Pramāṇa · Search · About · API

Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c32: I. Zur Quellenkunde

Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c32

Language
German

Contents

I. Zur Quellenkunde

c32.1

**§ 1. Moderne Werke.** · Obwohl die Medicin jetzt dank den centralasiatischen Handschriftenfunden und HOERNLES ausgezeichneten Arbeiten über dieselben (§ 13) unbedenklich zu den ältesten, am frühesten sicher bezeugten Fachwissenschaften der Inder gezählt werden darf, so wird es doch im Hinblick auf ihr Fortleben in der Gegenwart und ihre continuirliche Entwickelung methodisch zweckmässig sein, einen Überblick über die medicinische Sanskritlitteratur mit einem kurzen Hinweis auf die modernen Werke zu beginnen und von da aus successive auf die älteren und ältesten Denkmäler zurückzugehen.

c32.2

Wie die modernen Kavirajs, die, trotz des durch die englischen Colleges und Spitäler geförderten Vordringens der europäischen Medicin, von ihren Landsleuten noch immer gerne consultirt werden — wenn auch über die Höhe ihrer Honorarforderungen und die Teuerkeit ihrer Arzneien geklagt wird — die altherkömmlichen Recepte wie Cyavanaprāśa (§ 61), rotes Sandelpulver u. dgl. zu verordnen fortfahren¹, so bewegt sich auch ihre emsige schriftstellerische Production ganz in den alten Bahnen. Lehrbücher wie BINOD LAL SENS zweibändiges Ayurvedavijñāna² könnten im Wesentlichen schon vor 1000 Jahren ebenso abgefasst sein. Das auch für Sanskritisten wertvolle medicinische Sanskritwörterbuch Vaidyakaśabdasindhu von UMEŚACHANDRA GUPTA enthält eine Zusammenstellung der medicinischen Kunstausdrücke mit Erklärungen und zahlreichen Citaten aus den medicinischen Classikern³. Speciellere Zusammenstellungen für Materia medica sind in grosser Anzahl vorhanden, ich nenne z. B. von in Calcutta gedruckten K. B. LAL SEN GUPTAS Āyurvedīyadravyābhidhāna⁴ und die in HOERNLES Bowerhs. benutzten Werke von K. K. PRASANNA VIJĀSARKAR und BHOLĀNĀTHA SARMA, von in Bombay gedruckten den Nighaṇṭuratnākara von GODBOLE⁵ und den Bṛhannighaṇṭuratnākara von DATTĀRĀMA CHAUBE⁶, in welch beiden Werken aber auch *anannasa* »Ananas«, *tamakhu* »Tabak«, *ḍāktarīmatānusāramūtraparīkṣā* »die Untersuchung des Urins nach den Lehren der englischen Ärzte« und andere moderne Elemente Eingang gefunden haben. Von monographischen Arbeiten erwähne ich den unter der Ägide des berühmten RANJIT SINGH (Raṇajitasiṁha) abgefassten Cobacīniprakāśa⁷ über *cobacīni* (Sarsaparille) als Mittel gegen Syphilis und andere Leiden. Den meisten dieser Publicationen sind Bengali-, Hindi-, Gujerati-, Marathi-, singhalesische und andere Übersetzungen in neuindische Sprachen beigefügt, andere nur in neuindischen Sprachen abgefasst. Auch die alten Sanskriktexte wie C. Su. A. M. Ś. und andere werden immer wieder abgedruckt, mit oder ohne die alten Commentare und mit oder ohne neuindische Übersetzungen, besonders zu rühmen sind die kritischen Ausgaben der Ānandāśrama Sanskrit Series in Poona. Die selteneren englischen Veröffentlichungen, wie z. B. U. C. Dutts treffliche Materia Medica of the Hindus⁸, Sir Bhagvat Sinh Jee's A Short History of Aryan Medical Science⁹, das Werk eines indischen Fürsten, A. C. K.s C.-Übersetzung (§ 9), verfolgen den Zweck, das Interesse englischer Leser für die indische Medicin anzuregen.

c32.3

¹ Vgl. die Beilage zu A. C. K.s C.-Übersetzung, 14. Heft. —

c32.4

² Calcutta 1887, 729, 686 S. —

c32.5

³ Calcutta 1894, 22, 12, 1112 S. —

c32.6

⁴ Calcutta 1875, 244 S. —

c32.7

⁵ Bombay 1867, 3 Bde., 865, 1277, 1201 S. Vgl. Sinh Jee, l. c. 122 f. —

c32.8

⁶ 3. Bd. 1891, bis p. 1346, 248. —

c32.9

⁷ Lahore 1851, 2, 81 S. Fol. —

c32.10

⁸ Calcutta 1877, xvi, 354 S. —

c32.11

⁹ London 1896, 280 S.

§ 2. 16.— 18. Jahrhundert

c32.s1.1

Sobald man über das 19. Jahrhundert zurückgeht, erheben sich grosse Datirungsschwierigkeiten, weshalb hier von den massenhaften, teils schon gedruckten, teils nur aus den Handschriftenkatalogen bekannten Sanskrittexten über die gesamte Medicin oder über einzelne Teile derselben (über die Glossare und über Tierheilkunde s. auch besonders, § 11 f.) ausser den anerkannten Hauptwerken nur wenige leichter bestimmbare Werke genannt werden sollen, deren Abfassungszeit entweder in den Hss. angegeben oder nach inneren Gründen annähernd zu fixiren ist. Nach Sinh Jee l. c. wären allerdings viele Werke genau datirbar, so setzt er in das 18. Jahrhundert: Ātaṅkatimirabhāskara von Bālarāma in Benares, ein grosses, auch den Thee erwähnendes Werk¹; Āyurvedaprakāśa von Mādhava 1713, IO. 950 verzeichnet eine 1786 geschriebene Hs.; Yogataraṅgiṇī von Trimalla 1751, aber diese bekannte Receptsammlung² muss viel älter sein, da L. 203 eine schon 1498 geschriebene Hs. eines anderen Werkes von Trimalla beschrieben wird³. Nach den freilich auch nicht verlässigen Datirungen bei Umeśachandra Gupta l. c. (Preface) gehören in das 18. Jahrhundert: Bhaiṣajyaratnāvalī von Govindadāsa (Calcutta 1893, 788 S.), eine Receptsammlung, auch in Dutts Mat. Med. viel citirt; Rājavallabhīyadravyaguṇa von Nārāyaṇa 1760, auch von Dutt hervorgehoben (Calcutta 1868, 106 S.); Prayogāmṛta von Vaidyacintāmaṇi, »das umfangreichste Werk über Therapie«, Inhaltsangabe bei Aufrecht, Oxf. 316; Vaidyāmṛta von Nārāyaṇa und andere. Vaidyarājas Sukhabodha, ein leichtfassliches Lehrbuch der Therapie, ist sicher »1624« abgefasst, aber mit diesem Datum kann je nach der Ära entweder 1702 oder 1567 gemeint sein⁴.

c32.s1.2

17. Jahrhundert. Sichere Daten sind⁵: Vaidyavilāsa von Raghuṇātha Paṇḍita 1697, ein kurzes Handbuch, gedruckt; Vaidyarahasya von Vidyāpati 1682, erwähnt die Syphilis (nach Sinh Jee 1698 verfasst, was aber offenbar eine Verwechselung der Abfassungszeit mit dem Datum der Hs. bei L. ist); Cikitsāratnāvalī von Kavicandra 1661, über Pathologie und Therapie, erstere nach Haas und Eggeling aus M. abgeschrieben; Vṛttaratnāvalī von Maṇirāma Miśra 1641, ein kurzes Lehrbuch; Yogasaṃgraha von Jagannātha 1616, über Therapie u. a. Der 1889 in der Ānand. Series gedruckte Yogaratnākara eines ungenannten Autors (486 S.) umfasst die ganze Medicin mit Ausnahme der Chirurgie (*śastrakriyā*) und Anatomie, citirt Nirṇayasindhu (1611), Bh. (16. Jahrh.) und andere moderne Werke, kann aber auch nicht nach 1746 als dem Datum der jüngsten für die Ausgabe benutzten Hs. verfasst sein (Sinh Jee: Yogaratnākara 1676). Lolimbarājas Vaidyajīvana, eine beliebte, mehrfach commentirte und in verschiedene neuindische Sprachen übersetzte, ganz kurze Darstellung der Therapie in künstlichen Versmassen, gewürzt mit erotischen Stellen, wäre nach Sinh Jee 1633 abgefasst, doch verzeichnet B. 4, 241 eine schon 1608 geschriebene Hs.

