die richtigen Zeiten für die Opfer zu berechnen sind. Seinen Lehren nach gehört das Werk in die vorgriechische Periode der indischen Astronomie und wird natürlich schon seit vielen Jahrhunderten nicht mehr praktisch benutzt, ist aber aus seiner nominellen Stellung als »Vedāṅga« nie durch andere Werke verdrängt worden. Über seine Ursprungszeit können wir nur vermuten, dass es in der Periode entstand, als das Bedürfnis sich geltend machte, alles auf das Opfer Bezügliche in möglichst festen und concisen Regeln auszuarbeiten, also in der Sūtraperiode und zwar — nach seiner Form zu schliessen — gegen das Ende dieser Periode; und es mag daher als der Vertreter der Ansichten über Sonnen- und Mondlauf und Anordnung des Kalenders angesehen werden, die sich im Laufe der Sūtraperiode in den Priestergemeinden befestigt hatten.
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Dass sich das Alter des Vedāṅga selbst aus der obigen Angabe der Lage der Solstizien erschliessen lassen sollte, sind wir nicht berechtigt anzunehmen, denn solche Angaben pflanzen sich traditionell fort und erhalten sich in Ansehen lange, nachdem sie aufgehört haben richtig zu sein. Es mag hier darauf verwiesen werden, dass noch zur Zeit Varāha-Mihiras im 6. nachchristlichen Jahrhundert ein Paitāmaha-Siddhānta in Geltung war, der genau die erwähnte Angabe über die Lage der Solstizien enthielt. Aber es ist wenigstens wahrscheinlich, dass die ursprüngliche Angabe aus einer Zeit stammt, in der die wirklichen Verhältnisse ihr einigermassen entsprachen. Die Schwierigkeiten aber, die einer Ermittlung jener Zeit im Wege stehen, sind gross. Wo haben wir uns den Anfang von Śraviṣṭhās vorzustellen? Der feste Punkt, den uns die spätere Astronomie der Inder für solche Berechnungen an die Hand gibt, ist, dass in der Periode der Siddhāntas — und bis auf die Gegenwart herab — die Teilung des Zodiaks in Nakṣatras von — oder von einem Punkte ganz nahe bei — dem kleinen Sterne ζ Piscium ausgeht; es endet hier das Nakṣatra Revatī und beginnt das Nakṣatra Aśvinī. Wir können daher, von diesem Punkte aus rechnend, bestimmen, wo der Anfang des Nakṣatra Śraviṣṭhās liegt und können dann mit Hilfe unserer Kenntnis des Wertes der Präcession leicht berechnen, um welche Zeit das Wintersolstitium an letzterem Punkte lag;
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schon die früheren Forscher im Gebiete der indischen Astronomie haben, in dieser Weise vorgehend, die in Rede stehende Bestimmung dem 12. vorchristlichen Jahrhundert zugeschrieben. Es ist nun aber schon seit langem darauf hingewiesen worden, dass es höchst misslich scheint, sich des von den Siddhāntas anerkannten Ausgangspunktes zu bedienen, wo Bestimmungen aus viel früheren Jahrhunderten in Frage kommen. Es ist nicht zweifelhaft, dass der kleine Stern ζ Piscium zum Anfangspunkt der Sphäre erhoben wurde um die Zeit, als er mit dem Punkte des Frühlingsäquinoctiums zusammenfiel, d. h. etwa im Laufe des 6. nachchristlichen Jahrhunderts; dass er aber schon in einer früheren Periode, wo dieser Grund noch nicht vorlag, den Anfang von Aśvinī gebildet haben sollte, ist sehr wenig wahrscheinlich; und der erste Punkt dieses Nakṣatra liesse sich mit viel grösserer Plausibilität mehr nach Osten, nahe bei beiden Sternen, welche Aśvinī ausmachen, ansetzen. Weiter aber ist zu bedenken, dass wirklich gar kein Grund vorliegt, bei der Angabe des Jyo. Ved. über den Ort des Wintersolstizes überhaupt Aśvinī in Betracht zu ziehen; da sich diese Angabe direkt auf Śraviṣṭhās bezieht, scheint es jedenfalls geratener, sich an dies Sternbild zu halten. Wann der Punkt des Solstizes etwa mit dem Mittelpunkt dieses Sternbildes gleiche Länge hatte, lässt sich ohne Mühe bestimmen;
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aber hier müssen wir uns wieder fragen, ob denn die Leute, von denen die Angabe herrührt, überhaupt daran dachten, ausserhalb der Ekliptik liegende Konstellationen vermittelst von dem Pole der Ekliptik ausgehender Kreise auf die Ekliptik zu beziehen, und ob, wenn sie daran dachten, sie im stande waren, dies mit irgend welcher Genauigkeit zu thun. Dass wir überhaupt mit dem Sternbild Śraviṣṭhās in dieser Weise operieren dürfen, ist ein weiterer zweifelhafter Punkt; denn es ist ganz klar, dass das Vedāṅga und ähnliche Texte unter ihren Nakṣatras künstliche Abteilungen der Sphäre von gleichem Umfang verstehen, und der »Anfang« eines Nakṣatra mag demnach einen ganz beträchtlichen Abstand in Länge von dem Sternbild gehabt haben. Dazu kommen dann schliesslich noch die Schwierigkeiten einer irgendwie genauen Bestimmung des Ortes des Wintersolstizes in jener alten Zeit, als sich eine wissenschaftliche Astronomie noch nicht entwickelt hatte. Ziehen wir all dies in Betracht, so können wir nicht umhin, mit WHITNEY zuzugestehen, dass die Bestimmung des Solstizes in Jyo. Ved. möglicherweise ein halbes Jahrtausend früher oder ein halbes Jahrtausend später gemacht sein worden mag als im 12. vorchristlichen Jahrhundert.
