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Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c4: I. Das Alter der indischen Schrift und der Ursprung des ältesten indischen Alphabets

Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c4

Language
German

Contents

I. Das Alter der indischen Schrift und der Ursprung des ältesten indischen Alphabets

§ 1. Die indische Tradition

c4.s1.1

Die Tradition sowohl der orthodoxen als der heterodoxen Secten Indiens schreibt die Erfindung der Schrift oder wenigstens ihrer Hauptgattung dem Schöpfer Brahmā zu und nimmt dieselbe damit als eine nationale Erfindung der grauesten Vorzeit für Indien in Anspruch. Die erstere Angabe findet sich in der Nārada-Smṛti², einer Bearbeitung der Manusaṃhitā (erwähnt von Bāṇa ca. 620 p. Chr.) und in Bṛhaspati's Vārttika zu Manu³, sowie bei Hiuen Tsiang⁴ und im Samavāyāṅga-Sūtra (trad. Dat. ca. 300 a. Chr.) dessen Bericht im Paṇṇavaṇā-Sūtra (trad. Dat. 168 a. Chr.) wiederholt wird.⁵ Dieselbe wird auch in den Darstellungen des Brahmā zu Bādāmī (ca. 580 p. Chr.) dadurch angedeutet, dass der Gott ein Bündel Palmblätter in der Hand hält⁶, wofür später ein beschriebenes Blatt eintritt⁷.

c4.s1.2

Die Sage, dass insbesondere die rechtsläufige indische Schrift eine Erfindung des Brahmā (*Fan*) ist, wird im chines.-buddh. Fawanshulin erzählt.⁸ In den beiden erwähnten Schriften der Jaina und im Lalitavistara⁹ wird sie dadurch angedeutet, dass die erste Schriftgattung *bambhī* oder *brāhmī* genannt wird. Es empfiehlt sich, deshalb diesen Namen für die rechtsläufige Schrift der Aśoka-Edicte und deren Abarten einzuführen.

c4.s1.3

Berūnī¹⁰ erwähnt eine Variante zu diesen Traditionen, nach der die Schrift einmal von den Indern vergessen und von Parāśara's Sohne, Vyāsa, in Folge göttlicher Eingebung wieder erfunden wurde. Hienach würde die Geschichte der jetzigen Alphabete im Anfange des Kaliyuga, 3101 a. Chr., beginnen.

c4.s1.4

Während diese Mythen beweisen, dass die Inder, vielleicht schon um 300 a. Chr., jedenfalls aber schon in vorchristlicher Zeit, den Ursprung ihrer Schrift vergessen hatten, besitzen einige andere traditionelle Notizen einen grösseren positiven Wert. Die erwähnten Werke der Jaina enthalten eine Liste von 18 Alphabeten, und das Lalitavistara¹¹ zählt deren 64 auf, die zu Buddha's Zeiten existirt haben sollen. Unter den Namen der beiden Listen stimmen mehrere überein und sind besonders vier vorhanden, die, wie schon jetzt erkennbar ist, sicher auf historische Glaubwürdigkeit Anspruch haben. Neben der *brāhmī*-*bambhī* lassen sich noch zwei mit bekannten Schriftarten identificiren. Die *kharoṣṭhī*-*kharoṭṭhī* ist nach dem Fawanshulin¹² die von *Kharoṣṭha* »Eselslippe«¹³ erfundene linksläufige Schrift, welche früher »die Bactrische, Indobactrische, Arianische« u. s. w. genannt wurde. Die *drāviḍī*-*dāmiḷī* ist wahrscheinlich die teilweise unabhängige Abart der *brāhmī*, welche kürzlich auf den Reliquiengefässen aus dem Stūpa zu Bhaṭṭiprolu im Kistna-Districte¹⁴ gefunden ist. Ausser diesen drei ist der Name *puṣkarasārī-pukkharasāriyā* sicher historisch, da er sich augenscheinlich an das bei Pāṇini, Āpastamba u. a. vorkommende N. Gent. *Puṣkarasādi* oder *Pauṣkarasādi*, nordbuddhistisch stets *Puṣkarasāri*, anschliesst, womit ein oder mehrere alte Lehrer über Grammatik und Recht bezeichnet werden. Es ist nicht unglaubwürdig, dass ein Mitglied der Familie des *Puṣkarasad* sich in alter Zeit um die indische Schrift verdient gemacht und vielleicht das Alphabet umgestaltet hat.

c4.s1.5

Die Liste der Jaina enthält auch den Namen *yavaṇāliyā* oder *yavaṇāṇiyā*, der mit Pāṇini’s (trad. Dat. ca. 350 a. Chr.) *yavanānī* »die Schrift der Yavana oder Griechen«¹⁵ identisch ist. Eine frühe Bekanntschaft der Inder mit der griechischen Schrift kann durch die Forschungsreise des Skylax (509 a. Chr.) im nordwestlichen Indien, oder durch die Teilnahme indischer und gandharischer Contingente¹⁶ an Xerxes’ Zuge gegen die Griechen oder auch durch alte Handelsbeziehungen vermittelt sein. Auf jeden Fall zeugen die Funde von indischen Nachahmungen attischer Drachmen mit griechischen Inschriften für den Gebrauch des griechischen Alphabetes im nordwestlichen Indien in der Zeit vor Alexander d. Gr.¹⁷

c4.s1.6

Die teilweise Bestätigung der Liste der Jaina durch die Resultate der epigraphischen Forschung und durch Pāṇini, sowie ihre teilweise Übereinstimmung mit den unabhängigen Angaben der späteren nordbuddhistischen Tradition, macht es durchaus wahrscheinlich, dass dieselbe einen gesunden Kern enthält. Wenn auch die Zahl 18, welche die Jaina nennen, hier, wie in andern Fällen, nur als eine conventionelle aufgefasst werden kann, so wird es doch sehr wahrscheinlich, dass um 300 a. Chr. eine grössere Anzahl von Alphabeten in Indien teils gebraucht wurde, teils wenigstens bekannt war.

c4.s1.7

Auch über den Character der *brāhmī* gibt ein Auszug aus dem verlorenen Dṛṣṭivāda der Jaina Auskunft. Es heisst dort, dass dieses Alphabet (statt der gewöhnlichen 50 oder 51) nur 46 *mātṛkā* oder Grundzeichen besitze. Gemeint sind ohne Zweifel: *a*, *ā*, *i*, *ī*, *u*, *ū*, *e*, *ai*, *o*, *au* (10), *aṃ*, *aḥ*; *ka*, *kha*, *ga*, *gha*, *ṅa*; *ca*, *cha*, *ja* (20), *jha*, *ña*, *ṭa*, *ṭha*, *ḍa*, *ḍha*, *ṇa*, *ta*, *tha*, *da* (30), *dha*, *na*, *pa*, *pha*, *ba*, *bha*, *ma*, *ya*, *ra*, *la* (40), *va*, *śa*, *ṣa*, *sa*, *ha*, *ḷa* (46), mit Ausschluss von *ṛ*, *ṝ*, *ḷ* und *ḹ*, sowie der in späterer Zeit fälschlich als *mātṛkā* betrachteten Ligatur *kṣa*. Die vier liquiden Vocale fehlten auch in dem fragmentaren Alphabete der Steinmetzen Aśoka’s, welches nach Cunningham’s Reconstruction die 22 Zeichen *a*, *ā*, *i*, *ī*, *u*, *ū*, *e*, *ai*, *o*, *au*, *aḥ*, *ka*, *kha*, *ga*, *gha*, *ṅa*, *ca*, *cha*, *ja*, *jha*, *ña*, *ṭa* bot¹⁹, im Alphabete des Lalitavistara²⁰, bei Hiuen Tsiang, der dem indischen Alphabete, ohne Zweifel mit Einschluss von *kṣa*, 47 Zeichen zuschreibt²¹, und in dem der modernen Elementarschulen Indiens. In den letzteren wird die auf die 12 Vocale gegründete *bārākhaḍī*, Skt. *dvādaśākṣarī*, d. h. »Tafel der Verbindungen der Consonanten mit den 12 Vocalen«, z. B. *ka*, *kā* — *kaṃ*, *kaḥ*, dem Unterrichte zu Grunde gelegt. Hiuen Tsiang erwähnt die *dvādaśākṣarī*²² unter dem Namen »Zwölf-Tafel« (*chang*), und bemerkt, dass auch zu seiner Zeit der Unterricht mit derselben begann. Nach dem der Tafel voranstehenden Maṅgala, *oṃ namaḥ siddham* »Oṃ Verehrung, Erfolg!« wird die *bārākhaḍī* in buddhistischen Werken auch *siddhavastu*²³ und jetzt *siddhamātṛkāmnāya* oder *siddhākṣarasamāmnāya* »das Siddha-Buch« oder »das Siddha-Alphabet« genannt.