c32.s1.3

16. Jahrhundert. Das hervorragendste Erzeugnis dieses Jahrhunderts ist der noch jetzt allgemein geschätzte Bhāvaprakāśa (Bh.) von Bhāvamiśra, der angeblich ein berühmter Arzt in Benares war⁶. Benutzt ist die Ausgabe von JIB. VIDY.¹, die nach einer cursorischen Collation mit der guten alten Tübinger Hs. von 1558/9² trotz vieler Druckfehler als im Allgemeinen zuverlässig bezeichnet werden kann. Bh. kann nicht viel älter als diese Hs. sein, da er die von den Portugiesen eingeschleppte Syphilis (*phiraṅga*) und als Mittel dagegen *cobacīnī* (Sarsaparille) erwähnt, die um 1535 importirt sein soll. Der 1. Teil (*pūrvakhaṇḍa*) dieses umfangreichen Werkes handelt in 2 *bhāga* und 6 *prakaraṇa* über Entstehung der Medicin, Kosmologie, Anatomie, Embryologie, Kinderheilkunde, Diätetik, Pharmakologie (mit vielen volkssprachlichen und fremden Namen) u. s. w., der noch weit umfänglichere *madhyakhaṇḍa* in 4 *bhāga* über specielle Pathologie und Therapie, der nur 11 S. starke *uttarakhaṇḍa* über Liebesmittel und Elixire. Besonders wertvoll sind die zahlreichen, von den gedruckten Texten des C. Su. u. s. w. oft stark abweichenden Citate³. Noch ungedruckt ist das kleinere pharmakologische Werk Guṇaratnamālā von Bhāvamiśra⁴. Nach Umfang und Inhalt dem Bh. vergleichbar ist das von Toḍar Mall († 1589), dem berühmten Hindu-Minister des Kaisers Akbar, inspirirte medicinische Lehrbuch Āyurvedasaukhya⁵, das einen Teil des Toḍarānanda bildet. Die ältesten in den Katalogen verzeichneten Hss. der anderen Teile dieser grossen Encyklopädie gehören den drei letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts an. Der von dem Jaina Harṣakīrtisūri verfasste Yogacintāmaṇi Vaidyakasārasaṃgraha⁶, eine Receptensammlung, muss zwischen 1668 oder 1666⁷, dem Datum der zwei ältesten Hss., und c. 1535 entstanden sein, da wie in Bh. *phiraṅga* und *copacīnī* (*cobacīnī*) erwähnt werden; auch das Opium (*aphima*, *ahiphena*) und das Quecksilber (*pārada*) kommen öfter vor.

c32.s1.4

¹ Nicht in AUFRECHTS C. C.

c32.s1.5

² Vgl. DIETZ, Anal. med. 145 ff.; IO. 955 f.

c32.s1.6

³ Auch die Bik. 667 verzeichnete Hs. der Yogat. ist wenigstens 1663 geschrieben. — 4 IO. 942 f. — 5 IO. 949. 958. 953. 945; L. 1480; ZDMG. 30, 652; W. 296.

c32.s1.7

⁴ 6 Āyurvedavijñ. I, 12. — 7 Calc. 1875, 36, 37, 292, 178, 162, 229, 132, 228 S.

c32.s1.8

⁵ 8 GARBE, Verz. No. 153. — 9 Vgl. WISE, Comm. 10 f.; Oxf. 309—11; DUTT, Mat. Med. xi; SINH JEE l. c. 36--8; UMEŚACHANDRA GUPTA l. c.

c32.s1.9

⁶ 10 IO. 981. — 11 W. 289 f. — 12 Bombay 1869, 268 S. mit Marwāḍi-Übers.

c32.s1.10

⁷ 13 Vgl. GARBE Nr. 165; B. 4, 232; PETERS. 3, 399.

c32.s1.11

§ 3. Das spätere Mittelalter. — In diese Zeit fällt wahrscheinlich das Aufkommen der zahlreichen, zum Teil gedruckten Werke über *rasa*, *rasendra* d. h. metallische, besonders Quecksilberpräparate zum äusseren und inneren Gebrauch. Das Quecksilber vertreibt alle Leiden, sagt Narahari¹, und es wird auch speciell gegen Fieber, Durchfall, Gelbsucht, Lungenleiden u. a., später auch gegen Syphilis empfohlen². Wahrscheinlich stammt die Calcinirung des Quecksilbers und die pharmaceutische Verwendung der so gewonnenen Präparate aus Arabien (§ 26). Rasa-pradīpa, -ratnapradīpa, Rasāmṛta, Rasendra cintāmaṇi werden schon im Bh. citirt, Rasa-cintāmaṇi, -darpaṇa, -ratnapradīpa, -ratnāvalī, -rahasya, -rājahāṃsa, -sindhu, Rasārṇava, Rasalaṃkāra, Rasāvatāra im Āyurvedasaukhya. Alle diese Werke müssen also im 16. Jahrhundert schon existirt haben. Das älteste genau datirbare Werk dieser Art scheint bis jetzt der 1386 abgefasste Commentar des Merutuṅga, eines Jaina, zu Kaṅkālāyas Rasādhyāya zu sein³, welch letzteres Werk natürlich noch älter als der Commentar sein muss. In dem ebenfalls im 14. Jahrhundert geschriebenen Sarvadarśanasaṃgraha⁴ wird der soeben erwähnte Rasārṇava, ferner Rasahṛdaya und Raseśvarasiddhānta citirt, wonach auch diese drei Werke spätestens um 1300 zu setzen sind. Den Rasārṇava citirt auch der Rasaratnākara des Nityanathā, der in 5 *khaṇḍa* zunächst von der Anfertigung metallischer Präparate, weiterhin (213 ff.) von der Behandlung der Krankheiten handelt, und der ähnlich angeordnete Rasendracintāmaṇi des Rāmacandra (beide Werke gedruckt Calcutta 1878, 24, 782 S.). Der Rasaratnākara muss im 15. Jahrhundert schon vorhanden gewesen sein, da B. 4, 236 eine 1473 geschriebene Hs. verzeichnet und das von HAAS, ZDMG. 30, 630 ff., besprochene persische Werk über indische Medicin den Rasaratn. als ein damals, d. h. zu Anfang des 16. Jahrhunderts allgemein gebrauchtes Werk bezeichnet. Noch weit älter als alle vorstehend genannten Werke wäre der in correcter Ausgabe vorliegende umfangreiche Rasaratnasamuccaya⁵, wenn er wirklich ein echtes Werk des Vāgbhaṭa wäre, wie der Herausgeber annimmt, der hierin allerdings viele Hss. für sich hat. Doch heisst der Verfasser in einigen Hss. Nityanātha oder Aśvinīkumāra, oder es wird kein Autor genannt, und jedenfalls differirt dieses Werk, das in 30 *adhy.* ausführlich über verschiedene metallurgische und pharmaceutische Processe handelt, sowohl inhaltlich als stilistisch so stark als möglich von S. und A. (§ 6)⁶. Auch die Hss. des Rasaratnas. sind nicht alt, die älteste (IO. 966) von 1699⁷.

c32.s1.12

Nach U. C. DUTT (Mat. Med. XII) ist der älteste der von der Calcination u. dgl. Processen handelnden Autoren Śārṅgadhara (Ś.). Er setzt die Śārṅgadharasaṃhitā in die mohammedanische Epoche, weil das Opium (*ahiphena*) und die Bertramswurzel (*akarākarabha*)⁸ darin vorkommen. Seinem Herausgeber JĪVĀNRĀM zufolge wird Ś. in Bh. (16. Jahrh.) oft citirt⁹ und hat seinerseits Vṛ. (c. 10. Jahrh., § 5) benutzt. Nach GRIERSON¹⁰ wäre Ś. aus inneren Gründen um 1500 zu setzen. Da aber ein Commentar zu Ś. von Vopadeva existirt, der gegen 1300 lebte, so muss Ś. spätestens im 13. Jahrhundert geschrieben haben. Sein kurzes, aber inhaltreiches Lehrbuch der Therapie beschränkt sich nicht auf die metallischen Präparate, handelt vielmehr in 3 *khaṇḍa* und 32 *adhy.*: 1. über Mass und Gewicht, Eigenschaften der Arzneistoffe, Wirkung der Jahreszeiten, Diagnose und Prognose, Wirkung der Arzneien, Anatomie und Physiologie, Embryologie, Arten und Unterarten der Krankheiten (*rogagaṇana*); 2. über Decocte, Brühen, Infusa, kalte Mittel, Teige, Pulver, Pillen, Latwergen, Butterabkochungen, Liqueure, Pulverisirung von Gold und anderen Metallen, Quecksilberpräparate; 3. über die gewöhnlichen Kurmethoden, wie Fettmittel, Schwitzmittel u. s. w. (§ 24). Bei der Diagnose beschreibt Ś. schon eingehend die Untersuchung des Pulses (*nāḍīparīkṣā*), bei den Krankheiten unterscheidet er eine weit grössere Anzahl von Unterarten als C. Su. M. Vṛ. Cd. Nach den höchst zahlreichen, leider ebenso wie die Hss. ziemlich stark von einander abweichenden Ausgaben¹² zu schliessen, wird Ś. noch jetzt sehr viel gelesen.