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Es ist jedoch ein anderer Umstand vorhanden, der eine ungefähr auf das 12. Jahrhundert v. Chr. führende Berechnung in gewisser Weise bekräftigt. Wie zuerst von A. WEBER gezeigt, findet sich im Kausītaki-Brāhmaṇa die Angabe, dass die Sonne am Neumonde des Monats Māgha stille steht, um sich dann nach Norden zu wenden. Dies stimmt nun ganz mit der Angabe des Jyo. Ve. über den Ort des Solstizes überein; denn am Neumond, der dem Vollmond in Maghās vorausgeht, befindet sich die Sonne eben am Anfang von Śraviṣṭhās. Dies macht wahrscheinlich, dass die Beobachtung des Solstizes schon in der Brāhmaṇaperiode gemacht wurde; und da nun aus Gründen, die mit astronomischen Berechnungen nichts zu thun haben, und die wir als litterarisch-chronologische bezeichnen können, die Brāhmaṇaperiode sehr wohl als das 12. vorchristliche Jahrhundert einschliessend angenommen werden darf, so haben wir eine Art von allgemeiner Übereinstimmung zwischen zwei unabhängigen Schlussweisen, welcher ein gewisser Wert sich nicht absprechen lässt. — Es erhebt sich nun hier die weitere Frage, ob nicht auch andere vedische Stellen, die direkte oder indirekte Angaben über das Verhältnis von gewissen Stellungen des Mondes im Kreise der Nakṣatras zu den Jahreszeiten enthalten, zur Bestimmung des Alters der Texte oder der Zeit, wann die betreffenden Angaben zuerst gemacht wurden, sich verwenden lassen. Schon COLEBROOKE hatte die Ansicht geäussert, dass, was aus den Nakṣatra-Namen sich ergibt, sich ganz wohl mit der besprochenen Bestimmung des Ortes des Wintersolstizes vereinigen lässt. Die ganze Frage nach der astronomischen und chronologischen Bedeutung der vedischen Angaben über kalendarische Dinge ist seit einigen Jahren der Gegenstand lebhafter Erörterungen gewesen, hervorgerufen durch die von BĀL GANGĀDHAR TILAK und H. JACOBI aufgestellte Behauptung, dass die Beobachtungen, welche einigen dieser Angaben zu Grunde liegen, auf drei bis vier Jahrtausende vor Christus zurückgehen; der erstere Gelehrte sucht für einige dieser Beobachtungen sogar das Alter von 6000 Jahren v. Chr. zu vindiciren. Diese Theorien wurden von anderen lebhaft bestritten, die zugleich versuchten, ähnlich wie COLEBROOKE aber auf einer breiteren Basis, positiv nachzuweisen, dass alles, was die Brāhmaṇas über Monate, Jahreszeiten, Jahresanfänge u. dgl. zu sagen haben, sich ganz wohl mit der Periode vereinigen lässt, auf welche die besprochene Lage des Wintersolstizes hinweist. Eine Ausnahme wäre dabei möglicherweise zu machen mit dem Faktum, dass die alten Aufzählungen der Nakṣatras mit Kṛttikās beginnen, falls nämlich diese Anordnung darauf beruhen sollte, dass Kṛttikās als das Frühlingsäquinoctium bezeichnend angesehen wurde, analog dem Anfang der späteren Nakṣatrareihe mit Aśvinī, welches in der Periode der ausgebildeten Siddhāntas nahe bei dem Frühlingsäquinoctium lag. Etwas Abschliessendes kann über alle diese Fragen noch nicht gesagt werden; und ich begnüge mich daher damit, in der Anmerkung auf den wichtigeren Teil der betreffenden Litteratur zu verweisen.
