Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c5: II. Die Kharoṣṭhī-Schrift
Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c5
- Language
- German
Contents
- c5.s1 § 6. Die Entzifferung — 3 parts
- c5.s2 § 7. Charakteristik — 6 parts
- c5.s3 § 8. Ursprung — 8 parts
- c5.s4 § 9. Einzelheiten der Ableitung — 11 parts
- c5.s5 § 10. Die Typen der Kharoṣṭhī — 9 parts
- c5.s6 § 12. Wandlungen in den späteren Typen — 5 parts
II. Die Kharoṣṭhī-Schrift
§ 6. Die Entzifferung
c5.s1.1
— Die Entzifferung des linksläufigen indischen Alphabetes, der *kharoṣṭhī lipi*¹, ist, wie die des ältesten Brāhma-Alphabetes, eine Errungenschaft europäischer Gelehrter, unter denen besonders MASSON, I. PRINSEP, CH. LASSEN, E. NORRIS und A. CUNNINGHAM zu nennen sind². Die erste Grundlage zu derselben lieferten die Münzen der indo-griechischen und indo-skythischen Könige mit griechischen und Prakrit-Inschriften. Die Resultate, welche die Identifikation der Namen und Titel ergaben, wurden durch die Entdeckung der Shahbazgarhi-Version der A. Ed. und E. C. BAYLEY'S Kangra-Inschrift in Brāhmī und Kharoṣṭhī teils bestätigt, teils berichtigt und erweitert. Die Charactere der A. Ed. sind bis auf einige Gruppen (s. u.) sicher gelesen, ebenso bieten die Inschriften der Śaka keine Schwierigkeiten. Dagegen leisten noch bedeutende Stücke der späten Inschriften des Parther *Guduphara* und der Kuṣanakönige *Kaniṣka* und *Huviṣka* der Lesung und Deutung Widerstand.
c5.s1.2
¹ S. o. § 1 über den Namen; vgl. Gurupūjākaumudī, 68 ff.
c5.s1.3
² P.IA 1, 178—85; 2, 128—143; W.AA 242 ff.; J.ASB 23, 714; C.ASR 1, VIII; Centenary Rev. 2, 69—81; C.CIS 3 ff.; SENART, IP 1, 22 ff.; ZDMG 43, 129 ff.
§ 7. Charakteristik
c5.s2.1
— In ihrer uns bis jetzt bekannten Gestalt ist die Kharoṣṭhī ein ephemeres, fast rein epigraphisches Alphabet des nordwestlichen Indien. Seine Heimat liegt ungefähr zwischen 69°—73° 30' ö. L. und 33°—35° n. Br. im alten Gandhāra, dem jetzigen östlichen Afghanistan und nördlichen Panjab. Einzelne Inschriften der späteren Zeit haben sich weiter südwestlich, in Bhawalpur bei Multan, südlich in Mathurā und südöstlich in Kangra gefunden, und einzelne Wörter oder Buchstaben in Bharahut, Ujjain und Maisur (Siddapur A. Ed.)¹. Münzen und Gemmen sind bedeutend weiter nördlich und nordöstlich verschleppt. Der Zeit nach fällt der Gebrauch der Kharoṣṭhī zwischen das 4. Jahrh. a. Chr. und etwa das 3. Jahrh. p. Chr., vor das Ende der Perserherrschaft (331 a. Chr.) und nach der Regierung des Kuṣanakönigs *Huviṣka*². Wie die Notiz des Fawanshulin von 668 p. Chr. zeigt, erhielt sich die Kenntnis des Alphabetes viel länger, s. o. § 1.
c5.s2.2
Bis jetzt hat die Kharoṣṭhī sich gefunden 1) in Steininschriften, 2) auf Metallplatten und Gefässen, 3) auf Münzen, 4) auf Gemmen und 5) auf einem winzigen Stücke Birkenrinde⁴. Ähnliche Blätter oder »twists« sind mehrfach in den Stūpa von Afghanistan zum Vorschein gekommen⁵. Aber die angeblich aus dieser Quelle stammenden Reste von zerriebener Birkenrinde im Brit. Mus. zeigen keine Spur von Schrift. Auf den Metallplatten und Gefässen sind die Buchstaben häufig durch dichte Reihen von Punkten angedeutet oder erst punzirt und hernach eingeritzt⁶. Auf Steingefässe sind die Schriftzüge zuweilen mit Tinte oder Tusche aufgetragen⁷.
c5.s2.3
⁶ B.IS III, 45 ff.; C.ASR 2, 82 ff., Pl. 59, 63; 5, 1 ff.; Pl. 16, 28, W.AA 55 ff.; C.CAI 31 ff. —
c5.s2.4
⁷ B.IS III, loc. cit., C.CAI 37; die Typen der Inschriften mit Saṁvat 200 und 276 oder 286 (Haṣṭnagar Image) sind älter als die der Zeit des Huviṣka. — W.AA Pl. 3, Nr. 11. — 5 W.AA 60, 84, 94, 106. — 6 IA 10, 325. — 7 W.AA 111. —
c5.s2.5
Trotz ihrer Verwendung für die Epigraphie ist die Kharoṣṭhī eine populäre Schreiber- und Geschäftsschrift, wie die durchweg stark cursiven Formen der Buchstaben, das Fehlen der, für den Gebrauch des täglichen Lebens unnützen, langen Vocale, die fast stetige Wiedergabe doppelter, sowie von Gruppen unaspirirter und aspirirter Consonanten durch einfache (*ka* für *kka*) oder den zweiten Teil der Gruppe (*kha* für *kkha*), und der Gebrauch des Anusvāra für alle vocallosen mittleren Nasale, deutlich beweisen⁸. Für die immerhin mögliche Annahme, dass die Kharoṣṭhī auch eine andere, für die Zwecke der Śāstra passende, Gestalt gehabt habe, liegt bis jetzt kein Anhaltspunkt vor.
c5.s2.6
⁸ WZKM 9, 49 f., vgl. Westergaard, Zwei Abhandl., 36 f.