c4.s1.8

Es ist somit ersichtlich, dass das volkstümliche Brāhma-Alphabet, wie die Tradition der Jaina behauptet, seit dem 3. Jahrhundert a. Chr. 46 Grundzeichen enthielt, und dass es, wie besonders »die Vocale« *ai*, *au*, *aṃ*, *aḥ* beweisen, zunächst für das Sanskrit bestimmt war. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass die Brahmanen schon damals besondere Zeichen für die liquiden Vocale in ihren Werken über Grammatik und Phonetik verwendeten. Die Bildung dieser Buchstaben weicht indess von der der übrigen Vocalzeichen ab, indem zuerst mittleres *ṛ*, *ṝ* und *ḷ* und später die Initialen entwickelt sind, während bei *a*, *ā* u. s. w. der Vorgang der umgekehrte war, und es existirt noch eine von den Chinesen aufbewahrte indische Tradition, der zufolge *ṛ*, *ṝ* und *ḷ* später erfunden sind (s. § 4 B und § 24 A. 6—7).

c4.s1.9

¹ B.IS. III, 22—34, vgl. Anecdota Oxon. Ary. Ser. I, 3, 67; B.ESIP 6; A. LUDWIG, Yavanānī, Sitz. Ber. Böhm. Ges. d. Wiss. 1893, IX, und die von BURNELL citirten Werke.

c4.s1.10

² SBE 23, 58 f.

c4.s1.11

³ SBE 23, 304.

c4.s1.12

⁴ Siyuki 1, 77, BEAL.

c4.s1.13

⁵ W.IS 16, 280, 399.

c4.s1.14

⁶ IA 6, 366, Pl.

c4.s1.15

⁷ MOORE, Hindu Pantheon, Pl. 1; As. Res. 1, 243.

c4.s1.16

⁸ BOR 1, 59.

c4.s1.17

⁹ Sansk. Text, p. 143 Calc. und chines. Übersetzung von 308 p. Chr.

c4.s1.18

¹⁰ India, 1, 171 f., SACHAU.

c4.s1.19

¹¹ loc. cit.

c4.s1.20

¹² BOR 1, 59.

c4.s1.21

¹³ Vgl. WZKM 9, 66.

c4.s1.22

¹⁴ EI 2, 323 ff.

c4.s1.23

¹⁵ MBh. 2, 220, KIELHORN.

c4.s1.24

¹⁶ HERODOT, VII, 65, 66.

c4.s1.25

¹⁷ B. V. HEAD, Cat. of Greek Coins: Attica, p. XXXI f., p. 25—27.

c4.s1.26

¹⁸ W.IS 16, 281.

c4.s1.27

¹⁹ C.MG p. 8, Pl. V, 3, XI.

c4.s1.28

²⁰ P. 145, Calc. ed.

c4.s1.29

²¹ Siyuki, 1, 77.

c4.s1.30

²² Siyuki, 1, 78.

c4.s1.31

²³ ST. JULIEN, Mémoires, 1, 72.

§ 2. Litterarische Zeugnisse für den Gebrauch der Schrift

c4.s2.1

A. Brahmanische Litteratur¹. — Unter den zur vedischen Litteratur gehörigen Werken bietet das Vāsiṣṭha Dharmaśūtra, das nach Kumārila (ca. 750 p. Chr.) ursprünglich einer Schule des Ṛgveda angehörte und jünger als das verlorene Mānava Dharmaśūtra, aber älter als die Manusaṃhitā ist², ein sicheres Zeugnis für den weitverbreiteten Gebrauch der Schrift während der »vedischen« Periode. Es nennt (XVI, 10, 14—15) schriftliche Documente als juristische Beweismittel, und das erste Sūtra ist ein Citat aus der Tradition oder einem älteren Werke. Sodann enthält Pāṇini's Grammatik, welche zu den Vedāṅga gehört, ausser dem erwähnten Worte *yavanānī* die Composita *lipikara* und *libikara* »Schreiber« (III, 2, 21), welche früher gegen die Autorität der Koṣa irrthümlich durch »Inschriftenmacher« übersetzt sind³. Neben diesen ganz vereinzelten sicheren Stellen kommen in der späteren vedischen Litteratur einige technische Ausdrücke vor, wie *akṣara*, *kāṇḍa*, *paṭala*, *grantha* u. a., die als Beweise für den Gebrauch der Schrift herbeigezogen sind. Dieselben sind indessen auch auf andere Weise gedeutet und können in der That sämtlich ohne Beziehung auf die Schrift gedeutet werden⁴. Ebensowenig sind die Argumente bis jetzt allgemein als beweiskräftig anerkannt, welche aus der hohen Entwickelung der Kultur, insbesondere des Handels und der Geldgeschäfte, während der »vedischen« Periode, aus der vollen Entwickelung der Prosa in den Brāhmaṇa, sowie aus der Sammlung, Anordnung, Zählung und Analyse der Vedentexte und den grammatischen, phonetischen und lexikalischen Untersuchungen in den Vedāṅga, für den frühen Gebrauch der Schrift und ihre Verwendung für litterarische Zwecke abgeleitet sind⁵. So wenig das Gewicht mehrerer derselben, insbesondere des ersten und des letzten, zu verkennen ist, so haben sie doch nicht vermocht, allgemeine Geltung zu erringen, wie das bei jedem *argumentum ex impossibili* der Fall sein wird, selbst wenn der Versuch gemacht wird, es durch genauere Specialuntersuchungen zu stützen, als bisher in diesem Falle geschehen ist.

c4.s2.2.1

Wenn die allgemeine Anerkennung dieser Punkte wohl noch längere Zeit auf sich warten lassen wird, so steht zu hoffen, dass der Gebrauch des *argumentum ex silentio*, der Schluss auf Nichtexistenz der Schrift aus ihrer Nichterwähnung, schon jetzt vollständig aufgegeben wird. Derselbe ist schon deshalb unberechtigt, weil der Inder selbst heutigen Tages trotz eines nachweislich sehr langen Gebrauches der Schrift, das geschriebene Wort geringer achtet als das gesprochene, seinen ganzen wissenschaftlichen und litterarischen Verkehr auf mündliche Mitteilung gründet und besonders in wissenschaftlichen Werken die Schrift und MSS. sehr selten erwähnt. Unbeschadet der Verehrung, welche den MSS. als *sarasvatīmukha* »dem Antlitze der Göttin der Rede« gebührt und zu Teil wird, existiren für den heutigen Inder die heiligen Schriften und alle Wissenschaften nur im Munde des Lehrers, dem gegenüber ein geschriebener Text keine Autorität besitzt, und können nur von einem Lehrer, nicht aus MSS., richtig gelernt werden. Noch heute wird bei dem Gelehrten nur die *mukhasthā vidyā* geschätzt, das dem Gedächtnis eingeprägte Wissen. Noch heute nimmt die gelehrte Discussion nur auf das lebendige Wort Rücksicht, und selbst die modernen Dichter wünschen nicht gelesen zu werden, sondern hoffen, dass ihre Poesien ein »Schmuck für die Kehlen der Kenner« (*satāṃ kaṇṭhabhūṣaṇa*) werden mögen. Dieses Verhältnis ist, so weit unsere Beobachtung reicht, in der Vorzeit stets dasselbe gewesen.

