Pramāṇa · Search · About · API

Geschichte der indischen Litteratur v3.c22: V. Abschnitt. Die wissenschaftliche Litteratur

Geschichte der indischen Litteratur v3.c22

Language
German

Contents

V. Abschnitt. Die wissenschaftliche Litteratur

Charakteristik der wissenschaftlichen Litteratur

v3.c22.s1.1

Die Wissenschaft ¹ ist in Indien von der Theologie ausgegangen und wurde zuerst in den Brahmanenschulen gepflegt. Die Rezitation der vedischen Hymnen, die Notwendigkeit, die heiligen Worte richtig auszusprechen und weiter zu überliefern, und die Versuche, sie womöglich auch zu verstehen, führten schon früh zu wertvollen grammatischen Studien und Anfängen einer Lexikographie. Bei der großen mystischen Bedeutung, die schon in den Brāhmaṇas den Versmaßen zugeschrieben wird ², ist es kein Wunder, daß man sich auch mit der Metrik eifrig beschäftigte. Die Philosophie ³, die in den Upaniṣads — wenn auch in halb dichterischer Form — schon eine hohe Stufe der Entwicklung erreicht hatte, konnte sich nie ganz von der Theologie loslösen. Der vedische Festkalender erforderte ein Studium der Himmelskörper und ihrer Bewegungen und führte zu den Anfängen astronomischer Kenntnisse. Der Bau des Opferaltars erforderte Messungen und führte zur Geometrie. In den Zaubersprüchen des Atharvaveda und den sich an sie anschließenden exegetischen Werken stecken die ersten Anfänge einer medizinischen Wissenschaft. An der Spitze der sechs Vedāṅgas, in denen wir die ersten Anfänge einer wissenschaftlichen Litteratur erkannt haben¹), steht aber der Kalpa, die Ritualwissenschaft. Diese ist natürlich immer nur ein Zweig der Theologie geblieben. Aber an sie schloß sich unmittelbar an die Wissenschaft vom Dharma, vom religiösen und weltlichen Brauch und Recht, die, allmählich den Boden der Theologie verlassend, sich zu einer umfassenden Rechtslitteratur entwickelte.

v3.c22.s1.2

¹ Der indische Ausdruck für ein wissenschaftliches Werk ist šāstra. Mit demselben Wort wird aber auch jedes einzelne Wissensgebiet bezeichnet. Šāstra ist daher sowohl »Lehrbuch« als auch »Wissenschaft«.

v3.c22.s1.3

² S. oben I, 157 f.

v3.c22.s1.4

³ Über die Anfänge der Philosophie und der Wissenschaft überhaupt in den Brāhmaṇas s. H. Oldenberg, Vorwissenschaftliche Wissenschaft, die Weltanschauung der Brāhmaṇa-Texte, Göttingen 1919.

v3.c22.s1.5

¹ S. oben I, 229 ff.

v3.c22.s1.6

Alle diese Wissenschaften wurden zuerst in den vedischen Schulen gepflegt, deren Aufgabe es war, die Schüler mit bestimmten heiligen Texten — mit irgendeiner Saṃhitā und den dazugehörigen Brāhmaṇas, Āraṇyakas und Upaniṣads sowie auch mit den Vedāṅgas bekannt zu machen. Je mehr sich aber die einzelnen Wissenschaften entwickelten, desto unmöglicher wurde es, sie alle in den vedischen Schulen zu bewältigen. So traten schon frühzeitig neben diese Vedaschulen eigene Fachschulen²), die sich nur mit dem Lehren und Lernen eines bestimmten Wissensgebietes befaßten. Und im Laufe der Zeit wurden die alten vedischen Schulen durch die Fachschulen ganz in den Hintergrund gedrängt.

v3.c22.s1.7

² Schon zu Yāskas Zeit gab es besondere Fachschulen, wenigstens für manche Wissenszweige, denn er erwähnt im Nirukta die Yājñikas (Kenner der Opferwissenschaft), die Vaiyākaraṇas (Grammatiker) und die Nairuktas (Etymologen). Vgl. Bühler, SBE, vol. 25, p. L f.

v3.c22.s1.8

Völlig unabhängig von der Theologie entwickelten sich nur die Poetik, die wir schon im Zusammenhang mit der Kunstdichtung behandeln mußten, und jene Wissenschaften, die unter dem Namen Arthaśāstra zusammengefaßt werden, d. h. die Wissenschaften von den praktischen Dingen des Lebens: Politik, Wirtschaft und Technik. Eine rein weltliche Wissenschaft ist auch das Kāmaśāstra, die Wissenschaft von der Geschlechtsliebe³).

v3.c22.s1.9

³ Einen kurzen, zusammenfassenden Überblick über alle Wissenschaften vom Standpunkt eines orthodoxen, vedāntagläubigen Hindu gibt Madhusūdana Sarasvatī in seinem Prasthānabheda (»Einteilung der Systeme«), herausgegeben und übersetzt von A. Weber, Ind. Studien I, S. 1 ff.; herausgegeben auch in ĀnSS Nr. 51; übersetzt von P. Deussen, Allgemeine Geschichte der Philosophie I, 1, S. 44 ff.; auszugsweise wiedergegeben von Max Müller, The Six Systems of Indian Philosophy, New Ed., London 1903, p. 75 ff. Vāyu-Purāṇa 61, 78 sagt, es gebe 14 Wissenschaften (nämlich die 4 Vedas, 6 Vedāṅgas, Mīmāṃsā, Nyāya, Dharmaśāstra und Purāṇa) oder 18 Wissenschaften, indem noch Medizin, Kriegswissenschaft, Musik und Arthaśāstra aufgezählt werden. Vgl. auch Fleet, Corpus Inscriptionum Indicarum III, 114 f.

v3.c22.s1.10

Die älteste Form, in der alle Wissenschaft in den Brahmanenschulen gelehrt wurde, war, wie wir gesehen haben¹), die aphoristische Prosa, der Sūtrastil. Charakteristisch für diesen Stil und weiterhin für den Stil der wissenschaftlichen Litteratur überhaupt ist der Gebrauch von Hauptwörtern mit fast völligem Zurücktreten des Zeitwortes. Abstrakte Nomina und Komposita werden mit Vorliebe verwendet²). Der Sūtrastil wurde in den Fachschulen, namentlich in den Werken der älteren Zeit, auch noch beibehalten; aber häufig in der Weise, daß sich an die Sūtras unmittelbar ein von dem Verfasser selbst oder einem seiner Schüler herrührender Kommentar (Bhāṣya) anschloß. Und es entwickelte sich in der wissenschaftlichen Litteratur — wahrscheinlich zuerst in der Grammatik und in der Philosophie — ein eigener Bhāṣyastil, eine hochentwickelte Form der gelehrten Prosa. Entstanden ist dieser in Form einer Disputation gehaltene Stil ganz natürlich aus der Art des wissenschaftlichen Betriebes in Indien. Dieser spielte sich nämlich zum großen Teil in den Sabhās, den Versammlungen der Gelehrten an den Fürstenhöfen oder in den Häusern reicher und vornehmer Leute, ab. Hier mußte jede neue Lehre in gelehrten Disputationen erst verfochten werden, wenn sie sich durchsetzen sollte. Daher kommt es auch, daß die wissenschaftliche Litteratur in Indien beinahe ganz scholastisch und dialektisch ist³). Aber ebenso erklärt sich daraus, daß der trockene Stil wissenschaftlicher Erörterungen doch öfter durch Einflechtung von anschaulichen Vergleichen oder Hinweisen auf Vorkommnisse des täglichen Lebens angenehm unterbrochen wird. Insbesondere werden in den mündlichen Disputationen der Gelehrten und daher auch in den wissenschaftlichen Werken häufig sogenannte Nyāyas oder »Regeln« angeführt, die zur Belebung des Stils nicht wenig beitragen. Man spricht z. B. von der »Regel von der Lampe auf der Schwelle«, die sowohl nach innen wie nach außen leuchtet, wenn ein Argument gebraucht wird, das zwei Zwecken zugleich dient. Oder man sagt einem Gegner: »Es ist nicht die Schuld des Baumstammes, wenn ihn der Blinde nicht sieht,« oder: »Wer sich auf einen Blinden stützt, wird auf Schritt und Tritt fallen,« oder: »Was nützt dem Blinden ein Spiegel.« Einem Inkonsequenten wird gesagt: »Du kannst nicht die eine Hälfte des Huhnes zum Braten und die andere zum Eierlegen bestimmen«¹).

v3.c22.s1.11

¹ ) Oben I, 129 ff.