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Über die von den Nakṣatras abgeleiteten Namen der Monate vgl. die genannten Abhandlungen von WEBER über die Nakṣatras, sowie die zu § 9 aufgeführten Abhandlungen WHITNEYS im JAOS; ferner den ersten Abschnitt von ŚBD.'s Buch. — Über die Angabe des Jyo. Ve. betreffs des Ortes des Wintersolstizes und über die allgemeine Frage betreffs der astronomischen und kalendarischen Angaben der vedischen Texte und der daraus zu ziehenden chronologischen Schlüsse vgl. COLEBROOKE Essay: On the Vedas As. Res. VIII (und die Anmerkungen WHITNEYS zu dem Wiederabdruck dieses Essays in COLEBROOKE, Miscellanies Essays, New Ed. Vol. I); die oben genannten Abhandlungen WEBERS und WHITNEYS über die Nakṣatras; WEBER, Über den Vedakalender Namens Jyotisham (Abhandl. d. Ak. d. Wiss. zu Berlin 1862); eine Abhandlung WHITNEYS JRAS., New Series Vol. I; BIOT, Études sur l'Astronomie Indienne et sur l'Astronomie Chinoise p. 241 ff.; B. G. TILAK, The Orion or Researches into the Antiquity of the Vedas; JACOBI, Über das Alter des Ṛg-Veda, Festgruss an ROTH (übers. ins Engl. Ind. Ant. XXIII); derselbe, Beiträge zur Kenntnis der vedischen Chronologie (Nachr. v. d. K. Ges. der Wissenschaften zu Göttingen 1894); WHITNEY, On a recent Attempt, by Jacobi and Tilak, to determine on astronomical Evidence the Date of the earliest Vedic Period as 4000 B.C. (Proc. AOS. 1894, wieder abgedruckt Ind. Ant. XXIV); BÜHLER, Note on Prof. Jacobi's Age of the Veda and on Prof. Tilak's Orion (Ind. Ant. XXIII); OLDENBERG, Der vedische Kalender und das Alter des Veda (ZDMG. Bd. 48); JACOBI, Der vedische Kalender und das Alter des Veda (ZDMG. Bd. 49); derselbe, Nochmals über das Alter des Veda (ZDMG. Bd. 50); G. THIBAUT, On some recent Attempts to determine the Antiquity of Vedic Civilization (Ind. Ant. XXIV); OLDENBERG, Noch einmal der vedische Kalender und das Alter des Veda (ZDMG. Bd. 49); derselbe, Vedische Untersuchungen: 5. Zum Kalender und der Chronologie des Veda (ZDMG. Bd. 50); und ŚBD. an verschiedenen Stellen des ersten Abschnittes seines Buches; derselbe, The Age of the Śatapatha Brāhmaṇa (Ind. Ant. XXIV).
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§ 11. Mittlere Periode. — Quellen und Dauer. — Unter der Astronomie der ersten Periode verstanden wir diejenige Summe von astronomischen Kenntnissen, welche wir als in den Kreisen bestehend annehmen müssen, in welchen die Brāhmaṇas entstanden; dass auch ein Teil wenigstens der brahmanischen Sūtralitteratur kein anderes astronomisches Wissen voraussetzt, erscheint wahrscheinlich. Wenn wir nun von einer zweiten Periode der indischen Astronomie sprechen, so lässt sich dieselbe von unserer ersten nicht irgendwie scharf abgrenzen. Wir können nur die Thatsache constatiren, dass in einem Litteraturkreise, der viel weiter ist als die eigentlich vedische Litteratur und ausserdem im ganzen unzweifelhaft später, sich eine Summe von astronomischen und kosmographischen Ansichten herrschend vorfindet, welche sich von den eigentlich vedischen wesentlich unterscheiden und eine Art von abgeschlossenem System bilden. In welchen Kreisen sich diese Ansichten zuerst ausbildeten, können wir nicht sagen; es ist nicht unmöglich, dass sie den brahmanischen Gemeinden — aus denen die Brāhmaṇas hervorgegangen waren — ursprünglich ferne standen. Jedenfalls aber hat sich die Weltanschauung, von der hier die Rede ist, allmählich über ganz Indien verbreitet und mag nicht mit Unrecht als die charakteristisch national-indische angesehen werden, während das System, das man gewöhnlich einfach als das indische bezeichnet —
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dasjenige nämlich, das uns im Sūrya-Siddhānta und ähnlichen Werken vorliegt — keine selbständige indische Schöpfung zu sein scheint. Der Zeit nach lässt sich, was wir die zweite Periode nennen, schwer abgrenzen; die ältesten litterarischen Denkmäler, die unter dem Einfluss der hierher gehörigen astronomischen Ansichten stehen, sind wohl die alten buddhistischen Schriften und das Mahābhārata; auch wird dazu ein Teil der brahmanischen Sūtra-litteratur gehören, obwohl es uns zu der Bestimmung dieser Frage an der nötigen Evidenz fehlt. Auch die untere Grenze der Periode lässt sich nicht scharf bestimmen; wir können nur vermuten, dass etwa in den ersten Jahrhunderten der christlichen Ära die charakteristischen Ansichten dieser Periode allmählich von der im Sūrya-Siddhānta und anderen Siddhāntas dargestellten, weit vorgerückteren Lehre verdrängt wurden. Als Varāha-Mihira im 6. Jahrhundert seine Pañcasiddhāntikā schrieb, lag ihm noch, als eines der von ihm als fundamental betrachteten Werke, ein Siddhānta vor, der durchaus die Anschauungen unserer zweiten Periode repräsentirt. Das Jyotiṣa-Vedāṅga, das derselben Stufe angehört, hat sich bis auf die heutige Zeit officiell als »Vedāṅga« erhalten, obwohl es schon seit langer Zeit nicht mehr praktisch verwendet wird; und unter den Jainas hat die Sūrya-Prajñapti, welche in demselben Ideenkreise steht, bis auf unsere Tage eine ähnliche Stellung behauptet.