c32.s1.13

Über das erwähnte Pulsfühlen handelt eine ganze Gruppe von Specialwerken (§ 20), von denen die ältesten wohl in diese Periode zurückgehen, während andere neuesten Datums, zum Teil mit Übersetzungen in lebende indische Sprachen versehen sind.

c32.s1.14

Der vorhin als Commentator Ś.s erwähnte Vopadeva hat auch mehrere selbständige Werke über Medicin verfasst, von denen die Śataślokī »100 Verse« über die Anfertigung und den Gebrauch von Pulvern, Pillen u. dgl., mit einem Commentar des Verfassers, wohl das bekannteste und schon mehrfach gedruckt ist (z. B. Madras 1860; Bombay 1889). Vopadeva, auch als Grammatiker bekannt, war der Sohn eines ebenfalls litterarisch thätigen Arztes Keśava in Berar und ein Schützling des berühmten Ministers Hemādri in Devagiri¹³ (zwischen 1260 und 1309), der selbst auch als medicinischer Commentator thätig war (§ 6).

c32.s1.15

Als ein Specimen der wohl schon sehr frühe aufgekommenen Monographieen über einzelne Krankheiten aus dieser Periode nenne ich zunächst den 1489 von dem Kāyastha Cāmuṇḍa verfassten Jvaratimirabhāskara¹⁴ über Fieber und ihre Behandlung. Das Fieber, besonders die schweren Fieber (*saṃnipātajvara*), wurde wohl am meisten monographisch behandelt. andere Specialwerke beziehen sich auf Kinderheilkunde (*bālacikitsā, śiśu* *rakṣā*), Augenleiden, Vergiftungen, Lepra, Harnruhr, Gelbsucht u. s. w. Unter der Herrschaft des Maḥmud Shah verfasste Momahaṇa 1411 in Kalpi den Momahaṇavilāsa, nach L. 779 ein grosses Werk über Aphrodisiaca, Frauen- und Kinderkrankheiten. Das Śiśurakṣāratna über Kinderheilkunde von Pṛthvīmalla¹⁵ muss um 1400 entstanden sein, da der Madanavinoda seines Vaters (§ 11) 1374 geschrieben ist.

c32.s1.16

¹⁴ Bīk. 643; Stein 183; C. C. 2, 44; Garbe, Verz. 73.

c32.s1.17

¹⁵ IO. 964 ff.

c32.s1.18

Die schon in die ältesten Zeiten zurückgehende religiöse Auffassung der Pathologie, wonach die Krankheiten eine Folge der in einer früheren Geburt begangenen Sünden sind (vgl. §§ 15. 38), vertritt sehr entschieden der Jñānabhāskara¹⁶, ein umfangreiches Werk, das nach einer für die griechischen Ursprünge der späteren indischen Astronomie wichtigen Einleitung die Krankheiten von dem Standpunkt der Wiedervergeltungslehre (*karmavipāka*) aus eingehend beschreibt und die dafür geeigneten Bussen, Opfer und Opfergaben angibt. Eine alte Hs. dieses Werkes ist um 1500 geschrieben. Die Werke über *karmavipāka*, wie z. B. der 1384 verfasste Sāragrāha-Karmavipāka¹⁷, gehören sonst mehr in das Gebiet des Dharmaśāstra und knüpfen an die entsprechenden Lehren der Smṛtis an. In dem Vīrasiṃhāvaloka¹⁸ (Bombay 1888) sind nach der Angabe des Autors drei Wissenschaften, Recht, Astronomie und Medicin, verarbeitet, doch liegt der Schwerpunkt hier auf der Medicin. Der Verfasser dieses Werkes ist Vīrasiṃha, ein Fürst aus dem bekannten Rajputengeschlecht der Tomara, der Begründer einer Dynastie in Gwalior um 1375, er schrieb sein Werk 1383.

c32.s1.19

¹⁶ W. 287--9; IO. 926 ff.

c32.s1.20

¹⁷ IO. 573–5.

c32.s1.21

¹⁸ BP. 86 f.; Bl. 246; IO. 946; Stein 189; C. C. 2, 142.

c32.s1.22

Einer der von Vīrasiṃha citirten medicinischen Autoren ist Tiṣaṭācārya, ohne Zweifel der Verfasser der Cikitsākalikā¹⁹, eines vollständigen Lehrbuchs der Medicin, in dem übrigens auch schon das Pulsfühlen (*nāḍīparīkṣā*) vorkommt. Da Tiṣaṭācārya als einen seiner Vorgänger Bhoja nennt, so gehört er noch in unsere Periode, wenn der bekannte König Bhoja von Dhārā (11. Jahrh.) gemeint ist. Commentirt wurde sein Werk von seinem Sohne Candraṭa, von dem sich auch noch einige andere medicinische Werke erhalten haben.

c32.s1.23

¹ Rājanigh. 13, 111 bei Garbe, Die indischen Mineralien 15, 61.

c32.s1.24

² Dutt, Mat. Med. 27--38.

c32.s1.25

³ W. 297; Bl. 241; C. C. 2, 15.

c32.s1.26

⁴ Oxf. 247; Cowell and Gough 137--43.

c32.s1.27

⁵ Ānand. Series, Poona 1890 (mit Abbildungen der Schmelztiegel für die Metalle).

c32.s1.28

⁶ Auch Aufrecht, C. C., spricht sich gegen die Verfasserschaft Vāgbhaṭas aus; Cordier (Vāgbhaṭa p. 8 f., mit einer Tafel) äussert sich zweifelnd.

c32.s1.29

⁷ Weitere Werke dieser Art s. bei Aufrecht, C. C.

c32.s1.30

⁸ Mat. Med. 113, 185.

c32.s1.31

⁹ Vgl. auch die Citate Oxf. 311. Sinh Jee setzt Ś. nach Bhāv.

c32.s1.32

¹⁰ IA. 23, 260.

c32.s1.33

¹¹ W. 285 f.

c32.s1.34

¹² Benutzt ist die kritische Ausgabe von Prabhuram Jivanram (Bombay 1891, 155, 351 S. 12).

c32.s1.35

¹³ Bhandarkar, Hist. of the Dekkan² 116; Bhr. 36; Weber 324.

c32.s1.36

¹⁹ W. 292 f.; Oxf. 357 f.; L. 3051; C. C.

c32.s1.37

§ 4. Vaṅgasena und Cakradatta. — Vaṅgasenas Cikitsāsārasaṃgraha (V.) ist ein sehr umfangreiches Werk (Calcutta 1889, 1127 S.), das nach einer allgemeinen Einleitung über Pathologie, Pflichten der Ärzte u. dgl. in seinem Hauptteil (13—944) eine eingehende Beschreibung der Krankheiten und eine noch ausführlichere Darstellung ihrer Behandlung enthält, worauf die Elixire und Liebesmittel (945—1006), dann die Fett-, Schwitz-, Brechmittel u. s. w. folgen, zuletzt die Diätetik und Pharmakologie, Diagnose und Prognose. Hier zeigt sich ein wesentlich anderes Bild als bisher: in der Pharmacie (1058–1113) ist von der Calcination der Metalle nirgends, überhaupt von den Metallen nur wenig die Rede, bei den ärztlichen Untersuchungen bleibt der Puls noch unerwähnt, auch das Opium scheint noch nicht vorzukommen. In dem Capitel über Hämorrhoiden handelt allerdings V. ausführlich, ähnlich wie spätere Autoren, über die drei Arten des Eisens und die sechs Arten des Stahls (darunter *romaka*, der römische), das »Reinigen« des Stahls, das »Töten« des Eisens durch Schmelzen, Pulverisiren u. dgl. (161 ff.). Er spricht auch von gehörig gereinigtem Quecksilber (574), von dem Quecksilberpräparat *rasa-parpaṭa* (958) und anderen mercurialischen Mixturen, geht aber auf die Verarbeitung des Quecksilbers und seine wunderbaren Kräfte nicht näher ein. Die älteste Hs. des V. ist schon 1276¹, eine andere 1320² geschrieben. Vielleicht darf man aus dem Namen V.s, dessen Vater Gadādhara hiess und ursprünglich in Kāñjikā gewohnt hatte, schliessen, dass er ein Bengale und Zeitgenosse der Sena-Dynastie war (Ära des Lakṣmaṇasena 1119 ff.); auf nordöstliche Herkunft weist auch die Mehrzahl der Hss. hin. An Citaten ist V. sehr arm, hat aber bei der Beschreibung der Krankheiten stillschweigend fast durchweg wörtlich M. ausgeschrieben³, manchmal sind seine Lesarten die besseren. Das Capitel über *ariṣṭa* (1104 ff.) ähnelt Su. 1, 28—31⁴, viele Recepte, z. B. 6 śl. in dem Capitel über *atisāra*, sind in der Bowerhs.⁵, andere in Vṛ. Cd. nachweisbar.