v3.c22.s1.12

² ) Vgl. H. Jacobi, Über den nominalen Stil des wissenschaftlichen Sanskrits, in Indogerman. Forschungen 14, 1903, S. 236 ff.

v3.c22.s1.13

³ ) Vgl. Jacobi, Int. Wochenschrift 29. Okt. 1910.

v3.c22.s1.14

¹ Sammlungen solcher Nyāyas hat G. A. Jacob, Laukikanyāyāñjali, A Handful (a second ... a third Handful) of Popular Maxims, Bombay 1900—1904, veröffentlicht. Ergänzungen dazu JRAS 1909, 460 ff.; Vanamāli Chakravartti, Ind. Ant. 41, 1912, 33 ff. (dazu Jacob l. c. 213 f.); und V. S. Ghate, Ind. Ant. 42, 1913, 250 f.

v3.c22.s1.15

Wissenschaftliche Lehren wurden aber auch schon in alter Zeit nicht bloß in Sūtras vorgetragen, sondern auch in Versen (Kārikās, »Memorialversen«) zusammengefaßt, die in größerer oder geringerer Zahl in den meisten Sūtratexten eingeflochten werden. Und in späterer Zeit wurden immer häufiger wissenschaftliche Werke ganz in Versen (Ślokas) abgefaßt, namentlich dann, wenn sie auch für weitere Kreise bestimmt waren.

v3.c22.s1.16

Von den ältesten wissenschaftlichen Werken sind uns in der Regel nur die Namen der Verfasser bekannt. Diese werden zitiert, häufig mit Ehren genannt, aber ihre Werke wurden durch irgendein jüngeres Lehrbuch verdrängt, das sich behauptete, während die älteren Werke nicht mehr abgeschrieben wurden und daher für uns verloren sind. Darum ist die Geschichte der wissenschaftlichen Litteratur im wesentlichen nur die Geschichte einiger älterer (aber nicht der ältesten) Hauptwerke und einer großen Masse von Kommentaren und Kompendien, die aus späterer Zeit stammen.

Grammatik

v3.c22.s2.1

² Vgl. J. Wackernagel, Altindische Grammatik I, Göttingen 1896, Einleitung S. LIX ff.; Aufrecht, Bodl. Cat. 161 ff.; Eggeling, Ind. Off. Cat. II; Pischel, KG 182 f.; Krishnamacharya 170 ff.; besonders aber B. Liebich, Zur Einführung in die indische einheimische Sprachwissenschaft, I—IV (Sitzungsber. der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Phil.-hist. Kl. 1919—1920). Über das grammatische Studium im 7. Jahrhundert n. Chr. macht I-tsing interessante Mitteilungen; s. Takakusu, I-tsing 167 ff. Einzelne grammatische Werke sind auch in tibetischer Übersetzung im Tandschur erhalten, s. Schiefner im Bulletin hist.-phil., St. Petersburg t. IV, Nr. 18 u. 19, und Satis Chandra Vidyābhūṣaṇa in JASB N. S. 4, 1908, 593 ff.

v3.c22.s2.2

Die Grammatik, von den Indern Vyākaraṇa genannt, ist wahrscheinlich diejenige Wissenschaft, in der sich am frühesten aus den alten Brahmanenschulen eigene Fachschulen entwickelt haben. Den Indern selbst gilt die Grammatik als die erste und wichtigste aller Wissenschaften. Erst wenn man die Grammatik gelernt hat, kann man an das Studium der anderen Wissenschaften gehen¹). Nach Ānandavardhana²) sind die Grammatiker die vornehmsten Gelehrten, »weil die Grammatik die Grundlage aller Wissenschaften ist«. Die Grammatik ist auch diejenige Wissenschaft, in der die Inder das Hervorragendste geleistet und sich dauernde Verdienste auch um die abendländische Sprachwissenschaft erworben haben. Sie haben zuerst die Wortformen des Sanskrit analysiert³), den Unterschied zwischen Wurzel und Suffix erkannt, die Funktionen der Suffixe bestimmt und im ganzen ein grammatisches System ausgebildet, »das an Genauigkeit und allmählich erreichter Vollständigkeit in der Welt seinesgleichen sucht«⁴). Sie haben auch genaue Beobachtungen des Sprachgebrauchs, seiner Verschiedenheit nach Ort und Zeit, gemacht, wobei sie nicht nur die Litteratur, sondern auch das gesprochene Sanskrit (bhāṣā) berücksichtigten.

v3.c22.s2.3

¹ »Das wichtigste unter den sechs Vedāṅgas ist die Grammatik,« sagt schon Patañjali (in der Einleitung zum Mahābhāṣya). Man muß (nach der Einleitung zum Tantrākhyāyika) erst zwölf Jahre Grammatik lernen, ehe man an das Studium der anderen Wissenschaften denken kann. Ähnlich Kathāsaritsāgara 1, 6.

v3.c22.s2.4

² Dhvanyāloka 1, 16 (Jacobis Übers., Separ. S. 34). Ānandavardhana gesteht zu, daß seine sprachphilosophischen Auseinandersetzungen auf den Lehren der Grammatiker beruhen (a. a. O. III, 33, Jacobi a. a. O. 122.)

v3.c22.s2.5

³ Vyākaraṇa bedeutet »Auseinanderlegung«, »Analyse«. Anders Wackernagel a. a. O., S. LXVIII, A. 1.

v3.c22.s2.6

⁴ E. Windisch, Geschichte der Sanskrit-Philologie (Grundriß 1, 1 B), S. 55.

v3.c22.s2.7

Das grammatische Studium begann in Indien im Anschluß an die Beschäftigung mit den Vedatexten. Schon die Herstellung des Padapāṭha zum Rigveda durch Śākalya, wo nicht nur der Satz, sondern auch die Komposita und einzelne Nominalformen in ihre Bestandteile zerlegt werden, setzt grammatische Analyse voraus. Die Prātiśākhyas und Śikṣās können geradezu als grammatische Werke bezeichnet werden¹). Aber auch schon die Etymologien in den Brāhmaṇas, so falsch sie auch sein mögen, verraten Sinn für Sprachanalyse²). Das Śāṅkhāyana-Brāhmaṇa spricht von größerer Reinheit der Sprache im Norden, wohin man sich begab, um eine Autorität auf dem Gebiete der Sprache zu erlangen³). Auch grammatische Fachausdrücke finden sich in den Brāhmaṇas, Āraṇyakas und Upaniṣads. Yāska, der Verfasser des Nirukta, unterscheidet schon die Redeteile, und seine Erklärungen vedischer Wortlisten und Verse setzen grammatische Kenntnisse voraus⁴). Ein Grammatiker ist auch der Verfasser der Bṛhaddevatā, denn er spricht von den Redeteilen, gibt Definitionen von Nomen und Verbum und handelt auch über Partikeln, Praepositionen, Genera und Syntax⁵). Ein eigentliches grammatisches Lehrbuch, das in die vedische Zeit zurückreicht, ist uns aber nicht mehr erhalten⁶).

v3.c22.s2.8

¹ S. oben I, 240 ff. Nur Rigveda-Prātiśākhya und Vājasaneyi-Prātiśākhya sind nach Liebich (Zur Einführung in die einheimische Sprachwissenschaft II, 30 ff.) älter als Pāṇini, die übrigen Prātiśākhyas sind jünger. Von der Pāṇinīya-Śikṣā (s. Weber, Ind. Stud. 4, 345 ff.) sagt Liebich (a. a. O. II, 20), daß sie »in ihrer Form jung, inhaltlich alt« ist.

v3.c22.s2.9

² S. oben I, 176 f. Vgl. Oldenberg, Vorwissenschaftliche Wissenschaft, S. 79 ff., 238 f., 242.

v3.c22.s2.10

³ Weber LG 49; Ind. Stud. II, 309; LZB 1892, S. 911.

v3.c22.s2.11

⁴ S. oben I, 62; Wackernagel a. a. O. I, S. LXII, und Lakshman Sarup, The Nighaṇṭu and the Nirukta, Introduction, Oxford 1920, pp. 54 ff., 66.

v3.c22.s2.12

⁵ Bṛhadd. I, 39 ff., 42 ff.; II, 92 ff., 97 ff.

v3.c22.s2.13

⁶ Ein Werk, das zwar nicht zum Veda gehört, aber über vedische Grammatik (und zwar über vedische Akzente, besonders in der Vājasaneyi-Saṃhitā und dem Śatapathabrāhmaṇa) handelt, ist das Bhāṣikasūtra des Kātyāyana mit der Bhāṣikavṛtti des Mahāsvāmin; s. F. Kielhorn und A. Weber in Ind. Stud. 10, 397 ff.