§ 8. Ursprung
c5.s3.1.1
Die Richtung der Kharoṣṭhī von rechts nach links liess von Anfang an keinen Zweifel darüber, dass die Grundlagen derselben von den Semiten entlehnt sind, und die grosse Ähnlichkeit mehrerer Buchstaben, wie *da*, *na*, *ba*, *ra* und *va*, mit aramäischen Zeichen veranlasste E. Thomas, eine engere Verbindung der Kharoṣṭhī mit diesen zu vermuten¹. Diese Ansicht ist unbestritten geblieben, neuerdings aber durch I. Taylor und A. Cunningham genauer gefasst, indem sie die Einführung der aramäischen Schrift in Indien den ersten Achämeniden zuschreiben². Hiefür sprechen folgende Gründe. 1) Die A. Ed. aus dem Panjab gebrauchen für »Schrift, Edict« das Wort *dipi*, eine Entlehnung aus dem Altpersischen, und bilden daraus für »schreiben« und »schreiben lassen«, *dipati* und *dipapati*, vgl. o. § 2, B. 2) Das Gebiet, auf welchem, insbesondere in der älteren Zeit, die Kharoṣṭhī vorkommt, umfasst gerade die Teile von Indien, die wahrscheinlich den Persern von ca. 500—331 a. Chr., sei es mit oder ohne Unterbrechung, unterworfen waren. 3) Unter den persischen *Sigloi* finden sich solche mit einzelnen Buchstaben sowohl der Kharoṣṭhī als auch der Brāhmī³, was auf Prägungen in Indien während der Perserzeit schliessen lässt, sowie auf einen längeren Gebrauch der Kharoṣṭhī im 4. Jahrh. a. Chr., wofür auch einige starke Varianten der Buchstaben des 3. Jahrh. und die stark abgeschliffenen Formen mehrerer Ligaturen, wie *sta* und *spa*, deutlich zeugen, s. u. § 11.
c5.s3.1.2
4) Die neueren Resultate der semitischen Epigraphik machen es durchaus wahrscheinlich, dass das Aramäische, welches schon während der Herrschaft der Assyrer und Babylonier officiell und für Geschäftssachen neben der Keilschrift gebraucht wurde, unter den Achämeniden eine weite Verbreitung im ganzen persischen Reiche erlangte. Zahlreiche Inschriften sind in Egypten, Arabien, Kleinasien und Persien gefunden. Egypten hat ausserdem eine Anzahl officieller Papyri geliefert und Kleinasien viele Satrapenmünzen mit aramäischen Legenden⁴. Fügt man zu diesen Zeugnissen noch die auffällige Notiz im Buche Esra IV, 7, der zufolge die Samaritaner einen Brief an Artaxerxes in *ārāmī*-Schrift und -Sprache abfassten, so ergeben sich Anhaltspunkte genug für die Behauptung, dass das Aramäische in der königlichen Kanzlei zu Susa und in den Kanzleien der Satrapen vielfach gebraucht wurde. Der Grund für den officiellen Gebrauch des Aramäischen während der Achämenidenzeit liegt ohne Zweifel darin, dass zahlreiche Aramäer im persischen Verwaltungsdienste als Schreiber, Rechnungsführer, Münzmeister u. s. w. verwendet wurden. Bei dem raschen Aufbau des persischen Weltreiches auf den Trümmern der älteren semitischen Monarchien war die Übernahme geschulter Subalternbeamten der früheren Regierungen gewiss unvermeidlich.
c5.s3.1.3
Unter diesen Umständen liegt es nahe, zu vermuten, dass die persischen Satrapen aramäische Schreiber auch in die indische Provinz mit sich nahmen und so ihre indischen Unterthanen, insbesondere die Schreiber der eingeborenen Fürsten, Stadt- und Dorfhäupter, zwangen, das Aramäische zu erlernen. Zunächst führte der Verkehr zwischen den persischen und den indischen Kanzleien wahrscheinlich zum Gebrauche der unveränderten aramäischen Schrift für das nordwestliche Prakrit und weiterhin zu Modificationen derselben, die mit Hülfe der Principien der älteren indischen Brāhmī gemacht wurden⁵ und denen die Kharoṣṭhī ihre Entstehung verdankt. Analog ist die Verwendung des arabischen Alphabetes im Mittelalter und der Neuzeit für eine grössere Anzahl von indischen Dialecten, teils in seiner ursprünglichen Form, teils mit mehr oder weniger starken Veränderungen. 5) Mit diesen Ausführungen stimmt, dass die Kharoṣṭhī ein Schreiber- und Geschäftsalphabet ist (s. o. § 7). 6) Endlich kann dafür geltend gemacht werden, dass die entlehnten Zeichen der Kharoṣṭhī sich am besten mit den aramäischen Typen von 500—400 a. Chr. vereinigen lassen, welche auf den späteren assyrischen Gewichten und den Siegeln und Gemmen aus Babylon, sowie in den Inschriften von Saqqārah (482 a. Chr.) und Teima (ca. 500 a. Chr.), auf der Stele Vaticana und dem Libationsgefässe des Serapeum finden.
c5.s3.1.4
Der ganze Ductus der Kharoṣṭhī mit seiner Vorliebe für langgezogene und langgestielte Zeichen ist der der mesopotamischen Gewichte, Siegel und Gemmen, der auch in den Inschriften von Saqqārah, Teima und aus dem Serapeum wiederkehrt. Die von andern herbeigezogene Schrift der aramäischen Papyri⁶, welche wenigstens zum Teil, (z. B. der Taurinensis) der persischen Zeit angehören, passen für die Ableitung lange nicht so gut. Viele ihrer Zeichen sind so weit abgeschliffen, dass sie nicht mehr als die Vorbilder der Kharoṣṭhī angesehen werden können, und ihr Ductus ist der einer Minuskelschrift. Einige specielle Ähnlichkeiten erweisen sich bei genauerer Vergleichung als Folgen einer analogen Entwicklung. Hiernach wird die Ausbildung der Kharoṣṭhī in dem 5. Jahrh. a. Chr. stattgefunden haben⁷.
c5.s3.2
¹ P.IA 2, 144 ff. Hörnle hat kürzlich auf einigen späten Münzen rechtsläufige Kharoṣṭhī gefunden. J.ASB, Proc. May 1895.
c5.s3.3
² I. Taylor, The Alphabet, 2, 261 f; C.CAI 33.
c5.s3.4
³ WZKM 9, 65; J.RAS, 1895, 865 ff.
c5.s3.5
⁴ Clermont-Ganneau, Revue archéologique 1878—79, Ph. Berger, Hist. de l'Écrit. dans l'Antiquité 214, 218 ff.
c5.s3.6
⁵ Weber, Ind. Skizzen, 144 f.; E. Thomas, P.IA II, 146; C.CAI 33, und u. § 9, B. 4.
c5.s3.7
⁶ J. Halévy, JA 1885, 243—267, setzt die Entwicklung der Kharoṣṭhī in die makedonische Zeit nach 330 a. Chr. und leitet dieselbe aus 16 Zeichen der Papyri und einer kilikischen Münze ab.
c5.s3.8
⁷ Vgl. WZKM 9, 44—51.