c32.s1.38

¹ IO. 952.

c32.s1.39

² BP. 86.

c32.s1.40

³ Vgl. Eggeling, IO. 951; Cordier, Quelques données nouvelles 6 (Calcutta 1899).

c32.s1.41

⁴ Eggeling, l. c. 952.

c32.s1.42

⁵ Vgl. Hoernles Anmerkungen zu seiner Ausgabe der Bowerhs.

c32.s1.43

Ein unzweifelhafter Bengale war Cakradatta, vollständiger Cakrapāṇidatta, abgekürzt auch Cakrapāṇi oder Cakra (Cd.). Dieser fruchtbare Autor war nämlich seiner eigenen Angabe zufolge der jüngere Sohn eines Nārāyaṇa, der dem König Nayapāla von Bengalen als Küchenmeister (*rasavatyadhikārin*) und Minister diente, daher wohl um 1060 gesetzt werden darf⁶. Sein bekanntestes, schon oft gedrucktes⁷ Werk ist eine ausführliche Therapie, der Cikitsāsārasaṃgraha, der aber grösstenteils aus Vṛndas Siddhayoga abgeschrieben ist, den Cd. auch ausdrücklich als seine Hauptquelle bezeichnet⁸. Ein auch schon gedruckter⁹ alter Commentar zu diesem Werke Cd.'s, auf einem noch älteren Commentar beruhend, rührt von Śivadāsasena her, der auch ein anderes Werk Cd.s, den Dravyaguṇasaṃgraha¹⁰, commentirte und sich am Schlusse dieses Commentars als Sohn des Anantasena, des Herrschers von Bengalen (*Gauḍābhūmīpati*) bezeichnet, also anscheinend einem Zweig der Vaidyadynastie der Senas von Bengalen entstammte. Der Dravyaguṇasaṃgraha enthält seinem Namen entsprechend hauptsächlich einen kurzen Überblick über die Wirkungen der Arzneistoffe, ähnlich den analogen Abschnitten bei C. Su. Noch ungedruckt sind Cd.s Sarvasārasaṃgraha und seine Śabdacandrikā¹¹, eine Zusammenstellung und Erklärung der pharmaceutischen und botanischen Kunstausdrücke, teilweise gedruckt seine beiden grossen Commentare zu C. und Su. (§ 7 f.). Mit der Calcination einiger Metalle zeigt sich Cd. nicht unbekannt¹², scheint aber auch das Opium und den Puls nicht zu kennen und erwähnt das Quecksilber nur wenig¹³.

c32.s1.44

⁶ IO. 938; ZDMG. 53, 378: Haraprasād Śāstrī, School History of India (Calcutta 1896) 33.

c32.s1.45

⁷ So verzeichnet Rosts IO. Catal. (1897) 5, die OB. (1887 ff.) bisher 7 Ausgaben. Citirt ist nach der Ausgabe von Jīb. Vidy. (Calcutta 1888, 471 S.).

c32.s1.46

⁸ ZDMG. 53, 377.

c32.s1.47

⁹ Calcutta 1887 (5, 23, 863 S. mit Bengali-Übersetzung) u. a.

c32.s1.48

¹⁰ Calcutta 1871 (179 S.).

c32.s1.49

¹¹ Vgl. Wilson, Ess. 3, 237; L. 562; IO. 974.

c32.s1.50

¹² Vgl. Dutt, Mat. Med. XII.

c32.s1.51

¹³ l. c. XI.

c32.s1.52

§ 5. Siddhayoga und Mādhavanidāna. — Der in der Ānand. Series (Poona 1894, 665 S.) mit dem Commentar des Śrīkaṇṭhadatta gut herausgegebene Siddhayoga oder Vṛndamādhava von Vṛnda (Vṛ.) handelt ähnlich wie Cd. (§ 4) in 82 *adhikāra* zuerst ausführlich von der Behandlung der Krankheiten vom Fieber bis zu den Vergiftungen, wobei viele, meist mit entsprechenden Titeln versehene Recepte angeführt werden, die sich zum Teil schon in der Bowerhs. nachweisen lassen¹, dann (p. 515 ff.) von Elixiren, Aphrodisiaca, Fett-, Schwitz-, Brech-, Purgirmitteln u. dgl., von den Vorzeichen des Todes (*ariṣṭa*), Hygiene (*svasthādhikāra*) und unter »Vermischtes« (*miśrakādhikāra*) ganz kurz von den Ärzten, Patienten, Mass und Gewicht und dergleichen allgemeinen Fragen. Der enge Anschluss eines angesehenen Autors wie Cd. an dieses Werk macht es wahrscheinlich, dass es zu seiner Zeit schon zu grosser Autorität gelangt, also mindestens etwa ein Jahrhundert früher entstanden war. Auch bei Hemādri (13. Jahrh.) finden sich mehrere lange Citate aus Vṛ.², wie er auch von Śārṅgadhara benutzt (§ 3), im Vīrasiṃhāvaloka³ und sonst citirt wird. Quecksilberpräparate verordnet Vṛ. weniger als Cd.⁴, so 7, 13 Quecksilber vermischt mit giftigen Pflanzensäften zu äusserlichem Gebrauch gegen Läuse. In der Reihenfolge der Krankheiten folgt Vṛ., wie er selbst 1, 2 sagt und der Befund bestätigt, dem Gadaviniścaya d. h. dem Rugviniścaya (s. u.), letzteres Werk muss also älter sein. Auch Vāgbhaṭa muss älter als Vṛ. sein, der ihn 1, 26 citirt⁵. Gegen eine allzu frühe Datirung Vṛ.s darf vielleicht auch seine Erwähnung eines aus Persien importirten Arzneistoffes *pārasīyayavānī* 7, 1, d. h. in Persien gewachsene *yavanī* (Co.), angeführt werden. Der Commentar des Śrīkaṇṭhadatta enthält viele Citate aus C. Su. S. A. M. H. und anderen alten Autoren; da er ausserdem Bhoja, Cd., Ḍ., einen älteren Commentar zu Vṛ., Candraṭa und Hemādri citirt, so kann er nicht vor dem 14. Jahrhundert entstanden sein.

c32.s1.53

² ZDMG. 53, 378 f. — 2 l. c. 54, 274. — 3 BP. 87; Fl. 348 f.

c32.s1.54

⁴ Bezeichnend hierfür ist Vṛ. 4, der Abschnitt über chronischen Durchfall (*grahaṇī*), den Cd. 44—53 grösstenteils übernommen, dem er aber am Schluss noch die zwei metallischen Recepte *rasaparpaṭikā* und *tāmrayoga* beigefügt hat. Unter *rasaparpaṭikā* ist ein scheibenförmiges Präparat aus geschmolzenem Schwefel und Quecksilber zu verstehen, vgl. Dutt, Mat. Med. 32 f. Auch in dem Kupferpräparat *tāmrayoga* ist Quecksilber enthalten.

c32.s1.55

⁵ ZDMG. l. c.

c32.s1.56

Der Rugviniścaya oder das Mādhavanidāna (M.) von Mādhava oder Mādhavakara⁶, dem Sohn des Indukara, ist das Hauptwerk über Pathologie (*nidāna*) und wird daher auch Nidāna schlechtweg genannt⁷. Die Reihenfolge, in der dieses Werk in 79 *nidāna* die wichtigsten Krankheiten nebst ihren Ursachen, Vorboten und Complicationen behandelt, ist nicht nur für Vṛ. V., sondern für die ganze Folgezeit massgebend geworden und wird auch in solchen Werken eingehalten, die sonst besonders C. und Su. citiren, wie z. B. Bh. Oft stimmt M. wörtlich mit C. Su. überein, wo dann wohl Entlehnung anzunehmen ist, im Allgemeinen markirt seine Systematik, Aufzählung und Beschreibung der Krankheiten einen Fortschritt gegenüber C. Su.; so widmet es den Pocken (*masūrikā*) ein besonderes Capitel, während Su. sie nur bei den leichteren Übeln erwähnt (§ 66). Für die (von Haas bezweifelte) Anteriorität Su.s spricht auch die indische Tradition, wie z. B. schon von Vāgbhaṭa C. Su. citirt, aber M. noch nicht erwähnt wird. Als Vorgänger Vṛ.s ist Mādhava spätestens in das 9. Jahrhundert zu setzen, spätestens in das 8., wenn M. mit dem schon frühe in das Arabische übersetzten pathologischen Werk Badān, Yedān (d. h. Nidān?) identificirt werden darf. Die Berühmtheit des M. beweisen auch die zahlreichen Commentare, deren in C. C. acht genannt werden; am bekanntesten ist der schon öfter gedruckte Madhukoṣa, von Vijayarakṣita und Śrīkaṇṭhadatta verfasst, wohl im 14. oder 15. Jahrhundert⁸.