v3.c22.s2.14

Das älteste uns erhaltene grammatische Lehrbuch ist die berühmte Grammatik (śabdānuśāsana) des Pāṇini, die Aṣṭādhyāyī, d. h. »die acht Abschnitte« (grammatischer Regeln)⁷). Pāṇinis Grammatik ist aber gewiß nur das Schlußergebnis einer vorausgehenden langen Entwicklung der grammatischen Wissenschaft.

v3.c22.s2.15

⁷ Śabdānuśāsana, »Wortlehre«, ist der gewöhnliche Titel der Lehrbücher der Grammatik. Pāṇinis Grammatik herausgegeben, übersetzt, erläutert und mit verschiedenen Indices versehen von Otto Böhtlingk, Leipzig 1887. Die erste Ausgabe der Aṣṭādhyāyī (mit Kommentar) von Böhtlingk ist Bonn 1839–40 erschienen.

v3.c22.s2.16

Sie ist kein Vedāṅga, sondern lehrt die vedische Grammatik nur mehr in der Form von Ausnahmen zu den grammatischen Regeln für das klassische Sanskrit. Aber die Grundlage für die Regeln des Pāṇini bildet ein Sprachgebrauch, der dem der Brāhmaṇas, Upaniṣads und Sūtras mehr entspricht als dem des klassischen Sanskrit¹). Pāṇini selbst nennt zahlreiche Vorgänger, welche die Grammatik von ähnlichen Gesichtspunkten betrachteten wie er selbst. Seine Aṣṭādhyāyī setzt daher eine große Zahl verloren gegangener Werke voraus. Man pflegt die Zeit des Pāṇini um 350 v. Chr. anzusetzen²), aber irgendeine sichere Gewähr für dieses Datum gibt es nicht. Da er die Namen Yāska und Śaunaka erwähnt, muß er jünger sein als diese Verfasser von Vedāṅga-texten. Vor dem 6. Jahrhundert v. Chr. kann er kaum gelebt haben³), und mit einiger Wahrscheinlichkeit wird man ihn wohl ins 5. Jahrhundert v. Chr. setzen können, in eine Zeit, wo der Buddhismus noch nicht zu irgendeiner Bedeutung gelangt war⁴).

v3.c22.s2.17

¹ Nach R. G. Bhandarkar (JBRAS 16, 274) ist die Grammatik des Pāṇini die des »Middle Sanskrit«, während sein Nachfolger Kātyāyana schon die Grammatik des klassischen Sanskrit behandelt. S. auch Kielhorn, NGGW 1885, 185 ff.; Liebich, Pāṇini, S. 38 ff., und O. Wecker, Der Gebrauch der Kasus in der älteren Upaniṣad-Literatur, verglichen mit der Kasuslehre der indischen Grammatiker, Bezz. Beitr. 30, 1906, 1 ff., 177 ff.

v3.c22.s2.18

² Das Datum stützt sich nur auf die ganz märchenhafte, historisch wertlose Erzählung im Kathāsaritsāgara 4, 20 ff. Was Tāranāth (übers. von Schiefner, S. 83 f.) von Vararuci und Pāṇini erzählt, ist ebenfalls ohne jede historische Grundlage. Über die Zeit des Pāṇini vgl. Th. Goldstücker, Pāṇini: his Place in Sanskrit Literature, London 1861; A. Weber, Ind. Stud. 1, 141 ff.; 5, 1 ff.; B. Liebich, Pāṇini, Leipzig 1891; R. O. Franke, GGA 1891, 951 ff. und Keith, HOS vol. 18, p. CLXVIII f.

v3.c22.s2.19

³ Das ergibt sich daraus, daß Pāṇini 4, 1, 49 die Bildung des Wortes yavanānī lehrt. Ob dieses Wort eine »griechische Sklavin« oder die »griechische Schrift« bedeutet, jedenfalls kann es nicht vor der Zeit entstanden sein, wo die Griechen, als »Jonier« (Yavanas) bezeichnet, durch die Feldzüge von Darius und Xerxes nach Indien kamen. Vgl. A. Ludwig, Yavanânî (Sitzungsber. der k. böhm. Gesellschaft der Wiss. 1893, IX); G. Bühler, On the Origin of the Indian Brahma Alphabet, 2ⁿᵈ Ed., p. 21; A. B. Keith, Aitareya-Āraṇyaka, Introd. p. 21 ff.; Gaṇapati Śāstrī, Pratimānāṭaka, TSS Nr. 42, Introd. p. XXVI f., und Lüders, SBA 1919, S. 744.

v3.c22.s2.20

⁴ R. G. Bhandarkar (JBRAS 16, p. 340 ff.) setzt Pāṇini mit Goldstücker in das 8. Jahrhundert v. Chr. Liebich, Pāṇini, S. 8, erklärt es zusammenfassend für wahrscheinlich, »daß Pāṇini nach Buddha, aber vor den Anfang der christlichen Zeitrechnung zu setzen ist«. V. A. Smith (JRAS 1919, 629) glaubt, daß Pāṇini nicht später als 600 v. Chr. gelebt hat.

v3.c22.s2.21

Pāṇini ist geboren in dem Orte Šalātura (in der Nähe des heutigen Atak) im nordwestlichen Indien. Eine zu seinem Andenken errichtete Statue gab es dort noch zur Zeit des Hiuen-Tsiang, der auch eine Legende von dem »Ṛṣi« Pāṇini erzählt, die er in Šalātura gehört hatte¹). Fügen wir noch hinzu, daß seine Mutter Dākṣī hieß, weshalb er selbst manchmal »Sohn der Dākṣī« genannt wird, so haben wir alles gesagt, was wir von dem Leben des großen Grammatikers wissen. Nach einem Vers des Pañcatantra²) soll er von einem Löwen getötet worden sein.

v3.c22.s2.22

¹ Beal, Buddhist Records I, 114 ff. Unter dem Namen Šālaturīya wird Pāṇini in einer Kupferplatte aus dem 7. Jahrhundert n. Chr. zum erstenmal inschriftlich erwähnt.

v3.c22.s2.23

² Textus simplicior ed. Bühler, II, 33.

v3.c22.s2.24

Wieviel Pāṇini in bezug auf Materialsammlung und in bezug auf Methode seinen Vorgängern verdankt, wissen wir nicht, da uns deren Werke nicht erhalten sind³). Aber eben dieser Umstand, daß die Werke seiner Vorgänger nicht weiter überliefert wurden, beweist, wie sehr er sie alle an Meisterschaft übertroffen hat. In der Tat ist die Grammatik des Pāṇini ein Werk, das nicht nur von den Indern alle Zeit hoch geschätzt worden ist, sondern auch die staunende Bewunderung aller europäischen Gelehrten hervorgerufen hat, die sich der Mühe unterzogen haben, in ihr Verständnis einzudringen.

v3.c22.s2.25

³ Pāṇini selbst nennt zehn seiner Vorgänger mit Namen. Wahrscheinlich ist, daß er das grammatische System von seinen Vorgängern übernommen und es nur verbessert und ergänzt hat. Er bedient sich jedenfalls der Fachausdrücke älterer Grammatiker. Einige Sūtras des Pāṇini finden sich auch in Kātyāyanas Vājasaneyi-Prātiśākhya, und Liebich (Zur Einführung in die ind. einh. Sprachw. II, 42 ff.) ist geneigt anzunehmen, daß Pāṇini aus dem Prātiśākhya geschöpft hat. Es ist aber auch möglich, daß Kātyāyana und Pāṇini diese Sūtras aus einer älteren Grammatik entlehnt haben.