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Das eben genannte Vedāṅga ist dieser seiner Stellung wegen das bestbekannte Werk, das diese Periode repräsentirt; es handelt aber nur von Zeitrechnung und ist seiner künstlich concisen Form wegen nur zum Teil verständlich. Um einen Überblick über die Gesamtheit der astronomischen und kosmologischen Anschauungen dieser Zeit zu gewinnen, müssen wir mit dem Vedāṅga eine bedeutende Anzahl von teilweise sehr heterogenen Autoritäten verbinden: so zuerst die uns in Citaten erhaltenen Fragmente von Garga, Parāśara und ähnlichen Autoren, für die Bhaṭṭotpalas Commentar zur Bṛhat-Saṃhitā des Varāha-Mihira unsere hauptsächlichste Quelle ist; ferner die uns erhaltene Vṛddha-Garga-Saṃhitā; das neuerdings aufgefundene Bruchstück des Pauṣkarasādin; den Nakṣatrakalpa und einige andere der Pariśiṣṭas des Atharvaveda; das astronomische Textbuch der Jainas, die sogenannte Sūryaprajñapti; die Darstellung des Inhaltes eines Paitāmaha-Siddhānta, welche Varāha-Mihira im 12. Kapitel der Pañcasiddhāntikā gibt; und die Kapitel des Mahābhārata und der Purāṇas, welche das Weltgebäude beschreiben; überhaupt alle Stellen im Mahābhārata und bei Manu, die sich auf Astronomisches und Kosmologisches beziehen. Dazu kommen schliesslich alle die Stellen in der älteren buddhistischen Litteratur, die von den oben genannten Dingen handeln, und — wie oben bemerkt — Stellen von analogem Inhalt in der brahmanischen Sūtra-Litteratur. Es ist freilich schwer zu beurteilen, wie weit dieser Litteraturzweig unter dem Einflusse des wohlgeschlossenen Systems steht, welches diese zweite Periode charakterisirt; wir haben gesehen, dass einzelne Sūtren wenigstens auf einem entschieden älteren Standpunkt stehen. Im Ganzen sind die auf Astronomie und Kalenderwesen bezüglichen Angaben der Sūtren so wenig vollständig und zusammenhängend, dass sie uns für unser Gebiet nur geringe Aufschlüsse geben. — Was sich aus Pāṇini, dem Mahābhāṣya und dem Nirukta an einschlägiger Belehrung gewinnen lässt, deutet auf dieselbe Periode hin.
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Alle die eben aufgezählten Werke vertreten, in mehr oder weniger vollständiger Weise, ein und dasselbe System. Von einem System nämlich lässt sich hier sprechen, da wir es nun nicht mehr mit vereinzelten und sich gelegentlich widersprechenden Ansichten zu tun haben, sondern mit einer Theorie, die, wie unvollkommen und phantastisch sie auch sein mag, doch zu einem wohlzusammenhängenden Ganzen ausgearbeitet ist. Nicht alle die genannten Werke enthalten die vollständige Theorie, aber wichtige Teile der selben sind allen gemeinsam; und keines (mit wenigen besonders zu erwähnenden Ausnahmen) enthält Züge, die dem von uns angenommenen Ganzen widersprechen. Die in vieler Hinsicht vollständigste Auskunft gibt das astronomische Buch der Jainas. Im nächsten Abschnitt über die Kosmographie der Periode schliessen wir uns an dieses Werk und die Purāṇas an; das Jyotiṣa-Vedāṅga, gemäss seinem Charakter als Handbuch zur Berechnung des Kalenders, enthält nichts Bezügliches.