c32.s1.57

⁶ Benutzt ist die Ausgabe von Jīb. Vidy. (Calcutta 1876, mit dem Madhukoṣa, 443 S.). Von den sonstigen zahlreichen Ausgaben hebe ich U. C. Dutts Nidāna (2. Ausg. Calcutta 1880) hervor, wichtig durch die beigefügten englischen Übersetzungen vieler Krankheitsnamen. Dieser und anderen Ausgaben ist eine Bengali-Übersetzung beigegeben, andere enthalten Hindī-, Mar.- und singhales. Übersetzungen.

c32.s1.58

⁷ Vgl. Dietz, Anal. Med. 118; Wilson, JRAS. 6, 118; Haas, ZDMG. 30, 622. 652 f.; A. Müller, l. c. 34, 475; Dutt, Mat. Med. x; Cordier, Quelques données 5 f.

c32.s1.59

⁸ Die Mitarbeiterschaft Śrīkaṇṭhadattas bestätigt sich durch eine Vergleichung der Quellen des Madhukoṣa (zusammengestellt IO. 934) mit den in Śrīkaṇṭhadattas Commentar zu Vṛ. benutzten Autoren.

c32.s1.60

Eine alte Hs. des Madhukośa ist 1529 geschrieben (Oxf. 357). Vgl. auch die Nachträge.

c32.s1.61

§ 6. Vāgbhaṭa. — Diesem berühmten Autor¹ werden, abgesehen von einigen offenbar apokryphen Erzeugnissen (vgl. § 3), zwei nahe verwandte grosse Werke zugeschrieben, von denen das grössere und offenbar ältere schon frühe in Citaten als Vṛddha-Vāgbhaṭa, das andere als Vāgbhaṭa schlechthin bezeichnet wird. Das letztere Werk, das zu besonderem Ansehen gelangt und häufig commentirt ist, heisst eigentlich Aṣṭāṅgahṛdayasaṃhitā (A.)², d. h. die Quintessenz der acht Teile der Medicin, und enthält in ähnlicher Anordnung wie Su. in 6 *sthāna* und 120 *adhy.* eine übersichtliche, versificirte Darstellung der gesamten Medicin, mit besonderer Berücksichtigung der Chirurgie, auch wie bei Su. Doch stimmt A. mehrfach auch genauer mit C. als mit Su. überein, citirt auch beide Autoren, so 6, 40, 83 und 87 C. und Su. zusammen, 1, 9, 13 C. allein, 6, 30, 31 Su. allein. Ausserdem citirt A. Bheḍa, Nimi, Kāśyapa, die Dhānvantarīyāḥ und in der Einleitung (1, 1) den Sohn des Atri, Agniveśa und andere nicht näher bezeichnete Ṛṣis, namentlich aber am Schluss den Aṣṭāṅgasaṃgraha (Vṛddha-Vāgbhaṭa), den der Verfasser deutlich als seine Hauptquelle charakterisirt. Auf Grund der tibetischen Quellen setzt Huth (dessen Resultate freilich nicht unbestritten sind) das 8. Jahrhundert n. Chr. als den spätesten Termin für die Abfassungszeit der A. an. Ein ähnliches Resultat würde sich ergeben, wenn A. mit dem Buch Astānkar(?) der arabischen Quellen identificirt werden darf³, wie auch das Citat bei Vṛ. (§ 5) Vāgbhaṭa wenigstens in das 9. Jahrhundert zurückzubringen scheint. Das Opium, das Pulsfühlen und die metallurgischen Processe kommen hier noch nicht vor. Von den Commentaren ist Aruṇadattas sehr schätzbare, im Nachstehenden viel benutzte Sarvāṅgasundarī (Ar.) spätestens im 15. Jahrhundert⁴, Hemādris Āyurvedarasāyana gegen das Ende des 13. Jahrhunderts entstanden.

c32.s1.62

¹ Vgl. W. 278—90; Oxf. 303--9; Burnell 65; Roth, Lit.-Bl. f. o. Ph. 1, 48 - 50 und ZDMG. 49, 184 f.; Huth, ZDMG. 49, 280 f. und Sitzb. 1895, 267 ff.; Cordier, Vāgbhaṭa et l'Aṣṭāṅgahṛdayasaṃhitā (Besançon 1896, 17 S.); Jolly, Zur Quellenkunde der indischen Medizin. 1. Vāgbhaṭa. ZDMG. 54, 260--74. — 2 Nach der auch den Co. des Ar. enthaltenden Ausgabe von A. M. Kunte (2. Aufl. Bombay 1891, 3, 29, 51, 588 S.). Von den sonstigen zahlreichen Ausgaben behält auch die erste Auflage der Kunte'schen (Bombay 1880, 2 Bde.) ihren Wert durch den in der zweiten fehlenden Wortindex (*śabdānukramaṇikā*); sehr brauchbar ist auch die neue, nur den Text, aber einige vv. ll. enthaltende Ausgabe von Śaṅkaraśāstri (Bombay 1900, 792 S. 12). — 3 Vgl. Cordier, Quelques données 4; Jolly, l. c. 262. Während des Druckes erhalte ich eine neue Arbeit von Dr. Cordier über Vāgbhaṭa (JA. 1901), in der dieser Autor nun mit einem etwas sagenhaften Hofarzt des Königs Bhoja, Vaidya Vāgbhaṭa, bei Merutuṅga identificirt und daher in das 11. Jahrhundert gesetzt wird. Die sonstigen Thatsachen, namentlich die authentischen autobiographischen Angaben Vāgbhaṭas, lassen sich mit dieser Identificirung schwer vereinigen. -- 4 Nach Cordier, l. c., im 13. Jahrhundert, doch sprechen die von ihm gesammelten Daten wohl für noch frühere Abfassung. Über den von Ar. citirten, also sicher noch älteren Commentar des Candranandana (nicht Candrānanda) s. Cordier l. c. — 5 ed. Gaṇeśa Tarte (Bombay 1888, 2 Bde, 6, 306, 421 S.). — 6 Vgl. Laufer, Beitr. 1, 13.

c32.s1.63

Der Aṣṭāṅgasaṃgraha des Vāgbhaṭa (S.)⁵, der in den Commentaren häufig citirt und zur Erklärung der etwas knappen Angaben in A. verwertet wird, gibt sich nicht nur durch sein Prioritätsverhältnis zu A., sondern auch nach Form und Inhalt als ein grösstenteils sehr altes Werk zu erkennen. So ist S. in einem Gemisch von Prosa und Versen abgefasst, das ganz an C. und Su. (§ 8 f.) erinnert. In einer Beschwörung hat sich noch ein an Buddha gerichteter Spruch erhalten, während in A. die auch dort vorhandenen buddhistischen Tendenzen, aus denen vielleicht die specielle Reception dieses Werkes in Tibet zu erklären ist, schon stark verblasst sind. Am Schluss von S. wird über den Verfasser berichtet, dass er den Namen Vāgbhaṭa nach seinem Grossvater, einem ausgezeichneten Arzte, erhalten, unter einem Lehrer mit dem buddhistischen Namen Avalokita und unter seinem eigenen Vater, Siṃhagupta, studirt habe und im Indusgebiet geboren sei. Die versificirten Teile stimmen mit A. vielfach wörtlich überein, aber statt 120 *adhy.* wie A. hat S. deren 150, von denen 50, also ein Drittel, auf den 6. Teil (*uttarasthāna*) treffen, gerade wie in A. die ersten 5 Teile 80 *adhy.* enthalten, der letzte 40. Der Anschluss an C. und namentlich an Su., aus dem sich auch ein directes Citat findet, ist noch enger als in A. Doch enthält S. auch viel selbständiges Material und ist daher sowohl als Kontrolle wie als Ergänzung zu unserem C. und Su. von grösstem Werte. Wenn A. wirklich in das 8. Jahrhundert oder früher gesetzt werden darf, so muss S. natürlich noch älter sein. Der Buddhismus stand im 7. Jahrhundert im Indusgebiet noch in Blüte. Doch sind auch nach Huth die tibetischen Übersetzungen von A. nebst Commentar erst in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts entstanden⁶.