v3.c22.s2.26

Pāṇinis Grammatik verfolgt den Zweck, dem Schüler die Möglichkeit zu geben, jede Form richtig zu bilden. Dabei geht sein Bestreben dahin, dies in möglichst kurz gefaßten Regeln zu tun, die der Schüler auswendig zu lernen hat⁴). Diese Regeln haben daher die Gestalt algebraischer Formeln. An Stelle von Worten treten zum großen Teil Abkürzungen und Kombinationen von Buchstaben, deren Bedeutung vorerst gelernt werden muß¹). Zum Verständnis einer jeden Regel ist es notwendig, die vorausgehenden Regeln im Kopfe zu haben. Außerdem ist es erforderlich, eine Anzahl Interpretationsregeln, Paribhāṣās, zu kennen, die für das ganze Werk gelten. Da alle Wörter und Wortformen von Verbalwurzeln abgeleitet werden, setzen die grammatischen Regeln auch die Kenntnis des Dhātupāṭha²) oder Wurzelverzeichnisses voraus, in dem sämtliche Wurzeln der Sanskritsprache systematisch `angeordnet sind. Endlich wird auch für das Verständnis der Regeln der Gaṇapāṭha vorausgesetzt, d. i. eine »Liste von Wortgruppen«, die sich in bezug auf bestimmte Regeln in derselben Weise verhalten und auf die in den Sūtras selbst nur mit dem ersten Wort der Gruppe hingewiesen wird³). Nur durch dieses scharfsinnig ausgeklügelte System von Abkürzungen war es dem Pāṇini möglich, Sūtras von solcher Kürze zu bilden, daß sie oft nur aus einem oder zwei Wörtern oder auch nur aus wenigen Buchstaben bestehen, und eine vollständige Grammatik in den denkbar kürzesten Raum zusammenzufassen⁴). Als eine vollständige Grammatik kann man die Regeln des Pāṇini mit gutem Grund bezeichnen, denn sie behandeln nicht nur Lautlehre und Formenlehre, sondern auch die Wortbildungslehre und selbst die Syntax. Und diese Grammatik beruht auf genauer Beobachtung und Durchforschung des gesamten Sprachgebrauches, wie er sich dem Grammatiker einerseits in der Litteratur und andrerseits in dem von den Gebildeten gesprochenen Sanskrit darbot. Auch lokale Verschiedenheiten hat er berücksichtigt; denn er erwähnt öfter die Lehren der »Östlichen« und der »Nördlichen«, was gewöhnlich auf zwei Schulen von Grammatikern bezogen wird, was aber jedenfalls auch auf Verschiedenheit des Sprachgebrauches im Osten und im Norden hindeutet¹).

v3.c22.s2.27

⁴ Wie man in Indien die Regeln des Pāṇini auswendig lernt, schildert Ballantyne im Pandit, vol. I, 146 ff.

v3.c22.s2.28

¹ So bedeutet z. B. ac »Vokale«, hal »Konsonanten«, ku »Gutturale«, tiṅ »Personalendungen«, sup »Kasusendungen« usw.

v3.c22.s2.29

² Sowohl die Paribhāṣās als auch den Dhātupāṭha dürfte Pāṇini wenigstens zum Teil von seinen Vorgängern übernommen haben. Liebich (Zur Einführung in die ind. einh. Sprachw. II, 51 ff.) hält es für wahrscheinlich, daß Pāṇini den Dhātupāṭha »im großen und ganzen unverändert von seinen Vorgängern übernommen hat«. Nach Goldstücker (Pánini 106 ff.) gehen manche Paribhāṣās erst auf Patañjali zurück. Der Dhātupāṭha ist herausgegeben von N. L. Westergaard, Radices linguae Sanscritae, Bonnae ad Rh. 1841. Sowohl Dhātupāṭha als auch Gaṇapāṭha sind auch in Böhtlingks »Pāṇini« (1887) eingeschlossen. S. auch B. Liebich, Materialien zum Dhātupāṭha (Sitzungsberichte der Heidelberger Akad. d. Wiss. 1921).

v3.c22.s2.30

³ Es heißt z. B. Pāṇini 4, 1, 110: »Von aśva usw. wird der Geschlechtsname mit dem Suffix āyana gebildet«, d. h. »von der im Gaṇapāṭha mit aśva beginnenden Gruppe von Wörtern«.

v3.c22.s2.31

⁴ Von der Kürze der Regeln gibt vielleicht das letzte Sūtra in der Grammatik die beste Vorstellung. Es lautet: »a a« und wird von Böhtlingk übersetzt: »Das in der Grammatik als offen behandelte a ist in Wirklichkeit ein geschlossenes (d. i. ŏ).«

v3.c22.s2.32

¹ Schon Yāska erwähnt eine östliche und eine nördliche Schule von Grammatikern. Nach Liebich gehört Pāṇini, da sein Geburtsort im äußersten Norden Indiens gelegen ist, zu den »Nördlichen«. Nach R. O. Franke, GGA 1891, 957, 975 ff., stammt zwar Pāṇini aus dem Norden, ist aber nach dem östlichen Indien gekommen und daher zu den »Östlichen« zu zählen.

v3.c22.s2.33

Daß Pāṇini, wie manche ältere Forscher geglaubt haben, »eine Grammatik ohne Sprache« (Benfey) oder ein »Grammatiker-Sanskrit« (Whitney) gelehrt habe, daß die Wurzeln im Dhātupāṭha zum großen Teil erfunden seien, daß die Grammatiker Formen lehren, die in Wirklichkeit nicht vorkommen, daß Pāṇini eine mangelhafte Kenntnis des Veda gehabt habe, — alle diese Vorwürfe sind längst entkräftet worden²). Wenn manche abendländischen Gelehrten an der Grammatik des Pāṇini so viel auszusetzen haben — und sicher dürfte kein Europäer eine Grammatik so schreiben, wie sie Pāṇini geschrieben hat —, so vergessen sie nur, daß Pāṇini »sein wohl durchdachtes und nicht nur künstliches, sondern auch kunstvolles Lehrbuch für Einheimische, die im gewöhnlichen Verkehr Sanskrit reden hörten, nicht für Ausländer« geschrieben hat³).

v3.c22.s2.34

² Vgl. W. D. Whitney im American Journal of Philology, vol. 5, 1884, 279 ff.; vol. 14, 171 ff.; GSAI 7, 1893, 243 ff. Dagegen Bühler, Ind. Ant. 23, 1894, 141 ff., 250 ff.; WZKM 8, 1894, 17 ff., 122 ff., und R. O. Franke, WZKM 8, 321 ff. L. v. Schroeder (ZDMG 49, 1895, 101 ff.) hat gezeigt, daß Pāṇini eine genaue Kenntnis des Kāṭhaka und der Maitrāyaṇī-Saṃhitā hatte.

v3.c22.s2.35

³ Speyer, ZDMG 64, 1910, 322 f. Eine sehr eingehende Würdigung der Grammatik des Pāṇini und ihrer Verdienste um die Sprachwissenschaft gibt Th. Benfey, Geschichte der Sprachwissenschaft, München 1869, S. 74 ff.

v3.c22.s2.36

Während die von Pāṇini behandelte Sprache der der Brāhmaṇas, Upaniṣads und Kalpasūtras am nächsten steht, haben seine Nachfolger Kātyāyana und Patañjali im wesentlichen schon die Sprache der klassischen Sanskritlitteratur im Auge.

v3.c22.s2.37

Patañjali ist der Verfasser des Mahābhāṣya, d. h. des »Großen Kommentars«¹). Das ist aber kein Kommentar zu Pāṇinis Regeln, sondern zu den Vārttikas des Kātyāyana, die in dem Mahābhāṣya eingeschlossen sind²). Auch die Vārttikas sind kein Kommentar zu Pāṇinis Grammatik, sondern kritische, erklärende und ergänzende Anmerkungen zu einzelnen Regeln. Kātyāyana ist nicht, wie manche geglaubt haben, ein Gegner, sondern vielmehr ein Bewunderer und Anhänger des Pāṇini, der die Regeln des Meisters und die gegen sie erhobenen Einwände leidenschaftslos prüft, entweder diese Einwände ablehnt oder die Regeln verbessert und nur in seltenen Fällen die Regeln des Pāṇini verwirft. Häufig enthalten die Vārttikas Ergänzungen, die zum Teil auf wirklichen Mängeln von Pāṇinis Lehre beruhen, zum Teil aber auch darin ihren Grund haben, daß der Sprachgebrauch in der zwischen Pāṇini und Kātyāyana verflossenen Zeit sich geändert hatte. Diese Vārttikas sind im allgemeinen kurze Sätze in Prosa im Stil der Sūtras, aber nicht von solcher Kürze, wie die Sūtras des Pāṇini. Es gibt aber auch Vārttikas in Versen (ślokavārttika), die nur zum Teil von Kātyāyana selbst, zum Teil von anderen Vorgängern des Patañjali herrühren. Außerdem gibt es im Mahābhāṣya auch zusammenfassende Memorialverse (kārikā), die verschiedene Verfasser haben³).

v3.c22.s2.38

¹ Eine gute kritische Ausgabe verdanken wir F. Kielhorn in BSS, 2nd revised Ed. 1906 ff.

v3.c22.s2.39

² Vgl. F. Kielhorn, Kātyāyana and Patañjali: their relation to each other and to Pāṇini, Bombay 1876. Nur zu etwa einem Drittel der Sūtras des Pāṇini gibt es Vārttikas, und sie sind nur mit dem Mahābhāṣya überliefert worden. Handschriften, die nur die Vārttikas enthalten, sind jüngere Kompilationen aus dem Mahābhāṣya.