§ 9. Einzelheiten der Ableitung
c5.s4.1
Die Einzelheiten der Ableitung veranschaulicht die nachstehende Eindruckstafel, deren Zeichen (mit Ausnahme der neuerdings nachgetragenen Nr. 10, C. I, a) in Col. I aus Euting's Tabula Script. Aramaicae (1892), C. 6, 8, 9, 11—12; — in C. II aus E.TSA, C. 13—15, 17, 19; — in C. III—IV aus Tafel I dieses Grundrisses photolithographisch reproducirt sind.
c5.s4.2
A. Entlehnte Zeichen¹.
c5.s4.3
— *Vorbemerkung.* Die Veränderungen der aramäischen Buchstaben sind vorzüglich durch folgende Neigungen und Abneigungen verursacht: 1) eine entschiedene Vorliebe für langgestielte Zeichen mit Ansätzen am oberen Ende und freiem Fusse, zum Zwecke der Anfügung von *u*, *ra* und *anusvāra*, und eine Abneigung gegen Ansätze am Fusse allein, 2) eine Abneigung gegen Köpfe mit mehr als zwei aufwärtsgehenden Linien, oder mit Transversalen durch die oberste Linie, oder mit Strichen, die von der obersten Linie herabhängen, welche alle für die Anfügung der Vocale *i*, *e*, *o* unbequem gewesen wären, 3) das Bestreben, Collisionen zwischen den veränderten Zeichen zu vermeiden. — Nr. 1, *A*, C. III = *Aleph*, C. I, a (Saq-
c5.s4.5.1
qārah) mit cursiver Verwandlung des Kopfes in einen Haken; die Stellung und Grösse des Buchstabens macht eine directe Entlehnung aus C. I, b oder C. II unwahrscheinlich. — Nr. 2, *ba*, C. III = *Beth*, C. I, a—b (Teima, Saqqārah) mit cursiver Curve für Ecke rechts; die cursiven *Beth* der Papyri, C. II, b—c sind abgeschliffener als das Kh.-Zeichen. — Nr. 3, *ga*, C. III = *Gimel*, aus C. I (Teima) oder II (vgl. E.TSA 1 a) mit einer cursiven Schleife rechts und Curve links; ähnliche cursive Schleifen kommen in späten Ligaturen häufig vor, siehe Taf. I, 33, 35—36, XII, und selbst in *ja*, Taf. I, 12, XII. — Nr. 4, *da*, C. III = *Daleth*, aus einer Form, wie C. II, b, die (C. I, a) sich schon um 600 a. Chr. auf assyrischen Gewichten findet. — Nr. 5, *ha*, C. III = *He*, aus einer Form wie C. I, a (Teima) mit Versetzung des herabhängenden mittleren Striches an den Fuss der Curve rechts behufs leichterer Anfügung der Vocalzeichen (s. Vorbem. 2, vgl. Nr. 17). — Nr. 6, *va*, C. III = *Waw*, C. I (Teima, Saqqārah); die Papyri zeigen vorgeschrittenere Formen. — Nr. 7, *ja*, C. III, a = *Zain*, regularisirt aus einer Form wie C. I, a—b (Teima) mit Aufwärtsbiegung der linken Ecke, woraus C. III, b mit Abwurf des Fussstriches (s. Vorbem. 1); die Papyri zeigen bedeutend abgeschliffenere Formen. — Nr. 8, *śa*, Col. III = *Cheth*, C. I (Teima), der Lautwert des *śa* ist einem palatalen xa, wie im deutschen *ich*, sehr ähnlich. — Nr. 9, *ya*, C. III = *Yod*, entweder aus einer Form wie C.
c5.s4.5.2
I, b oder direct aus C. I, a (assyr. Gew.) mit Verlust der Barre rechts (s. Vorbem. 1); analoge Bildungen im Palmyrenischen und Pahlavi (E.TSA, C. 21—25, 30—32, 35—39, 58). — Nr. 10, *ka* = *Kaph*, umgedreht von rechts nach links aus C. I, b (assyr. Gew. und babyl. Siegel u. Gew.) wegen *la* (Nr. 11, C. III) mit Barre an der Spitze zur Unterscheidung von *pa* (Nr. 15); die Zeichen der Papyri weichen ganz ab. — Nr. 11, *la*, C. III = *Lamed*, mit Umstürzung einer Form, wie C. I, a oder c (Teima), infolge der Abneigung gegen Zeichen mit Ansatz am Fusse des Verticalstriches allein (s. Vorbem. 1), sowie mit Brechung und geringer Verschiebung der nun oben stehenden Curve zur Unterscheidung von *A*. — Nr. 12, *ma*, C. III, a—b = *Mem*, verstümmelt aus einer Form wie C. I, a—b (Saqqārah) mit stark gerundetem Kopfe durch Abwurf der Transversallinie (Vorbem. 2) und rudimentäre Andeutung des ursprünglich rechts stehenden Verticalstriches, woraus die in Verbindung mit Vocalen gewöhnliche Halbkreisform der A. Ed., C. III, c; die *Mem* der Papyri, C. II, sind viel abgeschliffener als die *ma* der Kh. — Nr. 13, *na*, C. III, a = *Nun*, C. I, a—b (Saqqārah), woraus das nicht seltene *na* von C. III, b entwickelt ist; die *Nun* der Papyri sind abgeschliffener als die *na* der Kharoṣṭhī. — Nr. 14, *sa*, C. III = *Samech*, C.
c5.s4.5.3
I (Teima), mit Versetzung der schrägen Barre an das linke Ende des Kopfes, von dem sie herabhängt und sich mit dem nach links geschobenen Schwanze vereinigt, analoge Entwicklungen im Nabatäischen (E.TSA 46—47) und im Hebräischen. — Nr. 15, *pa*, C. III, a = *Phe*, C. I (Teima), von rechts nach links gedreht zur Unterscheidung von *A*, und in C. III, b mit Verschiebung der Curve nach unten. — Nr. 16, *ca*, C. III = *Tsade* aus spitzwinkliger Form wie C. I, a—b (Teima), mit Weglassung des zweiten Häkchens rechts (s. Vorbem. 2) und Entwicklung eines Hakens links unter dem Kopfe, weil der Verticalstrich separat gemacht wurde; das analoge *Tsade* in C. II, b ist durch separate Schreibung des rechten Kopfstriches entstanden. — Nr. 17, *kha*, C. III = *Qoph*, aus einer Form wie C. I, a—b (Serapeum), mit Versetzung des mittleren herabhängenden Striches an die Spitze links, um Raum für die Vocale zu gewinnen (Vorbem. 3), analog dem *Qoph* von Teima (E.TSA 10), wo der mittlere Strich an das rechte Ende gehängt ist. — Nr. 18, *ra*, C. III = *Resch*, C. I, a—b (Saqqārah), mit vollständiger Abschleifung der Ecke links. — Nr. 19, *ṣa*, C. III = *Schin*, C. I (Teima), umgestürzt infolge der Abneigung gegen mehr als zwei Aufstriche (Vorbem. 2) und mit Verlängerung des Mittelstriches infolge der Vorliebe für langgestielte Zeichen. — Nr. 20, *ta*, C. III = *Taw*, aus einer Form wie C. I, a (assyr. Gew.) oder C.