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§ 12. Mittlere Periode. — Geographie. — Wir begegnen hier zunächst einer völlig entwickelten und bestimmten Ansicht über die Beschaffenheit der Erde. Die Oberfläche der Erde bildet eine ungeheuere kreisrunde Ebene, in deren Centrum ein enorm hoher, Meru genannter, Berg liegt, auf dem die Götter wohnen. Rings um diesen Berg erstreckt sich kreisförmig derjenige Teil der Erde, in welchem die den Hindūs bekannten Länder liegen, der sogenannte Jambu-dvīpa d. h. die Jambuinsel, so genannt von einem kolossalen Jambubaum, der auf einem südlichen Ausläufer der Meruberges steht. Von diesem Jambu-dvīpa bildet Vorderindien, der sogenannte Bharata-varṣa, das südliche Viertel, während nördlich vom Meru der Airāvata-varṣa und östlich und westlich von demselben die beiden Hälften der Videha-varṣa liegen. Der Jambu-dvīpa bildet eine Insel, da er rings vom salzigen Ocean umflossen ist. Jenseits dieses Oceans liegen die sechs anderen dvīpas, die zusammen mit dem Jambu-dvīpa die Oberfläche der Erde ausmachen, alle in der Gestalt kreisförmiger, dem Meru concentrischer Ringe, die von einander durch analog gestaltete ringförmige Meere getrennt sind. Diese dvīpas heissen der Reihe nach Plakṣa, Śālmala, Kuśa, Krauñca, Śāka, Puṣkara; die sie trennenden Meere bestehen der Reihe nach aus Zuckersaft, Wein, Ghī, saurer Milch, Milch, süssem Wasser. Der äusserste ringförmige Continent ist von einer Lokāloka genannten Bergkette umschlossen, bis zu welcher die Strahlen der Sonne reichen, und jenseits welcher sich ein ödes, ewig finsteres Land bis zur Schale des die ganze Welt umschliessenden Brahmaeies erstreckt. Dies Ei wird durch die beschriebene Oberfläche der Erde in zwei Hälften geteilt; in der unteren, unterirdischen, Hälfte liegen die Höllenregionen (pātāla). Die über der Erde gelegene Hälfte zerfällt in verschiedene Welträume (loka), deren jeder als eine Scheibe des Eies aufzufassen ist. Von der Erde bis zur Höhe der Sonne erstreckt sich der Bhuvar-loka, von da bis zur Höhe des Polarsterns die himmlische Welt (svar-loka), darüber der Mahar-loka, der Tapo-loka, und als höchster von allen der Satya-loka.
c3.s3.17
§ 13. Mittlere Periode. — Astronomie. — Über die Oberfläche der Erde bewegen sich die verschiedenen himmlischen Lichter (jyotis, jyotiṃṣi, meist vorgestellt als in ihren Wagen fahrende Götter) in parallel zur Erde liegenden Kreisbahnen um den Meruberg. Sie gehen nie wirklich auf und unter, sondern halten sich stets in der gleichen Höhe über der Oberfläche der Erde. Dass sie während eines Teiles der Tagnacht den Bewohnern des südlich vom Meru gelegenen Bharata-varṣa nicht sichtbar sind, kommt davon, dass sie dann nördlich vom Meru stehen, welcher ihre Strahlen intercipirt; aber wenn sie für den Bharata-varṣa verschwinden, gehen sie dem Airāvata-varṣa auf, und es ist folglich dort Tag, wenn es bei uns Nacht ist. Morgen wird es bei uns wieder, sobald die Sonne in ihrem Kreislauf an der Mitte der Ostseite des Meru angelangt ist. — Die Betrachtung der Umläufe der Himmelskörper um den Meru hat bei den Jainas zu einer ganz besonderen Modification des Systems Anlass gegeben, welche vielfach als der charakteristische Zug ihrer Lehre erwähnt wird. Sie gehen nämlich von der Ansicht aus, dass im Laufe von 24 Stunden die Sonne — ebenso wie die anderen Himmelskörper — nur die Hälfte des Kreises um den Meru zurücklegen kann; dass also,
c3.s3.18
wenn die Nacht im Bharata-varṣa zu Ende geht, die Sonne, deren Licht den vorhergehenden Tag gegeben hatte, erst im Nordwesten des Meru angekommen ist. Die Sonne, die zur selben Zeit thatsächlich im Osten des Bharata-varṣa aufgeht, kann daher nicht dieselbe Sonne sein, die am vorhergehenden Abend unterging, sondern ist eine zweite verschiedene Sonne, die aber für das Auge von der ersten nicht zu unterscheiden ist. Am Morgen des dritten Tages erscheint dann wieder die erste Sonne, die um diese Zeit die Südostecke des Meru erreicht hat u. s. w. Aus demselben Grunde nehmen die Jainas zwei Monde, zwei Reihen von Nakṣatras u. s. w. an. Alle himmlischen Körper werden so verdoppelt; da aber dem Bharata-varṣa immer nur ein Glied jedes Paares erscheint und sich die beiden Glieder völlig gleich sehen, wird dadurch nichts an den Phänomenen geändert.