c4.s2.2.2

Sein letzter Grund dürfte darin liegen, dass die Anfänge der indischen Wissenschaft, wie die der Poesie, in eine Zeit zurückgehen, in der die Schrift unbekannt war und dass ein System der mündlichen Überlieferung, dessen Spuren sich schon im Ṛgveda finden, vor der Einführung der Schrift fest ausgebildet war. Zahlreiche Spuren des Gebrauches der Schrift oder Erwähnungen derselben sind deshalb in den Werken der Priester- und Gelehrten-Schulen nicht zu erwarten. Es liegt aber natürlich kein Grund vor anzunehmen, dass nicht trotzdem, selbst in der »vedischen« Zeit, MSS. wie jetzt als nebensächliche Hilfsmittel beim Unterricht und sonst gebraucht wurden. Man kann auch die unleugbare Thatsache, dass die *brāhmī lipi* von Phonetikern oder Grammatikern ausgebildet ist, als ein Argument für eine solche Vermutung anführen⁶. Alle diejenigen brahmanischen Werke dagegen, welche, wie die Epen, Puranen, Kāvya, Dramen u. s. w. das wirkliche Leben schildern, oder wie die metrischen Rechtsbücher nicht blos den *dharma*, das heilige Recht, sondern auch den *vyavahāra*, das bürgerliche und Strafrecht, ausführlich lehren, oder wie das Nāṭya-, Nīti- und Kāmaśāstra rein weltliche Gegenstände behandeln, enthalten zahlreiche Erwähnungen der Schrift und schriftlicher Documente aller Art, sowie Zeugnisse für das Vorkommen von MSS. litterarischer Werke.

c4.s2.2.3

Mit Ausnahme der beiden Epen kann man jedoch von keinem der erhaltenen Werke dieser Classen annehmen, dass es vor die Zeit zurückgeht, aus welcher die ältesten indischen Inschriften stammen, und selbst die Zeugnisse der Epen können angefochten werden, da der Text derselben im Einzelnen keineswegs für ein hohes Alter gesichert ist. Für das Rāmāyaṇa hat JACOBI jetzt durch die Abweichungen der verschiedenen Recensionen nachgewiesen, dass der grössere Teil seiner Verse dem ursprünglichen Bestande nicht angehörte⁷. Der Text des Mahābhārata weist zwar, so viel bekannt ist, in den MSS. keine ähnlichen Verschiedenheiten auf, aber eine volle Beglaubigung für die Existenz der Mehrzahl der einzelnen Capitel kann man erst für das 11. Jahrh. p. Chr. liefern⁸. Wenn demnach die Angaben der Epen nur unter Vorbehalt gebraucht werden können, so kann man denselben doch eine bedeutende Altertümlichkeit nicht absprechen. Die Epen gebrauchen, wie der Kanon der alten Buddhisten⁹, für »schreiben, Schrift und Schreiber« nur die alten Ausdrücke *likh*, *lekha* und *lekhaka*, nicht das wahrscheinlich fremde *lipi*. Die wichtigsten Stellen aus den Epen über den Gebrauch der Schrift finden sich in BRW unter den angegebenen Wörtern und unter *lekhana*, vgl. J. DAHLMANN, Mahābh. 185 f. Betreffs der Schrift bei MANU s. den Index in SBE 25 unter »Documents« und über die in den späteren Smṛti erwähnten Urkunden diesen Grundriss, Bd. II, 8, Recht und Sitte, § 35.

c4.s2.2.4

Eine interessante Zusammenstellung von Angaben über MSS. in den Puranen findet sich bei Hemādri, Dānakhaṇḍa, Adhy. 7, p. 544 ff. (Bibl. Ind.). Im Kāmasūtra I, 3, p. 33 wird *pustakavācana*, das Lesen von MSS., unter den 64 Kalā aufgeführt.

c4.s2.3

*B. Die buddhistische Litteratur*¹⁰. — Bedeutend wichtiger als die Zeugnisse der Brāhmaṇen sind die des ceilonesischen Tripiṭaka, welches zahlreiche Stellen enthält, die nicht blos eine Bekanntschaft mit der Schrift, sondern auch den ausgedehnten Gebrauch derselben zur Zeit der Abfassung des buddhistischen Kanon klar bezeugen. *Lekhā*, die Schrift, und *lekhaka*, Schreiber, werden im Bhikkhu-Pācittiya 2, 2 und im Bhikkhunī-Pācittiya 49, erwähnt, und das erstere Werk preist die Schrift als einen ausgezeichneten Zweig des Wissens, der überall hochgehalten wird. Die Jātaka erwähnen wiederholt¹¹ Privatbriefe, sowie officielle Sendschreiben¹². Sie kennen ferner königliche Proclamationen¹³, von denen der Mahāvagga I, 43 gleichfalls ein Beispiel liefert, und sie sprechen von der Aufzeichnung wichtiger Familienangelegenheiten oder wertvoller Lehren der Moral und Regierungskunst auf goldenen Platten¹⁴. Einmal¹⁵ erwähnen sie auch *iṇapaṇṇāni*, Schuldbriefe. Ein Buchstabenspiel, *akkharikā*, kommt wiederholt im Vinayapiṭaka und den Nikāya vor¹⁶, das nach Buddhaghoṣa darin bestand, dass man Buchstaben in der Luft las. Der Pārājika-Abschnitt (3, 4, 4) des Vinayapiṭaka verbietet den buddhistischen Mönchen, Vorschriften »einzuschneiden«, welche angeben, wie man durch bestimmte Arten des Selbstmordes den Himmel oder Reichtum und Ruhm im nächsten Leben erlangen kann. Hieraus folgt zunächst, dass die Asketen der vorbuddhistischen Zeit ihren Laien-Hörern auf Bambus- oder Holztäfelchen eingeschnittene Anweisungen zu dem bei den alten Brāhmaṇen und Jaina so beliebten religiösen Selbstmorde zu geben pflegten, sowie weiter, dass die Bekanntschaft mit der Schrift weit verbreitet war.

c4.s2.4

Endlich bezeugen Jātaka I, 451 und Mahāvagga I, 49¹⁷ die Existenz von Schreibschulen mit einer Methode des Unterrichts und einem Lehrcursus, welche den noch heute gebräuchlichen sehr ähnlich sind. Die erste Stelle erwähnt die hölzerne Schreibtafel (*phalaka*), die auch im Lalitavistara¹⁸ nebst dem *varṇaka* oder Schreibstifte und bei Berūnī¹⁹ vorkommt und noch jetzt in den indischen Elementarschulen gebraucht wird. Die zweite Stelle im Mahāvagga erwähnt die Gegenstände des Elementarunterrichts, *lekhā*, *gaṇanā* und *rūpa*, die nach der Hāthīgumphā-Inschrift vom Jahre 165 der Maurya-Aera auch der König Khāravela von Kaliṅga in seiner Jugend erlernte²⁰. *Lekhā* bedeutet »Schreiben«, *gaṇanā* »Rechnen«, d. h. Addition, Subtraction und das *aṅka*, jetzt *āṁk* genannte Einmaleins, und *rūpa*, wörtlich »Formen«, entspricht der angewandten Arithmetik, den Münz-, Zins- und Lohnrechnungen nebst der elementaren Messkunst. Diese drei Gegenstände des Unterrichts bilden noch jetzt das Trivium der *gāṁṭī niśāl*, *pāṭhśālā*, *lehsaḍ* oder *ṭoll* genannten einheimischen Schulen Indiens.

c4.s2.5

Diese unzweideutigen Angaben des ceilonesischen Kanon sind jedenfalls für die Periode von 500—400 a. Chr. beweiskräftig, vielleicht auch noch für das 6. Jahrhundert²¹. Ihre Altertümlichkeit ergibt sich auch daraus, dass alle für »schreiben, Schrift und Schreiber« gebrauchten Ausdrücke, *chindati*, *likhati*, *lekha*, *lekhaka*, *akkhara*, sowie die erwähnten Schreibmaterialien, Holz oder Bambus, *paṇṇa* oder Blätter, und *suvaṇṇapaṭṭa*, Goldplatten, auf die älteste Schreibmethode, das Einritzen der Zeichen in harte Gegenstände, hinweisen. Jede Spur des Gebrauches von Tinte fehlt, trotzdem dass derselbe, wie die Angabe des Nearchos über ἐν σινδόσι λίαν κεκροτημέναις geschriebene Briefe²² andeutet, schon im 4. Jahrh. a. Chr. vorgekommen sein muss, und dass eine Inschrift mit Tinte auf der inneren Seite des Deckels zu dem Reliquiengefässe aus dem Stūpa Nr. III zu Andher vorhanden ist²³, die vielleicht noch dem 3. Jahrh. a. Chr. angehört. Ebenso fehlen, wie in den Epen, die Wörter *lipi*, *libi*, *dipi*, *dipati*, *dipapati*, *lipikara* und *libikara* für »Schrift oder Inschrift«, »schreiben« und »Schreiber«, von denen die ersten sechs in den A. Ed., die letzteren beiden bei Pāṇini vorkommen. *Dipi* und *lipi* gehen wahrscheinlich zunächst auf das altpersische *dipi* zurück, welches erst nach der Eroberung des Panjab durch die Achaemeniden um 500 a. Chr. nach Indien gekommen sein kann und später zu *lipi* verändert wurde²⁴.