c5.s4.5.4
I, b (Saqqārah), mit Versetzung der Barre an die Spitze des Verticalstriches, seitlicher Drehung und Verbreiterung des neuen Zeichens zum Unterschiede von *va* und *ra* (Nr. 6, u. 18, Col. III); die Zwischenstufen zeigen *tha*, C. IV, a, und *ṭa*, C. IV, b, wo die alte Form bewahrt ist, und *ṭa*, C. IV, c, wo die Barre an die Spitze getreten ist, vgl. u. B. 1, c und B. 2.
c5.s4.6
B. Abgeleitete Zeichen. — 1) Die Aspiration. Die Aspiraten werden durch Anfügung einer Curve oder eines Hakens, die wahrscheinlich *ha* repräsentiren (Taylor), oder cursiv durch die eines Striches gebildet, wobei die Gestalt des Originalzeichens mitunter vereinfacht wird. a) Eine Curve oder Haken ist angesetzt, rechts an den Vertical von *ga* in *gha*, 3. C. IV, oben auf den Kopf von *da* in *dha*, 4. C. IV, a, links aufsteigend an das Ende der zweiten Barre des *ṭa*, 20. C. IV, c, in *ṭha*, 20. C. IV, d. b) Ein Haken, Curve oder Strich erscheint rechts vom Längsstrich von *ba* in *bha*, 2. C. IV, a—b, wobei der Kopf von *ba* in eine gerade Linie verwandelt und der Längsstrich nach links geschoben wird, um die Gleichheit mit *ka*, 10. C. III, zu vermeiden. c) Nur durch Striche sind gebildet — mit Ansatz links *jha*, 7. C. IV, und *pha*, 15. C. IV, — mit Ansatz rechts, *cha*, 16. C. IV, *ḍha*, 4. C. IV, c, und *tha*, 20. C. IV, a. In *cha* ist die links herabhängende Linie des *ca* zugleich horizontal gemacht und mit dem Aspirationszeichen zu einem Querstriche vereinigt. In *ḍha* ist der Kopf des *ḍa*, 4. C. IV, b, durch Abschleifung der beiden aufwärts gehenden Striche vereinfacht. *Tha* ist aus dem seitlich umgedrehten, älteren aramäischen *Tāw*, 20. C. I, a, gebildet, indem der Aspirationsstrich die Barre des *Tāw* nach rechts fortsetzt.
c5.s4.7
2) Die Lingualisirung. — Die linguale Tenuis *ṭa* ist aus dem älteren seitlich umgedrehten *Tāw* durch eine kleine Barre gebildet, die in den A. Ed. gewöhnlich rechts und tiefer als die linksseitige steht, 20. C. IV, b. In C. IV, c erscheint das *ṭa* mit der Barre an der Spitze und das Zeichen der Lingualisirung darunter. Diese in den A. Ed. seltene Form muss früher häufig gewesen sein, da sie dem *ṭha* (s. o.) zu Grunde liegt. Das *ḍa*, 4. C. IV, b, gleicht genau dem gewöhnlichen aramäischen *Daleth*, 4. C. I, b, und kann mit diesem identisch sein. Wenn das nach Indien importirte Alphabet zwei Formen für *ḍa*, 4. C. I, a—b, enthielt, so können beide von den Indern entlehnt und die vollere zur Bezeichnung des schwereren Lautes verwendet sein. Es ist jedoch auch möglich, dass *ḍa* durch die Ansetzung des vertical gestellten Zeichens der Lingualisirung an die rechte Seite des *da*, 4. C. III, a, entstanden ist. Auch *ṇa*, 13. C. IV, a, ist durch einen nach unten gehenden Strich aus *na*, 13. C. III, a—b, gebildet; vgl. o. § 4, B. 4, die Verwendung eines kurzen Striches zur Bildung von *O*, *ña*, *ṅa* und *ṇa* der Brāhmī.
c5.s4.8
3) Das *ña*, 13. C. IV, b, besteht aus zwei aneinander gelegten *na*, 13. C. III, a (Thomas). Das eigentlich für ein Schreiberalphabet überflüssige Zeichen ist wohl nur gebildet, weil es in der Brāhmī, dem Alphabete der Paṇḍit vorkam.
c5.s4.9
4) Mittlere Vocalzeichen, Vocallosigkeit, Anusvāra. — Lange Vocale werden nicht bezeichnet und *a* inhärirt, wie in der Brāhmī, jedem Consonanten. Zur Bezeichnung der anderen Vocale dienen gerade Striche, die bei *i* durch die linke Seite der oberen oder obersten Linien der Consonanten gezogen werden, bei *u* links am Fusse stehen, bei *e* schräg auf den linken Teil der obersten Linie und bei *o* schräg unter denselben fallen, vgl. *tho*, 20. C. IV, d, und u. § 11, B. Mit *A* verbunden, dienen dieselben Striche zur Bezeichnung von *I*, *U*, *E* und *O*, 1. C. IV, a—d. Vocallosigkeit bei ungleichartigen, aufeinander folgenden Consonanten wird, wie in der Brāhmī, durch Verschlingung der Zeichen zu Ligaturen ausgedrückt, in denen meist, ausser in Gruppen mit *ra*, das zweite an das untere Ende des ersten gehängt wird. *Ra* dagegen steht immer am Fusse des mit ihm verbundenen Consonanten, auch wenn es vor demselben zu sprechen ist. Für zwei gleiche Consonanten wird, wie in der Brāhmī, ausser bei Nasalen nur einer gesetzt und für Nōnaspirata und Aspirata nur die letztere. Von zwei unmittelbar aufeinander folgenden Nasalen wird der erste, wie in der Brāhmī, durch den Anusvāra ausgedrückt, der an den vorhergehenden Consonanten tritt.
c5.s4.10
Die Inhärenz des *a* in den Consonanten und die Behandlung vocalloser Consonanten ist ohne Zweifel aus der Brāhmī entlehnt (WEBER), wie besonders die sehr genaue Übereinstimmung betreffs der Doppelconsonanten beweist. Auch die Bezeichnung von *i*, *u*, *e*, *o* durch Striche stammt wahrscheinlich aus derselben Quelle. Denn schon in der Brāhmī der A. Ed. kommen *u*, *e*, *o* als einfache Striche und *i* in Girnār, als eine vom Striche wenig verschiedene flache Curve vor, und die Stellung des *i*, *e*, *o* der Kharoṣṭhī am oberen Teile und von *u* am Fusse des Consonanten stimmt mit der Stellung der entsprechenden Zeichen der Brāhmī. Die Bezeichnung von *I*, *U*, *E*, *O* durch die Verbindung von *A* mit den mittleren Vocalzeichen ist der Kharoṣṭhī eigentümlich und einem Streben nach Vereinfachung des Alphabetes zuzuschreiben. Auf indischem Boden bietet das moderne Devanāgarī in seinem ओ und औ und das Gujarātī in seinem એ, *e*, ઐ, *ai*, ઓ, *o* und ઔ, *au* Analogien. In den aus der Brāhmī entlehnten ausserindischen Alphabeten, wie dem tibetischen, wird das Princip der Kharoṣṭhī mitunter vollständig durchgeführt.
c5.s4.11
Der Anusvāra der Kharoṣṭhī ist aus *ma* entwickelt (E. THOMAS) und wird, wie in der Brāhmī, für alle vocallosen Nasale gebraucht. In *maṁ*, 12. C. IV, hat er noch die volle Form des *ma*, wird aber meist cursiv verändert, s. u. § 11, B. 5. Er hängt stets an dem Consonanten, hinter dessen Vocale er zu sprechen ist.¹
c5.s4.12
¹ WZKM 9, 52–65, vgl. I. TAYLOR, The Alphabet, 2. Taf. zu 236 ff.; E. THOMAS, P.IA 2, 147–162; J. HALÉVY, J.A 1885, 252–264.