c3.s3.19
Nächst dem Wechsel von Tag und Nacht sind es noch zwei weitere mit dem Sonnenlauf verbundene Phänomene, welche das System dieser Periode zu erklären versucht, nämlich die Thatsache, dass die Sonne sich je nach der Jahreszeit mehr oder weniger hoch über den Horizont erhebt, und die Verschiedenheiten in der Länge von Tag und Nacht. Das erstere Phänomen wird übereinstimmend dadurch begründet, dass während des Sommers die Sonne engere Kreise um den Meru beschreibt als im Winter und daher nördlicher steht; der weiteste Kreis wird am Tage des Wintersolstizes beschrieben, der engste am Tage des Sommersolstizes. Der Durchmesser und die Peripherie der Kreise werden in der Sūryaprajñapti und den Purāṇas in Yojanas angegeben (wobei die numerischen Bestimmungen in den verschiedenen Büchern stark von einander abweichen und ohne wesentliches Interesse sind); und ebenso die Teile des Jambudvīpa, über welchen die Sonnenbahn in den verschiedenen Jahreszeiten senkrecht liegt. — Das zweite Phänomen erklären die Purāṇas daraus, dass sich die Sonne im Sommer während des Tages langsamer und während der Nacht schneller bewege; die Tage sind daher lang und die Nächte kurz. Im Winter ist es umgekehrt; und zur Zeit der Äquinoctien bewegt sich die Sonne Tag und Nacht mit gleicher Geschwindigkeit. Nach der Sūryaprajñapti, welcher die Annahme verschiedener Schnelligkeit während des Tages und der Nacht fremd ist, erscheinen die Tage im Sommer länger, weil die Kreise, welche die Sonne dann beschreibt, uns näher liegen und uns deshalb die Sonne an einem früheren Punkte ihrer Bahn sichtbar wird und an einem späteren Punkte verschwindet, während im Winter die sich in entfernteren Kreisen bewegende Sonne nur während eines verhältnismässig kurzen Teils ihrer Bahn uns sichtbar bleibt. — Die vollständige Theorie von den Bewegungen der Sonne ist am genauesten und deutlichsten in der Sūryaprajñapti ausgearbeitet, welche auch eine ähnliche Theorie der Bewegungen des Mondes gibt. Im ganzen ist dieses Werk unzweifelhaft das wichtigste aller Monumente der indischen Astronomie und Kosmographie in ihrer vorgriechischen Phase; dass die Jainas alle Himmelskörper verdoppeln, ist, wie schon oben angedeutet, ohne Belang und nimmt ihrer Darstellung nichts von ihrem Werte.
c3.s3.20
§ 14. Mittlere Periode. — Zeitrechnung. — Die Schriften dieser Periode stimmen ferner überein betreffs der Länge der Umlaufszeit von Sonne und Mond; es ist thatsächlich dieser Teil des Systems der am besten bekannte und am meisten charakteristische, da er in allen Schriften dargestellt wird, während einige, wie besonders das Jyotiṣa-Vedāṅga, über die allgemeine Beschaffenheit der Erde und des Weltgebäudes keine Auskunft geben. Die Lehre hier ist, dass fünf Sonnenjahre genau 67 siderische Umläufe des Mondes in sich enthalten, und dass jedes Sonnenjahr 366 Tage in sich begreife. Wir begegnen hier so zum ersten Mal der bestimmten Anerkennung eines Jahres,
c3.s3.21
das mehr als 360 Tage enthält. Der Wert von 366 Tagen ist freilich ein höchst ungenauer; keine andere civilisirte Nation ist so lange bei einer so schlechten Bestimmung der Länge des Jahres stehen geblieben. Wie mit einem solchen Jahre der Kalender in auch nur leidlicher Ordnung erhalten werden konnte, ist schwer zu verstehen; es müssen wohl von Zeit zu Zeit gewaltsame Reformationen gemacht worden sein. Keines der in Rede stehenden Werke enthält irgend welche Andeutung, wie etwa durch periodische Auslassung von Tagen der erwähnte Fehler verbessert werden könnte. Der Unterschied des tropischen und siderischen Jahres ist natürlich nicht bekannt; das anerkannte Jahr wird unbefangen als tropisch angesehen, indem es den ganzen Wechsel der Jahreszeiten in sich begreift; zugleich aber wird es bestimmt dargestellt als auf der Wiederkehr der Sonne zu einem und demselben Sternbild beruhend und ist insofern siderisch. Dies Sternbild ist Śraviṣṭhās (auch Dhaniṣṭhās genannt), an deren erstem Punkte sich die Sonne im Augenblicke des Wintersolstizes befindet und zu dem sie in genau 366 Tagen zurückkehrt. Die Tragweite dieses Datums ist oben erörtert worden; es mag hier noch einmal darauf hingewiesen werden, dass diese Bestimmung des Ortes des Wintersolstizes allen den genannten Werken gemeinsam ist und daher offenbar das Faktum einer allmählichen Verschiebung der Solstizien während einer langen Zeit völlig unbeachtet blieb. Das einzige Werk dieser Klasse, das sich von dem allgemeinen Vorurteil betreffs des Ortes des Solstizes emancipirt hat, ist die Sūryaprajñapti, nach welcher das Wintersolstizium am Anfang von Abhijit liegt. — Fünf von diesen 366tägigen Jahren werden in eine Periode zusammengefasst, das sogenannte fünfjährige Yuga, aus dem Grunde, weil die resultirende Anzahl von 1830 Tagen in annähernd genauer Weise einer ganzen Anzahl von siderischen Umläufen des Mondes — nämlich 67 — darstellt. Da während dieser 67 Umläufe des Mondes die Sonne genau 5 Umläufe vollendet, kommen Sonne und Mond 62mal in Conjunction, und das Yuga befasst demnach 62 synodische Monate.