c4.s2.6

²¹ Oldenberg, Vinayapit., 1, XXXIV ff.; M. Müller, SBE, 10, XXIX ff.; B.IS, III, 15 ff.

c4.s2.7

²² Strabo XV. 717.

c4.s2.8

²³ Cunningham, Bhilsa Topes, p. 349, Pl. 30, 6.

c4.s2.9

²⁴ Westergaard, Zwei Abhandl. 33, B.ESIP 2, 5, Note 2.

c4.s2.10

C. Fremde Werke. — Auf die Zeit vor Aśoka bezieht sich ausser der angeführten Angabe des Nearchos über den Gebrauch der Schrift bei den Indern noch das Fragment 36 a des Megasthenes²⁵, in dem von Meilensteinen die Rede ist, welche die Ruheplätze abseits des Weges und die Entfernungen anzeigten. An einer anderen oft besprochenen Stelle²⁶ sagt Megasthenes zur Erklärung des indischen Brauches nach ungeschriebenen Gesetzen Recht zu sprechen, dass die Inder keine γράμματα kennten und alles ἀπὸ μνήμης erledigten. Diese Angabe wird nach der jetzt gewöhnlichen Ansicht dadurch veranlasst sein, dass Megasthenes dem von seinen Gewährsmännern gebrauchten Ausdruck *smṛti* seine erste Bedeutung μνήμη »Erinnerung« beilegte, während jene darunter die *smṛti* genannte heilige Tradition über das Recht oder die Rechtsbücher verstanden, welche nach indischen Grundsätzen nur mündlich durch einen Rechtskundigen interpretirt werden können.

c4.s2.11

²⁵ C. Müller, Fragm. Hist. Graec. 2, 430.

c4.s2.12

²⁶ Fr. 27, op. cit. 421 f., vgl. Schwanbeck, Megasthenes, p. 50, n. 48; M.M.HASL, 515. B.ESIP 2, p. 1; I.IA 2, II, 724; Weber, Ind. Skizzen, 131 f.

c4.s2.13

Zu den Zeugnissen, die sich auf die älteste Zeit beziehen, gehört auch die Angabe des Curtius, nach welcher die Inder auf Baumbast schrieben²⁷.

c4.s2.14

¹ B.IS III, 5 f.; M.M.HASL 497 ff.; I.IA 2, 1, 1009 ff.; B.ESIP 2, 1 ff.; Weber, Ind. Streifen 3, 348.

c4.s2.15

² SBE 14, XVII ff.

c4.s2.16

³ M.M.RV 2, 4, p. LXXII.

c4.s2.17

⁴ M.M.-HASL 521, Goldstücker, Mānava Kalpasūtra, Intr. p. 14 ff.; W.IS 5, 16 ff., M.M.RV 2, vol. 4. LXXII ff.

c4.s2.18

⁵ Whitney, Or. and Ling. St. 82; J.AOS 6, 563; Benfey, ZDMG 11, 347; Böhtlingk, Bull. Pet. Akad. 1859, 347. Pischel und Geldner, Vedische Studien, XXIII, XXVI; J. Dahlmann, D. Mahabh. 185, dagegen M. Müller, RV 4, 1. cit., Weber, IS, 5, l. cit.

c4.s2.19

⁶ S. u. S. 18.

c4.s2.20

⁷ Jacobi, Das Rāmāyaṇa, p. 3 ff.

c4.s2.21

⁸ Kirste in B.IS II, 27 ff.

c4.s2.22

⁹ S. u. S. 5.

c4.s2.23

¹⁰ B.IS III, 7—15; Oldenberg, SBE, 13, XXXII ff.; D’Alwis, Introd. to Kaccayana’s Grammar, XXVI, CXV f., 73—101, Weber, Ind. Str. 2, 337 ff.

c4.s2.24

¹¹ Fausböll, J. 1, 451, 4, 169, 5, 458.

c4.s2.25

¹² J. 2, 89, 173; 3, 4.

c4.s2.26

¹³ J. 4, 257.

c4.s2.27

¹⁴ J. 2, 371; 381; 4, 7; 5, 59, 125.

c4.s2.28

¹⁵ J. 4, 256.

c4.s2.29

¹⁶ Cullavagga 1, 13, 2, Brahmajāla-Sutta 1, 14, vgl. Sumaṅgala-vilāsinī, p. 86.

c4.s2.30

¹⁷ Wiederholt im Bhikkhu-Pācittiya 65, 1.

c4.s2.31

¹⁸ P. 143, vgl. BOR 1, 59.

c4.s2.32

¹⁹ India 1, 182, Sachau.

c4.s2.33

²⁰ Actes VI. Congrès Int. Or. 3, 2, 154.

c4.s2.34

²⁷ Hist. Alex. VIII, 9, vgl. C. Müller, l. cit., M.M.HASL, 515. [^1] B.IS III, 33—54. — [^2] B.ASWI No. 10, p. 39. — [^3] C.MG, Pl. 10, 2. — [^4] S. u. § 16, C. — [^5] S. u. § 16, B. — [^6] S. u. § 4, A. — [^7] Vgl. B.IS III, 39 f. und unten § 16, C. — [^8] S. u. § 16, C. — [^9] S. u. § 16 D. — [^10] B.ASRSI I, 115. — [^11] C.CAI, Pl. II, 18; Taf. II, C. I. — [^12] Wenn nach C.CMI, 27, worauf mich A. V. Smith aufmerksam macht, auch einige Münzen des Mihirakula linksläufige Legenden zeigen, so wird das dem Einflusse der sassanidischen Münzen zuzuschreiben sein, die M. copirt. — [^13] Tafel II, C. XIII—XVII. — [^14] C.CAI, 38 f. — [^15] C.CAI, Pl. 2—3. — [^16] WZKM, 9, 65. — [^17] S. u. § 8. — [^18] S. u. § 9, B. 4.

c4.s2.35

§ 3. Die paläographischen Zeugnisse¹. — Mit den litterarischen Zeugnissen, die den weit verbreiteten Gebrauch der Schrift für das 5. Jahrhundert, ja vielleicht noch für das 6. feststellen, stimmen die Ergebnisse der paläographischen Untersuchung der ältesten Inschriften vollständig überein. Die Charactere der A. Ed., welche zunächst ins Auge zu fassen sind, beweisen ganz deutlich, dass die Schrift im 3. Jahrh. a. Chr. keine neue Erfindung war. Die Edicte sind nicht in einem einheitlichen Alphabete geschrieben. Alle Buchstaben, mit Ausnahme von *U*, *jha*, *ña*, *ṇa*, *ṭha*, *ṇa*, *tha* und *na*, haben mehrere oft stark abweichende Formen, die teils local geschieden, teils cursiv sind. Die Zahl der Varianten steigt mitunter bis zu neun oder zehn. So bietet z. B. T. II. 1—2. II—XII für *A*—*Ā* neun Formen, von denen die acht wichtigsten hier neben einander gestellt werden mögen.