§ 10. Die Typen der Kharoṣṭhī
c5.s5.1
— Die Kharoṣṭhī zeigt nach Taf. I vier Haupttypen1∗: 1) den archaischen der Shahbazgarhi- und Mansehra-Versionen der A. Ed., von denen Sh. Ed. VII in der ZDMG 43, 151, Sh. Ed. XII in der EI I, 16, und Man. Ed. I—VIII im JA Ser. 8, 12, 330 photolithographirt sind, und mit denen die Unterschriften in den A. Ed. von Siddapur, photolithographirt in EI 3, 138—40, die Legenden der ältesten Münzen, autotypirt in C.CAI, Pl. 3, 9, 12—13 und die Zeichen auf den persischen *Sigloi* stimmen — aus dem 4.—3. Jahrh. a. Chr.; 2) den der Münzen der indisch-griechischen und mehrerer ihnen nachprägender barbarischer Könige, autotypirt in P. GARDNER, Cat. Ind. Coins Br. Mus., Pl. 4—21 — aus dem 2.—1. Jahrh. a. Chr.; 3) den Śakatypus des Satrapen Patika auf der Taxila-Kupferplatte, lithographirt JRAS 20, Pl. 3, und des Satrapen *Śoḍāsa* oder *Śuḍasa* auf dem Mathurā Lion Capital, sowie auf den Münzen verschiedener Śaka- und Kuṣana-Könige, autotypirt bei P. GARDNER, op. cit. Pl. 22—25 — 1. Jahrh. a. Chr. und 1. Jahrh. p. Chr.; 4) den stark cursiven, welcher mit der Inschrift des Gondopherres oder Guduphara aus Takht-i-Bahi, autotypirt im JA 1890 = S.NEI 3, Pl. 1, 1, beginnt und in denen der späteren Kuṣana-Könige Kaniṣka und Huviṣka, wie in der Zedainschrift, autotypirt im JA, 1890 = S.NEI 3, Pl. 1, 3, in der Suë Bihar-Inschrift, photolithographirt im IA 10, 324, auf der Wardak-Vase, lithographirt im J.RAS 20, Pl. X, seine volle Ausbildung erhält — 1.—2. Jahrh. p. Chr.²
c5.s5.2
1∗ Herstellung der Tafel I: 1—37, C. I—V u. 37—39, C. I—XIII durchgez. von DR. DEDEKIND aus DR. BURGESS' Abklatschen der A. Ed. v. Sh. und Man. und photogr. verkl.; 1—37, C. VI—VII u. 38—39, C. XIV nachgez. von DR. W. CARTELLIERI
c5.s5.3
Die Charactere der Münzlegenden verändern sich sehr langsam, ohne Zweifel infolge der Benutzung älterer Vorbilder, und sind mitunter rückläufig.
c5.s5.4
nach P. Gardner's Autotypien der I.G.-Münzen; 1—37, C. VIII—IX u. 22—25, C. XIII durchgez. aus Dr. Burgess' Abkl. d. Lion Capital v. Mathurā und Dr. Fleet's Photogr. d. Taxila Kpſpl. (10 u. 14, C. VIII u. 25, C. XIII); 1—37, C. X—XII u. 31—37, C. XIII durch- oder nachgez. aus Dr. Hörnle's Facs. der Suë Bihār-Inschr. ergänzt durch einzelne Zeichen aus d. Maṇikyāla-Stein und Dr. v. Oldenburg's Gelatincopien der Wardak und Bimāran-Vasen; 26—30, C. XIII nachgez. nach P. Gardner's Autotypien der alten Kuṣana-Münzen; 1—20, C. XIII—XIV nachgez. nach A. Ed. und späteren Inschr. — Ältere Tafeln der Kharoṣṭhī: P.IA 2, 166 (Pl. 11); W.AA 262; A. Cunningham, CII 1, Pl. 27; P. Gardner, Cat. I. C. Brit. Mus., Pl. 70—71, v. Sallet, Nachfolg. Alex. d. Gr. (Ende), G. H. Ozha, The Ind. Pal. Pl. 26. — 2 Liste der oben nicht erwähnten Reprod. d. Inschr. in Kharoṣṭhī: 1) A. Ed.: J.RAS 12, 153; C.CII 1, Pl. 1—2; C.ASR, 5, Pl. 5; S.IP 1 (Ende); IA 10, 105; — 2) spätere Inschr.: P.IA 1, 96, Pl. 6, 144, Pl. 9, 162, Pl. 10; W.AA 54, Pl. 2, 262; C.ASR 2, 124, Pl. 59, 160, Pl. 43; 5, Pl. 16, 28; J.RAS 20, 222, Pl. 3, 238, Pl. 4, 250, Pl. 9, 256, Pl. 10; N.S 9, 144; J.ASB 23, 57; 31, 176, 532; 39, 65; 58, 257, Pl. 10; IA 18, 257; S.NEI, Nr. 3 u. 5 (sämtlich unbrauchbar, mit Ausnahme der vier letzten).