v3.c22.s2.40

³ Nach Goldstücker, Pánini p. 96 ff., rühren weder die Vārttikas in Prosa, noch die Ślokavārttikas, noch die Kārikās von einem Verfasser her. Über die Kārikās im Mahābhāṣya s. Kielhorn, Ind. Ant. 15, 1886, 228 ff.

v3.c22.s2.41

Das Mahābhāṣya selbst ist nun zwar in erster Linie ein Kommentar zu den Vārttikas. Aber Patañjali begnügt sich nicht damit, sie zu erklären und zu kritisieren, wobei er dem Kātyāyana manchmal zustimmt, oft aber auch widerspricht, sondern er setzt auch das Werk des Kātyāyana fort, indem er die Sūtras des Pāṇini kritisch untersucht und sie bald gegen erhobene Einwände verteidigt, bald verbessert und ergänzt. Daß auch Patañjali seine grammatischen Bemerkungen nicht irgendeiner Theorie zuliebe »gemacht«, sondern aus Beobachtungen der Sprache geschöpft hat, beweist die Einleitung zum Mahābhāṣya, wo der Schüler fragt, was für einen Sinn es habe, Wörter zu lernen, die tatsächlich nicht gebraucht werden, und darauf die Antwort erhält, daß diese Wörter früher einmal gebraucht worden sind oder daß sie in einem anderen Lande gebraucht werden.

v3.c22.s2.42

Das Mahābhāṣya ist das älteste uns erhaltene Werk, das in dem oben (S. 379) erwähnten Bhāṣyastil geschrieben ist. Und zwar erscheint dieser Stil hier noch in der Form einer wirklichen Konversation, die sich in direkten Reden und oft sehr lebhaften Dialogen abspielt. Die Sprache ist einfach und klar, die Sätze sind kurz, wie sie eben in der wirklichen Konversation zu sein pflegen. Gewöhnlich wird vom Schüler eine Frage aufgeworfen. Ein angeblicher Lehrer (ācāryadeśīya) beantwortet die Frage mehr oder weniger oberflächlich, ohne allen Schwierigkeiten gerecht zu werden, worauf der eigentliche Lehrer (ācārya) auftritt und den Sachverhalt klarstellt¹). Dieser Konversationsstil ist oft so lebendig, daß sprichwörtliche Redensarten und Anspielungen auf Dinge des täglichen Lebens vorkommen, wodurch das Mahābhāṣya für uns auch eine ergiebige Quelle für kulturgeschichtliche Tatsachen aus dem alten Indien ist²). In einem Punkte erinnert der Konversationsstil des Mahābhāṣya an die Edikte des Königs Aśoka, in denen auch oft nach kurzen Sätzen ein »Weshalb?«, »Wieso?« oder »Was?« eingefügt und sogleich die Antwort gegeben wird. Das kann vielleicht dafür geltend gemacht werden, daß zwischen Aśoka und Patañjali ein nicht allzu großer Abstand liegen dürfte¹).

v3.c22.s2.43

¹ Es ist kein Zweifel, daß diese Form des Mahābhāṣya sich daraus erklärt, daß es nach den mündlichen Diskussionen von Grammatikern, wie sie in Wirklichkeit stattfanden, niedergeschrieben worden ist. Vgl. Kielhorn, Mahābhāṣya, vol. III, Preface p. 10, und Ind. Ant. 15, 1886, 80 f.; R. G. Bhandarkar, JBRAS 16, 1885, 266 f. Eine Vorstellung von dem Stil des Mahābhāṣya geben O. A. Danielsson, ZDMG 37, 20 ff. (Übersetzung der Einleitung), und B. Geiger, Mahābhāṣya zu P. VI, 4, 22 und 132 (SWA 160, 1908, 8. Abh.).

v3.c22.s2.44

² Auf Grund der in Benares 1872 erschienenen Ausgabe des Mahābhāṣya hat A. Weber, Ind. Stud. 13, 293—496, schon wichtige litterarhistorische und kulturgeschichtliche Ergebnisse aus dem Werke zusammengestellt.

v3.c22.s2.45

¹ Auch in den altbuddhistischen Suttas finden wir die häufige Einfügung von Fragen. Daß das Epitheton devānāmpriya, »Liebling der Götter«, das bei Aśoka so häufig vorkommt, noch nicht bei Pāṇini, wohl aber in einem Vārttika des Kātyāyana gelehrt wird (s. Lévi, JA 1891, s. 8, t. XVIII, 549 ff.), ist immerhin bemerkenswert, wenn auch nicht so beweisend, wie Lévi meinte, da es auch noch später vorkommt (s. Keith, JRAS 1908, 172).

v3.c22.s2.46

Über die Zeit des Patañjali ist unendlich viel gestritten und geschrieben worden. Fast allgemein nimmt man jetzt an, daß er im 2. Jahrhundert v. Chr. gelebt hat²). Aber daß dieses Datum sicher ist, kann keineswegs behauptet werden. Nur so viel ist sicher, daß zwischen Patañjali und Kātyāyana¹), dem Verfasser der Vārttikas, ein beträchtlicher Zeitraum liegen muß, da Patañjali Grammatiker erwähnt, die schon vor ihm die Vārttikas erklärt haben²); und ein noch größerer Zeitraum muß zwischen Kātyāyana und Pāṇini angenommen werden. Denn in der Zeit zwischen Pāṇini und Kātyāyana, der ebenfalls auf Vorgänger hinweist, hat sich der Sprachgebrauch geändert, was zwischen Kātyāyana und Patañjali nicht mehr der Fall war. Wenn wir also Pāṇini dem fünften, Kātyāyana dem dritten und Patañjali dem zweiten Jahrhundert v. Chr. zuschreiben, so ist das nicht mehr als eine »Arbeitshypothese«.

v3.c22.s2.47

² Dieses Datum hat man aus einigen Beispielen, die im Mahābhāṣya vorkommen, erschließen wollen; so zuerst Goldstücker, Pāṇini p. 228 ff. S. auch R. G. Bhandarkar, JBRAS 16, 1885, 181 ff.; Weber, Ind. Stud. 5, 147 ff., und Liebich, Panini, S. 11 ff. Nach einem dieser Beispiele wäre Patañjali bei dem Roßopfer des Puṣyamitra, der um 185 v. Chr. die Mauryas stürzte und die Śuṅgadynastie gründete, zugegen gewesen. Die Stelle läßt allerdings keinen Zweifel darüber, daß derjenige, der den Satz: »Hier opfern wir für Puṣyamitra« aussprach, ein Zeitgenosse des Königs gewesen sein muß. Ob aber Patañjali das Beispiel selbst zuerst gegeben oder (wie das bei Grammatikern nicht selten der Fall ist) aus einem älteren grammatischen oder anderen Text herübergenommen hat, ist zweifelhaft. Man kann daher nicht mit solcher Sicherheit, wie es z. B. Haraprasād Śāstrī (JASB 6, 1910, 261) und Smith (Early History p. 202) tun, behaupten, daß Patañjali beim Opfer des Puṣyamitra zugegen war und unter ihm etwa zwischen 150 und 140 v. Chr. sein Mahābhāṣya schrieb. Wie schwach begründet eigentlich das angenommene Datum Patañjalis ist, hat der Pandit N. Bhashyacharya (The Age of Patañjali, Adyar, Madras 1889) ganz gut gezeigt; aber völlig kritiklos sucht derselbe Pandit zu beweisen, daß Patañjali im 10. Jahrhundert v. Chr. das Mahābhāṣya und die Yogasūtras verfaßt habe. (Über Patañjali als Verfasser der Yogasūtras s. weiter unten.) Bühler (Die indischen Inschriften und das Alter der Kunstdichtung, S. 72) meint, das Datum 2. Jahrhundert v. Chr. könne zwar nicht als sicher gelten, aber es sei nicht möglich, daß er später lebte, als etwa im 1. Jahrhundert n. Chr. Durch Inschriften wird das Studium des Mahābhāṣya um 600 n. Chr. schon in Kambodscha bezeugt; s. Wackernagel, Altind. Grammatik, I, S. XXXVII.

v3.c22.s2.48

¹ Da Kātyāyana ein häufiger Familienname ist, scheint es mir ganz müßig, darüber zu streiten, ob der Vārttika-Verfasser mit dem Verfasser des Vājasaneyi-Prātiśākhya identisch ist oder nicht. Patañjali nennt den Kātyāyana einen Südländer (dākṣiṇātya).

v3.c22.s2.49

² Nach Kielhorn (NGGW 1885, 189 ff.) müssen Generationen von Gelehrten zwischen Patañjali und Kātyāyana angenommen werden.