c4.s2.37

Das erste Zeichen hat mit dem letzten kaum mehr eine Ähnlichkeit. Die Reihenfolge zeigt dagegen ihre Zusammengehörigkeit und Entwickelung sehr deutlich. Die ersten sieben verdanken ihre Entstehung teils einer Vorliebe für Winkel und teils einer Vorliebe für Curven — widersprechenden Neigungen, welche in der Bildung der Formen anderer Buchstaben der Taf. II, wie *gha*, *ḍa*, *ḍa*, *la* u. s. w., zum Ausdruck kommen. Die Zeichen 1—3 sind durch die erste Neigung entstanden, 6—7 durch die letztere. Nr. 4—5 zeigen den Übergang vom Winkel zur Curve und Nr. 8 ist cursiv aus Nr. 6 gebildet. Diese acht Zeichen finden sich keineswegs in allen Versionen der A. Ed., sondern sind folgendermassen local verteilt. Die winkligen Formen, 1—3, kommen nur im Süden, in Girnār, Siddapur, Dhauli und Jaugada, neben Nr. 4—7 vor, wobei zu beachten ist, dass die letzteren in Girnār und Siddapur in der Minorität, in Dhauli und Jaugada dagegen in der Majorität sind. In den Versionen nördlich von der Narmadā oder dem Vindhya erscheinen meist nur Nr. 4—7, in Kālsi aber daneben häufig Nr. 8, wie auch selten in Rāmpūrva. Für *A*—*Ā* scheint demnach eine specifisch südliche Form vorhanden zu sein, die zugleich die unzweifelhaft ältere ist. Dieser Schluss wird durch die nächst verwandten Inschriften bestätigt. Die Reliquiengefässe von Kolhapur² und Bhaṭṭiprolu, T. II. C. XIII—XVI, die älteste Andhra-Inschrift vom Nānāghāt, T. II. C. XXIII—IV, zeigen wieder winklige *A*—*Ā*, sei es ausschliesslich, sei es zusammen mit den Mischformen, während die zahlreichen Inschriften weiter nördlich auf den Stūpa von Sānci und Bharahut, T. II. C. XVIII—XX, auf den Münzen des Agathokles und in der Nāgārjunī-Höhle, T. II. C. XVII, nur Rundformen oder gemischte bieten. Eine Ausnahme in Mahābodhi-Gayā³ erklärt sich wohl dadurch, dass auch Pilger aus dem Süden an dem berühmten Wallfahrtsort ihre Schenkungen verewigten. Ähnliche Unterschiede zwischen nördlichen und südlichen Formen kann man bei *kha*, *ja*, *ma*, *ra* und *sa* beobachten⁴, und dieselben fallen um so mehr ins Gewicht, da die Umstände, unter denen die Edicte eingemeisselt wurden, dem Gebrauche von Localformen ungünstig waren⁵. Die Existenz von Localformen deutet aber stets auf einen langen Gebrauch des Alphabetes, in dem sie nachweisbar ist.

c4.s2.38

Ebenso bedeutsam ist das Vorkommen von anscheinend oder wirklich weiter entwickelten und cursiven Typen, die zum grossen Teile in den späteren Inschriften constant sind oder doch wieder auftreten. Die nachstehende Eindruckstafel enthält in den mit *A* bezeichneten Zeilen eine Zusammenstellung der wichtigsten modern aussehenden Formen der Grundzeichen aus den A. Ed. und in den mit *B* bezeichneten Zeilen die entsprechenden aus späteren Inschriften.

c4.s2.40

Vier unter denselben, Nr. 2, 7, 10, 21, sind, wie sich später zeigen wird⁶, in Wirklichkeit archaisch, die übrigen dagegen teils secundäre, teils tertiäre Cursivformen. Zu den letzteren gehören insbesondere Nr. 4, 8, 11, 15, 19.

c4.s2.41

Unter den Buchstaben aus den späteren Inschriften in *Z. B.* finden sich Nr. 9, 11, 12, 19 zuerst in den Inschriften (der Nāgārjunī-Höhlen) des Grosssohnes des Aśoka, Daśaratha, Nr. 2, 6—8, 10, 13—16, 21 zuerst in Khāravela's Inschrift von Hathigumphā und den ältesten Andhra-Inschriften von Nasik, Nr. 1, und Nānāghāt, sowie in der ältesten Mathurā-Inschr., die sämtlich der Periode von ca. 170—150 a. Chr. angehören, und Nr. 1, 3, 22 zuerst in den späteren Kuṣana-Inschriften von Mathurā und in den Andhra- und Ābhīra-Inschriften von Nasik des 1.—2. Jahrh. p. Chr. Sporadisch erscheint auch das sogenannte *Serif*, die kurze Begrenzungslinie oder Verdickung am oberen Ende der Verticalstriche, welche für die späteren Alphabete so charakteristisch und folgenreich wird⁷. Häufig finden sich die in den späteren Inschriften gebräuchlichen, aufwärts gebogenen *ā*- und *e*-Striche, das cursive runde *i*, sowie seltener der spätere gerade *o*-Strich, und einmal ein *o* mit der Schlinge⁸. Endlich steht der Anusvāra mitunter, wie später, über dem Buchstaben, nach dem er gesprochen wird⁹.

c4.s2.42

Die Existenz von localen Varianten, sowie von sehr zahlreichen cursiven Nebenformen beweist auf jeden Fall, dass die Schrift der Edicte eine lange Geschichte gehabt haben muss und dass sie sich in einem Übergangsstadium befindet. Möglicherweise ist der häufige Gebrauche von späteren Cursivformen dadurch zu erklären, dass zur Zeit Aśoka's verschiedene, teils altertümlichere, teils weiter entwickelte Alphabete im Gebrauch waren, und dass die Schreiber (wie in späteren Inschriften auch geschieht) aus Nachlässigkeit die Lapidarschrift mit den ihnen geläufigeren Cursivzeichen vermischten. Hiefür kann man die oben, S. 1, besprochene Überlieferung aus dem Dṛṣṭivāda verwerten, der zufolge schon in früher Zeit eine grössere Anzahl von Alphabeten in Indien gebraucht oder bekannt war. Die Vermutung, dass ein oder mehrere stark cursive Schriftarten schon im 3. Jahrhundert existirten, würde zur Gewissheit werden, wenn es sich nachweisen liesse, dass das Wort *seto* »der weisse (*Elephant*)«, welches in Dhauli am Ende von Edict VI zur Erklärung des über der Mittelcolumne stehenden Reliefs nachgetragen ist, zugleich mit den vorstehenden Edicten eingemeisselt wurde. *Seto* zeigt die Typen, welche in den Kuṣana- und Gupta-Inschriften erscheinen¹⁰. Obschon es schwer verständlich ist, wie man später dazu gekommen sein sollte, die Erklärung des Reliefs nachzutragen und bei der Nachfügung genau die Linie der Buchstaben des Edicts einzuhalten, so bleibt doch die Möglichkeit der letzteren Annahme nicht ausgeschlossen.

c4.s2.43

Einen Beitrag zu der Vorgeschichte der ältesten Brāhmī liefert die Münze von Eran¹¹, deren Legende linksläufig ist. Dieselbe zeigt das alte *sa* mit dem geraden Seitenstriche, aber das spätere *ma* mit rundem Aufsatze und ein nach links gedrehtes *dha*. Sie stammt deshalb wahrscheinlich aus der Zeit, als die Brāhmī sowohl von rechts nach links, als auch umgekehrt geschrieben wurde. Selbst wenn man in Betracht zieht, dass altertümliche Normen und Formen sich auf Münzen oft sehr lange erhalten, wird man Cunningham (op. cit. 101) beistimmen müssen, der die Münze für älter als die Periode der Maurya-Dynastie hält, und, wenn nicht ca. 400 a. Chr., so doch die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts, als die Zeit ihrer Prägung anzusetzen haben. Der Maurya-Periode liegt die Zeit der Boustrophedon-Schrift wahrscheinlich etwas voraus, da die Edicte nur in dem scheinbar umgedrehten *O* von Jaugada und Dhauli und dem sporadisch vorkommenden *dha* von Jaugada und Delhi-Sivalik schwache Spuren der einstigen Richtung nach links aufweisen. Hier sind auch die beiden Siegel aus Patna zu erwähnen, die beide älter als die Zeit der Maurya sein werden, C.ASR, 15, Pl. 3, 1—2. Das erste mit der Inschrift *Nadaya* für *Naṃdāya* »(Siegel) der Nandā« zeigt *da*, und das zweite mit der Inschrift *Agapalasa* für *Aṁgapâlassa* »(S.) des Aṅgapāla«, zeigt *A* in der Stellung der linksläufigen Schrift. Bedeutend wichtigere Aufschlüsse über die Vorgeschichte der Brāhmī liefert das schon erwähnte Drāviḍa-Alphabet der Reliquiengefässe von Bhaṭṭiprolu¹³. Dasselbe enthält neben vielen Buchstaben, die mit den südlichen Typen der A. Ed. stimmen, 1) drei Zeichen *dh*, *d* und *bh* in der ursprünglichen Stellung der linksläufigen Schrift, 2) drei Zeichen, *c*, *j* und *ṣ*, die älter als die entsprechenden der A. Ed. und der Münze von Eran sind, und 3) zwei Zeichen, *l* und *ḷ*, die von den gewöhnlichen Buchstaben unabhängig und aus einer älteren Vorlage abgeleitet sind. Endlich 4) hat es eines der alten Grundzeichen, *gha* ausgeworfen und durch eine Neubildung aus *ga* ersetzt. Die Gründe für die Behauptungen unter 2—3 sind in dem nächsten Paragraphen genauer angegeben. Sind die Behauptungen selbst aber richtig, so ist die Folgerung unabweislich, dass (was immer das Alter der Inschriften sein mag) das Drāviḍa-Alphabet sich lange vor der Zeit der Prägung der Eran-Münze, also spätestens im 5. Jahrh. a. Chr vom Hauptstamme der *brāhmī lipi* abgetrennt haben muss.