c3.s3.22.1
§ 15. Mittlere Periode. — Nakṣatras, Conjunctionen etc. — Ein weiteres Interesse gewinnen die Schriften dieser Periode dadurch, dass sie alle die Stellen im Umkreise der Nakṣatras angeben, an denen die Conjunctionen und ebenso die Oppositionen von Sonne und Mond, d. h. die Neumonde und die Vollmonde, stattfinden. Darauf bezügliche Regeln und Rechnungen bilden den Hauptinhalt des Jyotiṣa-Vedāṅga sowohl als der Sūryaprajñapti. Da den Schriften dieser Periode die Unterscheidung von mittlerer und wahrer Bewegung der Himmelskörper durchaus fremd ist, ergeben sich die gesuchten Örter durch ganz einfache Rechnungen, die unmittelbar auf den Grundelementen des fünfjährigen Yuga basiren. Der ganze Rechnungsprozess und die daraus folgenden Resultate sind deutlich und umständlich in der Sū. Pr. dargestellt, während das Jyo.Ve. den Process in wenigen äusserst concisen Regeln zusammenfasst, die zum Teil noch nicht erklärt sind. Die Nakṣatra-Reihe dieser Periode ist wesentlich die der ersten Periode; doch ist auch hier nun alles vollständig und methodisch ausgearbeitet. Die Zahl der Nakṣatras erscheint verschiedentlich als 27 oder 28 (mit Einschluss von Abhijit). Einige Werke, darunter das Jyo.Ve., erwähnen nur 27, welche alle als von gleichem Umfang betrachtet werden, ein jedes gleich dem 27. Teil der Sphäre. Andere Autoritäten erkennen ebenfalls 27 Nakṣatras an, aber eingeteilt in Klassen von verschiedenem Umfang;
c3.s3.22.2
und andere wieder wissen von 28 Nakṣatras, die ebenfalls in Klassen von verschiedenem Umfang zerfallen: so z. B. die Sūryaprajñapti. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass die Anerkennung eines 28. Nakṣatra damit zusammenhängt, dass der Überschuss des siderischen Monats über 27 Tage nun bestimmt realisirt wurde; und die Details wurden jedenfalls in Verbindung mit der Lehre vom fünfjährigen Yuga ausgearbeitet, aus welchem der Betrag dieses Überschusses genau abgeleitet werden kann. Dass einzelne Werke wie das Jyo. Ve. trotzdem nur von 27 Nakṣatras sprechen, ist kaum daraus zu erklären, dass ihnen die Reihe von 28 Gliedern unbekannt war, sondern einfach aus dem Wunsche, die Rechnungen zu vereinfachen. So wendet ja auch schliesslich die spätere astronomische und astrologische Litteratur im ganzen nur die 27gliedrige Reihe an. Von Interesse in dieser Hinsicht sind Stellen in Bhāskarācāryas Siddhānta-Śiromaṇi und Brahmaguptas Sphuṭa-Siddhānta, welche beide Systeme erwähnen und das 28teilige als das genauere bezeichnen, welches von den Ṛṣis, Vasiṣṭha, Garga u. a., gelehrt worden sei (die uns bekannten Fragmente Gargas beziehen sich nur auf das 27teilige System). Der Vorteil des 28teiligen Systems ist, dass von den 27 gewöhnlichen Nakṣatras angenommen werden kann, dass sie durchschnittlich mit dem Monde je eine natürliche Tag-Nacht in Verbindung bleiben, während der Überschuss des siderischen Monates über 27 Tage der Verbindung des Mondes mit Abhijit zugeteilt wird: so z. B.