v3.c22.s2.50

Während wir über die drei großen Grammatiker keinerlei historische Nachrichten haben, sind ihre Namen vielfach Gegenstand der Legende geworden. Pāṇini selbst soll ein dummer Bursche gewesen sein, dem erst infolge strenger Askese durch die Gnade des Gottes Śiva die Grammatik offenbart wurde. Patañjali ist nach der Überlieferung eine Verkörperung des Nāga Śeṣa, der Weltschlange, auf welcher Gott Viṣṇu während des Zwischenraumes zwischen zwei Weltzeitaltern ruht³). Kātyāyana aber erscheint in der Sage unter dem Namen Vararuci.

v3.c22.s2.51

³ Nach Liebich (Zur Einführung in die ind. einheim. Sprachwissenschaft I, S. 7) wäre diese Legende darauf zurückzuführen, daß derselbe Patañjali als Verfasser der Yogasūtras galt; so wie man den Kapila, den Begründer des Sāṃkhyasystems, als eine Inkarnation des Viṣṇu ansah, so hat man auch den Verfasser des mit dem Sāṃkhya so eng zusammenhängenden Yogasystems für die Verkörperung eines mit Viṣṇu zusammenhängenden göttlichen Wesens erklärt.

v3.c22.s2.52

Vararuci gehört zu den berühmtesten Namen der indischen Litteratur oder vielmehr der an litterarische Persönlichkeiten anknüpfenden Sage. Denn tatsächlich kennen wir Vararuci nur als Verfasser der ältesten Prākritgrammatik und mehrerer unbedeutender Werke zur Sanskritgrammatik, sowie als Dichter einiger Strophen, die ihm in den Anthologien zugeschrieben werden. Die Sage aber, wie sie in der kaschmirischen Bṛhatkathā erzählt wurde, und wie sie uns Somadeva im Kathāsaritsāgara berichtet, macht ihn zum Rivalen des Pāṇini und zum Minister des Königs Nanda, und die merkwürdigsten Geschichten werden von ihm erzählt¹). Nicht minder Wunderbares erzählt der Tibeter Tāranātha von Vararuci als einem Zeitgenossen des Nāgārjuna und Hofkaplan des Königs Udayana²). Und wieder eine andere Überlieferung macht ihn zu einem der »neun Edelsteine« am Hofe des Königs Vikramāditya. Wenn wir aber fragen, wie die Berühmtheit des Vararuci als Grammatiker zu erklären ist, so dürfte am wahrscheinlichsten die Annahme sein, daß der Verfasser der Vārttikas, der Vervollständiger der Grammatik des Pāṇini mit seinem vollen Namen Vararuci Kātyāyana geheißen hat. Denn keines der anderen Werke, die uns unter dem Namen des Vararuci überliefert sind, dürfte ihn zu solcher Berühmtheit gebracht haben. Wir müssen vielmehr annehmen, daß der Name Vararuci erst als Verfassername beliebt wurde, nachdem er schon berühmt war, und daß man, wie dies in Indien ja so häufig ist, verschiedenen Werken dadurch zur Berühmtheit verhelfen wollte, daß man sie dem berühmten Manne zuschrieb³). Auch der Vārarucasaṃgraha⁴), eine Sammlung von 25 Kārikās, die sehr kurz über Kasuslehre, Komposita, Verbum und Wortbildung handeln, ist wahrscheinlich nur das Werk eines anonymen Verfassers, der sich mit dem altberühmten Namen Vararuci geschmückt hat.

v3.c22.s2.53

¹ Kathāsaritsāgara 2, 30 ff.; 4, 1 ff.

v3.c22.s2.54

² Tāranātha übers. von Schiefner, S. 73 ff.

v3.c22.s2.55

³ Es ist natürlich auch möglich, daß es mehrere Autoren gegeben hat, die Vararuci hießen. So kann ja der Verfasser des Prākṛtaprakāśa Vararuci geheißen haben, und derselbe kann (s. Liebich, Zur Einführung in die ind. einheim. Sprachwissenschaft I, S. 11 ff.) auch der Verfasser des IV. Buches des Kātantra und des Liṅgānuśāsana sein. Wenn aber Vararuci in manchen Handschriften des Puṣpasūtra als dessen Verfasser genannt wird (s. R. Simon, Das Puṣpasūtra, S. 495), wenn ihm ein Kommentar zum Taittirīya-Prātiśākhya zugeschrieben und er als Verfasser eines alten Lexikons genannt wird (s. Weber, LG 113, 244; Zachariae, Wörterbücher, S. 6, 26, 38), wenn er als Urheber einer Rezension der Siṃhāsanadvātriṃśikā gilt (s. oben S. 337), so wird in diesen Fällen der Name Vararuci schwerlich mehr als ein schöner Aufputz sein.

v3.c22.s2.56

⁴ Mit dem Kommentar des Nārāyaṇa herausgegeben von Gaṇapati Śāstrī in TSS Nr. 33, 1913. Da ein Vārarucaṃ kāvyam, »ein episches Gedicht von Vararuci«, im Mahābhāṣya erwähnt wird und Rājaśekhara den Namen in einer Liste hervorragender Dichter anführt und ihm ein Werk Kaṇṭhābharaṇa (»Kehlenschmuck«) zuschreibt, hat es vielleicht auch einen Dichter Vararuci wirklich gegeben. Aśvaghoṣa im Sūtrālaṃkāra (trad. par É. Huber, p. 88) erwähnt Vararuci als Dichter von sechs Strophen zur Verherrlichung des Königs Nanda und als dessen Minister, nicht aber als Grammatiker (wie Liebich, Zur Einführung in die ind. einheim. Sprachwissenschaft I, S. 11, irrtümlich angibt). Vgl. auch Pischel, Grammatik der Prakrit-Sprachen (Grundriß I, 8) S. 33 f. und S. Lévi, JA 1908, s. 10, t. XII, p. 85 f.

v3.c22.s2.57

Mit Pāṇini, Kātyāyana und Patañjali ist für uns eigentlich die Geschichte der wissenschaftlichen Grammatik abgeschlossen. Denn von den Grammatikern, die ihnen voraus gingen, wissen wir nichts als die Namen. Śākaṭāyana und Āpiśāli werden sowohl von Pāṇini als auch von Patañjali zitiert. Der letztere erwähnt auch Vyāḍi, Vājapyāyana, Pauṣkarasādi, Goṇikāputra und Gonardīya¹). Die späteren indischen Grammatiker haben aber zu dem, was Pāṇini, Kātyāyana, Patañjali und deren Vorgänger geschaffen haben, nichts wesentlich Neues mehr hinzugefügt. Die einen begnügten sich damit, die Regeln des Pāṇini unter Benutzung der Vārttikas und des Mahābhāṣya für praktische Zwecke neu anzuordnen und zu kommentieren; andere versuchten, durch Änderungen im Wortlaut der Sūtras und in der Terminologie etwas wie ein neues System zu schaffen, wobei es ihnen aber nicht einfiel, die neuen sprachlichen Tatsachen, die in der Sanskritlitteratur zu beobachten gewesen wären, zu berücksichtigen. Für sie alle waren vielmehr die Regeln des Pāṇini etwas ein für allemal Gegebenes, das unbesehen hingenommen werden mußte. Sie schrieben nicht über die Grammatik des Sanskrit, sondern über die grammatischen Regeln des Pāṇini.

v3.c22.s2.58

¹ Vgl. Kielhorn, Ind. Ant. 15, 81 ff.; 16, 101 ff. Irrtümlicherweise hat man früher angenommen, daß Goṇikāputra und Gonardīya Beinamen des Patañjali seien. Gonardīya war Verfasser von Kārikās. Vyāḍis »Saṃgraha« wird als Hauptquelle des Mahābhāṣya bezeichnet. Pauṣkarasādi (Puṣkarasādi) wird im Āpastambīya-Dharmasūtra und im Hiraṇyakeśi-Gṛhyasūtra als Autorität über Dharma zitiert.

v3.c22.s2.59

Der anerkannt beste, durch Kürze und Klarheit ausgezeichnete Kommentar zu den Sūtras des Pāṇini ist die Kāśikā Vṛtti²), »der Kommentar von Benares«, von Jayāditya und Vāmana¹). Nach I-tsing, der uns erzählt, daß Knaben von 15 Jahren das Studium dieses Kommentars beginnen und ihn nach fünf Jahren verstehen, und daß die Chinesen diese Grammatik zuerst lernen, wenn sie nach Indien kommen, ist Jayāditya nicht später als 661 oder 662 n. Chr. gestorben²). I-tsing selbst wird (vor dem Ende des 7. Jahrhunderts) aus dieser Grammatik Sanskrit gelernt haben. Die Verfasser der Kāśikā haben außer älteren Kommentaren, die sie oft, ohne sie mit Namen zu nennen, zitieren, das Mahābhāṣya und das Cāndravyākaraṇa benutzt³). Ein Kommentar zur Kāśikā, dèr Nyāsa des Jinendrabuddhi, wird schon von dem Dichter Māgha erwähnt⁴).