c4.s2.44

Hiemit kommen wir in die Periode, für welche der ceilonesische Kanon der Buddhisten den allgemeinen Gebrauch der Schrift in Indien bezeugt, ohne jedoch den Namen des verwendeten Alphabetes zu nennen. Es liegt deshalb nahe, zu vermuten, dass die den alten Buddhisten bekannte Schrift eine Form der Brāhmī gewesen sei, und für diese Ansicht sprechen noch einige andere Thatsachen. Zunächst hat es sich jetzt herausgestellt, dass die Brāhmī auch in der ältesten Zeit selbst im Nordwesten von Indien allgemein gebraucht wurde und dass sie von jeher in der That die eigentliche nationale Schrift aller Inder war¹⁴. In den Ruinen von Taxila, jetzt Shah-Deri im Panjab sind Münzen gefunden, welche nach dem alten indischen Münzfusse geprägt sind, und von denen einige die ältesten Formen der Kharoṣṭhī, die Mehrzahl aber die ältesten Typen der Brāhmī (teils allein, teils in Verbindung mit Kharoṣṭhī) zeigen¹⁵. Dieselben sind deshalb keinesfalls jünger als das 3. Jahrh. a. Chr. Vielleicht stammen sie sogar, wie Cunningham meint, aus bedeutend älterer Zeit, ca. 400 a. Chr. Eine Anzahl derselben ist sicher von *negamā* oder Gilden der *Dojaka* oder *Dujaka*, der *Tālimata* und der *Atakatakā* (?) geprägt, während eine mit der Inschrift *Vaṭasvaka* wahrscheinlich von der nach dem *vaṭa*, Ficus religiosa, benannten Unterabteilung des Stammes der *Aśvaka* (*Assakenoi*) herrührt. Diese Funde beweisen, dass die Brāhmī wenigstens schon im 3. Jahrh. a. Chr. im Panjab neben der Kharoṣṭhī im volkstümlichen Gebrauche war. Für eine noch frühere Zeit wird dasselbe Verhältnis der beiden Alphabete erwiesen durch Rapson's Entdeckung von persischen *Sigloi*, welche teils Buchstaben der Kharoṣṭhī, teils der Brāhmī tragen¹⁶. Diese Münzen sind wahrscheinlich noch zur Zeit der Achämeniden-Herrschaft über das Panjab, also vor 331 a. Chr., im Umlauf gewesen.

c4.s2.45

Sodann wird Taylor's Ansicht immer wahrscheinlicher, der zufolge die Kharoṣṭhī erst nach der Eroberung des Panjab durch die Achämeniden, welche um 500 a. Chr. stattfand, aus den späteren aramäischen Zeichen entwickelt ist¹⁷. Und es wird immer schwieriger, die von A. Weber, E. Thomas und A. Cunningham ausgesprochene Vermutung abzuweisen, dass die Principien der schon entwickelten Brāhmī für die Ausbildung der Kharoṣṭhī benutzt sind¹⁸. Die Kharoṣṭhī ist nach dem, was bis jetzt bekannt ist, neben der Brāhmī das einzige Alphabet, auf welches sich die Angaben der Buddhisten beziehen könnten. Da die Kharoṣṭhī selbst in Gandhāra nur eine secundäre Schriftgattung ist, deren Entstehung erst in das 5. Jahrhundert fällt, so kann sie nicht gemeint sein, und die Brāhmī bleibt allein übrig.

§ 4. Der Ursprung des Brāhma-Alphabets

c4.s3.1

Cunningham's Ansicht, die früher von bedeutenden Forschern geteilt wurde, setzt den einstigen Gebrauch einer indischen Bilder- oder Hieroglyphenschrift voraus, von der bis jetzt keine Spur nachzuweisen ist. Dagegen weist die linksläufige Legende der Eran-Münze sowie die in den A. Ed. seltenere, in Bhaṭṭiprolu häufigere, scheinbare Umdrehung einzelner Zeichen auf den Punkt hin, in welchem sich die übrigen Erklärungsversuche begegnen, — nämlich darauf, dass semitische Zeichen die Vorbilder der Brāhma-Buchstaben sind.

c4.s3.2

Unter den Erklärungsversuchen dieser Art steht J. Halévy's an und für sich bedenkliche Theorie mit den oben besprochenen litterarischen und paläographischen Zeugnissen im Widerspruch, welche keinen Zweifel darüber lassen, dass die Brāhmī mehrere Jahrhunderte vor dem Anfange der Maurya-Periode allgemein gebraucht wurde und eine lange Geschichte gehabt hatte, sowie mit der Thatsache, dass unter den mit Inschriften versehenen Münzen eine grössere Anzahl älter als die Maurya-Periode ist. Schwieriger ist es, zwischen Weber's Ableitung aus dem ältesten nordsemitischen Alphabet und Deecke-Taylor's Ableitung aus einer alten südsemitischen Schrift die Wahl zu treffen. Weder die eine noch die andere kann als *a priori* unmöglich abgelehnt werden, da die Resultate der neueren Forschungen auch für das sabäische Alphabet ein sehr hohes Alter wahrscheinlich machen⁸ und darauf hindeuten, dass es nicht bloss älter ist als die ältesten indischen Inschriften, sondern auch zu einer Zeit existirte, aus der keine Zeugnisse über den Gebrauch der Schrift in Indien vorhanden sind. Nach diesen Ergebnissen stellt sich die Frage jedoch etwas anders als früher. Es handelt sich nicht mehr darum, ob die Brāhmī aus einem unbekannten Vorläufer des sabäischen Alphabetes abzuleiten ist, sondern um die directe Ableitung der indischen Zeichen aus den sabäischen Buchstaben. Bei allen Ableitungsversuchen sind besonders drei Grundsätze im Auge zu behalten, ohne welche eine befriedigende Lösung der Aufgabe nicht möglich ist.

c4.s3.3

1) Die Vergleichung der abzuleitenden Buchstaben muss von den ältesten Formen ausgehen und die Originale, von denen die Ableitung gemacht wird, müssen ein und derselben Periode der Schriftentwicklung angehören.

c4.s3.4

2) Die Vergleichung darf nur solche unregelmässige Verwendungen von Zeichen für andere Lautwerte voraussetzen, für die sich in anderen sichern Fällen der Entlehnung von Alphabeten Analogien nachweisen lassen.

c4.s3.5

3) Bei grösseren Abweichungen der abgeleiteten Formen von den Originalen müssen die Grundsätze nachgewiesen werden, nach denen die Verwandlungen gemacht sind.

c4.s3.6

Wendet man diese Grundsätze auf die Ableitung der Brāhmī aus semitischen Zeichen an, so passt das sabäische Alphabet, sowie seine vielleicht etwas altertümlichere Abart, das lihyanische oder thamudäische⁹, trotz der unleugbaren Ähnlichkeit im Ductus und in zwei oder drei Buchstaben durchaus nicht. Die in den Arbeiten DEECKE'S und TAYLOR'S vorgeschlagenen Ableitungen entsprechen den unerlässlichen Bedingungen nicht und es dürfte überhaupt nicht möglich sein, selbst wenn alle unrichtigen Gleichsetzungen beseitigt und überall die ältesten indischen Zeichen zur Vergleichung verwendet werden, befriedigende Resultate zu gewinnen. In mehreren Fällen, wie bei *A*—*Aleph*, *ga*—*Gimel*, *ja*--*Zain*, *tha*—*Teth*, *pa*—*Phe*, *kha*--*Qoph*, *Ra*—*Resch*, würde es nötig sein, anzunehmen, dass auf indischem Boden Rückbildungen aus den sabäischen Formen in ältere nordsemitische stattgefunden hätten, während es bei anderen nicht gelingen würde, zwischen den sehr verschiedenen Formen der indischen und sabäischen Zeichen eine Verbindung herzustellen. Dagegen fallen diese Schwierigkeiten bei der directen Ableitung der Brāhmī aus dem ältesten nordsemitischen Alphabete weg. Die wenigen unhaltbaren Gleichsetzungen, welche der frühere Versuch enthält, lassen sich mit Hülfe von neu aufgefundenen Formen beseitigen und es ist nicht schwierig, die Principien zu erkennen, nach denen die semitischen Zeichen in indische verwandelt sind.