c5.s5.5
§ 11. Der archaische Typus¹. — A. Die Grundzeichen. — 1) Alle Buchstaben, die mit einer verticalen oder schrägen Linie endigen, können am Fusse links einen im spitzen Winkel aufwärts gehenden Strich erhalten, der lediglich zur Begrenzung des Längsstriches dient, T. I: 1, II; 6, II, V; 7, II; 8, II; u. s. w. Endigt der Buchstabe mit zwei verticalen oder schrägen Linien, *ya* und *śa* 34, II, IV, so kann die linke den Aufstrich erhalten. Für denselben tritt in A. Ed. Man. bei *ḍa*, 18, V mitunter eine gerade Linie ein. — 2) *Ca* zeigt drei Varianten a) Kopf mit stumpfem Winkel, 10, I, II, IV; b) Kopf mit Curve, 10, V; c) Kopf mit Curve durch Verticallinie mit dem unteren Teile verbunden, 10, III. -- 3) *Cha* zeigt auch bald Winkel, 11, I, IV, bald Curve am Kopfe, 11, II, und mitunter die cursive Auslassung des Querstriches unter dem Kopfe, 11, II. — 4) Die volle Form von *ja*, 12, I, V, findet sich wenigstens einmal in A. Ed. Sh. und öfter in Man., wo (Ed. V, 24) der Horizontalstrich auch einmal links vom Fusse steht. Der linke Seitenarm des *ja* ist oft gekrümmt, 12, III. -- 5) Bei *ña* wird das zweite verkürzte *na* (s. o. § 9, B. 3) bald rechts, 14, I, V, bald links, 14, III—IV, angesetzt. Einige Male erscheint cursiv rechts ein gerader Strich ähnlich wie in 14, IX. — 6) Die normale Form von *ṭa* ist die von 15, I—II, doch erscheint die linke Barre auch tiefer als die rechte, 15, V; 38, II, oder beide Barren stehen links, 38, VI, oder die Barre rechts wird (besonders in A. Ed. Man.) weggelassen, 15, III. -- 7) *Ta*, 20, ist fast stets kleiner und breiter als *ra*, 31, und meist sind seine beiden Linien von gleicher Länge oder die abwärts gerichtete ist kürzer. Formen wie 20, V sind selten. -- 8) *Di*, 22, II, zeigt zwei Mal, Sh. Ed. IV, 8 und Man. Ed. VII, 33, (wo in der ZDMG irrtümlich *dri* gelesen ist), eine Curve am Fusse rechts, die wohl nur ein Versuch ist, *da* und *na* deutlich zu scheiden. -- 9) Die Aufbiegung des linken Endes von *dha*, 23, V, ist selten und secundär, vgl. § 9, B. 1. Der Zapfen des abnormen *dha*, 38, VIII (A. Ed. Man.), ist ein cursives Substitut für die mitunter scharfe Einbiegung, 23, V. — 10) *Na* mit nach rechts gekrümmtem Kopfe, 24, III, ist in der Silbe *ne* nicht selten. — 11) Das verstümmelte *ma*, 29, I, ist häufiger als das mit Resten des alten Seitenstriches, 29, II—III (vgl. § 9, A. Nr. 12). In Verbindung mit Vocalzeichen erscheint ersteres stets und verdankt solchen Verbindungen ohne Zweifel seine Entstehung. — 12) *La* mit gerundetem Seitenarm, genau wie das spätere in 32, VIII, ist in den A. Ed. selten, findet sich aber in Man. Ed. VI, 29. — 13) Cursiv gerundete *śa*, 34, III, sind selten. Einmal, Sh. Ed. XIII, 1, erscheint ein *śa*, welches einem oben runden *ya* gleicht. — 14) Aus dem ältesten *sa* mit polygonalem Kopfe, 36, V, sind die mit dreieckigen, 36, II, oder halbrunden Köpfen, 36, I, III—IV, cursiv entwickelt. Bei den ersteren fehlt auch mitunter der Verticalstrich, z. B. in Man.
c5.s5.6
¹ Alle
c5.s5.7
Ed. VI, 27. — 15) Die sehr gewöhnlichen *ha* mit einer Curve, 37, I, IV, oder einem Häkchen, 37, III, V, am Fusse, sind cursive Vereinfachungen des *ha* von 37, II, vgl. § 9, A. Nr. 5.
c5.s5.8
B. Mittlere Vocale und Anusvāra. — 1) Der *i*-Strich geht regelrecht quer durch die linke Seite des Horizontalstriches am Kopfe, 6, III; 7, III; 15, II—III, u. s. w., bei Zeichen mit zwei horizontalen oder schrägen Kopfstrichen durch beide, 14, III; 16, III; 38, III, VI u. s. w., eben so durch beide Striche des Kopfes von *ṇa*, 19, X. Er steht aber in *I*, 2, I, *di*, 22, II und *ni* gerade unterhalb des Kopfes, in *yi*, 30, II, im linken Schenkel. — 2) Der *e*-Strich entspricht in Form und Stellung der oberen Hälfte des *i*-Striches, vgl. 4, I; 6, IV; 12, II; 19, III u. s. w., kann in E, 4, II, indess auch gerade auf dem Kopfe des *A* stehen. — 3) Der *o*-Strich entspricht in seiner Stellung meist der unteren Hälfte des *i*-Striches, 5, I; 12, IV; 14, IV, u. s. w., rückt jedoch in *go*, *gho*, 9, II, und *so*, 36, IV, etwas weiter rechts in den durch die Kopfstriche gebildeten Winkel. — 4) Der *u*-Strich steht regelrecht links an der Spitze des Fusses des Grundzeichens, 3, I; 8, III; 10, IV; 12, III u. s. w., rückt aber etwas in die Höhe, wenn der Fuss nach links, 3, II, oder rechts, 22, IV gekrümmt wird, oder einen Haken nach rechts hat, 25, V, 37, IV. In *mu* steht er an der linken Spitze des *ma*, vgl. *mru*, 29, V. — 5) Der Anusvāra hat nur in *maṃ*, 29, IV, mitunter die volle Form des *ma*, vgl. oben § 9, B, 4. Gewöhnlicher erscheint cursiv unter *ma* ein gerader Strich, 38, XI, oder zwei Häkchen an den Seiten, 38, X. Bei andern Consonanten, die mit *einem* schrägen oder Vertikalstrich endigen, wird der Anusvāra durch einen nach oben offenen Winkel bezeichnet, den der Fuss des Buchstabens halbirt, 8, IV; 11, IV; 17, V; 19, V, u. s. w., oder (in Sh. seltener, in Man. häufiger) durch eine gerade Linie, 21, V, die Vertreter der Curve des *ma* ist. Hat der Fuss des Consonanten einen andern Ansatz, so rückt der Anusvāra höher an dem Verticalstrich hinauf, 14, V; 18, V; 33, V; 38 V. Bei *yaṃ*, 30, V, und *saṃ* wird der Winkel getheilt und die eine Hälfte rechts, die andere links angesetzt. Dasselbe kann bei *kaṃ* und *bhaṃ*, 28, IV, geschehen.