c3.s3.22.3
nach der Sū. Pra. und auch nach Brahmagupta im Khaṇḍakhādyaka. Wo nur 27 Nakṣatras angenommen werden, fällt diese natürliche Verbindung weg; und jedes einzelne Nakṣatra bleibt dann mit dem Monde durchschnittlich etwas länger als eine Tagnacht in Conjunction. — Wo aber ein ungleichmässiger Umfang der Nakṣatras überhaupt anerkannt wird, finden wir anstatt des erwähnten Durchschnittsmasses die folgende Einteilung: sechs Nakṣatras (rohiṇī, punarvasu, uttara-phalgunī, visākhā, uttarāṣāḍhā, uttara-bhadrapadā) haben eine Ausdehnung, die dem normalen Masse vermehrt um seine Hälfte entspricht, sechs solche, die der Hälfte des normalen Masses gleichkommt (bharaṇī, ārdrā, āśleṣā, svātī, jyeṣṭhā, śatabhiṣaj); die übrigen fünfzehn haben die normale Ausdehnung. Diese Einteilung findet sich übereinstimmend bei Garga, im Nakṣatrakalpa, in der Sū. Pr. und bei Brahmagupta, und lässt sich so ziemlich mit dem vereinigen, was wir aus den astronomischen Werken der dritten Periode über die Ausdehnung der einzelnen Nakṣatra-Sternbilder erschliessen können. Für andere Einteilungen der Nakṣatras — z. B. nach der Zeit des Tages oder der Nacht, zu welcher der Mond mit ihnen in Conjunction tritt (ein in der Sū. Pra. behandeltes Thema) — ist es schwieriger, eine rationelle Erklärung zu finden. Ebenso kann nur ein Teil der Angaben, welche die Sū. Pra.
c3.s3.22.4
betreffs der Lage der Nakṣatras nördlich oder südlich von der Mondbahn macht, mit dem vereinigt werden, was die spätere Astronomie über diesen Punkt zu sagen hat. Die Zahlen der Sterne, welche die einzelnen Nakṣatra-Sternbilder ausmachen, finden sich bei verschiedenen Autoritäten dieser Periode genannt und stimmen im ganzen mit den späteren Angaben überein.
c3.s3.23
Es mag an dieser Stelle ein Wort über den allgemeinen Geist beigefügt werden, der sich in den astronomischen Bemühungen dieser Periode ausspricht. Nichts nämlich ist charakteristischer für diesen Geist, als die langwierigen Methoden und Regeln zur Berechnung der Örter von Sonne und Mond im Kreise der Nakṣatras, die sich in voller Ausführlichkeit in der Sū. Pra. auseinandergesetzt finden, während das Jyo. Ve. die Resultate in condensirter Form enthält. Die Annahme eines Jahres von 366 Tagen ist schon schlimm genug; man wird aber natürlich geneigt sein, der Mangelhaftigkeit der Beobachtungen in einer verhältnismässig frühen Periode einiges nachzusehen. Unser Urteil über die Annahme einer stets rekurrirenden fünfjährigen Periode wird schliesslich davon abhängen, wie diese Annahme allmählich modificirt und verbessert wurde. Von solchen zu erwartenden Verbesserungen ist nun aber einerseits gar nichts zu sehen; die fünfjährige Periode in ihrer ursprünglichen cruden Form scheint Jahrhunderte lang und in weiter Ausdehnung vorgeherrscht zu haben, bis sie schliesslich durch ein auf völlig anderer Grundlage beruhendes System verdrängt wurde. Und was schlimmer ist, die aus der Annahme eines fünfjährigen Yuga folgenden Einzelheiten wurden bis ins kleinste mit einer blinden Zuversicht und einem evidenten Wohlgefallen ausgearbeitet, welche in Anbetracht der völligen Bodenlosigkeit des ganzen Systems etwas geradezu Erschreckendes haben. Eine genaue Erwägung der Geistesrichtung, aus welcher Werke wie das Jyo. Ve. und die Sū. Pra. hervorgegangen sind, kann nicht genug empfohlen werden sowohl denen, welche die wissenschaftliche indische Astronomie als ein auf völlig nationalem Boden erwachsenes Produkt ansehen, als denen die zu glauben geneigt sind, dass man schon Tausende von Jahren vor der Epoche des Vedāṅga die Solstizien und Äquinoctien in Indien regelmässig und erfolgreich beobachtete, und dass die Resultate der späteren Beobachtungen systematisch dazu angewendet wurden, die früheren zu verbessern.
c3.s3.24
§ 16. Mittlere Periode. — Zodiakus. — Es ist nicht unmöglich, dass einigen der Werke, die wir wegen ihres allgemeinen Charakters unserer zweiten Periode zurechnen müssen, schon die Einteilung des Zodiaks in zwölf Zeichen bekannt war. Direkte Evidenz hierfür liegt freilich nur im Mahābhārata und in den Purāṇas vor, und die Kenntnis der Zeichen mag hier als ein späteres Element betrachtet werden, das um die Zeit eindrang, als die Purāṇas ihre uns gegenwärtig vorliegende Gestalt erhielten. Andrerseits liesse sich wohl annehmen, dass ein so ganz äusserliches und — von wissenschaftlichem Standpunkte aus — unwesentliches astronomisches Element wie die Annahme von 12 Zeichen an Stelle der 27 Nakṣatras früher in Indien Eingang fand als der eigentlich wichtige und wissenschaftliche Teil westlicher Astronomie. Jedenfalls scheint es nicht geraten, auf das Vorkommen der zwölf Zeichen als eines wesentlichen chronologischen Kriteriums grossen Wert zu legen.
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