§ 7. Ātreya-Hārīta

c32.s2.1

— Ātreya, d. h. der Sohn des Atri, auch Punarvasu genannt, ist ohne Frage einer der berühmtesten medicinischen Ṛṣis; so wird er schon in der Bowerhs. 1, 8 als der erste der mit der Aufsuchung und Prüfung der Heilkräuter beschäftigten Weisen der Vorzeit genannt, ähnlich S. 1, 1, A. 1, 1, 2, auch C. 1, 1, 3. Gleich nach Ātreya nennt die Bowerhs. Hārīta. Insofern könnte die Annahme begründet erscheinen, dass uns in der dem Ātreya oder Hārīta (H.) zugeschriebenen Saṃhitā das älteste medicinische Werk erhalten sei¹. Andrerseits ist aber der Name allein nicht beweisend, und speciell unter den angesehenen Namen des Ātreya und Hārīta bergen sich auf dem Gebiete der Rechtslitteratur mehrere moderne Fälschungen². Haas erklärt die medicinische Ātreya-Saṃhitā »für die erbärmlichste Schmiererei auf diesem Gebiete«³. Doch sind die beiden Gründe, die er hierfür hauptsächlich anführt: die Theorie von der Erbsünde und das Vorherrschen unsauberer Heilmittel (Urin, Koth u. dgl.) wohl zur Begründung dieses harten Urteils nicht ausreichend, da gerade die Lehre vom *karmavipāka* (vgl. § 3) und die Anwendung der verschiedensten ekelerregenden Substanzen (s. Kau. Sū.) schon der vedischen Medicin eigentümlich ist. Allerdings sagt H. am Schluss seines Werkes, dass in den vier Weltaltern successive Atri, C., Su. und Vāgbhaṭa die massgebenden Autoren seien, verrät also hierdurch seine Bekanntschaft mit Vāgbhaṭa und die Anteriorität desselben. Doch könnte die Echtheit dieses Schlussteils angefochten werden, wie überhaupt der Text des H. sehr schlecht überliefert ist und sowohl die Hss. als die Drucke stark differiren, auch Commentare und alte datirte Hss. ganz zu fehlen scheinen⁴. Das ganze Werk bedarf noch einer genaueren Untersuchung, immerhin enthält es in seinen 6 *sthāna*, die freilich von sehr ungleichem Umfang sind, ein vollständiges System der Medicin mit vielen eigenartigen Angaben über Krankheiten und Heilmittel, die daher im Nachstehenden manchmal, doch mit Vorsicht benutzt sind.

c32.s2.2

¹ Goldstücker in Mrs. Mannings Ancient and Mediaeval India (London 1869) I, 339–42, wo auch ein kurzer Auszug aus H. gegeben wird. Hierauf gehen wohl auch die analogen Anschauungen bei Sinh Jee 29 zurück.

c32.s2.3

² Recht und Sitte § 8 f.

c32.s2.4

³ ZDMG. 31, 650.

c32.s2.5

⁴ Vgl. IO. 929 und die beiden, wesentlich verschiedenen Ausgaben von Binod Lal Sen (Calcutta [1887], 32, 420 S.) und Jairam Raghunath (Bombay 1892, mit Gujerati-Übersetzung, 39, 812 S.). Noch weit stärker differirt hiervon die L. 2633 beschriebene »Ātreya-saṃhitā«. Vgl. auch Cordier, Origines 83.

§ 8. Suśruta

c32.s3.1

— Die Bowerhs. (§ 13) zeigt, dass schon im 5. Jahrhundert Suśruta (Su.) nicht nur wie Ātreya und Hārīta als einer der ältesten Ṛṣis auf dem Gebiet der Medicin, sondern auch als der sagenhafte Autor einer Schrift über den Knoblauch und andere Heilmittel galt, deren Inhalt sich (wie auch die anderen medicinischen Werke der Bowerhs.) mit dem Inhalt der bekannten, von Su., dem Sohne des Viśvāmitra, verfassten Suśrutasaṃhitā (Āyurvedaśāstra) nahe berührt. In Hinterindien war zur Zeit des Königs Yaśovarman von Kamboja (889—910) der Name des Su. als der eines ausgezeichneten Arztes (*vaidya*) sprichwörtlich, wie ein Wortspiel in den Inschriften dieses Königs beweist¹. Ebenfalls um 900 wird Su. nach einer arabischen Übersetzung von dem berühmten arabischen Arzt Rāzī (Rhazes) in einer Weise citirt, dass man sieht, diese Übersetzung kann wirklich auf der Suśrutasaṃhitā² basirt haben, wie auch das indisch-arabische Werk von Sānāq über die Gifte (c. 910—20) stark an Su. 5, 1 erinnert³. Schon der Barmekide Yaḥyā ibn Chālid († 805), der von Buddhisten abstammte, ordnete die Übersetzung des Su. an. Auch die Nachrichten des Chinesen I-tsing (§ 10) beweisen die Existenz eines unserem Su. ähnlichen Werkes mindestens im 7. Jahrhundert n. Chr. Durch diese auswärtigen Zeugnisse werden die in § 5 f. angeführten Daten, denen man noch Su.s Erwähnung im Mahābh. beifügen kann, bestätigt.

c32.s3.2

¹ BERGAIGNE, Inscr. sanscrites de Campā et du Cambodge (Paris 1893) 2, 218, p. 398

c32.s3.3

² LIÉTARD, »Suçruta« (Dict. Encycloped. des Sciences Médicales). — Nach der verbesserten 3. Auflage von JĪB. VIDY.s Ausgabe (Calcutta 1889, 12, 915 S.). Über andere Ausgaben (erste Ausgabe Calcutta 1835 f.) s. die Kataloge von HAAS-BENDALL und ROST und die OB.

c32.s3.4

³ A. MÜLLER, ZDMG. 34, 475, 544 ff.

c32.s3.5

Für den jetzigen Bestand des ganzen Su. bürgen allerdings nur die Commentare, insbesondere die Bhānumatī des Cd. (11. Jahrh.?) und der Nibandhasaṃgraha des Ḍallaṇa (Ḍ., etwa 12. Jahrh.)⁴. Als der älteste ihrer Vorgänger wird gewöhnlich Jaiyyaṭa (Jaijjaṭa) betrachtet⁵. Auf Grund seines Commentars nahm Candraṭa, der Sohn des Tisaṭa (§ 3), eine Revision (*pāṭhaśuddhi*) des Textes des Su. vor⁶. Auch aus Ḍ. (z. B. zu Su. 3, 2, 43) kann man entnehmen, dass Jaiyyaṭa manche Stellen anders las und überhaupt grosse Discrepanzen in den Hss. bestanden. Aus der Bhānumatī lassen sich nach HOERNLE manchmal noch die ursprünglichen Lesarten herstellen. Die textkritischen Fragen sind oft sehr schwierig. So kann man aus Su. 1, 1, 29 und 1, 4, 4 den Schluss ziehen, dass es ursprünglich nur 120 *adhy.* in 5 *sthāna* waren und dass das letzte Buch (*uttarasthāna*) eine spätere Zuthat ist, wie auch A. nur aus 120 *adhy.* besteht. Allein in A. kommen die 120 *adhy.* nur heraus, wenn man das *uttarasthāna* dazu rechnet, und einen solchen 6. Teil enthält auch schon S. Für das hohe Alter unseres Werkes spricht auch das Fehlen des Opiums unter den Heilmitteln, des Pulsfühlens bei den ärztlichen Untersuchungen, der Pocken als besonderer Krankheit; auch sind die Arzneien grösstenteils vegetabilischer Natur und die wenigen Stellen über Quecksilbermittel⁷ vielleicht interpolirt. Die aus Prosa und Versen gemischte Sprache ist nicht so altertümlich wie in der Bowerhs., erinnert vielmehr an Varāhamihira (6. Jahrh.), kann aber modernisirt worden sein.

c32.s3.6

⁴ Bhānumatī und Nibandhasaṃgraha zusammen in den Ausgaben von GANGAPRASAD SEN (15 Hefte, bis Su. 1, 43, 5 reichend, Calcutta 1888 ff., 648 S., die in HOERNLES Übersetzung