c5.s5.9
C. Die Ligaturen. — 1) Gar keine oder unbedeutende Veränderungen der verbundenen Zeichen zeigen *bhye*, 38, IX, *mma*, 38, XII, *mya*, 38, XII b. Sonst wird eines der beiden mehr oder weniger verstümmelt. — 2) Bei Verbindungen mit *ra*, welches bald vor bald nach dem darüber stehenden Consonanten zu sprechen ist (Ausnahme in *r*+*ṭa* in Man. V, 24), erscheint neben geringen Verstümmelungen in *rṭi*, 38, IV und *rva*, 39, I, für *ra* (a) eine schräge Linie (mit oder ohne Biegung) durch die Mitte des Verticalstriches des vorhergehenden Consonanten in *gra* 38, I, *rṭa* 38, II, *rṭi* 38, III, (b) am Fusse desselben ein gekrümmter Strich in *rṭi* 38, V, oder ein gerader, bald horizontaler, bald aufwärts oder abwärts gehender in *kra* 6, V, *gra* 8, V; *tra* 20, V; *dhra* 23, V; 38, VIII; *pru* 25, V, *bra* 27, V, *vram* 33, V, *śru* 34, V, *stri* 39, VIII—IX. Bei *ma* tritt der *ra*-Strich stets an die rechte Spitze, vgl. *mru*, 29, V, und in *kra* und *bhra*, 28, V, mitunter an das rechte Ende des Hakens. Für den *ra*-Strich tritt auch, besonders in A. Ed. Man. eine nach oben offene Curve ein, vgl. *thra* 21, IV. Die Striche und Curven sind natürlich cursive Vertreter des an den Fuss des vorhergehenden Zeichens gehängten *ra*. 3) In *vru*, 39, II, sind die beiden Zeichen so in einander geschoben, dass der eine Verticalstrich für beide dient. Dieselbe Methode wird auch gewöhnlich für die Ligatur *sta* gebraucht (die, nur einmal in Sh. Ed. I, aus *sa* mit eingehängtem *ta*, 39, IV, besteht). Zugleich wird aber *sa* verstümmelt, indem die Mitte des Kopfes offen bleibt und das Häkchen links weggelassen wird; so deutlich in *sti* 39, V und *stri* 39, IX, während *sta* 39, III, *sti* 39, VI, *stu* 39, VII, und *stri* 39, VIII noch mehr cursiv gemacht sind. *Spa* wird nach denselben Grundsätzen gebildet, das *sa* aber noch mehr verstümmelt und nur durch ein Häkchen über dem Verticalstrich von *pa*, vgl. *spa* 39, X,* *spi* 39, XII angedeutet. In *spa* 39, XI, ist das Häkchen rechts auf das Seitenglied von *pa* gesetzt. — 4) Die Ligatur in 38, VII, scheint zwei Bedeutungen zu haben. Sie erscheint in Sh. Ed. X, 21, wo *tva* oder *tta* (*tadatvaye* oder *tadattaye*) zu erwarten ist und oft in Man. Ed. XII, wo *tma* (*atma*) stehen sollte. Da die Kuṣaṇa-Inschr. ein ähnliches Zeichen, 31, XIII in dem Vertreter von Sanskrit *satvānāṁ* bieten, so ist wahrscheinlich auch in Sh. Ed. X, 21 *tva* zu lesen und anzunehmen, dass die Curve ein an den Fuss des *ta* gehängtes *va* repräsentirt, ähnlich wie sie in *thra*, 21, IV, für *ra* steht. Hiefür kann man noch 30, XIII und 37, XIII anführen, die höchst wahrscheinlich *śva* (*iśvara*) und *sva* (*viharasvamini*) zu lesen sind. In Man. Ed. XII muss man das Zeichen 38, VII dagegen *tma* lesen.
§ 12. Wandlungen in den späteren Typen
c5.s6.1
¹ Vgl. ZDMG 43, 128 ff.; 274 ff.
c5.s6.2.1
— 1) Der aufwärtsgehende Strich am Fusse der Verticallinie findet sich nur noch mitunter auf den IG-Münzen, z. B. in 7, VI, 20, VI, 36, VI. Häufig wird er losgelöst und, wie in 1, VI, neben den Fuss des Zeichens gestellt, und er erscheint so auch neben dem Ende des Verticalstriches von *ha*, 37, VI. Cursiv tritt auch für den Strich ein Punkt ein, 37, VII. Endlich kommt die im arch. Typus seltene horizontale Fusslinie oft bei verschiedenen Zeichen vor, wie bei *ta*, 20, VII und *na*, 24, VII. Im Śaka-Typus erscheint mitunter statt des aufwärtsgehenden Striches ein nach links abwärtsgehender Haken, z. B. bei *ca*, 10, VIII und *sa*, 36, IX, oder ein grader Strich rechts, wie in *si*, 35, VIII. Der Haken findet sich auch im Kuṣaṇa-Typus in *ṣa* 35, X, oder häufiger ein Horizontalstrich links, wie in *A* 1, XI, *ka* 6, X, *dha* 23, XI, *na* 24, XII, *bi* 27, XI, *ya* 30, X, sowie auch Curven rechts und links, z. B. in *kha* 7, X, *ca* 10, XII, *dhi* 16, XI, *ghi* 9, X, *ba* 27 X, und in *mi* 29, XI, wo das Anhängsel am Vocalstriche steht. — 2) In den Śaka- und Kuṣaṇa-Typen wird der Kopf von *ka* häufig wie in 6, VIII, X, cursiv in eine Curve verwandelt. Im Kuṣaṇa-Typus wird diese Curve auch mit dem Seitengliede rechts verbunden und beides oben angesetzt. — 3) In allen späteren Typen wird der obere Teil des *kha* länger, und stark nach rechts gekrümmt, 7, VI—XI.
c5.s6.2.2
— 4) Im Śaka-Typus wird für *ca* aus 10, III eine Cursivform gebildet, indem der untere Teil des Zeichens seitwärts an den Bindestrich unter den Kopf geschoben wird, 10, IX. Eine ähnliche Form ist im Kuṣaṇa-Typus häufig, oft mit Curve oder Haken am Fusse, 10, X, und mit Verwandlung des Kopfes in einen graden Strich, 10, XII. — 5) Alle späteren Typen zeigen das *cha* ohne Querstrich, 11, II; der Längsstrich wird mitunter schräg und so nachlässig angesetzt, dass der Buchstabe einem *mo* gleicht. — 6) Der linke Seitenarm des *ja* ist in den späteren Typen fast stets gerundet, und im Kuṣaṇa-Typus wird der Kopf des *ja* oft in eine Curve verwandelt, von der der Verticalstrich rechts herabhängt, 12, XI, woraus in der Bimaran-Inschrift eine dem *ga* gleiche Cursivform, 12, XII, entwickelt ist. Das volle *ja* mit der Fusslinie erscheint im I.G-Typus, 12, VII, wo die Barre öfter auch links vom Verticalstrich steht. — 7) In allen späteren Typen besteht eine Seite des *ña* aus einem Verticalstrich, 14, VIII—IX. — 8) Das einzige bekannte *ṭa* des Śaka-Typus in der Ligatur *ṣṭe*, 22, XIII, zeigt die archaische Form mit einem Seitenarm links. Im Kuṣaṇa-Typus werden die beiden Seitenarme, rechts und links, in eine gerade Linie verwandelt, wodurch *ṭa = tha* wird, 15, X—XII. Die Striche am Kopfe des *ṭu*, 15, XI, sind, wie FLEET’s Abklatsch der Inschrift von Suë-Bihar zeigt, durch Risse im Kupfer entstanden. Die richtige Lesung des betreffenden Wortes ist *kuṭubini* für *kichubini* (HÖRNLE).