v3.c22.s2.60

² Herausgegeben im Pandit, vols. 8—10, und N. S., vols. 1—3, auch (in zwei Bänden, Benares 1890) separat erschienen. B. Liebich, Zwei Kapitel der Kāçikā, übersetzt und mit einer Einleitung versehen, Breslau 1892.

v3.c22.s2.61

¹ Wahrscheinlich ist Jayāditya der Verfasser der Bücher I—V und Vāmana der der Bücher VI—VIII. Vgl. Bhandarkar, Report 1883/84, p. 57 f.; Peterson, Report 1882/83, p. 28 ff. In den kaschmirischen Handschriften werden aber jedem der beiden Autoren vier Bücher zugeschrieben, und die Kaschmirer glauben, daß Jayāditya ein anderer Name für den kaschmirischen König Jayāpīḍa ist und Vāmana sein Minister war. Das ist aber (wegen der Erwähnung bei I-tsing) chronologisch nicht möglich, und daher muß auch der Poetiker Vāmana von dem Grammatiker getrennt werden. Vgl. Bühler, Report 72 f., und Stein zu Rājataraṅgiṇī IV, 497.

v3.c22.s2.62

² Vgl. I-tsing, transl. by Takakusu, pp. XIII f., LVI f., 175 ff., und Max Müller, Ind. Ant. 9, 305 ff.

v3.c22.s2.63

³ Vgl. Kielhorn, Ind. Ant. 15, 183 ff. Den Text des Pāṇini hat Kielhorn, Ind. Ant. 16, 178 ff., mit dem in der Kāśikā gegebenen, manchmal abweichenden Text verglichen.

v3.c22.s2.64

⁴ Śiśupālavadha II, 112. Vgl. Kielhorn, Ind. Ant. 18, 85; Pathak, JBRAS 20, 303 ff.; D. R. Bhandarkar, Ep. Ind. 9, 187 ff.

v3.c22.s2.65

Jinendrabuddhi war Buddhist, und ein Buddhist ist auch Śaraṇadeva, der im Jahre 1172 n. Chr. die Durghaṭavṛtti⁵) verfaßte, ein Werk, das die Schwierigkeiten in Pāṇinis Grammatik zu lösen sucht. Es ist von Sarvarakṣita, wahrscheinlich seinem Lehrer, revidiert worden. Die Kāśikā und der Nyāsa werden in der Durghaṭavṛtti oft zitiert, aber auch zahlreiche andere grammatische Texte und Werke der klassischen Sanskritlitteratur, wie Kumārasambhava, Meghadūta, Raghuvaṃśa u. a. Auch aus Pāṇinis Jāmbavatīvijaya werden drei Verse zitiert.

v3.c22.s2.66

⁵ Herausgegeben von Gaṇapati Śāstrī in TSS, Nr. 6, 1909. Lévi, (JA 1910, s. 10, t. XVI, 386 f.) erklärt das Werk für nicht weniger interessant als die Vārttikas und das Mahābhāṣya.

v3.c22.s2.67

Wenn auch in der Grammatik des Pāṇini ein gewisser Grundplan durchschimmert¹), so wird dieser doch fortwährend unterbrochen, weil dem Pāṇini Kürze die Hauptsache ist und Sūtras überall eingeschoben wurden, wo sie sich der Kürze wegen am besten einfügen ließen, wenn auch dadurch oft Nichtzusammengehöriges nebeneinander gestellt wurde. Dadurch wurde aber das Studium des Werkes sehr erschwert. Um diesem Übelstande abzuhelfen, wurden verschiedene Lehrbücher verfaßt, in denen die Sūtras des Pāṇini anders angeordnet erscheinen. Von der Art ist die Prakriyākaumudī²) von Rāmacandra, Sohn des Kṛṣṇa, mit einem kurzen Kommentar des Verfassers selbst. Diese Grammatik war das Vorbild für Bhaṭṭoji Dīkṣita, der um 1625 seine Siddhāntakaumudī verfaßte³), in der die Sūtras des Pāṇini nach Gegenständen (Lautlehre, Deklination usw.) angeordnet erscheinen und kurz und klar kommentiert werden. Das leicht verständliche Werk eignet sich am besten zur Einführung in das Studium der einheimischen indischen Grammatik. Daß es in Indien sehr beliebt ist, beweisen die vielen Kommentare, Handschriften und Drucke, die es von dem Werke gibt. Bhaṭṭoji selbst schrieb zu seiner Grammatik einen ausführlichen Kommentar, die Prauḍhamanoramā́⁴). Es gibt auch zwei Abkürzungen von dem Werk, beide von Varadarāja: eine Madhyasiddhāntakaumudī und eine Laghusiddhāntakaumudī, letztere besser bekannt als Laghukaumudī⁵).

v3.c22.s2.68

¹ Vgl. Wackernagel, Altind. Grammatik I, p. LXII.

v3.c22.s2.69

² Vgl. Bhandarkar, Report 1883/84, p. 58 ff., 362 ff.; Burnell, Tanjore, p. 40; Eggeling, Ind. Off. Cat. II, 164 ff. Rāmacandras Sohn Nṛsiṃha hat das Buch im Jahre 1423 abgeschrieben; s. S. Ch. Vidyābhūṣaṇa, JASB 1908, 593 ff.

v3.c22.s2.70

³ Vgl. Aufrecht, ZDMG 45, 1891, 306, und Hultzsch, Report II, p. XII. Eine schöne Ausgabe ist Bombay 1882 erschienen.

v3.c22.s2.71

⁴ Vgl. Aufrecht, Ind. Stud. 4, 171 ff. Ebenso wie die Siddhāntakaumudī in Indien oft gedruckt.

v3.c22.s2.72

⁵ Herausgegeben mit englischer Übersetzung von J. R. Ballantyne, Benares 1849, 2nd Ed. 1867.

v3.c22.s2.73

Als Grammatiker und Philosoph berühmt war im 7. Jahrhundert n. Chr. Bhartṛhari, der nach dem Zeugnis des I-tsing 651/52 n. Chr. gestorben ist⁶). Er schrieb einen Kommentar zum Mahābhāṣya, von dem uns nur Bruchstücke erhalten sind¹). Vollständig besitzen wir sein Vākyapadīya²), das mehr ein sprachphilosophisches als ein grammatisches Werk ist. Das Werk ist in drei Abschnitte eingeteilt (daher auch »Trikāṇḍī« genannt), von denen der erste über Grammatik und Sprache im allgemeinen, der zweite über den Satz, der dritte über das Wort handelt. Im Kāvyaprakāśa wird folgender Satz aus dem Vākyapadīya zitiert: »Ein Ochs an sich ist weder ein Ochs noch ein Nicht-Ochs, sondern er gilt nur als Ochs, weil er zur Klasse der Ochsen gehört.«

v3.c22.s2.74

⁶ Takakusu, I-tsing, p. 180.

v3.c22.s2.75

¹ Über diese s. Kielhorn, Mahâbhâshya, vol. II, Preface, p. 11 ff. Über den Grammatiker Bhartṛhari s. Kielhorn, Ind. Ant. 12, 1883, 226 ff., und K. B. Pathak (JBRAS 18, 341 ff.), der zu beweisen sucht, daß Bhartṛhari ein Buddhist war. S. oben S. 140 ff.

v3.c22.s2.76

² Herausgegeben mit Kommentar des Puṇyarāja in BenSS 1887 bis 1907.

v3.c22.s2.77

Der Kommentar des Kaiyaṭa³) zum Mahābhāṣya ist nur ein Auszug aus Bhartṛharis Kommentar. Als »einen der größten Grammatiker der neueren Zeit« bezeichnet Kielhorn⁴) den Nāgojībhaṭṭa, der zu Kaiyaṭas Kommentar wieder einen Kommentar verfaßt hat.

v3.c22.s2.78

³ Über diesen Gelehrten erzählen die Paṇḍits von Kaschmir allerlei Anekdoten, die Bühler (Report 71 f.) mitgeteilt hat. Manche behaupten, daß er ein Bruder des Mammaṭa war; aber Bühler glaubt, daß er nicht vor dem 13. Jahrhundert gelebt hat.