c4.s3.7

Eine Betrachtung des alten indischen Alphabets in Tafel II zeigt folgende Eigentümlichkeiten:

c4.s3.8

1) Die Buchstaben sind so gerade wie möglich gestellt und mit wenigen Ausnahmen, bei *tha*, *ṭa* und *ba*, die nicht ganz constant sind, auf eine Grösse gebracht.

c4.s3.9

2) Die Mehrzahl besteht aus Verticallinien mit Anhängseln meist am Fusse, mitunter am Kopfe und am Fusse, oder selten in der Mitte; es findet sich aber kein Fall, in dem ein Anhängsel am Kopfe allein erscheint.

c4.s3.10

3) Am oberen Ende der Buchstaben erscheinen meist Verticalstriche, weniger häufig kurze Horizontalstriche, noch seltener Curven oder die Spitzen von nach unten offenen Winkeln, ganz ausnahmsweise, in *ma* und einer Form von *jha*, zwei nach oben gerichtete Linien. In keinem Falle zeigt der Kopf mehrere Winkel neben einander, Dreiecke oder Rundformen, von denen ein verticaler oder schräger Strich herabhängt.

c4.s3.11

Die Ursachen dieser characteristischen Merkmale der Brāhmī sind ein gewisser pedantischer Formalismus, wie er sich auch in anderen indischen Schöpfungen zeigt, ein Streben nach der Ausbildung von Zeichen, die sich für regelmässige Zeilen eignen, und eine Abneigung gegen Buchstaben, deren oberes Ende schwerer und breiter als das untere ist. Die letztere Eigentümlichkeit wird wahrscheinlich teils dadurch veranlasst sein, dass die Inder schon früh die Buchstaben von einer imaginären oder wirklich eingezeichneten Oberlinie herabhängen liessen¹⁰, und teils durch die Einführung der Vocalzeichen, die zum grössten Teile horizontal an die Spitze der Consonanten gesetzt werden.

c4.s3.12

Für eine solche Schrift waren natürlich Zeichen mit einfachen Verticallinien oder mit kurzen Horizontalstrichen am Kopfe die tauglichsten. Infolge dieser Neigungen und Abneigungen der Inder mussten die oft breiten oder vielwinkligen Köpfe der semitischen Zeichen beseitigt werden, was teils durch Umstürzung oder Seitwärtslegung der alten Buchstaben, teils durch Öffnung der geschlossenen Köpfe derselben bewerkstelligt wurde. Sodann wurden durch die Änderung in der Richtung der Schrift seitliche Umdrehungen notwendig.

c4.s3.13

Die Einzelheiten der Ableitung, für welche, ausser bei den sofort in die Augen springenden Ähnlichkeiten von *A*, *ga*, *dha*, *ha*, *va*, *ja*, *tha*, *la*, *E*, *pa*, *kha*, *ra*, *śa* und *ta* mit den semitischen Zeichen, nur ein grösserer oder geringerer Grad von Wahrscheinlichkeit in Anspruch genommen werden kann, veranschaulicht die nachstehende, von Mr. S. Pepper in Wien gezeichnete Eindruckstafel. Ihre Col. I—II mit den archaischen phönicischen Zeichen und denen der Mesainschrift sind Ph. Berger's Histoire de l'Écriture dans l'Antiquité, p. 185, 202 entnommen, während Col. III mit Ausnahme des *Taw* von Sindschirli, Nr. 22, C. IIIb, aus Euting's Tabula Scripturae Aramaicae, von 1892, und Col. IV—VI mit Ausnahme der durch Sternchen als hypothetisch bezeichneten Formen aus Tafel II dieses Grundrisses entlehnt sind. Über die einzelnen Zeichen sind folgende Bemerkungen hinzuzufügen.

c4.s3.14.1

A. Entlehnte Buchstaben. — Nr. 1, *A*, C. V. = *Aleph*, C. I—II (Weber zweifelnd), mit Versetzung des Verticalstriches an die Spitze des Winkels und Umdrehung des Zeichens, das auf dem Patna-Siegel, s. o. § 3 und T. II, 1, I, noch seine ursprüngliche Stellung hat. — Nr. 2, *ba*, C. V, a—c = *Beth*, C. I—II (WEBER), mit Öffnung des Kopfes, wodurch zunächst ein Z, wie das hypothetische in C. IV, dann der Rhombus, C. Va, und endlich das Quadrat oder Oblong, C. V, b—c, entstand. — Nr. 3, *ga*, C. V = *Gimel*, C. I—II (WEBER). — Nr. 4, *dha*, C. V, a—b = *Daleth*, C. I—II (WEBER), mit Rundung des Rückens (wofür die halbeckigen Formen, T. II, 26, XIX, XXIII und vielleicht die dreieckigen, T. III, 24, VII—XIII zeugen), mit oder ohne seitliche Drehung. Die nicht genaue lautliche Entsprechung dürfte durch eine lange Verwendung des Zeichens für *da* und *dha* zu erklären sein. — Nr. 5, *ha* = *He* (WEBER zweifelnd), indem wahrscheinlich die Siddapur-Form, C. V, a, durch Umstürzung und seitliche Drehung aus dem *He* in C. III, a (Mina des Salmanassar † 725 a. Chr.) abgeleitet ist. Das näherliegende *He* des 6. Jahrhunderts kann nicht als Prototyp, sondern nur als analoge semitische Weiterbildung angesehen werden, weil es in die Zeit fällt, als die Inder die Schrift schon besassen und weil viele Buchstaben des semitischen Alphabetes des 6.

c4.s3.14.2

Jahrhunderts, wie *Aleph*, *Daleth*, *Cheth*, *Theth*, *Wāw*, *Qoph*, so weit entwickelt sind, dass sie nicht die Prototypen der auf ältere Formen weisenden indischen Zeichen sein können. — Nr. 6, *va*, C. V, a—b = *Wāw*, C. II (WEBER zweifelnd) mit Umstürzung und Verschluss der Öffnung unten. — Nr 7, *ja* = *Zain*, C. I—II (WEBER); mit Verschiebung der beiden Barren entstand die Form der Drāviḍī, C. V, a, durch den Versuch, das Zeichen in einem Zuge zu machen, die der nördlichen Brāhmī, C. V, b, mit der Schleife, welche letztere infolge des Gebrauches der Tinte in einen Punkt verwandelt wurde, C. V, c, und durch den Versuch, mit zwei Ansätzen der Feder auszukommen, das in Girnar gewöhnliche *ja*, C. V, d. — Nr. 8, *gha*, C. V, a–b = *Cheth*, C. I–II (TAYLOR) mit Seitwärtslegung des semitischen Zeichens, C. IV (wozu die oft stark nach links geneigte Stellung desselben Anlass gab) und Verwandlung des oberen Deckstriches in einen Verticalstrich. — Nr. 9, *tha*, C. V = *Theth*, C. I (WEBER) mit Verwandlung des Kreuzes in einen Punkt wie in der assyrischen Form, C. III. — Nr. 10, *ya* = *Yod* (WEBER) mit Seitwärtslegung von C. I—II, etwa wie in C. III, Verlängerung des Mittelstriches und Aufwärtsdrehung des rechten Seitenstriches, woraus zunächst die Form von C. V, a und weiter die cursiven *ya* in C. V, b—c entstanden. — Nr. 11, *ka*, C. V, a = *Kaph*, mit Verwandlung des ursprünglichen oberen Schenkels des Winkels einer Form, wie die von C.