c5.s6.2.3
— 9) In allen späteren Typen verliert *tha*, 16, VIII, X—XI, den Haken, der links von der Spitze der zweiten Barre aufsteigen sollte. — *Ta*, 20, ist auf den IG.-Münzen und in Kuṣana-Inschr. *ra* sehr ähnlich. In den Śaka-Inschr. hat es nur ein Drittel der Grösse von *ra*. — 10) Die späteren *da* sind z. T., wie 22, VII, IX aus 22, II, und z. T. wie 22, VIII, X aus 22, III entwickelt. Die Kuṣanaform in 22, XI zeigt eine Umdrehung der Curve am Kopfe. — 11) Neben dem regelmässigen *pha* zeigen die Kuṣana-Inschr. und barbarische Münzen des Azilises u. a. die in 26, X gegebene Variante, in welcher der Aspirationsstr. an die Spitze des Vertikals gesetzt und der Haken rechts nach oben offen ist. — 12) Der Verticalstrich von *bha* wird im Kuṣana-T., 28, X, mitunter cursiv mit dem Ende des Kopfstriches verbunden, oder der Kopfstrich, wie bei *ka*, mit dem in die Höhe gezogenen Seitengliede rechts vereinigt. — 13) Das vollere *ma* mit dem Seitenstrich erscheint häufig im IG.-Typus, 29, VI, und oft auf späteren Münzen ein Punkt für den Strich, 29, VII. In dem *mu* des Śaka- und Kuṣana-T. wird *ma* schräg auf die Seite gelegt, 29, IX, XII. Die rechte Spitze des Halbkreises steigt hoch aufwärts und die linke wird abwärts gebogen und in später Zeit wird die dazwischen liegende Curve in einen Winkel verwandelt, vgl. *mum*, 33, XIII. — 14) Im Kuṣana-T. wird *ya* oft in eine unten offene Curve, 30, XI, oder Rhombus, 30, XII, verwandelt.
c5.s6.2.4
— 15) Das linke Glied des *la* wird in den späteren Typen abgerundet, 32, VIII, X, und im Kuṣana-T. oft an die Spitze des Verticals gesetzt, 32, XI—XII. — 16) Der Kopf des *va* ist in der späteren Zeit fast stets rund, 33, VIII, X. — 17) Ebenso wird *śa* häufig oben abgerundet und dem *ya* ähnlich, 34, VIII, X. — 18) In der späteren Zeit verliert *sa* stets die Verbindungslinie zwischen der linken Seite des Kopfes und dem Schwanze, 36, VII--XII.
c5.s6.3
B. Mittlere Vokale und Anusvāra. — 1) Mittleres *i* wird oft, wie in 2, VII, VIII, X; 22, XI; 24, XI; 37, XI und mittleres *o* seltener, vgl. *ro*, 31, XI, *ho* 37, XII, tief unten mit dem Verticalstrich verbunden. Im Kuṣana-T. erhält der *i*-Strich (vgl. *mi*, 29, XI) oft einen Haken unten rechts. — 2) Der *e*-Strich tritt in *E* stets auf die rechte Seite des *A* und kann bis zum Fusse des Zeichens hinabgleiten, wobei der kurze Strich zu einer aufwärts geschwungenen Linie wird, 4, VI—VIII, X, XII, oder einen Haken erhält, 4, XI. Mitunter steht das *e* auch am Fusse anderer Buchstaben, vgl. *śe*, 34, IX (Śaka). — 3) Im IG.-Typus behält mittleres *u* seine alte Form; nur geht in *ju*, 12, VII, der Strich aufwärts wegen der Fusslinie des *ja*, ebenso in *pu*, 25, VII, wegen der Krümmung des Vertikals von *pa*. In späterer Zeit tritt für *u* eine Curve oder Schleife ein, vgl., 3, VIII, X; 6, XI; 7, XI u. s. w. In *mu*, 29, IX, XII, ist die Curve nach rechts gedreht. — 4) Der Anusvāra wird durch ein nach links auf die Seite gelegtes *ma* bezeichnet, das an das vorgehende Zeichen gehängt wird, vgl. *am* 1, VII; *im* 2, VII; *ṭhim* 16, XI, oder frei neben demselben, vgl. *yaṃ* 30, VII, oder auch unter demselben stehen kann.
c5.s6.4
C. Die Ligaturen. — 1) Die Ligaturen der IG.-Münzen, wie *kra* 6, VII, *khre* 39, XIV, *stra* 38, XIV, und die der Śaka-Inschrift, wie *ṣṭe* 22, XIII, *khsa* 25, XIII, *sta* 23, XIII, zeigen nur geringe Abschleifungen. Dasselbe gilt von denen auf den Münzen der Śaka und der älteren Kuṣana, wo aber eine Anzahl neuer Gruppen *psa* 26, XIII, *rma* 28, XIII (vgl. für die Form des *ma*, GARDNER, Cat. Indo. br. C. Pl. 25, 1—2), *śpa* 29, XIII (das wegen des griech. Spalyrises meist irrtümlich *spa* gelesen wird), *śva* 30, XIII (dessen *va* in eine Curve verwandelt ist, vgl. § 11, C. 4) und der rätselhafte Vertreter von *dphi* 27, XIII in Kadphises. Das letztere Zeichen weist oben ein deutliches *pi* auf; der untere Teil aber entspricht keinem bekannten Buchstaben. — 2) Unter den Ligaturen der späteren Kuṣana-Inschr. entsprechen *gra* 8, XI, und *bhra* 28, XII genau den alten Formen und auch das archaische *vra* (*rva*), 39, I, findet sich noch sporadisch in dieser Periode in *sarva*. In *tra* 31, XIII, *tśa* 32, XIII (meist als *tsa* verlesen), *ṣka* 15, XIII und *ṣṭu* zeigen sich die neuen Kuṣaṇaformen der einfachen Zeichen. Dagegen ist in *sva* 37, XIII das *sa* stark verstümmelt; in *rya* 34, XIII, *rva* 33, XII, *sya* 35, XII und *sya* 36, XII, ist die Verschleifung eine neue cursive Entwicklung. Die Kuṣaṇa-Inschriften bieten an allen Stellen, wo man *sta* erwartet stets *tha*, 16, X. Vielleicht ist die Weglassung des Striches nur cursiv und nach Bedürfnis bald *sta* bald *tha* zu lesen.
c5.s6.5
¹ Über die Schrift der IG.-Münzen vgl. WZKM 8, 193 f., über die Schrift der Śaka und Kuṣaṇa vgl. J. RAS, 20. Pl. 4, wo aber in Z. 1 das zweite *ch* zu streichen ist, in Z. 2 *si* in *sa*, *ṭṭ* in *tha*, in Z. 3 *rś* in *rya* zu ändern ist, und in Z. 4 die Zeichen für *sy* sehr fraglich sind.
Linked texts (4)
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