c32.s3.7

Über den Inhalt orientirt die Inhaltsübersicht Su. 1, 3. Der erste Teil (*sūtrasthāna*) ist grundlegend und handelt von allgemeineren Fragen wie Entstehung und Einteilung der Medicin, Ausbildung der Ärzte, Arzneimittellehre, Diätetik u. dgl., aber auch speciell von der Chirurgie und Wundbehandlung, die nach Su. der wichtigste Teil der Medicin ist, weshalb Dhanvantari, der Wundarzt der Götter, als der eigentliche Verfasser gilt. Der 2. Teil (*nidānasth.*) handelt über Pathologie, der 3. (*śārīrasth.*) über Anatomie und Embryologie, der 4. (*cikitsāsth.*) über Therapie, der 5. (*kalpasth.*) über Toxikologie, der 6., ergänzende Teil (*uttarasth.*) über Ophthalmologie und andere vorher noch nicht erledigte Teile der Therapie, sowie ganz kurz über Hygiene u. s. w.⁸ benutzte Ausgabe) und Bijayaranta Sen und Nishikanta Sen (14. Heft 1893). Eine vollständige Ausgabe des Nibandhas. veröffentlichte Jib. Vidy. (Calcutta 1891, 1377 S., dazu Roth, ZDMG. 49, 138—40), eine bis Su. 4, 20, 4 reichende, auch den Text des Su. umfassende Abinash Chunder Kaviratnya und Chunder Coomar Goopta (Calcutta 1885 ff., 1074 S.). — 5 Vgl. Roth l. c. 139; Hemādri, IO. 932. — 6 IO. 928. — 7 Cordier, Quelques données nouvelles 2; Jolly, ZDMG. 54, 263. — 8 Übersetzungen: Hessler, Suśrutas (Erlangen 1844 ff., 3 Bände und 2 Hefte, 206, 208, 186, 24, 10, 106 S.), lateinisch: verfehlt, vgl. Weber, IStr. 2, 87—90; A. M. Kunte, Charaka edited and Suśruta translated (Bombay 1876 f., 216, 68 S., bis Su. 1, 8 reichend), dazu Weber, l. c. 3, 591—3; The Suśruta-Saṃhitā, transl. by U. C. Dutt (Calcutta 1883 ff., Bibl. Ind., 192 S., bis Su. 1, 42); Fortsetzung hierzu von A. C. Chattopadhyaya (Calcutta 1891, p. 193--288, bis Su. 1, 46). The Suçruta-Saṁhitā, transl. by A. F. R. Hoernle (Calcutta 1897, Bibl. Ind., 98 S., bis Su. 1, 14). Vgl. auch Haas, Über die Ursprünge der indischen Medizin, mit besonderem Bezug auf Suśruta, ZDMG. 30, 617--70; Derselbe, Hippokrates und die indische Medizin, l. c. 31, 647—66; Weber, I. Lit.² 286, Nachtr. 13; A. Müller, l. c. 464—556; Dutt, Mat. Med. VIII f.; Liétard, Suçruta (s. o.); Cordier, Nāgārjuna et l'Uttaratantra de la Suçrutasaṃhita (Anantarivo 1896, 7 S.).

c32.s3.8

§ 9. Caraka. — In chinesischen Quellen erscheint Caraka (C.) als der Leibarzt des berühmten Königs Kaniṣka (c. 100 n. Chr.), dessen Gemahlin er bei einer schweren Entbindung als Geburtshelfer beisteht¹. Die arabischen Quellen kennen C. auch als medicinischen Autor, der zuerst aus dem Indischen in das Persische, dann (c. 800) aus dem Persischen in das Arabische übersetzt worden war². Was Alberuni nach dieser Übersetzung aus C. anführt, z. B. über sein Verhältnis zu Agniveśa und über die Entstehung des Āyurveda³, stimmt mit unserem C. überein. Nach der indischen Überlieferung, die auch Alberuni kennt, ist C. der älteste Autor⁴. So bildet Vāgbhaṭa das Compositum *Caraka-Suśrutau* (nicht umgekehrt); im Bh. ist C. eine mythische Figur, älter als Dhanvantari, der Arzt der Götter, und Su.; auch der Prasthanabheda (IS. 1, 21) nennt C. vor Su.; H. (§ 7) versetzt C., Su. und Vāgbhaṭa, die auch als die »Trias der Alten« (*vṛddhatrayī*) bezeichnet werden, successive in die drei späteren Weltalter. Ausserhalb der medicinischen Litteratur wird C. dreimal von dem durch I-tsing fixirten Grammatiker Bhartṛhari citirt, was ihn mindestens in die Zeit vor 650 n. Chr. bringt⁵. Der Name C. erinnert an die alte vedische Schule der Caraka (vgl. auch Kapiṣṭhala C. 1, 1, 3). Chronologisch wäre also gegen die Identificirung mit Kaniṣkas Leibarzt nicht viel zu sagen.

c32.s3.9

Für den jetzigen Bestand der Carakasaṃhitā garantirt freilich, gerade wie bei Su., nur ein von Cd. im 11. Jahrh. verfasster Commentar, die Āyurvedadīpikā oder Carakatātparyaṭīkā⁶. Der ältere, von Cd. und anderen alten Autoren citirte Commentar des Haricandra⁷ oder Hariścandra⁷ ist anscheinend verloren. Trotz der alten Commentare ist der Text noch schlechter überliefert als bei Su., wie die grossen Differenzen zwischen den Hss. und den jetzt ziemlich zahlreich vorhandenen Ausgaben⁸ beweisen. Die zwei letzten *sthāna* und der Schlussteil des 5. (zusammen 41 *adhy.*) rühren gar nicht von C. selbst her, sondern sind von dem aus dem Punjab (*pañcanada*) gebürtigen Dṛḍhabala ergänzt, »aus vielen Büchern«⁹. Im Ganzen macht aber doch C. nach Form und Inhalt einen noch altertümlicheren Eindruck als Su., den er trotz des völligen Fehlens der Chirurgie in seinem Werke an Umfang übertrifft, was sich aus seiner naiven Breite und Ungeordnetheit erklärt. In seiner Terminologie und seinen allgemeinen Anschauungen, in dem Wechsel zwischen Poesie und Prosa, in dem Fehlen des Opiums, des Pulsfühlens und der Quecksilberpräparate trifft er mit Su. zusammen. Den archaischen Ausdruck *rājamātra* hat er mit der sehr alten Macartney-Handschrift gemein¹⁰.

c32.s3.10

Eine Inhaltsübersicht gibt C. selbst in 1, 30. Das Werk besteht aus 8 *sthāna*¹¹: 1. *sūtrasthāna* über Pharmakologie, Nahrungsmittel, Diätetik, gewisse Krankheiten, Kurmethoden, Ärzte und Pfuscher, aber auch über Physiologie, Psychologie und die verschiedensten anderen Dinge. 2. *nidānasth.* über acht Hauptkrankheiten. 3. *vimānasth.* über Geschmack, Ernährung, allgemeine Pathologie, ärztliches Studium. 4. *śārīrasth.* über Anatomie und Embryologie. 5. *indriyasth.* über Diagnostik und Prognostik. 6. *cikitsāsth.* über specielle Therapie. 7. *kalpasth.* und 8. *siddhisth.* über allgemeine Therapie¹².

c32.s3.11

Sehr nahe verwandt mit C., vielleicht nur eine andere Recension dieses Werkes, ist die noch ungedruckte Bheḍa- oder Bhelasaṃhitā¹³. C. selbst gilt nur als Bearbeiter eines älteren, von Agniveśa verfassten Werkes und Agniveśa als ein Mitschüler des Bhela (C. 1, 1), so schon in der Bowerhs. 1, 8.

§ 10. Entstehung des Āyurveda

c32.s4.1

Der Āyurveda, der Veda von der Langlebigkeit, die Heilkunde, ist nach der soeben erwähnten Sage zuerst von Brahman erkannt worden. Von Brahman empfing ihn der Urvater Prajāpati oder Dakṣa, von diesem kam er an die beiden Aśvins, von diesen an Indra. Soweit stimmen die Berichte¹ überein. Während aber nach Su. Indra den Āyurveda an Dhanvantari (d. h. Kenner der Chirurgie), den Wundarzt der Götter, verkörpert als König Divodāsa von Benares (Kāśirāja), übermittelt, der dann die ihm aus Mitleid mit der leidenden Menschheit und um selbst ihr Leben zu verlängern als Schüler genahten Weisen, und zwar Suśruta nebst 6 Genossen, darin unterrichtet, mit Voranstellung der Chirurgie, ist nach C. Bharadvāja der erste Sterbliche, dem Indra den Āyurveda offenbart. Von den über 50 Ṛṣis, die ihn umgeben, und deren Namen mit den Begleitern Su.s nicht übereinstimmen, teilt einer, Punarvasu, der Sohn des Atri (Ātreya), die von Bharadvāja empfangene Wissenschaft seinen 6 Schülern: Agniveśa, Bhela, Jatūkarṇa, Parāśara, Hārīta, Kṣārapāṇi mit. Von diesen verfasste zuerst Agniveśa ein Lehrbuch, dann auch die übrigen, und diese 6 Lehrbücher fanden den Beifall des Ātreya und der anderen Weisen und allgemeine Anerkennung auf der Erde. Am Schluss jedes *adhy.* heisst es dann, dass dieses Werk von Agniveśa verfasst, von C. revidirt (*pratisaṃskṛta*) sei. Mit C.s Version der Sage, die auch Alberuni kannte (§ 9), stimmen auch S. A. wesentlich überein, nur dass dort Ātreya und seine Genossen direct von Indra belehrt werden und die 5 Genossen des Agniveśa teilweise andere Namen tragen, namentlich Su. unter ihnen erscheint. Im Bh. tritt nach den Göttern zuerst Ātreya mit seinen 6 Schülern (wie bei C.) auf, dann Bharadvāja, nach ihm C., der die Bücher des Agniveśa und seiner Mitschüler bearbeitet, dann Dhanvantari, der König von Benares (Kāśīrāja) wird, zuletzt Su., der von Dhanvantari inspirirt ein Lehrbuch schreibt, das Su. genannt wird, weil es *suśrutam* ist. Der Prasthānabheda nennt ebenfalls von menschlichen Autoren zuerst C., dessen 8 *sthāna* er kennt, dann Su., der ein Buch in 5 *sthāna* schrieb². Viel einfacher ist der Bericht in dem ersten medicinischen Werke der Bowerhs., der dieses Werk dem weisen Kāśīrāja in den Mund legt, der im Himālaya von dem dort nebst 9 Genossen, darunter Ātreya und Bhela, botanisirenden Su. über die Natur des Knoblauchs befragt wurde.