c4.s3.14.3

II, in die Spitze des Verticalstriches und nachfolgender Geradestellung des Buchstabens. — Nr. 12, *la* = *Lamed*, C. I—II (WEBER) ohne seitliche Drehung in dem durch eine Barre rechts differenzierten (s. u. B, 4, c) *ḷ* der Drāviḍī, C. VI, ohne Drehung und mit Begrenzungsstrich an der Curve rechts in der Eran-Form, C. IV, mit Drehung in der Form der A. Ed., C. V, a, und mit Drehung und Schweif oben rechts in dem *l* der Drāviḍī, C. V, b. — Nr. 13, *ma* = *Mem* (WEBER), unmittelbar aus C. II abgeleitet mit Verwandlung des gekrümmten Seitenstriches in eine Schleife, wie in der hypothetischen Form in C. IV (analog, EUTING, TSA, C. 58, a) und Aufsetzung des Winkels auf die Schleife, C. V, a (analog, EUTING, TSA, C. 59, c), woraus cursiv die Rundform in C. V, b später entwickelt wurde. — Nr. 14, *na*, C. V = *Nun* (TAYLOR) C. I—II mit Umstürzung, C. IV, und seitlicher Drehung, sowie Verwandlung des Hakens an der Seite in einen geraden Strich am Fusse des Verticals, wofür das *ṅa*, C. VI, a, zeugt, das aus dem hypothetischen Zeichen in C. IV durch die differenzirende Barre oben (s. u. B. 4, d) und Regularisirung des Hakens gebildet ist. — Nr. 15, *sa*—*ṣa* = *Samech* (WEBER zweifelnd), indem auf indischem Boden ein aus C. I, b mit Rundung des Kopfes gebildetes Zeichen, wie das hypothetische in C. IV, umgestürzt wurde und so das *ṣ* der Drāviḍī, C. V, entstand, das zuerst für *sa* und *ṣa* gebraucht wurde.

c4.s3.14.4

Dieses Zeichen wurde in der südlichen Brāhmī durch Versetzung des Querstriches an die Aussenseite der Curve in *sa* (C. VI, a Eran-Form ohne seitliche Drehung, C. VI, b südliche Brāhma-Form mit Drehung) und durch Versetzung des Querstriches in das Innere der Curve in *ṣa* (C. VI, c) geteilt, wozu die etymologische Verwandtschaft von Sanskrit *sa* und *ṣa* den Anstoss gab. In der Drāviḍī wurde nur das neue *s*, C. VI, b, aufgenommen, das alte Zeichen aber für *ṣ* bewahrt. Die nördliche Brāhmī entwickelte das *sa* mit der Curve, C. VI, d, und hieraus ein neues *ṣa*, C. VI, e. Eine unmittelbare Ableitung des *ṣ* der Drāviḍī aus dem aramäischen *Samech* des 6. Jahrhunderts ist teils aus den oben unter Nr. 5 angegebenen Gründen, teils wegen des Fehlens des Querstriches durch den Vertical nicht thunlich — Nr. 16, *E* = *'Ain*, C. I—II (Weber), gar nicht oder wenig verändert in den Kālsi-Formen, C. IV und C. V, b, sowie in der Form von Sānci und Hathīgumphā, C. V, a, dann dreieckig gemacht, C. V, c—e, um die Ähnlichkeit mit *tha* und *dha* zu vermeiden. — Nr. 17, *pa*, C. V = *Phe*, C. I—II (Weber), mit Umstürzung, ohne seitliche Drehung in der Eran-Form, C. IV, und mit Drehung in dem gewöhnlichen *pa* der A. Ed., C. V. — Nr. 18, *ca* = *Tsade*, C. I—II, mit Wendung des letzten Hakenstriches nach links gegen den Verticalstrich und Umstürzung, wie in der hypothetischen Form von C. IV, woraus mit seitlicher Drehung die eckigen oder runden Formen der Brāhmī, C.

c4.s3.14.5

V, a—b, und die geschwänzte der Drāviḍī, C. V, c, entstanden. — Nr. 19, *kha* = *Qoph*, C. I—II, mit Umstürzung und mit Anfügung einer Curve am oberen Ende des Verticalstriches, C. V, a, zur Unterscheidung von *va*. Beim Gebrauche von Tinte wurde der Kreis am Ende des Verticalstriches in einen Punkt, C. V, b, verwandelt. — Nr. 20, *ra* = *Resch* (Weber). Der Kopf des semitischen Zeichens, C. I—II, wurde geöffnet und der Verticalstrich an die Basis des ursprünglichen Dreiecks gehängt, wodurch die Formen in C. V, a—b, entstanden und weiterhin die ornamentalen mit Fortsetzung der winkligen Züge, C. V, c—d. — Nr. 21, *śa* = *Schin* (Weber), mit Zusammenschiebung der beiden neben einander stehenden Winkel von C. I—II und Umstürzung des so gebildeten Zeichens, C. V, a—c. Das anscheinend näherliegende aramäische Zeichen des 6. Jahrh. a. Chr. in C. III ist aus den unter Nr. 5 angegebenen Gründen nicht als Prototyp, sondern als analoge semitische Bildung zu betrachten, und es ist zu beachten, dass ähnliche unabhängige Umbildungen von *Schin* mit Doppelwinkel auch sonst unabhängig bei den Phöniciern und Äthiopen zu verschiedenen Zeiten gemacht sind. — Nr. 22, *ta* = *Taw* (Weber), aus einer Form, wie die von Sendschirli, C. III, b, oder die assyrische aus der Regierungszeit Salmanassar’s, C. III, a, ohne seitliche Drehung in C. V, a, oder mit Drehung in C. V, b. Hieraus ist das *ta* von C. V, c stilisirt.

c4.s3.16

B. Abgeleitete Consonanten und Initialvocale. — Die abgeleiteten, von den Indern selbst erfundenen Zeichen sind durch folgende Veränderungen der entlehnten Buchstaben gewonnen.

c4.s3.17

1) Eines der Elemente eines entlehnten Buchstaben wird verschoben: a) in *sa* und *ṣa*, wo der Querstrich des ältesten Zeichens, s. o. A, Nr. 15, umgestellt ist, b) in *da*, welches aus *dha* (Weber) durch Teilung des Verticalstriches und Verschiebung der beiden Stücke an die Enden der Curve gebildet wurde, wodurch das *da* des Patna-Siegels (s. o. § 3) und der Drāviḍī in Nr. 4, C. VI, a, dann mit seitlicher Drehung die Formen der Brāhmī von Nr. 4, C. VI, b und (mit eckiger Bildung) von Nr. 4, C. VI, f entstanden.

c4.s3.18

2) Ein entlehnter oder abgeleiteter Buchstabe wird verstümmelt, um ein Zeichen von ähnlichem Werte zu gewinnen: a) Aus *da*, Nr. 4, C. VI, a wird durch die Entfernung des unteren Endes das halbrunde *ḍa* der Kālsī-Version und der späteren südlichen Inschriften, C. VI, c, gebildet, ebenso aus dem nicht seitlich umgedrehten eckigen *da*, C. VI, g, das gewöhnliche eckige *ḍa*, C. VI, h, der A. Ed. (WEBER). b) Aus *tha*, Nr. 9, C. V wird *ṭha*, C. VI, a, durch Entfernung des Punktes im Centrum abgeleitet, und aus dem letzteren *ṭa*, C. VI, b, durch Halbīrung. Die Bildung des *ṭa* durch halbirtes *ṭha* wird dadurch veranlasst sein, dass die Aspiration häufig durch eine Curve ausgedrückt wird (s. u. 5). Das runde *ṭha* wurde deshalb als das Produkt eines unaspirirten Buchstabens und einer Aspirationscurve aufgefasst (WEBER). c) Aus dem dreieckigen *E*, Nr. 16, C. V, c—e, wurde das aus drei Punkten bestehende *I*, C. VI, B, a—c, gebildet, indem die Gestalt des älteren Zeichens durch die Punkte leicht angedeutet wurde (PRINSEP), wozu der Umstand beitrug, dass grammatisch *e* der Guṇavocal von *i* ist und deshalb eine leichtere Form des *E* zur Bezeichnung von *I* passend erschien. d) Durch Halbīrung des unteren Teiles von *va*, Nr. 6, C. V, b, wurde mit Regularisirung des am Fusse übrig bleibenden Striches das Zeichen für *U*, C. VI, a gewonnen, wozu die grammatische Thatsache, dass *u* in schwachen Formen häufig für *va* eintritt (*samprasāraṇa*), den Anstoss gab. e) Falls der später (Tafel IV, 38, VI) oft erscheinende kleine Kreis die ursprüngliche Form des Anusvāra, Nr. 13, C. VI, a—b, und der Punkt ein cursives Substitut dafür ist, so darf das Zeichen vielleicht als ein verstümmeltes kleines *ma*, C. V, a, angesehen werden, dessen oberer Winkel weggelassen ist. Ähnlich werden vocallose Consonanten während der ersten Jahrh. p. Chr. häufig durch kleine oben verstümmelte Zeichen ausgedrückt (s. Tafel III, 41, VIII), und es ist zu beachten, dass auch der Anusvāra der Kharoṣṭhī aus *ma* abgeleitet ist, s. § 9, B. 4.

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