v3.c22.s2.79

⁴ Ind. Ant. 5, 1876, 248. Nāgojībhaṭṭa oder Nāgeśabhaṭṭa, ein überaus fruchtbarer Schriftsteller (s. Aufrecht CC 283 f.), ist ein Schüler des Hari Dīkṣita, der ein Enkel des Bhaṭṭoji Dīkṣita war; s. Bhandarkar, Report 1883/84, p. 51.

v3.c22.s2.80

An die Grammatik des Pāṇini schließen sich auch die verschiedenen Bearbeitungen und Kommentare der Beiwerke zu den Sūtras an. So gibt es mehrere Werke über die Paribhāṣās (s. oben S. 385), von denen der Paribhāṣenduśekhara⁵) des Nāgojībhaṭṭa das beste ist. Häufig ist der Dhātupāṭha bearbeitet und kommentiert worden. Eine der ältesten Bearbeitungen ist der Dhātupradīpa des Maitreyarakṣita⁶). Dieser wurde benützt von Deva in seinem in Versen abgefaßten Daiva, zu welchem Kṛṣṇalīlāśuka seinen Kommentar Puruṣakāra schrieb¹). Das Werk behandelt die Wurzeln, die im Dhātupāṭha gleiche oder ähnliche Form zeigen, aber verschiedene Bedeutungen und verschiedene Konjugationen haben. Daiva und Puruṣakāra werden zitiert in der sehr reichhaltigen Dhātuvṛtti von Mādhavā, dem Bruder des Sāyaṇa²). Auch der Gaṇapāṭha hat mehrfache Bearbeitungen erfahren. Aber der um 1140 n. Chr. in Versen abgefaßte Gaṇaratnamahodadhi³) des Vardhamāna ist nicht für Pāṇini, sondern für eine andere Grammatik gedacht. Zu den Beiwerken von Pāṇinis Sūtras gehören auch die Uṇādisūtras⁴). Das sind Regeln zur Ableitung gewisser Nomina von den Verbalwurzeln des Sanskrit mittels einer bestimmten Art von Suffixen, die in einer mit uṇ (d. i. dem Suffix u) beginnenden Liste aufgezählt waren. Eine solche Liste hat es schon vor Pāṇini gegeben, denn er erwähnt sie zweimal. Eine gewisse Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß der von Pāṇini erwähnte Śākaṭāyana der Verfasser der Uṇādisūtras war⁵). Der beste Kommentar zu den Uṇādisūtras ist der des Ujjvaladatta (etwa Mitte des 13. Jahrhunderts). Zu den Beiwerken zu Pāṇini gehören endlich auch die Phiṭsūtras⁶), Regeln über die Akzente sowohl der vedischen Sprache als auch des Sanskrit. Der Verfasser dieser Regeln ist Śāntanava, der sicher nach Pāṇini gelebt hat. Wahrscheinlich hat auch Patañjali diese Regeln noch nicht gekannt.

v3.c22.s2.81

⁵ Herausgegeben von F. Kielhorn, BSS. Mit Kommentar herausgegeben in ĀnSS Nr. 72.

v3.c22.s2.82

⁶ Über dieses und andere Werke der Art s. Westergaard, Radices, p. II f.

v3.c22.s2.83

¹ Daiva und Puruṣakāra sind herausgegeben von Gaṇapati Śāstrī, TSS, Nr. 1, 1905. Im Puruṣakāra werden Kṣīrasvāmin und die Jainas Śākaṭāyana und Hemacandra zitiert.

v3.c22.s2.84

² Mādhavīya-Dhātuvṛtti herausgegeben in Pandit, vol. VIII; siehe Westergaard, l. c. p. III.

v3.c22.s2.85

³ Herausgegeben von J. Eggeling, London 1879. Vgl. Zachariae, GGA 1880, S. 917 ff., und Kielhorn, Ind. Ant. 18, 1889, p. 85.

v3.c22.s2.86

⁴ Die Uṇādi-Affixe, herausgegeben von O. Böhtlingk in Mémoires de l’Acad. des sciences de St. Petersbourg 1844; Ujjvaladatta’s Commentary on the Uṇādisūtras ed. by Th. Aufrecht, London 1859 (mit wertvollen Indices und einem Glossar).

v3.c22.s2.87

⁵ Auch Vararuci wird als Verfasser der Uṇādisūtras genannt; aber s. Aufrecht, Ujjvaladatta’s Commentary, p. VIII f. Nach Goldstücker (Pāṇini, p. 159 ff.) sind die Uṇādi-Listen, aber nicht die Uṇādisūtras das Werk des Pāṇini.

v3.c22.s2.88

⁶ Mit verschiedenen indischen Kommentaren, Einleitung, Übersetzung und Anmerkungen herausgegeben von F. Kielhorn, AKM IV, 2, Leipzig 1866.

v3.c22.s2.89

Unter den grammatischen Werken, die, ohne sich von Pāṇini unabhängig machen zu können, doch neue Systeme der Grammatik zu schaffen suchten, ist wohl das Kātantra¹) des Šarvavarman das älteste. Wenigstens spricht manches dafür, daß diese Elementargrammatik, die es sich zur Aufgabe macht, dem Lernenden ein leichteres Regelbuch als das des Pāṇini in die Hand zu geben, in einem der ersten Jahrhunderte n. Chr. entstanden ist²). Das Werk bestand wahrscheinlich ursprünglich aus vier Büchern zu je vier Pādas, war aber schon zur Zeit des Kommentators Durgasiṃha durch Zusätze erweitert, die sich in unserem Text und auch in der tibetischen Übersetzung finden. Das Kātantra geht von den Sūtras des Pāṇini aus, die häufig wörtlich übernommen sind. Auch die Terminologie stimmt größtenteils mit der des Pāṇini überein. Doch werden die vedische Sprache und die Akzente nicht berücksichtigt. Diese Grammatik ist in Kaschmir und im östlichen Bengalen noch heute verbreitet und muß durch Jahrhunderte in jener Gegend Indiens beliebt gewesen sein, so daß sie auch nach Tibet und Zentralasien gebracht worden ist³). Von der weiten Verbreitung des Kātantra zeugt auch der Umstand, daß es von dem Pāligrammatiker Kaccāyana benützt wurde und für die einheimischen Grammatiker der Draviḍasprachen maßgebend war ¹).

v3.c22.s2.90

¹ Herausgegeben mit dem Kommentar des Durgasiṃha von J. Eggeling, Bibl. Ind. 1874—1878. Der Titel »Das kleine Lehrbuch« soll dem Werk wegen seines geringen Umfanges gegeben worden sein. Da es nach der Sage dem Šarvavarman durch die Gnade des Gottes Kumāra offenbart worden ist, wird es auch Kaumāra oder Kālāpaka (nach dem Schweif des Pfauen, des Reittieres des Kumāra) genannt. Vgl. Kathāsaritsāgara 7, 10 ff. Der älteste Teil des Werkes ist übersetzt von B. Liebich, Zur Einführung in die ind. einheim. Sprachwissenschaft I, Heidelberg 1919. Vgl. auch Böhtlingk, ZDMG 41, 657 ff.

v3.c22.s2.91

² Soviel Vertrauen in die Geschichtchen des Somadeva und Tāranātha habe ich nicht, daß ich (wie V. A. Smith, ZDMG 56, 660; Lacôte, Essai sur Guṇāḍhya, p. 28 f., und Liebich a. a. O., S. 3 ff.) den Šarvavarman für einen Zeitgenossen des Hāla Sātavāhana im 1. Jahrhundert n. Chr. halten könnte. Daß die Āndhra-Inschriften fast alle in Prākrit abgefaßt sind, und daß dem Hāla die große Sammlung der Prākritlieder zugeschrieben wird, macht es wenig wahrscheinlich, daß gerade ein Minister dieses Fürsten eine Sanskritgrammatik verfaßt haben soll. Wahrscheinlicher ist es mir, daß es der Zeit des Tantrākhyāyika, etwa 300 n. Chr., angehört.

v3.c22.s2.92

³ Über die in Zentralasien gefundenen Bruchstücke des Kātantra s. E. Sieg in SBA 1907, XXV, und 1908, VIII, und L. Finot, Le Muséon, N. S. 12, 1911, 193 ff. In einer südindischen Inschrift aus dem Jahre 1161 n. Chr. wird in einer Schenkungsurkunde ein Stück Land für Lehrer geschenkt, die in dem Maṭha (Kloster) das »Kaumāra« erklären. Andere Inschriften erwähnen Orte, wo Kommentare nicht nur zum Kaumāra, sondern auch zu Pāṇini und Śākaṭāyana verfaßt werden; s. Fleet, Ep. Ind. 5, 22, 222; Kielhorn, Ep. Ind. 7, App. Nr. 279 note.

First 108 of 985 passages. Read on

Linked texts (144)