c32.s4.2

¹ S. LÉVI, Notes sur les Indo-Scythes, JA. 1896, 447, 480 ff.; LIÉTARD, Le Médecin Charaka, Bull. Ac. Méd. 1897; JOLLY, Caraka, WZKM. 7, 164--6; TAKASUSU, I-tsing (Oxford 1896) LIX. — [^2] Vgl. FLÜGEL, ZDMG. 11, 149. 325 f.; A. MÜLLER, l. c. 34, 475, 554 f.; SACHAU, Alberuni's India, Pref. XXXI. XXXV. — [^3] SACHAU, l. c. 159. 162 f. 382 f. — [^4] Vgl. DUTT, Mat. Med. VIf. — [^5] KIELHORN, IA. 12, 227. — [^6] Nach der bis jetzt das *sūtrasth.* und *vimānasth.* 1—3, 8 umfassenden Ausgabe von Śrīharinātha Viśārada (Calcutta 1892 ff., 533, 2, 32 S.) und den beiden Tübinger Hss. (GARBE, Verz. 145 f.). — [^7] C. C. s. v. — [^8] Die Citate beziehen sich auf die Ausgabe von K. DEBENDRA NATH SEN und K. UPENDRA NATH SEN (Calcutta 1897, 42, 1056 S.), die wenigstens einen lesbaren Text bietet. Auch die Ausgabe von JIB. VIDY. ist in der 2. Auflage (Calc. 1896, 931 S.) sehr verbessert. Die gute, ausführlich commentirte ed. princeps von K. GANGADHARA (Calcutta 1868 ff., 1200 S.) reicht nur bis C. 1, 18, wurde aber vervollständigt von DHARANIDHAR RAY (Behrampore 1878 ff., 1528 S. 4). Über KUNTES bis 1, 30 reichende Ausgabe s. § 8, über andere Ausgaben und Übersetzungen in neuindische Sprachen s. OR. — [^9] C. 6, 30, 119; 8, 12. 28. Vgl. DUTT, Mat. Med. VII; CORDIER, Origines, Évolution et Décadence de la Médicine Indienne in Annales d'Hygiène 4, 81 (Paris 1901). — [^10] HOERNLE, C. Asian Manuscripts JASB. 1897, 247. — [^11] Nicht aus 11, vgl. ROTH, ZDMG. 26, 443. — [^12] Die sehr umständliche Übersetzung von AVINASH CHANDRA KAVIRATNA umfasst bis jetzt 20 Hefte (Calcutta 1891—99), vgl. darüber ROTH, ZDMG. 48, 140--2. ROTH selbst übersetzte C. 3, 8 und 1, 29 in ZDMG. 26, 441 ff. Eine 1870 von MAH. LAL SIRCAR im Calc. Journ. of Medicine begonnene Übersetzung kam nicht über *adhy.* 2 hinaus. Vgl. auch GOLDSTÜCKER, 1. c. 342—5; WEBER, I. Lit.² 284 ff.; EGGELING, IO. 923 ff.; CORDIER 1. c. 79 ff. — [^13] BURNELL 63 f.; CORDIER 1. c. 80 ff.

c32.s4.3

¹ C. Su. S. A. 1, 1; Bh. 1, 1, 1--9. Vgl. H. 1, 1.

c32.s4.4

² Weber, IS. 1, 21.

c32.s4.5

Auch darin stimmen C. Su. S. A. überein, dass sie den ursprünglichen *āyurveda*, der ein *upāṅga* des AV. ist, aus 8 Teilen (*aṅga*) bestehen lassen: grosse Chirurgie (*śalya*), kleine Chirurgie (*śālākya*, *ūrdhvāṅga*), Behandlung der Krankheiten des Körpers, wie Fieber u. dgl. (*kāyacikitsā*), Dämonologie (*bhūtavidyā*, *graha*), Kinderheilkunde (*kaumārabhṛtya*, *bāla*), Toxikologie (*agadatantra*, *viṣagaravairodhikapraśamana*), Elixire (*rasāyana*, *jarā*), Aphrodisiaca (*vājīkaraṇa*, *vṛṣa*)³. Bei C. S. A. bildet die *kāyacikitsā* den ersten Teil. Auch der chinesische Reisende I-tsing (671--695 n. Chr.) kannte diese 8 Teile der indischen Medicin, und zwar nach Su.s Reihenfolge, und wenn er sagt, diese 8 Künste seien ursprünglich in 8 Büchern vorhanden gewesen, neuerdings aber von einem Manne ausgezogen und zusammengefasst worden, so kann diese Bemerkung auf den obigen indischen Angaben beruhen, zumal da auch er Śakra (Indra) als den ersten Verfasser kennt⁴.

c32.s4.6

³ Su. S. A. l. c.; C. 1, 30, 15.

c32.s4.7

⁴ Takakusu l. c. 127 f. 134. 222 f.

c32.s4.8

Ob und inwieweit ein historischer Kern in diesen Traditionen steckt, ist bis jetzt nicht zu entscheiden. Su. 1, 1, 3 lässt das ursprüngliche Werk des Brahman in 100000 Versen in 1000 Capiteln verfasst und dann erst mit Rücksicht auf die Fassungskraft der Menschen von ihm auf jene 8 Teile reducirt sein. Diese Nachricht hat eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Ur-Manu, der aus 100000 Versen bestanden haben soll und in mehreren successiven Bearbeitungen allmählich auf seinen jetzigen Umfang reducirt wurde⁵. Auch das nähere Verhältnis Su.s zur Chirurgie hat ursprünglich nicht bestanden, wie die Bowerhs. zeigt.

c32.s4.9

⁵ Recht und Sitte § 7.

§ 11. Medicinische Glossare

c32.s5.1

Die pharmaceutischen Zusammenstellungen gehören zu den wichtigsten Bestandteilen der medicinischen Litteratur, sind aber als ein Teil der Lexikographie schon von Zachariae behandelt¹, daher soll hier nur eine kleine Ergänzung vom pharmakologischen Standpunkt gegeben werden. Wenn der Dhanvantarinighaṇṭu² das älteste Werk dieser Art ist, so kann er doch nicht sehr alt sein, da er sich mit der pharmaceutischen Verarbeitung und therapeutischen Verwendung des Quecksilbers und anderer Metalle sowie der Edelsteine schon vertraut zeigt. So werden dem Quecksilber (*pārada*) 213 noch 7 andere Namen beigelegt, nach 214 befreit es von Würmern und Lepra, verlängert das Leben, stärkt die Augen u. s. w., doch nur in erstarrtem Zustand (*mūrchita*), während es in seiner natürlichen Form den Tod bringt. Von Magneteisen gibt es 5 Arten, darunter das römische (*romakānta* 211). In dem *suvarṇādivarga* werden folgende Metalle und Mineralien nach ihren guten und schlimmen Wirkungen erörtert: Gold, Silber, Kupfer, Zinn, Messing, Blei, Weissmessing, Eisen, damascirter Stahl(?), Eisenfeile(?), Quecksilber, Zinnober, Scheindiamant, Smaragd, Diamant. Unter den pflanzlichen Mitteln wird das Opium (*aphūka*, *ahiphena*, *aphenaka*) und der Mohnsamen (*khastila*) erwähnt (232). Vgl. § 26. In dem 1374 abgefassten Madanavinoda des Madanapāla¹ und dem noch jüngeren Rājanighaṇṭu des Narahari⁴ werden allerdings neben den obigen Mineralien noch eine ganze Reihe von anderen erwähnt. Über einige jüngere medicinische Glossare s. o. § 1 f., § 4. Man darf wohl annehmen, dass die Aufzählung der Nahrungs- und Heilmittel, ihre Gruppirung nach *varga* und die Angabe ihrer *guṇa* bei C. Su. S. A. aus den medicinischen Glossaren stammt, aber die erhaltenen Werke dieser Art scheinen durchweg jünger zu sein als die alten medicinischen Saṃhitās. Zu den Glossaren sind auch die diätetischen Werke wie Pathyāpathyanighaṇṭu von Trimalla (gedruckt Benares 1869), Pathyāpathyaviniścaya von Viśvanāthasena (16. Jahrh.?) und die medicinischen Kochbücher wie Kṣemakutūhala, Bhojanakutūhala⁵ zu stellen.

First 100 of 162 passages. Read on

Linked texts (59)